Kathrin Seufert: Rote Karte für Emotionen – Was Trainern, Staff und Ersatzspielern nun helfen kann

Das International Football Association Board (IFAB) hat im März eine Neuerung eingeführt, die ab der Saison 2019/2020 auch in den deutschen Ligen zu starken Veränderungen führen kann. Die neue Regel sieht vor, dass neben den Spielern auf dem Spielfeld auch Trainer und Teammitglieder verwarnt und sogar des Spielfeldrandes verwiesen werden können. Gründe für diese gelben und roten Karten sind laut IFAB unter anderem unsportliches Verhalten oder das Verlassen der Coaching Zone. Und auch dabei droht nach einem Verweis eine weitere Sperre für Folgespiele. Der DFB und die DFL planen angeblich, dass ein Trainer oder ein Teammitglied nach vier erhaltenen gelben Karten, eine Sperre für ein Spiel erhält. Genau wird darüber erst am 21. August 2019 auf der Generalversammlung der DFL entschieden. 

Zum Thema: Was die neue Regelung mit gelben und roten Karten für Trainer und Staff auf der Bank bedeuten und was für Veränderungen unter Umständen nötig sind?

Im aktuellen Regelwerk des DFB ist folgender Wortlaut dazu zu lesen:

Disziplinarverfahren – Der Schiedsrichter hat:

  • Maßnahmen gegen Teamoffizielle zu ergreifen, die sich nicht verantwortungsbewusst verhalten, wobei er sie ermahnen, verwarnen (gelbe Karte) oder des Spielfelds und dessen unmittelbarer Umgebung, einschließlich der technischen Zone, verweisen darf (rote Karte).

Diese Regeländerung hat schon viele Trainer aus den verschiedenen Ligen zu Kritik verleitet. Aus sportpsychologischer Sicht, ist hier eine große Veränderung für manche Trainer von Nöten, um auszuschließen, seine Mannschaft alle vier Wochen von der Tribüne aus Coachen zu müssen. 

Kritik von Julian Nagelsmann

Denn was das für die Trainer bedeutet, zeigt auch die Kritik von Julian Nagelsmann, Trainer von RB Leipzig. Er sagt zur Regeländerung: „Es ist nicht im Sinne der Sache, dass ein Trainer jedes vierte Spiel auf der Tribüne sitzt, nur weil er Emotionen zeigt. Warum soll ein Trainer schneller gesperrt werden als ein Spieler? Das macht doch keinen Sinn.“

Und genau hier ist der entscheidende Punkt aus sportpsychologischer Sicht. Die Emotionen müssen so im Zaum gehalten werden, dass der Schiedsrichter keinen Grund zur Beanstandung hat. Somit wäre das kurze „Auslassen“ von Ärger, Anger out genannt, an einer Bande oder Spielerbank unter Umständen nicht mehr straffrei. Das Ärgern über den Videobeweis, das eigene taktische Vorgehen oder das Verhalten anderer, muss nun also in einer Kontrolle der Emotionen, dem sogenannten anger-Control, stattfinden. Dies zu erlernen wird unter Umständen nun die Hausaufgabe des ein oder anderen Trainers sein. 

Emotionen kontrollieren lernen

Doch was können Trainer tun, wenn sie sich doch zumindest ein paar Möglichkeiten aneignen möchten, um im Zweifelsfall im eigenen Rucksack Fähigkeiten zu besitzen, um die Emotionen in einer Situation nicht zu sehr hochkochen zu lassen? Nicht für jeden Trainer gelten hier dabei dieselben Herangehensweisen. Wie immer geht es in der Sportpsychologie nicht nach Rezept. Vielmehr spielen die Persönlichkeit und die Individualität des Trainers bezüglich der Maßnahmen und der sportpsychologischen Tools, die für ihn oder sie Anklang finden können, eine entscheidende Rolle. 

Wichtig zu wissen ist: Emotionen wie Stress, Ärger und Angst sind kognitive Energiefresser. Sie lenken unsere Aufmerksamkeit auf das Ereignis und mindern damit die Energie, die wir aufbringen müssten um das Problem zu lösen. 

Was also tun?

Eine gute Möglichkeit ist, sich die Situation bewusst zu machen. Es geht darum, die Aufmerksamkeit zu lenken und dabei zu vermeiden, sich vollständig auf das Problem, das Stress oder Ärger auslösende Ereignis zu konzentrieren. Und wie das ganze funktioniert? Eine Variante ist, den Körper und den Geist zu verbinden. Dies nennt man eine Embodiment-Übung. Hierbei ist die Wechselwirkung von Körper und Psyche gemeint, die erklärt, wie aus einer Körperhaltung eine Emotion aufgeklärt werden kann, aber auch umgekehrt wie eine Emotion eine Körperhaltung hervorrufen kann. 

