Johanna Constantini: Handy-Zeit oder Smartphone-Verbot? Strategien zur digitalen Wettkampfvorbereitung

Online ist man heute überall. Die Welt wird zunehmend vernetzter und das Internet lässt sich kaum noch wegdenken. Das Smartphone bildet dabei das „Schweizer Taschenmesser der Informationsgesellschaft“, wie es Dr. Manfred Spitzer so treffend beschreibt. Bei rund 7,6 Milliarden Menschen auf unserem Planeten lassen sich 3,03 Milliarden Social Media Nutzer finden (Statista, 2018). Netzwerke, die über das handliche Smartphone mehrfach täglich abgerufen werden. Auch im Sport ist das „kleine, rechteckige Wunderding“ beinahe immer dabei. Ob als sogenannter „Leistungstracker“, wie ich es in einem meiner Blogs schon ausführlicher beschrieben habe, oder um die aktuelle Wettkampfleistung der Konkurrenz via Streaming-Dienst abzurufen.

Zum Thema: Was moderne Sportpsychologen von sozialen Medien wissen sollten… und noch viel mehr… (Teil 13)

Mehr Infos zu Johanna Constantini: https://www.die-sportpsychologen.de/johannaconstantini/


Und immer wieder stellt sich die Frage, ob und wie viel Handynutzung während dem Training und vor allem in der unmittelbaren Wettkampfvorbereitung Sinn macht? Auch aus sportpsychologischer Sicht habe ich mir diese Frage bereits des Öfteren gestellt. Zumal ich um die massiven Aufmerksamkeitsdefizite und den oftmals beeinträchtigenden Schlafmangel weiß, die mit übermäßiger Smartphone-Nutzung einhergehen können. Oder die Einbußen im Selbstwert bis hin zu erlebten Ängsten, verursacht durch das Gefühl nicht dazuzugehören (Chou & Edge, 2012; Przybylski et al., 2013). Im Übrigen hängen beide dieser negativen Auswirkungen – wie so viele andere – mit der verbrachten Zeit in sozialen Netzwerken zusammen (Steers, Wickham and Acitelli, 2014).

Und, um die Frage nach der optimalen Smartphone Nutzung vor, während oder nach einem Wettkampf zu beantworten, so würde ich auch genau hier ansetzen: Zeit lautet das Zauberwort. Zeit ist es, die sich AthletInnen im Trainings- und Wettkampfalltag möglichst sinnvoll einteilen sollten, um optimale Leistungen abrufen zu können. Hier nachzuhaken, was die tägliche Nutzung digitaler und vor allem sozialer Medien angeht empfinde ich als ersten und fundamentalen Schritt in die richtige Richtung. Dabei sei gesagt, dass sich der durchschnittliche User 112 Minuten täglich in sozialen Medien aufhält – also was macht der Sportler oder die SportlerIn während dieser Online-Zeit?

Die sinnvolle Nutzung

Wenn es darum geht, mit einzelnen AthletInnen individuelle Trainings- oder Wettkampfvorbereitungen zu planen, so kann meiner Ansicht nach nur individuell vorgegangen werden. Schließlich ist nicht alles schlecht, was sich in den schier unendlichen Weiten digitaler Endgeräte verbirgt. Viele SportlerInnen nutzen ihre Smartphones und damit verbundene Zugänge ins World Wide Web durchaus sinnvoll. Nur wie könnte eine derartig individuelle Betrachtungsweise in Form der digitalen Wettkampfvorbereitung aussehen?

Als Beispiel: Von der Emotion in die Analyse digitaler Wettkampfstrategien

Weg von dem meist mit negativen Emotionen und Ärger besetztem Handy-Verbot, über das Bewusstmachen digitaler Auswirkungen bis hin zu einem adäquaten, situationsspezifischen Gebrauch:


Athletin X surft gerne während der Busfahrt zum Turnier im Internet. Sie spricht mit TrainerIn und/oder SportpsychologIn darüber, dass sie dieses Surfen ablenkt und sie ihre Nervosität dadurch besser in den Griff bekommt. Gemeinsam werden die Seiten besprochen, die ihr dabei gut tun und sie nicht in vermeintlich negative Stimmungen versetzen. Eine Online-Liste zur Wettkampfvorbereitung wird im nächsten Schritt mit der Athletin erarbeitet.

