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Dr. René Paasch: Freie Bahn nur für mental Starke?

Ein aktueller WDR Sport Inside Beitrag “Jungprofis in der Bundesliga: Noch früher ins Rampenlicht” sorgt für Aufsehen. Im Film von Matthias Wolf wird die Regeländerung kritisch beleuchtet, nach der in der Fußball-Bundesliga zukünftig ohne jegliche Einschränkung bereits 16-Jährige Kicker zum Einsatz kommen dürfen. Diese Veränderung hat Borussia Dortmund angestossen. Ein Verein, der zunehmend auf junge internationale Talente setzt. Aber zu welchem Preis? Zu dieser Frage wurde unter anderem Dr. René Paasch von Die Sportpsychologen (zum Profil) befragt. Wir empfehlen an dieser Stelle den Beitrag, der unter anderem auf Sportschau.de oder über die Sportschau-App zur Verfügung steht:

Zum TV-Beitrag: https://www1.wdr.de/mediathek/video/sendungen/sport-inside/video-jungprofis-in-der-bundesliga-noch-frueher-ins-rampenlicht-100.html

Dr. René Paasch im Interview (Screenshot WDR Sport Inside, Verwendung bewilligt via Medikament-TV)

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Bildquelle: Screenshot WDR Sport Inside, Verwendung bewilligt via Medikament-TV

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Lea Schairer: “Musik sollten Skateboarder am besten ausblenden”

Skateboarding und Musik gehören zusammen. So zusammen wie einst elf Freunde und der Fußball, Harz und Handball oder neuerdings E-Sport und dunkle Keller. Stimmt aber gar nicht so richtig. Denn obwohl bei jedem Event dieser nun olympischen Disziplin fette Beats dazugehören, kann diese Einflussgröße für einige Athleten und Athletinnen störend wirken. Vor allem dann, wenn die Klänge die geplanten Abläufe stören.

Zum Thema: Automatismen im Sport

Bei den verschobenen Olympischen Spielen von Tokio, die im Sommer 2021 ausgetragen werden sollen, zählt Skateboarding mit zwei Teildisziplinen erstmals zum Wettkampfprogramm. Dies ist zum einen ein wahnsinniger Spagat für einen Sport, der seine Wurzeln in einer alternativen Jugendkultur hat. Zum anderen bedeutet es aber auch echte Pionierarbeit, die Athleten und Athletinnen auf einen vollkommen anderen Wettbewerb, den die Spiele für die Skateboarding-Elite darstellen werden, vorzubereiten. Was das konkret bedeutet, verrät Bundestrainerin Lea Schairer im Interview:

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Gemeinsam mit ihrem Amtskollegen Jürgen Horrwarth trägt Lea Schairer als Bundestrainerin die Verantwortung dafür, dass die deutschen Skateboarder und Skateboarderinnen bei den Olympischen Spielen 2021 in Tokio und Paris 2024 bestmöglich abliefern. Eine riesige Herausforderung, welche die frühere Top-Athletin auch mit einem großen Interesse für das Thema Sportpsychologie angeht. Im Gespräch wurde deutlich, dass vermeintlich selbstverständliches Handwerkszeug aus der unmittelbaren Wettkampfvorbereitung noch nicht wirklich im Skatebaording angekommen ist. Demgegenüber sind Automatismen auf dem Brett so selbstverständlich, dass etablierte Übungen aus der Sportpsychologie unter Umständen sogar ins Leere laufen…

Spannend sind die Aussagen von Lea Schairer auch bezüglich möglicher Störgrößen, mit den Skateboarder etwa durch Musik oder ungeübte Moderatoren konfrontiert sind. Um hierzu mehr zu erfahren, lohnt es, sich die 20 Minuten Zeit zu nehmen.

“Abliefern, wenn es darauf ankommt”

In jedem Fall sind wir unheimlich froh, dass Thorsten Loch von Die Sportpsychologen dafür gesorgt hat, dass Lea Schairer eine von 14 ExpertInnen unseres Online-Coachingprogramms “Abliefern, wenn es darauf ankommt” wurde. Die Innensicht aus einer in der olympischen Welt noch ganz neuen Sportart auf die Sportpsychologie rundet unserer Programm, an dem wir unter anderem mit prominenten Sportlern und Trainern aus dem Schwimmsport, dem Handball, dem Biathlon, dem Ausdauersport oder dem Wasserspringen gearbeitet haben, unheimlich ab.

Das Angebot richtet sich an leistungsorientierte Sportler und Trainer, die sportpsychologische Techniken und Methoden kennenlernen wollen, um dieses Wissen für die Vorbereitung auf den nächsten großen Wettkampf nutzen wollen. Sichert euch, um das gesamte Online-Coachingprogramm mit Erklärungen, Anwendungshinweisen und Praxistipps zu nutzen, hier euren Zugang: https://www.die-sportpsychologen.de/2021/02/abliefern/

Abliefern, wenn es darauf ankommt

Innovatives Online-Coachingprogramm für Sportler, Vereine und Verbände:

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Foto: Lea Schairer (Quelle: Henrik Biemer)

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Arthur Wachter und André Sirocks: Karriereende – und was dann?

In der medialen Glitzerwelt wird oft der Eindruck erweckt, dass die Mehrzahl der Sportler nach ihrer aktiven Karriere finanziell ausgesorgt haben. Allerdings gilt dies bestenfalls für Fußballer in den obersten Ligen, die wenigen Formel 1-Piloten, so manche Tennis-Profis und wenige Individualsportler. Die meisten anderen Berufssportler, allen voran die aus den olympischen Sportarten, sind auf eine Karriere nach der Karriere angewiesen. Wir haben hier bei einem Ex-Fußballer nachgefragt, der sich nach seiner Laufbahn nicht in die Hängematte legen wollte und wir zeigen auf, wie wir von Die Sportpsychologen beim Karriereübergang helfen können. 

Zum Thema: Den Karriereübergang vorbereiten und meistern

Grundsätzlich müssen wir zwei Szenarien unterscheiden: Handelt es sich um einen geplanten Ausstieg aus dem Spitzensport oder erfolgt dieser unfreiwillig, da zum Beispiel eine Verletzung oder eine Krankheit vorliegt?

Sportpsychologen und Mentaltrainer können Sportlern helfen, sich auf beide Szenarien gut vorzubereiten. Aus meiner Sicht sind folgende Tipps dazu wichtig:

  • Sportler sollten sich möglichst früh in der Karriere feste Strukturen und Ansprechpartner für verschiedene Bereiche schaffen (auch außerhalb des eigenen Sports geht es darum, sich ein Netzwerk aufzubauen und vielleicht sogar einmal Firmen zu besuchen oder Berufe kennenzulernen).
  • Mit einem Mentaltrainer/Coach oder Sportpsychologen lohnt es, ein Profil (Kompetenzen und Werte) zu erstellen, welches im Laufe der Sportkarriere immer wieder überprüft und überarbeitet (je nach Alter des Sportlers ein- bis zweimal pro Jahr) werden kann.
  • Das Thema Geld muss besprochen werden: Habe ich ausgesorgt? Wie stehe ich zu Geld (siehe Werte)? Was brauche ich? Was kommt danach?
  • Wichtig ist zudem, sich mit der Frage zu beschäftigen: Wer bin ich eigentlich ohne meine Sportart?

In meiner praktischen Arbeit lege ich großen Wert darauf, die Zukunft zu visualisieren. Es geht darum, dass die Athleten und Athletinnen ihre Zukunft aufzeichnen und wir diese Inhalte dann besprechen. Dabei achte ich darauf, dass dies ohne Druck passiert und wir dies in gegebenen zeitlichen Abständen immer wieder angehen. Meine Rolle als Vertrauensperson außerhalb des Systems Leistungssport bekommt damit eine gewisse Brückenfunktion.

Beispiel aus der Praxis

Während es heute viel einfacher geworden ist, sich als Sportler oder Sportlerin passende Unterstützung zu holen, waren selbst im Fußball die Profis bis vor einigen Jahren ziemlich auf sich allein gestellt. Um von den Erfahrungen eines Ex-Kickers zu profitieren, habe ich Kontakt zu einem Bekannten aufgenommen, der uns dankenswerterweise sehr offen von seinen Erfahrungen vom Übergang aus der ersten in die zweite Karriere berichtet hat: 

André Sirocks, (18.09.1966) spielte während seiner Laufbahn für den 1. FC Union Berlin, Hannover 96 und Stuttgarter Kickers. Mit dem damaligen Zweitligisten Hannover 96 wurde er 1992 DFB-Pokalsieger. Zwei Jahre zuvor, beim ersten Berliner Derby zwischen Hertha und Union, welches als Freundschaftsspiel vor über 50.000 Zuschauern im Olympiastadion ausgetragen wurde, erzielte Sirocks bei der 1:2-Niederlage den Treffer für Union. Heute arbeitet der Ex-Profi als Finanz- und Unternehmensberater in seiner eigenen Firma im Raum Stuttgart.

André Sirocks – einst Fußball-Profi, heute Unternehmer

Arthur Wachter: Hallo André, schön dich wieder mal zu sprechen. Sag mal, was hat dich bewogen, deine Karriere zu beenden?

Ich musste Mitte 1998 mein erstes Leben aus gesundheitlichen Gründen beenden. Zwei Jahre nach einer schweren Bandscheibenoperation. Nach der Verletzung und im Zuge der Genesung hatte ich aber viel Zeit, über die Zukunft und das, was ich machen wollen würde, nachzudenken. 

Hattest du konkrete Vorstellungen, was du machen wolltest?

Ich habe mich schon zu meinen aktiven Zeiten intensiv mit Finanzen beschäftigt und habe dann die Möglichkeit wahrgenommen, bei der Allianz eine Ausbildung zum Versicherungskaufmann zu machen. Im Ergebnis bin ich aus dem Angestelltenverhältnis als Fußballer direkt in die Selbständigkeit übergegangen und habe mich auf meine ureigenen Stärken verlassen: Disziplin, Wille, Ausdauer, positives Denken, Menschenkenntnisse, Freude am Tun und das alles gepaart mit meiner Offenheit für Neues!

Hattest du Hilfe aus dem Verein, Umfeld oder durch Berater?

Der damalige Verein hat mir hier insoweit geholfen, dass er mir keinen Druck hinsichtlich der Entscheidung gemacht hat, ob es mit dem Fußball nach meiner Verletzung nochmal klappt oder eben nicht. Diesbezüglich war ich völlig frei. Geholfen, im Sinne der Berufswahl oder beim Übergang in die nachsportliche Karriere… klares NEIN! Ich habe mich durch meine Art und mein Denken selbst in Stellung für meine zweite Laufbahn gebracht. An meiner Einstellung hat sich seither wenig verändert: Selbst und Ständig, wirkliche Hilfe ist aus meiner Erfahrung rar gesät.

Gibt es Unterschiede, wenn du die Rahmenbedingungen im Fußball in den 1990er Jahren mit denen von heute vergleichst?

Einer der größten Unterschiede zu damals ist wohl das liebe Geld. Wenn man damals im Laufe einer Karriere schon solche Summen wie heute hätte verdienen können, wäre der Druck, nach der sportlichen Laufbahn beruflich etwas leisten zu müssen, ein anderer gewesen. Allerdings frage ich mich, ob dies ein Vor- oder Nachteil ist?

Fest steht, egal ob viel oder wenig Geld, das Leben geht nach dem Fußball weiter und jeder Profi sollte sich rechtzeitig Gedanken über die Zukunft machen. Je nachdem, was man tun möchte. Heute sind die jungen Profis besser von den Vereinen oder von Beratern betreut. Es wird aufgrund der Möglichkeiten schon viel eher geschaut, was man mal nach seiner Zeit machen kann beziehungsweise will. Und viele beginnen schon während ihrer aktiven Zeit, bestimme Standbeine aufzubauen. Und das ist gut so!

Was würdest du jungen Sportler heute raten?

Ich würde jedem jungen Menschen raten, seinen Neigungen nachzugehen und zu schauen, was das Leben alles für tolle Möglichkeiten bietet! Dies aber mit ausreichend Überlegung, mit Bedacht – aber der nötigen Power. Wenn ich meinen Weg rückblickend betrachte, würde ich heute nichts anders machen als damals. Mit Volldampf die eigenen Ideen leben.

Jungen Profis kann ich nur die Empfehlung geben, sich so weit wie möglich eine eigene Meinung zu bilden, sich schlau zu machen, um nicht in Abhängigkeit zu geraten. Dass heißt, selbst Entscheidungen zu treffen und diese dann auch durchzuziehen. Sich eng mit seinem Elternhaus oder langjährigen Freunden abzustimmen, denn die sind die einzig wahren, die es gut mit einem meinen!

Was kann diesbezüglich ein persönlicher Sportpsychologe oder Mentalcoach leisten? 

Ja, absolut. Ich hätte mir diese Unterstützung auch bei meiner ersten Karriere schon gewünscht. Heute haben die jungen Kicker die Möglichkeit, sich schon früh in ihrer Laufbahn eine Vertrauensperson an die Seite zu holen, die sowohl für sportliche als auch für darüber hinausgehende Themen zu einem wichtigen Gesprächspartner werden kann. Sportpsychologen und Mentaltrainer werden diesbezüglich in Zukunft wichtiger werden.

