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Dr. René Paasch: Freie Bahn nur für mental Starke?

Ein aktueller WDR Sport Inside Beitrag „Jungprofis in der Bundesliga: Noch früher ins Rampenlicht“ sorgt für Aufsehen. Im Film von Matthias Wolf wird die Regeländerung kritisch beleuchtet, nach der in der Fußball-Bundesliga zukünftig ohne jegliche Einschränkung bereits 16-Jährige Kicker zum Einsatz kommen dürfen. Diese Veränderung hat Borussia Dortmund angestossen. Ein Verein, der zunehmend auf junge internationale Talente setzt. Aber zu welchem Preis? Zu dieser Frage wurde unter anderem Dr. René Paasch von Die Sportpsychologen (zum Profil) befragt. Wir empfehlen an dieser Stelle den Beitrag, der unter anderem auf Sportschau.de oder über die Sportschau-App zur Verfügung steht:

Zum TV-Beitrag: https://www1.wdr.de/mediathek/video/sendungen/sport-inside/video-jungprofis-in-der-bundesliga-noch-frueher-ins-rampenlicht-100.html

Dr. René Paasch im Interview (Screenshot WDR Sport Inside, Verwendung bewilligt via Medikament-TV)

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Bildquelle: Screenshot WDR Sport Inside, Verwendung bewilligt via Medikament-TV

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Prof. Dr. René Paasch: Eine Studie zeigt, dass Führung Teams nicht unbedingt besser macht, sondern stabiler

Erfolg wird im Fußball meist an einzelnen Ergebnissen gemessen: Sieg oder Niederlage, Punkte, Tabellenplatz. Im Saisonverlauf zeigt sich jedoch häufig, dass Leistungen von Spiel zu Spiel schwanken. Wer über längere Zeit mit Teams arbeitet, erkennt schnell, dass diese Perspektive zu kurz greift. Entscheidend ist nicht nur, wie gut ein Team an einem Spieltag performt, sondern wie stabil es über Wochen und Monate hinweg agiert.

Zum Thema: Warum gute Trainer ihre Teams nicht besser machen, sondern stabilisieren

Die Untersuchung basiert auf einer längsschnittlichen Analyse von zehn Teams aus dem semi- und professionellen Fußball im DACH-Raum. Ergänzt wurde dies durch mehr als 1.500 tägliche Spielberichte über den Verlauf einer Saison hinweg. Die Analysen zeigen konsistente Zusammenhänge: Führungsverhalten steht weniger mit kurzfristigen Leistungssteigerungen in Verbindung, sondern vielmehr mit einer Reduktion von Leistungsschwankungen und einer stabileren Entwicklung von Teamleistungen. Zusammengefasst lässt sich festhalten:

„Gute Führung macht Teams nicht unbedingt besser, aber sie sorgt dafür, dass sie seltener schlecht spielen.“

Was stabilisiert die Leistung im Team?

Die Daten deuten darauf hin, dass Führung ihre Wirkung nicht direkt auf die Leistung entfaltet, sondern über zentrale psychologische Teamressourcen vermittelt wird. Zwei Aspekte stehen dabei im Vordergrund: psychologische Sicherheit und kollektive Selbstwirksamkeit.

Psychologische Sicherheit beschreibt ein Teamklima, in dem Fehler offen angesprochen werden können und Kommunikation auch unter Druck nicht abbricht. Forschung zeigt, dass solche Kontexte adaptives Lernen und koordiniertes Handeln begünstigen (Edmondson, 1999; Newman et al., 2017).

Kollektive Selbstwirksamkeit hingegen verweist auf das gemeinsame Vertrauen eines Teams in die eigene Fähigkeit, auch schwierige Situationen erfolgreich zu bewältigen. Diese Überzeugung wirkt insbesondere in kritischen Spielphasen stabilisierend und reduziert die Wahrscheinlichkeit von Leistungseinbrüchen (Bandura, 1997; Feltz et al., 2008).

Beide Ressourcen entwickeln sich nicht zufällig, sondern entstehen aus wiederkehrenden Mustern im Führungsverhalten.

Die zentralen Zusammenhänge lassen sich wie folgt zusammenfassen:

Abb. 1 Konzeptuelles Modell der Zusammenhänge zwischen PERMA-orientiertem Führungsverhalten, psychologischen Teamressourcen und der Stabilität der Teamleistung im Wettkampfkontext (basierend auf eigener Feldstudie; kein Kausalmodell).

Führung ist Verhalten, nicht nur Haltung

Die Studie orientiert sich am PERMA-Modell der Positiven Psychologie. Entscheidend ist dabei jedoch weniger die abstrakte Theorie als deren konkrete Umsetzung im Trainings- und Wettkampfalltag. Führung zeigt sich nicht in einzelnen Momenten, sondern in konsistenten Verhaltensmustern: in der Art und Weise, wie Trainer auf Fehler reagieren, wie sie unter Druck kommunizieren, ob sie den Fokus auf kontrollierbare Aufgaben lenken und inwiefern sie Fortschritte sichtbar machen. Führung wird damit weniger zu einer Frage der Haltung als zu einer Frage der Verlässlichkeit.

Leistung unter Druck

Ein zentraler Kontextfaktor ist der Wettkampfdruck. Gerade in entscheidenden Spielsituationen wird sichtbar, ob Teams in der Lage sind, ihre psychologischen Ressourcen aufrechtzuerhalten. Teams mit stabilen Prozessen brechen unter Druck seltener ein, nicht, weil sie weniger gefordert sind, sondern weil sie besser mit der Situation umgehen können.

Wie Führung im Alltag wirksam wird

Vor diesem Hintergrund lassen sich konkrete Implikationen für die Praxis ableiten.

Ein zentraler Ansatzpunkt liegt im Umgang mit Fehlern. Ein konsistenter, nicht-bestrafender Reaktionsstil stärkt die psychologische Sicherheit und ermöglicht es Spielern, auch unter Druck handlungsfähig zu bleiben (Edmondson, 1999). Entscheidend ist dabei weniger die einzelne Intervention als die Wiederholbarkeit des Verhaltens.

Eng damit verbunden ist die gezielte Steuerung von Aufmerksamkeit. Unter Belastung tendieren Spieler dazu, den Fokus auf das Ergebnis zu richten, was die Entscheidungsqualität beeinträchtigen kann. Eine aufgabenorientierte Fokussierung hingegen stabilisiert sowohl kognitive als auch motorische Prozesse (Wulf, 2013; Wulf & Lewthwaite, 2016). In der Praxis bedeutet dies, den Blick konsequent auf die nächste konkrete Handlung zu lenken.

Darüber hinaus erweist sich der Aufbau kollektiver Selbstwirksamkeit als zentraler Hebel. Diese entsteht nicht durch Appelle, sondern durch gemeinsam bewältigte Situationen und deren bewusste Reflexion (Bandura, 1997). Trainer können diesen Prozess unterstützen, indem sie erfolgreiche Bewältigungserfahrungen im Team sichtbar machen und einordnen.

