Ein aktueller WDR Sport Inside Beitrag „Jungprofis in der Bundesliga: Noch früher ins Rampenlicht“ sorgt für Aufsehen. Im Film von Matthias Wolf wird die Regeländerung kritisch beleuchtet, nach der in der Fußball-Bundesliga zukünftig ohne jegliche Einschränkung bereits 16-Jährige Kicker zum Einsatz kommen dürfen. Diese Veränderung hat Borussia Dortmund angestossen. Ein Verein, der zunehmend auf junge internationale Talente setzt. Aber zu welchem Preis? Zu dieser Frage wurde unter anderem Dr. René Paasch von Die Sportpsychologen (zum Profil) befragt. Wir empfehlen an dieser Stelle den Beitrag, der unter anderem auf Sportschau.de oder über die Sportschau-App zur Verfügung steht:
Im Sport entscheidet selten das Talent allein. Viel häufiger entscheidet, wer über Monate und Jahre dranbleibt – gerade dann, wenn das Training hart wird, die Leistung stagniert oder sich Rückschläge häufen. Genau darum geht es bei GRIT: um das Zusammenspiel von Leidenschaft und Zielbindung auf der einen, Beharrlichkeit auf der anderen Seite.
Zum Thema: Leidenschaft und Durchhaltevermögen im Spielsport
Wichtig ist, was GRIT nicht meint. Es heisst nicht «immer noch mehr pushen». Es heisst: mit Klarheit, Struktur und Lernfähigkeit langfristig auf Kurs bleiben.
Was GRIT ist – und was nicht
GRIT zeigt sich in drei Bewegungen:
Langfristige Orientierung. Ein Ziel, das trägt – etwa: «Ich will als Spieler:in zuverlässiger in Drucksituationen werden.»
Beharrlichkeit im Alltag. Auch an durchschnittlichen Tagen trainieren, nicht nur dann, wenn die Motivation von selbst da ist.
Umgang mit Rückschlägen. Aus Fehlern lernen, statt sich von ihnen definieren zu lassen.
Ebenso wichtig ist die Abgrenzung. GRIT ist nicht:
Sturheit – am falschen Plan festhalten, obwohl er nicht mehr passt.
Selbstausbeutung – Übertraining als «Mentalität» verkaufen.
Härte ohne Reflexion – kein Feedback, keine Anpassung.
In der Sprache des Coachings lässt sich GRIT auf eine einfache Formel bringen: Commitment + konsistente Umsetzung + kluge Anpassung.
Warum GRIT im Spielsport besonders sichtbar wird
Spielsport ist volatil. Die Leistung hängt von Tagesform, Gegner:in, Teamdynamik, Rolle, Coach-Entscheiden und Druckmomenten ab – oft alles im selben Spiel. Gerade deshalb ist GRIT hier so zentral: Es hilft, die eigene Bewertung nicht an der letzten Aktion oder am letzten Spiel festzumachen.
Einen praxisnahen Anker liefert die Trainerbildung Schweiz (TBS). Sie beschreibt GRIT im Kontext von Saisonstart und Spielsport-Realität – nahe an dem, was Athlet:innen und Coaches tatsächlich erleben. Drei Situationen zeigen, wie das konkret aussieht.
Beispiel 1: Saisonstart und «neue Realität»
Situation: Saisonstart. Neue Rollen, neue Formation, hohe Erwartungen – und gleichzeitig sitzen die Abläufe noch nicht.
GRIT-Moment: Dranbleiben, wenn die ersten Spiele zeigen, dass es noch nicht rund läuft.
Coaching-Ansatz:
Fokus auf konsequente Basics, Wiederholung und klare Lernschleifen – statt hektischer Panik-Umstellungen.
Beispiel 2: Reset – Re-Fokus – nächster Schritt
Situation: Ein Fehler passiert – Ballverlust, Fehlpass, vergebene Chance. Viele verlieren danach zwei, drei Aktionen «mit», weil der Kopf noch im Fehler hängt.
GRIT-Moment: Nicht Härte, sondern mentale Beharrlichkeit – schnell wieder in den Prozess finden.
Coaching-Ansatz:
Reset (1–2 Sekunden): ein bewusster Trigger, etwa einmal ausatmen und den Blick heben.
Re-Fokus: «Was ist jetzt die nächste Aufgabe?»
Nächster Schritt: ein konkreter Cue – «Scan», «Abstand halten», «erster Kontakt sauber».
Beispiel 3: Micro-Commitments im Training
Situation: Der Trainingsalltag ist repetitiv, die Motivation schwankt. Genau hier entstehen – oder sterben – Entwicklung und Konstanz.
GRIT-Moment: Dranbleiben heisst hier, kleine, klare Zusagen über Wochen einzulösen.
Coaching-Ansatz:
1 Lernziel pro Woche – etwa «erste zwei Schritte explosiver» oder «Kommunikation vor dem Zuspiel».
1 kurzes Review (2 Minuten): «Was wurde besser? Was ist der nächste Fokus?»
Zusammenfassung
GRIT ist also kein Synonym für Zähne zusammenbeissen. Es ist die Fähigkeit, an einem tragenden Ziel dranzubleiben und den Weg dorthin immer wieder klug anzupassen.
Und vielleicht ist genau das die Frage für die nächste Trainingswoche: Woran erkennst du bei deinen Athlet:innen, dass sie dranbleiben und woran, dass sie nur noch durchhalten?
Bei der Aufarbeitung solcher und ähnlicher Fragen helfen wir im Netzwerk gern. Nehmt gern zu mir (zum Profil von Christian Bader) oder meinen Kolleg:innen (zur Übersicht) Kontakt auf.
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Danijela Bradfisch aus Stuttgart liebt die sportpsychologische Arbeit mit Kindern und Jugendlichen. Mit Teams, aber auch mit Eltern. In der aktuellen Ausgabe ihres Video-Podcasts „Let´s talk – echt statt perfekt“ hat sie sich Mathias Liebing, den Redaktionsleiter und Gründer von Die Sportpsychologen eingeladen. Das Gespräch führt in eine Situation, in der die jugendliche Danijela als ambitionierte Tennis-Spielerin eine Sportpsychologin oder einen Sportpsychologen gut hätte gebrauchen können.
Zum Thema: Sportpsychologisches Elterncoaching
Im Talk von Danijela und Mathias beiden wird sehr plastisch, wie Elternarbeit funktioniert und wie wichtig die sportpsychologische Komponente dabei ist.
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Wir als Netzwerk Die Sportpsychologen arbeiten seit einigen Monaten intensiv mit dem Verband Floorball Deutschland zusammen. Zugegeben, hierzulande ein kleiner Spitzenverband. Aber einer, der innovativ und in vielerlei Hinsicht beispielhaft arbeitet. Die Sportpsychologie wird nicht als Feuerwehr verstanden, sondern ist Teil der Maschinerie, mit der die Sportart entwickelt, die AthletInnen und TrainerInnen optimal betreut und Erfolge generiert werden. In Zukunft werden wir häufiger von unserer Zusammenarbeit berichten. Aber ganz grundsätzlich: Weshalb lohnt es sich für andere Verbände, so oder so ähnlich zu arbeiten? Worin liegt der Mehrwert, in Sportverbänden die Sportpsychologie neu und anders zu denken?
Ich fasse den Bogen weit: Psychologie sollte vor einem wichtigen Turnier oder Spiel von Anfang an integriert sein, schon in die strategische Planung der Kommunikation, bevor der erste Spieler (oder die erste Spielerin) nominiert ist. Hier werden schon die ersten Frames gesetzt: Welchen Stellenwert bekommt die Mannschaft, wie werden die Spieler ausgewählt, wie nachvollziehbar wird das nach außen gemacht und nach innen. Wie erleben die Spieler ihre Nominierung so, dass sie zu 100% hinter dem Projekt stehen?