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Jürgen Walter: Einfluss eines Trainerwechsels auf die Leistungsbereitschaft einer Mannschaft

Welche Bedeutung ein Trainer für eine Mannschaft hat, wird besonders deutlich, wenn bekannt wird, dass ein Trainer oder eine Trainerin die Mannschaft verlassen wird. Auch wenn Veränderungen zu einem lebendigen Team dazu gehören, der Weggang eines wichtigen Teammitglieds hat immer einen Einfluss auf das gesamte System eines Teams. Grundsätzlich gibt es keinen richtigen oder falschen Zeitpunkt der Veröffentlichung. Steht die Trennung lange fest und erfahren es die Spieler erst zu einem späteren Zeitpunkt, könnte das Vertrauen beeinträchtigt sein. Die Mannschaft könnte sich fragen, warum sie es nicht wert war, frühzeitig diese Information bekommen zu haben. Andererseits könnte ein frühes Bekanntgeben des Trainerwechsels die Akteure der Mannschaft enttäuschen und den Zusammenhalt negativ beeinflussen.

Zum Thema: Trainerwechsel im Fußball

Am 15. Februar wurde bekannt, dass Mönchengladbachs Trainer Marco Rose seine Karriere ab der nächsten Saison bei Borussia Dortmund fortsetzt. Nach der Bekanntmachung verzeichnete Borussia Mönchengladbach sieben Niederlagen in Folge, darunter zwei in der Champions League gegen Manchester City und gegen deutsche Topteams wie RB Leipzig, Borussia Dortmund und Bayer Leverkusen. Ein Grund dafür: Ihre Chancenverwertung war seit Bekanntgabe des Wechsels von 60 Prozent auf 13 Prozent gesunken. Erst zuletzt scheint sich das Team wieder zu fangen.

Demgegenüber sehen Spieler wie Christoph Kramer (“Die Trainerdiskussion ist brutaler Quatsch”, ZDF Sportreportage vom 20.03.21) und der Trainer Rose selbst allerdings keinen Zusammenhang zwischen der deutlichen Misserfolgsserie der Mannschaft und dem Bekanntwerden seines Wechsels nach Dortmund. Seines Erachtens gäbe es „keinen emotionalen Bruch“ (Süddeutsche Zeitung vom 18.03.21). Dabei sollte sich jedes Teammitglied bewusst machen, dass es einen Teil eines Systems darstellt. Verändert sich das System, hat dies Folgen für das Team: Denn gerade der Trainer hat eine wichtige Schlüsselposition und wenn diese sich verändert, ist mit Auswirkungen auf die Mannschaft zu rechnen.

Die Mannschaft als System

Zu einer Mannschaft gehören nicht nur die Spieler, sondern auch der Trainer und die Personen, die im Hintergrund agieren, wie Sportpsychologen, die medizinische Abteilung, weitere Funktionäre und Betreuer. Damit eine Mannschaft gut funktioniert und agiert, ist das Zusammenspiel der einzelnen Personen sehr wichtig und es braucht seine Zeit, bis jeder „seine Position“ gefunden hat. 

Es gilt die Faustregel: „Das Ganze ist mehr als die Summe seiner Einzelteile.“ (Meier, 2020) Die einzelnen Spieler und der Trainer bringen jeder seine eigenen Kompetenzen und Fähigkeiten mit, die in das komplexe System eines Teams mit einfließen. So entsteht auch eine Abhängigkeit zwischen den einzelnen Spielern und dem Trainer, die sich gegenseitig aufeinander verlassen können müssen. Dies stärkt das Gemeinschaftsgefühl und den Zusammenhalt innerhalb einer Mannschaft. 

Zudem besitzt der Trainer in der Mannschaft die Funktion des Lehrenden, indem er seine Spieler unterstützt, sie korrigiert, ihnen verschiedene Handlungsmöglichkeiten aufzeigt und sich intensiv mit ihnen austauscht (Meyer, 2011). Das gesamte Team ist leistungsorientiert und besitzt mit dem Trainer eine gute Führungsperson (Stoll et al., 2010). Verlässt der Trainer nun die Mannschaft, kann dies bedeuten, dass das Konstrukt gefährlich ins Wanken gerät, da eine wichtige Führungsperson wegbricht. Ein Kartenhaus würde sogar in sich zusammenfallen und muss neu angeordnet und errichtet werden, wenn eine Karte gezogen wird.

Die Folgen der emotionalen Bindung

Der Verlust des Trainers, mit dem die Spieler erfolgreich zusammengearbeitet haben, bedeutet nicht nur, dass der innere Aufbau des Teams instabil ist, sondern hat auch Auswirkungen auf die emotionale Bindung zwischen Trainer und Spieler. Schließlich zeigen zahlreiche Beispiele, wie der Trainer den Spielern sein Vertrauen schenkt und sie in ihren Fähigkeiten unterstützt, sodass sie sich sprichwörtlich für ihren Trainer „den Arsch aufreißen“, oder für ihn „durch’s Feuer gehen“ würden.

In einem Team ist das Gefühl der Zugehörigkeit und der Bindung des Einzelnen zur Gruppe sehr wichtig (Stoll et al., 2010). Zudem baut sich über die Zeit hinweg ein Vertrauen zwischen den Spielern untereinander auf. Der Trainer wird von den Spielern respektiert und ist eine der Anlaufstellen für Probleme und Sorgen der Spieler. Verlässt nun der Trainer die Mannschaft, wird ein Bestandteil des Teams entfernt, was Gefühle der Verwirrung und der Leere hervorrufen kann. Schließlich fungiert der Trainer auch als Bezugsperson. Aber nicht nur die Bindung zwischen den Spielern und Trainer wird beeinträchtigt. Es kommen außerdem psychische Auswirkungen auf die Spieler hinzu: Durch das Verlassen des Trainers fehlt die Verbundenheit der Gruppe, sodass die mögliche Leistung ggf. nicht mehr abgerufen werden kann. Zudem kann die Situation auftreten, dass sich die Spieler unbewusst mehr in ihre Komfortzone zurückziehen und ihre optimale Körperspannung verlieren, was ihre Bereitschaft und Fähigkeit beeinflussen kann, “alles zu geben“. Dies kann sich letztendlich auch auf ihre Treffsicherheit auswirken, was das Beispiel von Mönchengladbach in den Wochen nach der Bekanntgabe des Trainerabgangs zeigt. Dieser Prozess wird dem einzelnen Spieler tatsächlich nicht unbedingt bewusst sein. Fest steht: Wechselt der Trainer, besteht die Gefahr, dass die emotionale Bindung und die Möglichkeit die Leistung abzurufen beeinträchtigt wird. Ebenso kann es im Einzelfall aber auch passieren, dass Kräfte freigesetzt werden und eher „die Sektkorken knallen“, wenn ein in der Mannschaft eher unbeliebter Trainer seinen Weggang verkündet.

Fazit

Zusammenfassend wird offensichtlich, dass ein Trainer für viele Bereiche elementar wichtig ist und dass ein Verlust des Trainers schwerwiegende Folgen für die Mannschaft haben kann. 

Dieser Prozess der Abnabelung von einem Trainer sollte deshalb idealerweise sportpsychologisch begleitet werden. Eine frühzeitige Bekanntgabe sollte aus sportpsychologischer Sicht gut überlegt und vorbereitet sein.

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Literaturverzeichnis

Meier, N. (2020). Kompendium Coaching & Teamcoaching. Duncker & Humblot. https://doi.org/10.3790/978-3-89644-624-4

Meyer, T. (2011). Sportpsychologie – Die 100 Prinzipien: Nachschlagewerk für Trainer, Betreuer und Athleten. Copress Sport. 

Stoll, O., Alfermann, D. & Pfeffer, I. (2010). Lehrbuch Sportpsychologie. Psychologie-Lehrbuch. H. Huber. 

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Prof. Dr. Oliver Stoll: Die „Tagebuchmethode“ als Werkzeug für Leistungssportler

Ein Tagebuch zu führen, ist eine große Leidenschaft vieler Menschen. Sie nutzen es, um etwas „los zu werden“ und um sich vielleicht später zurückerinnern zu können. Viele Teeanager führen Tagebücher, um das „Chaos in ihrem Kopf“ zu strukturierten. Aufschreiben, wieder durchlesen, das Geschriebene wieder aufgreifen, nachdenken und wieder aufschreiben. Somit entsteht für die jungen „Tagebuchschreiber“ ein Logbuch ihrer Gefühls- und Gedankenwelt. Tagebuch schreiben kann also helfen – gerade in diesem Altersbereich. Aber auch im Sport kann es ein sehr, sehr nützliches Hilfsmittel sein. Wie ich dieses unter Nutzung moderner Technik anwende und was dies auslösen kann, beschreibe ich im Beitrag. 

Zum Thema: Die „Tagebuchmethode“ als sinnvolle Ergänzung zum digital gestützten Coaching

Die historischen Wurzeln dieser „psychologischen Methode“ greifen durchaus tief. Zu den Begründern der entwicklungspsychologischen Tagebuchmethode gehört das Psychologenehepaar William Stern und Clara Stern, das zwischen 1900 und 1918 systematisch und unverfälscht die Entwicklung ihrer drei Kinder Hilde, Günther und Eva aufzeichneten. Hier wurde diese Methode also zunächst als wissenschaftliche Methode in der entwicklungspsychologischen Forschung nutzbar gemacht. Verhaltensbeobachtungen gehören auch noch heute zu den bekannten und genutzten Methoden in der psychologischen und pädagogischen Forschung (Wilz & Brähler, 1997). 

Aber auch in der Psychologischen Anwendung fand das Tagebuchschreiben Einzug in den „Methodenkanon“ der Angewandten Emotions- und Kognitionspsychologie.  Anleitung und Stimulation des Schreibens von Tagebüchern wurden in der Klinischen Psychologie und in der Pädagogischen Psychologie als Selbstkontroll- und Selbstreflektionsmethode eingeführt. Sie sind nicht nur Methoden der Datengewinnung und Prozessforschung, sondern können therapeutisch und pädagogisch die Selbstreflexion erhöhen und für Erlebens- und Verhaltenssteuerung gezielt eingesetzt werden (Stangl, 2021).

Aber was können wir mit dieser Methode in der Sportpsychologie anfangen? 

Gerade, wenn Athletinnen und Athleten viel unterwegs sind, also in Trainingslagern oder auf Wettkampfreisen, dann können diese Aufzeichnungen helfen, Gedanken und Gefühle schnell und unkompliziert festhalten, um dann im Anschluss, wenn man wieder mehr Zeit und Ruhe hat, sich selbst mit diesen Gedanken und Gefühle auseinanderzusetzen. Aus dieser „Reflektionsphase“ können dann diese Sportlerinnen und Sportler stärker herauskommen. Vorausgesetzt, dass diese Gedanken und Gefühle hinsichtlich ihrer Funktionalität entweder für das Erbringen besserer Leistungen oder aber als Psychohygiene-Maßnahme umgesetzt wurden. Manchmal aber kommen diese Athleten und Athletinnen auch nicht gleich damit klar. Dann können diese Aufzeichnungen helfen, diese Analyse zusammen mit einem Sportpsychologen gemeinsam aufzuarbeiten. Diese Aufzeichnungen müssen übrigens nicht nur schriftlich erfolgen. Wir können heutzutage sehr viel schneller einfach eine Sprach-Memo mit dem Smartphone aufzeichnen und abspeichern. Mit einigen meiner Athlet*innen funktioniert das sehr gut. 

In der gemeinsamen Analyse dieser Aufzeichnungen über die Zeit (wenn man dann länger zusammenarbeitet), lässt sich auch sehr gut ein Entwicklungsprozess verdeutlichen. Ich hatte erst neulich ein Gespräch mit einem Athleten, dessen ältere Audios wir dafür einsetzten, um an seiner aktuellen Vorstart-Routine zu arbeiten. Damals sprach er über seine Bewegungsbeschreibung für die anstehende Aufgabe. Und er sagte dann, als er sich selbst hörte: „Ich sehe das heute ganz anders. Auch meine Bewegungssteuerung würde ich heute ganz anders formulieren“. In der weiteren Analyse dieser Tatsache kamen wir zu dem Schluss, dass er offensichtlich hier eine deutliche Weiterentwicklung durchlaufen hat.     

Anwendung in der Praxis

Und auch in unserem aktuellen Angebot „#Abliefern“ (Link) kann die Tagebuch-Methode eine sinnvolle Ergänzung zu unserer Eingangsdiagnostik (mit dem TOPS-Sport-Fragebogen) sowie zum Aufarbeiten unseres multi-medial produzierten Materials eingesetzt werden. Denn diese Inhalte können, wenn sie geschaut und verstanden wurden, zunächst auch selbst ausprobiert werden und die Erfahrungen daraus in einem Tagebuch dokumentiert werden. Dieses Tagebuch kann dann als Grundlage zur Selbstreflexion oder aber als Hilfsmittel in der ggf. anschließenden „Face-to-Face“-Coachingphase mit einem Sportpsychologen oder einer Sportpsychologin aus unserem Netzwerk dienen. Gerade diese ersten, sehr frischen und spontanen Gefühle und Gedanken im Zusammenhang mit dem von uns erarbeiteten Material geben dem Athleten und auch uns wichtige und darüber hinaus auch valide  Einblicke in die handlungsleitenden und handlungsbegleitenden Kognitionen. Ganz egal ob es sich dabei um „Selbstgespräche“, “emotionale Zustände“ oder auch Wahrnehmungen zu Entspannung oder Aktivierung handelt.  

Im Fazit betrachtet, bietet sich das Tagebuchverfahren als sinnvolle ergänzende Methode einerseits zur Datendokumentation, aber eben andererseits auch als Methode zur Selbstreflektion und zur Selbstkontrolle an. Besonders spannend wird diese Methode aktuell, wenn wir aus Gründen der nicht möglichen Präsenz-Betreuung, vorhandenes Wissen und Können vertiefen möchten.  

Mehr zum Thema:

Literatur:

Wilz, G. & Brähler, E. (Hrsg.) (1997). Tagebücher in Therapie und Forschung. Göttingen: Hogrefe. (Stangl, 2021).

