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Cristina Baldasarre: Missbrauchsfälle in kompositorischen Sportarten – Wir brauchen für Wettkämpfe eine Altersgrenze und Elterncoaching

Die schlimmen Geschichten über psychischen Missbrauch im Kunstturnen nehmen kein Ende. Dabei ist erst die Spitze des Eisbergs zum Vorschein gekommen, denn alle kompositorischen Sportarten sind besonders gefährdet, da dort schon kleine Kinder in inakzeptable Druck-Situationen gelangen können. Ich bin sehr froh, dass dieses schreckliche Thema öffentlich diskutiert wird.

Zum Thema: Emotionaler Missbrauch im Kinderleistungssport

Immer wieder stellt sich die Frage nach Veränderungsmöglichkeiten. Das ist leider ein komplex verworrenes und in der Regel auch ein verbandspolitisches Thema. Hierzu gibt es nach meinem Empfinden nur eine zweigleisige Strategie, die irgendwann Besserung verspricht. Nämlich bottom up, also von Eltern und Athletinnen gemeinsam!

Als Grundlage und Voraussetzung müsste erstmal das Wettkampfalter für nationale und internationale Wettkämpfe auf 18 Jahre angehoben werden. Darüber hinaus bräuchte es flächendeckende Elterncoachings.

Cristina Baldasarre

Cristina Baldasarre

Sportarten: Kunstturnen, Eiskunstlaufen, Synchronschwimmen, Tanz, Unihockey, Fussball, Eishockey, Judo, Tennis, Bogenschiessen, Springreiten, Schiedsrichter und Trainer, Sporteltern

+41 79 434 09 57

c.baldasarre@die-sportpsychologen.ch

Mehr Infos: Zur Profilseite, zum Kompetenzzentrum mind2win.ch

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Ziele des Elterncoachings

Aus meiner Sicht sollten die Eltern bezüglich folgender Kernaspekte geschult werden:

  • Aufklärung über momentan herrschende Trainingssituationen
  • Aufzeigen von Zusammenhängen, was psychischer Missbrauch für gravierende Folgen auf das Leben, die Persönlichkeit und die physische Gesundheit hat
  • Erläuterungen zu rechtlichen Massnahmen, Rechte und Pflichten aller Beteiligten
  • Ermunterung, dass sich Eltern zusammen tun und gemeinsam Veränderungen anstreben
  • Sportpsychologische und therapeutische Unterstützung der Athletinnen mit dem Ziel der Stärkung der Persönlichkeit und Entwicklung des Selbstvertrauens. Um Möglichkeiten zu schaffen, gemeinsam als Athleten und Eltern hinzustehen und widrige Situationen anzusprechen und dagegen zu halten.

Wir von mind2win (zur Seite) und unsere Kolleginnen und Kollegen von Die Sportpsychologen (zur Übersicht) stehen für die Rechte der Kinder im Leistungssport ein und bieten Einzel- und Gruppen-Elterncoachings an.

Mehr zum Thema:

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Anne Lenz: Karriereübergänge im Sport – neue Chance vs. bedrohliches Neuland?!

André Schürrle beendet mit nur 29 Jahren seine Karriere. Die Entscheidung des Weltmeisters von 2014 verdient Respekt. Nicht Häme, wie sie nach dem Bekanntwerden der Vertragsauflösung von Schürrle bei Borussia Dortmund gerade im Netz die Runde machte. Vielmehr lohnt es sich, inspiriert durch dieses prominente Beispiel, mal genauer auf Karriereübergänge zu schauen – denn solche Veränderungen erlebt jeder Sportler. Von Kindesbeinen an. Zumal viele dieser Übergänge ungeplant entstehen. Richtig schwierig wird es oft am Ende, wenn Unterstützer und die nötige Vorbereitung fehlen. 

Zum Thema: Über den Umgang mit neuen Herausforderungen und Veränderungen im Verlauf der sportlichen Karriere

Die Karriere“ gibt es nicht. Jeder Sportler hat seine eigenen Etappen, Meilensteine und Erfolge. Dennoch kann eine Sportkarriere vereinfacht in vier Phasen unterteilt werden:

  • Karrierebeginn
  • Karriereentwicklung
  • Meisterschaft
  • Nachkarriere

Bei diesem Phasenmodell nach John Salmela (1994) sei jedoch darauf hinzuweisen, dass die einzelnen Phasen je nach Sportler eine unterschiedliche Dauer haben können und ebenfalls in unterschiedlichen Altersklassen erlebt werden können. Karriereübergange können genau die Übergänge zwischen den einzelnen Karrierephasen sein (siehe oben, z.B. von Karrierebeginn zu Karriereentwicklung). Es können jedoch auch innerhalb dieser einzelnen Phasen Karriereübergänge vorkommen.

Schwieriges Ende

Jeder Sportler ist mit dieser Problematik konfrontiert. Denn schon der Wechsel in eine andere sportliche Altersklasse oder eine andere Wettkampfklasse/Liga stellt einen Übergang dar. Auf Ebene des Profi-Sports werden solche Wechsel in vielerlei Hinsicht komplexer. Von Sportlern wird der Übergang von der Meisterschaftsphase zur Nachkarriere, dem Karriereende, oftmals als am Anspruchsvollsten eingeordnet.

Alle Karriereübergange haben aus sportpsychologischer Sicht eine Sache gemeinsam: Der Sportler wird vor neue Herausforderungen gestellt. Er befindet sich in einer ihm unbekannten und neuen Situation. Hinzu kommt, dass bei vielen Karriereübergangen sich auch das gewohnte sportliche Umfeld, also Team, Trainer und sportliche Ansprechpartner, ändern. Alle Sportler erleben ihre individuellen Karrierübergänge ganz unterschiedlich. Während für den einen neue Chancen warten, empfindet der andere viel Unsicherheit im Neuland. Entscheidend für diese Wahrnehmung scheinen zwei Faktoren: die Unterstützer und die Vorbereitung. 

Die Unterstützer

Die wertvollsten Unterstützer eines Karriereübergangs sind vertraute Menschen, die in beiden Abschnitten dem Sportler zur Verfügung stehen. Hier sind sportliche wie private Wegbegleiter gefragt, die für den Sportler in der gewohnten, alten, sowie in der neuen Situation erreichbar sind. Das können gute Freunde, Eltern, Partner und ggf. langfristige sportliche Begleiter wie z.B. Ärzte des Vertrauens oder eben ein Sportpsychologe sein. Da jede neue Karrierephase eines jeden Sportlers individuell wahrgenommen wird, gibt es hier kein einheitliches Unterstützungskonzept. 

Die Devise lautet: Nachfragen & genau Hinhören, um die Bedürfnisse des Sportlers zu erkennen. Ebenso sollten die neuen Gegebenheiten bewusst offen angesprochen werden. Die Unterstützer sollten einen Austausch anbieten und Verständnis für Herausforderungen, Vorfreude und Unsicherheiten mitbringen.

Anne Lenz

Sportarten: alle, inklusive E-Sports

Kontakt:

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a.lenz@die-sportpsychologen.de

Zur Profilseite: https://www.die-sportpsychologen.de/anne-lenz/

Die Vorbereitung

Ein Karriereübergang stellt sich selten langfristig geplant ein, sondern wird meist spontan durch neue Angebote oder sportliche Verletzungen verursacht. Um der Unsicherheit durch das neue Setting, neuen Erwartungen, neuen Umgebungen, neuen Konkurrenten, neuen Ansprechpartnern (…) vorzubeugen, hilft oft die Auseinandersetzung mit den eigenen Fähigkeiten sowie langfristigen Unterstützern. Ressourcen, die trotz der vielen Neuheiten stabil bleiben, sind in diesen Phasen das Fundament. Auch bei unerschrockenen Sportlern, bei denen die Vorfreude auf neue Aufgaben überwiegt, kann die bewusste Auseinandersetzung mit folgenden Aspekten positive Effekte mit sich bringen: 

  • sportliche Fähigkeiten und Fertigkeiten
  • private Fähigkeiten und Fertigkeiten
  • sportliche Unterstützer
  • private Unterstützer
  • bisherige Erfolge
  • das aktuelle sportliche Ziel
  • Auflistung der Aspekte, die sich tatsächlich ändern vs. Aspekte, die genauso bleiben

Die bewusste Auseinandersetzung mit Dingen, die dem Sportler trotz Unsicherheiten zur Verfügung stehen, können Rückhalt, Entspannung und Zuversicht geben. Die zusätzliche Visualisierung der persönlichen Ressourcen kann den Effekt erhöhen. Auch Sportlern mit weniger Befürchtungen können von dieser Vorgehensweise profitieren und das Selbstbewusstsein für neue Herausforderungen bekräftigen. 

