Start Blog

Dr. René Paasch: Freie Bahn nur für mental Starke?

Ein aktueller WDR Sport Inside Beitrag “Jungprofis in der Bundesliga: Noch früher ins Rampenlicht” sorgt für Aufsehen. Im Film von Matthias Wolf wird die Regeländerung kritisch beleuchtet, nach der in der Fußball-Bundesliga zukünftig ohne jegliche Einschränkung bereits 16-Jährige Kicker zum Einsatz kommen dürfen. Diese Veränderung hat Borussia Dortmund angestossen. Ein Verein, der zunehmend auf junge internationale Talente setzt. Aber zu welchem Preis? Zu dieser Frage wurde unter anderem Dr. René Paasch von Die Sportpsychologen (zum Profil) befragt. Wir empfehlen an dieser Stelle den Beitrag, der unter anderem auf Sportschau.de oder über die Sportschau-App zur Verfügung steht:

Zum TV-Beitrag: https://www1.wdr.de/mediathek/video/sendungen/sport-inside/video-jungprofis-in-der-bundesliga-noch-frueher-ins-rampenlicht-100.html

Dr. René Paasch im Interview (Screenshot WDR Sport Inside, Verwendung bewilligt via Medikament-TV)

Mehr zum Thema:

Bildquelle: Screenshot WDR Sport Inside, Verwendung bewilligt via Medikament-TV

Aufrufe: 174

In den Sand gesetzt: Neutrale Suche nach Gewinnern des deutschen WM-Vorrunden-Aus (von Maria Senz)

Ein Fußballstadion, irgendwo bei Doha, in Katar am Donnerstagabend. Es ist auffallend ruhig. Ruhig im Sinne von, die Trillerpfeife der Schiedsrichterin ist selten hörbar. Anfänglich wird von den Kickern aus Deutschland und Costa Rica zwar noch die Foultoleranz des Schiedsgerichts ausgereizt. Aber es wird ziemlich schnell sichtbar, dass Frau das wenig interessiert. Scheinbar ist es ihr, Stéphanie Frappart, wichtig, das Spiel in Flow zu bringen und zu halten. Da wird auch einmal ein Auge zugedrückt, wenn der Ball eigentlich weit im Aus war, um den Spielfluss nicht durch Pausen zu bremsen. Und das gelingt dem Schiedsrichter-Team, dem ersten weiblichen in der WM-Geschichte, souverän und ohne große Fehler. Und Costa Rica groovt sich schnell auf dem Rasen und der Atmosphäre ein. Mitte der Partie fühlen sie sich sogar pudelwohl und gehen in Führung, stehen zu diesem Zeitpunkt im Achtelfinale.

Es ist längst ein Gruppenfinale auf zwei parallelen Schauplätzen geworden. Ein Duell, das minütlich spannender, schneller und mitreißender wird. Und die Unparteiischen? Die machen genau das möglich. Die Mannschaften haben den Raum, ihren Profi-Fußball zu spielen und haben es fair umgesetzt. Es entsteht der Eindruck: „Heute ist Mutti auf dem Platz. Da benehmen sich die Buben.“ Schubsen, Schieben, Jammern sind diesmal eher auf dem Spielplatz für Kinder geblieben. Oder es findet in den deutschen Wohnzimmern statt. Also das Jammern, als wenig später durch den japanischen Sieg gegen Spanien im Parallelspiel das Ausscheiden der deutschen Mannschaft in der Vorrunde feststeht. Durch die Wohnzimmer und ExpertInnen-Runden geistern derweil schon längst die Fragen, ob Deutschland mittlerweile viel zu brav sei, keine althergebrachten Tugenden mehr verkörpere und warum so wenig gekämpft werde? Dem nehmen wir uns hier mal wann anders an. OK? Bevor das aber wegen des bloßen sportlichen Ergebnis untergeht: Ein Hoch auf das Schiedsgericht um Stéphanie Frappart und gern auch beide Mannschaften, die allesamt zu einem großartigen Fußball-Highlight beitragen. Als Sieger geht leider nur ein Team vom Feld… die Schiedsrichterinnen.

Mehr zum Thema:

Aufrufe: 22

Maria Senz: Jetzt das neue Jahr vorbereiten

Das Medium Podcast ist spannend, auch für Sportpsychologie- und Coaching-Themen. Maria Senz von Die Sportpsychologen hat diese Erzählform ausprobiert und einen Vierteiler produziert, mit dem du bestens vorbereitet ins neue Jahr oder in Richtung des nächsten großen Ziels starten kannst.  

