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Dr. René Paasch: Freie Bahn nur für mental Starke?

Ein aktueller WDR Sport Inside Beitrag „Jungprofis in der Bundesliga: Noch früher ins Rampenlicht“ sorgt für Aufsehen. Im Film von Matthias Wolf wird die Regeländerung kritisch beleuchtet, nach der in der Fußball-Bundesliga zukünftig ohne jegliche Einschränkung bereits 16-Jährige Kicker zum Einsatz kommen dürfen. Diese Veränderung hat Borussia Dortmund angestossen. Ein Verein, der zunehmend auf junge internationale Talente setzt. Aber zu welchem Preis? Zu dieser Frage wurde unter anderem Dr. René Paasch von Die Sportpsychologen (zum Profil) befragt. Wir empfehlen an dieser Stelle den Beitrag, der unter anderem auf Sportschau.de oder über die Sportschau-App zur Verfügung steht:

Zum TV-Beitrag: https://www1.wdr.de/mediathek/video/sendungen/sport-inside/video-jungprofis-in-der-bundesliga-noch-frueher-ins-rampenlicht-100.html

Dr. René Paasch im Interview (Screenshot WDR Sport Inside, Verwendung bewilligt via Medikament-TV)

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Bildquelle: Screenshot WDR Sport Inside, Verwendung bewilligt via Medikament-TV

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Robin Conen: „Doppelleben“ im Leistungssport

Die Leistung und das Wohlbefinden von Spitzensportlern werden maßgeblich von der Beziehung zu ihren Trainern, der Trainer-Athleten-Beziehung, beeinflusst. Eine positive Trainer-Athlet-Beziehung zeichnet sich durch Nähe, Engagement und gegenseitige menschlich-sympathische Passung (Komplementarität) aus und ermöglicht es Trainern, ihre Athleten zu Höchstleistungen zu führen. Effektive Trainer erfüllen dabei verschiedene Rollen wie Lehrer, Organisator, Wettbewerber, Lernender sowie Freund und Mentor. Eine starke Trainer-Athlet-Beziehung ist entscheidend für den Erfolg und das Wohlbefinden beider Seiten. Sie basiert auf Vertrauen, Kommunikation und gegenseitiger Unterstützung. Um diese Beziehung zu fördern, sind Faktoren wie eine harmonische Gestaltung für das Coaching, autonomieunterstützendes Verhalten und die Entwicklung einer klaren Trainingsphilosophie von Bedeutung.

Im Zusammenhang mit Trainer-Athleten-Beziehungen stellt sich die Frage, wie diese Interaktionen zwischen schwulen, bisexuellen oder lesbischen Athleten und heterosexuellen Trainern gestaltet werden können. Trotz unterschiedlicher sexueller Orientierungen können heterosexuelle Trainer und homo- oder bisexuelle Athleten eine funktionierende Arbeitsbeziehung entwickeln, da das gemeinsame biologische Geschlecht (Mann, Frau) verbindende Erfahrungen ermöglicht.

Zum Thema: Sportpsychologische Interventionen zur Stärkung der Trainer-Athleten-Beziehung bei nicht-heterosexuellen Athleten

Athleten könnten aufgrund des gemeinsamen biologischen Geschlechts und eines Trainers des bevorzugten Geschlechts (z.B. schwuler Athlet – männlicher Trainer) positive Emotionen entwickeln, die eine vertrauensvolle Trainer-Athleten-Beziehung fördern. Aufgrund unterschiedlicher sexueller Orientierungen bleibt die Verbindung einseitig, was zu Vermeidungsverhalten auf Seite des Athleten führen kann, um sich vor Ablehnung, Abwertung, tiefsitzenden Ängsten und möglichen Auswirkungen auf die Sportkarriere und Teamdynamik zu schützen. Dabei repräsentiert er alle Interaktionen zwischen schwulen, bisexuellen, lesbischen Athleten/Athletin und heterosexuellen Personen, einschließlich Eltern, Mannschaftskameraden sowie von Medien geförderten Stereotypen von Sportorganisationen (z.B. „Profifußball erfordert Härte“) und gesellschaftlichen Geschlechterstereotypen (wie „Männlichkeit zeigt sich durch muskulösen Körper, Freundin und dominantes Verhalten“).

Insbesondere bisexuelle Athleten haben das Potenzial für eine geschlechtsspezifische Beziehung, die der von homosexuellen Athleten ähnelt, wie bereits beschrieben. Darüber hinaus haben sie die Möglichkeit, eine Solidarität zu bilden, die auf einer gemeinsamen Anziehung zu einem bestimmten Geschlecht zwischen Trainer und Athlet beruht (z.B. ein männlicher Trainer und ein männlicher Athlet, die sich beide zu Frauen hingezogen fühlen). Diese Möglichkeit kann die Trainer-Athleten-Beziehung stärken, ist aber gleichzeitig durch die „Unsichtbarkeit“ bisexueller Lebensweisen gefährdet. Diese Unsichtbarkeit führt zu Unsicherheiten, wenn es darum geht, beide Aspekte der bisexuellen Orientierung (Anziehung zu Frauen UND Männern) in die Trainer-Athleten-Dynamik einzubeziehen.

Ein heterosexueller Trainer kann aufgrund der sexuellen Orientierung des Athleten aus eigener Unsicherheit ein Bedürfnis nach Abgrenzung entwickeln. Dieses oft unausgesprochene Bedürfnis wird vom sensibilisierten Athleten wahrgenommen, was Ängste wie Diskriminierung und das mögliche Karriereende bestätigt und verletzliche biografische Erfahrungen, wie den Verlust einer Freundschaft nach einem Outing, zur Folge hat. Der Trainer sollte erkennen und akzeptieren, dass er sich für die heterosexuelle Welt entschuldigen oder rechtfertigen möchte, aber im direkten Kontakt mit dem Athleten nicht darauf reagieren, um die wichtige Trainer-Athleten-Beziehung zu schützen.

Wie kann die Sportpsychologie unterstützen?

Die (diversitätssensible) Sportpsychologie kann schwule, bisexuelle und lesbische Athleten/Athletinnen durch gezielte Einzelsitzungen (die der Schweigepflicht unterliegen) ansprechen. Ein weiterer wichtiger Aspekt ist der „erste Schritt“. Denn die Kontaktaufnahme kann von Ängsten begleitet sein, geoutet zu werden oder von Gedanken wie „Was, wenn mich jemand sieht?“ Es ist wichtig zu wissen, dass die erste Kontaktaufnahme anonym (oder unter einem Pseudonym) erfolgen kann, bis die anfänglichen Ängste abgebaut sind. Außerdem sollte erwähnt werden, dass die Sportpsychologie ein weites Feld ist, das Themen wie Emotionsregulierung, Konzentration und Visualisierung umfasst, so dass es unmöglich ist, direkte Schlussfolgerungen zu ziehen. Außerdem unterliegt die Sitzung selbst der Schweigepflicht.

In der Sitzung findet dann zunächst eine individuelle Auftragsklärung statt, die sich ganz auf die Anliegen des Athleten konzentriert. Weitere mögliche Themen sind persönliche Erfahrungen mit heteronormativen Normen im Sport (z.B. die Unsicherheit als schwuler Mann im Profihandball), die eigene sexuelle Identitätsentwicklung und offene oder subtile Erfahrungen mit Diskriminierung. 

Sportpsychologie bietet sicheren Raum

Vor allem für ungeoutete Athleten ist die Herausforderung, ein „Doppelleben“ (z.B. Alibi-Freundinnen oder geschlechtssterotypischen Verhalten wie übertriebenen Männlichkeitsverhalten) zu führen, und die ständige Angst, geoutet zu werden, ein zusätzlicher Stressfaktor im Leistungssport. Sportpsychologische Sitzungen können einen sicheren Raum unter strenger Einhaltung der Schweigepflicht bieten, um diesen zusätzlichen Stress zu thematisieren sowie Bewältigungsstrategien zu erarbeiten, Ängste anzusprechen und die eigene sexuelle Identität zu entwickeln. Auch für öffentlich ungeouteten Athleten, die in einer privaten homosexuellen Beziehung leben (in der sich der Partner vielleicht geoutet hat), können auf der Paarebene zusätzliche Belastungen und Konflikte entstehen, die in einem Mehrpersonensetting behandelt werden können. Eingeschränkte Beziehungsgestaltung mit einhergehenden unterschiedlichen Erwartungen an die Partnerschaft, Kinderwunsch nach der Sportkarriere, spezifische Themen wie HIV oder die Gestaltung „offener Beziehungen“, die in der schwulen Szene weit verbreitet ist. Es ist wichtig zu beachten, dass „alles möglich ist, aber nichts muss“ – der Fokus sollte auf der Entwicklung eines ressourcen- und lösungsorientierten Ergebnisses liegen, das für den Athleten geeignet ist. Ein Coming-out ist eine höchst individuelle Angelegenheit und liegt allein in der Entscheidung des Sportlers – der Entscheidungsprozess kann auch in der geschützten Umgebung einer sportpsychologischen Sitzung reflektiert und lösungsorientiert vorbereitet werden.

Die Diversität im Sport erlaubt LGBTIQ*-Athleten gleiche Erfolge wie Heterosexuellen. Diversitätssensible Sportpsychologie kann die Trainer-Athlet-Beziehung zwischen Heterosexuellen und Nicht-Heterosexuellen stärken. Nehmt dazu gern Kontakt zu meinen Kolleginnen und Kollegen im Netzwerk (zur Übersicht) oder zu mir (zum Profil von Robin Conen) auf.

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Quellen:

Short, S. E., & Short, M. W. (2005). Essay: Role of the coach in the coach-athlete  

relationship. The Lancet366(366), S29–S30. https://doi.org/10.1016/s0140-6736(05)67836-1

Staff, H. R., Didymus, F. F., & Backhouse, S. H. (2017). Coping rarely takes place in a social vacuum: Exploring antecedents and outcomes of dyadic coping in coach-athlete relationships. Psychology of Sport and Exercise30, 91–100. https://doi.org/10.1016/j.psychsport.2017.02.009

Lafrenière, M.-A. K., Jowett, S., Vallerand, R. J., & Carbonneau, N. (2010). Passion for coaching and the quality of the coach–athlete relationship: The mediating role of coaching behaviors. Psychology of Sport and Exercise12(2), 144–152. https://doi.org/10.1016/j.psychsport.2010.08.002

Blackett, A. D., Evans, A. B., & Piggott, D. (2020). Negotiating a coach identity: a theoretical critique of elite athletes’ transitions into post-athletic high-performance coaching roles. Sport, Education and Society26(6), 663–675. https://doi.org/10.1080/13573322.2020.1787371

Göth, M. & Kohn, R. (2014). Sexuelle Orientierung in Psychotherapie und Beratung. Heidelberg: Springer

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Die beste Zeit für Sportpsychologie: Die Sommerpause

Wir bei Die Sportpsychologen werden häufig gefragt, ob denn jetzt eigentlich ein guter Zeitpunkt sei, mit der Sportpsychologie zu beginnen? Schauen wir uns das genauer an. Warum ist vielleicht gerade die Sommerpause, also die wettkampffreie Zeit, der perfekte Zeitpunkt?

Janosch Daul, Die Sportpsychologen
Janosch Daul, Die Sportpsychologen

Antwort von: Janosch Daul (zum Profil)

Die Sommerpause ist oftmals der ideale Zeitpunkt, um mit sportpsychologischer Arbeit zu beginnen. Im Gegensatz zur laufenden Saison stehen in dieser Phase weniger Wettkämpfe, Ergebnisse und kurzfristige Leistungsziele im Mittelpunkt. Dadurch entsteht der nötige Raum, um sich intensiver mit den mentalen Aspekten der eigenen Leistung auseinanderzusetzen und nachhaltige Veränderungen anzustoßen. Themen wie Selbstvertrauen, Konzentration, Motivation, der Umgang mit Druck oder Fehlern sowie mentale Routinen können ohne den unmittelbaren Stress des nächsten Spiels oder Wettkampfs gezielt aufgebaut und trainiert werden.