Von der Meisterschaft zur Nachkarriere: Das Karriereende

Das Karriereende (ob gewollt oder gezwungen) ist für viele Sportler eine große Herausforderung. Auch wenn vermeintlich der gesamte Leistungsdruck der Karrierejahre von dem Sportler abfällt, so bringt genau dieser Aspekt auch seine Risiken mit sich. Das Selbstwertgefühl eines Leistungssportlers basiert in hohem Maße auf seinen sportlichen Leistungen und auf externen Bewertungen von Trainern, Fans und Medien. Ohne das Gefühl von Wirksamkeit im Alltag – eben ohne sportlich erbrachte Höchstleistungen – kann das Selbstwertgefühl des ehemaligen Sportlers leiden. Hinzu kommt, dass auch das soziale Umfeld eines Leistungssportlers durch den organisierten Sport bestimmt ist: Ärzte, Trainer, Betreuer, Teammitglieder können auf lange Sicht zu Vertrauten werden, die in dem neuen Alltag nicht mehr (in dieser Intensität) vorkommen. Und durch ein straffes zeitliches Trainings- und Wettkampfprogramm zählen nicht selten nur wenige nicht-sportliche Kontakte zu dem engeren Vertrautenkreis eines Leistungssportlers. Darüber hinaus steht vor allem für Profisportler auch der offizielle Rücktritt vor den Medien auf der Agenda. Verbunden mit der Frage: „Wie formuliere ich mein Karriereende?“ Zu guter Letzt beginnt eine Leistungssportkarriere oft bereits in Kindesalter, wodurch z.T. Schulabschlüsse oder eine berufliche Ausbildung nicht vollendet wurden. Dadurch können vor allem in Randsportarten auch finanzielle Sorgen durch ein Karriereende hinzukommen. Was kann helfen? 

  • bewusst neue Lebensziele setzen
  • bewusste Auseinandersetzung mit nicht-sportlichen Fähigkeiten & Fertigkeiten
  • bewusstes Nutzen privater Unterstützer
  • frühzeitige Vorbereitung durch ein zweites berufliches Standbein
  • bewusste Entscheidung für Freizeitaktivitäten, die ggf. neue Leidenschaften wecken

Nicht jedes Karriereende wird von Sportlern negativ wahrgenommen. In den Aussagen von André Schürrle ist herauszuhören, dass er sich ganz bewusst aus dem Profifußball verabschiedet. Zudem berichtet er über eine lange Entscheidungsfindung, wodurch eine ausgiebige Vorbereitung auf seine Nachkarriere zu erahnen ist. Zwei Punkte, die in dem Fall Schürrle für eine positive Nachkarriere sprechen, sind die finanzielle Sicherheit sowie die eigenständige Entscheidung gegen den Sportleralltag. Klingt ganz nach einem vorbildlichen Abgang – was wirklich in ihm vorgeht, bleibt offen.

Auf den Punkt gebracht

Die Herausforderungen, die ein Karriereübergang mit sich bringt, können als Chance und ebenso als Bedrohung wahrgenommen werden. Eine bewusste Auseinandersetzung mit möglichen Veränderungen während der Karriere scheint hierbei sinnvoll. Dabei geht es vor allem um persönliche Ressourcen des Sportlers, die eine Konstante in unsicheren Phasen bilden und zudem das Selbstbewusstsein für neue Aufgaben steigern können. Ein Sportpsychologe kann in genau diesen Phasen helfen, dem Sportler einen positiven und zukunftsorientierten Umgang mit neuen Herausforderungen anzunehmen, die bedrohliche Perspektive zu verringern und mit Vorfreude und Selbstbewusstsein neue Aufgaben anzunehmen. 

Mehr zum Thema

Literaturverzeichnis

Alfermann, D. & Stoll, O. (2007). Sportpsychologie – Ein Lehrbuch in 12 Lektionen. Aachen: Meyer & Meyer Verlag.

Salmela, J. H. (1994). Phases and transitions across sport careers. In D. Hackfort (Ed.). Psycho-social issues and interventions in elite sport (pp. 11-28). Frankfurt: Lang. 

https://www.spiegel.de/sport/andre-schuerrle-beendet-ueberraschend-karriere-ich-brauche-keinen-beifall-mehr-a-00000000-0002-0001-0000-000172071849

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Dr. Hanspeter Gubelmann: Der „Pillen-Sport“ findet auch im Breitensport statt

Der Medikamentenmissbrauch im Sport hat Dimensionen erreicht, die Wissenschaftler und Insider gleichermassen überraschen. Neu am Thema ist, dass sich die Problematik zunehmend auch auf den Breiten- und Freizeitsport ausweitet. „Pillenkick“ – eine Co-Produktion der ARD-Dopingredaktion und des gemeinnützigen Recherchezentrums Correctiv – dokumentierte unlängst den verheerenden Umgang mit Schmerzmitteln im Amateurbereich des Fussballs. Wenn sich junge Menschen mit Pillen betäuben, zählt die Gesundheit nicht mehr viel. Eben dies zu verhindern, muss auch die Aufgabe der angewandten Sportpsychologie sein!

Zum Thema: Sechs Leitideen für die Sportpsychologie hinsichtlich des Medikamentenmissbrauchs im Leistungs- und Breitensport 

Meinen persönlichen „Pillenkick“ erlebte ich erstmals 1994. Damals verbrachte ich ein Studienjahr in den USA und kickte einmal die Woche in einem akademischen Soccer-Team. Schon in den ersten Trainings fiel mir auf, dass ich der einzige im Team war, der sich rund 20 Minuten vor Trainingsbeginn gemächlich ans Aufwärmen machte. Auf meine Nachfrage, wieso alle anderen das Einwärmen ausliessen, meinte der Teamleader: „Nope, we just take Advil!“. Zum besseren Verständnis: Advil ist die US-Version der Ibus…

In der Schweiz kam die Thematik 1998 anlässlich des Jungfrau-Marathons in die Medien, als Urinproben bei 30% der TeilnehmerInnen den Einsatz von Analgetika nachwiesen. Kamber et. al. (2000) kritisierten diese aus ihrer Sicht nicht haltbaren Ergebnisse. In ihrer Studie am „Frauenfelder“ (42km Waffenlauf) fielen die Resultate deutlich tiefer aus: „Nur gerade jeder 20. Waffenläufer trat in diesem Sinne „vorbereitet“ zum Start an. In eine ähnliche Richtung zeigen die Befunde von Stamm et al. (2011), die bezüglich Konsumhäufigkeit von Medikamenten bei der Mehrheit der befragten leistungsorientierten Ausdauersportlern kein bedenkliches Ausmass feststellen konnten. Allerdings konstatieren sie ein Informationsdefizit, welches „auf eine erhebliche Sorglosigkeit und Naivität im Umgang mit Supplementen und Medikamenten schliessen lässt“ (S.122).

Dr. Hanspeter Gubelmann

Dr. Hanspeter Gubelmann

Sportarten: Ski nordisch, Ski alpin, Leichtathletik, Bob, Skeleton, Judo, Eiskunstlauf, Tennis, Short Track, Kanu, Eishockey, Mountainbike, Schwimmen, Triathlon, Rhythmische Sportgymnastik u.a.

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Mehr Infos: Zur Profilseite, zum Kompetenzzentrum mind2win.ch

Wer liest schon den Beipack-Zettel?

Zu einer völlig anderen Einschätzung gelangen Brune et al. (2009) in ihrem äusserst informativen Übersichtsartikel zu Analgetikamissbrauch bei Marathonläufern. In ihrer breit angelegten Studie anlässlich des Bonn-Marathons 2009, die den Schmerzmittelkonsum vor dem Start qualitativ und quantitativ erfasste, zeigen sich besorgniserregend hohe Verbreitungszahlen. Von den 1024 befragten AthletInnen starteten 11% trotz Schmerzen, 60% standen am Start unter Analgetika. 

Männer klagen schon im Training über wesentlich mehr Schmerzen und greifen auch da häufiger und in höherer Dosierung zu Schmerzmitteln als Frauen. „Insgesamt erwiesen sich die Männer als schmerzgeplagter und aggressiver bei der Therapie ihrer Schmerzen.“ (S.40) Die Autoren bescheinigen den betroffenen LäuferInnen auch „erschreckende Sorglosigkeit“ im Umgang mit den Medikamenten, welche sich auch in der Nichtbeachtung des Beipack-Zettels zeigt: „Wenn man die für den rezeptfreien Gebrauch vorgeschlagenen Dosierungen als Richtschnur nimmt, nahmen gut die Hälfte der Anwender von Ibuprofen oder Diclofenac zu hohe Dosen ein.“ (S.40)

Fatale Prophylaxe ohne Schmerzlinderung oder Leistungssteigerung

Die ARD-Doku „Pillenkick“ führt an mehreren Beispielen aus, welche fatalen Folgen ein Schmerzmittelmissbrauch haben kann. Konsultiert man hierzu gängige Fachliteratur (vgl. Schek 2015), stösst man unweigerlich auf zahlreiche Beispiele auch ausserhalb des Fussballs.  