Danach geht es um das Teambuilding, im Tandem mit dem Trainer. Kommunikation, Rahmenbedingungen und vieles mehr spielen eine Rolle dabei, wie Spieler zu einem echten Team werden, wie Vertrauen entsteht, wie eine gemeinsame Vision gestaltet werden und in die Herzen gelangen kann.
Trainer sollten vollen Zugriff auf alle Möglichkeiten der Psychologie haben, um genau das optimal zu unterstützen. Außerdem bei der Kommunikation nach außen: Was, wie, an wen? Das gilt auch für Interviews. Denn wird etwas gesagt, das falsch ankommt, hat nicht nur der Trainer Stress, sondern auch die Spieler.
Dann bei der Vorbereitung: Wie lässt sich der Druck im Turnier simulieren? Wie die Resilienz der Spieler stärken? Wie das Vertrauen untereinander festigen? Wie die Aufopferungsbereitschaft für die Mannschaft ausbauen?
Darüber hinaus sollte das sportpsychologische Know-How natürlich auch den Spielern zur Verfügung stehen. Denn die sind zwar in der Regel top, aber eben auch nicht jeden Tag dem Druck ausgesetzt, den sie speziell in der Nationalmannschaft haben, damit die Nerven halten, wenn es einen Elfmeter, Penalty oder eine Siebenmeter gibt. Und natürlich auch in ganz anderen Situationen. Da kann die Psychologie viel zaubern, und warum sollte man darauf verzichten?
Ein Verband, der Sportpsychologie erst dann anruft, wenn die Nerven im Elfmeterschießen bereits versagt haben, hat das Problem nicht verstanden, er hat es nur spät genug bemerkt, um es nicht mehr lösen zu können. Klug in den Kontakt kommen, bevor es brennt, heißt: Sportpsychologie ist keine Abteilung, die man bei Bedarf anruft, sondern eine Linse, durch die Trainerstab, Scouting, Medizin und Kommunikation dauerhaft arbeiten. Wer sie als Feuerwehr organisiert, wird sie auch nur als Feuerwehr erleben: hilflos, wenn es längst großflächig brennt.
Erstens: weg von der Symptombekämpfung, hin zur Systemarchitektur. Solange Sportpsychologie als Stabsstelle für den Ernstfall gedacht wird, bleibt sie strukturell dort, wo sie am wenigsten bewirken kann: am Ende der Kette. Sie gehört an den Anfang, in die Architektur des Systems, nicht in dessen Notfallkoffer.
Zweitens: Sportpsychologie braucht Differenzierung, keine Einheitslösung. Drei Zielgruppen, drei Interventionslogiken. Wer sie vermischt, verwässert alle drei. AthletInnen brauchen kontinuierliche Arbeit an psychologischer Flexibilität und Selbstwahrnehmung, nicht punktuelle Technikvermittlung. TrainerInnen brauchen Sportpsychologie als Führungsinstrument: systemische Gesprächsführung, Kaderentscheidungen und Drop-outs im Kontext von Gruppendynamik und Rollenklarheit reflektieren, nicht als Zusatzangebot für ihre Spieler, sondern als Werkzeug für die eigene Führungsarbeit. Und FunktionärInnen? Die werden am seltensten mitgedacht, dabei strukturiert der Druck von oben (Verbandsspitze) die öffentliche Erwartungshaltung und das Motivationsklima in der gesamten Organisation. Auch das Führungssystem selbst braucht Beratung. Wer glaubt, nur die Mannschaft habe ein Kopfproblem, hat die Hälfte des Systems übersehen.
Drittens: Kontinuität statt Turnierpsychologie. Der wohl teuerste Fehler in den meisten Verbänden: Sportpsychologie wird punktuell vor Turnieren aktiviert, ein Workshop im Trainingslager, ein Impulsvortrag zur „mentalen Vorbereitung“. Das Kalkül dahinter ist naiv. Was unter maximalem Druck im Elfmeterschießen zuverlässig abrufbar sein soll, lässt sich nicht in wenigen Wochen antrainieren. Belastbare mentale Muster entstehen durch wiederholte Erfahrung über Jahre, nicht durch punktuelle Inputs kurz vor dem Ernstfall. Daraus folgt eine doppelte Kontinuität. Zeitlich: Sportpsychologie begleitet den gesamten Zyklus zwischen Turnieren, nicht nur die Vorbereitungsphase. Erst dann wird sie zur Selbstverständlichkeit statt zur Turnier-Sondermaßnahme. Entwicklungsbezogen: Diese Kontinuität beginnt nicht erst bei der A-Nationalmannschaft, sondern in den Nachwuchsleistungszentren. So bringen U17-/U20-Spieler das systemische Verständnis bereits mit, wenn sie aufrücken – die Verbandsarbeit muss es dort nicht erst mühsam nachholen.
Viertens: Mut zur datenbasierten Arbeit – und gleichzeitig die Demut, dass nicht alles messbar ist. Regelmäßige, unaufgeregte Standortbestimmungen, etwa Recovery-Stress-Fragebögen nach Kellmann oder Belastungssteuerung, dienen nicht dazu, Defizite zu „reparieren“. Sie geben dem System Feedback-Schleifen, bevor Symptome überhaupt sichtbar werden, bevor aus latenter Überlastung ein kollektiver Konzentrationsabfall im Elfmeterschießen wird. Wer wartet, bis sich das Problem selbst meldet, hat den Zeitpunkt für Einfluss bereits verpasst.
Fünftens: kulturelle Verankerung – Entstigmatisierung von oben. Kulturelle Verankerung zeigt sich nicht in Sonntagsreden, sondern in Alltagssprache. Solange mentale Aspekte nur dann erwähnt werden, wenn etwas schiefgelaufen ist, als Erklärung nach der Niederlage, bleibt Sportpsychologie ein Krisenthema statt ein Leistungsthema. Entscheidend ist, dass sportpsychologisches Denken in denselben Gremien und Formaten selbstverständlich vorkommt wie taktische oder athletische Fragen: in Kaderbesprechungen, in der Rückschau nach Spielen, in der Kommunikation nach außen – unabhängig davon, ob gerade gewonnen oder verloren wurde. Erst wenn Führungspersonen mentale Aspekte so beiläufig ansprechen wie eine Laufleistung oder eine Passquote, verliert das Thema seinen Ausnahmecharakter.
Sportpsychologie wirkt nicht als Reparaturdienst am Symptom, sondern als Architektur, die von Anfang an mitgedacht wird.
Sportpsychologie sollte in einem Verband kein Reparaturbetrieb für Krisen sein, sondern ein selbstverständlicher Teil der täglichen Arbeit. Idealerweise arbeiten Sportpsychologinnen und Sportpsychologen langfristig mit Spielerinnen, Spielern, Trainerteams und Führungskräften zusammen – nicht nur vor großen Turnieren. Mich überzeugt dabei besonders der interdisziplinäre Ansatz, wie er in einigen erfolgreichen Verbänden bereits gelebt wird: Psychologie, Medizin, Athletik und Analyse arbeiten auf Augenhöhe zusammen. Gleichzeitig braucht es Angebote zur Persönlichkeitsentwicklung, Führung und Kommunikation, weil Leistung immer im Zusammenspiel mit Menschen entsteht. Wenn mentale Stärke als trainierbare Kompetenz verstanden wird, verändert das langfristig die gesamte Leistungskultur. Genau dort sehe ich die größte Chance für den DFB und andere Spitzenverbände.
Aus meiner Sicht könnte ein wichtiger Perspektivwechsel darin bestehen, Sportpsychologie nicht in erster Linie als Unterstützung einzelner Athletinnen und Athleten zu verstehen, sondern als integralen Bestandteil einer evidenzbasierten Leistungs- und Organisationsentwicklung innerhalb eines Verbandes.