Zum Thema: Podcast-Tipp von Die Sportpsychologen

Wozu auf den Mai warten, wenn der Dezember auch schon alles neu machen kann. Denn mit der Adventszeit beginnt gemächlich der Abschied des vergangenen Jahres und der Countdown für das neue Jahr. Für manche Sportarten ist es auch die Halbzeit der Saison. Ein guter Moment, um sich zu besinnen – darüber, was war, was kommt und wie ich das angehen kann. Ein Vorgehen, das dich mit guter Energie und Vorfreude auf das neue Jahr und in die zweite Halbzeit der Saison blicken lässt.

Wenn du als Sportler auch gerade an einem Punkt bist, der Motivation, Schwung und Antrieb gebrauchen kann, um wieder mit Zuversicht, voller Kraft und Leistung durchzustarten, dann habe ich einen passenden Podcast für dich: Mit Schwung ins neue Jahr – mach dich tanzklar. In vier kurzweiligen Episoden, eine für jeden Adventssonntag, begleite ich dich mit Übungen:

#01 Und Tschüss – verabschiedet dein vergangenes Jahr

#02 Herzlich Willkommen – öffnet die Tore für dein kommendes Jahr

#03 Visionen – lässt deine Phantasien lebendig werden

#04 Los geht’s – zündet deine Rakete

Richtig loslassen

Loslassen und befreit sein für was Neues bzw. Anderes sind die Schwerpunkte der ersten beiden Folgen. Rückwirkend vergangene Momente zu betrachten, ermöglicht eine andere Perspektive auf das, was war: geistiges und körperliches Erleben verknüpft mit wahrgenommenen Emotionen. Das reaktive Durchlaufen der einzelnen Momente lässt dich mit den Emotionen in Erinnerungen schwelgen. Du vergrößerst dein Sichtfeld und aktivierst deine Wahrnehmung. Du kannst das Vergangene bewusst annehmen und abschließen. Nützliches behältst du, Unnötiges lässt du los. Ein Prozess, der Sortieren und Freiräumen gestattet. Mit dieser Einstellung startest du ins neue Jahr und gestaltest es dir bunt. Ziele werden zum Greifen nah und deine Motivation läuft auf Hochtouren.

Ein Podcast zum Mitmachen, der dich in Bewegung bringt und dein Herz tanzen lässt. Hör rein, mach mit und starte durch. Und wenn dir gefällt, was du hörst und du weiterführendes Coaching möchtest, dann kontaktiere mich (zum Profil von Maria Senz) oder meine vielfältigen Kollegen aus unserem Netzwerk (zur Übersicht).

Link zum Download in meinem Powerblog oder zum Abonnieren bei Apple/Android Podcasts.

Mehr zum Thema:

Aufrufe: 12

Dr. Hanspeter Gubelmann: Mein Sabbatical oder „ich bin dann mal weg…“

Auszeit… und tschüss! Bereits zum dritten Mal in meinem Leben verlasse ich meinen Lebensalltag in der Schweiz, um anderswo ein etwas anderes Leben zu führen. Worin liegt der besondere Anreiz eines solchen Tuns? Was erlebe ich hier, was mir in einem vertrauten Umfeld vielleicht entgeht? Gibt es Erkenntnisse, die mir auch für meine berufliche Tätigkeit als Sportpsychologe hilfreich sind? Der nachfolgende Aufsatz bietet intime Einblicke in meine Lebensgestaltung. Als Werkstattbericht meines aktuell sechsmonatigen Leipzig-Aufenthaltes will er zum Reflektieren der eigenen Realität beim Leser/bei der Leserin einladen.

Zum Thema: Anregungen für ein gelingendes Sabbatjahr

Im neuzeitlichen Sinn bedeutet das Sabbatjahr eine befristete Auszeit vom Job. Eine Motivation liegt meist darin, seinem derzeitigen Leben eine Wendung zu geben. Die ETH Zürich, mein primärer Arbeitgeber, bot mir diese Gelegenheit an, um mich weiterzubilden – aber auch um Energie zu tanken und meinem Bedürfnis nach Veränderung zu entsprechen. In meinem Vertrag steht unter „angezielter Mehrwert für die ETH Zürich“: Inhaltliche Erweiterung, persönliches Empowerment und Gedankenaustausch. 

Eigentlich wollte ich mir schon vor zwei Jahren eine Auszeit organisieren, angedacht waren sechs Monate in Neuseeland mit einem inhaltlichen Schwerpunkt im Bereich „Outdoor-Education“, meiner Domäne im Ausbildungsbereichs des Lehrdiploms Sport an der ETHZ. Dieser für mich verheissungsvollen Perspektive setzte die Corona-Pandemie ein abruptes Ende. Um der Altersguillotine zu entkommen, Sabbaticals für Lehrpersonen sollen schliesslich vor Erreichen des 60. Altersjahrs absolviert werden, entschied ich mich für Leipzig. Besonders hilfreich war dabei, dass mich Prof. Oliver Stoll offiziell zu sich an die Universität Halle-Wittenberg einlud.