Gleichzeitig bietet die Sommerpause die Möglichkeit, die vergangene Saison bewusst zu reflektieren: Was hat gut funktioniert? In welchen Situationen fehlte die mentale Stabilität? Welche Herausforderungen haben besonders Energie gekostet? Aus dieser Analyse lassen sich klare Ziele und individuelle Strategien für die kommende Saison entwickeln. Auch die mentale Regeneration spielt dabei eine wichtige Rolle, denn viele Athletinnen und Athleten unterschätzen die psychische Belastung einer langen Saison. Die Pause kann helfen, Motivation neu aufzubauen, Rückschläge oder Verletzungen zu verarbeiten und wieder mit mehr Freude und Klarheit in den Sport zurückzukehren.

Sportpsychologisches Training wirkt oft besonders dann, wenn es frühzeitig und kontinuierlich aufgebaut wird, ähnlich wie Technik-, Kraft- oder Ausdauertraining. Wer die Sommerpause nutzt, um an der eigenen mentalen Stärke zu arbeiten, schafft eine wichtige Grundlage, um in der neuen Saison fokussierter, stabiler und belastbarer mit Drucksituationen und Herausforderungen umzugehen.

Prof. Dr. René Paasch, Die Sportpsychologen
Prof. Dr. René Paasch, Die Sportpsychologen

Antwort von Prof. Dr. René Paasch (zum Profil):

Die Sommerpause schafft einen psychologischen Freiraum, der während der Saison oft fehlt. Der unmittelbare Leistungsdruck nimmt ab und dadurch entsteht Raum für echte Veränderung. Themen wie Regeneration, Motivation, Selbstwert oder mentale Balance können in dieser Phase häufig deutlich nachhaltiger bearbeitet werden. Aus psychologischer Sicht entstehen stabile Veränderungen selten unter dauerhaftem Stress, sondern vor allem dann, wenn Menschen wieder Zugang zu Reflexion und Selbststeuerung finden. 

Ich habe einmal mit einer jungen Skirennläuferin gearbeitet, die nach einer langen Wintersaison körperlich zwar fit war, mental aber vollkommen erschöpft wirkte. Während der Saison wollte sie vor allem „funktionieren“ und keine Schwäche zeigen. Erst in der Sommerpause konnte sie offen darüber sprechen, wie sehr sie die ständige Bewertung und die Angst vor Fehlern belastet hatten. Genau in dieser ruhigeren Phase konnten wir wieder an Motivation, Selbstvertrauen und Freude am Sport arbeiten.  

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Jürgen Walter: Das Event „Praxis der Sportpsychologie“ wird digital

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Am Samstag, den 1. August 2026, findet das Event „Praxis der Sportpsychologie“ in Düsseldorf statt. Nach verschiedenen Auflagen in Präsenz wird es nun virtuell angeboten. Jürgen Walter, Erfinder der Veranstaltung, hat uns von Die Sportpsychologen über die Hintergründe informiert.

Jürgen, zum ersten Mal findet dein Event „Praxis der Sportpsychologie“ digital statt. Sind für das Event die Räume des Düsseldorfer Tischtennis-Bundesligisten Borussia zu klein geworden oder was hat dich dazu bewogen, die Veranstaltung ins Digitale zu verlegen?

Die Veranstaltungen haben zuletzt entweder im Tischtenniszentrum Düsseldorf oder bei der IST-Hochschule Düsseldorf stattgefunden. Sie waren immer ausgebucht und wir haben in der Regel eine 100% Weiterempfehlung bekommen. Wir sehen aber einen sehr großen, weiteren Bedarf und versprechen uns über das Online-Format einen noch größeren Zulauf. Außerdem ist so eine Online-Veranstaltung einfacher und kostengünstiger zu organisieren. Reisekosten und Reisezeiten entfallen für Referierende und Teilnehmende und auch die Kosten für Räumlichkeiten und Verpflegung. Leider ist durch das online-Format kein persönlicher Austausch mehr möglich. Diesen Nachteil müssen wir in Kauf nehmen.

Einer der thematischen Schwerpunkte ist der Fußball. Als Speaker konntest du Fortuna Düsseldorf-Legende Oliver Fink und den Trainer Frank Wormuth gewinnen. Was versprichst du dir von den beiden? Was können die Teilnehmenden erwarten?

Oliver Fink und Frank Wormuth sprechen aus der Praxis. Sie sind bodenständig, authentisch und und erreichen die Zuhörer. Ich habe Veranstaltungen besucht, bei denen Persönlichkeiten aus dem Sport sich praktisch nur selber vermarktet haben. Es haben ausführliche Vorgespräche mit beiden stattgefunden. Darauf haben sie sich eingelassen und man merkt auch deren Feuer brennt für die sportpsychologische Themen.

Mit dem früheren Handball-Nationaltorhüter Henning Fritz und Marion Sulprizio vom BDP und MentalGestärkt geht es dann um die mentale Gesundheit. Worum wird es in den beiden Beiträgen konkret gehen? 

Marion Sulprizio berichtet als Geschäftsführerin der Initiative MentalGestärkt an der Sporthochschule Köln aus Ihrer Beratungspraxis. Henning Fritz, der bereits mit sehr großem Erfolg 2023 bei einer unserer Veranstaltungen aufgetreten ist, kann sehr emotional von seinem Weg als dritter Torhüter bei der WM 2007 zum Held berichten aber auch von seinem Weg aus einer mentalen Krise zu einer wiedergewonnen mentalen Stärke. Ich habe selten einen so überzeugenden Referenten erlebt!

Alle Infos zum Event:

https://www.verband-sportpsychologie.de

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Marc Hilbrans: Über Nacht zum ersten Job als Teampsychologe

Stadthalle Zwickau, im April 2026. Auf der Tribüne sitzt Marc Hilbrans und verfolgt die Halbfinal-Partien des Floorball Deutschland Pokals. Der Masterabsolvent des Studienganges “Angewandte Sportpsychologie” der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg ist Besucher des Final4, weil sich in der Randsportart Floorball eine Menge tut. Weil hier auch für junge SportpsychologInnen Job-Aussichten bestehen. Insbesondere seitdem Prof. Dr. Oliver Stoll, Erfinder des Master-Studienganges und Mitgründer von Die Sportpsychologen, als Verbandssportpsychologe von Floorball Deutschland aktiv ist, findet die professionelle Arbeit am Mentalen immer mehr Zugang in die Trainingsarbeit bei Vereinen und den Nationalmannschaften. 

Marc Hilbrans hat in Zwickau Glück: Die U15 Landesauswahl von Floorball Sachsen, die zwei internationale Testspiele im Rahmenprogramm des Final4 bestreitet, hat Bedarf. Nach einem kurzen Gespräch zwischen den Trainern der Landesauswahl und ihm, welches über das Netzwerk Die Sportpsychologen zu Stande kam, wird Hilbrans Sportpsychologe der Landesauswahl. “Nur” eine – vorerst – ehrenamtliche Aufgabe, aber der erste Schritt auf seinem Weg, im Floorball als Sportpsychologe auch beruflich Fuß zu fassen.

Marc, du wurdest quasi über Nacht zum Sportpsychologen der U15 Landesauswahl Sachsen. Was hast du seither in dieser Rolle erlebt?

Über Nacht trifft es sogar sehr gut. Was habe ich seither in meiner Rolle als Sportpsychologe erlebt? Eine ganze Menge, würde ich sagen. Angefangen bei den Herausforderungen im Bereich des Teambuildings, da wir zu Beginn eher viele einzelne Gruppen mit Spielern mehrerer Vereine als ein gemeinsamer Landeskader waren. Natürlich gab es auch Schwierigkeiten zwischen Trainern und Athleten, bei denen ich unterstützend tätig sein konnte. Hinzu kamen verletzte Spieler, welche ich im Rahmen ihrer Rehabilitation sportpsychologisch begleiten durfte. Auch die Kommunikation, sowohl innerhalb des Teams als auch nach außen hin, spielte immer wieder eine wichtige Rolle und brachte einige Herausforderungen mit sich.

Neben den Herausforderungen gab es aber auch viele schöne Momente und Erfolge, wie beispielsweise den dritten Platz bei der Trophy, auf den wir gemeinsam sehr stolz sein können. Insgesamt war es eine wundervolle Zeit mit einem wundervollen Team, in der ich nicht nur viele besondere Momente erleben durfte, sondern auch eine riesige Menge an Erfahrungen sammeln konnte, für die ich sehr dankbar bin.

Wie geht der Weg für dich im Floorball weiter? Gibt es schon konkrete Ansätze, was sind deine Ziele als Sportpsychologe im Floorball?

Die erste Kampagne, die ich begleiten durfte, ist ja nun erfolgreich zu Ende gegangen, und wir haben mit dem gesamten Staff ein Meeting gemacht, wo wir die ganze Saison einmal reflektiert haben. Dort ging es natürlich auch um meine Arbeit, welche von den Trainern sowie von den Spielern als sehr positiv wahrgenommen und als sehr hilfreich aufgefasst wurde. Natürlich spricht man dort auch über die kommende Saison, welche ich weiterhin als Sportpsychologe begleiten darf, und das sogar nicht mehr nur als ehrenamtliche Tätigkeit. Diese Entscheidung macht mich sehr glücklich und zeigt mir, dass meine Arbeit sehr wichtig ist und auch gut aufgenommen und anerkannt wird. Ansonsten gibt es gerade Gespräche mit einem Verein sowie mit den Nationalkadern von Floorball Deutschland, die in Zukunft sportpsychologisch betreut werden. Da steckt ja wiederum das Netzwerk „Die Sportpsychologen“ dahinter, welches ich jedem Sportpsychologen* empfehlen würde.

Meine Ziele als Sportpsychologe im Floorball sind es, gerade im Jugendbereich eine optimale sportpsychologische Unterstützung zu schaffen. Ich denke, es macht gerade in den Nachwuchsteams, und da meines Erachtens sogar schon relativ früh Sinn, die Kinder zu unterstützen. Denn in jungen Jahren passiert sportlich sowie Entwicklungstechnisch sehr, sehr viel. Die Kinder können somit sehr viel Profit aus meiner Arbeit ziehen, was ihnen nicht nur sportlich hilft, sondern auch für ihr gesamtes Leben eine Bereicherung ist. Aber selbst wenn sie einfach mal nur jemanden brauchen, mit dem sie quatschen können, bin ich froh, einfach für sie da zu sein.

Welche eigenen sportlichen Erfahrungen bringst du mit? Und wie willst und kannst du diese nutzen, um Sportler, Sportlerinnen, TrainerInnen, Funktionäre sowie Eltern in allen möglichen Sportarten zu begleiten und zu unterstützen?  

Ich habe im Laufe meines Lebens die Möglichkeit gehabt, viele verschiedene Sportarten zu machen. Ich habe diese einmal gezählt und komme auf über 30 Sportarten, die ich über eine gewisse Zeit gemacht oder sogar auf Leitungsebene betrieben habe. Also von Klassikern wie Fußball über Natursportarten wie Windsurfen oder Klettern bis hin zu eher exotischen Sportarten wie Radball oder Voltigieren war alles mit dabei.

Ich finde es generell sehr wichtig, auch mal links und rechts zu schauen und sich nicht auf eine Sache komplett zu versteifen. Vielleicht findet man ja etwas Besseres oder etwas Neues, was einem gut tut, sei es als Ergänzung oder als Alternative.

Ich konnte in all den Sportarten immer etwas mitnehmen, was beispielsweise die verschiedenen Anforderungen angeht oder indem ich mir die jeweiligen Systeme genauer anschauen konnte. Aber auch durch die verschiedenen Sportarten konnte ich einige Überschneidungen erkennen, die sich zwischen den Sportarten ergeben und die man auf den ersten Blick vielleicht gar nicht so wahrnimmt.

Ich denke, gerade weil ich so viele Erfahrungen sammeln durfte und konnte und dadurch auch den Übertrag von der einen Sportart in die andere kenne, kann ich die positiven Dinge und Abläufe mitnehmen und natürlich auch weitergeben, was den Sportler*innen, Trainer*innen, Funktionär*innen sowie den Eltern zugutekommen und wodurch ich Sie optimal unterstützen kann.

Auch weiterhin werde ich versuchen, meine Augen und Ohren offen zu halten, mir möglichst alles anzuschauen und mir von jedem einmal seine Sichtweise anzuhören. Dadurch hoffe ich, weiterhin eine Menge lernen zu können, wovon am Ende wieder alle profitieren können, weil ich dieses Wissen sehr gerne weitergeben möchte.