Der aktuelle Forschungsstand legt nahe, dass Spitzenleistungen im Mannschaftssport aus einem komplexen Zusammenspiel technischer, taktischer, körperlicher, kognitiver, sozialer und situativer Faktoren entstehen. Sportpsychologie versteht sich daher nicht als Erklärung für Sieg oder Niederlage, sondern als wissenschaftliche Perspektive auf Bedingungen, die leistungsförderliche Prozesse innerhalb von Teams begünstigen können.
Dazu zählen unter anderem Teamkohäsion, kollektive Selbstwirksamkeit, soziale Identität, psychologische Sicherheit, vertrauensvolle Kommunikation, Rollenklarheit sowie Teamresilienz. Diese Prozesse entstehen nicht erst unmittelbar vor einem großen Turnier, sondern entwickeln sich kontinuierlich im Trainings- und Wettkampfalltag.
Vor diesem Hintergrund könnte Sportpsychologie auf allen Ebenen eines Verbandes dauerhaft eingebunden werden. Neben der individuellen Begleitung von Athletinnen und Athleten sehe ich großes Potenzial in der kontinuierlichen Zusammenarbeit mit Trainerteams, Führungskräften und Nachwuchsbereichen. Ebenso sinnvoll erscheinen regelmäßige wissenschaftlich fundierte Evaluationen von Teamprozessen, Führungsverhalten und psychologischem Klima, um Entwicklungen frühzeitig zu erkennen und gezielt begleiten zu können.
Für mich liegt darin eine große Chance: Sportpsychologie nicht als Reparaturbetrieb nach Misserfolgen zu verstehen, sondern als selbstverständlichen Bestandteil einer langfristigen, interdisziplinären und wissenschaftlich fundierten Leistungsentwicklung. Ihre größte Wirkung entfaltet sie aus meiner Sicht dann, wenn sie nicht isoliert arbeitet, sondern gemeinsam mit Trainerteam, Athletik, Medizin und Analyse dauerhaft in die Strukturen eines Verbandes eingebunden ist.
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Die Ferien sind vorbei. Schule, Training und Alltag beginnen wieder. Für viele Familien stellt sich damit auch die Frage: Wie viel Smartphone ist eigentlich noch okay? Gerade Eltern erleben häufig, dass ihre Kinder die Nutzungszeit deutlich ausweiten möchten, und teilweise heftig reagieren, wenn Grenzen gesetzt werden. Doch wie sollen Eltern damit umgehen?
Zum Thema:Smartphone Nutzung von Jugendlichen
Vor einigen Tagen bin ich im Radio auf einen Österreich1-Beitrag mit dem Titel „Smartphonesüchtig nach den Ferien“ aufmerksam geworden. Darin geht es unter anderem darum, dass Kinder und Jugendliche während der Ferien häufig deutlich mehr Zeit am Smartphone verbringen und die Rückkehr zu einem geregelten Alltag dadurch schwieriger werden kann.
Das Thema begegnet mir auch in meiner Arbeit mit jungen Sportlern immer wieder. Und erst heute hatte ich ein Gespräch mit Eltern, die mir von ihrem Sohn erzählten, dass er aus ihrer Sicht bereits sehr stark auf sein Handy fixiert sei. Wenn sie ihm das Smartphone wegnehmen oder die Nutzungszeit begrenzen, werde er teilweise aggressiv. Seine Argumentation: „Aber meine Freunde dürfen das auch!“
Genau hier beginnt für mich ein wichtiger Punkt:
Eltern sollten sich nicht von solchen Argumenten unter Druck setzen lassen.
Natürlich möchte niemand seinem Kind etwas verbieten, was alle anderen dürfen. Und selbstverständlich kann ein Smartphone heute auch für Kinder und Jugendliche ein wichtiger Bestandteil des sozialen Lebens sein. Aber die Aufgabe von Eltern besteht nicht darin, alles zu erlauben, was andere Kinder möglicherweise dürfen. Ihre Aufgabe ist es, Orientierung zu geben und Grenzen zu setzen.
„Aber meine Freunde dürfen das auch!“
Diesen Satz kennen wahrscheinlich viele Eltern. Er klingt zunächst überzeugend. Aber er ist kein Argument dafür, dass die eigene Regel falsch ist. Kinder und Jugendliche können ihre eigene Mediennutzung noch nicht immer ausreichend selbst regulieren. Das gilt besonders dann, wenn Anwendungen so gestaltet sind, dass sie möglichst lange Aufmerksamkeit binden. Deshalb halte ich es für falsch, die Verantwortung für die Nutzungsdauer ausschließlich beim Kind abzuladen.
Ein 12-, 13- oder 14-Jähriger darf meines Erachtens nicht selbst entscheiden, wie viele Stunden täglich er am Smartphone verbringt. Das ist zunächst eine Aufgabe der Eltern. Dabei geht es nicht darum, das Smartphone zum Feind zu erklären. Es geht um einen vernünftigen und klaren Rahmen.
Grenzen sind keine Strafe
Manchmal haben Eltern ein schlechtes Gewissen, wenn sie die Smartphone-Zeit ihres Kindes begrenzen.
„Alle anderen dürfen länger.“
„Ich möchte keinen Streit.“
„Dann ist er der Einzige, der etwas nicht darf.“
Doch gerade, wenn die Reaktion auf eine Begrenzung sehr emotional oder aggressiv ausfällt, sollten Eltern genauer hinschauen.
Eine heftige Reaktion bedeutet nicht automatisch, dass eine Smartphone-Sucht vorliegt. Sie kann aber ein Hinweis darauf sein, dass die Nutzung bereits einen Stellenwert bekommen hat, der problematisch wird. Entscheidend ist deshalb nicht nur die Anzahl der Stunden. Viel wichtiger ist die Frage: Kann ein Kind sein Smartphone auch wieder weglegen und andere Lebensbereiche wahrnehmen und genießen?
Und genau dann braucht es nicht weniger, sondern mehr Orientierung.
Was können Eltern konkret tun?
1. Klare Regeln vereinbaren
Nicht jeden Tag neu diskutieren. Wann darf das Smartphone verwendet werden? Wann nicht? Wo bleibt es über Nacht? Wie sieht es während des Essens, bei Hausaufgaben oder beim Training aus? Je klarer die Regeln, desto weniger Raum gibt es für tägliche Verhandlungen.
2. Regeln möglichst gemeinsam festlegen, aber Eltern behalten die Verantwortung
Kinder und Jugendliche sollten in die Vereinbarung einbezogen werden. Sie können ihre Wünsche und Argumente einbringen. Aber am Ende müssen Eltern entscheiden, welcher Rahmen angemessen ist. Mitbestimmung bedeutet nicht, dass Kinder die Regeln selbst bestimmen.
3. Eltern müssen konsequent sein
Eine Regel, die heute gilt und morgen wegen eines Wutanfalls wieder aufgehoben wird, verliert ihre Wirkung.
Wenn die vereinbarte Smartphone-Zeit beendet ist, sollte sie auch beendet sein. Das kann kurzfristig zu Konflikten führen. Aber Konfliktvermeidung ist nicht das Ziel von Erziehung.
4. Nicht ständig mit anderen Familien vergleichen
„Aber mein Freund darf bis 22 Uhr!“ Die Antwort könnte ganz einfach sein: „Das kann bei deinem Freund anders geregelt sein. Bei uns gelten diese Regeln.“ Eltern müssen nicht jede Entscheidung rechtfertigen oder mit anderen Familien gleichziehen.
5. Smartphonefreie Bereiche schaffen
Ich halte es für sinnvoll, bestimmte Zeiten und Orte grundsätzlich smartphonefrei zu halten. Zum Beispiel:
beim gemeinsamen Essen
während der Hausaufgaben
während des Trainings
im Schlafzimmer über Nacht
eine gewisse Zeit vor dem Schlafengehen
Gerade der Schlaf sollte aus meiner Sicht besonders geschützt werden.
Und was hat das mit Sport zu tun?