Schließlich spielt die Konsistenz im Führungsverhalten eine entscheidende Rolle. Inkonsistente Reaktionen erzeugen Unsicherheit, während verlässliche Kommunikationsmuster Orientierung bieten. Studien aus der Sportpsychologie zeigen, dass ein solches Führungsverhalten mit stabileren Teamprozessen einhergeht (Ntoumanis & Standage, 2012; Arthur et al., 2017).

Die zentralen Implikationen lassen sich abschließend auf einen einfachen Kern verdichten:

Kernaussage 

Leistung im Fußball entsteht nicht nur durch individuelle Qualität oder taktische Maßnahmen. Sie ist immer auch das Ergebnis von Teamprozessen und diese werden maßgeblich durch Führung geprägt.

„Gute Trainer machen Teams nicht nur besser. Sie sorgen dafür, dass Leistung auch unter Druck stabil bleibt.“

Einordnung der Ergebnisse

Die oben dargestellte Abbildung fasst die identifizierten Zusammenhänge in Form eines konzeptuellen Modells zusammen. Dabei handelt es sich ausdrücklich nicht um ein Kausalmodell, sondern um die strukturierte Darstellung empirischer Zusammenhänge, die im Rahmen einer Feldstudie im realen Wettkampfkontext beobachtet wurden. Die zugrunde liegenden Ergebnisse basieren auf einer längsschnittlichen Untersuchung im semi- und professionellen Fußball im DACH-Raum. Analysiert wurden Daten von insgesamt zehn Teams aus ersten, zweiten und vierten Ligen über den Verlauf einer Saison hinweg, ergänzt durch mehr als 1.500 tägliche Spielerberichte, die eine differenzierte Betrachtung von Führungsverhalten, psychologischen Teamprozessen und deren Zusammenhang mit der Stabilität von Teamleistungen ermöglichen.

Zur veröffentlichten Studie 

Die vollständige Studie wurde im Fachjournal Frontiers in Psychology veröffentlicht und ist hier abrufbar: https://doi.org/10.3389/fpsyg.2026.1833589 

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Literatur

Bandura, A. (1997). Self-efficacy: The exercise of control. W. H. Freeman and Company.
Edmondson, A. (1999). Psychological safety and learning behavior in work teams. Administrative Science Quarterly, 44(2), 350–383. https://doi.org/10.2307/2666999

Feltz, D. L., Short, S. E., & Sullivan, P. J. (2008). Self-efficacy in sport: Research and strategies for working with athletes, teams, and coaches. Human Kinetics.

Ntoumanis, N., & Standage, M. (2012). Motivation in sport: A self-determination perspective. In G. Tenenbaum, R. C. Eklund, & A. Kamata (Eds.), Measurement in sport and exercise psychology (pp. 115–126). Human Kinetics.

Arthur, C. A., Hardy, L., & Woodman, T. (2012). Realising the Olympic dream: Vision, support and challenge. Reflective Practice, 13(3), 399–406. https://doi.org/10.1080/14623943.2012.670112

Newman, A., Donohue, R., & Eva, N. (2017). Psychological safety: A systematic review of the literature. Human Resource Management Review, 27(3), 521–535. https://doi.org/10.1016/j.hrmr.2017.01.001

Wulf, G. (2013). Attentional focus and motor learning: A review of 15 years. International Review of Sport and Exercise Psychology, 6(1), 77–104. https://doi.org/10.1080/1750984X.2012.723728

Wulf, G., & Lewthwaite, R. (2016). Optimizing performance through intrinsic motivation and attention for learning: The OPTIMAL theory of motor learning. Psychonomic Bulletin & Review, 23(5), 1382–1414. https://doi.org/10.3758/s13423-015-0999-9

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Wolfgang Seidl:  Mirra Andreevas Notizbuch – Ein einfaches Werkzeug mit großer Wirkung

Trainings- und Matchtagebücher gehören zu den Werkzeugen, die ich meinen Athleten regelmäßig empfehle. Umso spannender war es, bei den French Open zu beobachten, wie Mirra Andreeva während der Pausen immer wieder ihr Notizbuch zur Hand nahm. Dahinter steckt weit mehr als nur das Festhalten von Gedanken, es ist eine wirksame Strategie für Fokus und Selbststeuerung unter Druck.

Zum Thema: Journaling im Tennis

Bei den diesjährigen French Open war immer wieder zu beobachten, wie Mirra Andreeva, die spätere Siegerin, während der Satzpausen in einem Notizbuch blätterte. Was auf den ersten Blick unscheinbar wirkt, ist in Wahrheit ein hochinteressantes mentales Werkzeug.

Andreeva bereitet für jedes Match eigene Notizen vor. Auf mehreren Seiten sammelt sie Informationen über ihre Gegnerin, hält taktische Überlegungen fest und notiert Gedanken, die ihr helfen sollen, in schwierigen Situationen den Fokus zu behalten. Auf die Frage nach ihrem Notizbuch erklärte sie: „Wenn ich nervös bin oder mich einfach an etwas erinnern möchte, öffne ich das Notizbuch und sehe, was ich dort geschrieben habe.“

Warum ich Athleten zum Schreiben ermutige

Genau diese Methode empfehle ich auch vielen Athletinnen und Athleten, mit denen ich arbeite. Trainings- und Matchtagebücher sind weit mehr als eine Sammlung von Erinnerungen. Sie helfen dabei, Entwicklungen sichtbar zu machen, Erfahrungen festzuhalten und die eigene Aufmerksamkeit bewusst zu steuern.

Für die Nachbereitung von Trainings und Wettkämpfen arbeite ich gerne mit der sogenannten 3:1-Regel. Dabei werden nach einer Einheit mindestens drei positive Aspekte und ein Verbesserungspunkt notiert. Viele Sportler neigen dazu, ihre Aufmerksamkeit ausschließlich auf Fehler zu richten. Die 3:1-Regel schafft einen bewussten Gegenpol und fördert eine realistische sowie konstruktive Reflexion.

Das Notizbuch während des Matches

Noch spannender wird das Notizbuch jedoch während eines Wettkampfes. Gerade im Tennis bieten die Pausen zwischen den Seitenwechseln die Möglichkeit, kurz innezuhalten und sich wieder auf das Wesentliche auszurichten.

In einem solchen Notizbuch können beispielsweise folgende Punkte festgehalten werden:

  • meine Stärken unter Druck
  • körperliche Anzeichen von Anspannung
  • taktische Erinnerungen
  • Reset-Routinen
  • Atemtechniken
  • motivierende Zitate
  • wichtige Erkenntnisse aus vergangenen Matches

Wenn Druck den Fokus verändert

Warum kann das so wirksam sein? Eine mögliche Erklärung liefert die sogenannte Ablenkungshypothese. Der Sportpsychologe Robert Nideffer beschrieb bereits 1992, dass sich die Aufmerksamkeit von Athleten unter Druck häufig von aufgabenrelevanten auf aufgabenirrelevante Gedanken verschiebt. Statt sich auf die Umsetzung der Taktik oder den nächsten Ballwechsel zu konzentrieren, kreisen die Gedanken um mögliche Fehler, Konsequenzen oder die Bewertung durch andere.