Täglich Sport an der frischen Luft, Bilder: privat

Indian Summer

Im „indian summer“ des Lebens angekommen eröffnet sich mir die Möglichkeit, auf Vergangenes zu blicken und dabei „besondere Jahrgänge“ zu erkennen. In meinem Lebenslauf sind es die besonderen Auszeiten 1994 und 2006, die meine Familie und mich zweimal nach Amerika brachten. Keine anderen Jahre blieben auch nur annähernd so „haften“ wie diese. Die jeweils unbezahlten einjährigen Urlaube gaben mir Inspiration, Leichtigkeit, Energie, Lebensfreude und Zuversicht – waren auch geprägt von Abenteuerlust und Risikobereitschaft. Es bedeutete u.a., den sicheren Lebenshafen in der Schweiz gegen einen freien, offenen aber einigermassen unsicheren Lebensabschnitt zu tauschen.

Das erste Sabbatjahr vor 30 Jahr hatte – in der Rückblende betrachtet – viel mit „Ausbruch“ zu tun. Nach zehn Jahren „Studium“ mit zwei Masterabschlüssen und einer Promotion brach ich mit einem „akademischen Lebensplan“. Zwölf Jahre später wählten wir Park City als „Spielplatz“ mit unseren damals 5-jährigen pre-school-kids. In diese Zeit fiel auch die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit einem meiner thematischen Steckenpferde: Umfeldoptimierung im Leistungssport (vgl. Gubelmann, 2006). Damals überraschte mich eine Erkenntnis. Eines der wichtigsten Bedürfnisse der Schweizer Spitzensportler:innen betrifft ihre Selbstbestimmung und lautet: Ich will mehr selbstbestimmte Freizeit!

Vortrag an der Uni Leipzig, Bild: privat

Mein Sabbatical – mein Spielraum für selbstbestimmte Zeit

Ich bin hier in Leipzig kein anderer Mensch, ich erlebe mich hingegen anders: bewusster, gelassener und vielfältiger. Meine Wahrnehmungen beinhalten mehr Nuancen, sind oft intensiver und mit starken Emotionen verbunden. Manchmal bin ich betrübt, wenn ich an meine vor einem Jahr verstorbene Mutter denke – oder ich lache mit dem Kind mit, das mich beim Joggen mit seinem Laufrad beinahe von den Beinen geholt hat. In solchen und anderen Momenten erlebe ich intensiv, was psychohygienisch mit mir geschieht, wenn meine „selbstbestimmte Zeit“ verstärkt mit mir (meinem „Selbst“) in Berührung kommt. Solche Momente intensiver Bewusstheit erlebe ich sehr oft in Bewegung und in der Natur. Es sind bekanntermassen meine Lieblings-Spielräume. 

Andererseits vertraue ich auf die Zufälligkeit des Moments, geniesse das Unvorhergesehene. Mich leiten dabei zwei grundsätzliche Ideen. Die eine – mein Plan ist, keinen Plan zu haben. Die andere – Ich autorisiere mich, mich auf inspirierende „Verrücktheiten“ einzulassen.

Anleitung „be-glückendes Sabbatical“

Zugegeben, ich bin bekennender Fan des Autors Nick Hornby, ich mag seinen Hang zu Top-Ten-Listen (vgl. High Fidelity, 1996)! Die nachfolgende Listung meiner Ideen für ein „be-glückendes Sabbatical“ will als Sammlung ohne jeglichen Anspruch verstanden sein; vielleicht zweckdienlich als Ausgangspunkt für eigene Überlegungen.

Das Glück mit der „Wunderfrage“. In meiner Beratung wähle ich diesen Fragetyp gerne, um die Fantasie anzuregen. In jeder Vorstellung, mag sie auch noch so fantastisch sein, liegt ein Potential zur Umsetzung. Oder anders gesagt. Wenn ich morgen in meinem Sabbatical aufwache und alle meine Sorgen wären wie durch ein Wunder nicht mehr da – was wäre dann passiert?

Dankbarkeit: Ich liebe mein Leben: „I love my life… I am me“. Ja, eben, Nick Hornby und seine Listen lassen grüssen. Meine aktuelle Playlist beinhaltet auch Robbie Williams Ohrwurm. Wenn ich dann gemütlich der Elbe entlang radle und mir diesen Robbie-Tune gebe, kommt flow-ige Stimmung auf, fühle ich mich auf dem Weg des Glücks und bei mir angekommen! (vgl. Csikszentmihalyi, 2015)

Ich kann gut mit mir. Selbstbestimmte Zeit bedeutet hier in Leipzig auch: ich kann gut mit mir. Ich bin sehr gerne alleine unterwegs und geniesse die Unabhängigkeit. An meiner beruflichen Tätigkeit schätze ich das sehr intensive und fordernde Tun mit einem Gegenüber. Es ist diese Dualität der Bedürfnisse, die mir in gewisser Hinsicht auch meine Grenzen aufzeigt.