Eine ganze Menge. Junge Sportler brauchen die Fähigkeit, ihre Aufmerksamkeit zu steuern. Sie müssen lernen, Ablenkungen auszuhalten, sich auf eine Aufgabe zu konzentrieren und nicht jedem Impuls sofort nachzugeben. Das Smartphone kann dabei zum Trainingsfeld für genau diese Fähigkeit werden.
Ein Fußballer, der während jeder freien Minute automatisch auf sein Handy schaut, trainiert nicht gerade seine Fähigkeit, Langeweile oder Ruhe auszuhalten. Eine Tennisspielerin, die zwischen Training und Wettkampf ständig Social Media konsumiert, gibt einen Teil ihrer Aufmerksamkeit nach außen ab.
Und ein junger Sportler, der abends bis spät am Smartphone bleibt, gefährdet möglicherweise genau das, was er für seine sportliche Entwicklung braucht: ausreichend Schlaf und Regeneration. Deshalb würde ich Eltern nicht nur empfehlen, die Smartphone-Zeit zu reduzieren. Ich würde ihnen empfehlen, Selbststeuerung gemeinsam mit ihrem Kind zu trainieren.
Ein einfacher erster Schritt
Eltern könnten sich gemeinsam mit ihrem Kind einmal hinsetzen und drei Fragen beantworten:
1. Wie viel Zeit verbringen wir tatsächlich am Smartphone?
Nicht schätzen, sondern nachschauen.
2. Wofür verwenden wir diese Zeit?
Kommunikation? Schule? Unterhaltung? Social Media? Gaming?
3. Welche Nutzung tut mir gut, und welche möchte ich reduzieren?
Allein diese Auseinandersetzung kann schon einiges verändern. Und dann können konkrete Regeln vereinbart werden. Nicht als Strafe, sondern als Unterstützung.
Eltern sind Vorbilder
Zum Schluss noch ein Punkt, der mir besonders wichtig ist: Kinder beobachten nicht nur, was wir ihnen sagen. Sie beobachten, was wir selbst tun. Wenn Eltern während des Essens ständig auf ihr Smartphone schauen, beim Gespräch Nachrichten beantworten oder jeden freien Moment mit dem Handy überbrücken, wird es schwierig, vom Kind einen bewussten Umgang mit dem Smartphone einzufordern. Die Frage lautet deshalb nicht nur:
„Wie viel Handyzeit hat mein Kind?“
Sondern auch:
„Wie gehe ich selbst mit meinem Smartphone um?“
Das Ziel sollte nicht sein, Kinder möglichst lange vom Smartphone fernzuhalten. Das wäre angesichts unserer heutigen Lebenswelt auch unrealistisch.
Das Ziel sollte sein, dass junge Menschen lernen, ihr Smartphone zu benutzen, ohne von ihm benutzt zu werden. Und genau hier können Eltern einen entscheidenden Beitrag leisten. Denn Kinder brauchen nicht nur Freiheit. Sie brauchen auch Grenzen, Orientierung und Erwachsene, die bereit sind, diese Grenzen auszuhalten.
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Um beim Klettern und Bouldern die eigene Leistung abrufen zu können, braucht es konzentrierte Aufmerksamkeit auf den nächsten Griff, auf technische Details, auf das, was ich jetzt gerade zu tun habe. Doch viel zu leicht drängen sich störende Gedanken auf. Wenn beispielsweise die direkte Konkurrentin den Boulder „geflasht“ (im ersten Versuch geschafft) hat, meldet sich häufig fast automatisch eine Stimme, die Druck macht, den jetzt ebenso gut zu meistern. Auch Unsicherheiten drängen schnell ins Bewusstsein: „Verdammt, der Boulder sieht aber schwer aus!“ oder „Hoffentlich rutsche ich nicht wieder von dem Volumen ab!“
Zum Thema: Selbstgespräche
Was wir denken und wie wir zu uns sprechen, hat Auswirkungen auf unsere Leistung. „Was ist, wenn ich das nicht schaffe?“ „Ich will mich nicht blamieren!“ „Wieso mache ich so´n Mist?“ „Wie kann man nur so blöd sein?“ „Das klappt heute einfach nicht!“ „Du kannst es eben nicht!“ In Forschungsarbeiten konnte gezeigt werden, dass solche und ähnliche negative Selbstgespräche die sportliche Leistung mindern (bspw. van Raalte et al. 1994).
Negative Selbstgespräche und Grübeleien setzen eine Negativspirale in Gang, die von unserem Tun und unseren Zielen ablenkt und Selbstzweifel verstärkt. Wir glauben weniger an unsere eigenen Fähigkeiten, sind in schlechterer Stimmung, haben weniger Motivation und verlieren die nötige Spannung. All das wirkt sich negativ auf die Leistung aus, denn beim Klettern und beim Bouldern sind genau der richtige Grad an Anspannung, höchste Konzentration, präzise Koordination und starkes Selbstvertrauen entscheidend.
Richtige Selbstgespräche
Ich kann aber beeinflussen, ob ich mich von negativen Gedanken aus dem Konzept bringen lasse oder ob ich Selbstgespräche führe, die mir dabei helfen, meine Leistung ruhig und sicher abrufen zu können.
Es geht nicht darum, mir etwas einzureden, an das ich nicht glauben kann. Das würde nach hinten losgehen. Vielmehr geht es darum, dass ich die Aufmerksamkeit auf meine Kompetenzen, Ziele oder auch den Ablauf des Wettkampfs lenke, dass ich mich selbst motiviere oder in schwierigen Situationen nach Lösungen suche, statt beispielsweise an Fehlern hängen zu bleiben.
Aufmerksamkeit lenken
Selbstgespräche können mir helfen, meine Leistung abzurufen, wenn ich meine Aufmerksamkeit auf das richte, was ich beeinflussen kann – meine nächsten Griffe, meine Technik, meine Strategie. Wenn ich meine Gedanken immer wieder darauf lenke, was ich genau jetzt zu tun habe und sie damit weglenke vom möglichen Ausgang des Wettkampfes, von Konkurrenten, von Konsequenzen etc. gibt es mir Sicherheit, ich bleibe konzentriert und behalte meine Energie. Ebenso verhält es sich mit negativen Situationen oder Fehlern: Je schneller ich diese akzeptieren und innerlich abhaken kann und je eher ich meine Gedanken wieder auf die Aufgabe, meine Ziele, meine Fähigkeiten und den Ablauf richten kann, desto weniger beeinflussen sie mich und meine Leistung negativ.
Positive Selbstgespräche zur Selbstmotivierung kann ich nutzen, um im Wettkampf und in extrem anstrengendem Training durchzuhalten, mich selbst anzuspornen und positiv zu bleiben. Ich kann Strategien, die ich mir für unerwartete Wettkampfsituationen überlegt habe, mit konkreten Selbstgesprächen verbinden, die mir Mut machen. Das hilft mir dranzubleiben und zu kämpfen.
Lösungssuche
Konstruktive Selbstgespräche helfen mir, mit schwierigen Situationen klarzukommen, statt damit zu hadern oder sich etwas vorzuwerfen. Ich kann überlegen: „Welcher nächste Schritt ist nötig, um die Aufgabe zu lösen?“ „Was muss ich jetzt tun, um die Situation für mich zu entscheiden?“
Die Fähigkeit, die eigenen Gedanken verlässlich zu regulieren, lässt sich durch die sorgsame Analyse der negativen Gedanken und den schrittweisen Aufbau individuell hilfreicher Selbstgespräche für verschiedenste Situationen entwickeln. Sie benötigt, wie auch die körperlichen Fähigkeiten, kontinuierliches Training über einen längeren Zeitraum mit ansteigendem Schwierigkeitsgrad. Meine Kollegen von Die Sportpsychologen und ich sind gerne für Sie da, falls Sie Beratung wünschen.