Fallbeispiel zum Risiko im Umgang mit Schmerzmitteln:

Langstreckenlauf: Nach dem Sieg beim 100 Meilen Leadville Trail 2008 in 24:48:28 h sagte die US-amerikanische Siegerin Stephanie Ehret: “I’d never felt so bad” und “I was pretty sure I was dying”, nachdem sie Schleimhautfetzen ihres Verdauungstrakts erbrochen hatte. Akutes Nierenversagen konnte dank sofortiger Einlieferung ins Krankenhaus verhindert werden, wo diagnostiziert wurde: Rhabdomyolyse (Muskelfaserzerfall), hervorgerufen durch Überlastung, Dehydration und die Einnahme von 12 x 200 mg Ibuprofen, welches von manchen Läufern als “Vitamin I” bezeichnet wird (Aschwanden, 2009).  

Quelle: Fallbeispiele (vgl. Schek, 2015)

Wissenschaftliche Erkenntnisse widersprechen verbreiteten Annahmen

Interessant dabei ist, dass – wissenschaftlich betrachtet – die Einnahme von Schmerzmitteln vor oder während des sportlichen Wettkampfs nicht zu einer (erhofften) Leistungssteigerung und/oder (intendierten) Schmerzlinderung führt. Nieman et al. (2006) zeigten, dass Ultramarathonläufer (n = 29), die im Rahmen eines 160-km-Laufs insgesamt 1,8 g Ibuprofen einnahmen (3 x 200 mg am Vortag, 1 x 200 mg vor dem Start, 5 x 200 mg alle 4 Stunden während des Rennens), nicht weniger unter Muskelschäden litten als die Kontrollgruppe (n = 25), vielmehr fielen diverse Indikatoren für Entzündungen und Endotoxine im Blut sogar höher aus. 

Auch auf Muskelkater und Muskelschmerzen, die sich nach einer intensiven Belastung einstellen können, erzielt eine Medikation vor und/oder während des Wettkampfs keine positiven Effekte. Aus medizinischer Sicht ist klar (vgl. Brune et al. 2009): Die (prophylaktische) Anwendung von Schmerzmitteln vor/während intensiven Trainings oder Höchstleistungen im Wettkampf ist weder medizinisch noch sportlich gerechtfertigt. Verschiedene Organsysteme wie Niere, Magen-Darm-Trakt und Herz-Kreislauf werden zusätzlich belastet, die Blutgerinnung kann gestört werden und das Erreichen des erwünschten Ziels (Schmerzfreiheit) während und nach der Anstrengung ist keinesfalls gewährleistet. Geeignete Schmerzmittel können nach der Belastung und nach einer ausreichenden Flüssigkeits- und Salzzufuhr eingenommen werden, wenn mit grosser Wahrscheinlichkeit nachfolgende Schmerzen zu erwarten sind.

Der Medikamentenmissbrauch nimmt zu – auch die Sportpsychologie ist gefordert

Eine Kernaussage der ARD-Doku «Pillenkick» lautet: der Medikamentenmissbrauch im Sport nimmt zu – auch bei Jugendlichen und Frauen. Der Konsum von Medikamenten ist Teil einer auf Perfektion getrimmten Leistungsgesellschaft. Davor bleibt auch der Sport nicht verschont. Kürzlich durfte ich im Rahmen eines Interviews mit der Zeitung «Züricher Oberländer» (ZO, siehe unten) Möglichkeiten im Umgang mit dieser Entwicklung darlegen. Meine pädagogisch orientierte Haltung zielt insbesondere in zwei Richtungen: es gilt, mehr in Gesundheit und Prävention zu investieren und vor allem Kinder und Jugendliche vor dem drohenden „Pillenkick“ zu schützen. Nachfolgend sechs Leitideen für die Umsetzung in die sportpsychologische Praxis.

1) Information

Wenn Schmerzmittel – dann die passenden Medikamente richtig dosiert und zum richtigen Zeitpunkt! Ein Missbrauch, falsche Dosierung oder eine heimliche Selbstmedikation müssen unbedingt vermieden werden. Die Sportpsychologie steht in der Pflicht, dieses Wissen – z.B. in einer Coach-the-Coach-Situation im Rahmen eines interdisziplinären Austauschs – einzufordern. In Zusammenarbeit mit der Sportmedizin sollen sportartbezogene Tipps (siehe Abb. 2) erarbeitet werden. Dadurch werden auch Offenheit, Transparenz und Seriosität im Umfeld der Athleten gefördert.

Tipp: Kleiner Leitfaden zum Einsatz von Schmerzmitteln (aus: Brune et al. 2009, S.41, Link)

2) Schwerpunkt Jugendleistungssport:

Jugendliche wachsen heute mit der Pille für jede Gelegenheit auf. Ecstasy für den nächsten Partybesuch, Beta-Blocker vor der Abschlussprüfung, Melatonin für besseren Schlaf oder eben Schmerzmittel gegen den drohenden Muskelkater. Hier braucht es im Sport eine bewusste und sozial unterstützte Abkehr. Kampagnen wie „cool and clean“ von Swiss Olympic oder GATE der Deutschen Sportjugend (im DOSB) zielen in eine positive Richtung. Entscheidend ist aber das „gelebte Vorbild“ – hier sind die Eltern gefragt, aber auch erfolgreiche Sportidole, die „cool and clean“ vorleben und verkörpern können. Die Sportpsychologie übernimmt die Moderation!

3) Sensiblisierung: 

Aus Sicht der Sportpsychologie interessiert vor allem eine Frage: Warum greift ein Athlet in einer bestimmten Situation zu einem Schmerzmittel? Wo liegen die Gründe? Welches sind die Überzeugungen, die den vermehrten Griff zum erhofften „quick fix“ leiten? Im Leistungssport dürften insbesondere Stresssituationen (Zeitdruck, Leistungsdruck, Qualifikationssituation etc.) den Ausschlag geben. 

Schauen wir aber auch in die Regionen unterhalb des Profitums: Vielleicht will der Freizeitsportler seine Grenzen nicht wahrhaben? Getrieben von falschem Ehrgeiz kann der Griff zum Ibu dann auch ein sehr unüberlegter sein. Ein gesundheitsförderlicher Umgang mit dem Thema «Schmerzen» müsste aus psychologischer Sicht auch zum Ziel haben, die Erholungs-Belastungs-Bilanz entsprechend positiv zu gestalten.

4) Nichtmedikamentöse Behandlung von Schmerzen:

Fachlich gut ausgebildeten und erfahrenen SportpsychologInnen stehen im Bereich des komplementären Schmerzmanagements eine Vielzahl von Behandlungsmöglichkeiten zur Verfügung. Dazu gehören u.a. klassische Formen der Gesprächstherapie, Achtsamkeitsübungen, Wahrnehmungs- und Aufmerksamkeitstraining, Visualisierung, Hypnose sowie der Einsatz von Musik. Angesichts der aktuellen Diskussion hinsichtlich eines gesundheitsförderlichen Umgangs mit körperlichen Schmerzen gilt es, unsere sportpsychologische Fachkompetenz im Bereich der nichtmedikamentösen Behandlung noch deutlich zu steigern! 

5) Mut zur Abwechslung und Veränderung:

Bezogen auf die Prophylaxe und Therapie von Schmerzen im Breiten- und Freizeitsport sollte jeder bei wiederkehrenden, starken Schmerzen für sich selbst die Sinnhaftigkeit des Trainings und/oder der Sportart prüfen. Manchmal könnte es gesünder sein, die Sportart zu wechseln oder auf andere Trainingsreize zu setzen. Vielleicht hilft auch eine sportmedizinische Abklärung, um geeignete (neue) Wege zu beschreiten, auch um einer weiteren Schädigung des eigenen Körpers vorzubeugen. Auch hier kann die Sportpsychologie unterstützend zur Seite stehen.

6) Thema für die sportpsychologische Supervision:

Aus meiner eigenen Arbeit und den daraus gewonnenen Erkenntnissen im Umgang mit dem «Pillen-Sport» bleibt zum Schluss eine wichtige Einsicht. Es ist ein Kernthema im aktuellen Leistungssport, das mich in der Vergangenheit auch schon an meine fachlichen und moralischen Grenzen geführt hat. In solchen Situationen half vor allem der Austausch mit anderen FachkollegInnen – ein typisches Beispiel also auch für Intervision und Supervision!

Mehr zum Thema:

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Weitere Informationen
TV-Doku „Pillenkick“

Das Thema Schmerzmittelmissbrauch im Sport in den Medien:

www.pillenkick.de – Landingpage von Correctiv und der ARD-Dopingredaktion zu den gemeinsamen Recherchen mit vielen Beiträgen, Videos und Texten

Geheimsache Doping – Beiträge der ARD-Dopingredaktion

Ärzteblatt – Beitrag „Schmerzmittel: Missbrauch auch im Breitensport“ auf Basis der Recherchen von Correctiv und der ARD-Dopingredaktion

ZO, Ausgabe Samstag, 11. Juli 2020

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Weitere Informationen

Quellen:

Brune, K., Niederweis, U., Kaufmann, M. & Küster-Kaufmann, M. (2009). Jeder Zweite nimmt vor dem Start ein Schmerzmittel – Analgetikamissbrauch bei Marathonläufern. MMW-Fortschr.Med.Nr 151 (40), 39-42.
https://www.semanticscholar.org/paper/Analgetikamissbrauch-bei-Marathonläufern%3A-Jeder-vor-Brune-Niederweis/681902af06930378642b4faa3069931871e6b64d

Kamber, M., Alampi, G. & Marti, B. (2000). Arzneimittelgebrauch im Breitensport: Vergleich von Ausdauersportlern und beruflich körperlich Aktiven. Schweizerische Zeitschrift für «Sportmedizin und Sporttraumatologie» 48 (2), 76–79.
https://sgsm.ch/fileadmin/user_upload/Zeitschrift/48-2000-2/6-2000-2_Kamber.pdf

Krentz, Joel & Quest, Braden & Farthing, Jonathan & Quest, Dale & Chilibeck, Philip. (2008). The effects of ibuprofen on muscle hypertrophy, strength, and soreness during resistance training. Applied physiology, nutrition, and metabolism, 33. 470-5.