Spätere Forschungen von Hardy und Kollegen sowie Mullen und Kollegen stützen diesen Ansatz. Angst und Druck können das Arbeitsgedächtnis belasten und die Konzentration auf die entscheidenden Informationen erschweren. Die Folge: Die Leistung sinkt nicht aufgrund mangelnder Fähigkeiten, sondern weil die Aufmerksamkeit in die falsche Richtung gelenkt wird.

Ein Anker für die Aufmerksamkeit

Genau hier kann ein Notizbuch helfen. Es fungiert als externer Anker für die Aufmerksamkeit. Der Blick auf einige wenige, bewusst ausgewählte Notizen erinnert den Athleten daran, worauf es jetzt ankommt. Anstatt sich in Sorgen oder negativen Gedanken zu verlieren, wird der Fokus zurück auf die Aufgabe gelenkt.

Besonders für junge Sportler kann dies ein wertvoller Baustein sein. Sie befinden sich häufig noch im Aufbau ihres mentalen Werkzeugkastens und sammeln erste Erfahrungen mit Drucksituationen auf hohem Niveau. Ein Notizbuch ersetzt dabei keine mentale Stärke, es hilft jedoch, vorhandene Stärken genau dann abrufbar zu machen, wenn sie am meisten gebraucht werden.

Mein Praxistipp

Wer mit einem Trainings- oder Matchtagebuch beginnen möchte, sollte es einfach halten. Nach dem Training oder Wettkampf reichen oft wenige Minuten. Notiere drei Dinge, die gut gelungen sind, und einen Bereich, den du verbessern möchtest. Ergänze die wichtigen Erkenntnisse, mentale Schlüsselwörter oder persönliche Erinnerungen für zukünftige Drucksituationen.

Vielleicht liegt die eigentliche Stärke von Mirra Andreevas Notizbuch deshalb nicht in den Informationen, die darin stehen. Sondern darin, dass es ihr in entscheidenden Momenten hilft, sich an das zu erinnern, was sie bereits weiß.

Kontakt

Wer mehr darüber wissen möchte, ist beim Netzwerk Die Sportpsychologen genau richtig: Sicher findet ihr einen meiner Kollegen oder eine Kollegin in eurer Nähe (zur Übersicht) – oder meldet euch gern bei mir (zum Profil von Wolfgang Seidl).

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Nathalie Klingebiel: Wie ein kleiner Kreis im Padel den Unterschied machen kann

„Im Padel kommt es stark auf die Technik an.“ Mit diesem Satz hat sich vermutlich jeder schon mal konfrontiert gesehen, der sich in irgendeiner Weise mit dieser Sportart beschäftigt hat. Und natürlich hat das auch seine Berechtigung. Worauf es aber mindestens genauso ankommt, um auf dem Court erfolgreich zu sein, sind die eigene Aufmerksamkeit sowie der Umgang mit Druck. 

Gerade im Padel können diese Faktoren sogar über Sieg oder Niederlage entscheiden. Ein Match ist geprägt von kurzen Ballwechseln – eine Achterbahn der Emotionen ist meistens vorprogrammiert. Direkte Reaktionen sind sofort sichtbar und können mitunter den nächsten (technischen) Fehler begünstigen. Das führt schnell zu einem hohen Einfluss der eigenen Gedanken auf den nächsten Punkt oder die nächste Aktion. 

Zum Thema: Unter Druck verlieren viele Spieler nicht ihre Technik — sondern ihre Aufmerksamkeitssteuerung.

Padel ist also ein sehr druckreicher und fehleranfälliger Sport. Dass Fehler passieren, lässt sich natürlich nicht vermeiden, geschweige denn kontrollieren. Was aber sehr wohl in der eigenen Kontrolle liegt, ist die bewusste Entscheidung, wie man mit Druck und Fehlern umgehen will. Besonders relevant ist dabei die Steuerung der eigenen Aufmerksamkeit, denn: In Druckmomenten richten Spieler ihre Aufmerksamkeit oft auf Dinge, die sie eben nicht kontrollieren können. 

Aufmerksamkeitsfresser:

• Spielstand

• mögliche Niederlage

• Bewertung anderer

• Konsequenzen

• „Wir dürfen jetzt nicht verlieren“

• Gegner

• vergangene oder potenzielle Fehler

Drei Sekunden nach dem Fehler entscheiden oft über die nächsten drei Punkte.

Am Beispiel von Fehlern lässt sich sehr gut skizzieren, wie diese die Aufmerksamkeit und den Fokus negativ beeinflussen können.  

Dieser richtet sich dann nämlich auf den vergangenen Punkt und mögliche Konsequenzen. Infolgedessen kommt es zu Selbstkritik und Angst vor dem nächsten Fehler. Dadurch entsteht meist simultan ein Gefühl von Kontrollverlust. In solchen Momenten geht es also darum, den Fokus wieder zurück auf das zu lenken, was man selbst kontrollieren kann und in der eigenen Hand hat. Das kann z.B. folgendes sein: 

• nächste bewusste Entscheidung,

• Positionierung,

• Atmung,

• Routine,

• Kommunikation,

• Mut,

• Körpersprache

Der Kreis der Kontrolle

Als extrem starker Anker kann dabei der „Kreis der Kontrolle“ dienen. Dieser hilft dabei, gedanklich einzuordnen, was innerhalb des Kreises und somit der eigenen Kontrolle liegt und was im Gegensatz dazu außerhalb des Kreises und dementsprechend außerhalb der eigenen Kontrolle liegt. Er fungiert also quasi wie ein kurzer Check, worüber es sich „lohnt“ Gedanken zu machen und worauf man somit seine Aufmerksamkeit lenken sollte. 

Das ist im Padel unglaublich relevant, weil enge Situationen oft nicht technisch, sondern attentional kippen.

So könnte deine Padel-Match-Routine aussehen:

1. Fehler passiert

2. Aufmerksamkeit kippt

3. Kontrollverlust entsteht mental

4. Reset-Routine = Rückkehr in den Kontrollkreis

Feedback

Probiert diese Routine gern aus und notiert eure Gedanken dazu. Nehmt damit Kontakt zu meinen Kollegen oder Kolleginnen in eurer Nähe (zur Übersicht) oder zu mir (Profil von Nathalie Klingebiel) auf.