Stangl, W. (2021). Stichwort: ‘Tagebuchmethode – Online Lexikon für Psychologie und Pädagogik’. Online Lexikon für Psychologie und Pädagogik. www.https://lexikon.stangl.eu/20217/tagebuchmethode (2021-03-26)

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Dr. René Paasch: Keine Angst vor der Angst

Angst zu haben, ist so schmerzhaft wie biologisch notwendig. Wir alle kennen Momente, in denen die Gedanken zu rasen beginnen und es nur noch eine Sache auf der Welt zu geben scheint: Unsere Angst. Doch warum hat Angst solch eine große Macht über uns? Und wie sollten unsere Kinder und wir damit umgehen? Zunächst zeige ich Ihnen anhand der Forschung, was Angst überhaupt ist und wie sie im menschlichen Gehirn entsteht. Anschließend erfahren Sie, wann Ängste Sie und Ihre Kinder auf die falsche Fährte führen und wie andere sie missbrauchen, um sich zu begünstigen. Zuletzt geht es dann um die Chancen, die wir mit der Angst ermöglichen. 

Zum Thema: Wie Sie und Ihre Kinder vom Angsthasen zum Angstbändiger werden

Wenn uns die Angst erfasst, scheint es nichts anderes mehr zu geben, als dieses Gefühl. Wir spüren, wie unser Herz rast, uns der Schweiß aus den Poren dringt und unsere Hände zittern. Unsere Aufmerksamkeit fokussiert sich auf das Objekt der Angst, ohne dass wir einen klaren Gedanken fassen können. Angst ist ein uraltes Reaktionsmuster unseres Körpers. Sie kann durch eine konkrete Wahrnehmung wie einen Unfall ausgelöst werden. Viel häufiger ist es aber unsere subjektive Bewertung eines Ereignisses, das uns Angst verspüren lässt (Coyne & Lazarus, 1980). Deshalb entsteht Angst auch in dem Teil des Gehirns, mit dem wir etwas bewerten können – der Frontallappen. Dort steigt die neuronale Aktivität, wenn es zu einer Diskrepanz kommt zwischen dem, was wir erwarten und dem, was wir wahrnehmen. Das entsprechende Gefühl nennen wir Angst. Das kann so weit gehen, dass unser ganzes Frontalhirn ins neuronale Chaos stürzt. Dann können wir auch nicht mehr vernünftig oder koordiniert handeln. Doch zu unserem Gehirn gehören auch noch ältere und primitivere Teile, die das Kommando übernehmen. Dazu zählt etwa der Hirnstamm. Er sorgt dafür, unseren Körper für drei mögliche Handlungsmuster bereit zu machen: kämpfen, fliehen oder erstarren. 

Für die meisten modernen Probleme ist keine der drei Optionen wirklich hilfreich. Doch wenn Leib und Leben einmal unmittelbar bedroht sind, können wir uns auf unser Notfallprogramm verlassen. Die Angst zwingt uns, Lösungen für schwerwiegende Probleme zu finden und Umgebungen und Menschen aufzusuchen, die für unser seelisches und körperliches Wohlbefinden sorgen. Zudem ist sie ein Lehrmeister. Denn wenn die unmittelbare Angst überstanden ist, schüttet unser Gehirn Dopamin und Endorphin aus. Durch einen Erfolg fühlen wir uns nicht nur gut, sondern er sorgt auch dafür, dass die Bahnung und Neuverschaltung in unserem Gehirn angeregt wird. Das heißt konkret: Wir merken uns die Lösung für das Problem und wenn es wieder auftritt, haben wir sie blitzschnell parat. Um es zusammenzufassen: Die Angst ist eine Stressreaktion unseres Gehirns, die uns zu überleben und zu lernen hilft. Das würde allerdings nicht gehen, wenn unser Gehirn nicht außergewöhnlich formbar wäre. Unser Gehirn kann sich von selbst umbauen. Eine Fähigkeit, die in der Geschichte des Lebens einmalig ist und die uns als Spezies so erfolgreich gemacht hat.

Ängste bei Kindern 

Während sich Ängste bei Kleinkindern vorwiegend auf aktuelle Ereignisse der unmittelbaren Umgebung beziehen, wachsen mit zunehmendem Alter ihre Abstraktionsfähigkeit sowie ihr Vermögen, zurückliegende Ereignisse zu reflektieren sowie Phantasie und Wirklichkeit zu unterscheiden. Reifungsabhängige bzw. so genannte physiologische Ängste verschwinden häufig von alleine, wenn das Kind die Entwicklungsstufe durchschritten hat und sich an die neue Situation gewöhnen konnte.

Altersübliche Ängste im Kindes- und Jugendalter, die bei den meisten Kindern in unterschiedlicher Ausprägung auftreten
0-6 Monate Laute Geräusche 
6-9 Monate Fremde Personen
9-12 Monate Trennung, Verletzung
2. LebensjahrEingebildete Figuren, Tod, Einbrecher
3. LebensjahrTiere (Hunde), Alleinsein
4. LebensjahrDunkelheit 
6 – 12 LebensjahrSchule, Verletzung, Krankheit, soziale Situationen, Gewitter
13 – 18 LebensjahrVerletzung, Krankheit, soziale Situationen, Sexualität
Abb.1.: Tabelle modifiziert nach „Entwicklungspsychiatrie“, Herpertz-Dahlmann, Resch, Schulte Markwort, Warnke, Schattauer-Verlag 2003

Alle Kinder haben manchmal Angst oder durchleben angstbesetzte Phasen, was zu bestimmten Zeitpunkten der Entwicklung auch als natürlicher Prozess angesehen werden muss. Entwicklungsbedingte Ängste begleiten meistens eine Zeit der Veränderung, sie werden dann meist durch die angstauslösende Wirkung neuer Wahrnehmungsreize verursacht, bei gleichzeitiger mangelnder Kenntnis der realen Begebenheiten sowie der Unterschätzung der eigenen Bewältigungsmöglichkeiten.

Kohärenz

Unser Körper möchte Energie einsparen. Darauf wurde er durch die Evolution trainiert, während der vielen Jahrtausende, als Lebensmittel noch ein knappes Gut waren. Das gilt auch für unser Organ mit dem größten Energiebedarf: das Gehirn. Besonders sparsam kann es funktionieren, wenn alle Teile reibungslos zusammenarbeiten, die älteren mit den jüngeren Bereichen und die linke Hirnhälfte mit der rechten. Dieser Lieblingszustand unseres Gehirns heißt Kohärenz (Grothe, Neitzel, Mandon, Kreiter, 2012). Doch gerade, weil unser Gehirn so formbar und offen für Veränderung ist, gibt es immer irgendetwas, was nicht passt. Zum Beispiel sind wir anfällig für Störungen in unserem komplexen Beziehungsgeflecht, sei es in der Familie, Freundschaft oder Liebe (Hüther, 2020). Wenn wir zum Beispiel enttäuscht, gekränkt oder eifersüchtig sind, ist in unserem Gehirn sehr viel los. Denn diese Gefühle äußern sich dort als Inkohärenz – so gesehen, sind sie verschiedene Varianten von Angst. Und diese geht wiederum mit einem erhöhten Energieverbrauch einher. Etwas, was unser Gehirn tunlichst abstellen will. Für viele Ängste finden wir bald eine Lösung und unser Gehirn kehrt in seine geliebte Kohärenz zurück – bis das nächste Ungleichgewicht entsteht. 

Allerdings gibt es auch noch eine besonders heftige Störung unseres inneren Gleichgewichts, die immer wieder auftaucht und Angst in uns auslöst. Sie tritt dann auf, wenn Menschen, die uns wichtig sind oder die Macht über uns haben, uns zum Objekt ihrer Interessen und Absichten machen. Das geht im Kleinen schon auf den Sportplätzen oder in der Schule los, wenn wir auf unsere Notendurchschnitte oder Leistungsparameter reduziert werden. Im Leistungssport setzt es sich fort, wenn wir uns für die Maximierung von Geldern verausgaben sollen. Besonders schmerzhaft empfinden diese Angst jene Menschen, die Krieg und Gewalt ausgesetzt sind. Viele bewältigen diese Angst dann, indem sie wiederum andere Menschen als Objekt behandeln. So setzt sich das System fort. Wir erkennen also: Unser Gehirn strebt stets Kohärenz an. Doch sie ist nie ganz zu erreichen, da Störungen in unseren Beziehungen zu Mitmenschen für Inkohärenz sorgen. Große Teile unserer gesellschaftlichen Existenz tragen also zu einer Stimmung der Angst bei. Zugleich motiviert uns der Wunsch, Kohärenz herzustellen und Angst zu vermeiden. Wie wir das tun und was dabei daneben gehen kann, ist Thema des nächsten Abschnittes. 

Angst als Druckmittel 

Haben Sie oder Ihre Kinder Angst vor Krankheit oder Bewertungen anderer? – Kaufen Sie diese Nahrungsergänzungsmittel oder bestimmte Güter für Ihre Kinder! Angst vor der Zukunft? – Kaufen Sie diese Dienstleistung! Die Werbung, die uns den ganzen Tag on- und offline umschwirrt, arbeitet mit Angst (Knubben, 2007). Selbst der altbekannte Spruch „Nur für kurze Zeit!“ arbeitet mit der kleinen Angst der Konsumenten etwas zu verpassen. Und natürlich funktionieren derartige Aussagen, sonst hätte sich die Marketingwelt schon längst auf eine andere Strategie verlegt. In unserer konsumorientierten Gesellschaft lassen sich dank unserer Ängste nicht nur zahlreiche Produkte zur Unterhaltung, Ablenkung und Betäubung verkaufen. Häufig verlegen sich Verkäufer auch darauf, die entsprechende Angst erst zu wecken, um uns anschließend das Produkt zu ihrer Bewältigung verkaufen zu können. Die Profiteure der Angst finden wir überall am Werk: Wenn wir den Fernseher einschalten oder in soziale Medien gehen, werden uns bevorzugt schlechte Nachrichten oder Bedrohungen präsentiert, denn die verkaufen sich nun mal am besten. Auch manche Vorgesetzte in den Nachwuchsleistungszentren, die möglichst viele unbezahlte Überstunden aus ihren Beschäftigten herausholen wollen, werden die Gefahr anstehender Entlassungen in den Raum stellen. Allerdings wird das Angstmachen nicht nur aus Eigennutz eingesetzt. Sehr oft meinen es die Warner und Mahner ja gut. Ein Lehrer oder eine Lehrerin, die ihrer Klasse eine verbaute Zukunft vorhersagt, wenn sie sich nicht anstrengt, erhofft sich für die Schülerinnen und Schüler ehrlich Erfolg im Leben. Und Eltern, die ihr Kind über die Schrecken von Karies aufklären, wünschen ihrem Nachwuchs gewiss gesunde Zähne. Wer auf diese Weise häufig mit den Menschen in seinem Leben kommuniziert, sollte sich jedoch selbst kritisch fragen: 

  • Möchte ich wirklich, dass meine Nächsten aus Angst heraus handeln? 
  • Und könnte es nicht vielmehr um meine Angst und die Angst der anderen gehen, die ich unbedingt beruhigen will? 

Besonders langfristig hat die Beeinflussung durch Angst zudem Nebenwirkungen. Der in Angst Versetzte wird lernen, lieber auf andere als auf sich selbst zu hören und er wird schnell den Mut verlieren. Gerade im Umgang mit Kindern sollten wir solche Effekte im Hinterkopf behalten. Um es auf den Punkt zu bringen: Angst ist eines der stärksten Mittel, um Menschen zu beeinflussen – im Guten wie im Schlechten. Umso wichtiger ist es, legitime Bedenken von Panikmache unterscheiden zu können. Wie wir die Angst bewältigen können, schauen wir uns nun genauer an.

Angstbewältigung 

Wie schon im ersten Abschnitt erwähnt, regt besonders die Bewältigung von Angst unser Gehirn dazu an, sich umzubilden. Wenn wir ein Problem gelöst oder einer Gefahr entgangen sind, merken wir uns diesen Erfolg besonders gut und bilden so festgefügte Strategien aus. Das ist erst einmal etwas Gutes – so lernen wir und machen Fortschritte, sowohl individuell als auch als Gesellschaft. Doch die formende Kraft der Angst hat eine Schattenseite. Denn der Wunsch die Angst loszuwerden, ist so groß, dass uns jedes Mittel recht ist. Und dabei schießen wir oft über das Ziel hinaus und schaffen uns neue Probleme. Wenn wir zum Beispiel lernen, dass Medienkonsum unsere Ängste dämpfen, kann daraus eine Sucht werden. Wenn wir uns mit Fastfood beruhigen, können wir ein Problem mit unserem Körpergewicht bekommen. Das gleiche Prinzip gilt für alle Süchte, sei es Glücksspiel-, Drogen- oder Internetsucht. 

Eine andere Facette der Bewältigungsstrategien sind psychische Krankheiten. Denn was nach außen krankhaft wirkt, ist für einen betroffenen Menschen nur ein Weg mit Angst oder Schmerz umzugehen. Zum Beispiel kann er eine bestimmte Handlung beruhigend finden, die er deswegen ständig wiederholt. Das nennen wir dann Zwangsstörung. Oder er vermeidet einfach jede Handlung, um der Angst zu entgehen, was sich dann als schwere Depression äußert. Es sind also die vermeintlichen Lösungen für das Problem der Angst, die weitere Probleme machen. Natürlich suchen sich Erkrankte dies nicht willentlich und bewusst aus, vielmehr sind es selbstständig und unbewusst ablaufende Prozesse im Gehirn, die zur Herausbildung einer Krankheit führen. Fassen wir also zusammen: Die Formbarkeit unseres Gehirns durch Angstbewältigung kann Fortschritt bringen, aber auch zu psychischen Krankheiten führen. Viele Bewältigungsstrategien haben mit Konsum zu tun, deshalb entstehen riesige Wirtschaftszweige aus dieser Angst – seien es Medien, Alkohol oder das Aussehen (Neurauter, 2005). Wie wir unsere Ängste besiegen, schauen wir uns im nächsten Abschnitt an. 

