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Dr. René Paasch: Freie Bahn nur für mental Starke?

Ein aktueller WDR Sport Inside Beitrag “Jungprofis in der Bundesliga: Noch früher ins Rampenlicht” sorgt für Aufsehen. Im Film von Matthias Wolf wird die Regeländerung kritisch beleuchtet, nach der in der Fußball-Bundesliga zukünftig ohne jegliche Einschränkung bereits 16-Jährige Kicker zum Einsatz kommen dürfen. Diese Veränderung hat Borussia Dortmund angestossen. Ein Verein, der zunehmend auf junge internationale Talente setzt. Aber zu welchem Preis? Zu dieser Frage wurde unter anderem Dr. René Paasch von Die Sportpsychologen (zum Profil) befragt. Wir empfehlen an dieser Stelle den Beitrag, der unter anderem auf Sportschau.de oder über die Sportschau-App zur Verfügung steht:

Zum TV-Beitrag: https://www1.wdr.de/mediathek/video/sendungen/sport-inside/video-jungprofis-in-der-bundesliga-noch-frueher-ins-rampenlicht-100.html

Dr. René Paasch im Interview (Screenshot WDR Sport Inside, Verwendung bewilligt via Medikament-TV)

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Bildquelle: Screenshot WDR Sport Inside, Verwendung bewilligt via Medikament-TV

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Prof. Dr. Oliver Stoll: Die Enttäuschung, wenn man sein sportliches Ziel nicht erreicht!

Viele sportliche Ziele, die ich mir in meinem Leben gesetzt habe, konnte ich bislang erreichen. Einige wenige nicht! Dazu gehören jetzt auch die 4-Trails in diesem Jahr. Dieses 4-Etappen Rennen über Teile der Alpen, in dem in vier Tagen ca. 110 Kilometer und 7500 Höhenmeter überwunden werden müssen. Anfang Juli bin ich dort gescheitert. 

Zum Thema: DNF – eine Frage der Ursachenzuschreibung

Was war passiert? Die Vorbereitung lief Corona-bedingt …hmm, solala. Ich hatte mich zwar frühzeitig angemeldet, aber im vorigen Jahr fiel dieses Rennen aus und wurde auf 2021 verlegt und erst ca. sechs Wochen vor dem Start kam das „Go“ aus Österreich. Ich hatte also sechs Wochen für eine spezifische Wettkampfvorbereitung. Mir fehlten natürlich die Läufe im alpinen Gelände und ich konnte nur im Mittelgebirge trainieren. Und dennoch ging ich das „Risiko“ voller Vorfreude ein. Ich steigerte meine Laufumfänge, die Intensität jedoch nur etwas, was auch berufsbedingt nur in gewissen Grenzen möglich war. Meinen Streak wollte ich nicht abreißen lassen, also war tägliches Laufen weiterhin angesagt, jedoch deutlich vorsichtiger. Die Vorfreude auf diesen Wettkampf war wirklich groß, auch wenn ich in diesem Jahr ohne meine Frau teilnehmen musste. Diese gemeinsame Erfahrung im Jahr 2019 war wirklich sehr positiv emotional in meiner Erinnerung eingebrannt.   

Ich überspringe mal viele Trainingstage und die Anreise und Organisation im Vorfeld und lande direkt in der ersten Etappe, die mit 27 Kilometern und 1750 zu überwindenden Höhenmeter zu Buche stand. Die Etappe begann sehr gut. Wetter super. Stimmung prächtig. Probleme bekam ich aber schon „relativ früh“, nachdem gut 1300 Höhenmeter und 15 Kilometer überwunden waren. Zum einen war mein Belastungspuls eigentlich zu hoch und ich bekam Krämpfe in beiden Oberschenkeln. Das war eine Erfahrung, die sich so noch nie hatte. Aber mit Magnesium (und ein paar Minuten Laufpause) bekam ich das alles gut in den Griff. Der Downhill lief ganz gut – keine Krämpfe, denn es ist ja auch eine andere muskuläre Belastung bergab und im Ziel fühlte sich alles ganz gut an.

Schläge ins Kontor 

Im Hotel angekommen, gab es natürlich die geplanten Erholungsmaßnahmen, vor allen Dingen Essen und Trinken und viel Ruhe und Schlaf. Am Abend kam dann noch die Information, dass der Start für den kommenden Tag von 9 Uhr auf 6:30 Uhr vorverlegt wird, weil eine Gewitterfront für den Nachmittag erwartet wird. Das war der eigentliche „erste Schlag ins Kontor“. Das bedeutete für mich „Umplanen im großen Stil“. Der Streckenverlauf wurde geändert, Nahrungsaufnahme am morgen (Frühstück) fiel damit auch flach, denn Aufstehen war um 5 Uhr und um 6 Uhr musste ich ja schon im Startbereich sein (Kontrolle Pflichtgepäck und Briefing). Ich hatte mir noch zwei Semmeln eingesteckt, aber essen war so früh noch nicht drin. 

Der Start erfolgte pünktlich und auch hier lief es erst einmal ganz okay über die ersten sechs oder sieben Kilometer. Dann – ziemlich plötzlich schoss mein Belastungspuls erneut in die Höhe, den ich auch nicht nach kurzen Pausen wieder runter bekam. Hinzu kamen nun auch noch Magenkrämpfe. Am ersten Verpflegungspunkt (VP) nach zehn Kilometern und 1000 Höhenmetern begann es mir, schwindelig zu werden. Der Arzt am VP 1 schaute mir in die Augen und kommentierte dies mit der Aussage: „Du siehst nicht gut aus – keine Farbe mehr im Gesicht und du siehst sehr wackelig aus.“ Also versuchte ich erst mal „runterzukommen“ und mich am Verpflegungsstand zu erholen. Nahrungsaufnahme, Trinken, Erholen. Nach zehn Minuten bekam ich meinen Puls immer noch nicht wirklich in den Griff. Auch mein Magen rebellierte weiter. Was nun tun mit noch weiteren 700 Höhenmetern im Anstieg und weiteren 16 Kilometern (inklusive eines technischen Downhills)? Ich wartete und begann Risiken abzuwägen. Nach weiteren zehn Minuten und keiner weiteren Veränderung meines Zustandes – und einem kurzen Telefonat mit meiner Frau – ging ich noch einmal zum Rennarzt. Während dieser mich „checkte“, kam ich zu dem Schluss, dass das Risiko weiter zu laufen, sehr viel höher ist, als das, was gegebenenfalls aus meinem nicht wirklich guten Zustand auf dem Spiel stand. Damit war mein drittes DNF in meinem Leben beschlossen. Das war emotional sicherlich eine schwere, aber wahrscheinlich notwendige und rational betrachtet richtige Entscheidung.