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Die Sportpsychologen ist die größte Plattform für die Sportpsychologie im deutschsprachigen Raum. Lies in unseren über 1.500 Beiträgen oder nimm direkt Kontakt zu uns auf. Wir coachen, beraten, trainieren, bilden fort und helfen – denn über Erfolg im Sport wird nicht zuletzt im Kopf entschieden.
Hatzigeorgiadis, Antonis & Nikos, Comoutos Former Zourbanos & Mpoumpaki, Sofia & Theodorakis, Yannis. (2009). Mechanisms underlying the self-talk–performance relationship: The effects of motivational self-talk on self-confidence and anxiety. Psychology of Sport and Exercise. 10. 186-192. 10.1016/j.psychsport.2008.07.009.
Van Raalte, J. L., Brewer, B. W., Rivera, P. M., & Petitpas, A. J. (1994). The relationship between observable self-talk and competitive junior tennis players‘ match performances. Journal of Sport & Exercise Psychology, 16(4), 400–415.
Eine American Football Spielerin hat sich an uns gewandt. Sie hatte vergangenes Jahr nach einem Tackling gesundheitliche Probleme, die zu einer Operation an der Schulter führten. Nach dem langen Genesungsweg ist sie körperlich wieder fit, bekommt aber Angstzustände, wenn es im Training ins Tackling geht. Sie bekommt keine Luft, fängt an zu weinen, muss aussetzen. Ihre Frage: “Ich fühle mich, als würde ich nichts zu meinem Team beitragen, und bin zunehmend frustriert. Wie bekomme ich diese Angstreaktion in den Griff und kann wieder als Teil meines Teams bei Spielen auf dem Platz stehen?”
Viele Athletinnen und Athleten erleben nach einer schweren Verletzung, dass der Körper medizinisch wieder belastbar ist, während das Gehirn in Situationen, die an den Unfall erinnern, weiterhin mit einer starken Alarmreaktion reagiert. Gerade in einer Kontaktsportart wie American Football ist das keine ungewöhnliche Erfahrung.
Angst, Luftnot oder das Bedürfnis, die Situation sofort zu verlassen, sind zunächst Schutzreaktionen des Nervensystems. Nach einer Verletzung braucht häufig nicht nur der Körper Zeit für die Rehabilitation, sondern auch das Vertrauen in die eigene Belastbarkeit.
Für die Rückkehr in den Sport hat sich ein schrittweiser Belastungsaufbau bewährt. Anstatt sofort wieder ins volle Tackling einzusteigen, können zunächst kontrollierte Kontaktübungen und anschließend zunehmend spielnahe Situationen helfen. Jede positive Erfahrung unterstützt dabei, das Vertrauen in den eigenen Körper wieder aufzubauen.
Hilfreich kann außerdem sein, die Aufmerksamkeit bewusst auf die jeweilige Aufgabe zu richten, etwa auf die Technik, die Bewegungsausführung oder den Atem, anstatt sich gedanklich mit einer möglichen erneuten Verletzung zu beschäftigen. Ein offener Austausch mit dem Trainerteam schafft die Möglichkeit, den Wiedereinstieg individuell zu gestalten und den Belastungsaufbau gemeinsam abzustimmen.
Da Sportpsychologinnen und Sportpsychologen meist keine Psychotherapeutinnen oder Psychotherapeuten sind, sollte bei anhaltenden oder sehr ausgeprägten Angstreaktionen eine ärztliche oder psychotherapeutische Abklärung erfolgen. Auf dieser Grundlage kann gemeinsam entschieden werden, welche Form der Unterstützung im weiteren Verlauf sinnvoll ist. Sportpsychologie und Psychotherapie haben unterschiedliche Aufgaben und können sich bei der Rückkehr in den Sport sinnvoll ergänzen.
Klaus-Dieter Lübke Naberhaus, Die Sportpsychologen
Ich kann dem Kollegen René Paasch hier nur beipflichten. Leider sehen wir zwar die körperliche Rehabilitation nach sportlichen Verletzungen, vergessen jedoch die mentale Verletzung, die parallel stattfindet. Manchmal ist der Athlet so resilient, dass dies keine Auswirkungen hat. Oftmals treten die Probleme dann erst in der Phase “Return to sports” oder “return to competition” auf.
Auch ohne die von Ihnen geschilderten psychischen und mentalen Symptome, sollte die Aufbelastung und Wiedereingliederung gerade in zweikampforientierten Sportarten immer stufenweise erfolgen. Hier können Anpassungen dann auch im Bereich des Mentalen erfolgen.
Die bei Ihnen auftauchenden Symptome sind Anzeichen einer Schutzreaktion, die verhindern soll, dass eine solche Verletzung wieder auftreten kann, also letztendlich ein sinnvoller Mechanismus. Dieser kann sich jedoch auch verselbstständigen und sich in einer Angststörung manifestieren. Zudem ist auch immer die Möglichkeit einer posttraumatischen Belastungsstörung in Betracht zu ziehen.
Aus meiner Sicht sollten Sie, wenn die Symptome schon länger anhalten und sich auch eher verstärken, das heißt von Ihnen schwer zu beeinflussen sind, sportpsychologische Hilfe suchen. Gemeinsam kann dann entschieden werden, ob nicht doch weitergehende psychotherapeutische Hilfe notwendig ist.
In der auftretenden Angstsituation sind die Konzentration auf eine kontrollierte Ein- und Ausatmung hilfreich, weiterhin auch das Setzen schmerzhafter Reize durch eigenes Kneifen, kräftige Geruchs- und Geschmacksreize oder auch der körperliche Kontakt vertrauter Personen. Hier sollten sie für sich schauen, was in der Trainingssituation am ehesten realisierbar ist.
Danke, dass du deine Situation so offen teilst. Ich schreibe das im Wissen, dass mir hier zu wenig Kontext vorliegt, um dir schriftlich wirklich umfassend zur Seite zu stehen.
Deine Frustration und das Gefühl, nichts beizutragen, zeigen vor allem, wie viel dir dieser Sport und dieses Team bedeutet. Der Satz „Ich trage nichts bei“ ist hart und selbstbegrenzend, dein Kopf legt ihn dir unter Druck hin. Gib ihm Beachtung, hör ihn und mach trotzdem den nächsten kleinen Schritt. Es ist ein Gedanke, keine Tatsache.
Die grösste Falle wäre, die Angst erst „wegkriegen“ zu wollen, bevor du wieder aufs Feld gehst. Du reflektierst das schon sehr klar und erkennst, was da ist. Und was da ist, darf erst mal sein, so unangenehm es auch ist.
Den hilfreichen Weg hast du bereits eingeschlagen: in kleinen Dosen Richtung Feld, mit der Angst an Bord. Hol dein Umfeld mit ins Boot, sprich mit deinem Coach und einer engen Teamkollegin und Deinem medizinischen Umfeld (Physio, Haus- oder Sportarzt). Im American Football gibt es meist ein Return-to-Participation-Protokoll, primär für Kopf-, Nacken- und Rückenverletzungen, aber ich halte es für einen geeigneten Stufenplan zurück in Stärke und Leistung nach einer Verletzung. Dein Team ist keine Jury, vor der du versagst, sondern Teil deines Weges zurück. „Beitragen“ heisst gerade jetzt vielleicht auch: da sein, kommunizieren, dich Schritt für Schritt zurück arbeiten, das zählt mehr, als dir womöglich bewusst ist.
Und dann gibt es eine ehrlichere, tiefere Schicht, die wir als mögliche Ursache ansprechen sollten: Vielleicht geht es an einem Punkt nicht (mehr) so weiter wie vorher, und vielleicht stellt sich die Frage „Lohnt sich das für mich überhaupt noch?“ Dieses ständige Ringen, zurück wollen, sich hochkämpfen, wieder aussetzen, kann mürbe machen. Diese Frage zu stellen ist kein Aufgeben; sie ehrlich anzuschauen verdient Respekt.