Nieman, D.C. et al. (2006). Ibuprofen use, endotoxemia, inflammation, and plasma cytokines during ultramarathon competition. Brain, Behavior, and Immunity, Elsevier (20) 6, 578-584

https://doi.org/10.1016/j.bbi.2006.02.001

Schek, Alexandra. (2015). Substanzmissbrauch im Leistungssport. Leistungssport. 45. 52-55.
https://www.researchgate.net/publication/301328067_Substanzmissbrauch_im_Leistungssport

Stamm, H., Stahlberger, M., Gebert, A., Lamprecht, M. & Kamber, M. (2011). Supplemente, Medikamente und Doping im Freizeitsport. Schweizerische Zeitschrift für «Sportmedizin und Sporttraumatologie» 59 (3), 122-126.
https://sgsm.ch/fileadmin/user_upload/Zeitschrift/59-2011-3/Supplements_Spomed_3-11-4_Stamm.pdf

https://www.coolandclean.ch/de/ueber-uns.html

https://www.dsj.de/index.php?id=477

https://correctiv.org/top-stories/2020/06/08/pillenkick/

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Dr. René Paasch: Der Fußball im Wandel – Die große Chance für die Sportpsychologie?

Der deutsche Fußball ist im Wandel. Dies zeigt eine neue Interessenvertretung der Fußballprofis, die aus verschiedenen Ligen zusammengeschlossen und ein neues Bündnis gegründet haben. Mats Hummels, Sven Bender und weitere 400 Akteure haben eine breite Agenda geplant. Das Bündnis, das für mehr Transparenz, Mitbestimmung und Solidarität einstehen will, ist zum großen Teil auch aus der Coronakrise und den damit einhergehenden Folgen für den Profi- und Amateurfußball geboren. In dieser Aufbruchstimmung stecken viele Möglichkeiten auch für unsere Disziplin. Denn der Großteil der Klubs der Bundesliga, der 2. Bundesliga und der 3. Liga bietet für die Profiteams immer noch keine sportpsychologische Betreuung an, obwohl die Profis ein solches Angebot ausdrücklich befürworten. Wäre es dann nicht wünschenswert im Zuge des Wandels auch über die angewandte Sportpsychologie im deutschen Fußball zu sprechen? Vielleicht braucht es gerade deshalb Bündnisse wie die Interessenvertretung der Fußballprofis, die die Sportpsychologie nutzen wollen und dabei keine Hand vor den Mund nehmen.

Zum Thema: Das mentale Sprungbrett unserer Disziplin 

Der Zusammenschluss eines neues Spielerbündnis ist der konsequente Schritt einer bemerkenswerten Entwicklung der vergangenen Wochen und Monate. Im Zuge der Coronakrise und der zeitlich fast parallel verlaufenden massiven Proteste gegen Rassismus und Polizeigewalt hatten sich etliche Profis mit klaren Worten und starker Haltung öffentlich positioniert und ihre Bekanntheit genutzt. Das Spielerbündnis, das für mehr Mitbestimmung und Menschlichkeit einstehen möchte, hat bekannte Fürsprecher. Mats Hummels, Sven Bender, Neven Subotic und Nils Petersen sind schon dabei, dazu viele weitere Spieler aus der 2. und 3. Liga. Offenbar sind es schon mehr als 400 Spieler/innen. Auch wichtige Themen, die in der Gesellschaft eine hohe Priorität genießen, sollen auf der Tagesordnung stehen. So wollen sich die zusammengeschlossenen Akteure auch zu Diskriminierung und Rassismus, Mobbing, Homosexualität und Homophobie äußern und sich klar positionieren. 

In den vergangenen Monaten wurde viel über die Auswirkungen und vor allem die (langfristigen) Folgen der Coronakrise für den deutschen Fußball diskutiert. Fans, Klubs und die Liga sind sich einig: Unabhängig wie dies konkret aussehen wird, darf es im deutschen Profifußball nicht so weitergehen. Mit der Initiative „Unser Fußball“ hat sich ein weiteres neues Fan-Bündnis im Umfeld der Bundesliga gegründet. Diese Anhänger fordern Vereine und Verbände auf, die Zukunft des Fußballs grundlegend neu zu gestalten – basisnah, nachhaltig und zeitgemäß. Auch die Deutsche Fußball-Liga (DFL) hält Veränderungen für notwendig und hat angekündigt, diese im Rahmen der Task Force „Zukunft Fußball“ ab Herbst 2020 in Angriff zu nehmen.

Näheres dazu https://unserfussball.jetzt/ 

Wäre dies jetzt nicht auch wünschenswert für unsere Disziplin? Schauen wir uns dazu die aktuelle Situation der Sportpsychologie im Fußball an! 

Sportpsychologie im Fußball

Bei einer aktuellen Befragung der VDV (2017/18/19) zeigte sich, dass in den drei höchsten deutschen Spielklassen nicht einmal zehn Prozent der Vereine ihren Profiteams eine regelmäßige sportpsychologische Betreuung gewähren. Fast zwei Drittel werden hingegen überhaupt nicht sportpsychologisch betreut. Die Daten sind damit sogar noch niedriger als bei der vorigen Erhebung der VDV in der Saison 2017/2018. Damals hatten 15 Prozent der Profi-Mannschaften eine professionelle sportpsychologische Betreuung, 25 Prozent eine teilweise Betreuung und 60 Prozent überhaupt keine Betreuung.

Dr. René Paasch

Sportarten: Fußball, Segeln, Schwimmen, Handball, Hockey, Eishockey, Tennis

Kontakt

+49 (0)177 465 84 19

r.paasch@die-sportpsychologen.de

Zum Profil: https://www.die-sportpsychologen.de/rene-paasch/

Besonders schlecht schneidet die 3. Liga ab. Hier verfügt nicht ein einziges Team über eine regelmäßige professionelle Betreuung. Nachdenklich ist die fehlende Unterstützung insbesondere vor dem Hintergrund, dass ein sportpsychologisches Angebot zur Erhaltung der seelischen Gesundheit sowie zur Leistungsoptimierung von den Befragten durchweg gewünscht wird. Ein solches vertrauliches und professionelles Hilfsangebot für Leistungssportler/innen besteht in unserem Netzwerk „Die Sportpsychologen“ oder auf der „BISp-Datenbank“. Diese Experten-Netzwerke unterstützen Fußballvereine und weitere Sportarten darin, eine bedarfsgerechte sportpsychologische Arbeit zu installieren. Hierbei steht nicht zuletzt die Verzahnung von vorhandenen Betreuungsstrukturen auf Ebene der Nachwuchsleistungszentren mit neuen Angeboten für Profi-Teams, Einzelspieler, Trainerstäbe und Management im Fokus. Mit Hilfe dieser Kollegen/innen können Athletinnen und Athleten leicht zugänglich Kontakt aufnehmen. Alle Experten wurden nach klaren Kriterien in diesen Netzwerken aufgenommen.

Hier eine Übersicht über die Arbeitsweise der angewandten Sportpsychologie: https://www.die-sportpsychologen.de/2016/07/dr-rene-paasch-mentaltrainer-oder-sportpsychologe/

Fazit 

Als wünschenswertes Ergebnis lässt sich festhalten, dass dem sportpsychologischen Training von fast allen Akteuren im Fußball eine große Bedeutung zugesprochen wird, der Kenntnisstand und die Anwendung jedoch äußerst lückenhaft ist und der Einsatz entsprechender Kolleginnen und Kollegen kaum stattfinden. Viele Betreuungen finden nur hinter verschlossenen Türen und fernab der Öffentlichkeit statt – dieser Umstand führt auch dazu, dass einige Spieler und Vereine auf weniger seriöse Angebote hereinfallen. 

Der Fußball braucht einen Wandel und wir sollten dies mit unterstützen. Mein persönliches Anliegen und vieler weiterer Kolleginnen und Kollegen ist es, die Sportpsychologie im Fußball mehr zu etablieren und zu pflegen. Denn die Möglichkeiten unserer Disziplin werden oft unterschätzt. Dabei sind sie immense Größen für gesundheitlichen, sportlichen und menschlichen Erfolg.