DNF als offene Wunde

Die darauf folgenden Tage musste ich diese Entscheidung und natürlich „das Große und Ganze“ mal auswerten. Emotional ist die Aufarbeitung eines DNF immer schwer. Man muss eben „rein in die offene Wunde“. Aber wenn ich nicht riskieren möchte, die Lust und die Leidenschaft am Trailrunning zu verlieren, war eine realistische Ursachenzuschreibung notwendig. Eine solche Ursachenzuschreibung ist im Erfolgsfall immer sehr viel leichter, weil man den Erfolg ja sehr gut auf sich und seine eigene Fähigkeiten zurückführen kann. Ändert man diese Zuschreibung aber im Misserfolgsfall nicht – und schreibt einen Misserfolg seinen fehlenden Fähigkeiten zu, dann verliert man sehr schnell und ziemlich komplett seine Leistungsmotivation.  

Aus meiner sportpsychologischen Praxis weiß ich nur zu gut: Dass „sich Auseinandersetzen“ mit dem eigenen Scheitern ist eine emotional schwierige Aufgabe, aber kann eben im besten Fall dazu führen, dass man weiterhin motiviert bleibt. Ich habe einige Tage gebraucht, um zu erkennen, was ich im Vorfeld alles falsch gemacht habe und was schlussendlich dazu geführt hat, dass ich aussteigen musste. Es lag aber grundsätzlich nicht an meine grundlegenden Fähigkeiten, sondern situativ lief nicht wirklich alles gut und wenn ich einige wenige Fehler in Zukunft nicht mehr mache (Stichwort: Rechtzeitige Nahrungsaufnahme und vernünftiges Training im alpinen Gelände), dann sollte es das nächste mal wieder klappen mit einem erfolgreichen Rennen in Teil-Etappen über alpines Gelände. Nach knapp zwei Wochen der Analyse freue ich mich jedenfalls wieder darauf.    

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Dr. Hanspeter Gubelmann: Tokio 2020 – Zwischen Worst-Case Szenario und olympischem Traum

Es sind nur noch wenige Tage bis zur Eröffnungsfeier in Tokio. Funktionäre, Trainer*innen und Athlet*innen befinden sich im ultimativen Countdown auf den weltweit grössten Sportanlass, der Corona bedingt um ein Jahr verschoben werden musste. In welcher Gemütsverfassung und unter welchen Bedingungen die Sportler*innen an ihrem Tag X an den Start gehen werden, scheint so offen wie nie zuvor. Das Spektrum reicht vom «Worst-Case Szenario» bis «Erfüllung des Olympischen Traums».

Zum Thema: Olympia unter Pandemie-Bedingungen

„Expect the unexpected“ – erwarte das Unerwartete, lautet ein Merksatz, der mit der Teilnahme an Olympischen Spielen immer wieder genannt wird. Der Ursprung des Gedankens liegt in der unsicheren Vorhersagbarkeit des Wettkampfgeschens bei den Spielen, wo sich die Rahmenbedingungen im Vergleich zu anderen internationalen Meisterschaften deutlich unterscheiden. Für Tokio scheint die Einschätzung, was zu erwarten ist, noch ungenauer zu sein. Da sind vor allem die gedrückte Stimmung in Japan, das fehlende olympisches Fieber im Land, Notstandsrecht in der Stadt sowie erste positive Fälle im sportlichen Umfeld. Angesichts dieser Umstände überrascht nicht, dass der Schweizer Olympia-Psychologe Jörg Wetzel gegenüber dem SRF hinsichtlich dieser gestellten Herausforderungen besonders betont: „Wir haben uns bewusst auf worst-case Szenarien vorbereitet, damit wir vor Ort die tatsächlichen Restriktionen nicht als derart behindernd wahrnehmen und froh darüber sind, dass es doch nicht so schlimm ist“. Das Leben im „olympischen Dorf“ bezeichnet der Schweizer Olympia-Missionschef Ralph Stöckli aktuell als „halb so schlimm“. Er empfindet das Leben im Village als durchaus angenehm. Noch unklar sei, wie es im Trainings- und Wettkampfbetrieb laufen werde. Zu schaffen mache ihm vor allem fehlende oder verspätet eintreffende Informationen, welche den Planungs- und Organisationsprozess deutlich beeinträchtigen. 

Als grösste Herausforderung nennt Stöckli im SRF die spürbare Unsicherheit bei den Athlet*innen, „was nun tatsächlich anders ist, als erwartet“. Eine gewisse Anspannung bleibt. Genau an diesem Punkt setzt jene psychische Fähigkeit an, die die Sportpsychologie gerne mit «mentaler Stärke» umschreibt. Der amerikanische Sportpsychologe Jim Loehr (1986) nannte diese „mental toughness“ (mentale Zähigkeit) als Fähigkeit, unabhängig von den Wettbewerbsbedingungen Leistungen konstant im oberen Bereich des individuellen Talents und Könnens zu erbringen. Exakt diese „mentale Hartnäckig- und Zähigkeit“ im Hinblick auf Olympia zu entwickeln, erfordert eine gezielte und langfristige mentale Vorbereitung, welche ich kürzlich als Vertreter von mind2win im Newsletter der Partnerorganisation sportlifeone beschrieben habe. Den möglichen Einschränkungen, Unsicherheiten und Notfallszenarien zum Trotz: aus sportpsychologischer Sicht zählen ab jetzt nur noch positive Aktionen!

Mentale Stärke in einer wirklich besonderen Situation

Hier geht es mit einem Klick zum weiterführenden Text: Nur noch positive Aktionen zählen!

Zitat von Dr. Hanspeter Gubelmann aus dem sportlifeone-Text

https://sportlifeone.ch/2021/07/13/nur-noch-positive-aktionen-zaehlen/

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Quellen:

https://www.srf.ch/sport/tokyo-2020

Loehr, J.E. (1986). Mental toughness training for sports. New York: Plume

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Miriam Kohlhaas: Vorbild bunter Footballsport

In den vergangenen Wochen und Monaten haben gleich zwei American Football-Spieler für Aufsehen gesorgt, indem sie zwei der größten Tabus im internationalen Profi-Sport einfach mal so beiseite geräumt haben. Hayden Hurst und Carl Nassib. Während Hurst, der Tight End der Atlanta Falcons offen über seine Depressionserkrankung sprach und eine Stiftung an den Start brachte, outete sich Nassib als aktiver NFL-Spieler der Las Vegas Raiders als homosexuell. Zwei Fälle, die gern auch im deutschen Sport als Fingerzeig verstanden werden dürfen, oder?

Zum Thema: Umgang mit Tabus im American Football

Ganz so einfach ist es leider nicht, sagt Miriam Kohlhaas (zum Profil), sportpsychologische Expertin und absolute Insiderin im American Football in Deutschland. Sie wurde nach kürzlich vom Sportradio Deutschland (Link) zum Thema interviewt. Und weil dieses Gespräch ein besonderes schönes, informatives und anregendes war, haben wir uns vom Sender den Mitschnitt kommen lassen und laden euch hier zum Reinhören ein:

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Dr. Hanspeter Gubelmann: Elterncoaching – macht es wie die Norweger!