Zum Profil von Marc Hilbrans:

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Sportpsychologie für AthletInnen

Sportpsychologie ist das Training deines mentalen Systems – genauso systematisch wie Kraft-, Ausdauer- oder Techniktraining. Sie hilft dir zu verstehen, wie deine Gedanken, Gefühle und Reaktionen deine Leistung beeinflussen – und wie du das zu deinem Vorteil nutzen kannst. Kein Hokuspokus. Keine Schwäche. Wissenschaft, die funktioniert.

Die besten Athleten der Welt arbeiten mit Sportpsychologen. Nicht weil etwas falsch ist – sondern weil sie jeden Vorteil nutzen, der möglich ist. Du kannst das auch.

Sportpsychologie – worum geht es?

Die Sportpsychologie ist so vielseitig wie du und deine Anliegen. Wir von Die Sportpsychologen lieben es, mit dir an Themen wie Selbstvertrauen, Wettkampfangst, Flow & Fokus, Umgang mit Druck sowie Visualisierungen zu arbeiten. Wichtig: Es gibt dafür kein Patentrezept, sondern individuelle und jeweils maßgeschneiderte Lösungen. Lösungen, die in einer vertrauensvollen, entspannten und auf dich und deine Ziele ausgerichteten Zusammenarbeit entstehen.

Fokus

Die richtige Aufmerksamkeit, zur richtigen Zeit, am richtigen Ort – trainierbar und steuerbar.

Aktivierung

Dein optimales Erregungsniveau kennen und abrufen – statt Nervosität zu bekämpfen.

Klarheit

Wissen, warum du das machst, was du machst – Absicht statt Automatismus.

Trainingsalltag

Wann ist der richtige Zeitpunkt, um in die sportpsychologische Zusammenarbeit zu starten?

Der richtige Zeitpunkt ist jetzt – aber diese konkreten Situationen sind besonders häufige Anlässe, die Zusammenarbeit mit einem Sportpsychologen zu beginnen:

  • Du kannst im Training, aber nicht im Wettkampf

Das ist sicher das häufigste sportpsychologische Thema. Der Grund liegt fast immer im mentalen System – und ist veränderbar.

  • Verletzung & mentale Rehabilitation

Nach einer Verletzung traust du dir wieder nicht. Die Angst vor Rückfall ist realer als der Rückfall selbst.

  • Grosser Wettkampf oder Karriereschritt

Kader-Nominierung, Meisterschaft, Wechsel – du willst optimal vorbereitet sein, nicht nur körperlich.

  • Slumps & Formeinbrüche

Phasen, in denen nichts klappt und jeder Versuch das Gefühl der Hilflosigkeit verstärkt – da hilft professioneller Blick von aussen.

  • Gedankenkarussell vor dem Wettkampf

Du grübelst, zweifelst, stellst alles infrage – und das kostet dich Energie, die du im Wettkampf brauchst.

  • Formdip & Sinnverlust

Du weisst nicht mehr, warum du trainierst. Die Leidenschaft ist weg. Das ist kein Zeichen von Schwäche – es ist ein Signal.

  • Du willst Dich besser kennen

Auch ohne konkretes Problem: Selbstwissen ist Leistungsvorsprung. Wer sich selbst versteht, trifft bessere Entscheidungen.

  • Karrierenende & Identität

Wenn der Sport endet, beginnt eine der schwierigsten Phasen. Sportpsychologie begleitet auch diesen Übergang.

„Selbstvertrauen kommt von der Vorbereitung.“

Dirk Nowitzki
Verfolge deine Ziele

So kommst du in vier Schritten zur Beratung

Die Zusammenarbeit mit einem Sportpsychologen ist am effektivsten, wenn sie in den regulären Trainingsprozess integriert wird – nicht erst dann, wenn eine Krise da ist.

  • Suche Dir eine/n passende/n Expertin/Experten

Auf coaching.die-sportpsychologen.de dort findest du Fachleute in Deutschland, Österreich und der Schweiz. Filtere nach Sportart oder Thema, lies das Profil durch.

  • Nimm Kontakt auf – per Mail oder Telefon

Schreib einfach eine kurze Nachricht: wer du bist, welche Sportart du betreibst, und was dich beschäftigt. Mehr brauchst du nicht. Die Experten sind es gewohnt, den Rest gemeinsam mit dir herauszuarbeiten.

  • Erstgespräch führen

Das erste Gespräch ist ein Kennenlernen. Kein Commitment. Kein Urteil. Nur du, der Experte – und die Möglichkeit, etwas zu verändern. Oft reicht schon dieses Gespräch für einen Schub.

  • Entscheide, wie ihr weiterarbeitet

Ob Einzelbegleitung, regelmäßige Sitzungen oder punktuelle Wettkampfvorbereitung – das bestimmst du. Flexible Formate, auch online und ortsunabhängig.

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Foto: KI generiert mit Chat GPT

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Hydration Break: Die veränderte Kraft der Trinkpausen

Bei der Fußball-Weltmeisterschaft 2026 in den USA, Mexiko und Kanada gibt es einige Neuerungen. Eine tiefgreifende Veränderung des Spiels könnte mit den sogenannten Hydration-Breaks einhergehen, sofern diese auch in den Club-Wettbewerben zukünftig Anwendung findet. Pro Halbzeit wird das laufende Spiel für eine Trinkpause unterbrochen, welche die Trainer nutzen können, um viel klarer als zuvor Einfluss auf Taktik und Einstellung des Teams zu nehmen. Wie verändern diese Trinkpausen das Spiel, wie können Trainer diese Unterbrechung aus sportpsychologischer Sicht nutzen und welche konkreten Folgen beobachtet ihr?

Zum Thema: Umgang mit zusätzlichen Pausen im Fußball

Anke Precht, Die Sportpsychologen
Anke Precht, Die Sportpsychologen

Antwort von: Anke Precht (zum Profil)

Klar, die Pausen sind Gold wert – wenn sie richtig genutzt werden. Kurz und knackig müssen die Trainer ihre Botschaft rüberbringen. Auf keinen Fall rational, sondern emotional: Vertrauen, Zusammenhalt, Angriff, Geduld oder was gerade nötig ist, um ein Spiel zu drehen oder einen Vorsprung zu bewahren. Damit das klappt, muss der Trainer das volle Vertrauen der Mannschaft besitzen, sofort in Kontakt kommen, Zugang zu jedem Spieler haben.
No Go: Mikromanagement. Das killt jeden Flow.

Christian Bader, Die Sportpsychologen
Christian Bader, Die Sportpsychologen

Antwort von: Christian Bader (zum Profil)

Fussball war bisher die Sportart ohne Timeout, wie das in verschiedenen Sportarten bekannt ist. Jetzt gibt es drei Minuten Hydration-Breaks, in denen Trainer ihre komplette Startelf gleichzeitig konzentriert und ohne Zuruf-Verzerrung von der Seitenlinie erreichen. Quasi als eingebautes Ansprache-Fenster.  Die Daten1 zeigen: Nach den Pausen steigt die Torgefahr messbar. Netzwerkanalysen der Northeastern University zeigten in der ersten Turnierwoche, dass Teams in den zehn Minuten nach einer Pause mehr Schüsse nehmen als in den zehn Minuten davor – u.a. bei Norwegens Haaland-Tor, Vinícius Júniors Treffer gegen Marokko und Schottlands einzigen Torschuss-Erfolg gegen Haiti. 

Beim Spiel Niederlande–Schweden (5:1) stellte Graham Potter in der Pause von Fünfer- auf Viererkette um. Danach drehte sich das Chancenverhältnis komplett zugunsten Schwedens (8:1 Schüsse). Bei der Schweiz gegen Bosnien (4:1) wartete Murat Yakin bewusst bis zur Pause für einen Dreifachwechsel, „weil der Gegner nicht sofort reagieren kann“. Die Schweiz steigerte ihren xG-Wert von 0,31 auf 1,67. Julian Nagelsmann nutzte die Pause gegen Curaçao, um die bereits geplante Anpassung gegen die gegnerische Raute noch einmal für alle klar zu verankern.

Es gibt insgesamt mehr Schüsse und Tore in der zweiten Hälfte jeder Halbzeit als in der ersten, das war aber auch in der Premier League 2025/26 ganz ohne Hydration Breaks so, teils sogar ausgeprägter. Die Pause ist also Verstärker, nicht alleinige Ursache. 

Sportpsychologisch lässt sich die Kraft der Trinkpause in drei Hebel beschreiben:

  • Kognitive Klarheit statt Zurufe: Komplexe taktische Anpassungen brauchen volle Aufmerksamkeit aller Spieler gleichzeitig, das leistet nur eine echte Pause 
  • Aktivierungsregulation: Ein Team im Flow droht durch die Pause kurz „herunterzukühlen“, ein unteraktiviertes, rückständiges Team kann sich neu ausrichten. Genau das nutzte Potter gegen die Niederlande. 
  • Wechsel-Timing als Machtmittel: Ein Wechsel unmittelbar nach der Pause trifft den Gegner in einem Moment, in dem er strukturell nicht sofort reagieren kann (Yakin-Prinzip)

Der Trend2: 29,2% aller WM-Tore fielen bislang zwischen der 76. Minute und Schlusspfiff, die mit Abstand torreichste Phase des Turniers, mit der Schweiz als Spitzenreiter (3 Spättore). Die zwei produktivsten Torphasen des Turniers liegen beide unmittelbar nach Unterbrechungen. Zufall oder System? Es lässt sich nicht alles mit Daten belegen, es scheint jedoch, dass die Trainerbank jedenfalls zum aktiven Spielentscheider wird. 

1: https://theanalyst.com/articles/world-cup-2026-hydration-breaks-momentum-stats 

2: https://sports.yahoo.com/articles/why-many-world-cup-goals-113908203.html

Janosch Daul, Die Sportpsychologen
Janosch Daul, Die Sportpsychologen

Antwort von: Janosch Daul (zum Profil)

Hydration-Breaks sind weit mehr als eine Gelegenheit zum Trinken – sie verändern die Dynamik eines Spiels. Trainer bekommen erstmals einen echten Coaching-Moment während einer Halbzeit und können taktisch nachjustieren oder die emotionale Richtung vorgeben. Aus sportpsychologischer Sicht ist das eine wertvolle Chance, den Fokus neu zu schärfen, Hektik aus dem Spiel zu nehmen oder das Momentum bewusst zu beeinflussen. Entscheidend ist allerdings, dass diese Minuten vorbereitet sind und nicht spontan mit zu vielen Informationen überladen werden. Ich kann mir gut vorstellen, dass wir künftig häufiger sehen werden, dass Mannschaften nach einer Trinkpause anders auftreten – und sich das auch in Toren oder klaren Spielveränderungen widerspiegelt. Die besten Teams werden diese Unterbrechungen nicht nur zur Regeneration, sondern als strategischen Wettbewerbsvorteil nutzen.

Prof. Dr. René Paasch, Die Sportpsychologen
Prof. Dr. René Paasch, Die Sportpsychologen

Antwort von: Prof. Dr. René Paasch (zum Profil)

Aus sportpsychologischer Sicht stellen Hydration Breaks zusätzliche Phasen der Selbstregulation innerhalb eines Spiels dar. Sie bieten Gelegenheit, körperliche Regeneration, kognitive Neuorientierung und emotionale Stabilisierung miteinander zu verbinden. Direkte sportpsychologische Forschung zu den Auswirkungen solcher Unterbrechungen im Fußball liegt bislang allerdings nur begrenzt vor. Erkenntnisse zu Selbstregulation, Aufmerksamkeitssteuerung und Kommunikation unter Wettkampfbedingungen legen jedoch nahe, dass sie grundsätzlich für eine gezielte Reorientierung genutzt werden können.

Für Trainerteams eröffnet sich damit die Möglichkeit, taktische Anpassungen verständlich zu vermitteln, Rollen und Aufgaben zu klären sowie den gemeinsamen Aufmerksamkeitsfokus auf die nächste Spielphase auszurichten. Gleichzeitig können Spieler die Pause nutzen, um individuelle Strategien der Emotions- und Selbstregulation anzuwenden.