Mehr zum Thema:

Literatur

Biermann, Christoph & Fuchs, Ulrich (2002): Der Ball ist rund, damit das Spiel seine Richtung ändert. Wie moderner Fußball funktioniert. Köln: Kiepenheuer und Witsch Verlag.

Ror Wolf (2008): Das nächste Spiel ist immer das schwerste. Verlag Schöffling & Co. Friedrich-Hölderlin-Preis der Stadt Bad Homburg 2008. ISBN: 978-3-89561-324-1

Weitere Leseempfehlungen:  

  1. https://www.die-sportpsychologen.de/2020/03/spielergewerkschaft-vdv-sportpsychologisches-betreuungsdefizit-im-deutschen-fussball-waechst/ 
  2. https://www.spielergewerkschaft.de/de/VDV/Aktuelles/Detail/1136/Weiterhin%20Defizite%20bei%20der%20sportpsychologischen%20Be.htm
  3. https://www.die-sportpsychologen.de/2018/08/sportpsychologie-im-profi-fussball-zwischen-trend-und-traeumerei/ 
  4. https://unserfussball.jetzt/pressespiegel/

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Klaus-Dieter Lübke Naberhaus: Emotionssteuerung – Umgang mit Emotionen

Emotionen sind im Leben und damit auch im Sport allgegenwärtig. Schwierig kann es immer dann werden, wenn ein zu viel oder ein zu wenig an Emotionen die sportlichen Handlungen leiten. Dies kann einen Kontrollverlust bedeuten oder einen geminderten Antrieb, der sich auf den Spielstand, die Ausgangslage oder sogar auf elementarste Dinge wie die körperliche Unversehrtheit auswirkt. Grund genug, sich dem Umgang mit Emotionen, der Emotionssteuerung, zu widmen. Zumal Sportler und Trainer intensiv nachsteuern können.

Zum Thema: Hypnose im Sport (Teil 4: Emotionssteuerung –  Umgang mit Emotionen)

Jeder Sportler und jeder Trainer kann lernen, seine Emotionen zu steuern. Meist helfen schon einfache Tricks, um in brenzlichen Situationen den Fokus darauf auszurichten, was den Einzelsportler oder das Team weiterbringt. Spannend ist in dem Zusammenhang auch die Rolle von Trainern, die bezüglich der Emotionssteuerung aktiven Einfluss haben und ein bestimmtes Gespür entwickeln können. Im Video landet Klaus-Dieter Lübke Naberhaus nicht ohne Grund bei Jürgen Klopp, dem aktuell erfolgreichsten deutschen Fußballtrainer, der immer wieder auch mit emotionalen Ausbrüchen auf sich aufmerksam macht.  

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Weitere Informationen

Klaus-Dieter Lübke Naberhaus

Sportarten: Handball, Eishockey, Fußball, Volleyball, Leichtathletik, Kampfsportarten

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Markus Gretz: Ein gesunder Umgang mit Ungewissheit

Wenn Menschen mit Ungewissheit konfrontiert werden, entwickeln die meisten Angst und Unbehagen. Gerade in der aktuellen Situation ist Ungewissheit und Unsicherheit ein großes Problem für viele Menschen. Werde ich meinen Job behalten? Wie wird das nächste Jahr wirtschaftlich aussehen? Kann ich wie gewohnt in den Urlaub fahren? Ist das Corona-Virus für mich oder meine Angehörigen gefährlich? Auch für viele Sportler ist die aktuelle Situation von Ungewissheit geprägt. Werde ich dieses Jahr an Wettkämpfen teilnehmen? Habe ich nächstes Jahr immer noch die Chance auf die olympischen Spiele? Werde ich in der nächsten Saison einen Vertrag bekommen? Die Sportpsychologie bietet einige Strategien wie man mit Unsicherheiten und der Angst vor dem Ungewissen umgehen kann.

Zum Thema: Ungewissheit – Ein Zukunftsphänomen

Wenn wir in die Zukunft blicken, begegnen uns immer wieder Ungewissheiten. Genau genommen ist in der Zukunft alles ungewiss. Keiner kann zu hundert Prozent vorhersagen, was die Zukunft bringt. Es ist eine Wahrscheinlichkeitsrechnung, mit der wir in die Zukunft schauen und Pläne schmieden. Wir versuchen also eigentlich immer Wahrscheinlichkeiten abzuwägen, wenn wir uns die Zukunft ausmalen. Angst lässt uns dabei aber oft nicht rational denken, indem die Emotion uns dazu bringt, immer wieder über einen möglichst schlimmen Ausgang nachzudenken. Dadurch hilft die Angst, uns auf schwierige Situationen vorzubereiten. Diese Vorbereitung ist teilweise sinnvoll, sie kann aber über lange Zeit sehr belastend werden. 

Ich weiß, dass ich nicht weiß.

Sokrates

Deshalb kann es helfen, bewusst in die Rationalität zurückzukehren und die Wahrscheinlichkeiten abzuschätzen. Am besten nimmt man sich einen Zettel und schreibt die möglichen Szenarien auf und schätzt dann die Wahrscheinlichkeiten. Dadurch wird einem oft bewusst, dass der schlimmstmögliche Ausgang, mit dem man sich so sehr beschäftigt hat, gar nicht so wahrscheinlich ist.

Das Wunschergebnis im Blick

Vielleicht fällt mir bei der Betrachtung der möglichen Szenarien auch ein besonders positiver Ausgang auf? Dann sollte man sich dieses Wunschergebnis intensiv ausmalen und sich ähnlich wie auf das Horrorszenario vorbereiten. Damit steigt im besten Fall wieder die Vorfreude auf die mögliche Zukunft.

Markus Gretz

Einer unserer Basketballexperten im Netzwerk ist ein echter Teamplayer. Holt ihn euch für Vorträge zu Themen wie Konfliktmanagement in Sportmannschaften, Wettkampfangst oder zum Pausenverhalten von Trainern ins Boot.

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Ein anderer Ansatz ist die Fokussierung auf das Hier und Jetzt. Keiner kann direkt die Zukunft verändern. Jeder hat nur einen Einfluss auf das, was er aktuell tut. Wenn wir Ziele haben, können wir zielgerichtete Handlungen ausführen. Aber ob das Ziel erreicht wird, liegt oft an vielen Faktoren. Wenn wir eine zielgerichtete Handlung ausführen, steigt aber wieder die Wahrscheinlichkeit für unser Wunschszenario. Zu lernen im Hier und Jetzt zu sein, ist deshalb eine wichtige Aufgabe für Sportler. Achtsamkeitstraining ist dafür eine tolle Methode. Dabei will ich die aktuelle Situation mit allen Sinnen erfassen und meine Gedanken auf die Handlung, die ich in diesem Moment ausführe, fokussieren. Damit werden die Gedanken weg von der Unsicherheit und der damit verbundenen Angst gelenkt.

Angst ist normal

Oft ist es auch wichtig, die Angst und die Unsicherheit anzunehmen und darauf zu hören. Es ist nämlich ganz normal, Angst vor dem Ungewissen zu haben. Was will mir meine Angst sagen? Woher kommt die Angst? Worauf sollte ich in nächster Zeit achten? Durch welche Handlung kann ich die Unsicherheit reduzieren? 

Vielleicht ist die Angst sogar ein Geschenk, weil sie mir hilft, mich auf mögliche Schwierigkeiten vorzubereiten. Wenn ich die Angst als Gegner sehe und sie bekämpfen will, wird meist die Angst immer größer, weil ich dann Angst vor der Angst bekomme. Wenn die Angst aber mein Freund wird, der mir hilft, mich zu schützen, dann kann mir auch die größte Unsicherheit nichts anhaben.

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Sina Frei: Über lange Zeit mental stark zu bleiben, ist eine Kunst

Zweifache U23-Weltmeisterin und vierfache Junioren-Europameisterin im Cross Country. Sina Frei hat in ihrer noch jungen Karriere bereits viel gewonnen. Dass sie das Zeug hat, auch auf dem Elite-Level gross rauszukommen, steht ausser Frage. Auf dem Weg dahin lässt sich Sina Frei von Cristina Baldasarre von Die Sportpsychologen (Link) begleiten. Hier berichten beide von ihrer Zusammenarbeit, die leider auch im Mountainbike-Bereich noch nicht an der Tagesordnung ist.

