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Dr. René Paasch: Freie Bahn nur für mental Starke?

Ein aktueller WDR Sport Inside Beitrag „Jungprofis in der Bundesliga: Noch früher ins Rampenlicht“ sorgt für Aufsehen. Im Film von Matthias Wolf wird die Regeländerung kritisch beleuchtet, nach der in der Fußball-Bundesliga zukünftig ohne jegliche Einschränkung bereits 16-Jährige Kicker zum Einsatz kommen dürfen. Diese Veränderung hat Borussia Dortmund angestossen. Ein Verein, der zunehmend auf junge internationale Talente setzt. Aber zu welchem Preis? Zu dieser Frage wurde unter anderem Dr. René Paasch von Die Sportpsychologen (zum Profil) befragt. Wir empfehlen an dieser Stelle den Beitrag, der unter anderem auf Sportschau.de oder über die Sportschau-App zur Verfügung steht:

Zum TV-Beitrag: https://www1.wdr.de/mediathek/video/sendungen/sport-inside/video-jungprofis-in-der-bundesliga-noch-frueher-ins-rampenlicht-100.html

Dr. René Paasch im Interview (Screenshot WDR Sport Inside, Verwendung bewilligt via Medikament-TV)

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Bildquelle: Screenshot WDR Sport Inside, Verwendung bewilligt via Medikament-TV

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Johanna Constantini: Bodyshaming im Reitsport

Johanna Constantini aus Innsbruck ist im Netzwerk Die Sportpsychologen eine unserer Reitsport-Expertinnen. Sie ist auch gefragte Gesprächspartnerin für Fachmedien. Zuletzt sprach sie im Magazin Cavallo zum Thema Bodyshaming (Link siehe unten). Wir wollten von ihr wissen, wie weit verbreitet die Problematik im Reitsport ist und was Trainer und Trainerinnen dazu wissen sollten.

Zum Thema: Bodyshaming

Johanna, wie groß ist das Thema Bodyshaming im Reitsport?

Bodyshaming im Reitsport ist durchaus verbreitet. Der Reitsport bietet aufgrund von verschiedenen Faktoren auch Verstärker, die Bodyshaming zusätzlich begünstigen. Darunter die enge Kleidung, die auf den Pferden getragen wird. Auch das Reitergewicht an sich, bei dem es wichtig ist, das eigene Körpergewicht auf die Traglast der jeweiligen Pferde abzustimmen. Übergewicht wird im Pferdesport nicht mehr gerne gesehen und Athletik nimmt auch in diesem Sport zu. 

Was sollten Trainer und Trainerinnen zum Thema wissen? Wie können sie in bestimmten Situationen reagieren?

Trainer und Trainerinnen sollten jedenfalls um die Herausforderungen rund um Bodyshaming wissen und auch in den einzelnen Trainingsgruppen genauer hinhören. Dabei empfiehlt es sich stets vorab Regeln zu vereinbaren, die zum Beispiel verbieten, andere wegen ihres Gewichts zu hänseln oder sich gar mit Dritten über Personen lustig zu machen. Aufklärung in Hinblick auf Sportlichkeit, Ernährung und die Notwendigkeit einer ausgewogenen Ernährung ohne Diäten kann eine ergänzende Strategie darstellen.  

Inwiefern verstärkt Social Media die Problematik Bodyshaming?

Social Media suggeriert auch in diesem Bereich sehr häufig, dass alle Reiterinnen und Reiter stets top in Form sind und dieser Sport nur jenen gebührt, die makellose Körper vorweisen. Dem ist nicht so und dem muss auch nicht so sein. Sich daher intensiv mit den Mechanismen von Social Media (z.B.: Informationsbubbles durch Algorithmen, gelenkte Werbung etc.) zu befassen, stellt eine weitere Strategie dar, die bei Bodyshaming Abhilfe schaffen kann!

Link zur Cavallo-Veröffentlichung: https://www.constantini.at/ueber-body-shaming-im-aktuellen-cavallo-magazin/#more-6432

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Die beste Zeit für Sportpsychologie: Die Vorbereitung

Wir bei Die Sportpsychologen werden häufig gefragt, ob denn jetzt eigentlich ein guter Zeitpunkt sei, mit der Sportpsychologie zu beginnen? Schauen wir uns das genauer an. Warum ist vielleicht gerade die Vorbereitung, also die Wochen vor den ersten Wettkämpfen und Wettbewerben, der perfekte Zeitpunkt?

Sebastian Ayernschmalz
Sebastian Ayernschmalz, Die Sportpsychologen

Antwort von: Sebastian Ayernschmalz (zum Profil)

In der Vorbereitungsphase ist es sehr viel ruhiger als in der Saison oder kurz vor den Spielen. In meinen Erfahrungen kommen während der Hochphase der Saison nicht nur die Wettkämpfe, sondern auch Prüfungen bei den Schuler:innen oder Deadlines der Sportler:innen hinzu. Das ist am Ende ein terminlicher Balanceakt, der dann auch oft verhindert, dass Termine stattfinden. In der Vorbereitung, also in der ruhigen Zeit, das Fundament legen hilft, dass während der dringlichen Zeit Grundstrukturen der sportpsychologischen Arbeit einfach da sind. Es entzerrt vieles und manche Themen erarbeitet man auch am besten mit etwas Ruhe und ohne Druck der Wettkämpfe oder Sorgen, den nächsten Schritt im Leistungszentrum zu packen. 

Prof. Dr. René Paasch, Die Sportpsychologen
Prof. Dr. René Paasch, Die Sportpsychologen

Antwort von Prof. Dr. René Paasch (zum Profil):

Weil in der Vorbereitung nicht nur körperliche, sondern auch mentale und soziale Grundlagen gelegt werden. Genau in dieser Phase entstehen Routinen, Kommunikationsmuster und der Umgang mit Druck, Fehlern oder Rollen innerhalb eines Teams. Sportpsychologische Arbeit kann hier präventiv wirken und Strukturen schaffen, die Athletinnen, Athleten und Teams langfristig stabilisieren. Wer mentale Prozesse früh integriert, arbeitet nicht erst an Problemen, sondern stärkt von Beginn an Selbstregulation, Teamdynamik und Leistungsfähigkeit.

Ich erinnere mich an einen jungen Rennfahrer, der enormes Talent hatte, sich nach kleinen Fehlern aber häufig gedanklich „verlor“. In der Vorbereitungsphase haben wir deshalb bewusst an mentalen Routinen gearbeitet: Fokus nach Fehlern zurückgewinnen, Emotionen regulieren und klare Abläufe vor dem Start entwickeln. Einige Monate später berichtete er, dass er erstmals das Gefühl hatte, auch unter Druck wieder Kontrolle über seine Gedanken zu haben. Genau dafür ist die Vorbereitungsphase so wertvoll: Mentale Stärke entsteht selten spontan im Wettkampf, sondern meist vorher im Training. 

Yvonne Dathe, Die Sportpsychologen
Yvonne Dathe, Die Sportpsychologen

Antwort von: Yvonne Dathe (zum Profil)

Die Vorbereitungsphase ist aus mehreren Gründen ein idealer Zeitpunkt, um mit sportpsychologischer Arbeit zu beginnen:

  1. Grundlagen schaffen
    In der Vorbereitungsphase besteht Zeit, um mentale Fähigkeiten systematisch aufzubauen und zu trainieren. Das Fundament für Selbstvertrauen, Konzentration, Stressbewältigung und Motivation kann hier gelegt werden.
  2. Geringerer Wettkampfdruck
    Da Wettkämpfe noch nicht unmittelbar bevorstehen, können Athleten ohne akuten Leistungsdruck neue Techniken ausprobieren und sich an die sportpsychologischen Methoden gewöhnen.
  3. Integration in Trainingsablauf
    Psychologische Trainingsinhalte lassen sich gut in das körperliche Training integrieren. So entsteht eine ganzheitliche Vorbereitung auf die Saison.
  4. Zielsetzung und Motivation
    In dieser Phase können klare Ziele für die Saison definiert werden. Sportpsychologische Beratung hilft, diese Ziele realistisch zu formulieren und die Motivation langfristig hochzuhalten.
  5. Vorbeugung von Problemen
    Mögliche mentale Blockaden oder Stressfaktoren können frühzeitig erkannt und bearbeitet werden, bevor sie sich negativ auf die Wettkampfleistung auswirken.
  6. Aufbau von Routinen
    Die Vorbereitungsphase bietet Gelegenheit, mentale Routinen und Rituale zu entwickeln, die Sportler während der Saison stabilisieren.