Aus meiner Sicht entscheidet deshalb weniger die Pause selbst als ihre Gestaltung. Kurze, klare und handlungsorientierte Botschaften erscheinen häufig sinnvoller als eine Fülle zusätzlicher Informationen. Ebenso dürfte es wichtig sein, den Spielfluss möglichst wenig zu beeinträchtigen und die Mannschaft weder kognitiv noch emotional zu überfordern.

Sollte sich Hydration Breaks dauerhaft etablieren, wäre dies auch aus wissenschaftlicher Sicht ein interessantes Forschungsfeld. Dabei könnte untersucht werden, unter welchen Bedingungen solche Unterbrechungen Kommunikation, Entscheidungsprozesse und Selbstregulation im Mannschaftssport unterstützen.

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Prof. Dr. René Paasch: Was uns die Weltmeisterschaft über erfolgreiche Mannschaften lehren kann

Nach dem Schlusspfiff sprechen viele über Tore, Taktik oder einzelne Stars. Die aktuelle Weltmeisterschaft hat jedoch noch etwas anderes sichtbar gemacht: Manche Mannschaften wirken selbst unter großem Druck erstaunlich geschlossen. Andere verfügen über ähnlich viel individuelle Qualität oder sogar mehr, wirken dennoch weniger stabil. Ein Indiz, was bei den erfolgreicheren Mannschaften auf ein funktionierendes Miteinander einzahlt: Nach Gegentoren wird weiter miteinander gesprochen, Fehler werden nicht mit Vorwürfen beantwortet und Verantwortung scheint auf mehrere Schultern verteilt zu sein. Bei mehreren Mannschaften entstand während der aktuellen Weltmeisterschaft der Eindruck, dass sie auch in schwierigen Spielphasen geschlossen auftraten. Zufall? Gute Führung? Oder steckt mehr dahinter? 

Hinweis: Solche Beobachtungen ersetzen selbstverständlich keine wissenschaftliche Analyse und erlauben keine Aussagen über Ursache und Wirkung. Fußball bleibt ein komplexes Zusammenspiel technischer, taktischer, körperlicher, psychologischer und situativer Einflussfaktoren. Gerade deshalb lohnt sich die Frage, welche Erkenntnisse die Sportpsychologie für das Verständnis erfolgreicher Mannschaften bereithält.

Mehr zum Thema: Warum wirken manche Mannschaften unter Druck wie eine Einheit, während andere trotz hoher individueller Qualität weniger stabil erscheinen?

Die Sportpsychologie liefert darauf keine einfachen Erklärungen. Sie bietet jedoch theoretische Modelle und empirische Befunde, die helfen können, solche Beobachtungen einzuordnen. Im Mittelpunkt dieses Beitrags stehen fünf miteinander verbundene Konzepte: soziale Identität, geteilte Führung, kollektive Selbstwirksamkeit, Teamzusammenhalt und Teamresilienz. Sie erklären weder einzelne Spiele noch den Ausgang einer Weltmeisterschaft. Gemeinsam können sie dazu beitragen, Mannschaftsprozesse differenzierter zu verstehen.

Der Blick hinter das Ergebnis

Der Ausgang eines Fußballspiels wird von zahlreichen Faktoren beeinflusst. Technische, taktische, körperliche und psychologische Faktoren wirken zusammen. Hinzu kommen situative Ereignisse während eines Spiels. Die Sportpsychologie erhebt deshalb nicht den Anspruch, sportlichen Erfolg durch einzelne Variablen zu erklären. Vielmehr versucht sie, Prozesse innerhalb von Mannschaften besser zu verstehen. Die folgenden Abschnitte greifen die eingangs formulierte Frage anhand ausgewählter sportpsychologischer Konzepte auf. Sie beschreiben keine Ursache-Wirkungs-Kette, sondern unterschiedliche, miteinander verbundene Perspektiven darauf, wie sich Mannschaften entwickeln und unter Druck gemeinsam handeln können.

Wer sind wir als Mannschaft?

Bevor Mannschaften gemeinsam handeln können, stellt sich eine grundlegende Frage: Verstehen sich die Spielerinnen und Spieler tatsächlich als Teil eines gemeinsamen „Wir“? Genau an diesem Punkt setzt die Social Identity Theory of Leadership an. Haslam, Reicher und Platow (2020) gehen davon aus, dass wirksame Führung nicht in erster Linie auf Autorität, Fachwissen oder persönlicher Ausstrahlung beruht. Entscheidend ist vielmehr, ob es gelingt, eine gemeinsame soziale Identität zu entwickeln. Führung bedeutet in diesem Verständnis vor allem, Orientierung zu geben und ein gemeinsames Verständnis davon zu schaffen, wofür die Mannschaft steht und welche Ziele sie verfolgt. Für die Praxis bedeutet das: Nicht alle müssen gleich denken. Entscheidend ist ein gemeinsames Verständnis der Ziele. Aus dieser Perspektive entsteht ein Team nicht allein dadurch, dass talentierte Einzelspieler gemeinsam auf dem Platz stehen. Entscheidend ist vielmehr, ob sie beginnen, sich als Teil einer gemeinsamen Aufgabe zu verstehen. Eine gemeinsame soziale Identität garantiert keinen sportlichen Erfolg. Sie kann jedoch helfen zu verstehen, warum Mannschaften unter Druck geschlossen auftreten. 

Auch während der Weltmeisterschaft entstand bei einzelnen Mannschaften der Eindruck, dass ein solches gemeinsames Verständnis sichtbar wurde. Verantwortung schien geteilt, Kommunikation selbstverständlich und individuelle Fehler wurden gemeinsam aufgefangen. Solche Beobachtungen erlauben keine Aussagen über die tatsächliche soziale Identität innerhalb einer Mannschaft. Die Frage nach einer gemeinsamen Identität führt unmittelbar zu einem weiteren Aspekt erfolgreicher Mannschaften: Wie wird Verantwortung innerhalb eines Teams übernommen?

Wie entsteht gemeinsame Verantwortung?

Die Entwicklung einer gemeinsamen Identität beantwortet noch nicht die Frage, wie Verantwortung innerhalb einer Mannschaft übernommen wird. Genau hier setzt das Konzept des Shared Leadership an. Lange Zeit wurde Führung im Sport vor allem mit dem Trainer oder der Mannschaftskapitänin beziehungsweise dem Mannschaftskapitän verbunden. Die sportpsychologische Forschung zeichnet heute jedoch ein differenzierteres Bild. Shared Leadership versteht Führung als einen sozialen Prozess, an dem mehrere Mitglieder einer Mannschaft beteiligt sind. Je nach Situation übernehmen unterschiedliche Spielerinnen und Spieler verschiedene Führungsaufgaben – etwa durch taktische Orientierung, Kommunikation, emotionale Unterstützung oder Motivation. Führung wird damit weniger als Eigenschaft einzelner Personen verstanden als vielmehr als gemeinsame Ressource des Teams. Für Trainer bedeutet das, Verantwortung bewusst auf mehrere Schultern zu verteilen.

Fransen et al. (2014, 2015) konnten zeigen, dass wahrgenommene Athletenführung mit einer stärkeren Teamidentifikation sowie einer höheren kollektiven Selbstwirksamkeit verbunden sein kann. Im Mittelpunkt steht dabei nicht die Anzahl der Führungspersonen, sondern die Qualität der wahrgenommenen Führung innerhalb der Mannschaft. Die Befunde legen nahe, dass unterschiedliche Führungsrollen die Teamidentifikation fördern und das Vertrauen in die gemeinsame Handlungsfähigkeit stärken können. Im Fußball zeigt sich Führung häufig auch in kleinen Situationen des Spiels. Wer nach einem Gegentor Mitspieler aufrichtet, Verantwortung übernimmt oder aktiv kommuniziert, übernimmt häufig bereits Führung, auch ohne Kapitänsbinde. Ergänzend zeigen Fransen et al. (2015), dass sich verteilte Führung innerhalb von Mannschaften auch mithilfe sozialer Netzwerkanalysen untersuchen lässt.

Im Verlauf des Turniers zeigte sich bei einigen Mannschaften ein vergleichbarer Eindruck, dass Verantwortung nicht ausschließlich von einzelnen Führungspersonen übernommen wurde. Nach Ballverlusten wurde miteinander kommuniziert, nach Gegentoren aktiv der Austausch gesucht und Entscheidungen schienen häufig gemeinsam getragen zu werden. Ob dies tatsächlich auf geteilte Führung zurückzuführen war, lässt sich anhand von Fernsehbildern nicht beurteilen. Geteilte Verantwortung allein erklärt jedoch noch nicht, warum Mannschaften auch unter schwierigen Bedingungen an ihre gemeinsame Handlungsfähigkeit glauben. Damit rückt das Konzept der kollektiven Selbstwirksamkeit in den Mittelpunkt.

Gemeinsam an die eigene Stärke glauben

Geteilte Verantwortung allein beantwortet noch nicht die Frage, warum manche Mannschaften auch unter schwierigen Bedingungen an ihre gemeinsame Handlungsfähigkeit glauben. Genau an diesem Punkt setzt das Konzept der kollektiven Selbstwirksamkeit (Collective Efficacy) an. Bandura (1997) beschreibt kollektive Selbstwirksamkeit als die gemeinsame Überzeugung einer Gruppe, Herausforderungen durch gemeinsames Handeln erfolgreich bewältigen zu können. Gemeinsames Vertrauen entsteht meist im Trainingsalltag und nicht erst im Wettkampf. Im Mittelpunkt steht dabei nicht das Vertrauen einzelner Spieler in ihre eigenen Fähigkeiten, sondern die Überzeugung der Mannschaft, auch unter anspruchsvollen Bedingungen gemeinsam handlungsfähig zu bleiben. Eine systematische Übersichtsarbeit von Alves et al. (2021) fasst die bisherige Forschung zur kollektiven Selbstwirksamkeit im Fußball zusammen. Die Autorinnen und Autoren berichten, dass höhere Ausprägungen kollektiver Selbstwirksamkeit in verschiedenen Studien wiederholt mit Kommunikation, Motivation, Kooperation und sportlicher Leistung in Zusammenhang standen. Gleichzeitig weisen sie darauf hin, dass die überwiegende Mehrzahl der Studien korrelative Forschungsdesigns verwendete. Die Ergebnisse zeigen Zusammenhänge, erlauben aber keine Aussagen über Ursache und Wirkung. Die Befunde von Fransen und Kolleginnen bzw. Kollegen (2014, 2015) ergänzen diese Perspektive. Sie legen nahe, dass wahrgenommene Athletenführung mit einer stärkeren Teamidentifikation und einer höheren kollektiven Selbstwirksamkeit verbunden sein kann. Zusammen betrachtet beschreiben die bisherigen Konzepte unterschiedliche Perspektiven auf Mannschaftsprozesse. Sie stellen jedoch keine gesicherte Ursache-Wirkungs-Kette dar. 

Auch während der Weltmeisterschaft entstand bei einzelnen Mannschaften der Eindruck, dass Spieler nach Rückschlägen ruhig blieben, miteinander kommunizierten und gemeinsam nach Lösungen suchten. Solche Beobachtungen lassen sich wissenschaftlich nicht als Nachweis kollektiver Selbstwirksamkeit interpretieren. Gemeinsames Vertrauen zeigt sich nicht nur in Überzeugungen, sondern auch im konkreten Handeln einer Mannschaft. Damit rückt der Teamzusammenhalt als nächster Baustein der Mannschaftsentwicklung in den Mittelpunkt.