Vertrauen stärken 

Höchste Zeit, dass wir uns mit den Ressourcen vertraut machen, die uns vor der destruktiven Kraft der Angst und vor den Botschaften der Angstmacher schützen. Die erste Ressource, die uns für die Bewältigung von Angst zur Verfügung steht, ist das Vertrauen in uns selbst. Wenn wir in unserem Leben oft genug die Erfahrung gemacht haben, dass wir auch schwerwiegenden und komplexen Problemen gewachsen sind, werden wir uns von einem Neuen nicht sofort den Wind aus den Segeln nehmen lassen.  Deshalb ist es auch so wichtig, dass Eltern ihre Fürsorge nicht übertreiben, indem sie ihre Liebsten vor jeder Gefahr abschirmen und jedes Steinchen aus dem Weg räumen. Kinder suchen sich ganz instinktiv Herausforderungen, um ihr Selbstvertrauen zu stärken und solange sie sich nicht gänzlich verschätzen, sollten wir sie gewähren lassen. 

Die zweite Ressource ist das Vertrauen in andere Menschen. Wer sich vertrauensvoll an Freunde und Familie wendet, weil er selbst nicht weiter weiß, wird von der Angst nicht so leicht beherrscht. Auch hier wird der Grundstein in der Kindheit gelegt: Wenn wir unsere Eltern als verlässlich erleben und sie uns gleichzeitig Respekt und Empathie entgegenbringen, fällt es uns später leichter, Hilfe zu suchen und anzunehmen. Zugleich lernen wir denjenigen zu misstrauen, die diese Qualitäten nicht zeigen. 

Als dritte und letzte Ressource dient uns der Glaube, dass alles wieder gut wird. Das mag kurios oder naiv klingen, ist für unsere psychische Gesundheit jedoch sehr wichtig. Wenn weder wir selbst noch andere den Missstand abwenden können, müssen wir darauf vertrauen, dass sich die Lage von selbst aufklärt. Uns bleibt dann nur durchzuhalten. Dieses Vertrauen in die Welt ist die letzte Schutzzone gegen die Angst. Sie lässt sich nicht so gezielt stärken wie die ersten beiden, doch fassen wir auch dieses Vertrauen durch Nachahmung unserer Bezugspersonen. 

Gleichgewicht ermöglichen

Die Frage, ob Kinder bei ihrer Geburt Angst haben, werden wir wohl nie abschließend beantworten können. Schließlich können wir sie nicht danach fragen. Doch dass im Gehirn des Neugeborenen durch die Geburt ein inkohärenter Zustand entsteht, ist praktisch sicher. Denn die Bewältigungsstrategie sehen wir: Das Kind weint. Es wird dann von der Mutter oder Vater in den Arm genommen und langsam kehrt wieder Kohärenz ein. Dieses kohärenzstiftende Verhalten wird dann so lange wiederholt, bis es neuer Lösungen bedarf. Beim x-ten Weinen reagieren die Eltern vielleicht nicht mehr mit dem gleichen Großaufgebot an Fürsorge. Oder sie sind gar nicht da, zum Beispiel, weil sie ihr Kind gerade in der Kita abgegeben haben. Dann muss das Kleine die Kohärenz mithilfe anderer Bezugspersonen oder ganz allein wieder herstellen. Gelingt das, wird dieser neue Weg abgespeichert und beim nächsten Mal wiederholt. In dieser Weise entwickeln wir uns im Laufe unseres Lebens fort. Immer wieder werden wir vor neue Probleme gestellt, bekommen Angst, finden eine Lösung für das Problem und lernen daraus. Deshalb ist ein angstfreier Zustand nicht nur unerreichbar, sondern auch nicht wünschenswert. Das Einzige was wir anstreben können, ist die richtige Balance. Das heißt: das Gleichgewicht zwischen angstmachenden Erfahrungen und ihrer Lösung. Denn wir lernen und entwickeln uns nicht, während wir Angst haben, sondern stets danach, wenn sie überwunden ist. Deshalb würde ein Leben ohne Angst Stillstand bedeuten. Doch ein Leben in ständiger Angst ebenso. Deshalb sollten wir darauf achten, dass wir stets Mittel und Wege finden, die Angst zu überwinden, ohne vor ihr zu kapitulieren. Dazu gehört auch, Fehler und Irrwege einzugestehen, die sich unweigerlich einstellen. Es ist Teil des menschlichen Schicksals, stets auf der Suche zu sein und immer wieder Neuland zu betreten – sei es in unserer persönlichen Entwicklung oder als Gesellschaft.

Abschließend können wir also festhalten, dass uns Angst als Richtschnur für unser Leben dienen kann, solange wir die Mittel haben, sie zu überwinden. Der Mensch ist ein lebendiges System, welches nur durch Veränderung und Anpassung fortbestehen kann. In diesem komplexen Prozess spielt Angst eine zentrale Rolle – wir können sie uns zunutze machen, um ein besseres Leben zu führen.

Fazit

Die Angst ist zunächst ein evolutionär entstandener Prozess, der uns schützt und für Ordnung in unserem Gehirn sorgt. So unangenehm er ist, ohne ihn könnten wir weder überleben noch lernen. Zugleich sind wir durch die Angst verletzlich und allzu leicht zu beeinflussen. Wir sollten das Gefühl der Angst also weder verteufeln, noch uns ungehindert von ihr beherrschen lassen. Wenn wir weise und verständnisvoll mit unserer Angst umgehen, kann sie uns sogar als Kompass für unsere persönliche Entwicklung dienen. Wir freuen uns zu hören, wie Ihnen dieser Blogbeitrag gefallen hat. Schreiben Sie einfach eine E-Mail an die Redaktion von die Sportpsychologen oder über das Kontaktformular mit „Wege aus der Angst“ als Betreff und teilen Sie mir Ihre Gedanken dazu mit. Gern können Sie auch mit direkten Fragen zum Umgang mit Ängsten im Sport auf meine Kollegen (zur Übersicht) oder mich (zum Profil von Dr. René Paasch) zukommen. 

Mehr zum Thema:

Literatur 

  1. Alfermann, D., & Stoll, O. (2007): Sportpsychologie: Ein Lehrbuch in 12 Lektionen (2. Aufl). Sportwissenschaft studieren: Vol. 4. Aachen: Meyer & Meyer.
  2. Bandura, A. (2006): Psychological modeling: Conflicting theories. New Brunswick, N.J.: Aldine Transaction.
  3. Baumann, S. (2015). Psychologie im Sport: Psychische Belastungen meistern, mental trainieren, Konzentration und Motivation (6. Aufl). Aachen: Meyer & Meyer.
  4. Boisen, M. (1975): Angst im Sport. Der Einfluss von Angst auf das Bewegungsverhalten. Schriftenreihe des Instituts für Sportwissenschaft der Universität Hamburg: Vol. 8. Giessen etc.: Achenbach.
  5. Coyne, J. C. & Lazarus, R. S. (1980): Cognitive style, stress perception, and coping. In I. L. Kutash & L. B. Schlesinger & associates (Hrsg.) Handbook on stress and anxiety (S. 144-158). San Francisco, CA: Jossey-Bass
  6. Grothe, I.; Neitzel, S. D.; Mandon, S.; Kreiter, A. K. (2012): Switching neuronal inputs by differential modulations of gamma-band phase-coherence.The Journal of Neuroscience 32, 16172-16180. 
  7. Hüther, G. (2020): Wege aus der Angst: Über die Kunst, die Unvorhersehbarkeit des Lebens anzunehmen
  8. Knubben, K. (2007): Die Werbung unter Ausnutzung von Angst: § 4 Nr. 2 UWG (Studien zum Gewerblichen Rechtsschutz und zum Urheberrecht). Kovac, Dr. Verlag; 1., Edition. 
  9. Lazarus, R. S. & Launier, R. (1981): Streßbezogene Transaktionen zwischen Person und Umwelt. In J. R. Nitsch (Hrsg.), Streß. Theorien, Untersuchungen, Maßnahmen (S. 213–259). Bern: Huber.
  10. Neurauter, M. (2005): Who is afraid of fear appeals? Persuasion and Emotion in Print Advertising, Innsbruck.
  11. Sulprizio, M.; Kleinert, J.; Ohlert, J.; Borgmann, S. (2020): Kein Stress mit dem Stress! Tipps und Lösungen für mentale Stärke und psychische Gesundheit im wettkampforientierten Leistungssport. 
  12. Herpertz-Dahlmann, R. Schulte-Markwort, W. (2005): Entwicklungspsychiatrie – Biologische Grundlagen und die Entwicklung psychischer Störungen 1., korrigierter Nachdruck, Schattauer

Internet: 

Kein Stress mit dem Stress. PDF-Downlaod: https://inqa.de/SharedDocs/downloads/webshop/psyga-ksmds-leistungssport?__blob=publicationFile

Krisenmanagement: https://www.die-sportpsychologen.de/2017/05/dr-rene-paasch-krisenmanagement-zum-saisonende/ 

Unter Stress Leistung bringen: https://www.die-sportpsychologen.de/2017/05/dr-rene-paasch-unter-stress-leistung-bringen/

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Paul Biedermann: 50% der sportlichen Leistung sind Psychologie

In der Sportpsychologie wird oft herumgeeiert, wie viel die Disziplin für Sportler und Sportlerinnen wert sei. Paul Biedermann, mehrfacher Welt- und Europameister im Schwimmen, hat dazu eine klare Meinung: “Sportliche Leistung ergibt sich zu 50 Prozent aus der körperlichen Ebene und dem Training. Und zu 50 Prozent aus der psychologischen Ebene.”

Zum Thema: Aktivierung im Leistungssport

Bereits mit 19 Jahren hat Biedermann angefangen, die Sportpsychologie für sich zu nutzen. Dem Sportler aus Halle in Sachsen-Anhalt fiel es zu Beginn seiner Karriere schwer, vor den Wettkämpfen in die richtige Stimmung zu kommen, um bestmöglich abliefern zu können. Aus der Schwäche wurde ziemlich schnell eine große Stärke des Schwimmers. Im Laufe der Zeit entwickelte Biedermann sogar Routinen, die auch durch den fiesen Trashtalk seiner Konkurrenten im Callroom nicht ins Wanken kamen. Wie das funktionierte, worauf er achtete und was ein italienischer Schwimmer direkt vor einem entscheidenden Rennen über ihn sagte, um ihn aus der Ruhe zu bringen, erzählt Biedermann detailliert in unserem Interview der Serie “Abliefern, wenn es darauf ankommt”:

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Link zum Interview: https://youtu.be/Qf21s5F34B8

Das Thema Aktivierung ist einer der sieben Schwerpunkte in unserem Online-Coachingprogramm “Abliefern, wenn es darauf ankommt”. Darüber hinaus geht es um Themen wie Zielsetzung, Aufmerksamkeitskontrolle, Selbstgespräche, Visualisierung, Emotionsregulation und Automatismen. Das Online-Coachingprogramm ist sowohl für Einzelsportler, Teams und Verbände buchbar (zum Angebot).

Wie viel ist die Sportpsychologie wert?

Für das umfangreiche und inhaltlich tief schürfende Interview konnten wir mit Paul Biedermann einen der erfolgreichsten deutschen Leistungssportler der vergangenen Jahrzehnte gewinnen. Im Gespräch macht der Hallenser deutlich, wie effektiv ihm die Sportpsychologie geholfen hat und warum er jedem Athleten und jeder Athletin empfiehlt, darauf zu setzen. Deutlich wird Biedermann auch mit seiner Kritik, dass das Thema Sportpsychologie im deutschen Sport immer noch vorurteilsbelastet sei. Den deutschen Schwimmverband kritisiert er insbesondere.

Wir halten fest, dass Sportler und Sportlerinnen sowie alle Trainer und Trainerinnen den Wert der Sportpsychologie selbst bestimmen müssen. Dabei spielt es keine Rolle, ob dieser Wert dann 50% und mehr oder 5% und weniger ausmacht. Wichtig ist, dass Athleten und Athletinnen wissen, dass sie mit Hilfe der Sportpsychologie ihre Leistung optimieren können und als Menschen verstanden werden.

“Abliefern, wenn es darauf ankommt”

Sichert euch, um das gesamte Online-Coachingprogramm mit Erklärungen, Anwendungshinweisen und Praxistipps zu nutzen, hier euren Zugang: https://www.die-sportpsychologen.de/2021/02/abliefern/

Abliefern, wenn es darauf ankommt

Innovatives Online-Coachingprogramm für Sportler, Vereine und Verbände:

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Maria Senz: Olympia 2021 – Warum Sportler gerade jetzt Vorfreude entwickeln sollten

Mit oder ohne Zuschauer? Oder aber nur mit einheimischen Fans und gleichzeitig einem maximal ausgedünnten Betreuerstab? Oder kommt doch noch die Absage? Die Fragen zu den Olympischen Spielen 2021 sind unfassbar komplex. Vor allem für Athleten. Um ein wenig Hilfestellung zu leisten, habe ich versucht, die zwei Seiten der Medaille genauer zu betrachten und konkrete Tipps abzuleiten.