Zusammenfassung: Die Vorbereitungsphase ist perfekt, weil sie den nötigen Raum und die Zeit bietet, um mentale Fähigkeiten aufzubauen, Techniken zu erlernen und Probleme vorzubeugen – alles ohne den unmittelbaren Druck von Wettkämpfen. So sind Sportler für die Saison bestens gerüstet.

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Wolfgang Seidl: „Er ist direkt hinter mir!“ – Wie ich beim AXTRI-Xtrem Triathlon meine Gedanken zur Leistungsressource machte

15 Jahre ist es inzwischen her. Am 13. August 2011 stand ich in Norwegen am Start des AXTRI Xtrem Triathlon. Damals noch als aktiver Triathlet, heute als Mentalcoach, blicke ich mit etwas Abstand auf dieses Rennen zurück. Besonders eine mentale Strategie ist mir bis heute in Erinnerung geblieben: Wie ich meine Selbstgespräche bewusst einsetzte, um mich trotz extremer körperlicher Belastung immer wieder nach vorne zu treiben.

Zum Thema: Wie gezielte Selbstgesprächsregulation in Extremsituationen dazu beitragen kann, Aufmerksamkeit, Motivation und Leistung aufrechtzuerhalten

Bereits im Vorfeld des Rennens hatte ich mir anhand meiner bisherigen Leistungen, der Strecke und der zu erwartenden Bedingungen eine persönliche Zielzeit errechnet. Ich wollte nicht einfach nur „so schnell wie möglich“ sein, sondern hatte eine konkrete Vorstellung davon, was an diesem Tag für mich möglich sein könnte.

Am Ende lag meine berechnete Zielzeit gerade einmal eine Minute von meiner tatsächlichen Finisher-Zeit von 6:44:12 Stunden entfernt. Rückblickend ist das für mich eine ebenso wichtige Erkenntnis wie die Selbstgespräche während des Laufes. Sich selbst und seine Leistungsfähigkeit realistisch einschätzen zu können, ist eine Fähigkeit, die Sportler lernen und entwickeln können.

Dazu gehört auch, auf die Signale des eigenen Körpers zu hören. Nicht jede körperliche Belastung bedeutet, dass man langsamer werden oder aufhören muss. Gleichzeitig ist es wichtig, zwischen normaler Wettkampferscheinung, echter Erschöpfung und Warnsignalen des Körpers unterscheiden zu können.

Eine gute Selbstwahrnehmung bedeutet deshalb nicht, immer auf Nummer sicher zu gehen. Sie bedeutet, den eigenen Körper möglichst gut zu kennen und seine Signale richtig einzuordnen.

Wenn der Körper plötzlich Zweifel sät

Der AXTRI war damals eine extreme Herausforderung: 1,9km Schwimmen im 14 Grad kalten Fjord, 98 Kilometer Radfahren mit mehr als 3.100 Höhenmetern und anschließend 21 Kilometer Berglauf mit über 1.100 Höhenmetern.

Am Ende der Radstrecke bekam ich aufgrund einer zu geringen Flüssigkeitsaufnahme massive Krämpfe. So etwas habe ich bis dahin noch nie erlebt. Als ich in die zweite Wechselzone kam, konnte ich kaum vom Rad steigen. Der Körper signalisierte mir ziemlich eindeutig, dass er eigentlich nicht mehr weitermachen wollte.

Trotzdem zog ich die Laufschuhe an und lief los. Heute weiß ich: Genau in solchen Situationen entscheidet sich nicht nur über die körperliche Leistungsfähigkeit, sondern auch darüber, wohin wir unsere Aufmerksamkeit richten und wie wir mit uns selbst sprechen.

Damals hatte ich dafür noch nicht die sportpsychologische Begrifflichkeit, die ich heute als Mentalcoach verwende. Aber ich hatte bereits Erfahrung mit mentalem Training und wusste, dass meine Gedanken einen wesentlichen Einfluss darauf haben würden, wie ich mit dieser Situation umging.

„Er ist direkt hinter mir!“

Während des Laufes wusste ich nicht, wie groß mein Vorsprung tatsächlich war. Ich wusste nur, dass ich in Führung lag. Und genau das wurde für mich mental zu einer Herausforderung.

Also begann ich, mir vorzustellen, dass der Zweitplatzierte direkt hinter mir läuft.

Ich wusste natürlich nicht, ob das tatsächlich der Fall war. Aber ich erzeugte bewusst dieses Szenario in meinem Kopf.

„Er ist direkt hinter dir. Du musst Gas geben.“

Ich pushte mich immer wieder selbst. Die Vorstellung meines unmittelbaren Verfolgers erzeugte zusätzlichen Druck, aber einen Druck, den ich in diesem Moment nutzen konnte. Er gab mir Energie und half mir, mein Tempo hochzuhalten, obwohl die körperlichen Voraussetzungen alles andere als ideal waren.

Was ich damals noch teilweise noch intuitiv gemacht habe, würde ich heute als gezielte Selbstgesprächsregulation beschreiben.

Nicht jeder positive Gedanke hilft

Dabei geht es nicht darum, sich in schwierigen Situationen einfach einzureden, dass alles gut ist. Ein Satz wie „Ich schaffe es locker!“, hätte in meiner damaligen Situation vermutlich wenig Wirkung gehabt. Ich wusste schließlich sehr genau, dass es gerade überhaupt nicht locker war.

Entscheidend war vielmehr, dass mein Selbstgespräch zur Situation passte und handlungsorientiert war.

Ich beschäftigte mich nicht mit der Frage: „Wie lange kann ich diese Schmerzen noch aushalten?“

Sondern mit: „Was muss ich jetzt tun, damit ich weiterlaufe?“

Und gleichzeitig erzeugte ich mit der Vorstellung des unmittelbar hinter mir laufenden Konkurrenten einen zusätzlichen Leistungsimpuls.

Heute würde ich deshalb zwischen positivem Denken und funktionalem Selbstgespräch unterscheiden. Funktional ist ein Selbstgespräch dann, wenn es mich in einer konkreten Situation unterstützt, beispielsweise indem es meine Aufmerksamkeit lenkt, meine Motivation stärkt oder meine Anstrengungsbereitschaft erhöht.

15 Jahre später sieht man manche Dinge anders

Was ich damals im Rennen teilweise intuitiv eingesetzt habe, kann ich heute als Mentalcoach anders einordnen.

Selbstgespräche laufen bei Sportlern permanent ab. Gerade unter hoher Belastung können sie jedoch schnell in eine ungünstige Richtung kippen:

  • „Ich kann nicht mehr.“
  • „Meine Beine sind leer.“
  • „Das tut viel zu weh.“
  • „Das wird nichts mehr.“

Solche Gedanken sind zunächst einmal völlig menschlich. Entscheidend ist die Frage, welchen Gedanken ich weiterverfolge und welchem ich Aufmerksamkeit gebe.

Selbstgesprächsregulation bedeutet deshalb nicht, negative Gedanken komplett zu verhindern. Es geht vielmehr darum, die eigene innere Sprache bewusst wahrzunehmen und, wenn nötig, zu verändern.

Hilfreiche Fragen können sein:

  • Was brauche ich jetzt?
  • Was kann ich beeinflussen?
  • Was ist mein nächster Schritt?
  • Welcher Satz hilft mir, meine Leistung abzurufen?

Im AXTRI Rennen war mein Satz: „Er ist direkt hinter mir – weiterlaufen!“ Er gab mir genau das, was ich in diesem Moment brauchte: Energie, Fokus und eine klare Handlungsrichtung.

Vom Athleten zum Mentalcoach

Am Ende gewann ich den AXTRI in 6:44:12 Stunden als einziger Athlet unter sieben Stunden. Mein Vorsprung auf den Zweitplatzierten betrug 21 Minuten.