Gemeinsam handeln: Warum Teamzusammenhalt mehr ist als Harmonie

Eine gemeinsame Identität, geteilte Verantwortung und das Vertrauen in die gemeinsame Handlungsfähigkeit bilden wichtige Perspektiven auf Mannschaftsprozesse. Ob sich diese Prozesse im sportlichen Alltag zeigen, wird jedoch häufig erst im gemeinsamen Handeln sichtbar. An diesem Punkt setzt die Forschung zum Teamzusammenhalt (Team Cohesion) an. Teamzusammenhalt wird häufig mit Harmonie verwechselt. Die sportpsychologische Forschung beschreibt das Konzept differenzierter. Carron, Colman, Wheeler und Stevens (2002) unterscheiden zwischen der aufgabenbezogenen Kohäsion, also der gemeinsamen Ausrichtung auf sportliche Ziele, und der sozialen Kohäsion, die das zwischenmenschliche Miteinander innerhalb einer Mannschaft beschreibt. Beide Dimensionen können für die Entwicklung eines Teams bedeutsam sein. In ihrer Metaanalyse berichten Carron et al. (2002) einen moderaten positiven Zusammenhang zwischen Teamzusammenhalt und sportlicher Leistung. Gleichzeitig weisen sie darauf hin, dass daraus keine eindeutigen Ursache-Wirkungs-Beziehungen abgeleitet werden können. Ebenso ist denkbar, dass erfolgreiche Mannschaften im Verlauf einer Saison einen stärkeren Zusammenhalt entwickeln. Für Trainer bedeutet das: Ein gutes Mannschaftsklima allein reicht nicht aus. Ebenso wichtig ist die gemeinsame Ausrichtung auf sportliche Ziele. Diese Perspektive wird durch Leo et al. (2022) ergänzt. Die Autorinnen und Autoren fanden bei semiprofessionellen Fußballmannschaften Hinweise darauf, dass unterstützende und partizipative Führungsverhaltensweisen der Trainer mit höherem Teamzusammenhalt sowie einer stärkeren kollektiven Selbstwirksamkeit verbunden sein können. Die Befunde verdeutlichen, dass Führung, kollektive Selbstwirksamkeit und Teamzusammenhalt innerhalb eines Mannschaftsgefüges eng miteinander verknüpft sein können. Aus sportpsychologischer Sicht lässt sich Teamzusammenhalt als dynamische Eigenschaft einer Mannschaft verstehen, die sich im Verlauf gemeinsamer Erfahrungen entwickeln kann. Besonders deutlich wird seine Bedeutung häufig dann, wenn Mannschaften unter Druck geraten. Damit rückt die Teamresilienz als nächster Baustein der Mannschaftsentwicklung in den Mittelpunkt.

Wenn Druck zum Prüfstein wird

Bislang standen vor allem Prozesse im Mittelpunkt, die beschreiben, wie sich Mannschaften entwickeln können. Unter den Bedingungen einer Weltmeisterschaft stellt sich jedoch eine weitere Frage: Was geschieht, wenn Teams unter erheblichen Druck geraten? Rückschläge gehören zum Leistungssport. Entscheidend ist oft nicht, ob sie auftreten, sondern wie eine Mannschaft darauf reagiert. Gegentore, Verletzungen, umstrittene Schiedsrichterentscheidungen oder unerwartete Spielverläufe lassen sich auch durch eine gute Vorbereitung nicht vollständig vermeiden. Interessant erscheint deshalb weniger, ob Belastungen auftreten, sondern vielmehr, wie Mannschaften gemeinsam mit ihnen umgehen. Morgan, Fletcher und Sarkar (2013) beschreiben Teamresilienz als einen dynamischen psychosozialen Prozess, durch den Mannschaften Belastungen gemeinsam bewältigen und ihre Leistungsfähigkeit unter schwierigen Bedingungen aufrechterhalten oder wiedererlangen können. Teamresilienz wird dabei ausdrücklich nicht als stabile Eigenschaft verstanden, sondern entwickelt sich im Zusammenspiel verschiedener sozialer und psychologischer Prozesse. Hinweise aus einer Fallstudie einer Rugby-Weltmeistermannschaft legen zudem nahe, dass gemeinsame Werte, Vertrauen und geteilte Verantwortung wichtige Bestandteile resilienter Teams sein können (Morgan et al., 2015). Die zuvor beschriebenen Konzepte bieten hierfür unterschiedliche Perspektiven. Eine gemeinsame soziale Identität kann Orientierung geben, geteilte Führung, Verantwortung verteilen, kollektive Selbstwirksamkeit das Vertrauen in die gemeinsame Handlungsfähigkeit stärken und Teamzusammenhalt die Zusammenarbeit fördern. Ob und in welchem Ausmaß diese Prozesse zur Bewältigung von Belastungen beitragen, hängt jedoch vom jeweiligen Kontext ab und lässt sich anhand einzelner Turniere nicht beurteilen. Gerade während der Weltmeisterschaft entstand bei einigen Mannschaften der Eindruck, dass Rückschläge nicht zwangsläufig zu sichtbarer Verunsicherung führten. Stattdessen wurde weiter kommuniziert, gemeinsam verteidigt und konsequent am Matchplan festgehalten. 

Solche Beobachtungen ersetzen keine wissenschaftliche Analyse. Sie verdeutlichen jedoch, weshalb Teamresilienz eine hilfreiche Perspektive bieten kann, um Mannschaftsprozesse unter Druck differenzierter zu betrachten. Damit schließt sich der Kreis zur eingangs formulierten Leitfrage. Warum manche Mannschaften unter Druck wie eine Einheit wirken, lässt sich nicht mit einem einzelnen psychologischen Konzept beantworten. Vielmehr sprechen die bisherigen Erkenntnisse dafür, dass verschiedene soziale und psychologische Prozesse zusammenwirken können.

Welche Überlegungen ergeben sich daraus für die Praxis?

Die Weltmeisterschaft verdeutlicht, wie komplex Mannschaftserfolg ist. Technische Qualität, taktische Abläufe, körperliche Leistungsfähigkeit, individuelle Klasse und situative Ereignisse greifen im Spitzenfußball eng ineinander. Die Sportpsychologie beansprucht deshalb nicht, Turniererfolge zu erklären oder vorherzusagen. Sie kann jedoch dazu beitragen, soziale und psychologische Prozesse innerhalb von Mannschaften besser zu verstehen.

Die vorgestellten Konzepte laden dazu ein, Mannschaftsentwicklung nicht ausschließlich unter leistungsorientierten Gesichtspunkten zu betrachten. Ebenso relevant erscheint die Frage, unter welchen Bedingungen Spieler eine gemeinsame Identität entwickeln, Verantwortung übernehmen, Vertrauen in die gemeinsame Handlungsfähigkeit aufbauen und auch unter Belastung zusammenarbeiten können.

Für Trainer ergibt sich daraus weniger die Aufgabe, einzelne psychologische Methoden anzuwenden. Vielmehr könnte es sinnvoll sein, Rahmenbedingungen zu schaffen, die solche Entwicklungsprozesse begünstigen. Dazu gehören offene Kommunikation, nachvollziehbare Rollen, geteilte Verantwortung und eine Fehlerkultur, die Lernen ermöglicht. Ebenso hilfreich können gemeinsam entwickelte Teamwerte und klar definierte Verantwortlichkeiten sein. Welche Bedeutung diese Prozesse im Einzelfall tatsächlich haben, hängt vom jeweiligen Mannschaftskontext ab. Die Forschung liefert hierfür keine einfachen Rezepte. Sie bietet jedoch Orientierung, psychologische Aspekte als einen Baustein innerhalb eines komplexen Leistungsgeschehens zu verstehen.

Fazit

Große Fußballturniere faszinieren durch außergewöhnliche Leistungen, überraschende Ergebnisse und emotionale Momente. Gleichzeitig erinnern sie daran, dass Mannschaftserfolg selten auf einen einzelnen Faktor zurückgeführt werden kann. Beobachtungen aus der Weltmeisterschaft zeigen, dass manche Teams unter Druck bemerkenswert geschlossen auftreten. Solche Eindrücke ersetzen keine wissenschaftliche Analyse, bieten jedoch einen Anlass, Erkenntnisse der Sportpsychologie einzuordnen. Die Forschung zu sozialer Identität, geteilter Führung, kollektiver Selbstwirksamkeit, Teamzusammenhalt und Teamresilienz beschreibt unterschiedliche, aber miteinander verbundene Perspektiven auf Mannschaftsprozesse. Sie erklärt nicht, warum eine Mannschaft Weltmeister wird oder ein Spiel gewinnt. Sie hilft jedoch, Leistungen differenzierter zu betrachten und den Blick über technische, taktische und körperliche Aspekte hinaus zu erweitern. 

Erfolgreiche Mannschaften entstehen nicht allein durch individuelle Qualität. Sie entwickeln sich auch durch soziale und psychologische Prozesse, die über einen längeren Zeitraum wachsen und sich insbesondere unter Druck zeigen können. Vielleicht lohnt sich deshalb bei Fußballmannschaften nicht nur der Blick auf das Ergebnis, sondern auch auf die psychologischen und sozialen Prozesse, die sich über Wochen, Monate und Jahre entwickeln und ein Team gerade unter Druck stabilisieren können.

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Mehr zum Thema:

Literatur 

Alves, M. A. R., Lourenço, A., Lago, C., Santos, S., & Calmeiro, L. (2021). Collective efficacy in soccer teams: A systematic review. Psicologia: Reflexão e Crítica, 34, Article 18. https://doi.org/10.1186/s41155-021-00183-y

Bandura, A. (1997). Self-efficacy: The exercise of control. W. H. Freeman.

Carron, A. V., Colman, M. M., Wheeler, J., & Stevens, D. (2002). Cohesion and performance in sport: A meta-analysis. Journal of Sport & Exercise Psychology, 24(2), 168–188. https://doi.org/10.1123/jsep.24.2.168

Fransen, K., Coffee, P., Vanbeselaere, N., Slater, M. J., De Cuyper, B., & Boen, F. (2014). The impact of athlete leaders on team members’ team outcome confidence: A test of mediation by team identification and collective efficacy. The Sport Psychologist, 28(4), 347–360. https://doi.org/10.1123/tsp.2013-0141 

Fransen, K., Haslam, S. A., Steffens, N. K., Vanbeselaere, N., De Cuyper, B., & Boen, F. (2015). Believing in “us”: Exploring leaders’ capacity to enhance team confidence and performance by building a sense of shared social identity. Journal of Experimental Psychology: Applied, 21(1), 89–100. https://doi.org/10.1037/xap0000033 

Fransen, K., Van Puyenbroeck, S., Loughead, T. M., Vanbeselaere, N., De Cuyper, B., Vande Broek, G., & Boen, F. (2015). Who takes the lead? Social network analysis as a pioneering tool to investigate shared leadership within sports teams. Social Networks, 43, 28–38. https://doi.org/10.1016/j.socnet.2015.04.003

Haslam, S. A., Reicher, S. D., & Platow, M. J. (2020). The new psychology of leadership: Identity, influence and power (2nd ed.). Routledge.

Leo, F. M., González-Ponce, I., Pulido, J. J., López-Gajardo, M. A., & García-Calvo, T. (2022). Multilevel analysis of coach leadership, group cohesion and collective efficacy in semiprofessional football teams. International Journal of Sport Psychology, 53(4), 378–395. https://doi.org/10.7352/IJSP.2022.53.378

Morgan, P. B. C., Fletcher, D., & Sarkar, M. (2013). Defining and characterizing team resilience in elite sport. Psychology of Sport and Exercise, 14(4), 549–559. https://doi.org/10.1016/j.psychsport.2013.01.004 

Morgan, P. B. C., Fletcher, D., & Sarkar, M. (2015). Understanding team resilience in the world’s best athletes: A case study of a rugby union World Cup winning team. Psychology of Sport and Exercise, 16, 91–100. https://doi.org/10.1016/j.psychsport.2014.08.007

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Janosch Daul: Mehr als Tools – Warum echte Entwicklung im Coaching erst in der Tiefe beginnt

In der sportpsychologischen Arbeit mit Trainern erleben wir häufig ein ähnliches Muster: Es werden Tools erarbeitet, Strategien vermittelt und konkrete Verhaltensweisen eingeübt. Atemtechniken, Reframing, Selbstgespräche, Routinen im Spiel – das Repertoire ist groß und in vielen Fällen auch wirksam. Und doch zeigt sich in der Praxis immer wieder ein Phänomen: Die Methoden greifen – aber nicht zuverlässig. Mal funktionieren sie hervorragend, dann wieder gar nicht. Gerade in emotional aufgeladenen Spielsituationen „fallen“ Trainer in alte Muster zurück. Die naheliegende Reaktion darauf lautet oft: „Wir brauchen noch bessere Tools.“  Doch genau hier beginnt ein Denkfehler.

