Christian Hoverath: Vom Trainer zum Täter – Wie Sportler, Eltern und Funktionäre Fehlverhalten von Vertrauenspersonen erkennen können

Auch wenn in der Sportwelt nur allzu ungern darüber gesprochen wird: Themen wie sexualisierte, körperliche oder psychische Gewalt sind ein präsentes Problem im Alltag von Vereinen und Verbänden. Daher haben wir mit Christian Hoverath einen unserer Experten gefragt, woran Trainer, Funktionäre, Eltern und auch Athleten selbst erkennen können, wann Grenzüberschreitungen vorliegen und Gefahr im Verzug ist. Der aktive Triathlet aus Wesel in Nordrhein-Westfalen ist Sportpsychologe und Psychologe. Beruflich hat er intensiv auch mit Themen wie Kindeswohlgefährdung zu tun und konnte darüber hinaus schon manchen Trainern und Verbandsfunktionären über nötige Präventionsarbeit aufklären. In unserem Netzwerk ist er neben seinen sportlichen Schwerpunkten im Ausdauerbereich, Radsport und Tennis einer der Ansprechpartner für Prävention sexualisierter Gewalt, Kindeswohlgefährdung und Dopingprävention. 

Hinweis: Wenn Sie in allen Teilen Deutschlands, in Österreich oder der Schweiz einen Experten anfragen wollen, nehmen Sie gern Kontakt zu unserer Zentrale auf. Wir vermitteln sie vertrauensvoll weiter: m.liebing@die-sportpsychologen.de

Christian Hoverath, warum ist es grundsätzlich so schwer, Fehlverhalten von Tätern im sportlichen Umfeld zu erkennen?

Nun, strafbare Handlungen passieren nicht von heute auf morgen. Diese Allmählichkeit macht es schwer, Taten zu erkennen und aufzudecken. Täter kommen ja nicht als solche in den Verein. Zuerst treten sie als Vertrauensperson auf und gehen freundlich und freundschaftlich auf die Athleten zu. Durch die erfahrene Zuwendung bekommen Athleten Aufmerksamkeit, die für sie durchaus wichtig ist. Sie entwickeln Vertrauen und öffnen sich. Es entsteht Bindung, die ganz wichtig ist für das, was dann kommt.

Wie gestaltet sich der weitere Verlauf?

Zwischendurch und allmählich kommt es zu Grenzüberschreitungen, wenn das Vertrauen aufgebaut ist. Dies geht über Blicke, Worte oder doppeldeutige Äußerungen über den Körper, zum Beispiel über das Gewicht. Heranwachsende Frauen sind, um ein Beispiel zu nennen, äußerst empfänglich, da sie mit ihren körperlichen Veränderungen erstmal klarkommen müssen. Diese Überschreitungen dienen der Suche nach geeigneten Opfern. Täter schauen, wo sie wenig Widerstand zu erwarten haben. Diese Opfer merken dann, dass irgendwas nicht stimmt. Sie fühlen sich unwohl, entwickeln Gefühle innerer Abwehr und von Scham, hören dennoch schweigend weg. Zumal die Athleten weiterhin auch die so benötigte Aufmerksamkeit bekommen, was zu noch mehr Verwirrung auf ihrer Seite führt. Täter testen ihre Opfer und ihre Grenzen. Bekommen sie keine, dann besteht die Gefahr, dass potentielle Täter tatsächlich aktiv werden.

Konkret: Wie lässt sich ein Muster für sexuellen Missbrauch skizzieren?   

Im Sexuellen kommt es häufig zu Berührungen des Körpers, auch der Geschlechtsteile. Anfänglich passiert dies wie „zufällig“. Später mehr und mehr offen und zielgerichtet. Damit testen die Täter weiter die Reaktionen des Opfers und wie weit sie gehen können. Ohne Stopp wird das Verhalten langsam gesteigert. Die Folgen auf Seiten des Opfers: Er oder sie ist weiter tiefergehend verwirrt oder gelähmt. Schließlich ist ein Trainer oder eine anderen Vertrauensperson aus dem eigenen System der Täter. Gefühle von Scham und Ekel überwältigen die Betroffenen, die einst wohlige Nähe zum vertrauten Menschen weicht einem stummen Entsetzen. Sportler und Sportlerinnen stellen sich dann Fragen wie: „Kann es denn sein, dass eine Person, die ich mag und die mich mag, mir weh tut?“ Oder: „Was stimmt mit mir nicht?“

Welche Rolle spielt das System?

Natürlich wird auch das Umfeld manipuliert. Täter nutzen ihren Vertrauensvorschuss, den sie sich über die Zeit – zum Beispiel durch sportliche Erfolge – erarbeitet haben. Dies ist insbesondere dann nötig, wenn sie eine Aufdeckung befürchten müssen. Also gerade bei krassen Vorwürfen wie sexuellem Missbrauch. Denn schon im Voraus bauen sie vor und fragen nach Problemen des Opfers im häuslichen Bereich, um die Ursachen für Verhaltensänderungen der Opfer in Folge der sexualisierten Gewalt von sich selbst und den eigenen Handlungen abzulenken. Erschwerend kommt hinzu, dass Sportler sehr häufig eine Distanz zum häuslichen Umfeld aufgebaut haben, teilweise in Internaten oder Leistungszentren leben. Sie verbringen ja viel mehr Zeit beim Training und im Umfeld des Sports als zuhause.