15 Jahre später ist für mich aber nicht die Zeit und auch nicht der Sieg die wichtigste Erkenntnis aus diesem Rennen. Es ist die Erfahrung, wie eng Selbsteinschätzung, Körperwahrnehmung, Gedanken und Leistung miteinander verbunden sind.

Ich musste vor dem Rennen lernen, meine Leistungsfähigkeit realistisch einzuschätzen. Während des Rennens musste ich die Signale meines Körpers richtig einordnen. Und in der entscheidenden Phase musste ich meine Gedanken so steuern, dass sie mich nicht ausbremsen, sondern meine Leistung unterstützen.

Ich hätte mich in der Wechselzone auf die Krämpfe konzentrieren und zahlreiche Gründe für einen Abbruch finden können. Stattdessen richtete ich meine Aufmerksamkeit auf die Aufgabe vor mir und nutzte meine Selbstgespräche als Leistungsressource.

Damals war es für mich eine Strategie, um einen extremen Wettkampf zu bewältigen. Heute ist es für mich ein praktisches Beispiel dafür, was Sportler lernen können: Wir können nicht immer entscheiden, was unser Körper fühlt oder welcher Gedanke als Nächstes auftaucht. Aber wir können lernen, wie wir mit diesen Signalen und Gedanken umgehen und welche innere Stimme wir stärker werden lassen.

Manchmal braucht es dafür keinen großen Motivationsspruch.

Manchmal reicht ein Satz: „Er ist direkt hinter mir. Weiterlaufen!“

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Link zum Wettbewerb: https://axtri.no/

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Janosch Daul: Trainingslager als Meisterwerkstatt

Vom 31. Juli bis zum 7. August 2026 verbrachte unsere U16 des Halleschen FC ihr Trainingslager in Ditzum. Was dabei entstand, war mehr als eine Woche Saisonvorbereitung: ein gemeinsamer Entwicklungsraum, in dem Fußball, Teamkultur und Persönlichkeitsentwicklung eng miteinander verbunden wurden.

Zum Thema: Die angewandte Sportpsychologie als Teil eines Trainingslagers

Wir nennen unsere U16 die Meisterwerkstatt. Nicht, weil wir bereits Meister sind, sondern weil wir Meister in den Dingen werden wollen, die in unserem eigenen Einflussbereich liegen. Zum Beispiel wie wir trainieren, miteinander umgehen, mit Fehlern umgehen, Verantwortung übernehmen oder wie wir uns verhalten, wenn es schwierig wird. Genau diese Haltung sollte uns auch durch unser Trainingslager begleiten.

Mit einem großen Reisebus machten wir uns am 31. Juli auf den langen Weg nach Ditzum. Schon die Anreise wurde dabei zum ersten Teil unserer gemeinsamen Woche. Statt die vielen Stunden ausschließlich mit Handy, Musik oder Schlafen zu verbringen, warteten auf die Spieler kleine Challenges. In Interviews und Spielersteckbriefen ging es zunächst darum, miteinander ins Gespräch zu kommen und sich noch einmal von einer anderen Seite kennenzulernen. In Kleingruppen beschäftigten sich die Spieler zudem mit drei Fragen: 

  • Wie wollen wir unsere freie Zeit als Team nutzen, um weiter zusammenzuwachsen? 
  • Welchen Umgang wollen wir mit unseren Handys pflegen? 
  • Und was braucht es, damit sich alle in ihren unterschiedlichen Zimmerkonstellationen wohlfühlen?

Fünf übergeordnete Ziele des Trainingslagers

Am ersten Abend machten wir anschließend sichtbar, worum es in dieser Woche eigentlich gehen sollte. Die fünf übergeordneten Ziele des Trainingslagers wurden dem Team vorgestellt und visualisiert: gegenseitiges Kennen- und Schätzenlernen auf der Grundlage einer neugierigen Grundhaltung, die Entwicklung sozialer Kompetenzen, z.B. Selbstorganisation, Rücksichtnahme, Empathie und Verantwortung, das Schaffen einer gemeinsamen Grundlage unserer Zusammenarbeit, die Weiterentwicklung fußballerischer Inhalte sowie das bewusste Training von Widerstandskraft. Damit war der Rahmen gesetzt. Die kommenden Tage sollten nicht einfach eine Aneinanderreihung von Trainingseinheiten werden, sondern möglichst viele Gelegenheiten schaffen, diese Themen tatsächlich zu erleben.

Auch für mich als Sportpsychologischen Coach begann die Arbeit bereits auf der Hinfahrt. In freiwilligen Gesprächen mit einzelnen Spielern ging es darum, eine Grundlage für die Zusammenarbeit in der kommenden Saison zu schaffen: 

  • Was beschäftigt dich? 
  • Was möchtest du entwickeln?
  • Wobei kann ich dich unterstützen? 
  • Und was erwartest du überhaupt von einer Zusammenarbeit mit einem Sportpsychologischen Coach?

Dazu kamen im Laufe der Woche viele kurze Gespräche zu aktuellen Themen, die im engen Zusammenleben einer Mannschaft ganz automatisch entstehen: psychosoziale Anliegen, zum Beispiel Umgang mit Heimweh, Fragen zum Umgang mit Mitspielern, zum Beispiel Umgang mit überaus kommunikationsfreudigen Mitspielern, sportpsychologische Performance-Themen, zum Beispiel Körpersprache und Kommunikation oder Situationen, bei denen eine kurze Reflexion hilfreich sein konnte, zum Beispiel wie Spieler in Workshops auf mich wirkten.

Neugier als Ressource

Überhaupt zeigte sich schnell, dass die vielleicht wichtigste Ressource dieser Woche ausreichend vorhanden war: Neugier aufeinander. Die Spieler waren lebendig, gesprächsfreudig und offen. Ein Spieleabend mit Monopoly und anderen Spielen bot die Gelegenheit, sich noch einmal aus einer völlig anderen Perspektive kennenzulernen. Beim Kanufahren wurde gemeinsam gepaddelt – wobei die Abstimmung innerhalb der Kanus teilweise noch deutliches Entwicklungspotenzial offenbarte und einige Spieler unfreiwillig den direkten Kontakt mit dem Wasser suchten. Solche Situationen sind für mich keineswegs Nebensächlichkeiten. Teamkultur entsteht nicht nur im Mannschaftstraining und auch nicht nur in Workshops. Sie entsteht beim Essen, beim Tischtennis, im Zimmer, auf dem Wasser, beim gemeinsamen Lachen und genau dort, wo Menschen miteinander Situationen bewältigen müssen.

Auch deshalb war die Selbstverpflegung ein wichtiger Bestandteil des Trainingslagers. Mittags war jeweils eine Kochgruppe verantwortlich dafür, ein nahrhaftes und leckeres Essen auf den Tisch zu bringen. Selbstorganisation wird schließlich nicht dadurch gelernt, dass man darüber spricht. Sie entsteht, wenn man Verantwortung tatsächlich übernehmen muss: Wer kauft ein? Wer kocht? Wer räumt auf? Was passiert, wenn etwas nicht funktioniert? Und wie selbstverständlich übernehmen wir Verantwortung für Dinge, die nicht unmittelbar mit Fußball zu tun haben? Leckere Nudel-, Reis- und Kartoffelgerichte stärkten alle Beteiligten nachhaltig. 

Fußball im Fokus

Parallel dazu lief der Fußball natürlich weiter. Zwei Trainingseinheiten an einzelnen Tagen, Testspiele gegen St. Pauli und Neuhof, zusätzliche Fußball-Challenges und zahlreiche Möglichkeiten zur Reflexion sorgten dafür, dass auch die sportliche Entwicklung nicht zu kurz kam. Meine Rolle bestand dabei nicht darin, von außen auf das Geschehen zu schauen, sondern möglichst nah am Alltag des Teams zu sein. Ich war bei vielen Trainingseinheiten und Spielen dabei, wurde zum Reflexionsanker für Spieler und Trainer und begleitete Feedbackprozesse. In zwei Spielen filmte ich zudem die Halbzeitbesprechungen des Trainers, um anschließend gemeinsam auf Struktur, Kommunikation und Wirkung zu schauen. Sportpsychologische Arbeit findet für mich genau dort statt: nicht nur im Workshopraum, sondern mitten im sportlichen Alltag.