Zum Thema: Wenn Methoden an Grenzen stoßen

Die zentrale Frage ist nicht: „Welche Technik fehlt noch?“ Sondern vielmehr: „Was im Inneren des Trainers ist stärker als die Technik?“ Denn Verhalten entsteht nicht im luftleeren Raum. Es ist Ausdruck eines inneren Systems aus Überzeugungen, Erfahrungen, Erwartungen und emotionalen Mustern. Wenn ein Trainer in entscheidenden Momenten impulsiv reagiert, übermäßig kontrolliert oder stark emotionalisiert coacht, dann liegt das selten daran, dass ihm eine Methode fehlt. Viel häufiger liegt es daran, dass:

  • Glaubenssätze aktiv sind („Ich muss liefern“, „Ich darf keine Kontrolle verlieren“) 
  • hohe, oft unrealistische Erwartungen wirken 
  • der eigene Selbstwert (unbewusst) an Leistung gekoppelt ist 

In solchen Momenten hat ein Tool kaum eine Chance. Nicht, weil es schlecht ist, sondern weil es gegen ein stärkeres inneres System arbeitet.

Kontrolle als scheinbare Sicherheit

Ein besonders häufiges Muster im Trainerkontext ist das Bedürfnis nach Kontrolle. Kontrolle vermittelt Sicherheit. Sie gibt das Gefühl, Einfluss zu haben, wirksam zu sein und Ergebnisse steuern zu können. Doch genau hier entsteht ein Spannungsfeld: Im Spiel selbst hat ein Trainer nur begrenzten Einfluss.

Ein Großteil der Performance liegt bei den Spielern, bei Dynamiken im Team und bei situativen Faktoren. Der verzweifelte Versuch, dennoch maximale Kontrolle auszuüben, führt oft zu Nebenwirkungen:

  • erhöhter innerer Druck 
  • impulsives Coaching-Verhalten 
  • mentale Erschöpfung 
  • eingeschränkte Entscheidungsqualität 

Und auch auf Teamseite entstehen Effekte:

  • geringere wahrgenommene Autonomie 
  • steigende Fehlerquote unter Druck 
  • weniger kreative Lösungen 

Paradoxerweise kann der Versuch, Kontrolle zu erhöhen, genau das Gegenteil bewirken: weniger Stabilität, weniger Vertrauen, weniger Leistung.

Erwartungshaltungen als unsichtbarer Treiber

Eng verbunden mit dem Kontrollbedürfnis sind die Erwartungen, die Trainer an ihr Team – und häufig auch an sich selbst – stellen. Hohe Ansprüche sind im Leistungssport selbstverständlich und notwendig. Problematisch werden sie dann, wenn sie:

  • unrealistisch konstant erfüllt werden sollen 
  • stark ergebnisorientiert sind 
  • wenig Raum für Entwicklung und Fehler lassen 

In der Folge entsteht ein permanenter Spannungszustand:

  • Fehler werden schneller negativ bewertet 
  • Emotionen wie Wut oder Enttäuschung nehmen zu 
  • Coaching wird reaktiver statt bewusster 

Aus sportpsychologischer Perspektive entsteht hier ein zentraler Zusammenhang: Hohe Erwartungen + starkes Kontrollbedürfnis = erhöhter emotionaler Druck. Und genau dieser Druck ist häufig der Auslöser für das Verhalten, das Trainer eigentlich verändern möchten.

Der Perspektivwechsel: Von Regulierung zu Verständnis

Viele Interventionen setzen an der Oberfläche an: Emotionen regulieren, Verhalten anpassen, Kommunikation verbessern. Das ist sinnvoll, aber oft nicht ausreichend. Ein nachhaltiger Ansatz beginnt einen Schritt früher, nämlich bei der Frage, warum bestimmte Emotionen und Verhaltensweisen überhaupt entstehen.

Das bedeutet konkret:

  • Woher kommt das Bedürfnis nach Kontrolle? 
  • Welche Bedeutung hat Erfolg oder Misserfolg für den Trainer selbst? 
  • Welche Überzeugungen hinsichtlich des Anspruchs, ein „guter Trainer sein“ zu wollen, wirken im Hintergrund? 
  • Welche Erfahrungen prägen die heutigen Erwartungen? 

Erst wenn diese Ebenen sichtbar werden, entsteht die Möglichkeit, echte Veränderung anzustoßen.

Von Kontrolle zu Vertrauen

Ein zentraler Entwicklungsschritt liegt häufig in der Verschiebung von: Kontrolle → Vertrauen. Das bedeutet nicht, Verantwortung abzugeben oder passiv zu werden. Es bedeutet vielmehr:

  • die eigenen Einflussmöglichkeiten realistisch einzuordnen 
  • Spielern mehr Autonomie zuzugestehen 
  • Fehler als Teil von Entwicklung zu akzeptieren 
  • den Fokus stärker auf Prozesse, statt auf Ergebnisse zu legen 

Trainer berichten in diesem Zusammenhang häufig von einer spürbaren Veränderung:

  • mehr Ruhe im eigenen Handeln 
  • klarere Wahrnehmung im Spiel 
  • bewusstere Entscheidungen 
  • und nicht zuletzt: mehr Energie über die gesamte Spielzeit hinweg 

Erwartungshaltungen neu denken

Parallel dazu lohnt sich ein zweiter Perspektivwechsel: von Perfektion zu Entwicklung. Statt Erwartungen wie: „Wir müssen konstant fehlerfrei spielen.“ Vielmehr: „Wir wollen mutig Lösungen suchen – auch wenn Fehler passieren.“ Dieser Wechsel verändert nicht nur die Kommunikation, sondern die gesamte innere Haltung:

  • Druck reduziert sich 
  • Handlungsspielräume erweitern sich 
  • Lernprozesse werden möglich 

Die Rolle der Sportpsychologie

Die Aufgabe der Sportpsychologie besteht daher nicht nur darin, Methoden zu vermitteln. Sie besteht vor allem darin, Räume zu schaffen, in denen Trainer ihre eigenen Muster erkennen, Zusammenhänge verstehen, neue Perspektiven entwickeln und im Ergebnis ihr Verhalten verändern. Tools bleiben dabei wichtig, aber sie entfalten ihre Wirkung erst dann nachhaltig, wenn sie auf ein inneres System treffen, das Veränderung zulässt.

Fazit

Die Arbeit mit Trainern im Leistungssport gewinnt an Tiefe, wenn sie über die reine Vermittlung von Techniken hinausgeht. Denn nachhaltige Entwicklung entsteht nicht durch das nächste Tool, sondern durch ein verändertes Verständnis von Kontrolle, Erwartungen und der eigenen Rolle als Trainer. Oder anders formuliert: Nicht das Verhalten ist das eigentliche Thema, sondern das System, aus dem es entsteht.

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Spielvorbereitung: Losgelöst oder detailverliebt – Hätte sich Florian Wirtz vor Paraguay mit dem Wetter beschäftigen sollen?

Fußball-Nationalspieler Florian Wirtz wurde vor dem verlorenen Sechzehntelfinale der Fußball-Weltmeisterschaft 2026 gegen Paraguay gefragt, ob er sich auf die zu erwartenden hohen Temperaturen vorbereitet habe. Der Spieler des Liverpool FC antwortete offen und ehrlich, dass er sich darüber noch gar keine Gedanken gemacht habe. Richtig oder falsch? Sollten Spieler wie Wirtz völlig losgelöst in ein WM-Spiel gehen oder gehört es zu einer guten Vorbereitung dazu, sich auch mit den Rahmenfaktoren wie dem Wetter zu beschäftigen? 

Zum Thema: Unmittelbare Wettkampfvorbereitung im Fußball 

Anke Precht, Die Sportpsychologen
Anke Precht, Die Sportpsychologen

Antwort von: Anke Precht (zum Profil)

Eine spezifische Vorbereitung auf Rahmenbedingungen ist Teil einer professionellen Vorbereitung. Im Mountainbike ist es vollkommen normal, vor einem Weltcup in Brasilien Hitzetraining zu absolvieren, damit der Organismus die Schwüle dort gut abkann und die Energie voll zur Verfügung steht. Das Gleiche gilt für andere Witterungsbedingungen auch. Die Stimmung in Stadien kann antizipiert werden, auch der Druck, der auf der Mannschaft und auf den einzelnen Spielern liegt. Diese Dinge lassen sich mental antizipieren und trainieren. Dabei muss nicht jedes Detail beachtet werden – aber eben doch die wichtigsten Parameter, damit man nicht in einem Umfeld landet, das einen Teil der Energie mit Beschlag belegt oder die Handlungsfähigkeit in den Spielen einschränkt. 

Christian Bader, Die Sportpsychologen
Christian Bader, Die Sportpsychologen

Antwort von: Christian Bader (zum Profil)

Wir verwechseln in der Vorbereitung gern Kontrolle mit dem Gefühl von Kontrolle. Sich am Spieltag mit dem Wetterbericht zu beschäftigen fühlt sich seriös an, nützt auf dem Platz aber nichts. Schlimmstenfalls kippt es sogar ins Gegenteil: Wer intensiv an die Hitze denkt, denkt genau dann an die Hitze, wenn der Kopf frei sein sollte für den nächsten Pass (klassischer Ironic-Process-Effekt, Wegner lässt grüssen).

Heisst das: alles ausblenden? Nein, sondern wissen,  wer sich worum kümmert. Trinkpausen, Kühlwesten, Belastungssteuerung: Aufgabe des Staffs, vorher gelöst. Der Kopf des Spielers bleibt frei für eine Sache: Seine nächste Aktion im Spiel (Present-Moment-Fokus). Das nennt man Aufmerksamkeitsfokussierung und „darüber hab ich mir noch keine Gedanken gemacht“ ist dann keine Naivität, sondern saubere Arbeitsteilung.

Janosch Daul, Die Sportpsychologen
Janosch Daul, Die Sportpsychologen

Antwort von: Janosch Daul (zum Profil)

Ich finde die Aussage von Florian Wirtz völlig nachvollziehbar. Ein Spieler muss nicht jede Rahmenbedingung permanent im Kopf haben – dafür gibt es im Leistungssport ein Team, das die Vorbereitung übernimmt. Aus sportpsychologischer Sicht geht es darum, die Faktoren zu kennen, die man beeinflussen kann, und alles andere loszulassen. Natürlich sollte Hitze, Anstoßzeit oder Luftfeuchtigkeit in der Vorbereitung berücksichtigt werden, aber nicht als zusätzliche mentale Belastung für den Spieler. Gute Routinen, Visualisierung und eine klare Fokussierung auf die eigene Aufgabe sind aus meiner Sicht deutlich wichtiger als ständiges Nachdenken über das Wetter. Am Ende spielen nicht die äußeren Bedingungen Fußball, sondern die Mannschaft, die mit ihnen am besten umgeht.

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Prof. Dr. René Paasch: Schlusspfiff als Startschuss: Warum wir nach Niederlagen so schnell urteilen und warum das problematisch ist

Noch bevor die letzten Spielerinnen den Platz verlassen haben, beginnt häufig ein zweites Spiel. Es wird nicht auf dem Rasen ausgetragen, sondern in Fernsehstudios, sozialen Medien, Podcasts oder Kommentarspalten. Während einige Athletinnen enttäuscht zusammensinken, richtet sich der Blick vieler Beobachtender bereits auf eine andere Frage: Wer trägt Verantwortung? Nach dem Ausscheiden einer Nationalmannschaft dauert es oft nur wenige Minuten, bis Aufstellungen diskutiert, Auswechslungen hinterfragt und taktische Entscheidungen bewertet werden. Schnell entsteht der Eindruck, es habe eine eindeutige Erklärung für das Ergebnis gegeben. Hätte der Trainer anders wechseln müssen? Wäre eine andere Spielerin die bessere Wahl gewesen? Oder hätte ein anderer Matchplan den Spielverlauf verändert? Solche Debatten gehören zum Sport. Fußball lebt von Emotionen und unterschiedlichen Perspektiven. Problematisch wird es jedoch dort, wo aus der Analyse eines Spiels ein Urteil über Individuen entsteht. Genau an dieser Stelle lohnt sich der Blick in die sportpsychologische Forschung. Dabei geht es nicht darum, das Ausscheiden einer bestimmten Mannschaft zu erklären. Vielmehr soll anhand aktueller Forschung aus der Sportpsychologie und Sozialpsychologie eingeordnet werden, weshalb öffentliche Bewertungen nach Niederlagen häufig bestimmten kognitiven und sozialen Mustern folgen. Sie zeigt, dass unser Bedürfnis nach eindeutigen Erklärungen zwar zutiefst menschlich ist, der Komplexität sportlicher Leistung jedoch häufig nicht gerecht wird.