Wenn die Rede von effizienter Spitzensportförderung im Hinblick auf Olympischen Erfolg ist, kommt man an einer Sportnation nicht vorbei: Norwegen. Wer glaubt, dieser Erfolg stünde ausschliesslich mit dem weltweit bekannten Förderprogramm Olympiatoppen zusammen, der irrt. Ein entscheidender Schlüssel zum Erfolg liegt in der Art und Weise, wie das skandinavische Sportsystem die Eltern in seine Sportförderung einbindet!

Zum Thema: Eltern als Schlüssel für den sportlichen Erfolg der Kinder

Norwegen gilt für viele andere Sportnationen als herausragendes Beispiel für effizienten und nachhaltigen Erfolg im Spitzensport. So gewann das „Team Norge“ in Pyeongchang 2018 mehr Medaillen in der Geschichte der Olympischen Winterspiele als je eine andere Nation zuvor. Wie dieser historische sportliche Grosserfolg einer Nation mit gerade mal 5.3 Mio Einwohner*innen zustande kommt, war auch Untersuchungsgegenstand der Studie SPLISS (Sports Policy Factors Leading to International Sporting Success) des Bundesamtes für Sport (BASPO), welche kürzlich anlässlich einer Medienkonferenz von Sportministerin Viola Amherd im Bundeshaus der Öffentlichkeit vorgestellt wurde:

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Mitsprache und Mitwirkung der Jugendlichen

Zur norwegischen Nachwuchsförderung und der Einbindung der Eltern stellt der umfangreiche Bericht interessante Erkenntnisse zur Verfügung (Kempf et al. 2021, S.30)

(…) Eine mögliche Erklärung liegt in Norwegens Sportpolitik, die auf Mitsprache und Mitwirkung der Jugend ausgerichtet ist. So sollen Jugendliche die Möglichkeiten haben, sich an der Planung und Umsetzung ihrer eigenen Sportaktivitäten zu beteiligen und selbst entscheiden können, wie viel sie trainieren wollen. Mit den von den Verbänden angenommenen Kinderrechten im Sport wird gleichzeitig eine Altersgrenze für die Teilnahme an Wettkämpfen gesetzt: Die Jugendlichen dürfen an keinen nationalen Wettkämpfen unter 13 Jahren teilnehmen und an keinen regionalen vor dem 11. Lebensjahr. Bei einem Regelverstoss riskieren Verbände und Vereine, den Zugang zu öffentlichen Fördergeldern zu verlieren (Farrey, 28. April 2019). Weiter sind die harmonisierten Schul- und Arbeitszeiten zu erwähnen: Die Schulen enden bereits um 16 Uhr. Parallel dazu arbeiten die Norweger/innen deutlich weniger als die Schweizer/innen. Während die Schweizer Vollzeitbeschäftigten 2018 im Schnitt 42,5 Stunden leisteten, liegt der Schnitt in Norwegen bei 37,7 Stunden und ist somit eine der tiefsten in Europa (Wiget, 23. Mai 2019). Diese vergleichsweise kurzen Arbeits- und Schulzeiten schaffen für Kinder sowie deren Eltern den entsprechenden Freiraum zur Ausübung von sportlichen Aktivitäten. Zudem findet eine Einbindung der Eltern durch die Vereine statt: Wenn die Eltern ihre Kinder zum Vereinssport bringen, wird erwartet, dass sie ehrenamtliche Tätigkeiten übernehmen.

Eltern als Schlüsselakteure systematisch einbeziehen

Das Autor*innen-Team um Studienleiter Hippolyt Kempf, Olympiasieger in der Nordischen Kombination 1988 in Calgary, kommen zum Schluss ihres über 100-seitigen Berichts auf sechs zentrale Ansatzpunkte einer zukünftig weiter verbesserten Sportförderung zu sprechen. Ein besonderes Anliegen wird in der Sicherung der Vielfalt und Qualität der Sportangebot im Kinder- und Jugendsport festgehalten. Im Vordergrund steht dabei die Forderung eines optimalen Übergangs von der Polysportivität im Kinder- und Jugendsportbereich zur Spezialisierung im Anschlussbereich des Leistungssports. Zur Rolle der Eltern im helvetischen Sportkontext zeichnet die Studie ein eher ernüchterndes Bild (S.88) „Die Eltern sind oft nicht ausreichend orientiert, wenn es um spezifische Fragen im Leistungssport geht: Bei Karriereplanung, Schul- und Ausbildungsmöglichkeiten für Sportler/innen, Finanzierungs-, Rechts- und Versicherungsfragen und vielem mehr bleiben Fragen offen. Folglich bräuchte es einen systematischen Einbezug der Eltern bei Meilensteinen auf dem FTEM-Athletenweg.“

Elterncoaching – was nun?

Mit welchen konkreten Massnahmen und Mitteln ein systematischer Einbezug der Sporteltern im Umfeld des Schweizer Nachwuchsleistungssport zu erreichen wäre, lässt der Bericht offen. In Anlehnung an das skizzierte skandinavische Modell wären folgende Ansatzpunkte zu diskutieren, welche auch das Wirkungsfeld der Eltern tangieren:

  • aktive Mitgestaltung in Planung und Umsetzung der Sportaktivitäten und der Trainingsinhalte durch die Jugendlichen selbst;
  • Einführung von Altersgrenzen für die Teilnahme nationalen und internationalen Wettkämpfen;
  • konsequentes Festhalten an den Kinderrechten im Sport;
  • polysportive Ausrichtung der Jugendförderung anstelle einer einseitigen Frühspezialisierung; 
  • Entwicklung verstärkt kinder- und familienfreundlicher Arbeitsmodelle für Eltern (z.B. vermehrte Homeoffice-Möglichkeiten, um zeitintensive Arbeitswege zu einzusparen und damit zeitliche Ressourcen für eine vermehrte Einbindung der Eltern im Jugendsport zu gewährleisten);
  • Einbindung der Eltern und Übernahme ehrenamtlicher Tätigkeiten im Vereinssport

Im Mittelpunkt steht der junge Mensch und seine Entwicklung

Die inhaltliche Synthese der oben skizzierten Ansatzpunkte zeigt überdeutlich: den in Richtung Leistungssport strebenden jungen Sportler*innen muss ein adäquater Spielraum angeboten werden, der neben einer passenden sportlichen Entwicklung insbesondere auch die Chance einer selbstbestimmten und von den involvierten Eltern gestützten Persönlichkeitsentwicklung zulässt. 