Ein besonderer Schwerpunkt lag auf der Frage, wie wir als Mannschaft miteinander umgehen wollen. In einem Workshop zur Nicht-Starter-Rolle beschäftigten wir uns damit, wie Spieler mit der Situation umgehen können, wenn sie nicht in der Startelf stehen. Dabei ging es nicht um das Schönreden einer unangenehmen Situation. Im Gegenteil: Enttäuschung darf da sein. Frust darf da sein. Entscheidend ist die Frage, was danach passiert. Wie kann ich diese Situation für meine eigene Entwicklung nutzen? Wie verhalte ich mich gegenüber meinem Team? Und wie bleibe ich handlungsfähig, obwohl gerade etwas nicht so läuft, wie ich es mir gewünscht habe?

Identitätsbildung

Am selben Tag richteten wir den Blick noch stärker auf unsere gemeinsame Identität. Die Spieler beschäftigten sich mit den Fragen: 

  • Wofür wollen wir als Team auf dem Platz stehen? 
  • Welche Eigenschaften sollen uns auszeichnen? 
  • Welche Botschaften sollen uns Orientierung geben? 

Es entstanden gemeinsame Wir-Botschaften, die im weiteren Saisonverlauf Orientierung und Klarheit schaffen sollen.

Einige Tage später, am 6. August, wurde dieser Prozess mit unserem Meisterkodex noch einmal konkretisiert. Gemeinsam identifizierten wir die Werte, die unser soziales Miteinander in dieser Saison prägen sollen. Dabei ging es nicht darum, möglichst viele schöne Begriffe zu sammeln. Viel interessanter war die Frage, wie sich diese Werte im Alltag zeigen. Was bedeutet Respekt, wenn ein Mitspieler einen Fehler macht? Wie sieht Verantwortung aus, wenn niemand zuschaut? Und woran erkennen wir Zusammenhalt gerade dann, wenn es auf dem Platz oder außerhalb davon schwierig wird?

Dazwischen gab es immer wieder ganz bewusst auch Momente, in denen nicht „entwickelt“ werden musste. Eine gemeinsame Radtour des Trainerteams und ein freier Nachmittag für unsere Spieler, Zeit in Ditzum und am Hafen, gemeinsames Essen, ein Grillabend mit Gesang und Karaoke. Gerade die Neuzugänge, aber auch einige Spieler mit besonderem Gesangstalent, sorgten dabei für Unterhaltung. Auch das gehört zu einer Saisonvorbereitung: Menschen brauchen nicht permanent ein Lernziel. Manchmal entsteht Entwicklung gerade dann, wenn Menschen einfach gemeinsam Zeit verbringen.

Und dann gab es den 5. August…

Einen Tag, den wir bewusst als „Tag des Widerstands“ gestalteten. Der normale Rhythmus wurde aufgebrochen. Eine Trainingseinheit begann ohne klassisches Frühstück, stattdessen bekam jeder Spieler zunächst eine Banane. Nach dem Mittagessen folgte ein Testspiel, später kamen spontan Bergsprints und Läufe hinzu. Wir wollten bewusst einen körperlichen und mentalen Reiz setzen und die Spieler mit Situationen konfrontieren, die nicht ihrer gewohnten Komfortzone entsprachen. Und damit war der Tag noch nicht vorbei – zumindest nicht der Tag des Widerstands.

Gegen drei Uhr nachts weckten wir unsere Spieler, auf die eine (vorerst) letzte Herausforderung wartete und zwar gerade einmal fünf Minuten nach dem Wecken: Drei Teams sollten innerhalb von 45 Minuten einen Parcours rund um die Unterkunft möglichst oft bewältigen. Kraft, Teamkoordination und Präzision bildeten die drei Stationen, die in jeder Runde durchlaufen werden mussten. Zusätzlich mussten die Gruppen währenddessen zwei Wasserkisten von Station zu Station schleppen und gemeinsam Quizaufgaben lösen. Die Spieler waren müde, der Tag war lang und trotzdem war eine bemerkenswerte Energie spürbar. Sie zogen gemeinsam durch. Diese Aktion war bewusst mehr als eine körperliche Belastung. Sie sollte erfahrbar machen, was Widerstand mit einer Gruppe macht: Wer übernimmt Verantwortung? Wer zieht andere mit? Wie kommunizieren wir, wenn wir müde sind? Wie gehen wir mit Fehlern und Frust um? Und schaffen wir es, trotz widriger Bedingungen gemeinsam handlungsfähig zu bleiben?

Besonderheit des Trainingslagers

Vielleicht liegt genau darin eine der größten Chancen eines Trainingslagers. Es bietet Zeit und Raum, um Dinge erfahrbar zu machen, die im normalen Wochenrhythmus oft nur schwer zu erzeugen sind. Man kann über Verantwortung sprechen – oder man kann eine Kochgruppe verantwortlich machen. Man kann über Kommunikation sprechen – oder gemeinsam in einem Kanu sitzen. Man kann über Werte sprechen – oder beobachten, wie sich eine Mannschaft verhält, wenn sie müde ist. Und man kann über Widerstandskraft sprechen – oder den Spielern Situationen geben, in denen sie erleben, dass Widerstand tatsächlich dazugehört.

Am 7. August hieß es schließlich aufräumen, putzen, packen, die bisherige Zeit gemeinsam reflektieren und Abschied nehmen. Anschließend ging es weiter in Richtung Nordrhein-Westfalen, wo am nächsten Morgen bereits ein hochklassig besetztes Turnier auf uns wartete. Das Trainingslager in Ditzum war damit vorbei. Die Entwicklung der Mannschaft natürlich nicht.

Mein Fazit

Was bei mir vor allem hängen bleibt, ist die Neugier. Die Neugier der Spieler aufeinander. Die Bereitschaft, miteinander ins Gespräch zu kommen. Die Lebendigkeit dieser Gruppe. Und die Energie, mit der sie sich auf sehr unterschiedliche Situationen eingelassen hat.

Eine Woche Trainingslager macht noch keine fertige Mannschaft. Ein Workshop verändert noch keine Kultur. Und ein Meisterkodex ist noch lange nicht dasselbe wie gelebte Werte. Aber Entwicklung braucht genau solche Räume. Räume, in denen Menschen sich begegnen, ausprobieren, Verantwortung übernehmen, Widerstand erleben, reflektieren und gemeinsam herausfinden können, wer sie sein wollen. Unsere Meisterwerkstatt hat in Ditzum eine Woche lang gearbeitet. Jetzt geht die Arbeit im Alltag weiter.

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Prof. Dr. Oliver Stoll: Sekunden gewinnen, Stürze vermeiden – Sportpsychologische Prävention im Radsport

Stürze im Straßenrad-Rennsport sind keineswegs nur eine Frage von Fahrtechnik, Geschwindigkeit oder Pech. Gerade im Peloton müssen Fahrerinnen und Fahrer innerhalb von Sekundenbruchteilen eine enorme Menge an Informationen aufnehmen, filtern und in die richtige Handlung übersetzen: Wie bewegt sich das Hinterrad des Vordermanns? Öffnet sich links eine Lücke? Verengt sich die Straße? Bremst jemand zwei Reihen weiter vorne? Gleichzeitig müssen Geschwindigkeit, Abstand, Straßenbelag, Kurvenverlauf und die Bewegungen zahlreicher Konkurrenten berücksichtigt werden. Aus sportpsychologischer Sicht ist dies eine extreme Form der visuellen Aufmerksamkeit, Antizipation und schnellen Entscheidungsfindung. Die Forschung zum Blickverhalten von Radfahrenden zeigt, dass insbesondere komplexere Verkehrssituationen die Aufmerksamkeit auf mehrere potenzielle Gefahrenquellen verteilen und dass eine frühzeitige Wahrnehmung relevanter Gefahren entscheidend sein kann (Zweuts et. al, 2021). Hinzu kommt: Ermüdung betrifft nicht nur die Beine. Mentale Ermüdung kann auch die visuelle Suche verzögern und damit genau jene Informationsverarbeitung beeinträchtigen, die benötigt wird, um eine gefährliche Situation rechtzeitig zu erkennen. Wie relevant dies im Spitzenradsport sein kann, zeigte auch die Tour de France 2026.