Mehr Infos zu Kathrin Seufert: https://www.die-sportpsychologen.de/kathrin-seufert/

Für die Trainer am Spielfeldrand im Fußball ist keine Zeit für lange Entspannungsübungen, Meditation oder sich Gedanken über Ursachen zu machen und diese dann sinnvoll umzuformen. Während des Spiels muss es schnell gehen. Daher könnte man sich eine Körperhaltung überlegen, die man mit Ärgerkontrolle, Entschleunigung oder Ruhe in Verbindung bringt. Diese Haltung soll dann in den Situationen, in denen man sich aufregt, am liebsten alles gegen die Wand werfen wollen würde, eingenommen werden. Aber wie auch die meisten anderen sportpsychologischen Übungen, bedarf dies ein wenig Training. Also nutzt den Spiegel daheim, und versucht euch einzuprägen, wie die Körperhaltung aussieht, wie sie wirkt und was sie verkörpern soll. So schafft man es, sie in den notwendigen Situationen einzusetzen und ihren Zweck erfüllen zu lassen. 

Gezielte Ablenkung

Sollte es mal wirklich zum aus der Haut fahren sein, ist es ebenso möglich, eine Technik anzuwenden, die dazu beitragen soll, sich auf das hier und jetzt wieder zu besinnen und sich zu regulieren. Mit der sogenannten 3-2-1 Technik werden Einflüsse aus der Umwelt bewusst wahrgenommen und die Aufmerksamkeit vom Problem weg gelenkt. Das soll den Zweck erfüllen, sich in kurzer Zeit aus der Gefahrenzone „Anger-out“ herauszubringen und einen kühlen Kopf zu erhalten. 

Niemand ist perfekt und auch diese beiden Techniken werden unter Umständen nicht in allen Situationen funktionieren und sicherlich nicht gleich von Beginn an greifen. Jeder muss für sich schauen, womit er oder sie es schafft, sich zu regulieren und kontrollieren. Der Grad zwischen sich selbst in seiner Charakterstärke treu bleiben, sich aber dem Regelwerk entsprechend zu verhalten, ist sicherlich ein schmaler. Und es bedarf unbedingt ein sich an die wechselnden Bedingungen und Ansprüche immer wieder anpassendes Training. 

Ein interessanter Fakt…

Nicht nur für den Trainer heißt es ab der neuen Saison: Zurückhaltung! Denn so steht im Regelwerk des DFB weiter:

„Kann der Täter nicht eruiert werden, wird die Disziplinarmaßnahme gegen den höchstrangigen Trainer in der technischen Zone ausgesprochen. Ein medizinischer Teamoffizieller, der ein feldverweiswürdiges Vergehen begeht, darf bleiben, wenn dem Team keine andere medizinische Person zur Verfügung steht, und handeln, wenn ein Spieler eine medizinische Behandlung benötigt.“

Arbeitsauftrag an alle

Also dürfen sich auch alle impulsiven Sportdirektoren, Ersatzspieler und die Personen aus der medizinischen Abteilung angesprochen fühlen, sich damit auseinander zu setzen, um den Trainer vor Ausflügen auf die Tribüne zu bewahren. 

Wer sich aber zur persönlichen Entwicklung und als Vorsichtsmaßnahme Fähigkeiten aneignen will, seine Emotionen besser kontrollieren zu können, der kann sich gerne an einen meiner Kollegen (zur Übersicht) oder an mich (zum Profil von Kathrin Seufert) wenden.

Abseits des Protokolls 

Unter uns: Als Fußballfan finde ich es persönlich schwierig, einen Menschen derart in seiner Art zu beschränken. Natürlich gehört ein gewisses Benehmen auch auf dem Fußballplatz dazu. Aber dennoch ist Fußball eine Sportart. Sport lebt von Emotionen. Und diese könnten sicherlich aus Sorge vor dem Platz auf der Tribüne eingeschränkt werden. 

Was meint ihr dazu? Ich freu mich auf euer Feedback: 

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Ihr wollt Kathrin Seufert live erleben? Dann kommt zu “Die rote Couch – Das Sportpsychologie Barcamp”:

Mehr zum Thema:

Links und Quellen:

https://www.dfb.de/news/detail/die-neuen-fussballregeln-sind-da-205422/

Fußball – Regeln 2019/2020 – DFB Regeln 05 Schiedsrichter Nr. 3 Rechte und Pflichten (S. 36)

https://www.sportschau.de/fussball/bundesliga/bundesliga-trainersperren-kritik-100.html

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