Von diesem Ansatz handelt auch unser kürzlich in der Zeitschrift SEMS-journal (Sport & Exercise Medicine Switzerland) erschienene Beitrag „Wie Eltern in der Schweiz ihre Kinder erfolgreich auf dem Karriereweg nach Olympia begleiten“ (Gubelmann, Baldasarre & Müller, 2021). Dieser dokumentiert und analysiert – erstmalig in dieser Form – jene Wege von bekannten Sporteltern, welche in der Begleitung ihrer Kinder beschritten wurden.

Von erfolgreichen SportlerInnen-Eltern lernen

Dr. Hanspeter Gubelmann, Cristina Baldasarre und Philippe Müller haben an einer hoch interessanten Studie gearbeitet. Dazu haben sie sehr erfolgreiche SportlerInnen-Eltern interviewt, deren Ausführungen nicht nur für Väter und Mütter von AthletInnen von Bedeutung sein dürften, sondern auch für TrainerInnen, FunktionärInnen und JournalistInnen. Hier geht es zur Veröffentlichung in der Zeitschrift SEMS-journal (Sport & Exercise Medicine Switzerland):

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Link: https://sems-journal.ch/10123

Quellen: 

Gubelmann, H., Baldasarre, C. & Müller, P. (2021). Wie Eltern in der Schweiz ihre Kinder erfolgreich auf dem Karriereweg nach Olympia begleiten. SEMS-journal, 69 (2), S.41-45.

Kempf, H., Weber, A. Ch., Zurmühle, C., Bosshard, B., Mrkonjic, M., Weber, A., Pillet, F., & Sutter, S. (2021). Leistungssport Schweiz – Momentaufnahme SPLISS-CH 2019. Magglingen: Bundesamt für Sport BASPO.

Link zur BASPO-Medienmitteilung:
https://www.baspo.admin.ch/de/home.detail.news.html/baspo-internet/2021/leistungssport-schweiz-momentaufnahme-spliss-ch-2019.html

Medienkonferenz siehe youtube!
https://www.youtube.com/watch?v=XNbI9Gxn_4Q&t=2s

Link zu SEMS-Artikel:

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Markus Gretz: Meine Freundin die Angst

In einem Interview bei Sportradio Deutschland (Link) habe ich kürzlich erklärt, wie sehr und wie allgegenwärtig Radsportler mit dem Thema Angst konfrontiert sind. Damit haben aber bei weitem nicht nur Radsportler*innen zu tun, auch bei anderen Athlet*innen ganz verschiedener Sportarten ist  Angst ein fester Begleiter. Wichtig ist es also, sich mit dieser Emotion vertraut zu machen. Zumal ich gern folgende Frage in de Raum stellen will: Ist dieses Gefühl der Angst immer nur etwas Schlimmes oder kann es sogar nützlich sein?

Zum Thema: Umgang mit Ängsten im Sport 

Angst ist eine sehr starke negative Emotion, die meist durch äußere Einflüsse und Erfahrungen hervorgerufen wird. Aber auch innere kognitive also gedankliche Prozesse können Ängste auslösen. Angst wird von vielen Menschen als eines der unangenehmsten Gefühle beschrieben und deshalb wollen die meisten Sportler*innen vermeiden, in Situationen zu kommen, die Angst auslösen. Die Forschung zeigt aber, dass gerade das eine eher ungünstige Strategie ist, da sich die Angst durch Vermeidung sogar noch verstärkt.

Andere Menschen sind geradezu süchtig nach Angst. Wenn man sich in Extremsportarten umsieht, findet man viele sogenannte Adrenalinjunkies oder sensation seeker. Menschen, die sich also bewusst in angstauslösende Situationen bringen, um die körperlichen und mentalen Sensationen zu erleben, die Angst mit sich bringt. Teilweise bringen Sie sich dabei sogar in Lebensgefahr – und wie bei vielen Süchten brauchen viele immer mehr und immer intensivere Erlebnisse.

Wie bei vielem ist es meiner Ansicht nach wichtig, auch bei der Angst einen Mittelweg zu finden, der zu einem persönlich passt.

Ursachen von Angst

Doch gehen wir noch einmal einen Schritt zurück: Warum haben wir Menschen überhaupt Angst? Was bringt uns die Angst und wie können wir sie zu schätzen lernen, ohne dass wir nach ihr süchtig werden?

Angst ist zunächst ein Gefühl, dass durch eine Gefahr ausgelöst wird. Diese Gefahr kann real oder eingebildet sein. Was gefährdet ist, kann auch ganz unterschiedlich sein. Neben der Gesundheit wie im Beispiel von der Tour de France kann auch die soziale Position, die Gruppenzugehörigkeit, die Freiheit und andere Menschen und vieles anderes, was einem persönlich wichtig ist, in Gefahr sein.

Dadurch, dass uns die Angst mit einem schnellen Gefühl Signale gibt und sogar den Körper und Geist zur Flucht oder Kampf auf eine Gefahr vorbereitet, ist die Angst eines der nützlichsten Gefühle im Überlebenskampf und hat sich evolutionär durchgesetzt. Im heutigen Leben kann die Angst aber einerseits nützlich und andererseits ziemlich unnütz sein. Meist kann man nicht kontrollieren, wann man Angst hat. Deshalb ist es wichtig die nützlichen Seiten der Angst kennenzulernen und hervorzuholen.

Eine neue Freundin

Auch ich hatte und habe immer wieder Angst. Für mich ist die Angst aber durch bewusste Konfrontation zu einer Freundin geworden, die mir im Alltag und in besonderen Situationen hilft. 

Sie zeigt mir immer wieder an, was für mich wichtig ist. Wenn ich zum Beispiel vor einem Vortrag Herzklopfen bekomme, merke ich dadurch, dass es mir wichtig ist, eine gute Leistung zu zeigen und andere Personen mitzunehmen. Wenn ich Angst um die Gesundheit meiner Freunde oder Familie habe, ist das genauso ein Signa,l um welche Personen ich mich kümmern will. 

Sie hilft mir, mich zu konzentrieren. Manchmal werde ich leichtsinnig und dann hilft mir die Angst, meine Konzentration wieder aufs Wesentliche zu richten. Wenn ich beim Snowboarden zum Beispiel vor einer Rampe Angst vor dem Sturz hatte, hat mir die Angst gesagt, worauf ich bei der Sprungtechnik achten muss, damit es nicht zum Sturz kommt.

Sie gibt mir ein Signal, zu planen. Wenn ich vor einer großen Aufgabe stehe, wie zum Beispiel einem Wettkampf oder einem anspruchsvollen Coaching, dann gibt mir die Angst einen Hinweis, mich vorzubereiten und einen Plan und evtl. sogar einen Notfallplan aufzustellen. Damit bin ich dann gewappnet und kann mit einem guten Gefühl aber nützlicher konzentrierter Angst in die Situation gehen.