Mehr Interesse an Padel? www.padel-wissen.de

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Wolfgang Seidl:  Wenn der Kopf nicht frei ist, leidet der Körper

Jannik Sinner gilt als einer der Shootingstars des Welttennis, und gleichzeitig als jemand, der gelernt hat, auf seinen Körper und Kopf zu hören. Nach intensiven Turnierwochen entscheidet er immer wieder bewusst, wann und wo er wieder einsteigt. Auch Novak Djokovic zeigt, dass mentale und körperliche Erholung längst Teil seiner Erfolgsstrategie ist. Zwei Beispiele, die erkannt haben: Regeneration ist keine Pause – sie ist Teil des Trainings. Denn obwohl laut Herwig Straka, Turnierdirektor der Erste Bank Open in Wien, die reine körperliche Belastung auf der Tour nicht höher ist als früher, scheinen sich Verletzungen und mentale Krisen zu mehren. „Die Spieler nehmen heute an weniger Turnieren teil als früher. Thomas Muster etwa spielte in seiner Zeit 30 Turniere im Jahr“, sagt Straka. Warum klagen also einige Profis mehr oder minder öffentlich über Überlastung?

Zum Thema: Mentale Belastung im Tennis

Die Anforderungen haben sich verschoben. Nicht mehr allein der Schlägerarm entscheidet über Sieg oder Niederlage, sondern die mentale Belastbarkeit im Alltag eines globalen Markenbotschafters.

Topspieler stehen heute 24 Stunden im Fokus – auf Social Media, bei Sponsorenterminen, in der Öffentlichkeit. Jeder Post, jedes Interview, jede Geste wird bewertet. Hinzu kommen Reisen über Zeitzonen hinweg und ständige Anpassung an neue Bedingungen. Was früher eine körperliche Herausforderung war, ist heute oft eine mentale Daueranspannung. Herwig Straka bringt es auf den Punkt: „Wenn der Kopf nicht frei ist, leidet auch die körperliche Erholung.“

Mentale Erschöpfung – die unsichtbare Verletzung

Viele Verletzungen entstehen nicht nur durch Muskelüberlastung, sondern durch mentale Ermüdung. Wer ständig unter Druck steht, schläft schlechter, regeneriert langsamer und reagiert später. Der Körper folgt dem Geist, und wenn der Geist nicht abschaltet, verliert der Körper seine natürliche Balance.

Im Tennis, wo Reaktionszeit, Präzision und Emotion eine zentrale Rolle spielen, kann dieser mentale Verschleiß schnell in körperliche Probleme münden. Die Statistik zeigt: Immer mehr Spieler müssen Matches aufgeben oder Turniere absagen, nicht wegen fehlender Fitness, sondern wegen Erschöpfung.

Warum alte Vergleiche nicht greifen

Früher galt: mehr spielen, härter trainieren, weiterkämpfen. Doch dieser Vergleich hinkt. Ein Thomas Muster oder Pete Sampras lebten in einer analogen Welt, ohne Social Media, ohne ständige öffentliche Bewertung. Nach einem Match gab es Rückzugsmöglichkeiten. Heute ist der Tennissport Teil eines permanenten Medienzyklus, in dem Stille fast schon Luxus ist.

Der Unterschied: Früher war der Körper am Limit. Heute ist es oft der Kopf.

Bewusster Umgang mit Energie – das neue Erfolgsprinzip

Novak Djokovic lebt vor, dass mentale Erholung gleichbedeutend mit Training ist. Er integriert Meditation, Atemtechniken und Visualisierung in seinen Alltag und betont, dass mentale Klarheit entscheidend für seine Konstanz ist. Das hilft ihm, auch als 39-Jähriger noch Teil der Weltspitze zu sein.

Auch Jannik Sinner zeigt, dass bewusstes Planen ein Erfolgsfaktor ist: Er verzichtet gezielt auf Turniere, achtet auf Ruhephasen und gestaltet seinen Jahresplan so, dass er körperlich und mental im Gleichgewicht bleibt. Diese Haltung zeigt: Mentale Stärke bedeutet heute nicht nur Fokus und Disziplin, sondern auch die Fähigkeit, rechtzeitig Nein zu sagen.

Mentale Lösungen für mehr Erholung

Wer auf höchstem Niveau bestehen will, muss mentale Erholung aktiv gestalten. Einige bewährte Ansätze:

  1. Achtsamkeit trainieren
    Bewusst innehalten – beim Frühstück, im Flugzeug, vor dem Match. Achtsamkeit stärkt Präsenz und Erholungsfähigkeit.
  2. Digitale Grenzen setzen
    Social-Media-Pausen bewusst einplanen. Nicht jede Nachricht verdient Aufmerksamkeit. Mentale Energie ist kostbar.
  3. Bewusstes Reisen
    Kleine Rituale helfen, den Übergang von Turnier zu Turnier zu meistern, Musik, Atemübungen, kurze Meditationen.
  4. Mentale Regenerationsroutinen
    Abendliche Reflexion, Dankbarkeit oder Atempausen fördern emotionale Entspannung und Schlafqualität.
  5. Selbstverantwortung stärken
    Mental Health ist kein Zeichen von Schwäche, sondern Ausdruck professioneller Selbstführung.

Fazit: Der freie Kopf als Erfolgsfaktor

Die körperliche Belastung im Tennis ist beherrschbar, die mentale Belastung ist zur großen Herausforderung geworden. Wer heute an der Spitze bestehen will, braucht mehr als Technik und Athletik. Es braucht Bewusstheit, Selbstführung und die Fähigkeit, loszulassen.

Nur wer den Kopf frei hat, kann auch den Körper wirklich erholen. Wer daran arbeiten will, ist Beim Netzwerk Die Sportpsychologen genau richtig: Sicher findet ihr einen meiner Kollegen oder eine Kollegin in eurer Nähe (zur Übersicht) – oder meldet euch gern bei mir (zum Profil von Wolfgang Seidl).

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Danijela Bradfisch: Die Emotionsblume blüht im Nachwuchssport

Emotionen spielen im Sport eine zentrale Rolle, da sie Motivation, Konzentration, Entscheidungsfähigkeit und Leistung maßgeblich beeinflussen. Besonders im Nachwuchsleistungssport befinden sich Athletinnen und Athleten in einer Phase intensiver persönlicher und sportlicher Entwicklung. Sie müssen lernen, mit Erfolgen, Misserfolgen, Leistungsdruck und Erwartungen umzugehen. Sportpsychologische Betreuung verfolgt daher das Ziel, emotionale Kompetenzen zu fördern und junge Sportler dabei zu unterstützen, ihre Gefühle wahrzunehmen, zu verstehen und konstruktiv zu regulieren.

Zum Thema: Umgang mit Emotionen im Nachwuchssport

Die Emotionsblume stellt ein visuelles Modell dar, das verschiedene Emotionen und deren Intensitätsstufen in einer blütenförmigen Struktur zeigt. Im Zentrum befinden sich grundlegende emotionale Zustände wie Begeisterung, Bewunderung, Erschrecken oder Betrübtheit. In den äußeren Bereichen erscheinen intensivere oder differenziertere Gefühle wie Optimismus, Enttäuschung oder Hass. Durch diese Darstellung wird deutlich, dass Emotionen unterschiedliche Abstufungen und Übergänge besitzen und nicht isoliert auftreten.