Zum Thema: Mountainbike-U23-Weltmeisterin Sina Frei über die Sportpsychologie

Die Mountainbikerin Sina Frei ist erfolgreich unterwegs. Gleich zweimal, 2017 und 2019, holte sie sich den Titel als U23 Weltmeisterin. Vorher gewann sie bereits zahlreiche andere Titel, so wurde sie zum Beispiel im Cross Country 2016-2019 viermal in Folge Junioren-Europameisterin. Seit der vergangenen Saison starte Sina Frei auch bei einzelnen Eliterennen, um in der höchsten Kategorie erste Erfahrungen zu sammeln und so sinnvollerweise den Übergang zu erleichtern. Die sehr begabte und erfolgreiche Athletin weiss um ihre Talente, erkennt gleichzeitig auch die grösseren mentalen Herausforderungen, die sich ihr stellen. Die Zusammenarbeit mit mir suchte sie, um besonders drei mentale Aspekte immer wieder zu diskutieren. Schön finde ich dabei ihre Erkenntnis, dass die Sportpsychologie sinnvollerweise prophylaktisch zur Unterstützung und Leistungserhaltung hinzugezogen wird und nicht erst, wenn eine Krise in vollem Gang ist. So erstreckt sich unsere Arbeit entlang ihrem saisonalen Trainingsplan. Und der Aspekt der Begleitung über die Karriere hinweg, rückt hier somit in den Fokus. Ich würde mir noch mehr solcher Athleten wünschen, die auf eine ganzheitliche Leistungsentwicklung bedacht sind, und den mentalen Aspekt als Selbstverständlichkeit ansehen. Sina Frei ist ein schönes Beispiel dafür, wie im Nachwuchsleistungssport der Grundstein für mentale Stärke gelegt werden kann.

Schwerpunktmässig drehen sich viele Gespräche um die folgenden Themen: 

  • Umgang mit dem Erwartungsdruck, wenn man so erfolgreich ist – da braucht es eine stetige Auseinandersetzung mir inneren und äusseren Ansprüchen.
  • Die Vorbereitung und Begleitung von Kategorienwechsel. Nach Wylleman & Rosier stellen diese stets kritische Momente dar, die besondere mentale Aufmerksamkeit erfordern.
  • Der erfolgreiche Umgang mit dem Druck und Medienrummel beim Start an heimischen Weltcup-Rennen wie z.B. in der Lenzerheide.

Lesen Sie selber ihr persönliches Protokoll zu mentaler Stärke:

„Ich wusste, ich will das unbedingt“

Es war ein sehr strenges Rennen 2019 am World Cup in Les Gets FR. Der Trail bot kaum Möglichkeiten, sich ein wenig zu erholen. Man musste ständig hoch konzentriert fahren und die volle Leistung bringen. Ich lag an fünfter Stelle und stellte fest, dass ich im Aufstieg immer etwas hinter die Französin Pauline Ferrand-Prévot zurückfiel. Doch in der Abfahrt konnte ich den Abstand stets wieder verkleinern. Ich setzte mir zum Ziel, Pauline zu überholen. Klar war, dass ich im Schlussspurt keine Chance hätte, weil sie im Sprint stärker ist. Also musste es in der letzten Runde passieren. Der Trail wurde nochmals eng, und ich war wirklich erschöpft. Meine Beine brannten. Aber im Kopf wusste ich: Ich will das unbedingt. Da habe ich noch mal all meine Kräfte zusammengenommen. Es hat sich gelohnt: Ich schaffte tatsächlich den vierten Platz, landete gleich hinter den drei absoluten Topfavoritinnen. Das war für mich ein grosser Erfolg.

Die Gedanken steuern

Im Spitzensport ist körperliche Fitness natürlich entscheidend. Doch mindestens so wichtig ist, was im Kopf abgeht. Man muss lernen, seine Gedanken richtig zu steuern. Oft kommt es mir so vor, als würden sich in meinem Gehirn ein Engelchen und ein Teufelchen streiten. Das Teufelchen sagt: ‹Deine Beine tun weh. Du bist müde. Du kannst nicht mehr. Die anderen sind schneller und geschickter als du. Du schaffst es sowieso nicht.› Dann muss ich versuchen, mehr auf das Engelchen zu hören. Es sagt: ‹Du bist fit und gut trainiert. In deinen Beinen ist noch Kraft. Gib nicht auf.› Häufig hilft es, auf etwas anderes zu fokussieren. Ich beginne zum Beispiel, die Tritte zu zählen. Das bringt mich wieder in meinen Rhythmus. Oder ich versuche, mir Erfolgsmomente in Erinnerung zu rufen. Zum Beispiel, welches Glücksgefühl es ist, wenn ich jemanden überhole. So gelingt es mir immer wieder, das Teufelchen zu besiegen und wieder in den Flow zu kommen.

Seit zwei Jahren bin ich Profisportlerin. Damit ist für mich ein grosser Traum in Erfüllung gegangen: Ich konnte meine Leidenschaft zum Beruf machen. Jede Woche trainiere ich etwa 20 Stunden – vor allem auf dem Velo, aber auch im Kraftraum. Im Winter bin ich oft in Trainingslagern in wärmeren Regionen. Dieses Jahr verbrachte ich wegen des Corona-Shutdowns mehr Zeit in der Schweiz. Zum Glück war das Wetter super. Ich war oft in der Ferienwohnung meiner Eltern in der Lenzerheide und habe völlig neue Trails entdeckt.

Um meine Denkstrategien zu optimieren, gehe ich regelmässig zu einer Mentaltrainerin. Da lerne ich immer neue Techniken kennen. Sie hat mir etwa einen Punkt am linken Zeigefinger gezeigt, wo ich bei Nervosität draufschlagen kann. Patentrezepte gibt es aber nicht, ich muss selber herausfinden, was funktioniert.

Vor Rennen die Zeit gut einteilen

Wichtig ist für mich, vor dem Rennen die Zeit gut einzuteilen. Etwa vier Stunden vorher esse ich meinen Reisporridge mit Datteln und Bananen. Dann gehe ich die Strecke im Kopf nochmals durch. Ich präge mir Steigungen und Abfahrten ein, Hindernisse sowie enge oder etwas breitere Stellen. Danach dehne ich die Muskeln und höre dazu meist Musik.

Cristina Baldasarre

Sportarten: Kunstturnen, Eiskunstlaufen, Synchronschwimmen, Tanz, Unihockey, Fussball, Eishockey, Judo, Tennis, Bogenschiessen, Springreiten, Schiedsrichter und Trainer, Sporteltern

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Das entspannt mich. Darauf packe ich langsam mein Rucksäckli mit den nötigen Kleidern und Getränken. Ins Teamzelt gehe ich erst kurz vor dem Start. Denn da ist die Stimmung oft etwas hektisch. Auf dem Wettkampfgelände warten Verwandte, Freunde, Sponsoren und Medienleute – und alle wollen etwas von mir: Hier eine Umarmung, dort ein Foto … Ich versuche, mich abzuschirmen und bei mir zu bleiben. Etwas Anspannung braucht es schon. Doch allzu viel Nervosität ist kontraproduktiv.

Eigentlich habe ich die letzten Wochen ziemlich genossen: Ich hatte mehr Zeit zum Trainieren und weniger Druck. Nun geht es aber bald wieder los. Mein nächstes wichtiges Rennen ist der Weltcup in der Lenzerheide, der wahrscheinlich anfangs September stattfindet. Da will ich mich in den ersten fünf klassieren. Nach der langen Pause wird es schwierig sein, die Gegnerinnen einzuschätzen. Da ist es besonders wichtig, dass ich mich gedanklich gut vorbereite und eine gute Portion Selbstvertrauen tanke.»

Hinweis: Das Protokoll ist im Juni 2020 in Migros-Magazin Impuls (Link) erschienen.

Fotos: privat, Sina Frei

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Literatur:

Wylleman, P. & Rosier, N. Holistic perspective on the development of elite athlete,Sport and Exercise Psychology Research,269-288, 2016.

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Johanna Constantini: Wenn online, dann auch nach Corona richtig!

Vor allem in Zeiten der Coronakrise und damit in einer Phase, in der wir vielfach nicht selbst über „lieber online“ oder „lieber face-to-face“ entscheiden können, ist es herausfordernd, die Frage nach der besten Kommunikationsform beantwortet zu wissen. Wer durch Abstandsregelungen oder gar die vorübergehende Schließung von Sportstätten dazu verdammt wurde, sich in den eigenen vier Wänden via Videokonferenz in Trainings- oder Wettkampfbesprechungen einzuloggen, dem stellt sich diese Frage schließlich schlichtweg nicht. Sobald wir aber stärker die Wahl haben, sollten wir uns gern nüchtern an eine Risiko-Chancen-Abwägung machen.

Zum Thema: Was moderne Sportpsychologen von sozialen Medien wissen sollten

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Johanna Constantini Beitrag zum Hören.


Davon ausgehend, dass auch jene Krise mit all ihren notwendigen oder auch weniger notwendigen Maßnahmen ein Ende nimmt, gibt es auch im Sport sinnvolle und sinnlose Tätigkeiten, die sich on- und offline ausführen lassen. Was können wir, also Sportler, Trainer, Funktionäre, Sponsoren und Eltern sowie wir Sportpsychologen, daraus lernen?

Johanna Constantini

Sportarten: Pferdesport, Laufsport, Wintersport, u.a.

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Digitale und soziale Medien als Chance im Sport 

Trainingsinhalte als Chance

Einige Ideen zur sinnvollen Nutzung digitaler Medien finden sich vor allem dann, wenn es um die Einsicht und Verfügbarkeit von trainingsspezifischen Inhalten geht. So lassen sich online Trainingseinheiten via Bildschirm praktizieren und auch eigene Fortschritte über Applikationen am Smartphone festhalten. 