Do we practise what we preach? Ich achte wieder vermehrt auf meine psychische Gesundheit. Kürzlich habe ich im Rahmen eines Kolloquiums an der Uni Leipzig zum Thema „Safe sport – safeguarding“ referiert. Ich nutzte das „Mehr an Zeit“ für eine gründliche inhaltliche Vorbereitung. Mein Fazit in eigener Sache: ich fühle mich grad mental sehr gesund!

Fit im „Herbst“. Leipzig, die DDR, (Sport-)Freunde aus dem Osten. Hier war ich schon vor der Wende, damals als Sportler und Sportstudent. Die Zeiten haben sich in mancherlei Hinsicht verändert. Geblieben ist der Spass an der Bewegung. Heute erlebe ich mich als Fitness-Sportler, der gerade die grosse Begeisterung für den tagtäglichen Sport wiederentdecken darf. 

Die „andere“ Perspektive. Ich verbringe viel Zeit mit Nachdenken, Tagträumen und Gedankenspielen. Ich schaue in die Vergangenheit, versuche dann wieder ganz bewusst im «Hier und Jetzt» zu sein. Oder ich wage einen Blick in die Zukunft, denke dabei an das ETH-Seminar „Fit für die Pensionierung“, welches ich vor meinem „Break“ besucht hatte. Mich umtreibt die Frage in Futur II-Form. Was ich dannzumal – in Richtung Pension – wohl gelebt haben werde?  

Karriereplanung für Sportpsycholog:innen. Zum Thema „Perspektive“ fällt mir gerade ein: Wer kümmert sich eigentlich um die Karriereplanung und -entwicklung der Sportpsycholog:innen? Wird das irgendwo behandelt, gelebt? Vielleicht könnte ich mich zukünftig um dieses wichtige (Forschungs-)Thema in meinem Berufsfeld kümmern!

Zeit haben – ein Privileg. Deutschland lebt gerade in einem ziemlichen Ausnahmezustand. Dieser treibt einen (medialen) Alarmismus, der mir tagtäglich vor Augen führt, welch’ aussergewöhnliches Privileg ich – ausgestattet mit freier Zeit und materieller Sicherheit – geniessen darf. Darin schwingt auch Demut mit.

Metaphern fürs Leben. Wenn ich mein Tun hier in Leipzig auf den kleinsten Nenner bringen möchte, könnte dieser lauten: ich lese und radle. Im Buch von Alexandra Schlüter (2022) «Rad, Land, Fluss» beschreibt die Autorin ihre Sehnsuchtsreise entlang der Elbe. Ich werde diese Gegend mit dieser wunderschönen Lebens-Metapher verlassen.

Das Ende in Sicht. Vielleicht das Wichtigste zum Schluss. Ich werde Ende Januar mit einer grossen Neugier in die Schweiz zurückkehren. Hier klingt mit, ob und wie es mir gelingen wird, liebgewonnene Erfahrungen in mein Alltagsleben zuhause zu integrieren. Schaffe ich dort auch die Entschleunigung meines Lebens? Ganz bestimmt werde ich mental gestärkt in mein sehr abwechslungsreiches Arbeitsleben einsteigen – verbunden mit der Vorfreude auf ein weiteres, zukünftiges Sabbatical!

Mehr zum Thema:

Quellen:

Csikszentmihalyi, M. (2015). Flow. Das Geheimnis des Glücks. 18. Aufl. Klett.

Gubelmann, H.-P. (2006). Analyse zentraler Aspekte der Umfeldgestaltung im Leistungssport: Eine Bedürfnisabklärung im Schweizer Spitzensport. Unveröf. Schlussbericht z.Hd. der ESK.

Hornby, N. (1996). High Fidelity. Indigo.

Schlüter, A. (2022). Rad, Land, Fluss. Eine Sehnsuchtsreise. München u.a.: Prestel.