Emotionen beeinflussen sportliche Leistungen erheblich. Positive Emotionen wie Freude, Begeisterung oder Vertrauen können Motivation, Selbstvertrauen und Konzentration fördern. Negative Emotionen wie Angst, Ärger oder Enttäuschung können hingegen leistungshemmend wirken, gleichzeitig aber auch Energie mobilisieren, wenn sie konstruktiv genutzt werden. Nach der kognitiven Emotionstheorie entstehen Emotionen durch die Bewertung einer Situation (Lazarus, 1991). Im sportlichen Kontext bedeutet dies, dass Athleten beispielsweise denselben Wettkampf entweder als Herausforderung oder als Bedrohung wahrnehmen können, was unterschiedliche emotionale Reaktionen hervorruft.

Förderung emotionaler Kompetenzen

Ein zentrales Ziel sportpsychologischer Betreuung ist die Entwicklung emotionaler Kompetenzen. Dazu gehört zunächst die Fähigkeit zur emotionalen Wahrnehmung, also das Erkennen eigener Gefühle in Trainings- und Wettkampfsituationen. Darauf aufbauend lernen Athleten, Emotionen differenziert zu benennen und ihre Intensität einzuschätzen. Schließlich entwickeln sie Strategien zur Emotionsregulation, beispielsweise durch Atemtechniken, Selbstgespräche, Visualisierung oder Routinen vor Wettkämpfen. Diese Fähigkeiten stehen in engem Zusammenhang mit dem Konzept der emotionalen Intelligenz (Salovey & Mayer, 1990; Goleman, 1995).

Die Emotionsblume kann in der sportpsychologischen Praxis auf verschiedene Weise eingesetzt werden. Nach Training oder Wettkampf können Athleten aus der Emotionsblume die Emotion auswählen, die ihre aktuelle Gefühlslage am besten beschreibt. Dies unterstützt die Reflexion eigener Erfahrungen. Vor Wettkämpfen kann die Emotionsblume genutzt werden, um die aktuelle emotionale Ausgangslage zu erkennen. Darüber hinaus kann sie als Gesprächsgrundlage zwischen Athleten, Trainern und Sportpsychologen dienen und die Kommunikation über Gefühle erleichtern.

Übung für die Praxis

Für die Begleitung von Kindern/Jugendlichen empfehle ich folgende Übung – mit Fokus auf Gefühlsausdruck, Zutrauen und inneren Raum. Nehmt gern Kontakt auf, wenn dazu Fragen entstehen.

1. Der Raum-Atem

So geht’s:

Eine Hand auf den Bauch, eine auf das Herz legen. Langsam durch die Nase einatmen. Beim Ausatmen vorstellen, dass im Bauch mehr Platz entsteht.

Begleitende Worte:

„Mit jedem Atemzug wird es in dir weiter. Deine Gefühle haben Platz.“

2. Das Gefühle schütteln

So geht’s:

Aufstehen und Arme, Beine, Schultern locker ausschütteln – erst langsam, dann schneller, dann wieder langsam. Zum Schluss kurz stillstehen.

Begleitende Worte:

„Alles darf sich bewegen. Nichts muss festgehalten werden.“

3. Der Gefühls-Check-in

So geht’s:

Ruhig sitzen oder liegen. Sanft fragen: „Wo spürst du gerade etwas in deinem Körper?“ „Ist es eher groß oder klein?“ 

Optional darf das Gefühl eine Farbe oder Form bekommen.

4. Der sichere Rückzug

So geht’s:

Das Kind rollt sich klein zusammen wie eine Schildkröte. Tief einatmen. Beim Ausatmen die Arme langsam öffnen.

Begleitende Worte:

„Du darfst dich schützen. Und du darfst dich wieder öffnen – in deinem Tempo.“

5. Die Herz-Verbindung (ACHTUNG – Erst VORHER um Erlaubnis des Kindes fragen und die Eltern über diese Übung aufklären !!)

So geht’s:

Wenn es sich gut anfühlt: eine Hand des Kindes und eine der Bezugsperson auf das Herz des Kindes legen. 3–5 Atemzüge gemeinsam atmen.

Begleitende Worte:

„Du bist nicht allein mit deinen Gefühlen. Ich bin da.“

Hinweis: Diese Übungen laden ein, nichts zu erzwingen. Gefühle dürfen kommen und gehen. Manchmal reicht es, gemeinsam zu atmen.

Pädagogische Bedeutung

Der Nachwuchssport verfolgt nicht nur leistungsorientierte Ziele, sondern auch pädagogische. Die bewusste Arbeit mit Emotionen unterstützt die Persönlichkeitsentwicklung junger Athleten. Sie lernen, mit Druck, Niederlagen und Erwartungen umzugehen, entwickeln Selbstvertrauen und stärken ihre sozialen Kompetenzen. In diesem Sinne trägt sportpsychologische Betreuung sowohl zur Leistungsentwicklung als auch zur ganzheitlichen Entwicklung von Nachwuchsathleten bei.

Fazit

Die Emotionsblume stellt ein anschauliches und praxisnahes Instrument dar, um emotionale Prozesse im Nachwuchsleistungssport sichtbar zu machen. Sie unterstützt Athleten dabei, ihre Gefühle besser wahrzunehmen, zu benennen und zu reflektieren. In Kombination mit sportpsychologischen Methoden kann sie einen wichtigen Beitrag zur Entwicklung emotionaler Kompetenzen leisten und somit sowohl die sportliche Leistung als auch die persönliche Entwicklung junger Sportlerinnen und Sportler fördern.

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Mehr zum Thema:

Literatur

Weinberg, R. S., & Gould, D. (2019). Foundations of Sport and Exercise Psychology. Champaign: Human Kinetics.

Lazarus, R. S. (1991). Emotion and Adaptation. Oxford: Oxford University Press.

Salovey, P., & Mayer, J. D. (1990). Emotional intelligence. Imagination, Cognition and Personality, 9(3), 185–211.

Goleman, D. (1995). Emotional Intelligence. New York: Bantam Books.

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Die beste Zeit für Sportpsychologie: Kurz nach Saisonende

Wir bei Die Sportpsychologen werden häufig gefragt, ob denn jetzt eigentlich ein guter Zeitpunkt sei, mit der Sportpsychologie zu beginnen? Schauen wir uns das genauer an. Warum ist vielleicht gerade das Saisonende, also die Phase kurz nach den letzten Spieltagen oder Wettkämpfen, der perfekte Zeitpunkt?

