Johanna Constantini: Der Muskel wächst nicht schneller, wenn man ihn trackt

Dass das Gras nicht schneller wächst, wenn man daran zieht, ist weitläufig bekannt. Dass auch die Muskeln nicht schneller wachsen, wenn man sie trackt und durch digitale Messgeräte auf Pausen verzichtet, hat sich allerdings noch nicht überall herumgesprochen. Digitale Technologien verleiten auch abseits des Sports zunehmend zu einer Lebensweise, in der Pausen gravierend reduziert werden. Oft auch nur deshalb, weil sich durch die ständige Online-Präsenz zu viele Möglichkeiten zum Zeitvertreib bieten.

Zum Thema: Wie die digitale Permanenz Pausen im Sport verringert

Johannas Beitrag zum Hören!

Wer trainiert, sollte regelmäßige Pausen in seinen Trainingsplan einbauen. Diese Weisheit kann in so ziemlich jedem durchschnittlichen Trainingslehrewerk nachgelesen werden. Dabei braucht der Mensch seine Pausen nicht nur für die rein körperliche, sondern vor allem auch für die mentale Regeneration. Zöllner beschreibt die Pausen und damit die Rückbesinnung auf die eigene Person als „Schutzraum für die Kommunikation mit uns selbst“ (Zöllner, 2004, nach Diefenbach und Ullrich, 2014). Wo könnte diese Kommunikation mit uns selbst, wie sie schon Eberspächer (2012) in seinen Techniken zur Selbstgesprächsregulation beschrieben hat, wichtiger sein als im Sport?

In einer Zeit, in der eine „Alles-überall-und-bitte-sofort-Strategie“ (Ball, 2014) so vehement verfolgt wird wie nie zuvor, stoßen wir jedoch nicht erst bei Trainingspausen an unsere Grenzen. Athleten sind bereits abseits des Trainingsalltags gefordert, Pausen strikter als je zuvor einzuhalten und das Smartphone als meistgenutztes Tool, um Pausen zu überspringen, auch mal wegzulegen. Da es als „Schweizer Taschenmesser der Informationsgesellschaft“ dient (Spitzer 2017) und uns damit bequemerweise alles bietet, was wir suchen, fällt uns genau dies „abzuschalten“ zunehmend schwerer. Doch was ist der Preis, den wir als pausenlose Gesellschaft bezahlen?

Aufmerksam gegen die Ablenkung

Mehr Infos zu Johanna Constantini: https://www.die-sportpsychologen.de/johannaconstantini/

Pausen von besagtem und anderen „digitalen Helferchen“ bedeuten unter anderem, Selbstkontrolle zu praktizieren, unsere Impulse kontrolliert zu steuern und uns nicht ständig von den Inhalten, die uns digitale Geräte bereitstellen, ablenken zu lassen. Warum Pausen und die damit einhergehende Selbstkontrolle derartig wichtig sind, konnten PsychologInnen bereits vor Jahrzehnten ergründen. Selbstkontrolle und das „Abwarten können“ sind demnach grundlegende Eigenschaften für langfristige Lebenszufriedenheit, hohe Leistungsfähigkeit und Zielstrebigkeit (Mischel et. al., 1989). Wenn man sich heute auf den Trainingsplätzen diverser Sportarten umsieht, erscheint es nachvollziehbar, die bis dato nicht diagnostizierbare „Smartphone-Sucht“ zu den Impulskontrollstörungen zuzuordnen (ICD-10, 2019).

„Ich blicke immerzu darauf. In meinen Trainingspausen schaue ich schnell, was sich so tut“, erklärte mir dabei kürzlich ein Athlet, gefragt nach seinem Umgang mit digitalen Medien. Und reflektierte weiter: „Oft werde ich dadurch von den folgenden Trainingsschritten abgehalten. Vergesse, nach welcher Hantel ich zuletzt gegriffen habe.“

Oh du schöne Langeweile

Was passiert also mit AthletInnen, die Pausen überspringen, weil sie die Inhalte ihrer Smartphones alle fünf Minuten „checken“? Wenn sie dabei von einer Tätigkeit in die nächste übergehen, ohne kurz inne zu halten?

Die zeitliche Überlagerung von verschiedenen Tätigkeiten produziert nicht nur mehr Stress im Organismus, durch Phänomene des „Nicht-mehr-warten-könnens“ (Ball, 2014) geht auch die „Langeweile“ verloren. Diese stellt im Trainingsalltag jedoch wichtige Reflexionszeit zur Verfügung. Wenige Minuten, um kurz inne halten zu können. Die nächsten Trainingsschritte zu planen und die letzten zu überdenken. Auch, um die eigenen Techniken der Selbstgesprächsregulation zu überprüfen. Fragen wie: Wie verläuft meine innere Sprache? Was sage ich zu mir, wenn ich einen Trainingsabschnitt beendet habe? Könnten meine Selbstgespräche konstruktiver formuliert sein?“, können sich gestellt werden, anstatt die Selbstreflexionen durch unachtsam eingesetzten Smartphone-Gebrauch und deren Inhalte (meist in sozialen Medien) zu stören.

Mehr Zeit für Leidenschaft

Sowohl im mentalen, als auch auch im körperlichen Bereich führt die immer geringer werdende Toleranzgrenze für lange Weile zu einer gefühlten Knappheit der Lebensressourcen. Doch was wollen wir lieber erleben, als die Gefühle eines unendlichen Maßes an Zeit, die uns für unsere Leidenschaft zur Verfügung steht?
Nicht zuletzt deshalb wird es zunehmend wichtiger werden, den achtsamen Smartphone Gebrauch auch im sportlichen Kontext zu forcieren.

Mehr zum Thema:

Die komplette Serie “Was moderne Sportpsychologen von sozialen Medien wissen sollten… und noch viel mehr…”:

Quellen:

Ball, R. 2014. Die pausenlose Gesellschaft: Fluch und Segen der digitalen Permanenz. BALANCE Buch + Medien Verlag

Eberspächer, H. 2012. Mentales Training: Das Handbuch für Trainer und Sportler.  Copress Sport; Auflage: 8. durchgesehene Neuauflage
Diefenbach, S. und Ullrich, D. 2016. Digitale Depression: Wie neue Medien unser Glücksempfinden verändern. mvg Verlag (9. Mai 2016)

Spitzer, M. 2017. Cyberkrank!: Wie das digitalisierte Leben unsere Gesundheit ruiniert. Droemer TaschenbuchW. Mischel, Y. Shoda, M. I. Rodriguez: Delay of gratification in children. In: Science. Band 244, Nr. 4907, 26. Mai 1989, S. 933–938, PMID 2658056.

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