Du merkst an deiner eigenen Frustration, wie sehr du zurück auf den Platz willst, das ist die beste Voraussetzung. Der Weg führt nicht darüber, die Angst zu besiegen, sondern darüber, in kleinen, selbstgewählten Schritten wieder auf das zuzugehen, was dir wichtig ist. Dass die Angst dabei leiser wird, kommt als Nebenprodukt.
Ich weiss, dass sich damit noch nichts gelöst hat, aber dass du das so offen ausspricht und dir genau diese Fragen stellst, ist bereits eine Stärke, die dich trägt, wohin dein Weg auch führt.
Die Sportpsychologen ist die größte Plattform für die Sportpsychologie im deutschsprachigen Raum. Lies in unseren über 1.500 Beiträgen oder nimm direkt Kontakt zu uns auf. Wir coachen, beraten, trainieren, bilden fort und helfen – denn über Erfolg im Sport wird nicht zuletzt im Kopf entschieden.
Eine Kombirunde im Minigolf umfasst 36 Bahnen: 18 Bahnen werden auf Beton, 18 auf Eternit gespielt. Von außen betrachtet scheint die Aufgabe dabei immer gleich zu bleiben. Ball hinlegen, Schlag ausführen, einlochen. Doch wer selbst spielt, weiß, wie wenig diese Beschreibung mit den tatsächlichen Anforderungen zu tun hat. Schon während einer einzigen Runde können sich die Bedingungen verändern. Die Sonne erwärmt eine Bahn, der Wind nimmt zu oder Feuchtigkeit beeinflusst das Laufverhalten des Balls. Jede Anlage bringt eigene Besonderheiten mit, selbst wenn die Hindernisse auf den ersten Blick vertraut erscheinen. Hinzu kommt das Material: Welcher Ball passt zur gewählten Variante? Wie stark muss er temperiert werden? Wie wird er springen, bremsen oder rollen? SpielerInnen und BahnbetreuerInnen müssen diese Fragen bereits in der Vorbereitung beantworten und die erarbeiteten Lösungen im Wettkampf möglichst präzise umsetzen. Ein Ass kann Sicherheit geben, ein vermeidbarer Fehler Zweifel auslösen. Trotzdem verlangt die nächste Bahn wieder volle Aufmerksamkeit – nicht für das, was gerade passiert ist, sondern für eine neue Aufgabe unter möglicherweise schon wieder veränderten Bedingungen.
Zum Thema: Wie gelingt es MinigolferInnen, trotz wechselnder Bahnen, Materialien und Umweltbedingungen immer wieder präzise zu handeln?
Präzision ist mehr als Wiederholung:Präzisionssportarten werden häufig mit der Vorstellung verbunden, eine einmal erlernte Bewegung möglichst exakt zu wiederholen. Auch im Minigolf scheint der ideale Schlag auf den ersten Blick klar definiert: gleicher Stand, gleicher Bewegungsablauf, gleicher Treffpunkt. Je geringer die Abweichung, desto besser das Ergebnis. Diese Vorstellung greift jedoch zu kurz. Denn selbst eine technisch stabile Bewegung führt nicht unter allen Bedingungen zum gleichen Resultat. Die Besonderheiten einer Anlage sowie Veränderungen von Material und Umwelt beeinflussen, wie eine vorbereitete Variante gespielt werden muss. Die entscheidende Leistung besteht deshalb nicht darin, äußere Veränderungen auszublenden und eine Bewegung unter allen Umständen identisch auszuführen. SpielerInnen müssen vielmehr eine vorbereitete Lösung unter den jeweils aktuellen Bedingungen möglichst präzise umsetzen.
Person, Aufgabe und Umwelt wirken zusammen
Ein geeigneter Ansatz, um diese Anforderungen zu erklären, ist der Constraints-Led Approach. Seine theoretischen Wurzeln liegen in der ökologischen Dynamik und der Bewegungswissenschaft. Ausgangspunkt ist die Annahme, dass sportliche Handlungen nicht ausschließlich aus einer erlernten Technik entstehen. Sie entwickeln sich vielmehr aus dem fortlaufenden Zusammenspiel zwischen der ausführenden Person, der konkreten Aufgabe und den jeweiligen Umweltbedingungen (Davids et al., 2008).
Der Begriff constraints lässt sich dabei nur unzureichend mit „Einschränkungen“ übersetzen. Gemeint sind sämtliche Bedingungen, die mögliche Handlungen begrenzen, strukturieren oder in eine bestimmte Richtung lenken. Newell (1986) unterscheidet drei grundlegende Bereiche:
Zu den individuellen Bedingungen gehören beispielsweise Technik, Erfahrung und Materialkenntnis. Auch der aktuelle körperliche und mentale Zustand spielt eine Rolle: Müdigkeit, Anspannung oder nachlassende Aufmerksamkeit können beeinflussen, wie sicher eine vorbereitete Lösung ausgeführt wird.
Die aufgabenbezogenen Bedingungen werden unter anderem durch das Bahnprofil, das Hindernis, den vorgesehenen Laufweg, den Zielpunkt, das notwendige Tempo und den gewählten Ball bestimmt.
Die Umweltbedingungen umfassen äußere Einflüsse wie Temperatur, Wind, Feuchtigkeit, Licht und den Zustand der Anlage. Der einzelne Schlag entsteht damit nie losgelöst von seiner Umgebung. Er ist das Ergebnis einer aktuellen Abstimmung zwischen Person, Aufgabe und Umwelt.
Die ökologische Psychologie bezeichnet die in einer Situation wahrgenommenen Handlungsmöglichkeiten als Affordanzen (Gibson, 1979). Welche Möglichkeiten SpielerInnen erkennen und zuverlässig umsetzen können, hängt unter anderem von ihrer Erfahrung, ihrer Technik und dem verfügbaren Material ab.
Gut vorbereitet – und trotzdem anpassungsfähig
Das bedeutet allerdings nicht, dass SpielerInnen während eines Turniers an jeder Bahn spontan nach einer neuen Lösung suchen. Die entscheidende Vorbereitung beginnt deutlich früher. Im Vorfeld werden die Bahnen ausgespielt, mögliche Varianten geprüft, geeignete Bälle ausgewählt und Zielpunkte sowie Laufwege festgelegt. Idealerweise entstehen dabei nicht nur bevorzugte Lösungen, sondern auch vorbereitete Alternativen für unterschiedliche Bedingungen. Im Wettkampf geht es dann vor allem darum, diese Lösungen zuverlässig abzurufen und gleichzeitig zu überprüfen, ob die aktuellen Voraussetzungen noch zu dem passen, was im Training erarbeitet wurde. An dieser Stelle wird die Bedeutung der BahnbetreuerInnen sichtbar. Sie beobachten die Bedingungen, bereiten die vorgesehenen Bälle passend vor und geben relevante Informationen an die SpielerInnen weiter. Der Schlag selbst wird individuell ausgeführt, seine Vorbereitung ist jedoch häufig das Ergebnis einer abgestimmten Zusammenarbeit.
Anpassungsfähigkeit bedeutet im Minigolf deshalb nicht, ständig alles umzustellen. Sie besteht vielmehr darin, die vorbereitete Lösung an den tatsächlich vorgefundenen Bedingungen auszurichten – und nur dann eine Alternative zu wählen, wenn die ursprüngliche Variante nicht mehr zuverlässig funktioniert.
Konzentration heißt, das Relevante zu erkennen
Aus dieser Perspektive bekommt auch Konzentration eine differenziertere Bedeutung. Über eine gesamte Kombirunde hinweg dauerhaft maximal angespannt zu bleiben, wäre weder realistisch noch hilfreich. Entscheidend ist vielmehr, die Aufmerksamkeit im richtigen Moment auf die Informationen zu richten, die für den nächsten Schlag relevant sind. Vor einer Bahn können dabei unterschiedliche Fragen im Vordergrund stehen:
Hat sich die Temperatur verändert?