Sie setzt zusätzliche Kräfte frei. Durch das Adrenalin und die Angst im Körper kann ein Mensch seine Nofallkraftreserven nutzen und bis zu 20% über seine Maximalkraftleistung kommen. Als Sportler ist es deshalb gerade im Wettkampf manchmal sinnvoll, ein bisschen Angst zu haben, um zusätzliche Energie freizusetzen.

Sie lässt mich auch mal abwägen, ob es das Risiko wert ist. Wenn ich zum Beispiel spät dran bin und im Straßenverkehr Gas geben will, ist die Angst ein guter Ratgeber, der mir hilft, langsamer zu fahren und lieber spät als gar nicht anzukommen.

Die Liste lässt sich vermutlich noch lange fortsetzen und jeder findet seine eigenen nützlichen Funktionen, die die Freundin Angst einnehmen kann.

Vorfreude auf die Angst

Für den Radsport kann die Angst auf jeden Fall auch sehr nützlich sein, indem sie bei der Abfahrt die Konzentration steigert, am Berg Energiereserven freisetzt und den Fahrern langfristig Motivation gibt, weil sie merken, wie wichtig ihnen der Radsport ist. Auch die Planung der Taktik und des Trainings kann durch Angst angeregt werden.

Wenn ich die Angst als wichtiges und nützliches Gefühl kenne und schätzen lerne, brauche ich auch keine Angst mehr vor der Angst zu haben und das nimmt schon mal einiges an Schwere. Manchmal freue ich mich sogar auf die Angst, und die zusätzliche Konzentration und Energie, die sie mir gibt, ohne gleich zum Adrenalinjunkie zu werden.

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EM-Special: Ed Sheeran schlägt Maffay, was ihr über Musik in der Wettkampfvorbereitung wissen solltet

Peter Maffay war als Stargast im deutschen Teamquartier. Ein paar Tage vor dem EM-Achtelfinale der Fußball-Nationalmannschaft gegen England zauberte der 72-Jährige hinter verschlossenen Türen dem Vernehmen nach einen exklusiven Gastauftritt auf die Bühnenbretter. Ohne dem zweifelsohne sehr erfolgreichen Musiker oder seinen Fans im Nationalteam zu nahe zu treten – und an dieser Stelle auch mit einem deutlichen Augenzwinkern kommentiert: Das Beispiel zeigt deutlich, dass selbst sehr professionell gemanagte Sportteams sich schwer tun, mit Fingerspitzengefühl einzelne Athleten, Kleingruppen oder ein ganzes Team bedarfsgerecht zu aktivieren. 

Zum Thema: Musik als Werkzeug für Aktivierung oder Entspannung

Ohne auf dem Ausscheiden gegen England und einer möglichen Mitverantwortung von Peter Maffay – wir wissen um die Schwäche von Ex-Nationalspieler Toni Kroos für PUR und kennen dank dem ARD Sportschau Club die Verwandtschaft von Joshua Kimmich (ab Minute 23:00 – Link) – herumzureiten: Die Engländer hatten fast zeitgleich Ed Sheeran im Quartier zu Gast. Der ist zwar auch nicht jedermanns Lieblingsmusiker, wie eben nicht alle Briten auf Southgates Sicherheitskonzeptfußball stehen. Aber beides passt zumindest in unsere Zeit.

Wie auch immer, wir haben die Zwischentöne der Fußball-Europameisterschaft genutzt, um uns dem Thema Musik in der unmittelbaren Wettkampfvorbereitung zu widmen. Ganz egal, ob wir im ersten Moment an Aktivierung oder auch an das Gegenteil denken. 

Eine entscheidende Frage

Um eine Grundlage zu schaffen, bedienen wir uns hier unserem Online-Coachingprogramm “Abliefern, wenn es darauf ankommt”. In der Dimension Aktivierung erklärt Prof. Dr. Oliver Stoll aus Leipzig (zum Profil), eine wesentliche Anforderung, der selbst Leistungssportler und -sportlerinnen nicht immer gerecht werden. Es geht darum, über sich und seine Bedürfnisse im Klaren zu sein, um die Wettkampfvorbereitung entsprechend steuern zu können. 

Schaut in den Ausschnitt gern mal rein, der zu unserem umfangreichen Coaching-Material gehört, welches ihr hier bestellt könnt: Abliefern, wenn es darauf ankommt (ab 239 EUR)

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Auszug aus dem Pay-Content unseres Online-Coachingformates “Abliefern, wenn es darauf ankommt”, Link: https://www.die-sportpsychologen.de/2021/02/abliefern/

“One Moment in time” 

Jetzt aber ganz konkret zur Musik. Um deutlich zu machen, wie viel Klänge in uns auslösen können, greift Maria Senz von der Insel Rügen (zum Profil) gleich ganz tief in den Plattenkoffer: Zum Vorschein kommt ein ehrwürdiger Olympia-Song, der Maria seit Jahren begeistert. Denn mit „One Moment in Time” erzeugt Whitney Houston bei ihr immer noch Gänsehautmomente, Freudentränen und ein Gefühl von „Da will ich unbedingt dabei sein“ – seit den olympischen Spielene 1988 in Seoul. Ein Klassiker, der Emotionen, Bilder und Gedanken weckt und sicher nicht nur bei ihr Reaktionen hervorbringt.

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Aber wie funktioniert das eigentlich, Maria. “Musik geht durchs Ohr direkt ins Körpererleben. Abhängig von der Stimmung, die erzeugt werden möchte, kann Musik verbinden, aktivieren, beruhigen, fokussieren, befreien und vieles mehr. Ein idealer Begleiter – einsetzbar vor, während und nach dem Wettkampf.”

Ganz unterschiedliche Anwendungsbeispiele 

Hier stellen wir euch eine kleine und ganz persönliche Musikauswahl zur Verfügung, die Maria Senz seit Jahren als Sportlerin und auch als Mentalcoach zum Beispiel im Beachvolleyball nutzt:

STIMMUNGBEISPIELLIEDTIPP
Musik verbindet…um sich gemeinsam als Team auf den Wettbewerb einzustimmen und als Einheit aufzulaufenWe Are The Champions – Queen
Musik aktiviert…Bringt den Körper in Bewegung, ändert die Körperhaltung, bringt den Puls nach oben und setzt Adrenalin freiMolotov – Seeed
Musik beruhigt…Atmen im Rhythmus der Musik, um ein hinderliches Aufgeregt sein zu lindern und Hoffnung zu verbreiten60B Etown Theme – Nancy Wilson
Musik fokussiert…im entscheidenden Moment, das Entscheidende ausübenIndiana Jones Theme Song
Musik befreit…von Niederlagen, Ballast, Wut, Ärger, EnttäuschungFlug auf dem Glücksdrachen – Klaus Doldinger (Unendliche Geschichte)
Tipps von Maria Senz

“Musik ermöglicht, dass wir Emotionen, Gedanken, Bilder, Bewegungsabläufe in unserem Körper abspeichern können. Wir sind die Regisseure unseres Kopfkinos. Folglich dient Musik als melodische Stütze beim Abrufen und Durchführen der ersehnten Leistung – eine sehr praktische Erfindung. Das ist wie Domino spielen: es löst Kettenreaktionen aus und alles ist möglich”, sagt Maria, die als weitere Anregung auf die neuseeländische Rugby-Mannschaft All Blacks und deren Haka-Ritual vor jedem Spiel hinweist – dieses Ritual verbindet und stärkt auf Basis von Musik das Teamgefüge, weckt den Kampfgeist und schüchtert den Gegner ein.