Zum Thema: Die Stürze bei der Tour de France. Ein Problem der Informationsverarbeitung – und somit der psychischen Regulation?

Die Tour de France der Männer im Jahr 2026: Wie zuletzt häufiger gab es teils prominente und schwere Stürze, darunter beim Mannschaftszeitfahren der 1. Etappe, auf Massenankünften (wie auf der 12. Etappe in Chalon-sur-Saône mit einem Massensturz auf der Zielgeraden) sowie den schweren Sturz von Florian Lipowitz im Einzelzeitfahren der 16. Etappe. Bleiben wir zunächst bei Jonas Vingegaard. Er fuhr an fünfter Position im Feld. Bei der Einfahrt in einen Kreisverkehr folgte sein Teamkollege Victor Campenaerts an der Spitze der Linie des Begleitmotorrads. Dadurch zog sich die Kurve am Ausgang des Kreisverkehrs für die nachfolgenden Fahrer extrem eng zu. Vingegaard verlor in der scharfen Rechtskurve die Kontrolle, ihm entglitt das Vorderrad und er prallte heftig gegen eine unzureichend markierte Bordsteinkante. In den Crash wurden unter anderem auch Felix Großschartner und Isaac del Toro verwickelt, die das Rennen jedoch beide fortsetzen konnten. Vingegaard, der zu diesem Zeitpunkt auf dem zweiten Platz der Gesamtwertung lag, erlitt bei dem Aufprall einen Bruch des rechten Schlüsselbeins sowie großflächige Schürfwunden. Er musste die Tour unter starken Schmerzen abbrechen und wurde mit dem Krankenwagen abtransportiert. 

Florian Lipowitz stürzte in diesem Jahr während der 16. Etappe der Tour de France der Männer (einem 26,1 Kilometer langen Einzelzeitfahren von Évian-les-Bains nach Thonon-les-Bains) schwer in einer Rechtskurve und musste das Rennen verletzungsbedingt aufgeben. Der Sturz ereignete sich rund 6 bis 6,4 Kilometer vor dem Etappenziel in Thonon-les-Bains. Lipowitz lag bis dahin hervorragend im Rennen und auf Podiumskurs. Er fuhr mit sehr hoher Geschwindigkeit in eine enge Rechtskurve. Meinen Beobachtungen zufolge überrollte er in extremer Schräglage eine weiße Fahrbahnmarkierung (einen Zebrastreifen). Die glatte Farbschicht verringerte den Grip der schmalen Zeitfahrreifen schlagartig, wodurch sein Vorderrad komplett wegrutschte. Nach dem Wegrutschen schlitterte er über den Asphalt und prallte mit der rechten Schulter mit voller Wucht gegen den Bordstein sowie eine Absperrung. Auch Tour-Dominator Tadej Pogačar berichtete später im Sportschau-Interview, dass er in derselben Kurve fast die Kontrolle verloren hätte. Lipowitz blieb benommen am Straßenrand sitzen, wurde umgehend medizinisch erstversorgt und konnte das Rennen nicht mehr fortsetzen. Im Krankenhaus wurde ein Bruch des rechten Schlüsselbeins sowie mehrere Schürfwunden diagnostiziert. Der Fahrer des Teams Red Bull-BORA-Hansgrohe wurde noch in Frankreich operiert. Teamchef Ralph Denk übte im Nachgang leichte Kritik und merkte an, Lipowitz habe in der Hitze des Gefechts zu viel riskiert und sei schlicht zu schnell gewesen.

Übrigens: Nach dem Unfall von Vingegaard gab es heftige Debatten. Während Fahrerkollegen wie Mads Pedersen einen massiven Fahrfehler von Vingegaards Helfer Campenaerts für das Sturzdrama verantwortlich machten, übte der Visma-Teamchef Richard Plugge scharfe Kritik an den Organisatoren und bemängelte die mangelnde Streckensicherheit an dem gefährlichen Kreisverkehr. Zudem stand Schlafmangel im Raum, da Vingegaard in der Nacht zuvor um 2 Uhr für eine unangekündigte Dopingkontrolle geweckt worden war. Aber das wäre durchaus mal einen Blog-Beitrag (aus psychologischer Perspektive) wert.

Ähnliches Bild bei den Frauen

Aber auch bei der Tour de France der Frauen ereigneten sich vereinzelte prominente Stürze und Aufgaben nach „Sturzpech“ – unter anderem auf der nervösen Auftaktetappe.  Auf der 1. Etappe der Tour de France Femmes 2026 rund um das Start- und Zielgebiet in Lausanne (Schweiz) wurden vom offiziellen Rennarzt insgesamt drei Sturz-Vorfälle registriert. Mehrere Fahrerinnen waren in Zwischenfälle verwickelt. Laura Tomasi stürzte schwer, musste das Rennen aufgeben und wurde ins Krankenhaus gebracht. Prominente Fahrerinnen wie Marlen Reusser (dazu kommen wir gleich noch detaillierter), Zoe Bäckstedt und Puck Pieterse kamen ebenfalls zu Fall beziehungsweise wurden aufgehalten, konnten die Etappe aber beenden. Besonders auffallend war dann sicher der Sturz von Marlen Reusser. Sie war als Gesamtdritte in das Finale gestartet, verlor jedoch am Anstieg des Col d’Èze den Anschluss an die Spitzengruppe. Bei der anschließenden riskanten Aufholjagd in der Abfahrt ging die Schweizerin an der Belastungsgrenze zu Boden und blieb kurz neben ihrem Rad sitzen. Sie verlor wertvolle Minuten, kämpfte sich zwar ins Ziel, fiel im Endklassement jedoch aus den Top Ten heraus. 

Ursachensuche 

Auch bei der Tour de France 2026 waren Stürze ein wiederkehrendes Thema der medialen Berichterstattung. Auffällig ist dabei, dass die Ursachen meist nicht bei einem einzelnen Fahrer gesucht werden. Vielmehr entsteht das Bild eines komplexen Zusammenspiels aus hoher Geschwindigkeit, engem Fahren im Peloton, anspruchsvoller Streckenführung, Straßenbeschaffenheit und situativen Fahrfehlern. So wurden Stürze nach Berührungen zwischen Fahrern ebenso thematisiert wie gefährliche Straßenoberflächen oder unübersichtliche Situationen durch Zuschauer und Begleitfahrzeuge. Besonders drastisch war der Sturz von Jonas Vingegaard auf der 15. Etappe (siehe oben). Meiner Ansicht nach wären Stürze der vergangenen Tour-Ausgaben grundsätzlich vermeidbar gewesen. Ich betone dabei zunächst erst einmal insbesondere die Rücksichtnahme auf Straßenmöblierung, enge Straßen, Wetterbedingungen und die Gestaltung der Rennstrecken. 

Aus sportpsychologischer Perspektive ist interessant, dass in der medialen Diskussion damit indirekt immer wieder Situationen beschrieben werden, die extrem hohe Anforderungen an Wahrnehmung, Aufmerksamkeit, Antizipation und schnelle Informationsverarbeitung stellen. Je höher die Geschwindigkeit und Informationsdichte werden, desto kleiner wird das Zeitfenster, in dem ein Fahrer eine Gefahr erkennen, eine Entscheidung treffen und angemessen reagieren kann. Die Sportpsychologie kann in diesem Zusammenhang hilfreich wirken.