Ist der Ball passend vorbereitet?
Gibt es eine Besonderheit im Laufverhalten?
Welche Information der Bahnbetreuung ist jetzt wichtig?
Entscheidend ist dabei auch: Gelingt es, sich vollständig mit dieser Aufgabe zu beschäftigen – oder hängt die Aufmerksamkeit noch am Ergebnis der vorherigen Bahn? Expertise zeigt sich daher nicht allein in einem stabilen Bewegungsablauf. Sie zeigt sich auch darin, relevante Veränderungen frühzeitig zu erkennen, unwichtige Reize auszublenden und einer gut vorbereiteten Lösung zu vertrauen. Diese Fähigkeit sollte auch im Training berücksichtigt werden. Technische Wiederholungen unter konstanten Bedingungen bleiben wichtig. Sie können jedoch durch Situationen ergänzt werden, in denen SpielerInnen unterschiedliche Bedingungen wahrnehmen, ihre vorbereiteten Lösungen überprüfen und ihre Entscheidungen anschließend reflektieren müssen. Im Sinne eines repräsentativen Lerndesigns sollten im Training somit auch jene Wahrnehmungs- und Anpassungsanforderungen vorkommen, die später im Wettkampf bewältigt werden müssen (Pinder et al., 2011).
So wird nicht nur die technische Ausführung trainiert, sondern auch die Fähigkeit, relevante Veränderungen zu erkennen und angemessen darauf zu reagieren.
Fazit
Minigolf verlangt mehr als die identische Wiederholung einer eingeübten Bewegung. Bälle, Laufwege und Schlagvarianten werden vor dem Wettkampf sorgfältig erarbeitet, müssen im Turnier jedoch unter veränderlichen Bedingungen zuverlässig umgesetzt werden. Der Constraints-Led Approach macht sichtbar, dass Präzision aus dem Zusammenspiel zwischen Person, Aufgabe und Umwelt entsteht.
Erfolgreiche SpielerInnen benötigen deshalb neben einer stabilen Technik auch die Fähigkeit, relevante Veränderungen wahrzunehmen, sich mit ihrer Bahnbetreuung abzustimmen und auf ihre Vorbereitung zu vertrauen. Präzision bedeutet im Minigolf somit nicht, immer exakt dasselbe zu tun. Sie bedeutet, eine gut vorbereitete Lösung unter den jeweils aktuellen Bedingungen zuverlässig umzusetzen. Doch auch ein vorausgegangener Fehler kann die Voraussetzungen für den nächsten Schlag verändern. Wie SpielerInnen danach wieder handlungsfähig werden und warum sich genau das trainieren lässt, steht im Mittelpunkt meines nächsten Beitrags. Bleibt dieser Plattform also verbunden. Wer vorher schon mehr wissen möchte, nehme gern Kontakt auf.
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Davids, K., Button, C., & Bennett, S. (2008). Dynamics of skill acquisition: A constraints-led approach. Human Kinetics.
Gibson, J. J. (1979). The ecological approach to visual perception. Houghton Mifflin.
Newell, K. M. (1986). Constraints on the development of coordination. In M. G. Wade & H. T. A. Whiting (Eds.), Motor development in children: Aspects of coordination and control (pp. 341–360). Martinus Nijhoff.
Pinder, R. A., Davids, K., Renshaw, I., & Araújo, D. (2011). Representative learning design and functionality of research and practice in sport. Journal of Sport & Exercise Psychology, 33(1), 146–155. https://doi.org/10.1123/jsep.33.1.146
Sportpsychologie ist eine wissenschaftlich fundierte Fachdienstleistung, die Athleten, Trainerteams und Vereinsstrukturen dabei unterstützt, psychische Ressourcen systematisch aufzubauen und zu schützen. Sie steht für Leistungsförderung, Persönlichkeitsentwicklung und psychische Gesundheitsvorsorge – drei Ziele, die unmittelbar mit der Qualität eures Vereins zusammenhängen.
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Wenn ich junge Athlet:innen frage, was sie eigentlich machen, wenn gerade nichts los ist, kommt oft dasselbe zurück: ein Schulterzucken. „Keine Ahnung, eigentlich nichts.“ Und ich verstehe das total. Wenn dein ganzer Alltag um Training, Wettkampf und den nächsten Schritt kreist, fühlt sich alles andere schnell nach verlorener Zeit an. Nach Stillstand. Dabei ist genau das ein Denkfehler – und zwar ein ziemlich teurer. Denn Langeweile auszuhalten ist kein Zeichen von Schwäche. Es ist Training. Nur eben eines, das man nicht im Kopf spürt, sondern erst später merkt – daran, dass man in die nächste Saison geht, statt sich in sie hinein zu schleppen.
Zum Thema: Bedeutung von Pausen im Trainings- und Wettkampfalltag
Warum fällt uns aber „nichts tun“ so schwer?Das Problem ist selten Faulheit, im Gegenteil. Viele von euch sind es gewohnt, ständig zu leisten, sich zu verbessern, produktiv zu sein.
„Ich muss im Training bleiben / Wir fangen mit der Vorbereitung auf die neue Saison so an, weil wir das schon immer so gemacht haben / Wir bleiben bei dem alt Bewährten, das hat ja letztes Jahr so geklappt.“
Oft geht es so weit, dass sich Atleth:innen schlecht oder sogar schuldig fühlen, wenn sie etwas machen, was nichts mit Sport zu tun hat. Es fühlt sich dann fast falsch an – man „verpasst“ ja etwas im Sport, während man liest oder im Garten steht. Ich kenne dieses Gefühl gut, auch aus eigener Erfahrung: Der Kopf lässt sich nicht per Knopfdruck herunterfahren, nur weil gerade “offiziell” Pause ist.
Aber: Man verpasst nichts. Man baut etwas auf, das man später braucht – die Fähigkeit, herunterzufahren, ohne dabei den Fokus zu verlieren. So wie dein Körper durch Training stärker wird, wird auch dein Kopf stärker. Nur eben nicht durch noch mehr Reiz, sondern manchmal durch bewusst weniger.
Pause machen!
Ja, auch wir als Unterstützer für Athlet:innen haben „auch mal Pause“. Besonders in den Sommerferien. In meinem Urlaub lese ich gerne, auch mal über andere Dinge. Derzeit lese ich Bücher zu den Themen „Traditionen und der Mut, anders (uns selber) zu führen“ – klingt sehr sperrig, aber in beiden finde ich Passagen, die mich zum Nachdenken für meine Athlet:innen bringen.
Die Pausen zwischen den Saisons sind bei euch aktuellen Nachwuchstalenten ohnehin knapp bemessen. Wer in dieser kurzen Zeit nicht wirklich abschaltet, sondern innerlich weiter im Wettkampfmodus bleibt, geht mit leeren Akkus in die nächste Saison. Kraft tanken ist hier kein Nice-to-have. Es ist Vorbereitung.
Ich selbst habe im Sommer einen Selbstversuch gestartet. Und hatte mir vorgenommen, mir ausgewählte “Sommerbeschäftigungen” zu suchen und diese wirklich durchzuziehen. Überleg dir mal, was zu dir passen würde:
Yoga: Geduld mit dir selbst
Yoga bringt die Geduld noch näher an den Körper heran. Eine Haltung wird nicht durch Kraftaufwand besser, sondern durch wiederholtes, geduldiges Üben – oft über Wochen und Monate. Wer ungeduldig in eine Position drängt, verletzt sich eher, als dass er schneller vorankommt. Yoga macht sehr direkt spürbar, was in anderen Hobbys eher indirekt passiert: dass Fortschritt und Druck sich gegenseitig ausbremsen können.
