Johanna Constantini: Digitales Pausenverhalten und die Risiken von sozialen Medien in Verletzungsphasen

Nichts ist für Athleten frustrierender, als verletzungsbedingte Pausen einlegen zu müssen. Keine Frage, dass sich nach dem ersten Schock ein Gefühl der Nutzlosigkeit im Kopf der Sportler breit macht. Nicht nur, weil der Alltag normalerweise voll und ganz auf dem Sport aufbaut, sondern auch, weil digitale Medien in dieser Beziehung oft keineswegs zur Besserung der Stimmung verletzter Sportler beitragen.

Zum Thema: Was moderne Sportpsychologen vom Umgang mit sozialen Medien wissen sollten! (Teil 9)

Ganz im Gegenteil: Verletzungsbedingte Pausen, die ohnehin schon zu depressiver Verstimmung bei Athleten führen können, bedingen oftmals vor allem gehäufte Mediennutzung. Und Mediennutzung meint hier vorrangig die Beschäftigung mit sozialen Medien. Schließlich steht den Sportlern durch abgesagte Trainings und Wettkämpfe meist mehr Zeit zur Verfügung. Zeit, um die digitalen Newsfeeds vermeintlicher Konkurrenten zu durchforsten, um Ergebnisse von Sportkollegen in sozialen Medien nachzulesen, ohne die Wettkämpfe in der Realität mitverfolgen zu können.

Dadurch, dass sowohl die reale Anwesenheit bei Training und Wettkampf, als auch eigene Postings aufgrund von fehlenden Inhalten wegfallen, besteht die Gefahr der „passiven Nutzung digitaler Medien“ während Verletzungspausen umso mehr. Im Gegensatz zum aktiven Posten in sozialen Medien – das mit einer Steigerung des Zugehörigkeitsgefühls einhergeht – fördert die passive Nutzung digitaler Medien das Gefühl von Einsamkeit (Burke et. al. 2009). Passive Nutzung bedeutet das alleinige „Ablesen“ der Informationen, die digital zur Verfügung gestellt werden.

Zugehörig oder einsam? Beispiel zur aktiven & passiven Nutzung digitaler Medien während Pausen

Beispiel: Facebook bietet Inhalte und News diverser virtueller Freunde (Siege und Platzierungen vermeintlicher Konkurrenten), die das soziale Netzwerk aufgrund des Surfverhaltens des Profilinhabers (verletzter Sportler) auswählt.  

Als Sportpsychologe sollte man sich dieses Phänomen bewusst machen, sobald man mit verletzten und pausierenden Athleten arbeitet. Neben dem gesteigerten Gefühl der Einsamkeit führt die vorwiegend passive Nutzung digitaler Medien zudem zur sogenannten „pluralistischen Ignoranz“. Die Leistungen anderer werden tendenziell besser bewertet, als die eigenen Erfolge (Chou & Edge, 2012). In Verletzungsphasen können sich derartige negativen Gefühle ebenfalls verstärken, da Erfolge generell ausbleiben.

Sportpsychologische On- und Offline-Strategien auf dem Weg aus der Verletzungskrise

Besonders während Zwangspausen ist sportpsychologisches Know-How in punkto Mediennutzung gefragt. Nicht nur, um mit Athleten während Verletzungsphasen so konstruktiv wie möglich mental zu trainieren, sondern auch, um geeignete On- und Offline-Strategien entwickeln zu können. Dabei ist es aus sportpsychologischer Sicht wichtig, über Phänomene wie pluralistische Ignoranz oder den Zusammenhang zwischen verbrachter Zeit auf Facebook und dem Aufkommen depressiver Symptome (Steers, Wickham and Acitelli, 2014) Bescheid zu wissen, um vor allem offline an Ressourcen und Stärken weiterarbeiten zu können. Schließlich sollten wir als Sportpsychologen stets darauf bedacht sein, unsere Athleten in Balance zu bringen. Online wie offline.

Tipps zu sportpsychologischen Interventionen während verletzungsbedingter Pausen:

  • Online und Offline Zeiten hinterfragen  (ggf. Zeitpläne erstellen)
  • Psychoedukation zu den Auswirkung digitaler und sozialer Medien
  • Erarbeitung alternativer Trainingspläne (ggf. exakte Zeiten für mentale Trainings festlegen)
  • Abklärung der Erwartungen während verletzungsbedingter Pausen
  • Erarbeitung positiver Seiten von Zwangspausen
  • Zielsetzungsstrategien
  • Erarbeitung diverser „Wege aus der Krise“
  • Stärkearbeit

Die komplette Serie:

Quellen

Burke, M., Marlow, C., & Lento, T. (2009). Feed me: Motivating newcomer contribution in social network sites. In Proceedings of the 27th International Conference on Human Factors in Comput- ing Systems (pp. 945–995). New York, NY: ACM. Burke,

Chou, H.-T. G., & Edge, N. (2012). “They are happier and having better lives than I am”: The impact of using Facebook on perceptions of others’ lives. CyberPsy- chology, Behavior & Social Networking, 15, 117–121.

Steers, Wickham and Acitelli, 2014: Seeing everyone else´s highlight reels: How Facebook Usage is linked to depressive symptoms, Journal of Social and Clinical Psychology, Vol. 33, No. 8, 2014, pp. 701-731

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