Sportpsychologische Prävention: Gefahren früher erkennen

Sportpsychologische Prävention kann dort ansetzen, wo aus einer potenziell gefährlichen Situation eine tatsächliche Sturzsituation wird: bei der Wahrnehmung und Verarbeitung relevanter Informationen. Ziel wäre es, Fahrer darin zu trainieren, kritische Situationen möglichst früh zu erkennen und angemessene Reaktionen bereits zu antizipieren. Denkbar sind beispielsweise videobasierte Trainings, in denen typische Rennsituationen – Positionskämpfe, Kurven, Verengungen oder plötzliches Bremsen im Peloton – präsentiert und mögliche Entwicklungen vorhergesagt werden müssen. Ergänzend kann gezieltes Blick- und Aufmerksamkeitstraining helfen, relevante Hinweisreize schneller zu identifizieren und auch unter hoher körperlicher und mentaler Belastung einen möglichst breiten situativen Überblick zu behalten. Solche Übungen sollten zunehmend unter realitätsnahen Bedingungen und Ermüdung stattfinden, denn gerade am Ende langer Etappen müssen Fahrer komplexe Informationen noch zuverlässig verarbeiten können. Sportpsychologische Prävention im Strassenrad-Rennsport bedeutet damit nicht, jeden Sturz verhindern zu können. Sie kann aber dazu beitragen, die entscheidenden Sekundenbruchteile zu gewinnen: Gefahr früher wahrnehmen – Entwicklung antizipieren – schneller entscheiden – angemessen reagieren.

Man beachte Demi Vollerings Aussagen in ihrem Interview zum Gesamtsieg der Tour de France in diesem Jahr (sinngemäß, so wie ich diese erinnere). “Es sind oft die richtigen oder falschen Entscheidungen, die man unterwegs trifft, die über das Ergebnis entscheiden.”  

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Literatur

Zeuwts, L. H. R. H., Iliano, E., Smith, M., Deconinck, F. J. A., & Lenoir, M. (2021). Mental fatigue delays visual search behaviour in young cyclists when negotiating complex traffic situations: A study in virtual reality. Accident Analysis & Prevention, 161, 106387.

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Anke Precht: Nein zu sagen, ist im Leistungssport Pflicht

Es ist der Vorabend zu einem wichtigen Wettkampf. Sara sitzt vor dem Camper, trinkt einen Tee, genießt die Ruhe vor der Dämmerung. Die braucht sie, weil sie mehr essen muss, als angenehm ist – damit sie morgen ausreichend Körnchen für die Ausdauerleistung hat. Da klingelt das Handy. Der Bundestrainer. Sie geht ran. „Wo bist du,“ fragt er, und dann: „Ich komme nachher kurz vorbei.“

Sara hat auf diesen Anruf gewartet. Sie ist ganz nah dran am Kader, und sie möchte unbedingt mit zur EM. Vielleicht ist das ja der Moment, in dem sie von ihrer Nominierung erfährt. Aber vielleicht passiert auch gleich das Gegenteil. Sara merkt, wie sich schlagartig Unruhe breit macht. Beim nächsten Bissen hat sie einen Kloß im Hals. Das Schlucken fällt ihr schwer. Was wird der Bundestrainer ihr sagen?

Zum Thema: Nein als Stellschraube für den Erfolg

Der Bundestrainer kommt eine knappe Stunde später. Ihr Abendessen hat Sara nicht ganz runter bekommen. Sie ist total nervös, wobei das Gespräch positiv verläuft. Sie erfährt, dass sie nach einem guten Ergebnis morgen im Wettkampf in den EM-Kader kommt. Dass ihre Chancen gut stehen. Aber halt, was heißt “ein gutes Ergebnis morgen“, denkt Sara erschrocken. Stress steigt auf. Klar freut sie sich über das Vertrauen des Bundestrainers, und sie will es erfüllen. Aber wie soll das gehen? Sie hat nicht richtig gegessen, und sie ist so aufgedreht, dass sie nun gar nicht weiß, ob sie schlafen kann. Und wenn sie schlecht geschlafen hat, kann sie am nächsten Morgen nicht gut essen. Ein Teufelsfreis.

Das Beispiel von Sara zeigt, worum es beim Nein-Sagen im Leistungssport geht. Leuten Nein zu sagen, die sich melden, weil sie die ultimative Regenerationsmethode verkaufen wollen, die den Sportler besser macht. Vielleicht die Mail einfach löschen, den Absender blockieren, oder, wenn er anruft, die Nummer blockieren. Jeder Sportler weiß, wie oft das Telefon klingelt, wenn man Erfolg hat. Nein zu sagen, wenn ein guter Freund Hilfe braucht, kurz vor einem Wettkampf. Auch wenn es weh tut und man gern geholfen hätte. Und auch mal dem Bundestrainer Nein zu sagen, weil die Leistung im Vordergrund steht: „Können wir morgen nach dem Wettkampf sprechen? Ich möchte den Abend nutzen, um mich zu fokussieren,“ wäre so ein Nein. Ruhig verbunden mit dem Angebot, zur Unterkunft des Bundestrainers zu fahren, die ein Stück außerhalb vom Wettkampfort liegt. 

Stressoren im Leistungssport

Wer im Leistungssport nicht Nein sagen kann, ist langfristig viel zu vielen Stressoren ausgesetzt. Hier noch ein Interview mit der Lokalzeitung aus der Heimat, das nichts bringt und für das man eigentlich auch gerade keine Zeit hat. Warum nicht auf die Winterpause verschieben? Ein Nein an die alten Freunde, die saufen gehen wollen. Trinken darf die Sportlerin eh nicht, also lieber etwas anderes ausmachen. „Kommt am Sonntag zum Frühstück vorbei,” könnte eine Alternative sein. Und wenn die Freunde dann nicht kommen, ist es so.

Wer Leistungssport betreibt, hat eigentlich nie wirklich Feierabend. Natürlich gibt es Pausen und Zeit für Regeneration. Aber auch die sind Teil des Lebens, in dem der Sport auf Platz 1 der Prioritätenliste steht: dann ist nämlich Regeneration Pflicht, möglichst effektiv in der vorhandenen Zeit. Das kann viel Zeit sein, zum Beispiel im Urlaub. Dann ist Rumdaddeln in Ordnung, und Reden mit Leuten, die nerven, nicht so schlimm. Manchmal ist aber wenig Zeit, dann muss Regeneration auf den Punkt passen. Abgrenzung gegenüber Leuten, die etwas verkaufen möchten oder aus anderen persönlichen Gründen die Nähe zum Sportler oder zur Sportlerin suchen. Nein zu Verpflichtungen, die nicht auf den Sport einzahlen, weder indirekt noch direkt. Nein zu Einladungen zu Wettkämpfen, die zwar Prestige, aber keinen Platz im Kader bringen würden. Nein zu schlechten Sponsorenverträgen. Lieber länger verhandeln, selbst wenn das erst einmal nervt. Nein auch zu eigenen Impulsen: Meditieren statt Netflix, wenn Meditieren den Kopf dauerhaft frei macht. Gezielt im Kino einen guten Film anschauen, anstatt durchs TV zu zappen. Die Leute einzuladen, die wirklich gut tun, statt diejenigen, mit denen man sich schon immer trifft. 

Darum ist auch das Nein-Sagen-Lernen Teil der sportpsychologischen Arbeit und Nein sagen an der richtigen Stelle eine der Stellschrauben zum Erfolg.

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Kathrin Seufert: In Finalspielen geht es darum, vorbereitet zu sein

Das Finale der Fußball-Weltmeisterschaft 2026 war in vielerlei Hinsicht eine Enttäuschung. Aber es war Anlass, für die Redaktion von Deutschlandfunk Kultur bei unserer Expertin Kathrin Seufert nachzufragen, was es vor Finalspielen aus sportpsychologischer Perspektive zu beachten gibt. Zumal sich diese Erkenntnisse auch recht vielseitig in das eigene sportliche oder berufliche Leben übertragen lassen.