Sich Flügel verleihen

Mila Hanke aus Aschau im Chiemgau (zum Profil) hat sportpsychologisch weniger mit Teams zu tun, sondern vor allem mit Individualsportlern im Outdoorbereich. Wie sie Musik in der Zusammenarbeit mit ihren AthletInnen ganz konkret in der Wettkampfvorbereitung einsetzt und wie unterschiedlich dies ausfallen kann, beschreibt sie in dem folgenden Audio-Dokument. 

Hört rein, und erfahrt wie ein Klassiker aus den 70ern einem jungen Mountainbiker sprichwörtlich Flügel verleiht – Spoiler: Der Song, auch wenn er schon alt ist, hat nichts mit Peter Maffay zu tun: 

Mila Hanke

Mila hat sogar bei Spotify eine Playlist zusammengestellt. Hört mal rein, ob für euch Anregungen dabei sind. Und nehmt gern Kontakt zu ihr (zum Profil von Mila Hanke) oder ihren Kolleginnen (zur Übersicht) auf, um selbst die für euch passende Musikauswahl im Rahmen einer individuellen Wettkampfvorbereitung zu treffen:

Klicken Sie auf den unteren Button, um den Inhalt von open.spotify.com zu laden.

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Music is everywhere

Warum Musik für Sportler und Sportlerinnen quasi überall sein sollte, zeigen wir zudem in einer kleinen Auswahl an Texten, die sich in den vergangenen Jahren bei uns auf der Plattform mit dem Thema auseinandergesetzt haben. Taucht also gern tiefer – ganz egal mit welcher Musik im Hintergrund. 

Wichtig ist nur, dass wir nicht aus dem Auge verlieren, wie wichtig die Ohren in der Wettkampfvorbereitung sein können – oder wie hat Peter Maffay schon 1985 in einem seiner größten Hits “Sonne in der Nacht” so schön gesungen: “Nur für den Augenblick sollte es sein, mehr habe ich nicht von dir gewollt”…

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Markus Gretz: Der Radsport ist anders als andere Sportarten

Die Tour de France Auflage des Jahres 2021 wurde schon in den ersten Tagen von zahlreichen Stürzen überschattet. Zum Teil schwere Verletzungen waren die Folge. Gleich mehrere Rad-Profis waren sogar zur Aufgabe gezwungen. Andere fahren lädiert weiter und versuchen, bis zum Ziel in Paris durchzuhalten beziehungsweise sich parallel zu sportlichen Höchstleistungen zu regenerieren. Markus Gretz, der Radprofis, Nachwuchs- und Breitensportfahrer betreut, wurde kürzlich vom Sportradio Deutschland zu den mentalen Herausforderungen zwischen Profi-Zirkus und ambitionierten Freizeitsport befragt.

Mehr Zum Thema: Sportpsychologie im Radsport

Dass sich Radsportler einem besonderen Druck aussetzen, ist kein Geheimnis. Allerdings ist die Dimension, in der sich allen voran die Profis der internationalen Rennställe bewegen, eine mit anderen Sportarten kaum vergleichbare. Hinzu kommt die präsente Gefahr für Leib und Leben durch Stürze. Hier setzt Sportradio Deutschland-Chefredakteur Alexander Fabian an. Es entsteht ein spannendes Interview zum Umgang mit Verletzungen, der mentalen Belastung, Wettkampfängsten, Motivation und zum Themenbereich Erholung und Belastung:

Sportradio Deutschland im Livestream: Link

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Dr. René Paasch: Emotionen und Körpersprache als Schlüsselfaktoren für Leistung

Robin Gosens. Er war bei der Europameisterschaft 2020, die im Sommer 2021 stattfinden musste, derjenige Fußballer, der die deutschen Fans wirklich mitriss. Vor allem im zweiten Gruppenspiel gegen Portugal. “Es ist ein emotionales Gefühlschaos für mich”, berichtete der 26-Jährige von Atalanta Bergamo nach dem Portugal-Match. Damit sei ein Traum in Erfüllung gegangen. “Eine EM spielen ist eine Sache, aber eine Hütte in so einem wichtigen Spiel zu machen, das ist next level. Magisch!” (Sport1) Wo setzen wir also an, wenn wir als Fußballer von ihm individuell oder als Trainer und Verantwortliche kollektiv lernen wollen? Sind die Schlüsselfaktoren Emotionen und die dazugehörige Körpersprache für diese großartige Leistungsfähigkeit verantwortlich? Diesen spannenden Fragen möchte ich in diesem Blog nachgehen. 

Zum Thema: Körpersprache und Emotionen im Fußball 

Emotionen beschreiben ein komplexes Muster körperlicher und mentaler Veränderungen in Reaktion auf eine auslösende Situation, die als persönlich bedeutsam wahrgenommen wird. Diese Veränderungen beinhalten physiologische Erregung, Gefühle, kognitive Prozesse, Ausdruck und Verhalten. Sie spielen eine wichtige Rolle im Fußball. Das Erleben von Emotionen ist ein entscheidender Faktor, warum Millionen von Zuschauern bei sportlichen Großereignissen gebannt vor dem Fernseher gefesselt sind oder Spieler über sich augenscheinlich hinauswachsen. Denken Sie zum Beispiel an den Moment, als Mario Götze in der Verlängerung des Fußballweltmeisterschaftsfinales 2014 in Brasilien das 1:0-Siegtor erzielte und ganz Deutschland im Freudentaumel aufblühte. Ähnliches lässt sich jetzt auch bei den Reaktionen für Robin Gosens feststellen. Fleiß, harte Arbeit, Mentalität und Disziplin sind seine Tugenden, die ihn zum EM-Startspieler gemacht haben. Es war sein Ziel, sich zu empfehlen. Großartige Geschichte, die seines gleichen sucht. Intensive Emotionen, wie in den geschilderten Beispielen, sind ein mächtiges Instrument im Sport. Dennoch haben die meisten Spieler und Fans ein intuitives Verständnis, was mit dem Begriff „Emotionen“ gemeint ist. 

Wie würden Sie mit der Nervosität beim Elfmeterschießen umgehen? Versuchen Sie sich mit all Ihren Sinnen daran einzulassen. Was fällt Ihnen auf und wie haben sie sich dabei verhalten? 