Zum Thema: Wie sich Athleten auf die Durchführung der Olympischen Spiele vorbereiten oder mit der Absage von Tokio 2021 abfinden können

Betrachte ich die eine Seite der Medaille, sehe ich folgendes Szenario: Niemand auf diesem Planeten kann die Zukunft vorhersagen. Genauso kann niemand die Olympischen Spiele vorhersagen. Sicherlich gibt es Zeiten, in denen wir unterschiedliche Risikowahrscheinlichkeiten haben, ob etwas stattfindet oder nicht. Gleichzeitig gibt es in der Statistik die Annahme, dass selbst das sichere Ereignis nie eine 100% Wahrscheinlichkeit erreicht. Es gibt immer ein Restrisiko. Wir können ja auch nicht vorhersagen, was uns der morgige Tag bringt. Wir haben Wünsche, Ideen, Gedanken, Vorstellungen, Termine, Routinen was morgen sein kann – eine 100%-ige Sicherheit, dass genau das eintritt, gibt es nie. Und dennoch sind wir fokussiert, haben unsere Pläne und Strukturen.

Nutz diesen Ansatz und bleib fokussiert in deinen Gedanken, dass die Olympischen Spiele im Sommer 2021 in Tokio stattfinden werden. Dein Körper wird diesem Gedankengut ebenso folgen und gleichzeitig Gefühle entwickeln, die sich im besten Fall als Motivation, Vorfreude, Aufregung und Glück ausbreiten.

Olympia-Collage

Was rate ich aktuell also einem Athleten oder Athletin, der oder die sich gern auf die Olympischen Spiele vorbereiten will? Bring genau diese internen Gefühle auf Papier und bastle dir eine Collage (mind. A3), in die du zusätzlich folgende Antworten verarbeitest:

  • Welche Farbe verbindest du mit Olympia?
  • Welches Symbol verbindest du mit Olympia?
  • Welche Melodie verbindest du mit Olympia?
  • Wenn du die Disziplinen als Tiere verkörperst, welches Tier repräsentiert deine Disziplin?
  • Welche Fähigkeiten habt ihr gemein?
  • Welche Fähigkeiten möchtest du noch ausbauen?
  • Wie machst du das?
  • Was wird für dich durch diese Fähigkeiten möglich?
  • Was wünscht du dir für Olympia?
  • Welches konkrete Ziel hast du für Olympia?
  • Was brauchst du dafür?
  • Wen brauchst du dafür?
  • Wer bist du nun, wenn du dich mit deiner Sporttasche in den Flieger setzt, den Gurt festschnallst, der Flieger zur Startbahn rollt, dich in den Himmel hebt und du gen Tokio schwebst?

Platziere diese Collage an einen präsenten Ort und gönn dir deine tägliche Portion Olympia – USE YOUR MIND & YOUR BODY WILL FOLLOW.

Schreckgespenst Absage

Betrachte ich die andere Seite der Medaille, sehe ich dieses Szenario: Es gibt Sportlerinnen und Sportler, die gerade erst die Füße in den Startblock ihrer Karriere setzen und für die eine Absage der Olympischen Spiele in Tokio eine Chance für weitere drei Jahre intensive Trainingsvorbereitung auf Paris 2024 ist.

Und es gibt Sportlerinnen und Sportler, für die die anstehenden Olympischen Spiele die einzige Chance darstellen, den ganz persönlichen Highlight-Erfolg zu erzielen. Für diese Kategorie wäre eine Absage das Ende der Sportlerkarriere auf Weltniveau: die Olympischen Spiele – DAS internationale Ereignis, wo sich die Weltelite der Sportler trifft, um gemeinsam gegeneinander anzutreten.

Ein Gedankenexperiment

Mittels eines Gedankenexperiments habe ich mir Einlass in den Kopf genau dieser Sportlerinnen und Sportler gewährt und mich in ihre Lage versetzt, um Antworten auf folgende Fragen zu finden: Wie geht es dir und welche Gedanken gehen dir durch den Kopf, wenn du in den August 2021 blickst und eigentlich mit einer olympischen Medaille um den Hals deine Karriere beenden wolltest?

Eine Antwort auf diese Fragen ist sicher alles andere als leicht – ich bezeichne sie als approximative Antwort: Die Gedankenreise beginnt mit wütenden Fragen wie: “Wofür war dieser ganze Aufwand, wofür diese Zeit, wofür diese sinnlose Investition? Denn da am Ende des Tunnels ist leider kein Highlight mehr, keine olympische Medaille für mich. Da ist erstmal genau gar nix – es fühlt sich leer an. Die ganze Zeit war ich besessen von diesem Fokus. Mein Blick war beseelt von diesem Feuerwerk, dem Olympischen Feuer, was mich erwartet, wenn ich auf diesem Treppchen stehe. Und jetzt ist nichts mehr am Ende des Tunnels, es fehlt der Boden unter meinen Füßen. Dennoch bin ich mutig und gehe einen Schritt nach vorne. Ich falle… nach unten – immer tiefer. Und während ich so falle, frage ich mich, wie lange ich noch falle, bis mich etwas oder jemand auffängt? Dieser jemand bin wohl ich selbst. Ich erahne ein Gefühl eines Fallschirms an mir, der irgendwann aufgeht und mich mit beiden Füßen auf den Boden bringt. Das ist definitiv mein erster Fallschirmsprung und je nachdem, wie sanft diese Landung ausfällt, rapple ich mich auf und schaue mich in Ruhe um, da, wo ich gerade gelandet bin. Was ist da? Wer ist da? Welche Optionen gibt es? Und was habe ich bereits im Gepäck? Die ganzen Jahre zuvor: Trainieren, Disziplinieren, Motivieren, Fokussieren, Akzeptieren, Tolerieren begleitet von Willensstärke, Ehrgeiz, Talent, innerer Antrieb und selbsterreichbaren Zielen. All das trage ich nun in meinem Rucksack. All diese Erfahrungen, Erlebnisse und Gefühle habe ich jetzt immer bei mir. Das kann mir niemand nehmen, auch nicht die Absage der Olympischen Spiele. Und dafür bin ich unendlich dankbar. Genau diese Kostbarkeiten kann ich nun in unterschiedlichen Situationen abrufen und einsetzen. Gleichzeitig stabilisiert mich dieser kostbare Rucksack, so dass ich gefestigt stehe und nach vorne blicke. Ich bin in der Lage, neu zu fokussieren und ich sehe Nebel mit punktuell farbigen Elementen, wie Konfetti als Zeichen für Neues, Zuversicht, Vertrauen, das mich befähigt, loszugehen – wenn auch im Schneckentempo, denn der Rucksack ist prall gefüllt. Und irgendwie tut das Langsame gut. Kleine, wachsame Schritte in Richtung Neues. Ich weiß, der Nebel wird sich irgendwann legen (das liegt schon einfach mal in der Natur der Sache), die Sicht wird freier und das Ziel klarer. Ein Gefühl von Leichtigkeit und Zuversicht beginnt, sich in mir auszubreiten. Ein schönes Gefühl.”

Fazit

Der freie Fall ist für mich eine sehr wertvolle Erfahrung, der meine Gedanken beflügelt, Ideen aktiviert und mich in Bewegung bringt. Und je länger der freie Fall andauert, desto klarer werden die Gedanken und desto stabiler der Stand beim Ankommen.

Für den Fall, dass der freie Fall doch zu einem Flug zu den Olympischen Spielen wird, dann kann ich jedem Athleten nur raten, die Wettkämpfe als Geschenk anzunehmen, lustvoll die Verpackung aufzureißen, das Present anzunehmen wie es ist und die Tage in Tokio zu einem unvergesslichen Ereignis zu machen. Wer dabei Hilfe braucht, kann gern auf meine Kollegen (zur Übersicht) oder mich (zum Profil von Maria Senz) zurückgreifen.

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Julia Belch-Köbe: Leistung nicht nur auf der Driving Range, sondern beim Turnier bringen

Hast du auf der Golfrunde manchmal eine ganze Serie von schlechten Schlägen? Meist kommen dadurch Selbstzweifel hoch und es entsteht das Gefühl, das Spiel doch „nicht im Griff zu haben“. Und das, obwohl das vorherige Training auf der Driving Range so gut lief. Dieses Problem kenne viele Sportler. Aber es gibt Techniken, die helfen können.

Zum Thema: Was macht den Unterschied zwischen Üben auf der Driving Range und Spielen auf dem Platz und wie kannst du darauf Einfluss nehmen? 

Wie kommt es also zu diesen oftmals enormen Leistungsunterschieden? Auf der Driving Range triffst du die Bälle gut, dann gehst du auf den Golfplatz und wunderst dich, warum das Spiel nicht so funktioniert, wie du es dir wünschst. Erklärungsansätze gibt es viele: Auf dem Platz musst du dir viel mehr Gedanken über Entfernungen machen. Gegebenenfalls spielst du mit einem Flightpartner, den du nicht magst. Vielleicht willst du beim Turnier unbedingt dein Hcp herunterspielen und du setzt dich selbst unter Druck. Womöglich ist es windig…  

Es gibt also viele Faktoren, die dein Spiel auf dem Platz beeinflussen. Welche Möglichkeiten bietet nun aber die Sportpsychologie, um deine bestmögliche Performance auch im Wettkampf abrufen zu können? 

Wie kannst du dein Training auf der Driving Range aufbauen? 

Auf der Driving Range ist es wichtig, zu unterscheiden, ob du gerade deine Technik verbessern möchtest und die letzte Privatstunde nachbereitest oder ob du dich gezielt auf eine Golfrunde bzw. auf ein Turnier vorbereitest. Denn das Training wird sehr unterschiedlich aussehen.  

Bereitest du eine Trainerstunde nach, liegt der Fokus auf der Verbesserung deines Schwunges und deiner Technik. Veränderungen in einem Bewegungsablauf musst du zuerst bewusst wahrnehmen, dann den „neuen“ Bewegungsablauf langsam einüben und schließlich automatisieren. Einen Bewegungsablauf zu verändern, benötigt etwas Zeit und Beharrlichkeit, denn erst nach ca. 1000 Wiederholungen kannst du davon ausgehen, dass sich der „neue“ Bewegungsablauf automatisiert. Du kannst dich ungefähr 20 Minuten auf den gleichen Bewegungsablauf ohne Leistungsabfall konzentrieren, dann solltest du dich auf etwas Anderes oder einen anderen Schläger fokussieren, um das Training effizient zu gestalten und die Aufmerksamkeit beibehalten zu können. 

Auf dem Weg zur Turnierleistung

Wenn du das neu Gelernte versuchst, während des Spiels auf der Runde anzuwenden, funktioniert das jedoch trotz des vielen Übens auf der Driving Range oftmals nur bedingt, da die Anforderungen an dich ganz andere sind. Auf der Golfrunde musst du sehr schnell von Schläger zu Schläger wechseln. Daher sollte das Verändern der Technik und das längere Üben an dem gleichen Bewegungsablauf ca. eine Woche vor einem Turnier abgeschlossen sein.  

Als direkte Vorbereitung für das Spiel auf dem Platz ist es auf der Driving Range hilfreich, das Spielen einer Bahn zu simulieren, dass heisst so zu tun, als würdest du auf der Driving Range eine Bahn tatsächlich spielen. Dies führt dazu, dass du dich schnell an die unterschiedlichen Schläger anpassen musst und zielorientiert trainierst. Du beginnst also mit einem langen Drive und endest mit einem kurzen Pitch oder Chip, so wie es bis zum Putten auf der Runde auch wäre. Dabei

wechselst du von Schlag zu Schlag den Schläger sowie den Abstand und die Richtung zum Ziel. Man nennt das auch „Platztraining“ auf der Driving Range. 

Spielen auf dem Platz bzw. Golfturnier 

Die Technik ist beim tatsächlichen Spiel im Leistungssportsegment sehr untergeordnet. Daher sind folgende Aspekte viel entscheidender: 

• Welchen Schläger wähle ich für welche Distanz? 

• Bin ich bei jedem Schlag auf mein Ziel fokussiert? 

• Kann ich mir genau vorstellen, wie der Ball gleich dahin fliegen wird? 

• Vertraue ich auf mich und meine Fähigkeiten? 

• Kann ich einen schlechten Schlag abhaken und mich auf den nächsten Schlag neu ausrichten? 

• Kann ich negative Einflüsse bzw. Stressfaktoren gut abschirmen? (Bsp. Flightpartner, den ich  

nicht mag, schlechtes Wetter, müde etc.) 

• Kann ich mich davon frei machen, was die anderen Flightpartner über mich denken? 

Die Leistung auf dem Golfplatz während eines Turniers wird zu 90% von mentalen Faktoren beeinflusst. Man sagt auch, dass man als Golfspieler „auf das Ziel reagiert“. 

Das Spielergebnis beeinflussen lernen

Einerseits ist es langfristig zwar wichtig, die Technik stetig zu verbessern und mit dem Trainer die nächsten Schritte diesbezüglich zu besprechen. Andererseits solltest du dir bewusst machen, dass du beim Spielen auf dem Platz nicht an Technik denken kannst, sondern zielorientiert spielen solltest und alle Gedanken darauf ausrichtest. 

Nachdem wir herausgearbeitet haben, dass das Spielergebnis also maßgeblich durch das Mindset des Spielers beeinflusst wird, kann durch gezielte psychologische Techniken die Leistung auf dem Platz deutlich verbessert und ein Flow während des Spieles erzeugt werden: 

• wingwave®-Methode 

• Visualisierungstechnik 

• Selbstgespräche 

• Affirmationen 

• Setzen von Zielen 

• Überprüfen von Glaubenssätzen 

• individuelle Themen 

Konkretes Beispiel

An einem kleinen Beispiel möchte ich dir deutlich machen, was damit konkret gemeint ist. Nehmen wir das Loch 8 vom Golfclub Herzogenaurach, wie man auf dem Bild sehen kann. Das Grün ist von viel Wasser und einem Bunker umrundet. Oft passiert es, dass sich ein Spieler im Annäherungsschlag auf das Grün grundsätzlich sicher fühlt und der Ball trotzdem im Wasser oder im Bunker landet. Was kann dafür ursächlich sein? 