Yvonne Dathe, Die Sportpsychologen
Yvonne Dathe, Die Sportpsychologen

Antwort von: Yvonne Dathe (zum Profil)

Das Saisonende ist aus mehreren Gründen ein idealer Zeitpunkt, um mit sportpsychologischer Arbeit zu starten:

  1. Reflexion und Analyse
    Nach Abschluss der Saison sind Sportler oft motiviert, ihre Leistung zu reflektieren. Sie können offen über Erfolge, Misserfolge und Herausforderungen sprechen, was eine ehrliche und tiefgehende Analyse ermöglicht.
  2. Geringer Leistungsdruck
    Da keine unmittelbaren Wettkämpfe anstehen, besteht weniger Leistungsdruck. Das schafft eine entspanntere Atmosphäre, in der Sportler sich besser auf psychologische Themen konzentrieren können, ohne Angst vor Ablenkung oder zusätzlicher Belastung.
  3. Zielsetzung für die nächste Saison
    Der Zeitraum eignet sich ideal, um klare und realistische Ziele für die kommende Saison zu formulieren. Sportpsychologische Methoden können dabei helfen, Motivation zu steigern und Strategien zur Zielerreichung zu entwickeln.
  4. Bearbeitung von Belastungen und Stress
    Während der Saison sammeln sich oft mentale Belastungen an. Jetzt können diese Themen aufgearbeitet werden, bevor sie in der nächsten Saison zu Problemen führen.
  5. Aufbau von mentalen Fähigkeiten
    In der Saisonpause ist Zeit, um mentale Techniken wie Konzentrationsübungen, Stressmanagement oder Visualisierung zu trainieren, die dann im kommenden Wettkampfzyklus angewendet werden können.
  6. Integration in Trainingsplanung
    Sportpsychologische Arbeit kann gut mit dem Trainingsplan für die Vorbereitung auf die nächste Saison abgestimmt werden, da noch keine Wettkämpfe anstehen und Anpassungen leichter möglich sind.

Zusammengefasst: Das Saisonende ist ein günstiger Moment, weil Sportler Zeit zur Reflexion haben, weniger unter Druck stehen und sich mental auf die nächste Phase vorbereiten können. So wird die sportpsychologische Arbeit wirksamer und nachhaltiger.

Danijela Bradfisch, Die Sportpsychologen
Danijela Bradfisch, Die Sportpsychologen

Antwort von: Danijela Bradfisch (zum Profil)

Erfahrungen sind noch frisch – mentale Stärken und Probleme der Saison lassen sich direkt analysieren. Da keine Wettkämpfe mehr anstehen, haben alle Beteiligten mehr Zeit. Es entsteht Raum für Reflexion und gezielte mentale Entwicklung und wiederkehrende Muster (Leistungsschwankungen, Nervosität oder Umgang mit Drucksituationen, ggf. durch Videoanalysen) können sichtbar gemacht werden. Das bietet die Chance, neue mentale Routinen aufbauen zu können. Konzentration, Selbstvertrauen und Umgang mit Druck lassen sich stressfreier trainieren und mit Konsequenzen in Testspiele angewendet werden. Die Motivation zur Veränderung ist hoch, denn nach der Saison ist der Wunsch nach Weiterentwicklung oft besonders groß. Dies gilt auch für die Volition, den Willen der Handlungsabsicht. Es ist eine optimale Zeit für den Start mit der Sportpsychologie: Mentale und körperliche Stärke können frühzeitig aufgebaut und ausgebaut werden, statt erst in Krisen darauf reagieren zu müssen.

Prof. Dr. René Paasch, Die Sportpsychologen
Prof. Dr. René Paasch, Die Sportpsychologen

Antwort von Prof. Dr. René Paasch (zum Profil):

In dieser Phase sind Erfahrungen und Emotionen noch sehr präsent. Erfolg, Druck, Enttäuschung oder Konflikte können deutlich ehrlicher reflektiert werden als mitten im Wettkampfbetrieb. Viele Athletinnen und Athleten sind nach der Saison erstmals bereit, nicht nur über Leistung, sondern auch über Belastung, Motivation oder persönliche Entwicklung zu sprechen. Genau hier kann Sportpsychologie helfen, Erfahrungen sinnvoll einzuordnen und daraus nachhaltige Entwicklungsprozesse entstehen zu lassen. 

Ich erinnere mich an einen Fußballspieler, der während der Saison nach außen immer stabil wirkte und jede Woche „funktionierte“. Erst wenige Tage nach dem letzten Spiel sagte er im Gespräch plötzlich: „Eigentlich habe ich seit Monaten nur noch Druck gespürt und kaum noch Freude am Fußball gehabt.“ Genau solche Momente entstehen häufig erst nach Saisonende. Der Wettkampfdruck fällt etwas ab und dadurch wird echte Reflexion überhaupt erst möglich.

 

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Mehr zum Thema:

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Anke Precht: Psychologische Selbsthilfe nach Trainingssturz

Streckentraining vor dem Cross Country Weltcup, dabei ein Sturz. Glück gehabt, könnte man sagen. Lieber im Training als im Rennen. Stimmt. Ist aber nicht nur im Mountainbike-Sport zu kurz gedacht. Gerade bei Stürzen auf der Rennstrecke unmittelbar vor einem Rennen bleibt für das Rennen Unsicherheit: Bin ich für diesen Streckenabschnitt wirklich gut vorbereitet? Könnte sich der Sturz im Rennen wiederholen? 

Zum Thema: Umgang mit Stürzen am Beispiel von XCO im Mountainbike 

Gerade, wenn nicht klar ist, was zu dem Sturz geführt hat, neigen Athleten dazu, im Rennen genau da vorsichtig zu fahren, wo sie im Training gestürzt sind. Vorsicht ist an sich nichts Schlechtes, aber für das nötige Tempo auf der Strecke für die Bestleistung schädlich. Und auch für die Konzentration. Denn wer vorsichtig fährt, im Bewusstsein eines möglichen Sturzes, muss aus dem Tunnel, also aus dem Flow. Das langsame Gedächtnis löst das schnelle ab, Information wird nun seriell verarbeitet und nicht mehr komplex und automatisiert, die endlos trainierten Reflexe greifen nicht mehr so gut. Dadurch kann sich das Verletzungsrisiko sogar erhöhen, anstatt abzunehmen.

Was tun nach einem Trainingssturz, wenn der Sportpsychologe nicht vor Ort ist?

Ich empfehle, gerade in Situationen, in denen weder ich noch ein Kollege oder eine Kollegin vor Ort ist, folgende Handlungsoptionen:

  • Spannung herausnehmen: An den Sturz denken, gleichzeitig tief und langsam atmen, mit der Betonung auf dem Ausatmen. Das beruhigt das Nervensystem und nimmt die Spannung aus dem kürzlich Erlebten.
  • Mentale Timeline-Arbeit: Noch einmal zurückschauen zum Training. Dann umdrehen und nach vorne schauen. Das Rennen vorstellen, das stattfinden wird, sich dabei auf der Strecke sehen, wie man sie fahren möchte. Darin sollten Informationen aus dem Training enthalten sein, zum Beispiel: Welche Linie werde ich fahren, damit ich sicher durch den Rock Garden komme?
  • An Ressourcen anknüpfen: Vielleicht ist der Athlet diese Strecke im Wettkampf ja schon einmal erfolgreich gefahren, zum Beispiel im Vorjahr? Dann daran erinnern, möglichst mit allen Sinnen. Auch das hilft dabei, die negative Erfahrung zu „überschreiben“ und an die bereits trainierten Fähigkeiten anzuknüpfen.
  • Wenn möglich: Strecke nochmal abfahren, vor allem den Abschnitt mehrmals, wo es zum Sturz gekommen ist, dieses Mal erfolgreich und sauber – das hilft dabei, die negative Erfahrung zu „überschreiben“ und gibt Sicherheit für das Rennen.