Zum Thema: Umgang mit Druck

Im Interview von Benedikt Kaninski vom Deutschlandfunk mit Kathrin Seufert (zur Profilseite) geht es um Themen wie:

  • Nervosität
  • Wettkampfangst
  • Fehlerkultur
  • Choking under pressure
  • Körpersprache
  • Selbstwirksamkeit
  • Zielsetzung

Den ganzen Beitrag gibt es auf der Seite der Sendung Nachspiel:

https://www.deutschlandfunkkultur.de/kann-man-finale-schon-vor-anpfiff-verlieren-sportpsychologin-kathrin-seufert-100.html

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Robin Conen: „Doppelleben“ im Leistungssport

Die Leistung und das Wohlbefinden von Spitzensportlern werden maßgeblich von der Beziehung zu ihren Trainern, der Trainer-Athleten-Beziehung, beeinflusst. Eine positive Trainer-Athlet-Beziehung zeichnet sich durch Nähe, Engagement und gegenseitige menschlich-sympathische Passung (Komplementarität) aus und ermöglicht es Trainern, ihre Athleten zu Höchstleistungen zu führen. Effektive Trainer erfüllen dabei verschiedene Rollen wie Lehrer, Organisator, Wettbewerber, Lernender sowie Freund und Mentor. Eine starke Trainer-Athlet-Beziehung ist entscheidend für den Erfolg und das Wohlbefinden beider Seiten. Sie basiert auf Vertrauen, Kommunikation und gegenseitiger Unterstützung. Um diese Beziehung zu fördern, sind Faktoren wie eine harmonische Gestaltung für das Coaching, autonomieunterstützendes Verhalten und die Entwicklung einer klaren Trainingsphilosophie von Bedeutung.

Im Zusammenhang mit Trainer-Athleten-Beziehungen stellt sich die Frage, wie diese Interaktionen zwischen schwulen, bisexuellen oder lesbischen Athleten und heterosexuellen Trainern gestaltet werden können. Trotz unterschiedlicher sexueller Orientierungen können heterosexuelle Trainer und homo- oder bisexuelle Athleten eine funktionierende Arbeitsbeziehung entwickeln, da das gemeinsame biologische Geschlecht (Mann, Frau) verbindende Erfahrungen ermöglicht.

Zum Thema: Sportpsychologische Interventionen zur Stärkung der Trainer-Athleten-Beziehung bei nicht-heterosexuellen Athleten

Athleten könnten aufgrund des gemeinsamen biologischen Geschlechts und eines Trainers des bevorzugten Geschlechts (z.B. schwuler Athlet – männlicher Trainer) positive Emotionen entwickeln, die eine vertrauensvolle Trainer-Athleten-Beziehung fördern. Aufgrund unterschiedlicher sexueller Orientierungen bleibt die Verbindung einseitig, was zu Vermeidungsverhalten auf Seite des Athleten führen kann, um sich vor Ablehnung, Abwertung, tiefsitzenden Ängsten und möglichen Auswirkungen auf die Sportkarriere und Teamdynamik zu schützen. Dabei repräsentiert er alle Interaktionen zwischen schwulen, bisexuellen, lesbischen Athleten/Athletin und heterosexuellen Personen, einschließlich Eltern, Mannschaftskameraden sowie von Medien geförderten Stereotypen von Sportorganisationen (z.B. „Profifußball erfordert Härte“) und gesellschaftlichen Geschlechterstereotypen (wie „Männlichkeit zeigt sich durch muskulösen Körper, Freundin und dominantes Verhalten“).

Insbesondere bisexuelle Athleten haben das Potenzial für eine geschlechtsspezifische Beziehung, die der von homosexuellen Athleten ähnelt, wie bereits beschrieben. Darüber hinaus haben sie die Möglichkeit, eine Solidarität zu bilden, die auf einer gemeinsamen Anziehung zu einem bestimmten Geschlecht zwischen Trainer und Athlet beruht (z.B. ein männlicher Trainer und ein männlicher Athlet, die sich beide zu Frauen hingezogen fühlen). Diese Möglichkeit kann die Trainer-Athleten-Beziehung stärken, ist aber gleichzeitig durch die „Unsichtbarkeit“ bisexueller Lebensweisen gefährdet. Diese Unsichtbarkeit führt zu Unsicherheiten, wenn es darum geht, beide Aspekte der bisexuellen Orientierung (Anziehung zu Frauen UND Männern) in die Trainer-Athleten-Dynamik einzubeziehen.

Ein heterosexueller Trainer kann aufgrund der sexuellen Orientierung des Athleten aus eigener Unsicherheit ein Bedürfnis nach Abgrenzung entwickeln. Dieses oft unausgesprochene Bedürfnis wird vom sensibilisierten Athleten wahrgenommen, was Ängste wie Diskriminierung und das mögliche Karriereende bestätigt und verletzliche biografische Erfahrungen, wie den Verlust einer Freundschaft nach einem Outing, zur Folge hat. Der Trainer sollte erkennen und akzeptieren, dass er sich für die heterosexuelle Welt entschuldigen oder rechtfertigen möchte, aber im direkten Kontakt mit dem Athleten nicht darauf reagieren, um die wichtige Trainer-Athleten-Beziehung zu schützen.

Wie kann die Sportpsychologie unterstützen?

Die (diversitätssensible) Sportpsychologie kann schwule, bisexuelle und lesbische Athleten/Athletinnen durch gezielte Einzelsitzungen (die der Schweigepflicht unterliegen) ansprechen. Ein weiterer wichtiger Aspekt ist der „erste Schritt“. Denn die Kontaktaufnahme kann von Ängsten begleitet sein, geoutet zu werden oder von Gedanken wie „Was, wenn mich jemand sieht?“ Es ist wichtig zu wissen, dass die erste Kontaktaufnahme anonym (oder unter einem Pseudonym) erfolgen kann, bis die anfänglichen Ängste abgebaut sind. Außerdem sollte erwähnt werden, dass die Sportpsychologie ein weites Feld ist, das Themen wie Emotionsregulierung, Konzentration und Visualisierung umfasst, so dass es unmöglich ist, direkte Schlussfolgerungen zu ziehen. Außerdem unterliegt die Sitzung selbst der Schweigepflicht.

In der Sitzung findet dann zunächst eine individuelle Auftragsklärung statt, die sich ganz auf die Anliegen des Athleten konzentriert. Weitere mögliche Themen sind persönliche Erfahrungen mit heteronormativen Normen im Sport (z.B. die Unsicherheit als schwuler Mann im Profihandball), die eigene sexuelle Identitätsentwicklung und offene oder subtile Erfahrungen mit Diskriminierung. 

Sportpsychologie bietet sicheren Raum

Vor allem für ungeoutete Athleten ist die Herausforderung, ein „Doppelleben“ (z.B. Alibi-Freundinnen oder geschlechtssterotypischen Verhalten wie übertriebenen Männlichkeitsverhalten) zu führen, und die ständige Angst, geoutet zu werden, ein zusätzlicher Stressfaktor im Leistungssport. Sportpsychologische Sitzungen können einen sicheren Raum unter strenger Einhaltung der Schweigepflicht bieten, um diesen zusätzlichen Stress zu thematisieren sowie Bewältigungsstrategien zu erarbeiten, Ängste anzusprechen und die eigene sexuelle Identität zu entwickeln. Auch für öffentlich ungeouteten Athleten, die in einer privaten homosexuellen Beziehung leben (in der sich der Partner vielleicht geoutet hat), können auf der Paarebene zusätzliche Belastungen und Konflikte entstehen, die in einem Mehrpersonensetting behandelt werden können. Eingeschränkte Beziehungsgestaltung mit einhergehenden unterschiedlichen Erwartungen an die Partnerschaft, Kinderwunsch nach der Sportkarriere, spezifische Themen wie HIV oder die Gestaltung „offener Beziehungen“, die in der schwulen Szene weit verbreitet ist. Es ist wichtig zu beachten, dass „alles möglich ist, aber nichts muss“ – der Fokus sollte auf der Entwicklung eines ressourcen- und lösungsorientierten Ergebnisses liegen, das für den Athleten geeignet ist. Ein Coming-out ist eine höchst individuelle Angelegenheit und liegt allein in der Entscheidung des Sportlers – der Entscheidungsprozess kann auch in der geschützten Umgebung einer sportpsychologischen Sitzung reflektiert und lösungsorientiert vorbereitet werden.

Die Diversität im Sport erlaubt LGBTIQ*-Athleten gleiche Erfolge wie Heterosexuellen. Diversitätssensible Sportpsychologie kann die Trainer-Athlet-Beziehung zwischen Heterosexuellen und Nicht-Heterosexuellen stärken. Nehmt dazu gern Kontakt zu meinen Kolleginnen und Kollegen im Netzwerk (zur Übersicht) oder zu mir (zum Profil von Robin Conen) auf.