Eine echte Herausforderung in Herzogenaurach.
Eine echte Herausforderung in Herzogenaurach.

Vielleicht denkt sich der Spieler: „Der Ball darf bloß nicht ins Wasser fliegen!“ Oder: „Wenn der Ball jetzt ins Wasser fliegt, kann ich mein Handicap auf den ersten 9 Loch nicht bestätigen oder runterspielen.“ Oder es kommen Gedanken wie, „hoffentlich fliegt der Ball nicht ins Wasser wie die letzten Male… Immer wenn ich von hier geschlagen habe, ist er ins Wasser geflogen.“ 

Selbstgespräche

So oder so ähnlich laufen manchmal unsere Gedanken ab. Und das hat jetzt nichts mit der Technik zu tun, warum der Ball vermutlich wieder im Wasser landen wird, sondern mit den Selbstgesprächen, die in dem Moment nicht sehr dienlich sind. Denn wie wir alle wissen, kennt unser Gehirn beispielsweise das Wort NICHT nicht. Wir können nur Gedanken steuern, bei denen wir etwas beeinflussen können, dass heisst, wir sollten Ziele und Gedankengänge positiv formulieren. 

Ein einfaches Beispiel dazu: Denke NICHT an einen rosa Elefanten! Und schon kommen irgendwelche Gedanken dazu, oder? 

Wie kann sich der Spieler mental nun positiv auf den Schlag vorbereiten? 

In der Pre-Shot-Routine geht es darum, die Distanz zur Fahne, die Bodenbeschaffenheit, die Balllage und die Windrichtung wahrzunehmen, um sich dann genau vorzustellen, wie die Flugbahn vom Ball sein wird.  

Dabei fokussiert der Spieler ein klar definiertes Ziel und visualisiert, wohin der Ball fliegt bzw. bei kürzeren Schlägen, wo der Ball aufkommt und dann Richtung Fahne rollt. Er stellt sich dabei genau vor, wie es sich anfühlt, wenn der Schlag optimal gelungen ist, dass heisst er tut so, als ob er den Schlag schon gemacht hat. Mit dieser Euphorie schlägt er dann den tatsächlichen Ball. Der Spieler kann das mit einer Affirmation gedanklich unterstützen. 

Individuelle Arbeit an deinen Zielen

Manchmal werden die negativen Gedankenmuster dennoch durch schlechte Erfahrungen aus der Vergangenheit angetriggert. Dann können zusammen mit einem ausgebildeten und erfahrenen Coach durch die hocheffiziente wingwave®-Methode in kurzer Zeit diese negativen Gedanken und Gefühle aus der Vergangenheit umbewertet und neu verarbeitet werden. 

Dies als kleines Beispiel, wie wichtig es ist, mentale Faktoren ins Spiel miteinzubeziehen, sich derer bewusst zu werden und steuern zu lernen. Meine Kollegen (zur Übersicht) und ich (zum Profil von Julia Belch-Köbe) freuen uns darauf, mit dir individuell zu arbeiten.

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Dr. Hanspeter Gubelmann: Aus dem Leben eines Sportpsychologen – ein persönlicher Zwischenhalt

Kürzlich durfte ich ein längeres Gespräch mit Rainer Sommerhalder führen, einem bekannten und angesehenen Sportjournalisten, den ich schon seit mehr als 20 Jahren kenne, seine kompetente Schreibe ausserordentlich schätze. Rainer hat auch eine Vergangenheit als Trainer. Deshalb scheinen ihn sportpsychologische Themen immer auch zu interessieren. In seiner zunächst per Mail an mich adressierten Anfrage schrieb er: „Hast du mal Zeit für ein Hintergrundgespräch?“ Ja, dafür wollte ich mir Zeit nehmen. Entstanden ist ein Gespräch, was mir einiges deutlich machte.  

Zum Thema: Sportpsychologie zwischen Vergangenheit, Pandemie und Zukunft

Ich mag es, mit interessierten und interessanten Menschen vertieft über Dinge nachzudenken und zu diskutieren. Rainer mag das auch. Er schrieb: „Ich nutze die momentane Beschränkung, indem ich mit verschiedenen Repräsentanten aus der Sportwelt Gespräche über aktuelle Themen, Entwicklungen und Fragen führe. Ich versuche damit auch den Boden zu legen für allfällige Ideen zu hintergründigen Sportberichterstattungen. Darf ich mit dir über deine Themen sprechen, die dich gerade beschäftigen?“

Wir vereinbarten einen Termin und ich bat ihn, mir seine Hauptfragen schriftlich zuzustellen, damit ich mich entsprechend vorbereiten konnte. Zudem eröffnete ich ihm die Idee, meine Vorbereitungen zum Gespräch als Grundlage für einen Blog auf unserer Plattform Die Sportpsychologen zu verwenden. Aus den Reflexionen zu Rainers drei Hauptfragen ist dieser Blog entstanden. 

Welche Themen beschäftigen dich gerade in deiner Arbeit? 

Rainer: „Weißt du eigentlich, was Simon gerade macht?“ Als ich ihm diese Frage mit „ja, selbstverständlich!“ beantwortete, war gut zu spüren, wie seine journalistische Neugier schlagartig geweckt war. Die Aussicht auf interessante Neuigkeiten vom Doppel-Doppel-Olympiasieger dämpfte ich mit dem Hinweis, dass ich im Rahmen einer Recherche für einen Fachartikel zum Thema „Eltern im Leistungssport“, interessante Gespräche mit diversen Sporteltern führen durfte, etwa mit Robbie und Lynette Federer – oder eben auch mit Heiri Ammann, Simons Vater. Mein Gegenüber wollte mehr über diesem Beitrag wissen, ich vertröstete ihn mit dem Hinweis, dass dieser Text zusammen mit weiteren Beiträgen zu einem Themenheft «Sportpsychologie Schweiz» in der Mai-Ausgabe von SEMS-journal (Sport & Exercise Medicine Switzerland) erscheinen würde.

Simon Amman am 18.Juli 2002 im Trainingscamp Oberhof mit Dr. Hanspeter Gubelmann. (Photo/Christian Seeling)

Ich verwies zudem auf die ebenso aktuelle wie akute Thematik „Nachwuchsleistungssport in der Krise?“, die durch die «Magglingen Protokolle» auch in der Schweiz neu entbrannt ist. Dazu war an der kürzlichen Mitgliederversammlung der Swiss Association of Sport Psychology (SASP) auch die Rede, nämlich von einem notwendigen Kulturwandel in Richtung eines möglichst auf Prävention, Gesundheits- und Persönlichkeitsstärkung ausgerichtetes Nachwuchsspitzensportsystem – eine Forderung, die ich in meiner Funktion als Vorstandsmitglied der Föderation Schweizer Psychologinnen (FSP) nur allzu gern unterstützen werde!  

Apropos FSP: für die CH-Dachorganisation der Psycholog*innen waren die vergangenen Tage äusserst erfolgreich. Unser Bundesrat beschloss nämlich, das veraltete Delegationsmodell durch das Anordnungsmodell zu ersetzen, wodurch Menschen in psychischer Not besseren und schnelleren Zugang zu therapeutischer Unterstützung finden werden. Aber auch aus Sicht der Sportpsychologie ist diese Entwicklung wegweisend. Sie hilft, die Entstigmatisierung psychischer Krankheiten voranzutreiben sowie grundsätzliche Vorurteile gegenüber der Psychologie abzubauen. Vor allem aber anerkennt diese Entwicklung die Expertise von sehr gut ausgebildeten psychologischen Fachkräften, was letztlich auch den Schweizer Sportpsycholog*innen zugutekommen wird! Und wie gross die Not auch von erfolgreichen Sportler*innen ist, zeigt sich mir in meiner aktuellen Betreuungsarbeit einer Golfspielerin, die nach mehrmonatiger Krise mit privaten und sportlichen Rückschlägen sowie überstandener Corona-Erkrankung sich anschickt, Anfang April wieder in die internationale Turnierszene zurückzukehren.

Ich merke, wie mein Zuhörer ungeduldig wird, das Thema «Corona» ermüdend wirkt. Die Idee unseres Austauschs lautete ja: Hintergründe und Entwicklungen! 

Gibt es in der Sportpsychologie vergleichbare Entwicklungen und Fortschritte wie in der Medizin? Was geht man heute anders an als vor 20 Jahren?

Die Psyche des Menschen hat sich in den vergangenen 20 Jahren kaum verändert. Was sich weiterentwickelt hat, sind mentale Trainingsmethoden und Anwendungsformen, die das Repertoire des psychologischen Trainings heute ergänzen. Ich denke da an achtsamkeitsbasierte Trainingsformen, vermehrter Einbezug des Embodiment-Konzepts oder Betreuungsangebote auf der Grundlage der Ego-State Therapie u.a.m. Während in medizinischen oder physiotherapeutischen Bereichen Behandlungsfortschritte auch aufgrund eines grossen technologischen Fortschritts erzielt wurden, scheint der anwendungsorientierte Nutzen z.B. neurowissenschaftliche Errungenschaften für den Spitzensport vergleichsweise bescheiden. Dies dürfte sich schlagartig ändern, sobald apparative Trainingsmittel dereinst in handlicher Form im Training eingesetzt werden können. Ein derartiges Forschungsprojekt wird momentan an der ETH Zürich lanciert, wo meine Chefin, Prof. Dr. Nici Wenderoth zusammen mit ihrem Team eine neuartige Neurofeedbackmethode entwickelt, die auf den besonderen Eigenschaften menschlicher Pupillen und ihren Veränderungen basiert. Anhand dieses neurowissenschaftlichen Modell sollen die Sportler*innen lernen, ihren Arousal-Zustand bewusst und zielgenau zu regulieren. Mit Hilfe einer Virtual-Reality Brille taucht die Sportlerin in ihre Welt ein, um dann mittels Neurofeedbacktrainings ihre mentale Stärke zu trainieren. Dabei dient die Messung und das unmittelbare Sichtbarmachen der Pupillenveränderung via Eye-Tracker als Indikator für die gezielt und bewusst herbeigeführten psychischen Anpassungen. Sehr spannende Anwendungsmöglichkeiten sehe ich im aktuell boomenden e-sport. Ebenso könnte ich mir im Rahmen meines ETH-Seminars «Flow» vorstellen, uns unter Anwendung dieser Methode an die „psychischen Fersen“ des Flow-Zustandes zu heften. 

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Derweil erzählte ich Rainer noch von weiteren Eindrücken meines kürzlichen Besuchs im ETH-Testlabor und den Besonderheiten meiner beruflichen Situation. Dabei wurde mir einmal mehr bewusst, wie privilegiert ich als Mitarbeiter dieser Institution bin. Kaum hatte ich das Wort „privilegiert“ ausgesprochen, konterte Rainer mit einer nächsten Frage.

Wie hat dich die Pandemie getroffen? Woran hast du in dieser Zeit gearbeitet?

Wahrscheinlich wie die meisten: ziemlich überrascht, eingebremst, schnell aber wieder „back to online-business“ – mit gelegentlichen Momenten der Frustration. Eigentlich hatte ich vor, 2021 ein Sabbatical in Neuseeland zu verbringen. Dass dies nicht möglich sein würde, war mir indes schnell klar. Andererseits habe ich viele Interessen, sehe im Schwierigen gerne auch die Herausforderung. Wenn das eine nicht geht, dann gelingt vielleicht das andere. 2020 war für mich das „Jahr der Vernetzung“. Zusammen mit Cristina Baldasarre und Philippe Müller haben wir mind2win (Link) gegründet. Der fachliche Austausch mit Cristina und Philippe, die Entwicklung gemeinsamer Projekte und die regelmässigen Kontakte geben meiner Arbeit Richtung und inhaltliche Tiefe. Im Dezember 2020 sind wir mit mind2win dem professionellen Netzwerk sportlifeone.ch (Link, lesen Sie auch einen aktuellen Text über die Arbeit von sportlifeone.ch: Link) beigetreten. Zusammen mit sieben anderen Dienstleistern bieten wir ein umfassendes Angebot – quasi ein Rundum-Paket des Umfeldmanagements im Spitzensport. In Verbindung mit der Plattform die-sportpsychologen haben wir uns nun so aufgestellt und im Arbeitsfeld der Angewandten Sportpsychologie positioniert, wie ich es mir vor 20 Jahren besser nicht hätte vorstellen können.

Eine schöne Aufmerksamkeit von der Chefin.

Das Gespräch mit Rainer nimmt noch ein paar Kurven und kommt schliesslich zu einem stimmigen Halt. Sportpsychologie langweilt auch in diesen speziellen Zeiten nicht. Als ich kurz darauf im Briefkasten einen Karton mit ETH-Aufschrift vorfinde, steigt meine Neugier. Der Inhalt des Päckleins entpuppt sich als Dienstaltersgeschenk meiner Chefin – mit Ansage: Angelabenteuer [für echte Kerle]. Vor 25 Jahren durfte ich an der ETH meine erste Vorlesung als Dozent halten: «Training und Coaching» [für motivierte Student*innen].