Zum Thema: Warum unser Gehirn nach Klarheit sucht

Sportliche Großereignisse lösen intensive Emotionen aus. Freude, Stolz oder Enttäuschung werden innerhalb weniger Augenblicke von Millionen Beobachtenden gleichzeitig erlebt. Entsprechend wächst nach einer Niederlage das Bedürfnis, das Geschehen möglichst rasch einzuordnen. Daniel Kahneman (2011) beschreibt diesen Prozess als Zusammenspiel zweier Denksysteme. Das erste arbeitet schnell, intuitiv und emotional. Es ermöglicht spontane Einschätzungen, greift dabei jedoch auf Heuristiken und Vereinfachungen zurück. Das zweite denkt langsamer, analytischer und reflektierter. Diese intuitive Verarbeitung kann zugleich das Bedürfnis verstärken, Ungewissheit möglichst rasch zu reduzieren. Einen theoretischen Erklärungsansatz hierfür liefert das Konzept des Need for Cognitive Closure (Kruglanski, 1990). Nach einem verlorenen Spiel wirkt deshalb die Suche nach einer klaren Ursache oft überzeugender als die Einsicht, dass sich komplexe Wettkämpfe nur selten auf einen einzelnen Auslöser zurückführen lassen. Gerade nach emotional belastenden Ereignissen können einfache Erklärungen daher attraktiver erscheinen als komplexe oder mehrdeutige Zusammenhänge. Diese Neigung ist kein Ausdruck mangelnder Reflexion, sondern ein grundlegendes Merkmal menschlicher Informationsverarbeitung. 

Wenn das Ergebnis unsere Wahrnehmung verändert

Im Spitzensport zeigt sich dieser Mechanismus besonders deutlich. Entscheidungen werden prospektiv getroffen, ihre Bewertung erfolgt jedoch retrospektiv (Baron & Hershey, 1988). Im Fußball lässt sich dieses Phänomen regelmäßig beobachten. Eine taktische Umstellung erscheint nach einem Sieg mutig oder genial. Führt dieselbe Maßnahme nicht zum gewünschten Erfolg, gilt sie plötzlich als Fehler. Das Resultat verändert rückwirkend unsere Einschätzung, obwohl sich die ursprüngliche Entscheidungsgrundlage nicht verändert hat.  Genau diese Diskrepanz bildet den Kern des Outcome Bias (Baron & Hershey, 1988). Trainerinnen und Trainer berücksichtigen dabei Trainingsleistungen, medizinische Informationen, Belastungssteuerung, Gegneranalysen und zahlreiche weitere Faktoren, kennen den späteren Spielverlauf jedoch nicht. Erst nach dem Abpfiff entsteht häufig die Illusion, der bessere Weg sei von Anfang an offensichtlich gewesen. Während der Outcome Bias beschreibt, wie Ergebnisse unsere Bewertung von Entscheidungen beeinflussen, bezeichnet der Hindsight Bias die Tendenz, eingetretene Ereignisse im Nachhinein als vorhersehbarer wahrzunehmen, als sie tatsächlich waren (Roese & Vohs, 2012). Aussagen wie „Das war doch von Anfang an klar“ erscheinen im Rückblick plausibel, obwohl vor dem Spiel meist mehrere Entwicklungen gleichermaßen möglich schienen. 

Warum wir so schnell nach Verantwortlichen suchen

Hinzu kommt ein weiterer gut erforschter Mechanismus. Der fundamentale Attributionsfehler beschreibt die Tendenz, Verhalten eher auf Eigenschaften einzelner Personen als auf situative Bedingungen zurückzuführen (Ross, 1977). Im Sport bedeutet dies, dass nach Niederlagen häufig einzelne Akteure in den Mittelpunkt rücken. Trainer, Spielerinnen oder einzelne Spielszenen werden zum Sinnbild des gesamten Turniers. Aus psychologischer Sicht überrascht das kaum. Einzelne Gesichter lassen sich leichter erinnern als das komplexe Zusammenspiel aus Taktik, Gegnerqualität, körperlicher Belastung, Kommunikation und Zufall. Unser Denken bevorzugt überschaubare Geschichten gegenüber vielschichtigen Systemen. Nicht jede Niederlage erlaubt Rückschlüsse auf Kompetenz, Motivation oder Engagement. Ebenso wenig lässt sich die Qualität jahrelanger Arbeit anhand eines einzelnen Turniers beurteilen.

Aus sportwissenschaftlicher Sicht spricht vieles dafür, Mannschaftsleistungen als dynamische Systeme zu verstehen. Araújo und Davids (2016) beschreiben Teams als komplexe adaptive Systeme, in denen technische, taktische, körperliche und psychologische Faktoren fortlaufend miteinander interagieren. Bereits kleine Veränderungen können den Spielverlauf beeinflussen, ohne dass sich im Nachhinein eindeutig bestimmen lässt, welcher Einfluss letztlich ausschlaggebend war.

Mannschaften sind mehr als die Summe ihrer Einzelnen

Wer Spitzensport ausschließlich über einzelne Entscheidungen erklärt, unterschätzt die Dynamik von Mannschaften. Fußball gleicht keinem Schachspiel, in dem jede Aktion eindeutig planbar ist. Leistung entsteht dagegen aus dem fortlaufenden Zusammenspiel zahlreicher Einflussgrößen. Technische Fertigkeiten, taktische Abläufe, körperliche Voraussetzungen, Kommunikation, emotionale Zustände, das Verhalten des Gegners und situative Ereignisse beeinflussen sich wechselseitig.

Betrachtet man Mannschaften als dynamische Systeme, lassen sich einzelne Spielereignisse kaum isoliert bewerten, sondern nur im Zusammenhang mit dem gesamten Spielgeschehen verstehen (Araújo & Davids, 2016). Ein früher Ballverlust kann beispielsweise nicht nur die taktische Ordnung beeinflussen, sondern auch Laufwege, Kommunikation, Sicherheitswahrnehmung und den Entscheidungsdruck innerhalb der Mannschaft verändern. Vor diesem Hintergrund erscheint es wenig plausibel, den Ausgang eines Turniers ausschließlich einer Aufstellung, einer Auswechslung oder einer einzelnen Spielszene zuzuschreiben. Solche Faktoren können bedeutsam sein. Ob sie den Ausschlag gegeben haben, lässt sich rückblickend jedoch meist nicht belastbar feststellen. Genau darin unterscheidet sich die wissenschaftliche Einordnung von nachträglicher Gewissheit.

Warum wir Erfolge gemeinsam feiern und Niederlagen personalisieren

Eine Weltmeisterschaft ist weit mehr als ein sportlicher Wettbewerb. Nationalmannschaften stehen für Zugehörigkeit, Identifikation und gemeinsame Emotionen. Wenn Fans sagen: „Wir haben gewonnen“ oder „Wir sind ausgeschieden“, spiegelt sich darin ein psychologischer Mechanismus wider, den die Forschung seit Langem beschreibt.

Nach der Social Identity Theory definieren Menschen ihre Identität nicht nur über persönliche Merkmale, sondern ebenso über Gruppen, denen sie sich zugehörig fühlen (Haslam et al., 2020; Rees et al., 2015). Erfolge stärken dieses Gemeinschaftsgefühl, Niederlagen berühren es ebenso. Aus dieser Perspektive kann eine Niederlage nicht nur als sportlicher Misserfolg, sondern auch als Belastung der eigenen sozialen Identität erlebt werden. Mit der emotionalen Verbundenheit verändert sich häufig auch die Art der Erklärung. Dies könnte dazu beitragen zu erklären, weshalb öffentliche Diskussionen nach Niederlagen häufig besonders emotional geführt werden. Während Erfolge meist der gesamten Mannschaft zugeschrieben werden, richtet sich der Blick nach Misserfolgen oft auf einzelne Personen. Diese Personalisierung erleichtert zwar die Einordnung komplexer Ereignisse, bildet deren Ursachen jedoch nur unvollständig ab.

Führung zeigt sich besonders in schwierigen Momenten

Nach Turnieren richtet sich die öffentliche Aufmerksamkeit häufig auf einzelne Entscheidungen. Deutlich seltener wird gefragt, wie Führung innerhalb einer Mannschaft tatsächlich entsteht. Aktuelle sportpsychologische Forschung versteht Führung zunehmend als gemeinsamen Prozess und nicht ausschließlich als Aufgabe einer einzelnen Person. Das Konzept der Identity Leadership beschreibt die Fähigkeit, ein gemeinsames Wir-Gefühl zu entwickeln und dadurch Identifikation, Verantwortungsübernahme sowie konstruktive Kommunikation innerhalb einer Mannschaft zu fördern (Haslam et al., 2020; Fransen et al., 2020). Daraus lässt sich jedoch nicht ableiten, dass eine starke Teamidentität automatisch sportlichen Erfolg garantiert. Sie beschreibt stattdessen Bedingungen, die Zusammenarbeit unter Belastung erleichtern können.

Fehlerkultur beginnt lange vor dem entscheidenden Spiel

Aus dieser sozialpsychologischen Perspektive stellt sich anschließend die Frage, unter welchen Bedingungen Mannschaften auch nach Fehlern lern- und leistungsfähig bleiben. Eng damit verbunden ist das Konzept der psychologischen Sicherheit. Amy Edmondson (2019) beschreibt damit ein Klima, in dem Schwierigkeiten offen angesprochen werden können, ohne persönliche Bloßstellung oder Abwertung befürchten zu müssen. Ursprünglich in der Organisationspsychologie entwickelt, gewinnt dieses Konzept inzwischen auch im Spitzensport zunehmend an Bedeutung. Fransen et al. (2020) konnten zeigen, dass psychologische Sicherheit eng mit identitätsorientierter Führung zusammenhängt. Wo Vertrauen besteht, fällt es Spielerinnen und Spielern leichter, Verantwortung zu übernehmen, Fehler anzusprechen und gemeinsam nach Lösungen zu suchen. Psychologische Sicherheit bedeutet jedoch nicht, Leistung weniger wichtig zu nehmen. Vielmehr schafft sie Voraussetzungen für Lernen und Entwicklung. Wer befürchten muss, dauerhaft an einzelnen Fehlern gemessen zu werden, richtet seine Aufmerksamkeit häufig stärker auf Selbstschutz als auf Verbesserung. Diese Befunde sprechen dafür, dass Vertrauen und gegenseitiger Respekt Bedingungen schaffen können, unter denen Lernen und Weiterentwicklung wahrscheinlicher werden (Edmondson, 2019). Insgesamt sprechen die bisherigen Befunde dafür, dass hohe Leistungsansprüche und psychologische Sicherheit miteinander vereinbar sein können.

Zwischen Kritik und Verurteilung verläuft eine feine Grenze

Kritik gehört zum Spitzensport. Trainerinnen und Trainer analysieren Spiele, Spielerinnen und Spieler reflektieren ihre Leistungen und Medien ordnen Ergebnisse ein. Ohne kritische Auseinandersetzung wäre Entwicklung kaum möglich. Dennoch besteht ein wesentlicher Unterschied zwischen Analyse und Verurteilung. Eine Analyse fragt nach Bedingungen, Wechselwirkungen und möglichen Erklärungen. Sie akzeptiert Mehrdeutigkeit und berücksichtigt, dass komplexe Systeme selten eindeutige Antworten liefern. Eine Verurteilung hingegen vermittelt Gewissheit, obwohl die empirische Evidenz häufig mehrere plausible Erklärungen zulässt. Verurteilungen vermitteln den Eindruck eindeutiger Kausalität, obwohl die empirische Evidenz häufig mehrere plausible Erklärungen zulässt. Komplexe Entwicklungen werden dabei auf einzelne Ursachen oder Personen reduziert.

Was Trainerinnen und Trainer tatsächlich tun

Wer Einblick in die Arbeit professioneller Trainerteams erhält, erlebt häufig eine andere Form der Überprüfung, als sie in der Öffentlichkeit wahrgenommen wird. Die erste Frage lautet selten: Wer hat den Fehler gemacht? Deutlich häufiger steht im Mittelpunkt: Wie ist diese Situation überhaupt entstanden? Dieser Perspektivwechsel beschreibt zwei grundverschiedene Denkweisen. Die eine sucht nach Verantwortlichen, die andere nach Entstehungsbedingungen.