Wer persönliche Unterstützung benötigt, dem stehe ich (zum Profil von Anke Precht) oder die Experten und Expertinnen von Die Sportpsychologen (zur Übersicht) gern zur Verfügung. 

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Klaus-Dieter Lübke Naberhaus: Julian Nagelsmanns Teambuilding-Aufgabe

„Neuer“ oder „Koan Neuer“? Das war eine der Fragen, mit der sich Bundestrainer Julian Nagelsmann ganz offensichtlich in den vergangenen Wochen schwer tat. In jedem Fall lässt sich die Kommunikation- und Pressearbeit aus der Kommandozentrale des DFB-Nationalteams durchaus kritisieren. Entsprechend elektrisiert reagieren die deutschen Medien auf die Kaderzusammenstellung vor der Fußball-WM im Sommer 2026 in den USA, Kanada und Mexiko. Auch wir bei Die Sportpsychologen wurden mehrfach gebeten, mögliche Zusammenhänge zu erklären.

Zum Thema: Teambuilding

Klaus-Dieter Lübke Naberhaus nutzte ein Interview mit dem Radiosender WDR 5, um die Phasen des Teambuildings zu skizzieren. Die nominelle Kaderzusammenstellung ordnet er dabei eher dem Design zu und betont, dass die wesentliche Arbeit jetzt beginnt. Bis zum Start der Weltmeisterschaft Mitte Juni gehe es darum, aus den Einzelspielern eine funktionale Einheit zu Bilder. Mehr dazu im Radio-Interview:

https://www1.wdr.de/mediathek/audio/wdr5/wdr5-morgenecho-interview/audio-fussball-wm-was-macht-ein-erfolgreiches-team-aus-100.html

Angebot

Du bist selbst Trainer oder Trainerin einer Auswahlmannschaft oder eines Club-Teams und stehst ebenso vor der Herausforderung, aus Individuen eine optimale Gruppe zu formen? Wir von Die Sportpsychologen helfen dabei gern – im Hintergrund oder Seite an Seite. Nimm gern zu Klaus (zum Profil von Klaus-Dieter Lübke Naberhaus) oder unseren Experten und Expertinnen in deiner Nähe (zur Übersicht) Kontakt auf.

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Thorsten Loch: Weg vom Einheitsdenken in der Fußballausbildung

Ein Jugendfußballturnier am Wochenende: Viele Spiele, viele Teams – und doch wirkt es, als sähe man immer wieder das Gleiche. Strukturiertes Aufbauspiel, abgesicherte Formationen, kaum Dribblings oder riskante Aktionen. Was zählt, ist das Funktionieren des Systems. Wer auffällt, stört. Schnell wird dann der Ruf nach den sogenannten „Persönlichkeiten“ laut. SpielerInnen, die mutig sind, die anders denken, die mit Kreativität und Instinkt Spiele entscheiden können. Doch wo sind sie geblieben – die Ansgar Brinkmanns, die Straßenfußballer, die unverwechselbaren Typen, die sich nicht in ein Schema pressen lassen?

Zum Thema: Wie können junge AthletInnen so gefördert werden, dass ihre individuelle Stärke Raum bekommt – statt sie früh in taktische Systeme einzupassen?

„Wir müssen im Nachwuchs weg vom taktisch orientierten Denken und hin zur Entwicklung von Spezialisten.“ Mit diesem klaren Statement im kicker hat Eintracht-Sportvorstand Markus Krösche vor Monaten genau diesen Eindruck auf den Punkt gebracht – und damit eine Diskussion angestoßen, die weit über den Fußball hinausreicht.

Denn eines ist klar: Die jungen FußballerInnen von heute sind technisch nicht schlechter ausgebildet – im Gegenteil, die Trainingsmöglichkeiten sind moderner und vielfältiger denn je. Aber warum zeigen sie es nicht? Was hindert sie daran, ihre Kreativität, ihre Instinkte, ihre Stärken wirklich auszuspielen?

Makro-Ebene: Strukturen und Systeme

Ein Blick auf die Nachwuchsausbildung in Deutschland zeigt: Vieles dreht sich um Ordnung, Taktik und mannschaftliche Geschlossenheit. Schon in jungen Jahrgängen zählt, ob eine U15 „funktioniert“. Spielsysteme werden einstudiert, kollektive Abläufe perfektioniert. Der individuelle Ausdruck einzelner SpielerInnen – ein riskantes Dribbling, ein mutiger Abschluss, ein kreativer Pass – gerät dabei oft in den Hintergrund.

Die sportwissenschaftliche Forschung unterstreicht, warum das problematisch ist. Das Modell des Long-Term Athlete Development (Balyi & Hamilton, 2004) betont, dass Talente alters- und entwicklungsgerecht gefördert werden müssen. Gerade die Balance zwischen allgemeinen Grundlagen und individueller Spezialisierung entscheidet darüber, ob sich langfristig Spitzenleistungen entwickeln.

Côté et al. haben im Developmental Model of Sport Participation (Côté, 1999; Côté, Baker & Abernethy, 2007) gezeigt, dass vor allem die Phase des freien Spiels („deliberate play“) entscheidend für Kreativität und Spielintelligenz ist. Wer zu früh in starre Systeme gezwungen wird, verliert jene Freiräume, die für die Ausbildung unverwechselbarer Spielertypen nötig sind.

Auch das Konzept des bewussten, zielgerichteten Übens („deliberate practice“) von Ericsson et al. (1993) ist hier zentral. Die Grundidee – dass intensives, fokussiertes Üben Voraussetzung für Expertise ist – gilt weiterhin als anerkannt. Neuere Arbeiten (Macnamara et al., 2014; Hambrick et al., 2016) machen jedoch deutlich: deliberate practice allein reicht nicht. Entscheidend sind zusätzlich Faktoren wie Talent, Motivation und die Qualität des Umfelds. Für die Talententwicklung bedeutet das: Strukturiertes Training ist wichtig – aber ohne Spielräume für Kreativität bleibt es unvollständig.

Gerade im Fußball gibt es dazu empirische Evidenz. Hornig, Aust & Güllich (2016) konnten nachweisen, dass deutsche Top-SpielerInnen im Jugendalter vor allem durch variable Spiel- und Praxiserfahrungen geprägt waren. Wer vielfältiger gefordert und ausprobierend spielen durfte, hatte langfristig bessere Chancen, im Profibereich Fuß zu fassen.