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Janosch Daul: „Make them perform!“ – Vom Trainer zum Coach

Es ist Samstagnachmittag, das nächste Ligaspiel steht unmittelbar vor der Tür – das Wochenhighlight schlechthin für alle Fußballverrückten, insbesondere für die Protagonisten auf dem grünen Rasen. Ein Kribbeln ist ebenso zu spüren wie eine gewisse körperliche und geistige Spannung. Gleich ist es soweit! Nun gilt es für den Coach, das Team in eine Ablieferform zu bringen. „Make them perform!“, lautet dann der implizit an den Coach gerichtete Auftrag. Die Mannschaft soll insbesondere dann performen, wenn es drauf ankommt und es so richtig wichtig wird – im Spiel, also zu einem definierten und somit nicht frei wählbaren Zeitpunkt. Je höher die Spielklasse des eigenen Teams, je mehr das nackte Ergebnis die zentrale Stellgröße für die Bewertung der Trainerleistung darstellt, umso größer ist der Druck für den Coach, diesen Auftrag zu erfüllen. Die Hauptaufgabe des Coaches besteht dann darin, die Spieler und das Team in ihrer Potenzialentfaltung zu unterstützen, sodass das Erlernte auch tatsächlich abgerufen werden kann. Im Trainingsprozess hingegen hat der Trainer dafür Sorge zu tragen, die Leistung zu entwickeln und somit die Wahrscheinlichkeit zu erhöhen, dass die Mannschaft im Spiel performt. Leistungsentwicklung ist dabei durch eine gezielte Einflussnahme auf relevante Leistungsfaktoren deutlich plan- und steuerbarer als der von vielen unbeeinflussbaren Faktoren abhängige Erfolg des Teams im Spiel, der nicht ausschließlich als ein Resultat des Trainingsprozesses und den daraus resultierenden Verbesserungen interpretiert werden kann. Der Artikel zeigt insbesondere die Besonderheit der Wettkampfsituation, die wesentlichen Zielstellungen des Trainings bzw. Wettkampfs für den Verantwortlichen und die sich daraus ergebende Notwendigkeit eines Rollenwechsels – den vom Trainer zum Coach – auf.

Zum Thema: Was es ausmacht, die Trainerrolle als Coach zu verstehen

Die Mitspieler, die Größe des Tores und des Spielfelds: Vieles scheint wie im Training zu sein. Auch die Zielstellung an sich, nämlich den Ball ins gegnerische Tor zu befördern und das eigene Tor vor Einschlägen zu schützen, ist dieselbe. Relevante Aspekte und Anforderungen ähneln oder entsprechen sich. Und dennoch lassen sich einige Aspekte definieren, die der Wettkampfsituation eine besondere Charakteristik verleihen:

  • Ein Pflichtspiel an sich ist nicht wiederholbar. Es besteht weder die Möglichkeit, eine Situation zu wiederholen noch ein Ergebnis nach dem Schlusspfiff zu revidieren (Schliermann & Hülß, 2016).
  • Ein Pflichtspiel geht bewusst oder unbewusst mit Vorhersagen bezüglich des erwarteten Spielverlaufs und des Ergebnisses einher (Schliermann & Hülß, 2016). Daraus erwächst eine gewisse Erwartungshaltung.
  • Ein Pflichtspiel hat oftmals Konsequenzen zur Folge (Schliermann & Hülß, 2016), wodurch der emotionale Zustand der Protagonisten, insbesondere jener der Spieler, ein besonderer ist.

In Abhängigkeit der Wirkung dieser Aspekte auf den Coach und die Spieler haben diese ein individuell unterschiedliches Stressempfinden, welches durch Faktoren, die das jeweilige Spiel betreffen, zusätzlich beeinflusst wird. Beispielsweise durch:

  • die Bedeutsamkeit des anstehenden Spiels. Das Finale um die Meisterschaft wird vermutlich ein höheres Stresslevel hervorrufen als ein „gewöhnliches“ Ligaspiel.
  • die Einschätzung der Stärke des Gegners. Auch in Abhängigkeit der gegebenen Tabellensituation kann beispielsweise ein Spiel gegen den Tabellenletzten als ein „Must-Win“ interpretiert werden, was zusätzlichen Stress verursachen kann. Aber auch ein Match gegen einen scheinbar übermächtigen Gegner kann dann zusätzlichen Stress verursachen, wenn die Spieler nicht davon überzeugt sind, der anstehenden Anforderungssituation gewachsen zu sein.

Ein Wettkampf wird infolgedessen oft als etwas völlig anderes wahrgenommen, zumal (gedankliche) Störfaktoren wie Medien, Zuschauer und Fans von der eigentlichen Aufgabe ablenken und den emotionalen Zustand zusätzlich beeinflussen können. Insbesondere mit intensivem Stresserleben können Symptome auf physiologischer (z.B. Verspannung, Zittern, Schwierigkeiten in Bezug auf Timing und Koordination), psychischer (z.B. Nervosität, Unsicherheit, Befürchtungen, Wahrnehmungseinschränkungen, Konzentrationsverluste) sowie psychovegetativer Ebene (z.B. Blässe, erhöhter Puls) einhergehen (Seiler, 2006). Auch eine Verschlechterung der Entscheidungsfähigkeit und ein Anstieg der Fehlerquote kann unter dem Einfluss von Stress beobachtet werden (Linz, 2018). 

Unterschiedliche Zielstellungen

Unabhängig von der Besonderheit der Wettkampfsituation verfolgt der Trainer im Training, verglichen mit dem Wettkampf, eine andere Zielstellung. Gemäß der Formel Wissen + Training = Können besteht das Ziel für den Trainer im Trainingsprozess darin, Wissen zu vermitteln und dieses im Training zur Anwendung kommen zu lassen, um somit Leistung (oder Können) der Spieler und des Teams zu entwickeln und zu stabilisieren. Der Formel Coaching + Können = wettkampfstabiles Verhalten entsprechend besteht die Aufgabe des Coaches im Spiel darin, die Spieler durch gelungenes Coaching dabei zu unterstützen, ihr im Trainingsprozess erarbeitetes Können auch tatsächlich abzurufen. Ein wettkampfstabiles Verhalten wäre dann die erwünschte Konsequenz. Wettkampfstabilität meint in diesem Zusammenhang die Fähigkeit des Teams und jedes einzelnen Spielers, die „little Jobs“ (Hermann & Mayer, 2015, S. 99), sprich eine Aktion nach der anderen, mit hohem Handlungsfokus und hoher Qualität konsequent durchzuziehen.

Aus der Besonderheit der Wettkampfsituation und den sich unterscheidenden Zielstellungen ergibt sich für den Coach im Wettkampf eine veränderte Situation. Nur durch einen gezielt herbeigeführten Rollenwechsel, durch den der Trainer zum Coach wird, wird dieser den Auftrag „Make them perform!“ erfüllen können. In den folgenden sieben Punkten werden die Unterschiede zwischen den beiden Rollen deutlich:

  1. Grundsätzliche Verhaltensausrichtung

Der Trainer richtet sein Verhalten danach aus, Leistungsentwicklung zu ermöglichen, der Coach hingegen primär danach, die Leistung der Spieler zur Entfaltung kommen zu lassen. Er versteht Coaching als ein zielgerichtetes und unterstützendes Einwirken, um die Leistung seiner Mannschaft positiv zu beeinflussen. In diesem Zusammenhang steht er mehr denn je in der Verantwortung, eine gesunde Balance herzustellen zwischen dem Bemühen, selbst auf das Match und seine Spieler einzuwirken und der Bereitschaft, Kontrolle bewusst abzugeben. Der Coach hält im Spiel immer wieder inne, um sich zu reflektieren und sich hinsichtlich der Einnahme seiner Rolle zu überprüfen.

  1. Planung

Pläne zu entwickeln, stellt eine der bedeutendsten Aufgaben des Trainerdaseins dar. Für den Trainer gilt es, alle das Team und den Trainingsprozesse betreffenden Maßnahmen strukturiert zu planen. Denn Planung führt zu bewusstem und zielgerichtetem Handeln. Dabei können Pläne „als eine Methode, um ein bestimmtes Ziel oder ein gewünschtes Ergebnis zu erreichen“ (Peters, Hermann & Müller-Wirth, 2012, S. 106) definiert werden. Um sie ausarbeiten zu können, braucht es zunächst ein Bewusstsein für die Wichtigkeit und den Sinn dieser, um in einem nächsten Schritt den Inhalt der Pläne zu bestimmen. Diese besagen, was, wann und wie etwas getan wird. Pläne sollten verschriftlicht werden, was den Vorteil bietet, dass die geplanten Inhalte festgehalten werden, aber den Nachteil mit sich bringt, dass eine enorme Fülle an Informationen resultiert. Auch daher kann die Arbeit mit Etappenplänen und Checklisten hilfreich sein. Für die Planvermittlung ist die Qualität des Inhalts ebenso entscheidend wie die Art und Weise. Erst durch diesen Schritt können Pläne gemeinsam umgesetzt werden. Bei aller Planung ist dabei immer darauf zu achten, diese in einem angemessenen Rahmen flexibel anpassen zu können.

Zwar hat auch der Coach am Spieltag selbst wesentliche Planungsaufgaben, nämlich alle Abläufe und Maßnahmen rund um den Wettkampf. Gleichermaßen erkennt und akzeptiert er allerdings, dass eine Planung des Ergebnisses und des Erfolgs unmöglich ist. Damit einhergehend ist er sich dessen bewusst, dass er durch ein funktionales Coachingverhalten die Spielleistung, die im Training vorbereitet werden muss, lediglich in begrenztem Umfang beeinflussen kann. 

  1. Schaffen eines Rahmens und Bezugnahme auf diesen

Ein Trainer erkennt, dass es für die Zusammenarbeit mit den Spielern und letztlich für effektives Spielcoaching einen inhaltlichen Bezugsrahmen – beispielsweise hinsichtlich der Spielidee – braucht, und dieser im Trainingsprozess erarbeitet und ggfs. angepasst werden muss. Dabei besteht der Rahmen aus Aspekten, die den Spielern helfen sollen, gute Entscheidungen auf dem Platz zu treffen. Bei der Gestaltung dieses Rahmens liegt es nahe, die Spieler aktiv miteinzubeziehen, nicht zuletzt, weil diese die Inhalte des Rahmens im Spiel eigenverantwortlich umsetzen sollen. 

Ist dieser entwickelt und von den Spielern verinnerlicht worden, kann sich der Coach im Spiel nun auf diesen beziehen. Spielcoaching stellt in diesem Zusammenhang eine Art „punktueller Verweis“ auf den Rahmen dar, sodass der Spieler im Match sofort weiß, was es zu tun gilt. Während im Trainingsprozess also der Fokus auf der Erarbeitung des Rahmens liegt, steht im Spiel situationsabhängig eine Erinnerung an bestimmte Inhalte dieses Rahmens im Vordergrund. 

  1. Wissens- und Informationsvermittlung

Der Trainer weiß um die bereits aufgezeigten Besonderheiten der Wettkampfsituation, dem deutlich höheren Stresslevel der Protagonisten verglichen mit dem Trainingsalltag und den daraus resultierenden Konsequenzen wie beispielsweise die eingeschränkte Aufnahmekapazität der Spieler. Daher ist sich der Trainer dessen bewusst, dass der Prozess der Vermittlung von neuem Wissen zum Spieltag hin abgeschlossen sein sollte. Im Trainingsprozess gilt es umso mehr, sich gemeinsam mit den Spielern Inhalte, Wissen und den bereits angesprochenen Bezugsrahmen auf vielfältige und kreative Art und Weise zu erarbeiten. Im Rahmen des Internationalen Trainer-Kongresses berichtet Julian Nagelsmann (2019) in seinem Vortrag zum Thema „Dynamiken beeinflussen im Bundesligaspiel“ davon, dass er seine Spieler teilweise bewusst mit Informationen überfordert und überfrachtet. Es sei ihm lieber, dass seine Spieler von 20 Informationen sieben verinnerlichen als drei von drei. 

Am Spieltag selbst geht es für den Coach beispielsweise in der Ansprache vor dem Spiel, aber auch während des Matches primär darum, die im Trainingsprozess erarbeiteten und für das Spiel relevanten Inhalte auf prägnante Art und Weise zu wiederholen und die Spieler somit dabei zu unterstützen, diese erneut ins Gedächtnis zu rufen. Insbesondere in Bezug auf die Ansprache ist es eine der wesentlichsten Traineraufgaben zu selektieren: Aus all den zahlreichen potenziell zu vermittelnden Informationen, z.B. in Bezug auf das erwartete Gegnerverhalten, individual,- gruppen- und mannschaftstaktische Aspekte, sollte er im Endeffekt nur jene auswählen, die für das Team einen hohen Wiedererkennungsfaktor besitzen. Am Spieltag muss also die Komplexität der Informationen reduziert und einige wenige, aber prägnante Botschaften an die Spieler vermittelt werden. Dieser Prozess des Verdichtens und Vereinfachens von Informationen hilft den Spielern letztlich dabei, Muster im Spiel schnell zu erkennen und effizient zu handeln.

  1. Umgang mit zwischenmenschlichen Schwierigkeiten

Dass während der Saison in einem komplexen Teamgefüge, welches aus zahlreichen einzigartig tickenden Menschen besteht, immer mal wieder Reibereien, Konflikte und Schwierigkeiten auftreten, stellt eine Normalität dar. Letztlich ist der Umgang mit diesen entscheidend. Der Trainer, dessen Aufgabe nicht nur darin besteht, die Spieler auf inhaltlich-fachlicher Ebene, sondern auch auf zwischenmenschlicher Ebene zu fördern, sollte im Trainingsprozess auftretende Schwierigkeiten in vielen Situationen lösungsorientiert thematisieren. Einerseits, um Lerneffekte auszulösen, andererseits, um Raum für Entwicklung innerhalb des Teams zu schaffen. Entscheidend dabei ist neben der Art und Weise des Thematisierens vor allem der hierfür gewählte Zeitpunkt. Denn entsprechend der Gleichung “Leistung = Potenzial – Summe an Störungen” steht der Trainer in der Verantwortung, Störungen zum Spiel hin so weit wie möglich so zu reduzieren, dass die Leistungsentfaltung nicht durch diese gebremst wird. Idealerweise entspricht dann die im Spiel gezeigte Leistung weitestgehend dem grundsätzlich vorhandenen Potenzial (Leistung = Potenzial), da das angesprochene Thema dann nicht mehr im Mittelpunkt des Fühlens und Denkens der Spieler steht und es somit keine emotionale Belastung mehr für diese darstellt.