Aufrufe: 1594

Dr. Rita Regös: Vor dem Spiel ist nicht während des Spiels

Was wurde schon nach dem ersten WM-Spiel der deutschen Fußball-Nationalmannschaft spekuliert: Hat die politische und mediale Debatte um die One-Love-Kapitänsbinde die Konzentration auf oder gar im Spiel gegen die Japan die Leistung negativ beeinflusst? Dr. Rita Regös hat dazu eine klare Meinung, die jeden Sportler und jede Sportlerin ernst nimmt und gleichzeitig Ausreden verbietet. Und dies in erfrischender Deutlichkeit:

Zum Thema: Aufmerksamkeitslenkung im Leistungssport

Spott, Genugtuung oder Schadenfreude sei Volkssport, behaupten böse Zungen aber es ist kein Sport. Mag man sich mit dem “Regenbogen-Statement“ identifizieren oder nicht, beim Fussball geht es um Fußballspielen, um Tore und Sieg. Es geht um Taktik, Ausdauer und Zusammenspiel. Verliert eine Mannschaft, dann war die andere einfach besser, mit oder ohne Mund-zuhalten, mit oder ohne Armbinde. Verlieren heißt weniger oder kein Tor und gewinnen heißt ein Tor mehr. Das Weglassen von politischen Statements macht einen Sportler nicht besser, das Mund-zuhalten macht ihn nicht schlechter. Beides passiert vor dem Spiel, relevant ist aber das Spiel selbst. Lässt sich ein Leistungssportler vom Drumherum ablenken, ist sein Statement wichtiger als sein Spiel. Er ist auf sein Spiel, auf seine Aufgabe, einfach nicht fokussiert – das ist definitiv ein Fehler im Hochleistungssport. 

Äußert er sich vor seinem Spiel politisch, spielt er sein Spiel aber hoch konzentriert, taktisch einwandfrei und voller Siegeswille – hat er sich auf seine Aufgabe fokussiert, sein Bestes gegeben, eben ein gutes Spiel gespielt. Das eine schließt also das andere nicht aus, genau genommen besteht nicht einmal ein zeitlicher Zusammenhang. Vor dem Spiel ist nämlich nicht während des Spiels. Sportler sind durchaus fähig ihre Aufmerksamkeit unabhängig von den Minuten vor Spielbeginn, nach Anpfiff, auf das Spiel zu lenken.  

Fokus auf die Leistung

Ein Athlet kann also ohne Meinungsäusserung grottenschlecht spielen und er kann seiner Meinung Ausdruck verleihen und hervorragend spielen – soweit er hervorragend spielen kann. Kann er das nicht, muss er sein Fußballspielen optimieren, nicht seine Meinungsäußerung. Also, was soll das? 

Man mag seiner oder anderer Meinung sein, sich äußern dürfen sich alle, auch Sportler. Zusammenhänge zwischen politischem Statement und schlechtem Spiel sind naheliegend, naheliegend laienhaft. Sie sind eben emotional, fernab einer rationalen Analyse, die zur Lösung des Problems beiträgt. Wären die Ursachen für schlechten Fußball politische Statements, wäre es ein Leichtes, sie wegzulassen und zu gewinnen. Dann könnten wir alle Weltmeister werden. 

Aus der Freude am Spiel

Das Drumherum ist also nicht unbedingt ein Spieler-Problem, sondern eher ein Zuschauer-Problem. Weniger medial, politisch aufgewirbelt und überbetont, würden wir uns auf gute Spiele freuen und sie auch gern ansehen. Möge der Bessere gewinnen, der Verlierer fair bleiben, der Ball öfter ins Tor fliegen – old school eben. Von Anpfiff zu Abpfiff einfach reiner Fußball, fernab anderer Probleme – eine Auszeit, eine Erholung, eine Freude – Schade, dass man neben all dem Trubel diese Zeichen der Zeit nicht auf dem Schirm hatte, nämlich die Freude der Zuschauer am Spiel im Fußballspiel. 

Mehr zum Thema:

Aufrufe: 40

In den Sand gesetzt: Kopfarbeit oder WM-Vorrunden-Aus? (von Dr. Hanspeter Gubelmann)

Eine sportliche Binsenwahrheit besagt: An einem WM-Fussballturnier kann man den Titel im ersten Spiel nicht gewinnen – diesen aber sehr wohl verlieren. Mit dieser Erkenntnis dürfte sich aktuell die deutsche Nationalmannschaft nach der Auftaktniederlage gegen Japan konfrontiert sehen. Zum sportlichen Ungemach gesellt sich zum allgemeinen Überdruss auch noch jede Menge sportpolitische Störaktionen im Umfeld. Schliesslich muss die Elf von Hansi Flick auch den Niederlagenfluch bei den vergangenen zwei Endrunden mit verdauen, was mediales Salz in die mentale Wunde der Spieler ist. Folge: eine Negativspirale beginnt zu drehen. (Zu) Viel Druck laste jetzt auf dem Team, so die Meinung aller. Nationalspieler Kai Havertz meinte dazu: „Jetzt zählt vor allem der Kopf!“