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Quellen:

Short, S. E., & Short, M. W. (2005). Essay: Role of the coach in the coach-athlete  

relationship. The Lancet366(366), S29–S30. https://doi.org/10.1016/s0140-6736(05)67836-1

Staff, H. R., Didymus, F. F., & Backhouse, S. H. (2017). Coping rarely takes place in a social vacuum: Exploring antecedents and outcomes of dyadic coping in coach-athlete relationships. Psychology of Sport and Exercise30, 91–100. https://doi.org/10.1016/j.psychsport.2017.02.009

Lafrenière, M.-A. K., Jowett, S., Vallerand, R. J., & Carbonneau, N. (2010). Passion for coaching and the quality of the coach–athlete relationship: The mediating role of coaching behaviors. Psychology of Sport and Exercise12(2), 144–152. https://doi.org/10.1016/j.psychsport.2010.08.002

Blackett, A. D., Evans, A. B., & Piggott, D. (2020). Negotiating a coach identity: a theoretical critique of elite athletes’ transitions into post-athletic high-performance coaching roles. Sport, Education and Society26(6), 663–675. https://doi.org/10.1080/13573322.2020.1787371

Göth, M. & Kohn, R. (2014). Sexuelle Orientierung in Psychotherapie und Beratung. Heidelberg: Springer

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Die beste Zeit für Sportpsychologie: Die Sommerpause

Wir bei Die Sportpsychologen werden häufig gefragt, ob denn jetzt eigentlich ein guter Zeitpunkt sei, mit der Sportpsychologie zu beginnen? Schauen wir uns das genauer an. Warum ist vielleicht gerade die Sommerpause, also die wettkampffreie Zeit, der perfekte Zeitpunkt?

Janosch Daul, Die Sportpsychologen
Janosch Daul, Die Sportpsychologen

Antwort von: Janosch Daul (zum Profil)

Die Sommerpause ist oftmals der ideale Zeitpunkt, um mit sportpsychologischer Arbeit zu beginnen. Im Gegensatz zur laufenden Saison stehen in dieser Phase weniger Wettkämpfe, Ergebnisse und kurzfristige Leistungsziele im Mittelpunkt. Dadurch entsteht der nötige Raum, um sich intensiver mit den mentalen Aspekten der eigenen Leistung auseinanderzusetzen und nachhaltige Veränderungen anzustoßen. Themen wie Selbstvertrauen, Konzentration, Motivation, der Umgang mit Druck oder Fehlern sowie mentale Routinen können ohne den unmittelbaren Stress des nächsten Spiels oder Wettkampfs gezielt aufgebaut und trainiert werden.

Gleichzeitig bietet die Sommerpause die Möglichkeit, die vergangene Saison bewusst zu reflektieren: Was hat gut funktioniert? In welchen Situationen fehlte die mentale Stabilität? Welche Herausforderungen haben besonders Energie gekostet? Aus dieser Analyse lassen sich klare Ziele und individuelle Strategien für die kommende Saison entwickeln. Auch die mentale Regeneration spielt dabei eine wichtige Rolle, denn viele Athletinnen und Athleten unterschätzen die psychische Belastung einer langen Saison. Die Pause kann helfen, Motivation neu aufzubauen, Rückschläge oder Verletzungen zu verarbeiten und wieder mit mehr Freude und Klarheit in den Sport zurückzukehren.

Sportpsychologisches Training wirkt oft besonders dann, wenn es frühzeitig und kontinuierlich aufgebaut wird, ähnlich wie Technik-, Kraft- oder Ausdauertraining. Wer die Sommerpause nutzt, um an der eigenen mentalen Stärke zu arbeiten, schafft eine wichtige Grundlage, um in der neuen Saison fokussierter, stabiler und belastbarer mit Drucksituationen und Herausforderungen umzugehen.

Prof. Dr. René Paasch, Die Sportpsychologen
Prof. Dr. René Paasch, Die Sportpsychologen

Antwort von Prof. Dr. René Paasch (zum Profil):

Die Sommerpause schafft einen psychologischen Freiraum, der während der Saison oft fehlt. Der unmittelbare Leistungsdruck nimmt ab und dadurch entsteht Raum für echte Veränderung. Themen wie Regeneration, Motivation, Selbstwert oder mentale Balance können in dieser Phase häufig deutlich nachhaltiger bearbeitet werden. Aus psychologischer Sicht entstehen stabile Veränderungen selten unter dauerhaftem Stress, sondern vor allem dann, wenn Menschen wieder Zugang zu Reflexion und Selbststeuerung finden. 

Ich habe einmal mit einer jungen Skirennläuferin gearbeitet, die nach einer langen Wintersaison körperlich zwar fit war, mental aber vollkommen erschöpft wirkte. Während der Saison wollte sie vor allem „funktionieren“ und keine Schwäche zeigen. Erst in der Sommerpause konnte sie offen darüber sprechen, wie sehr sie die ständige Bewertung und die Angst vor Fehlern belastet hatten. Genau in dieser ruhigeren Phase konnten wir wieder an Motivation, Selbstvertrauen und Freude am Sport arbeiten.  

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Jürgen Walter: Das Event „Praxis der Sportpsychologie“ wird digital

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Am Samstag, den 1. August 2026, findet das Event „Praxis der Sportpsychologie“ in Düsseldorf statt. Nach verschiedenen Auflagen in Präsenz wird es nun virtuell angeboten. Jürgen Walter, Erfinder der Veranstaltung, hat uns von Die Sportpsychologen über die Hintergründe informiert.

Jürgen, zum ersten Mal findet dein Event „Praxis der Sportpsychologie“ digital statt. Sind für das Event die Räume des Düsseldorfer Tischtennis-Bundesligisten Borussia zu klein geworden oder was hat dich dazu bewogen, die Veranstaltung ins Digitale zu verlegen?

Die Veranstaltungen haben zuletzt entweder im Tischtenniszentrum Düsseldorf oder bei der IST-Hochschule Düsseldorf stattgefunden. Sie waren immer ausgebucht und wir haben in der Regel eine 100% Weiterempfehlung bekommen. Wir sehen aber einen sehr großen, weiteren Bedarf und versprechen uns über das Online-Format einen noch größeren Zulauf. Außerdem ist so eine Online-Veranstaltung einfacher und kostengünstiger zu organisieren. Reisekosten und Reisezeiten entfallen für Referierende und Teilnehmende und auch die Kosten für Räumlichkeiten und Verpflegung. Leider ist durch das online-Format kein persönlicher Austausch mehr möglich. Diesen Nachteil müssen wir in Kauf nehmen.

Einer der thematischen Schwerpunkte ist der Fußball. Als Speaker konntest du Fortuna Düsseldorf-Legende Oliver Fink und den Trainer Frank Wormuth gewinnen. Was versprichst du dir von den beiden? Was können die Teilnehmenden erwarten?

Oliver Fink und Frank Wormuth sprechen aus der Praxis. Sie sind bodenständig, authentisch und und erreichen die Zuhörer. Ich habe Veranstaltungen besucht, bei denen Persönlichkeiten aus dem Sport sich praktisch nur selber vermarktet haben. Es haben ausführliche Vorgespräche mit beiden stattgefunden. Darauf haben sie sich eingelassen und man merkt auch deren Feuer brennt für die sportpsychologische Themen.

Mit dem früheren Handball-Nationaltorhüter Henning Fritz und Marion Sulprizio vom BDP und MentalGestärkt geht es dann um die mentale Gesundheit. Worum wird es in den beiden Beiträgen konkret gehen? 

Marion Sulprizio berichtet als Geschäftsführerin der Initiative MentalGestärkt an der Sporthochschule Köln aus Ihrer Beratungspraxis. Henning Fritz, der bereits mit sehr großem Erfolg 2023 bei einer unserer Veranstaltungen aufgetreten ist, kann sehr emotional von seinem Weg als dritter Torhüter bei der WM 2007 zum Held berichten aber auch von seinem Weg aus einer mentalen Krise zu einer wiedergewonnen mentalen Stärke. Ich habe selten einen so überzeugenden Referenten erlebt!

Alle Infos zum Event:

https://www.verband-sportpsychologie.de

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