Der Coach kann durch diese Vorgehensweise am Spieltag folglich auf eine handlungs- und aufgabenfokussierte Mannschaft zurückgreifen. Er selbst wird am Spieltag nur jene Inhalte thematisieren, von deren Aufnahme und Verarbeitung durch die Spieler er sich eine optimale Leistungsentfaltung verspricht.

  1. Kompetenzerwartung fördern

Im Fußball ist die die Überzeugung der Spieler, die erlernten und trainierten taktischen sowie    technischen Abläufe in der jeweiligen Situation oder Phase des Spiels angemessen umsetzen zu können, von entscheidender Bedeutung. Der Kompetenzerwartung kommt somit eine entscheidende Rolle für die Leistungserbringung im Fußball zu (Hermann & Mayer, 2012). Nach Bandura (1977) sind Kompetenzerwartungen die Überzeugungen eines Menschen, ein bestimmtes Verhalten auf Basis seiner eigenen Fähigkeiten ausführen zu können, auch wenn dabei mögliche unvorhergesehene Schwierigkeiten auftreten können. Es steht folglich der innere Glaube im Vordergrund, mit seinen eigenen, zur Verfügung stehenden Mitteln eine vorliegende Aufgabe bewältigen zu können. Im laufenden Trainingsprozess gelingt es dem Trainer insbesondere durch das Ermöglichen von Erfolgserlebnissen in herausfordernden Situationen, entsprechendes Feedbackverhalten und Einzelgespräche die Kompetenzerwartung seiner Spieler zu fördern. Macht ein Team als Kollektiv wiederholt die Erfahrung, komplexe Aufgaben bewältigen zu können und führt es das Gelingen dabei auf die eigenen Fähigkeiten zurück, entsteht zudem eine zunehmende Kompetenzerwartung auf mannschaftlicher Ebene. Somit liegt es auch im Einflussbereich des Trainers, die Leistungserbringung fürs Wochenende in mentaler Hinsicht vorzubereiten.

Am Spieltag selbst versteht es der Coach dann, die aufgebauten Kompetenzerwartungen auf individueller und mannschaftlicher Ebene in die gewünschte Richtung zu lenken. Dies kann beispielsweise gelingen, indem er frühere Erfolgsmomente ins Gedächtnis der Spieler ruft sowie selbst den Glauben an ein erfolgreiches Gelingen ausstrahlt und diesen seinem Team verbal kommuniziert. Auch durch eine überzeugende Vermittlung des Matchplans, der maßgeblich auf Grundlage der im Training erarbeiteten Inhalte entwickelt wurde und an dessen erfolgreiche Umsetzung die Spieler glauben, kann das Vertrauen in den Abruf der eigenen Qualitäten stärken. Somit entwickelt das Team immer mehr die Überzeugung, der anstehenden Anforderungssituation gewachsen zu sein, was wiederum das Stressempfinden reduzieren kann.

  1. Anleiten und Eingreifen

Im Training hat der Trainer als Führungskraft und Teamverantwortlicher permanent die Möglichkeit einzugreifen: Er kann Spielsituationen unterbrechen, nachstellen und diese mit dem Team analysieren sowie Spieler und Team instruieren und korrigieren. Er leitet seine Spieler mit dem Ziel an, Leistung und Können zu entwickeln und Entwicklung hervorzurufen. Dabei kann der Trainer entweder einen eher induktiven oder deduktiven Ansatz wählen. Bei letzterem gibt er klare Vorgaben, die es umzusetzen gilt. Entscheidet sich der Trainer für einen induktiven Ansatz, steht die Selbsttätigkeit der Spieler im Vordergrund: Die Spieler erproben sich weitestgehend selbstständig und werden aufgefordert, zum Ziel führende Lösungen selbst zu entwickeln. Daran anschließend folgt oftmals ein Austausch mit den Spielern und ein gemeinsames Erarbeiten möglicher Lösungen. Auf diesem Weg ist der Spieler in den Lernprozess deutlich mehr eingebunden. 

Der Coach erkennt und akzeptiert, dass grundsätzlich auch im Spiel Möglichkeiten des aktiven Eingreifens gegeben sind, diese im Vergleich zum Training aber limitiert sind. Zum einen kann er das Spiel, anders als Trainingssituationen, nicht einfach willkürlich unterbrechen, um beispielsweise Korrekturen vorzunehmen. Zum anderen ist eine aktive verbale Kommunikation mit den Spielern während des laufenden Matches, auch in Abhängigkeit von Faktoren wie beispielsweise der durch die Zuschauer hervorgerufenen Lautstärke (in Nicht-Coronazeiten) oder der räumlichen Distanz zwischen Spieler und Trainer, nur begrenzt möglich. Umso bedeutender erscheint vor diesem Hintergrund die Fähigkeit des Coaches, auf die durch den Trainingsprozess entwickelten Fähigkeiten und Fertigkeiten von Spielern und Mannschaft sowie auf die entwickelten Automatismen zu vertrauen. Es gilt also, das Gelingen des Teams ein Stück weit passieren und die Spieler zur Entfaltung kommen zu lassen, indem der Coach diese durch ein den Besonderheiten der Wettkampfsituation entsprechendes Coachingverhalten unterstützt. Er kommentiert also nicht jeden Fehler und greift nur dann korrigierend ein, wenn der Spieler die Botschaft unter den gegebenen Rahmenbedingungen auch wirklich wahrnehmen, für sich inhaltlich entschlüsseln und in Verhalten umsetzen kann. Dabei greift er auf „kleine Wissensnuggets“ und Erinnerungsstützen mit hohem Wiedererkennungswert für die Spieler auf Grundlage der im Training erarbeiteten Inhalte zurück. Der Coach steuert seine Spieler nicht wie mit einem Joystick, sondern lässt sie auf Basis des entwickelten Bezugsrahmens selbstständig Entscheidungen treffen, vertraut auf ihr intuitives Handeln und schafft somit Raum für Kreativität. Er gibt den Spielern die Chance, Lösungen zu finden, die möglicherweise gar nicht Bestandteil des eigenen Denkens waren. Greift der Coach übermäßig oft und unüberlegt ein, wird der Abruf der entwickelten Automatismen gestört, was zu einer Leistungsminderung führt. Der Coach sollte sich im Spiel also ein Stück weit zurücknehmen, aber dennoch in der Lage sein, in bestimmten Situationen im Sinne der Leistungsentfaltung des Spielers und des Teams gezielt Wirkungen zu setzen. Der Coach als Vorbild seiner Mannschaft schafft immer auch ein Bild, mit dem die Spieler konfrontiert werden: Das Verhalten inklusive der Körpersprache wird zumindest peripher von den Spielern wahrgenommen. Durch eine situationsangepasste, gezielte Steuerung seiner Körpersprache setzt der Coach somit gezielt Wirkungen. Eng mit der Sprache des Körpers, der auch als Bühne der Gefühle verstanden werden kann, geht das Wahrnehmen und das anschließende zielgerichtete Steuern der eigenen Emotionen einher. So kann es in bestimmten, für das Team schwierigen Momenten des Misserfolgs beispielsweise zielführender sein, eher beruhigend einzuwirken, anstatt seinem Ärger aktiv Luft zu machen. Ein bewusstes punktuelles Ausleben negativer Emotionen in Spielphasen, in denen der Coach bei seinem Team einen Spannungsabfall wahrnimmt, kann wiederum zweckdienlich wirken. Eine weitere Möglichkeit, um bewusst Wirkungen zu setzen, stellt das gezielte Wechseln von Spielern unter emotionalen Gesichtspunkten dar. Julian Nagelsmann (2019) berichtet davon, dass er in bestimmten Spielsituationen, insbesondere wenn seine Spieler über wenig taktische Lösungen verfügen, bewusst „Mentalitätswechsel“ in Betracht zieht, nämlich einen Spieler einzuwechseln, der Emotionalität verkörpert. Das Ausleben dieser wiederum soll dem Team dabei helfen, die Spieldynamik in die gewünschte Richtung zu kippen. Beispielhaft nennt er den Spieler Sandro Wagner, dem es immer wieder gelang, zu polarisieren, der sich auch mal bewusst mit dem Schiedsrichter anlegte und durch seine Art und Weise zu spielen auch die eigene Mannschaft zu emotionalisieren vermochte. Selbstverständlich stellt zudem die Halbzeitansprache eine der wenigen Möglichkeiten im Rahmen eines Spiels dar, um die Mannschaft ganzheitlich zu erreichen, ggfs. spieltaktische Modifikationen vorzunehmen, Überzeugung und Glaube zu vermitteln und somit gezielt die Leistungsentfaltung des Teams zu beeinflussen.

Tipps für einen bewussten Rollenwechsel 

Was kann den Trainer nun dabei unterstützen, den erforderlichen Rollenwechsel – vom Trainer zum Coach – bewusst zu vollziehen und in dieser Rolle leistungsfähig zu sein? Zwei wirkungsvolle Möglichkeiten bestehen im mentalen Aufwärmen und im Durchspielen von Wenn-Dann-Szenarien.

Das mentale Aufwärmen bezieht sich auf die aktive und bewusste Auseinandersetzung mit der einzunehmenden Rolle und den daraus resultierenden Coachingaufgaben rund um den Spieltag. In diesem Zusammenhang kann das zielgerichtete Nutzen eines „Spickers“, auf dem im Vorfeld des Wettkampfes die wesentlichen To Do`s des Coaches notiert wurden, hilfreich sein. Entscheidend ist auch der Zeitpunkt des mentalen Aufwärmens. Vorstellbar erscheint eine Durchführung beispielsweise am Vorabend des anstehenden Spiels, um frühzeitig ins Bewusstsein zu rufen, auf was es für den Coach zu achten gilt. Viele bekannte Größen des Trainergeschäfts vollziehen ihr mentales Aufwärmen zudem am Spieltag selbst und integrieren diese Art der mentalen Vorbereitung somit gezielt in ihre Vorwettkampfroutine – zeitlich an die Abläufe des Teams angepasst. Markus Weise beispielsweise, langjähriger Bundestrainer im Hockey, berichtet davon, wie er, während sein Team im Anschluss an die Spielbesprechung das Warm-Up auf dem Feld durchführte, bewusst in der Kabine blieb, um sich als Coach mental auf das Spiel vorzubereiten (2014). 

Das gedankliche Durchspielen von Wenn-Dann-Szenarien dient in erster Linie dazu, sich auf potenziell im Spiel eintretende Situationen mental vorzubereiten, um im Falle des Auftretens unter Beibehaltung der Coachingrolle lösungsorientiert und effizient handeln zu können, anstatt überrascht und somit komplett unvorbereitet und orientierungslos zu sein. Der Coach verschriftlicht hierbei mögliche Szenarien (z.B. ein frühes Gegentor, ein Platzverweis für das eigene Team, eine hohe Führung zur Halbzeit) und setzt sich mit seinem gewünschten Verhalten in den entsprechenden Spielsituationen auseinander. Er überlegt konkret, wie er gerade in solchen Momenten gezielt Wirkungen setzen kann, um sein Team in der Leistungsentfaltung zu unterstützen. 

Zusammenfassung

Das Anforderungsprofil an einen im Leistungssport arbeitenden Fußballtrainer ist ebenso enorm wie der vorherrschende Leistungsdruck. Die Aufgaben, die dieser im Trainingsprozess zu erfüllen hat, unterscheiden sich dabei in zahlreichen Aspekten von jenen rund um den Spieltag. Hinzu kommt hierbei die Besonderheit des Wettkampfes, der das Stresslevel aller Beteiligten erhöht. Nur durch einen gezielt herbeigeführten Rollenwechsel kann der Coach den Nährboden für eine maximale Leistungsentfaltung seines Teams legen.

Mehr zum Thema:

Quellen

Bandura, A. (1977). Social learning theory. Englewood Cliffs, NJ: Prentice Hall.

Hermann, H.-D. & Mayer, J. (2012). Sportpsychologische Praxis im Fußball. In D. Beckmann-Waldenmeyer & J. Beckmann (Hrsg.), Handbuch sportpsychologischer Praxis (S. 221-226). Balingen: Spitta.  

Hermann, H.-D. & Mayer, J. (2015). Make them go! Was wir vom Coaching für Spitzensportler lernen können. Hamburg: Murmann.

Linz, L. (2018). Erfolgreiches Teamcoaching. Ein Team bilden, Ziele definieren, Konflikte lösen. Aachen: Meyer & Meyer.

Nagelsmann, J. (2019). Dynamiken beeinflussen im Bundesligaspiel. Zugriff am 16.01.2021 unter https://www.youtube.com/watch?v=SB9DGSFrbHk

Peters, B., Hermann, H.-D. & Müller-Wirth, M. (2012). Führungsspiel. Menschen begeistern, Teams formen, Siegen lernen. München: Ariston.

Schliermann, R. & Hülß, H. (2016). Mentaltraining im Fußball – Ein Handbuch für Trainer, Übungsleiter und Sportlehrer. Hamburg: Feldhaus.

Seiler, R. (2006). Aktivierung und EntspannungIn: M. Tietjens & B. Strauss (Hrsg.), Handbuch Sportpsychologie. Beiträge zur Lehre und Forschung im Sport (S. 226-235). Schorndorf: HofmannWeise, M. (2014). Blick zu einer anderen Mannschaftssportart: Die Spielvor- und Nachbereitung der deutschen Hockeymannschaft. Zugriff am 16.01.2021 unter https://www.youtube.com/watch?v=G1uwjBNxH8o

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