Dazu ein paar hilfreiche Tipps:  

1) Sich aufrecht und zielgerichtet den Ball nehmen. 

2) Blickkontakt zum Torhüter aufnehmen. 

3) Den Ball auf den Punkt legen. 

4) Beim Zurücklaufen zum Anlaufpunkt den Torhüter anschauen 

5) Nach dem Pfiff des Schiedsrichters tief durchatmen, sich zwei Sekunden Zeit lassen und dann den Anlauf durchführen. Kurz vor dem Schuss zögern, Reaktion des Torhüters abwarten und mutig sich dann für eine Ecke entscheiden. 

Und welche Rolle spielt dabei der emotionale Ausdruck? 

Moll et al. (2010) analysierten alle Elfmeter, die während Fußballwelt- und -europameisterschaften geschossen worden waren. Sie konnten zeigen, dass je nachdem, ob ein Elfmeter getroffen wurde oder nicht, von den Spielern unterschiedliche emotionale Verhaltensweisen ausgedrückt wurden. Sie stellten fest, dass gewisse emotionale Ausdrücke, wie bspw. das Gefühl von körperlicher Gelassenheit und Stärke, mit dem nachfolgenden Erfolg oder Misserfolg der Mitspieler und Gegenspieler zusammenhingen und die Wahrscheinlichkeit eines Sieges ihrer Mannschaft beim Elfmeterschießen erhöhten. Obwohl die Autoren der Studie die Ergebnisse anhand des Mechanismus der emotionalen Ansteckung erklären, deutet Furley et al. (2015) die Zahlen zusätzlich daraufhin, dass die Prozesse der schlussfolgernden Verarbeitung und der emotionalen Ansteckung zum Tragen kamen. Es lohnt sich also, an seinen emotionalen Ausdrücken zu arbeiten. 

Körpersprache

Es vergeht kaum eine Liveübertragung im Fußball, in welcher der Kommentator nicht irgendwann auf die Körpersprache der Spieler zu sprechen kommt. Aussagen wie „Man sieht, dass die Mannschaft sich aufgegeben hat“ oder „Der Spieler ist voller Selbstvertrauen“ sind im Fußball an der Tagesordnung. Wir bekommen alle mit, dass gewisse emotionale Zustände relativ einheitlich kommuniziert werden. Daher ist es auch kein Wunder, dass wir uns mit Körpersprache so gut auskennen und sie zuverlässig interpretieren können. Schließlich waren unsere Vorfahren darauf angewiesen, nonverbal zu kommunizieren (Fridlund, 1994). In diesem Zusammenhang haben aktuelle Studien die bemerkenswerte Beobachtung gemacht, dass Sieg und Niederlage in Wettbewerben dazu führen, dass sich gewisse Hormonspiegel im Blut verändern (Booth et al. 1989), die mit dominanten bzw. unterwürfigen Verhaltensweisen einhergehen. Vor diesem Hintergrund ergeben auch die häufigen Kommentare zur Körpersprache im Fußball Sinn. 

Von noch größerer praktischer Bedeutung sind Studien, die zeigen, dass dominante Verhaltensweisen einen entscheidenden Einfluss auf den Gegner haben (Furley, Dicks 2012). Die Experimente demonstrieren, dass dominante Körpersprache unbewusst mit positiven Eigenschaften wie Selbstvertrauen und Kompetenz in Verbindung gebracht wird und umgekehrt mit negativen Eigenschaften wie Unsicherheit oder Ängstlichkeit. Bereits durch geringste Signale der Dominanz bzw. Unterwürfigkeit werden gespeicherte Schemata aktiviert. Beispielsweise führt eine unterwürfige Körpersprache bei Gegnern dazu, sie negativ einzuschätzen und daraufhin die eigene Wahrnehmung zu stärken. Zahlreiche Studien zur Selbstwirksamkeitsüberzeugung zeigen, dass die Gewissheit, eine Leistung erbringen zu können, in enger Verbindung mit dem Erfolg bei der Umsetzung steht. Umgekehrt haben Zweifel am Gelingen häufig ein Scheitern der Aktion zur Folge (Furley und Schweizer 2014a). 

Näheres zum Thema Selbstwirksamkeit finden Sie hier: 

  1. https://www.die-sportpsychologen.de/2017/02/dr-rene-paasch-selbstvertrauen-im-fussball/ 
  2. https://www.die-sportpsychologen.de/2015/08/dr-rene-paasch-selbstwirksamkeit-im-fussball/ 
  3. https://www.die-sportpsychologen.de/2019/03/dr-rene-paasch-mentalitaetstrainer-im-fussball-ein-job-mit-grosser-zukunft/

Emotionen steuern lernen

Selbst wenn wir nichts sagen, senden wir ständig Signale: Die aufgerichtete Körperhaltung ist ebenso eine Mitteilung, wie das Verschränken der Arme. Gestik, Haltung und Bewegung beeinflussen das, was unser Gegenüber wahrnimmt. Bereits beim Betreten des Rasens hinterlässt der Spieler bzw. die Mannschaft einen Eindruck bei der gegnerischen Mannschaft. Dies führt uns zu einer Frage, die für die Praxis von riesiger Relevanz ist aber viel zu selten aufgeworfen wird: Wie lassen sich Emotionen steuern?

Spieler können lernen ihre Emotionen zu steuern. Ein Schlüssel ist die Art und Weise, wie Sportler Informationen wahrnehmen, interpretieren und bewerten. 

Näheres dazu:

Fazit 

Emotionen zu regulieren und zu steuern, ist eine aktive und dauerhafte Aufgabe. Entscheidend ist, wie Spieler emotional auf Fehler, Tore, frühe Rückstände und Schiedsrichterentscheidungen reagieren. Aber auch eine frühe Führung, Dominanz, gewonnene Zweikämpfe und viel Ballbesitz können eine beeinflussbare Euphorie auslösen. Emotionen beeinflussen unsere Leistung und entscheiden letztlich auch über Sieg oder Niederlage. Bin ich als Spieler also in der Lage, meine Emotionen so zu regulieren, dass sie meine Leistung unterstützen, verbessern sich auch meine Chancen auf Leistung zum definierten Zeitpunkt. Für einen souveränen Auftritt kommt es nicht nur darauf an, was jemand sagt. Genauso entscheidend sind nonverbale Zeichen, wie etwa Körperhaltung, Mimik und Gestik.

 

Mehr zum Thema:

Literatur 

Booth, A., Shelley, G., Mazur, A., Tharp, G., & Kittok, R. (1989). Testosterone and winning and losing in human competition. Hormones and Behavior, 23, 556–571.

Fridlund, A. J. (1994). Human facial expression: An evolutionary view. San Diego: Academic.