Diese „Kopfarbeit“ meint Erfolgstrainer Flick auch, wenn er von der notwendigen tiefgreifenden Spielanalyse spricht. Das ist gut und sinnvoll, wird aber nicht reichen, zumal die Quintessenz schnell gefunden ist: Hinten die individuellen Fehler abstellen und vorne mehr Effizienz! Nur so kann es am Sonntag gegen Spanien gelingen. Einverstanden! Noch mehr „Kopfarbeit“ auf den bereits überlasteten Denkapparat in den drei Tagen Vorbereitung erscheint jedoch wenig ratsam. Am Sonntag wird Deutschland auf ein junges, hungriges und spielfreudiges «Espana… con alegría y mucho gusto» treffen. Dem ein „wir sind spielstark“ und „hinten dicht und vorne Chancen nutzen“ entgegenzusetzen ist schlicht zu wenig. Flick dürfte gut beraten sein, auf ein anderes mentales Pferd zu setzen und dieses in intensiven, kurzen Einzelgesprächen zu satteln. Es gilt, JEDEN in seiner inneren Bereitschaft zu packen, Emotionen zu schüren, Energie und Stärke zu spüren, innere Haltung und Leidenschaft zu wecken – eben auch deutsche Tugenden in die Spieltaktik zu integrieren. Und: Der „70-Mio-Mann“ Havertz muss neben der Kopfarbeit noch eine andere Frage für sich geklärt haben. Wie viel bin ich MIR wert? Und bereit, leidenschaftlich zu leisten, um zum Sieg gegen Spanien beizutragen?

Bleibt die Gretchenfrage: Wer wird am Sonntag gewinnen? Offenes Spiel, würde ich sagen und mit einer Gegenfrage antworten: Wer hat mehr Bock auf den Kick? Deutschland oder Spanien?

Mehr zum Thema:

Aufrufe: 489

Frage und Antwort: Übergeben vor dem Wettkampf

Uns hat eine Anfrage eines Fußballers erreicht, der sich wiederholt direkt vor seinen Spielen übergeben muss. Ein Phänomen, welches nicht nur im Jugendleistungssport oder auf Profi-Ebene immer wieder präsent ist, sondern auch im Breiten- und Nachwuchssport vorzufinden ist. Umso wichtiger, dass wir diesen Ball aufnehmen. Zumal der Fußballer in seiner anonymen Anfrage unterstreicht, dass seine Mitspieler noch nichts von seinen Problemen mitbekommen haben dürften. Zumindest sei er noch nie darauf angesprochen worden.

Zum Thema: Wenn sich Stress körperlich äußert

Die konkrete Frage lautet: Ich bin ein junger Fußballer aus dem Leistungssportbereich. In den vergangenen Monaten kommt es immer wieder vor, dass ich mich direkt vor den Spielen übergeben muss. Grundsätzlich fühle ich mich gestresst, weiss, dass ich sportlich, wegen meiner Ausbildung und auch privat unter Druck stehe. Ich selbst habe auch hohe Anforderungen an mich. Aber im Moment leidet insbesondere meine Leistung. Inwiefern muss ich das Übergeben aber auch gesundheitlich ernst nehmen?

Klaus-Dieter Lübke Naberhaus

Antwort von: Klaus-Dieter Lübke Naberhaus (zum Profil)

Das Übergeben kann aus ganzheitlicher Betrachtungsweise als die Antwort des Körpers auf den Stress gesehen werden, dem sich der junge Sportler aussetzt. Jeder Mensch hat da sein eigenes sensibles System, in dem sich die dauerhafte Aktivierung der Stressachsen ausdrückt. Grundsätzliche Themen wie äußere und innere Stressoren sind schon benannt und werden anscheinend vom Sportler sogar schon so bewertet und reflektiert. Ein guter Ansatz, um an diesen Themen zu arbeiten.

Natürlich kann wiederholtes Übergeben neben den funktionalen Störungen auch zu strukturellen Schädigungen an den Organen führen ( z.B. Entzündungen der Speiseröhre, erhöhte Infektanfälligkeit durch Beeinträchtigung des pulmonalen Systems). Hier ist also eine ganzheitliche Unterstützung für den jungen Sportler zu empfehlen.

Yvonne Dathe

Antwort von: Yvonne Dathe (zum Profil)

Für mich klingt es sehr danach, dass dein Körper mit deiner aktuellen Stressbelastung überfordert ist. Ein Lösungsansatz wäre daher, durch ein systematisches Vorgehen die aktuellen Stressoren (= Situationen, die Stress auslösen) soweit wie möglich zu reduzieren bzw. einen gelassenen Umgang mit unvermeidbaren Stressoren zu erarbeiten, außerdem solltest du darauf achten deine Entspannungsfähigkeit wieder herzustellen. Um Schädigungen auf der körperlichen Ebene auszuschließen, ist es ratsam, dies von einem Arzt abklären zu lassen.

Deine Frage?