Beim Turnier angekommen verschwindet das Smartphone erstmal ausnahmslos in der Tasche. Nun ist es für die Athletin schließlich an der Zeit, sich auf dem Gelände zurechtzufinden, sich zu orientieren und analog anzukommen. Nach einer ausführlichen Vorbesprechung mit ihrem Team zieht sich die Athletin nochmals zurück. Mit dem Smartphone – mittlerweile auf Flugmodus gestellt – will sie sich nun ein Lied ihrer Offline-Playlist anhören. Das bringt sie immer in die richtige Aktivierung und fördert ihre Konzentration für den Wettkampf.

Fazit 

Wie bei allen (technischen) Neuerungen gibt es immer zwei Seiten der Medaille. Diejenigen AthletInnen, die für sich selbst etwas Positives aus ihrer Smartphone- und Internetnutzung ziehen können, sollten entsprechend gecoacht werden. Jenen, die sich durch digitale und soziale Medien überfordert und negativ beeinflusst fühlen, sollte ebenfalls ein geeignetes Coaching zukommen. Vor allem sollte die Handhabung digitaler und sozialer Medien, sowie der Smartphone-Gebrauch auch in der sportpsychologischen Arbeit Beachtung finden. Und zwar im Sinne eines bewussten Umgangs, der Schulung in Hinblick auf vermeintliche Auswirkungen und die wahren Funktionsweisen hinter Online-Scheinwelten.

Dass soziale Medien und ihre Inhalte unser aller Psyche beeinflussen, wissen wir heute. Doch gerade weil wir im Jahr 2019 nach wie vor zu den Early Adopters zählen, spielt die Schaffung des richtigen Bewusstseins eine umso größere Rolle. Wo bereits zahlreiche Untersuchungen nachweisliche Auswirkungen von fehlenden oder übermäßig vielen Likes, dem Gefühl online nicht oder schon dazuzugehören und dem Vergleichswahnsinn via Facebook, Instagram und co. zeigen konnten, da sollte uns das Thema auch im Sport etwas angehen.

Von einem strikten Handy-Verbot halte ich übrigens nur dann etwas, wenn durch die Anwesenheit von Smartphones die zwischenmenschliche Kommunikation direkt gestört wird. Was meine ich damit? Während der Trainer, die Trainerin oder die KollegInnen sprechen, liegen Smartphones nicht einmal mehr auf dem Tisch. In der Trainingstasche verstaut, machen sich die digitalen Begleiter dann am besten, wenn Mitmenschen – ob im Sportlerleben oder im Alltag – zu Wort kommen und miteinander kommunizieren. Hier hat ein Smartphone schon aus Respekt vor den Gesprächspartnern nichts zu suchen.

Die komplette Serie:

Quellen:

Przybylski, A.K., Murayama, K. DeHaan, C.R. and Gladwell, V. 2013. Motivational, emotional,

and behavioral correlates of fear of missing out. Computers in Human Behavior 29 (2013) 1841-1848

Burke, M., Marlow, C., & Lento, T. (2009). Feed me: Motivating newcomer contribution in social network sites. In Proceedings of the 27th International Conference on Human Factors in Computing Systems (pp. 945–995). New York, NY: ACM. Burke,

Steers, Wickham and Acitelli, 2014: Seeing everyone else´s highlight reels: How Facebook Usage is linked to depressive symptoms, Journal of Social and Clinical Psychology, Vol. 33, No. 8, 2014, pp. 701-731

Spitzer, Manfred. Cyberkrank: Wie das digitalisierte Leben unsere Gesundheit ruiniert. Taschenbuch. 2017

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