Professionelle Spielanalysen beginnen deshalb selten mit der letzten Aktion vor einem Gegentor. Sie betrachten den gesamten Spielverlauf: Funktionierte das Gegenpressing? War die Raumaufteilung stimmig? Wie verlief die Kommunikation zwischen den Mannschaftsteilen? Welche Handlungsoptionen standen den Beteiligten in diesem Moment tatsächlich zur Verfügung? Ein Gegentor entsteht meist nicht innerhalb weniger Sekunden. Häufig entwickelt sich die entscheidende Situation bereits deutlich früher. Deshalb sprechen Sportwissenschaftler zunehmend von systemischer Einordnung statt von linearen Ursache-Wirkung-Modellen (Araújo & Davids, 2016). Nicht allein das Ereignis ist entscheidend, sondern das Zusammenspiel zahlreicher Einflüsse. Ein ähnliches Vorgehen findet sich auch außerhalb des Sports. Wer ausschließlich nach Schuldigen sucht, übersieht häufig die Bedingungen, unter denen Entscheidungen entstanden sind.

Die öffentliche Debatte folgt anderen Regeln

Öffentliche Diskussionen folgen einer anderen Logik als Einordnung. Medien arbeiten unter Zeitdruck, soziale Netzwerke belohnen Zuspitzung und klare Schuldzuweisungen erzeugen Aufmerksamkeit. Differenzierungen benötigen dagegen Zeit und erscheinen oft weniger eingängig. Auch hierfür lassen sich Befunde der kognitiven Psychologie heranziehen, nach denen narrative und personenbezogene Informationen leichter verarbeitet und erinnert werden als komplexe Systemzusammenhänge (Kahneman, 2011; Gilovich, 1991). Einzelne Personen bleiben stärker im Gedächtnis als dynamische Wechselwirkungen zwischen Taktik, Kommunikation, Belastungssteuerung und Gegnerverhalten. Deshalb werden Turniere häufig über Gesichter erzählt und deutlich seltener über Prozesse. Das bedeutet keineswegs, dass journalistische Kritik unangemessen wäre. Sport lebt von kontroversen Perspektiven. Problematisch wird es jedoch, wenn ein vielschichtiger Turnierverlauf auf eine einzelne Person reduziert wird. Forschung zu komplexen Systemen zeigt, dass monokausale Erklärungen der Wirklichkeit meist nicht gerecht werden. Das gilt für Unternehmen, Schulen oder Krankenhäuser ebenso wie für den Spitzensport.

Vielleicht verrät unsere Reaktion mehr über uns als über die Mannschaft

Eine Niederlage beendet nicht nur ein Spiel. Sie konfrontiert uns zugleich mit einem Gefühl, das viele Menschen nur schwer aushalten: Unsicherheit.

  • War die Mannschaft tatsächlich schlechter?
  • Hätte eine andere Entscheidung den Spielverlauf verändert?
  • Oder war der Gegner an diesem Tag schlicht stärker?

Auf viele dieser Fragen gibt es keine eindeutigen Antworten. Gerade deshalb entsteht häufig das Bedürfnis, Gewissheit herzustellen. Dieses Bedürfnis entspricht dem zuvor beschriebenen Need for Cognitive Closure (Kruglanski, 1990). Eine vermeintlich klare Ursache vermittelt Orientierung und das Gefühl, das Geschehen verstanden zu haben. Aus kognitionspsychologischer Sicht erscheint dieses Bedürfnis nachvollziehbar. Ob diese Erklärung tatsächlich trägt, lässt sich wissenschaftlich meist nicht eindeutig beantworten. Es lohnt sich deshalb ein Perspektivwechsel. Anstatt unmittelbar nach Verantwortlichen zu suchen, könnten wir zunächst fragen, welche Informationen uns überhaupt zur Verfügung stehen. Kennen wir die Belastungssteuerung der vergangenen Wochen? Wissen wir, ob gesundheitliche Einschränkungen bestanden? Haben wir Einblick in die Spielvorbereitung? Oder beurteilen wir letztlich nur das sichtbare Ergebnis? Gerade wissenschaftliches Arbeiten lebt davon, Beobachtungen von Interpretationen zu unterscheiden. Dieser Grundsatz könnte auch die öffentliche Diskussion über Spitzensport bereichern.

Leistung verdient eine sorgfältige Analyse. Menschen verdienen Respekt.

Hier liegt eventuell die zentrale Botschaft dieses Beitrags. Leistungssport ist durch Entscheidungen unter Unsicherheit gekennzeichnet. Gerade sollten Entscheidungen möglichst anhand der zum jeweiligen Zeitpunkt verfügbaren Informationen und nicht ausschließlich anhand ihres späteren Ergebnisses bewertet werden (Baron & Hershey, 1988). Trainerinnen und Trainer verfügen nie über vollständige Informationen, Spielerinnen und Spieler handeln in Situationen, deren Ausgang sich nicht vollständig kontrollieren lässt. Hinzu kommen Erwartungen von Verbänden, Medien und Millionen Zuschauerinnen und Zuschauern. Dass diese Entscheidungen kritisch diskutiert werden, gehört selbstverständlich zum Spitzensport. Etwas anderes ist jedoch, aus einem Ergebnis Rückschlüsse auf den Wert eines Individuums abzuleiten.

Die Forschung zur psychologischen Sicherheit legt nahe, dass Personen besonders dann lernen und Verantwortung übernehmen, wenn Kritik konkret, respektvoll und auf Verhalten statt auf die Person gerichtet ist (Edmondson, 2019; Fransen et al., 2020). Ob sich diese Erkenntnisse unmittelbar auf öffentliche Debatten übertragen lassen, ist wissenschaftlich bislang nicht abschließend geklärt. Sie sprechen jedoch dafür, dass eine konstruktive Fehlerkultur Entwicklung eher fördern könnte als pauschale Schuldzuweisungen.

Fazit

Weltmeisterschaften erzählen Geschichten von Begeisterung, Hoffnung und Enttäuschung. Nach dem Schlusspfiff beginnt jedoch häufig eine zweite Geschichte: die Suche nach Erklärungen. Die Sportpsychologie zeigt, dass Rückschaufehler, Ergebnisorientierung und personale Zuschreibungen tief im menschlichen Denken verankert sind. Sie erleichtern die Einordnung eines Ereignisses, bergen jedoch zugleich das Risiko, sportliche Wirklichkeit stärker zu vereinfachen, als sie tatsächlich ist. Die eigentliche Herausforderung besteht deshalb nicht darin, auf Kritik zu verzichten. Sie gehört zum Leistungssport ebenso wie Anerkennung. Entscheidend ist vielmehr, zwischen Einordnung und vorschneller Gewissheit zu unterscheiden. Hinter jeder Spielerin und jedem Spieler stehen viele Jahre intensiven Trainings, persönlicher Verzicht und der Wunsch, das eigene Land bestmöglich zu vertreten. Zugleich ist jedes Turnier von einer Vielzahl sportlicher, taktischer und situativer Einflüsse geprägt, die sich einer einfachen Erklärung entziehen. Vielleicht zeigt sich die Größe des Sports deshalb nicht erst im Sieg oder in der Niederlage, sondern auch darin, wie wir nach dem Schlusspfiff über Menschen sprechen.

Was sich daraus für die Praxis ableiten lässt

Die dargestellten Forschungsergebnisse liefern keine einfachen Handlungsanweisungen. Sie können jedoch Anregungen geben, wie unterschiedliche Akteure Niederlagen einordnen und mit ihnen umgehen.

Für Trainerinnen und Trainer

Nach einem Turnier könnte es sinnvoll sein, den Blick zunächst auf den gesamten Spielverlauf zu richten, bevor einzelne Entscheidungen bewertet werden. Mannschaftsleistungen entstehen aus dem Zusammenspiel vieler Einflussgrößen. Eine differenzierte Analyse kann deshalb hilfreicher sein als die Suche nach einer einzelnen Ursache. Ebenso spricht einiges dafür, Fehler als Ausgangspunkt gemeinsamer Reflexion und Weiterentwicklung zu verstehen.

Für Spielerinnen und Spieler

Öffentliche Bewertungen gehören zum Spitzensport. Sie spiegeln jedoch nicht zwangsläufig die Bedingungen wider, unter denen Entscheidungen tatsächlich getroffen wurden. Eine klare Trennung zwischen medialer Resonanz und der eigenen Leistungsanalyse kann dazu beitragen, den Fokus auf beeinflussbare Aspekte der eigenen Entwicklung zu richten.

Für Manager und Verantwortliche

Nach Niederlagen entsteht häufig der Wunsch, rasch Konsequenzen zu ziehen. Die vorgestellten Erkenntnisse legen jedoch nahe, kurzfristige Reaktionen von einer systematischen Analyse zu unterscheiden. Nachhaltige Entscheidungen gewinnen häufig dann an Qualität, wenn unterschiedliche Perspektiven und Informationen einbezogen werden.

Für Medien

Kritische Berichterstattung ist ein unverzichtbarer Bestandteil des Spitzensports. Ebenso wertvoll kann jedoch die Einordnung sein, unter welchen Bedingungen Entscheidungen entstanden sind. „Welche Faktoren könnten zu dieser Entscheidung beigetragen haben?“ – Diese Frage eröffnet häufig einen breiteren Blick als die vorschnelle Suche nach Verantwortlichen.

Für Fans

Emotionen gehören zum Sport und machen einen wesentlichen Teil seiner Faszination aus. Vielleicht lohnt es sich dennoch, nach einer Niederlage einen Moment zwischen Beobachtung und Bewertung zu lassen. Nicht jede Entscheidung, die im Rückblick unglücklich erscheint, war unter den damaligen Bedingungen zwangsläufig falsch. Genau darin liegt eine der anspruchsvollsten Aufgaben im Sport: Leistungen kritisch zu analysieren, ohne vorschnell über Menschen zu urteilen.

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Literatur

Araújo, D., & Davids, K. (2016). Team synergies in sport: Theory and measures. Frontiers in Psychology, 7, Article 1449. https://doi.org/10.3389/fpsyg.2016.01449

Baron, J., & Hershey, J. C. (1988). Outcome bias in decision evaluation. Journal of Personality and Social Psychology, 54(4), 569–579. https://doi.org/10.1037/0022-3514.54.4.569 

Edmondson, A. C. (2019). The fearless organization: Creating psychological safety in the workplace for learning, innovation, and growth. Wiley.

Edmondson, A. (1999). Psychological safety and learning behavior in work teams. Administrative Science Quarterly, 44(2), 350–383. https://doi.org/10.2307/2666999

Fransen, K., McEwan, D., Sarkar, M., Fransen, J., Decroos, S., Boen, F., & Benson, A. J. (2020). The impact of identity leadership on team functioning and well-being in team sport: Is psychological safety the missing link? Psychology of Sport and Exercise, 51, 101763. https://doi.org/10.1016/j.psychsport.2020.101763

Gilovich, T. (1991). How We Know What Isn’t So: The Fallibility of Human Reason in Everyday Life. Free Press.

Haslam, S. A., Reicher, S. D., & Platow, M. J. (2020). The new psychology of leadership: Identity, influence and power (2nd ed.). Routledge. https://doi.org/10.4324/9780429297521

Kahneman, D. (2011). Thinking, fast and slow. Farrar, Straus and Giroux.

Kruglanski, A. W. (1990). Motivations for judging and knowing: Implications for causal attribution. In E. T. Higgins & R. M. Sorrentino (Eds.), Handbook of motivation and cognition: Foundations of social behavior (Vol. 2, pp. 333–368). Guilford Press.

Roese, N. J., & Vohs, K. D. (2012). Hindsight bias. Perspectives on Psychological Science, 7(5), 411–426. https://doi.org/10.1177/1745691612454303

Ross, L. (1977). The intuitive psychologist and his shortcomings: Distortions in the attribution process. In L. Berkowitz (Ed.), Advances in experimental social psychology (Vol. 10, pp. 173–220). Academic Press. https://doi.org/10.1016/S0065-2601(08)60357-3

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