Wir von Die Sportpsychologen sind für dich da. Und weil wir wissen, dass manchmal eine kleine Schwelle im Weg steht, Kontakt zu einem “Psychologen”, einer “Psychologin” oder einer/einem “MentaltrainerIn” zu suchen, machen wir einen Schritt auf dich zu. Wenn du also auch eine Frage an uns loswerden möchtest, dann nutz dafür das folgende Formular.

    Mit der Nutzung dieses Formulars erklärst du dich mit der Speicherung und Verarbeitung deiner Daten durch diese Website einverstanden. Deine Name, deine Mailadresse und deine Telefonnummer werden nicht veröffentlicht.

    Wichtig zu wissen: Manche Fragen und deren Antworten veröffentlichen wir nicht. Wir treten dann mit den jeweiligen FragestellerInnen persönlich in Kontakt. Dies behalten wir uns für Fälle vor, in denen die Anonymität nicht gewährleistet werden kann oder das angestoßene Thema besser im geschützten Raum besprochen wird. Zudem gilt: Unsere Antworten können nicht mehr als Anstösse liefern. Anstösse, von denen du als Leser oder Leserin ableiten kannst, wie wir von Die Sportpsychologen ticken und was wir so machen.

    Mehr zum Thema:

    Aufrufe: 53

    In den Sand gesetzt: Deutsch-argentinische Schönrederei (von Cristina Baldasarre)

    Die Herausforderungen sind gross an dieser WM. Zu viele politische Stressfaktoren, mit denen alle Spieler konfrontiert werden. Leider. Dazu scheinen Teams wie Deutschland oder auch die Argentinier ihre Auftaktgegner Japan und Saudi Arabien unterschätzt oder sich überschätzt zu haben… Zur eigenen und zur Überraschung der Fußballwelt. In der ARD holte TV-Experte und 2014er Weltmeister Bastian Schweinsteiger mit Blick auf die deutsche Mannschaft kräftig aus und forderte, dass das gegenseitige Schulterklopfen beendet werden solle. Stattdessen schade es auch nicht, wenn sich Spieler mal anschreien würden. 

    Schönrederei ist im Sport nicht selten. Ich nenne das ‚sich die Stärken schön- und besser-reden…. ‘. Dabei hatten doch alle deutschen Nationalspieler, auch diejenigen, die in Katar zum ersten Mal dabei sind, die Erinnerungen an die schlechten Turnierleistungen noch nicht vergessen. Am Mittwoch fehlte wohl, so weit das aus der Ferne zu beobachten war, der Realitäts-Check. Und, ohne zu sehr ins Detail zu gehen, vielleicht auch die entsprechende gegnerspezifische Taktik, vor allem nach der Strategieänderung von Japan in der zweiten Halbzeit. Oder die Kühle im Abschluss. Mental wäre im Laufe von Hälfte zwei ein Selbstvertrauens-Booster nötig gewesen. Plus, wegen der schwierigen Umfeldsituation, mentale Techniken, um sich aktiv einen fiktiven Schutzmantel anzuziehen. Zum Beispiel eine bildliche Vorstellung einer Grenze zwischen Spielfeld und Aussenwelt. Ob es innerhalb dieser Grenzen auch erlaubt wäre, sich frei nach Schweinsteiger anzuschreien? Vielleicht. Aber wessen Schreie werden schon gehört, wenn sich die Spieler schon vor Anpfiff den Mund zu halten? Aber halt, das ist ungerecht: Die stumme Ansage an die FIFA fand ich gut. Sowie das Schweigen der Iraner. Und trotz allem ist noch WM und das ist hoch bedeutungsvoll für die Spieler. Während den Partien gilt es also – allen Widrigkeiten zum Trotz – den Fokus für diese 90 Minuten herzustellen. Und für die beiden vorerst verbliebenen Gruppenspiele der Deutschen und Argentinier gilt dies umso mehr, denn das sind jetzt Endspiele.

    Mehr zum Thema:

    Aufrufe: 77

    In den Sand gesetzt: Heute fühle ich mich infantil! (von Dr. Hanspeter Gubelmann)

    Gianni Infantinos Rede vom 19. November wird in den Medien als bizarre Ansprache, als katastrophale und arrogante Rede bezeichnet. Was als Fifa-Pressekonferenz gedacht war, gerät zum einstündigen Monolog, der geprägt ist von Arroganz, Aggressivität und Machtgehabe. Es scheint, als würde Infantino den Propagandaminister von Katar spielen wollen. Am Ende wird er die Anderen als „gemein“ bezeichnen und spielt dabei auf seine Befindlichkeit an, als Infantino noch infantil in der Schule gehänselt und gemobbt worden sei.  