Furley, P., & Dicks, M. (2012). “Hold your head high”. The influence of emotional versus neutral nonverbal expressions of dominance and submissiveness in baseball. International Journal of Sport Psychology, 43, 294–311

Furley, P., & Schweizer, G. (2014a): “I’m pretty sure that we will win!” The influence of score-related nonverbal behavioral changes on the confidence in winning a basketball game. Journal of Sport and Exercise Psychology, 35, 316–320.

Furley, P., & Schweizer, G. (2016). In a flash: Thin slice judgment accuracy of leading and trailing in sports. Journal of Nonverbal Behavior, 40, 83–100.

Moll, T., Jordet, G., & Pepping, G.-J. (2010): Emotional contagion in soccer penalty shootouts: Celebration of individual success is associated with ultimate team success. Journal of Sports Sciences, 28, 983–992

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Johanna Constantini: Wenn Buh-Rufe SportlerInnen begleiten

Die Digitalisierung hat den Sport verändert. Nicht nur in Bezug auf Trainingsmethoden oder die mediale Verbreitung von Sportevents. Massiv verändert hat sich auch, dass Sportler und Sportlerinnen an 24 Stunden und sieben Tagen die Woche angreifbar sind. Angreifbar für unzufriedene Fans, notorische Kritiker oder Straftäter, die im weithin anonymen Netz jegliche Scheu verlieren. Der Umgang mit Kritik, Schmähungen und bösen Beleidigungen aber auch das Auftreten der AthletInnen im digitalen Raum sollte daher geübt werden, wie aktuelle Beispiele zeigen.

Zum Thema: Umgang mit Kritik in sozialen Netzwerken

Marcus Berg, Naomi Osaka oder Claudia Neumann – nur drei aktuelle Beispiele, die belegen, wie intensiv Sportpersönlichkeiten im digitalen Raum unter Kritik stehen. Johanna Constantini wurde zu diesem Themenkomplex vom Sportradio Deutschland befragt. Das Interview könnt ihr hier in voller Länge Nachhören:

Mehr zum Thema:

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EM-Special: Elfmeter meistern

Schon in der Vorrunde wurde klar, wie schwierig es sein kann, einen Ball als elf Metern für den Torhüter unerreichbar im Netz zu platzieren. Nur etwas mehr als die Hälfte der in den EM-Gruppenspielen ausgesprochenen Strafstöße fanden am Ende den Weg ins Tor. Eine grauenhafte Quote. Grund genug für uns, dass wir uns diesem Klassiker-Thema etwas genauer widmen.

Zum Thema: Elfmeter und Elfmeterschießen bestmöglich vorbereiten

Noch viel mehr als die schlechte Ausbeute der Schützen während der Gruppenphase wundert aber die journalistische Reaktion auf die Tatsache, dass neben dem englischen Team auch einige weitere regelmäßig die Elfmetersituation üben. Gerade England als deutscher Gegner im Achtelfinale wird medial geradezu verlacht, dass Strafstöße bei Gareth Southgate regelmäßig auf dem Plan stellen – aber gerade er dürfte ja wissen wie es ist, wenig oder gar nicht vorbereitet bei einem wichtigen Spiel zum Punkt zu schreiten. 

Klaus-Dieter Lübke Naberhaus aus Leipzig (zum Profil) ist sportpsychologisch vor allem im Handball zu Hause. Die Parallelen vom Wuf aus sieben Metern zum Schuss aus elf liegen auf der Hand. Deutlich macht er vor allem, dass es für alle Beteiligten, egal in welcher Sportart, auf Übung ankommt.

Den Moment richtig vorbereiten

In Sachen Vorbereitung auf einen Elfmeter oder gar ein Elfmeterschießen hat Kathrin Seufert aus Bremen (zum Profil) ein Lieblingswerkzeug. Übrigens eines, was sich universell einsetzen lässt. Passt sowohl beim entscheidenden EM-Moment als auch für die Situation, in der du demnächst stecken könntest:

Torwart im Fokus

Ilias Moschos aus Krefeld (zum Profil) war bereits als DFB Stützpunkttrainer in der Talentförderung für Torhüter aktiv und betreut seit Jahren zahlreiche Keeper. Seinen zwischen den Pfosten stehenden Sportlern empfiehlt er grundsätzlich, sich im Vorfeld weitestgehend und bestmöglich über die gegnerischen Schützen zu informieren. Hinzu kommen Visualisierungen, ideomotorisches Training und physisches Training unter Druck. Einen besonderen Trick hat er für Torhüter parat, die auch gern einmal etwas Zocken: Moschos empfiehlt ihnen, einen Zettel in die Hand zu nehmen, auf dem die Lieblingsecke des Schützen notiert sein könnte (oder irgendetwas anderes), was durchaus den Effekt haben kann, den Druck auf den Spieler kurz vor dem Elfmeterschießen zu erhöhen.

“Ein weiterer Tipp für die Goalies ist in seiner Umsetzung sehr herausfordernd in der Umsetzung. Voraussetzungen dafür sind grandiose Reflexe, Explosivität, Sprungkraft und Nervenstärke. Konkret zur Situation: Läuft der Spieler langsamer als üblich an, so lange wie möglich stehen bleiben. Das erhöht beim Schützen enorm den Druck und die Wahrscheinlichkeit, dass er verschießt, steigt. Auch ein Blick auf das Standbein des Schützen kann viel über die ausgewählte Ecke des Schützen verraten. Das zeigt in der Regel in die Richtung, in der der Schuss erfolgt. Sowohl für den Schützen als auch für den Torwart gilt: In der Ruhe liegt die Kraft!”

Vorbild Cristiano Ronaldo, die Decodierung Thomas Müllers und Selbstwirksamkeit

Dr. René Paasch aus Gelsenkirchen (zum Profil) wurde vor dem Start der EM-Achtelfinals vom Sportradio Deutschland zum Thema Elfmeterschießen befragt. Und natürlich ging es auch hier zu Anfang um die Annahme, dass sich die Entscheidung in KO-Spielen nach 120 Minuten gar nicht trainieren lässt. Zudem macht er deutlich, worauf es für Schützen ankommt, um vom Punkt bestmöglich abzuliefern. Paasch von Die Sportpsychologen und Markus Herwig sowie Yves Gatez vom Sportradio Deutschland gehen im Gespräch wunderbar in die Tiefe:

Sportradio Deutschlang (Link)

Fazit

Spannend, dass unsere Experten recht einhellig dafür plädieren, das Elfmeterschießen möglichst intensiv zu trainieren. Demgegenüber wird Prof. Dr. Hans-Dieter Hermann, der Sportpsychologe der deutschen Fußball-Nationalmannschaft damit zitiert, dass er es als positiv empfindet, dass sich die Engländer mit Elfmetern und damit ihre vermeintlichen Schwäche befassen. Auch ein spannender Ansatz, der aber vielleicht auch als feines sportpsychologischer Manöver in Richtung London verstanden werden darf. Wie so oft, die Wahrheit liegt am Ende auf dem Platz.  

Mehr zum Thema:

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