Informationsspender Smartphone

Genauso hilfreich können digitale und soziale Medien auch im Wettkampf sein. Nämlich dann, wenn sowohl Informationen über Wettkampfstätten, als auch der Leistungsstand der Konkurrenz online eingesehen werden kann. 

Kommunikationstool Social Media

Auch zur Abstimmung mit Mannschaftskollegen dienen vor allem soziale Netzwerke wie Whatsapp als sinnvolle Tools. 

Digitale und soziale Medien als Risiko im Sport 

Risikofaktor Erreichbarkeit

Genauso risikoreich kann jedoch die Anwendung sein. Vor allem dann, wenn Erreichbarkeiten team- und mannschaftsintern nicht im Vorhinein abgestimmt werden und dadurch Stress zu entstehen droht. 

Stressauslöser Dauer-Surfing

Stressauslösend sind digitale und soziale Medien vor allem dann, wenn das Durchforsten von Trainingsvideos und Wettkampfinhalten dazu führt, dass einzelne Athleten nicht mehr „abschalten“ können. Im wahrsten Sinne also „always on“ bleiben und dadurch Gefahr laufen, sich von den Technologien steuern zu lassen. 

Zauberwort: Selbststeuerung

Sowohl bei den Chancen, als auch bei den Risiken ist Selbststeuerung das Zauberwort, das es stets gilt zu beachten. 

Aktiv statt passiv zu agieren bildet die Grundvoraussetzung, um nicht nur im Sport, sondern auch im allgemeinen Umgang mit digitalen und sozialen Medien langfristig erfolgreich sein zu können. Meine Kollegen von Die Sportpsychologen (zur Übersicht) und ich (zum Profil von Johanna Constantini) stehen gern für Rückfragen und praktische Unterstützung bereit.

Mehr zum Thema:

Mehr Interesse am Thema? Johanna Constantini hat bereits zahlreiche Texte verfasst – hier eine kleine Übersicht:

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Thorsten Loch: „Monkey Mind“ vs. Donkey Kong

Donkey Kong? Was hat die Figur des Konsolenklassikers mit der Sportpsychologie zu tun? Eine durchaus berechtigte Frage. Jedoch alles der Reihe nach. Worum dreht es sich bei diesen Game? Bei Donkey Kong handelt es sich um den Begründer des Jump-„n“-Run-Genres und zählt zu den beliebtesten Arcade-Spielen der 1980er Jahre. Der Spieler schlüpft in die Rolle des Tischlers Jumpman, der seine Freundin Pauline aus den Fängen des Gorillas Donkey Kong befreien muss. Dazu gilt es, in den einzelnen Spielstufen das jeweilige Ziel zu erreichen, indem man den gestellten Fallen ausweicht und den mit Hindernissen gespickten Weg überwindet. Um dies zu schaffen, kann Jumpman nicht nur Laufen und vertikal Klettern, sondern auch Springen. Je nach erreichter Spielstufe werden die an den Spieler gestellten Herausforderungen immer schwieriger und Jumpman kommt wortwörtlich nicht zur Ruh. Man läuft, springt hin und her und versucht unter anderem den rollenden Fässern zu entkommen. In solch einer Sequenz, wenn die Anforderungen unser Können vermeintlich überschreiten, kommt es darauf an, dass unser „Monkey Mind“ nicht die Kontrolle übernimmt und uns daran hindert, optimale Leistung abzurufen. An dieser Stelle nehmen wir die Ausfahrt und nehmen die Sportpsychologie mit. Denn: Vergleichbar mit einer Wettkampfsituation aus dem traditionellen Sport muss der (E-)Sportler im Hier & Jetzt sein, um erfolgreich agieren zu können (vgl. dazu meinen Text über den Leichtathleten Florian Reuß unter diesem Beitrag).

Zum Thema: Wie schaffe ich es, in stressinduzierten Situation meinen Monkey Mind zu kontrollieren, um in letzter Konsequenz den Gorilla zu besiegen?

Der Begriff „Monkey Mind“ steht im deutschsprachigen Raum für Gedankenkarussell. Die englischsprachige Umschreibung klingt zwar fancy, jedoch ist der Begriff schon sehr alt und hat seinen Ursprung aus dem Buddhistischen. Er meint einen unruhigen, unkontrollierten und verwirrten Geist. Wir springen von Gedanke zu Gedanke, gleich einem Affen, welcher von Baum zu Baum springt. Unbeständig und launisch. 

Genauso schwirren unsere Gedanken umher, hindern uns z.B. klare Entscheidungen zu treffen; schüren Zweifel und sorgen dafür, dass wir uns vor/während des sportlichen Wettkampfes Gedanken über die möglichen Konsequenzen machen. Die Gedanken machen sich selbstständig, kreisen ständig um dasselbe Thema, wir ärgern uns und regen uns auf. In letzter Konsequenz verlieren wir den Fokus für das Wesentliche (handlungsrelevante) und müssen Leistungseinbußen in Kauf nehmen (vgl. https://www.die-sportpsychologen.de/2016/07/thorsten-loch-pepe-vom-ruepel-zum-musterprofi/). Das kennst du nicht? Dann lade ich dich zu einem kleinen Experiment ein:

Ein Experiment, um den Gedankenstopp zu üben

Setz dich aufrecht mit geradem Rücken hin. Wenn du eine angenehme Position gefunden hast, in welcher du eine Weile sitzen kannst, nimm kurz deine Umgebung wahr und schließe dann für ungefähr eine Minute deine Augen. Während dieser Minute ist deine einzige Aufgabe, deine Aufmerksamkeit auf die bewusste Wahrnehmung deiner Atmung an deinen Nasenflügeln zu lenken. Du brauchst nichts Weiteres tun, als während dieser Zeit dein Bewusstsein kontinuierlich auf die Empfindung beim Ein- und Ausatmen auszurichten – und zwar in einer offenen, neugierigen Art und Weise. Einfach wahrnehmen und schauen, was du für eine Erfahrung in dieser einen Minute machst.

Und? Wie war es für dich? Ist es dir gelungen? Eine solche kurze und einfache einminütige Achtsamkeitsübung kann eine ganze Reihe von unterschiedlichen Sinneserfahrungen, Gedanken und Emotionen auslösen und wunderbar veranschaulichen, wie unser Bewusstsein die Eigenschaft hat, sehr schnell von einem Gedanken zum nächsten, von einem Ort zum anderen, von der Vergangenheit in die Zukunft und in die Gegenwart zu springen. Wenn es dir so oder so ähnlich erging, dann war dein Gedankenkarussell in voller Fahrt. Und hier wird es sehr deutlich, dass ein solches Springen, besonders während eines Wettkampfes einen daran hindert, an sein Leistungspotential zu gelangen. 

Achtsamkeitsbasierte Interventionen

Um etwa mit Wettkampfangst umzugehen, gibt es In der Sportpsychologie im Wesentlichen zwei Wege: Eine weitverbreitete Lösung aus kognitiv-behavioralen Sichtweise ist der systematische Aufbau von Selbstwirksamkeit mittels der inhaltlichen Veränderung der kognitiven Prozesse. Es wird dadurch möglich, Verhalten zu ändern, indem man die zugrundeliegenden Prozesse (Gedanken) verwandelt. So wird der Versuch unternommen, in einer sehr sachlichen Art und Weise, die Kontrolle über Kognitionen und Emotionen zu gewinnen und eine Leistungssteigerung zu provozieren. Im Gegensatz dazu stehen die achtsamkeitsbasierten Interventionen. Primäres Ziel hier ist es nicht Kognitionen, Emotionen und körperliche Empfindungen zu kontrollieren, sondern die Beziehung zu ihnen zu verändern. 

Thorsten Loch

Sportarten: Fußball, Badminton, Leichtathletik, Sportschießen, Karate, Skateboarding, eSport

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Zur Profilseite: https://www.die-sportpsychologen.de/thorsten-loch/

Achtsamkeit als eine der edlen Wahrheiten des Siddhartha Gautama (Buddha) hat zum Ziel, die Reduktion von Leiden und das Anstreben von Glück. Rechte Achtsamkeit bedeutet im buddhistischen Kontext die Bewusstwerdung von äußeren und inneren Sinnesreizen, ohne die kontrollieren zu wollen. Rechtes, achtsames Sein beinhaltet, ganz im Hier & Jetzt zu sein, ohne sich in der Vergangenheit oder Zukunft zu verstricken. Ein wesentliches Detail ist hierbei, dass im Buddhismus sechs Sinnesorgane unterschieden werden:

  • Auge
  • Ohr
  • Nase
  • Zunge
  • Tastsinn
  • Denkorgan

Dies ist insofern von Bedeutung, denn nach der Vorstellung der Buddhisten können die inneren Vorgänge wie Emotionen und Kognitionen genauso als Sinneseindrücke wahrgenommen werden wie äußere. Primär geht es also um die Bewusstwerdung von Affekten, Empfindungen und Denkinhalten. So gelangt man zu dem Punkt, dass “rechte” Achtsamkeit als eine Art Bewusstseinszustand definiert werden kann. Die Fähigkeit, möglichst häufig in jenen Bewusstseinszustand zu gelangen, wird mit der Fertigkeit erreicht, den unruhigen und abschweifenden Geist zu kontrollieren. Dies wird als die höchste Konzentration verstanden und kann mittels verschiedenen Meditationstechniken trainiert werden. 