Lesen: Geduld mit Komplexität
Ein Buch lässt sich nicht querlesen, ohne etwas zu verlieren. Wer wirklich liest, übt eine besondere Form von Geduld: sich auf etwas einzulassen, das sich erst nach und nach erschließt. Diese Geduld mit Komplexität reicht weit über das Buch hinaus – in den Umgang mit Rückschlägen, in langen Aufbauphasen, überall dort, wo schnelle Ergebnisse verlockend, aber eben nicht realistisch sind.
Gartenarbeit: Wachsen lassen statt erzwingen
Wer im Garten arbeitet, lernt schnell: Nichts lässt sich beschleunigen. Ein Samenkorn keimt, wenn es so weit ist – nicht, wenn man es möchte. Diese Erfahrung wirkt zurück auf den Kopf. Sorgfältiges Pflanzen und Pflegen erzeugt ein Gefühl von Geborgenheit, während hektisches, wütendes Roden zwar auch für Ordnung sorgt, aber eine andere, unruhigere Ordnung ist. Kontrolle und Geduld sind zwei verschiedene Wege zum gleichen Ziel – nur einer davon nährt einen auch selbst. Und diese Geduld mit einem Prozess, den man nicht erzwingen kann, brauchst du eins zu eins auch für deine eigene Entwicklung.
Basteln: Der Prozess als eigentliches Ziel
Beim Basteln zeigt sich Geduld in der Feinarbeit. Ein Stich, ein Schnitt, ein Handgriff nach dem anderen – nichts davon lässt sich überspringen, ohne dass man es am Ergebnis sieht. Man verlagert den Fokus fast automatisch vom fertigen Produkt auf den einzelnen Schritt. Genau das ist der Punkt: im Moment bleiben, statt gedanklich schon beim Ergebnis zu sein. Eine Fähigkeit, die im Wettkampf oft über Erfolg oder Frust entscheidet.
Fokus behalten, dir selbst treu bleiben
So unterschiedlich diese vier Hobbys sind – sie teilen einen Kern. Keines lässt sich wirklich erzwingen, jedes belohnt Geduld und bestraft Ungeduld auf seine eigene Weise. Genau das macht Hobbys zu mehr als Entspannung: Sie sind ein Übungsraum für eine Disziplin, die im Trainingsalltag oft zu kurz kommt, weil dort ja eigentlich immer etwas passieren soll. Nicht zufällig ist Geduld auch im langfristigen Aufbau junger Sportlerinnen und Sportler eine zentrale Anforderung – an Trainer:innen wie an Athlet:innen. Entwicklung lässt sich nicht beschleunigen, nur begleiten.
Das heißt nicht, dass der Fokus verloren gehen soll – im Gegenteil. Ein Hobby ersetzt kein Training und keine Ziele. Aber langfristig erfolgreich bleibst du nicht nur, weil du ununterbrochen fokussiert bist, sondern auch, weil du dir selbst treu bleibst – mit Interessen, Ausgleich und Momenten, die nichts mit Punkten, Zeiten oder Platzierungen zu tun haben. Wer sich diese Seite erlaubt, hält es langfristig leichter durch, ohne auszubrennen.
Offseason als Werkstatt, nicht als Leerlauf
Genau deshalb lohnt es sich, die kurzen Pausen zwischen den Saisons bewusst zu nutzen – nicht als Leerlauf, sondern als Werkstatt. Zeit, um in Ruhe auszuprobieren, was im Trainingsalltag sonst keinen Platz hat: eine neue Mobility-Routine, ein anderes Ernährungsmuster, bewusstere Regeneration. Nichts davon muss sofort perfekt sitzen. Wie beim Pflanzen im Garten oder beim Üben einer Yoga-Haltung zeigt sich der Wert erst über Wiederholungen. Was in dieser Zeit an Prävention geduldig erarbeitet wird, ist am Ende genau das Fundament, das du in der neuen Saison am dringendsten brauchst.
Am Ende zählt also weniger, welches Hobby du wählst, sondern was du daraus machst: ob du es nutzt, um schnell wieder „funktionieren“ zu müssen – oder um wirklich Kraft zu tanken und dabei etwas zu lernen, das über den Sport hinausreicht.
Literaturhinweise:
„Dear Britain“ von Annette Dittert passt sehr gut zu „Gesellschaftsnormen“ – das Buch dreht sich genau darum: britische Traditionen, Klassengesellschaft, Rituale und Machtstrukturen im Alltag.
„A Different Kind of Power“ von Jacinda Ardern – ein Memoir über eine andere, empathische Art zu führen – es geht um authentische Führung, nicht direkt um „Zukunft“. Der Begriff „authentische Zukunft“ trifft es also nicht ganz; treffender wäre etwas wie „authentische Führung“ oder „eine andere Art von Macht/Stärke“
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Ich kenne das aus dem Eishockey und Fußball: Eine Nachwuchsmannschaft aus einer der unteren Ligen (oft abschätzig auch Dorfverein genannt), darf (oder muss?) in einem Freundschaftsspiel mal gegen einen großen Club aus der höchsten Spielklasse antreten. Wenn beide Teams komplett sind und in voller Kraft aufeinandertreffen, ist das in der Regel eine sehr einseitige Angelegenheit – das Ergebnis oft im hohen zweistelligen Bereich zu null. Als ich das letzte Mal bei so einem Spiel zugeschaut habe, hörte ich hinter mir den Satz: „Das macht doch keiner Seite Spaß.“
Zum Thema: Was Nachwuchssportler aus hohen Siegen oder Niederlagen lernen
Auf der einen Seite hat man ein Team, das vor den Augen aller Eltern und Freunde gedemütigt wird – und auf der anderen Seite eine Mannschaft, die Unterforderung und Langeweile quälen. Das ist meistens der erste Gedanke. Aber dahinter steckt mehr.
Wenn Trainer und Vereine solch ein vermeintlich unfaires Aufeinandertreffen vereinbaren, dann hat das sportpsychologisch einen Grund.
Wenn die Schwachen plötzlich die Besten und die Besten die Schwächsten sind
Als Sport-Mentaltrainer führe ich viele Gespräche mit High Level Juniors. Und deren Selbstvertrauen, Mädchen wie Jungen, ist oft längst nicht so hoch, wie man vielleicht denkt. Woran liegt das: Der Optimierungsauftrag in Top-Clubs legt den Fokus verstärkt auf die Schwächen und Defizite der Sportler. Infolgedessen wird mehr kritisiert als gelobt, jeder Sieg wird akribisch zerpflückt und fühlt sich hinterher wie eine Niederlage an. Der Sportler/die Mannschaft ist nie gut genug. Wenn so ein Team dann außer der Reihe mal gegen ein unterklassiges Team antritt und 27:0 gewinnt, hat das sportlich zwar keinen großen Mehrwert, aber Selbstwahrnehmung und Selbstvertrauen werden wieder zurechtgerückt.
Umgekehrt verhält es sich ähnlich. In einem „Dorfverein“, der in seiner Liga die Tabelle anführt und jeden Gegner an die Wand spielt, strotzen die Spieler womöglich vor Selbstvertrauen und fühlen sich wie das Nonplusultra. Auch hier kann der direkte Vergleich mit einem Gegner, der normalerweise außer Konkurrenz ist, das Selbstbild korrigieren.
Fazit
Wichtig ist nicht, wer wen wie hoch geschlagen hat, sondern es geht um die Wahrnehmung der eigenen Leistungsfähigkeit. Aus sportpsychologischer Sicht können gerade extreme Ergebnisse wertvoll sein, weil sie Selbstbild und Realität abgleichen: Der vermeintlich Schwache erkennt seine Stärken – und der vermeintlich Überlegene erkennt, dass es noch eine Welt außerhalb seiner bisherigen Komfortzone gibt.
Darin liegt die Chance, Selbstvertrauen zu stabilisieren oder zu korrigieren, motivatorische Prozesse anzustoßen und daraus neue Ziele abzuleiten. Denn am Ende geht es im Nachwuchssport nur um eins: um Weiterentwicklung.
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