    Mobbing in der Schule ist niemandem zu wünschen. Entwicklungspsychologisch interessant wäre zu ergründen, wie aus dem gehänselten Walliser Schüler von damals DER Fifa-Machtmensch von heute werden konnte? Die knallharte öffentliche Kritik scheint Infantino gleichermassen wahrzunehmen wie damals: Schuld sind die Bösen, die Gemeinen, die „Anderen“. Aus der differentiellen Psychologie wissen wir, dass gekränkte Machtmenschen oftmals mit narzisstischen Verhaltensweisen reagieren und dabei sehr gerne (und bewusst!) DIE Geschichte verdrehen. Diese Menschen kümmert der wahre Inhalt der Geschichte wenig, vielmehr umtreibt sie das Beherrschen des Gegenübers. Heute fühle ich mich Trump.

    Mehr zum Thema:

    Aufrufe: 71

    In den Sand gesetzt: Thomas Müller (von Prof. Dr. Oliver Stoll)

    Thomas Müller ist ein Athlet, durch und durch! Ein Vorzeigesportler, der alles hat, was einen erfolgreichen Fußballer ausmacht. Fußball war und ist sein Leben und er durchlief im Rahmen seiner Karriere alles, was der deutsche Fußball an Entwicklungsmöglichkeiten zu bieten hatte. Schon als D-Junior genoss er die Ausbildung beim FC Bayern München, bei dem er nach wie vor spielt. Und er hat alles erreicht, was ein Fußballspieler erreichen kann: Deutscher Meister, Champions-League. Sieger, Nationalmannschaft, Weltmeister, „Comeback-Nationalspieler“. Aktuell ist er in Katar und gibt Interviews. Unter anderem eines, bei dem er dem geneigten Fußballfan erklärt, dass es auch in Deutschland Menschenrechtsverletzungen gibt. Vermutlich meint er damit, dass man in Katar mit einer humanistischen Grundhaltung und den damit verbundenen Gesetzen noch nicht so weit ist. Und er hofft auf die Arbeit der Sportspitzenverbände.

    Moment? Was hat er gesagt? In Deutschland gibt es auch Menschenrechtsverletzungen? Dabei ist Deutschland ein Vorzeigeland in Sachen Demokratie, Humanismus und Akzeptanz von Diversität! Wie kommt er denn auf diese Idee? Sportpsychologisch betrachtet schauen wir da gerne auf die Entwicklung von Talenten im Leistungssport. Das Leistungssportsystem ist hierarchisch aufgebaut, leistungsorientiert und verlangt den jungen Menschen so einiges „Inhumanes“ ab. Wir Sportpsycholog*innen vertreten (in der Regel) ein humanistisches Menschenbild und wir wünschen uns den „autonomen und mündigen Athleten“, der sich selbstbestimmt und frei entwickeln kann. Wie sieht das in der Realität aus? Und da muss ich wieder an Thomas Müller denken und, dass es in Deutschland seiner Meinung nach auch Menschenrechtsverletzungen geben soll. Und, dass er auf den Transfer von Normen und Werte der Verbände hoffe, die dieser WM zugestimmt haben. Na dann hoffen wir mal gemeinsam mit Herrn Müller. 

    Quelle

    https://www.youtube.com/watch?v=KKU7KnxH5kA

    Mehr zum Thema:

    Aufrufe: 119

    In den Sand gesetzt: Werte im Fußball (von Dr. Hanspeter Gubelmann)

    Als vor zwölf Jahren geldgetriebene Wahnsinnige die Fussball-WM nach Katar brachten, dürfte sich der damals 15-jährige Bochumer Leon Goretzka kaum Gedanken zur Sinnhaftigkeit eines derartigen Events im Wüstenstaat gemacht haben. Das wahrhaftig werdende orientalische Märchen vor Augen kommt der Fussballstar nicht umhin, diesen Sinn-entfremdeten Weltspielen sinnstifende Bedeutung zu verleihen. Ob es der Mittelfeldspieler des Katar-gesponserten FC Bayern will oder nicht: seine Stellungnahme gerät zum vielbeachteten (sport-)politischen Manifest.

    Dass sich Sportler:innen in einem derart aufgeheizten Klima medial äussern, ist letztlich ihnen belassen. Sportpsychologisch relevant ist hingegen die individuelle, innere Haltung, mit der er nun die klimatisierten Fussballarenen betritt. Für Goreztka scheint sein sinnstiftender Weg zum Anpfiff über eine unmissverständliche Ansage zu führen. Es sei richtig, nach Katar zu fahren und dort „für unsere Werte einzutreten“. Sinnloses zu begründen, liegt ihm dabei fern, Sinnhaftigkeit aus dem eigenen Tun dagegen sehr nahe.

    Mehr zum Thema:

    Quelle

    https://sport.sky.de/fussball/artikel/wm-2022-leon-goretzka-mit-deutlicher-katar-ansage/12748295/34942

    Aufrufe: 1601