Aber zurück zum Täterverhalten: Wie setzen sich die Fehlhandlungen nach der Testphase fort? 

Nach den Tests kommt es zu vorsätzlichen Handlungen. Täter planen Wiederholungen und suchen Momente auf, in denen sie dem Opfer allein begegnen. Die Ambivalenzen im Opfer werden mehr und stärker. Da der Täter nonverbale Abwehrmechanismen offensichtlich nicht wahrnimmt, sie auch nicht ernst nimmt, entsteht Verunsicherung. Vertrauen geht verloren. Gleichzeitig bleibt aber die Hoffnung bestehen, dass es eine Rückkehr zum gemeinsamen, verbindenden Element der Freundlichkeit und Freundschaft gibt, die so lange Bestand hatte und auch immer wieder eingebaut wird. Diese Ambivalenzen sind für die Betroffenen nur schwer zu ertragen, weswegen die schönen Momente verstärkt wahrgenommen werden.

Die Täter agieren also höchst manipulativ? 

Die Manipulation geht sogar noch weiter. Oft werden die Taten als gemeinsames Geheimnis bezeichnet, der Täter konstruiert darüber eine Mittäterschaft. Vom Opfer wird verlangt, das gemeinsame Geheimnis zu hüten. Die Opfer geben ihr Versprechen zur Loyalität aus Angst und Hilflosigkeit. Wenn wir an Sportler und Sportlerinnen in Kadern oder besonderen Teams denken, kann die Angst zum Tragen kommen, fallengelassen zu werden. Denn Konkurrenz gibt es ja genug. Und diese könnte gefördert werden, wenn sich der oder die Betroffene wehrt.

Christian Hoverath

Sportarten: Tennis, Triathlon, (Beach-)Volleyball, Radsport (MTB und Straße), Einradsport, Leichtathletik, Schwimmen

Darüber hinaus beschäftigt sich Christian Hoverath mit der Prävention von Dopingverhalten und sexualisierter Gewalt.

Kontakt:

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Wie kann aber das Verhältnis zwischen Trainer und Sportler beziehungsweise Täter und Opfer so lange intakt bleiben?

Täter arbeiten im Fortgang oft mit Zuckerbrot und Peitsche. Die Bindung wird über das gemeinsame „Geheimnis“ verstärkt, hinzu kommen Schuldzuweisungen und Androhungen von Strafen in unterschiedlicher Form. Die Opfer reagieren wiederum sehr ambivalent. Einerseits haben sie das Gefühl allein zu sein, andererseits haben sie Angst vor der Strafe. Sie stehen unter moralischem Druck und unter wachsenden Schuldgefühlen. Neben Zuckerbrot und Peitsche arbeiten Täter auch mit Schreckensszenarien. So nach dem Motto: „Wenn du nicht mitmachst oder etwas erzählst dann fliegst du aus dem Kader.“ Vielleicht auch: „Deine Eltern haben so lang in dich investiert, willst du sie enttäuschen?“ Oder wenn es nicht um sexualisierte, sondern um emotionale Gewalt geht: „Dir glaubt doch eh keiner, wieso sollten wir die Gesundheit unserer Athleten riskieren.“

Bei all den Informationen und Zusammenhängen: Bietet der Sport für Täter ein „dankbares“ Umfeld?

Im Sport kommt sicher dazu, dass trotz einiger Bemühungen von Vereinen, Verbänden und Initiativen wenig Aufklärungsarbeit wirklich nachhaltig in der Breite angekommen ist. Oft ist der Sport auch geschlossenes System, mit steilen Hierarchien und besonderen Deutungshoheiten. Hinzu kommen Aspekte wie der Leistungsdruck: Täter bauen darauf, dass die Opfer nichts erzählen, um ihre Karriere nicht zu gefährden. Zusätzlich üben im Einzelfall auch die ehrgeizigen Eltern Einfluss auf die Kinder aus, um Schilderungen zurückzunehmen beziehungsweise zu bagatellisieren. Insbesondere dann, wenn auch finanzielle Unterstützungen fließen. Opfer nehmen dann häufig lieber die Schilderungen zurück, um diesem Druck zu entgehen.

Worauf sollte jeder Sportler verstärkt achten?

Mir liegt es am Herzen, dass wir auch auf die Schwächsten im System achten. Heranwachsende sind besonders gefährdet. Sie sind emotional ansprechbar, meist „außer Haus“ und ohne weitere Kontrolle. Wir alle sollten also auf mögliche Warnsignale achten. Allerdings will ich auch betonen, wie wichtig es ist, sehr sorgsam mit möglichen Anschuldigungen umzugehen. In Vereinen und Verbänden sollen, ja müssen dazu Ansprechpartner installiert sein. Diese sollten mit Beratungsstellen vernetzt sein, um dann Verdachtsfälle gut und sorgsam beraten zu können.

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