Fazit 

Achtsamkeit als allgemeiner Wirkfaktor für die verschiedenen „Problemstellungen“ im sportlichen Kontext scheint aus theoretischen Überlegungen Sinn zu machen, da es eine Anzahl von leistungsmindernden psychischen Faktoren gibt (z.B. Wettkampfangst), welche mittels achtsamkeitsbasierte Interventionen beeinflusst werden können. Der vorliegende Beitrag soll als ein Einstieg in den Bereich Mindfullness verstanden werden, um im weiteren Verlauf der Reihe vertieft auf die Wirkungsweisen und Möglichkeiten zu Training der Achtsamkeit einzugehen. Man lernt bekanntlich nie aus und wir im Netzwerk freuen uns über einen Austausch diesem spannenden Bereich.

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Kathrin Seufert und Klaus-Dieter Lübke Naberhaus: Gedankensteuerung nach Joshua Kimmich

Führungsspieler des FC Bayern München sowie des Nationalteams und für viele junge Fußballer im Land ein glühendes Vorbild – und das mit gerade einmal 25 Jahren. Mittlerweile ist Joshua Kimmich auch Vater. Ein Umstand, der ihn im Frühjahr 2019 vor eine echte Herausforderung stellte: Berliner Olympiastadion oder Kreißsaal? In einer ZDF-Dokumentation von Jan Medelin und Lars Ruthemann (31.05.2020, https://www.zdf.de/sport/zdf-sportreportage/fussball-fc-bayern-joshua-kimmich-doku-100.html) lässt Kimmich private Einblicke zu. Eine Aussage, die er bezüglich der Schwangerschaft seiner Freundin Lina tätigt, lässt aufhorchen. Und es zeigt, an einem besonderen Beispiel, wie die Gedankensteuerung funktionieren kann.

Zum Thema: Aufmerksamkeit lenken und Fokus setzen

Der errechnete Geburtstermin des gemeinsamen Kindes von Joshua Kimmich und seiner Freundin Lina lag zwischen dem letzten Bundesligaspiel der Saison 18/19 und dem DFB-Pokalfinale, in welchem der Bayern-Spieler auf seinen früheren Arbeitgeber RB Leipzig traf.

Obwohl wir unterstellen dürfen, dass Kimmich als werdender Vater emotional hochgradig beteiligt war, schaffte er es nach eigenem Bekunden in der Doku, für die Dauer des Pokalspiels am 25.05.2019 im Berliner Olympiastadion die Gedanken an die bevorstehende Geburt seines Sohnes vollkommen auszublenden. Sein Fokus war einzig und allein auf das Spiel ausgerichtet, auf das Finale und die Möglichkeit, nach der Meisterschaft und dem Pokalsieg eine grandiose Woche einzuläuten, welche mit der Geburt seines Kindes gekrönt werden kann.

Es müssen nicht immer die großen Räder sein, an denen wir drehen  

Doch wie kann das gehen? Wie funktioniert es, dass sich ein Sportler trotz eines solch einschneidenden Ereignisses mit dieser immensen emotionalen Tragweite seinen Fokus voll auf die sportliche Höchstleistung ausrichten kann? Damit wollen wir uns nun konkret beschäftigen: 

Eines vornweg. Oft helfen uns scheinbar kleine Dinge, um unseren Fokus zu behalten. Es geht vor allem darum, Gedanken, die dazu führen, dass ich vom Fokus abschweife, möglichst nicht zuzulassen oder wenn sie auftreten, schnellstmöglich wieder zum Fokus des Spiels zurückzukehren. Verlieren wir unser Ziel aus dem Blick, fehlt die notwendige Fokussierung, dann geht unsere Aufmerksamkeit und die Wirksamkeit unserer Handlungen zurück. Damit können wir nicht mehr die volle Leistungsfähigkeit auf den Platz bringen. 

Klaus-Dieter Lübke Naberhaus

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Anker setzen und Pendelübungen

Wenn wir sogenannte Anker setzen, Bezugspunkte haben, um unsere abschweifenden Gedanken loszulassen und zu unserem Fokus zurückzufinden, dann ist dies hilfreich. Und das sind ganz einfache Dinge, wie z.B. ein bestimmter Punkt an der Wettkampfkleidung, der mich dabei unterstützt, bei aufkommenden abweichenden Gedanken zurück ins Hier und Jetzt zu gelangen. Ein konkretes Beispiel ist das Patch am Oberarm, die Werbung auf der Brust oder die Nahtkante am Unterrand des Trikots. Die Kontaktaufnahme mit dieser auserwählten Stelle soll mich selbst daran erinnern, mich wieder voll auf die jetzige Aufgabe zu fokussieren. Der „Hier und Jetzt-Punkt“ kann jederzeit, ohne dass es jemanden auffällt, genutzt werden und durch die taktile Berührung des Ankers speichert unser Gedächtnis diesen Punkt als Unterstützung zur Aufmerksamkeitslenkung. Und auch hier bestimmt die Übung den Meister. Je öfter ich diesen Punkt nutze, trainiere, desto effektiver kann er auch in schweren Situationen eingesetzt werden.

Doch auch so genannte Pendelübungen sind einsetzbar, gerade wenn es um emotional stark beladene Situationen geht, wenn die Emotionen sozusagen „überkochen“. Dann braucht es einen Regulator, damit ich aus der Situation der emotionalen Überwältigung herauskomme und meine Handlungsfähigkeit mit relativ klarem Kopf zurückerlange. Pendelübung deshalb, weil ich aus mir heraus meine Gedanken auf einen neutralen Gegenstand, wie etwa den Ball, das Trikot des Gegenspielers oder ein Element des Stadions richte. Kurz ein, zwei sachliche Merkmale beschrieben, wie zum Beispiel „der Ball ist rund und schwarz-weiß“ – und schon bin ich aus der Emotion und den nachfolgenden reduzierten Handlungsweisen wie Angriff, Flucht und Schockstarre heraus. Diese Emotionen spielen sich auf der Ebene meines Hirnstammes ab, der entwicklungsgeschichtlichen alten Struktur unseres Gehirns. Genau da wollen wir aber nicht hin, stattdessen leiten wir die Gedanken auf die Ebene des rationalen Bewusstseins – damit werden wir wieder handlungsfähig.

Kathrin Seufert

Sportarten: Fußball, Schwimmen, Eishockey, Basketball, Schießsport, E-Sports aber auch offen für alle anderen Sportarten

Kontakt:

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k.seufert@die-sportpsychologen.de

Zum Profil: https://www.die-sportpsychologen.de/kathrin-seufert/

Das Stoppschild

Für diejenigen unter euch, die sich ihrer Gedankengänge noch nicht wirklich bewusst sind, kann es helfen, diese zunächst aufzuspüren und zu bewerten, inwieweit diese förderliche oder hinderlichere sind. Notiere dir dafür alle Gedanken, bei denen du glaubst, dass sie dich nervös machen oder dich von deiner vollen Leistungsfähigkeit abbringen. Nutze die Gelegenheit und formuliere für diese „ungünstigen“ Gedanken positive hilfreichere Gedanken, Sätze oder Symbole. Nehmen wir uns das Beispiel von Joshua Kimmich dafür noch mal zur Hand: Vor dem entscheidenden Spiel hat er das Gefühl, bei der bevorstehenden Geburt eventuell nicht dabei sein zu können. Dieser Umstand beschäftigt ihn. Dass diese Gedanken im Endspiel um den DFB Pokal eher als ungünstig bezeichnet werden müssen, ist selbstredend.

Stattdessen muss er versuchen, diese Gedanken beim Aufkommen zu stoppen. Die Vorstellung eines imaginären Stoppschildes aus dem Straßenverkehr ist dafür eine geeignete Variante. Nachdem mit Hilfe dieser Vorstellung die sportlich „hinderlichen“ Gedanken gestoppt wurden, kann die Ausrichtung wieder auf die Zielfokussierung erfolgen. Der Satz, „Ich spiele diese 90 Minuten, für meine Mannschaft, für mich, für meine Freundin und unseren Kleinen, damit ich ihm als Pokalsieger bald auf der Welt begrüßen kann,“ kann der entgegengesetzte positive Satz oder Gedanke sein. Wie gut das funktionieret hat, erfahrt ihr übrigens in der ZDF-Doku.

Hinweis

Unsere Kollegen (zur Übersicht) und wir, Klaus-Dieter Lübke Naberhaus (zum Profil) und Kathrin Seufert (zum Profil), helfen dir gern dabei, die für dich passende Technik zu finden, um deine Aufmerksamkeitslenkung in die richtigen Bahnen zu lenken. Vielleicht ist die Sommerpause eine wunderbare Gelegenheit, um dafür den Grundstein zu legen. Nimm gern Kontakt auf!

Mehr zum Thema:

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