Johanna Constantini: Wenn Follower zu Richtern werden – „soziale“ Medien & der Dopingskandal

Die Bilder des österreichischen Langläufers Max Hauke gingen um Welt. Während der Nordischen Ski WM in Seefeld 2019 wurde der Sportler während einer Razzia mit Transfusionsnadel im Arm gefilmt. Für die ermittelnden Behörden ein Volltreffer – dass das Video aber offenkundig durch einen Beamten im Netz gelandet ist, stellt für den Sportler Max Hauke und den Menschen dahinter eine schwere Bürde dar. Nun ist nicht zuletzt die Sportpsychologie gefragt.

Zum Thema: Zwischen realer Verurteilung und digitaler Verfolgung

Meine Intention ist es an dieser Stelle nicht, Doping zu verharmlosen und die Betroffenen – vor allem den gefilmten Athleten Max Hauke – in Schutz zu nehmen. Jedoch möchte ich die „Lawine“ beleuchten, die nun und vor allem durch die Dynamiken sozialer Medien losgetreten wird. Denn das zehn sekündige „Beweisvideo“ macht die ganz große Runde. Zwar ist es mancherorts aufgrund der rechtlich fragwürdigen Entstehungsgeschichte gelöscht worden, kursiert aber weiter. Und wer sich nun schon mal genauer mit Sozialen Medien auseinandergesetzt hat, der weiß, dass die Reichweite des verheerenden Bildmaterials nun erst zunimmt.

Ganz zu Schweigen von gehässigen Kommentaren, Dislikes und tatsächlichen Androhungen gegen die Sportler, geschürt durch soziale Medien. Wie sollte es sonst sein, sieht man sich schon die Kommentare unter „harmlosen“ Beiträgen an, wie sie täglich auf Facebook Seiten diverser Tageszeitungen veröffentlicht werden. Sport polarisiert, wenn einzelne Athleten für einen Skandal verantwortlich gemacht werden können, der noch dazu von vielerlei Seiten rührt, gibt es genügend Gründe, das Sündenbock-Spiel in den nur vermeintlich „sozialen“ Medien bis aufs Äußerste zu treiben.

Digital „sozial“ zum Suizid

Wo soziale Medien helfen, SportlerInnen zu pushen, mit Fans zu interagieren, Siege und Freudentage zu feiern, dort fördern sie genauso schnell das Gegenteil: Anklage, Verfolgung, Hass. Bis in den Suizid treibt es Menschen, die in den Newsfeeds sozialer Medien angeklagt werden. Noch dazu für ein Verhalten, dass nicht alleine durch den angeklagten Sündenbock erst stattfinden konnte. Schließlich stehen hinter den – in diesem Fall – dopenden Sportlern auch allerhand Unterstützer, die jene Schritte erst ermöglichen konnten. Von vermeintlichen Sportmedizinern ganz zu schweigen…

Ein gehässiger Post ist schnell geschrieben, eine niederschmetternde Anklage in Sekunden geteilt, ein beweisendes Video rasch gepostet. Was sich diejenigen Poster jedoch bewusst machen sollten, ist die tiefe Verankerung dieses Materials in den Weiten des Internets. Gefiltert von Google und dank intelligenter Algorithmen ausgespielt, braucht es viele positive, digitale Berichte, um den Dopingskandal der noch jungen Athleten Max Hauke und Dominik Baldauf sowie weiterer bis jetzt bekannt gewordener Namen zukünftig überschatten zu können.

Digitale Anklage aus der Sicht der Sportpsychologie

Harte und auch gerechtfertigte Strafen werden auf die betroffenen Athleten und alle Verantwortlichen zukommen, Suspendierungen und frühzeitig beendete Karrieren werden schwer wiegen. Dessen sind sich die betroffenen AthletInnen bereits bewusst. Was danach jedoch bleiben wird, sind die digitalen Spuren, die nun – in der akuten Phase der Skandale rund um Österreichs „Doping-Sünder“ – noch weiter zunehmen werden. Wie können AthletInnen aus sportpsychologischer Sicht nun begleitet werden? Sollten Sportpsychologen die Funktion eines Anwalts der SportlerInnen übernehmen? Verteidigt man derartige Verstöße vor Fans und TeamkollegInnen?

Zum Profil von Johanna Constantini: https://www.die-sportpsychologen.de/johannaconstantini/

Nachdem es der Justiz obliegt, für Gerechtigkeit zu sorgen und auf alle nun bekannt gewordenen Vergehen Konsequenzen folgen werden, sollte der Fokus der Sportpsychologie auf den Langzeitfolgen liegen: Besonders in Hinblick auf die Hetze im Netz können AthletInnen trotz schlimmer Vergehen weiterhin gut beraten und begleitet werden. Gerade weil sich die Verurteilungen über soziale Netzwerke auch nach gerechtfertigten Strafen nicht so einfach löschen lassen. So werden die AtletInnen noch viele Jahre mit ihren Regelverstößen konfrontiert werden, Hass-Tiraden im Netz könnten zudem jederzeit durch zukünftige Skandale wieder aufflammen. Postings verjähren nicht und Cybermobbing endet oftmals im Suizid. Mit der ständigen Öffentlichkeit kommen schon AthletInnen, die sich keine derartigen Vergehen zu schulden haben kommen lassen, phasenweise schlecht zurecht. Wie wird es also jenen ergehen, die ihre Strafen erst noch absitzen müssen?

Eine Aufgabe für die moderne Sportpsychologie

Dessen muss sich die moderne Sportpsychologie bewusst sein, über Dynamiken wie sie sich in sozialen Netzwerken entwickeln Bescheid wissen und die Sicht der AthletInnen dazu kennen. Die wichtige Aufgabe der sportpsychologischen Arbeit reicht in diesem Fall über jegliche juristische Wiedergutmachung hinaus und zeichnet sich durch genaues Hinschauen – online wie offline – aus.  

Alles, was gerade passiert und wovon wir als „Außenstehende” nur einen Bruchteil mitbekommen, mag Zeit brauchen, um sich zu beruhigen. Zeit, die für eine sportliche Karriere der Betroffenen in diesem Leben wohl nicht mehr reichen wird. Doch können wir verhindern, dass daraus lebenslange Strafen werden. Auch über „soziale“ Medien.

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