Eine aktuelle Studie im deutschen Talentpfad bestätigt diese Sicht: Hauser et al. (2024) zeigen, dass die Qualität des sozialen Klimas im Nachwuchsleistungszentrum entscheidend mit der Entwicklung von Talenten zusammenhängt. Systeme, die zu stark auf kurzfristige Ergebnisse ausgerichtet sind, hemmen dagegen das langfristige Entwicklungspotenzial.

„To play with freedom was the motto at the time.“

Ein Beispiel liefert Jamal Musiala, der über seine Jugendzeit in England berichtet:„To play with freedom was the motto at the time.“ In England lernte er, individuelle Technik zu nutzen, Eins-gegen-Eins-Situationen zu suchen, kreativ zu sein – auch mit dem Risiko, Fehler zu machen. Diese Erfahrungen sagen viel darüber aus, wie wichtig Freiräume sind, gerade in frühen Jahren. (Musiala taking inspiration from England’s youth teams for Germany | World Cup 2022 | The Guardian– Musiala selbst betont auch, dass dies sein persönlicher Weg war; nicht alle Jugendakademien funktionieren so.) 

Foto: Canva IA

Mikro-Ebene: Psychologische Perspektive

Während die strukturelle Ebene zeigt, wie stark Systeme die Entwicklung prägen, rückt die psychologische Ebene das Individuum in den Mittelpunkt. Besonders die Selbstbestimmungstheorie (Deci & Ryan, 1985; Ryan & Deci, 2000; Ryan & Deci, 2017) bietet hier ein klares Erklärungsmodell: Menschen sind dann motiviert und entwickeln ihr Potenzial, wenn drei Grundbedürfnisse erfüllt sind – Autonomie, Kompetenz und soziale Eingebundenheit.

  • Autonomie: Wer eigene Entscheidungen treffen und Stärken einbringen darf, erlebt Selbstbestimmung. Werden SpielerInnen nur taktisch eingeengt, sinkt ihre intrinsische Motivation (Ryan & Deci, 2017).
  • Kompetenz: Wer in seiner Rolle Fortschritte erlebt – etwa als Stürmer, Spielmacher oder Verteidiger – steigert das Gefühl, etwas Besonderes beizutragen (Deci & Ryan, 2000).
  • Soziale Eingebundenheit: Wenn TrainerInnen und MitspielerInnen diese Stärken wertschätzen, steigt die Bindung an Team und Sport (Ryan & Deci, 2017).

Wissenschaftliche Befunde bestätigen die Praxisrelevanz: Vallerand (2007) zeigt, dass erfüllte psychologische Grundbedürfnisse die intrinsische Motivation und die Bereitschaft zu Verantwortung im Sport verstärken. Aktuelle Studien belegen zudem, dass Motivation nicht stabil bleibt, sondern dynamisch mit der erlebten Trainingsumgebung zusammenhängt. So konnten Rodrigues et al. (2024) in einer Längsschnittstudie im Jugendfußball nachweisen, dass die anfängliche Freude am Spiel und ein unterstützendes Klima maßgeblich bestimmen, ob SpielerInnen über eine Saison hinweg motiviert bleiben.

Auch soziale Unterstützung ist ein Schlüsselfaktor: Wachsmuth et al. (2025) zeigen, dass Jugendliche Motivation und Bindung besonders dann entwickeln, wenn sie Rückhalt von TrainerInnen, Eltern und Team spüren. Diese Ergebnisse unterstreichen: Individuelle Förderung bedeutet nicht nur technische Ausbildung, sondern vor allem psychologische Rahmung.

Fazit

Markus Krösches Kritik verweist auf mehr als nur eine taktische Frage: Es geht um die Grundhaltung in der Talentförderung. Wer individuelle Stärken erkennt und gezielt entwickelt, schafft nicht nur Spezialisten für bestimmte Positionen – sondern auch motivierte, selbstwirksame Persönlichkeiten.

Individuelle Förderung ist kein Widerspruch zum Teamgedanken – sie ist sein Fundament. Denn nur wenn SpielerInnen erleben, dass ihre besonderen Fähigkeiten gesehen und geschätzt werden, sind sie bereit, in entscheidenden Momenten Verantwortung zu übernehmen.

Praktischer Hinweis: 

Für TrainerInnen im Alltag bedeutet das: Neben den taktischen Vorgaben lohnt es sich, Trainingseinheiten bewusst mit Freiräumen zu gestalten. Kleine 1-gegen-1-Formate, kreative oder offene Spielformen fördern nicht nur Technik, sondern auch Autonomie und Mut. Oft reicht schon ein kurzer Teil der Einheit, um SpielerInnen das Gefühl zu geben: Hier darf ich mich oder eine Idee ausprobieren.

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Literaturverzeichnis

Balyi, I., & Hamilton, A. (2004). Long-Term Athlete Development: Trainability in childhood and adolescence.

Côté, J., Baker, J., & Abernethy, B. (2007). Practice and play in the development of sport expertise. In S. J. Singer, H. A. Hausenblas & C. M. Janelle (Eds.), Handbook of Sport Psychology (3. Aufl.), 184-202.

Deci, E. L., & Ryan, R. M. (1985). Intrinsic Motivation and Self-Determination in Human Behavior.

Ericsson, K. A., Krampe, R. T., & Tesch-Römer, C. (1993). The role of deliberate practice in the acquisition of expert performance. Psychological Review, 100(3), 363-406.

Hauser, L.-L., Höner, O., & Wachsmuth, S. (2024). Links between environmental features and developmental outcomes of elite youth athletes: A cross-sectional study within the German talent pathway. Psychology of Sport & Exercise, 71, 102569.

Hornig, M., Aust, F., & Güllich, A. (2016). Practice and play in the development of German top-level professional football players. European Journal of Sport Science, 16(1), 96-105.

Rodrigues, F., Monteiro, D., Matos, R., Jacinto, M., Antunes, R., & Amaro, N. (2023). Motivation among teenage football players: A longitudinal investigation throughout a competitive season. European Journal of Investigation in Health, Psychology and Education, 13(9), 1717-1727.

Rodrigues, F., Monteiro, D., Matos, R., Jacinto, M., Antunes, R., & Amaro, N. (2024). Exploring the dynamics of athletes’ enjoyment and self-determined motivation, and of the motivational climate in youth football: A longitudinal perspective. Perceptual & Motor Skills, 131(2), 551-567.

Ryan, R. M., & Deci, E. L. (2000). Self-determination theory and the facilitation of intrinsic motivation, social development, and well-being. American Psychologist, 55(1), 68-78.

Vallerand, R. J. (2007). Intrinsic and extrinsic motivation in sport and physical activity. In G. Tenenbaum & R. C. Eklund (Eds.), Handbook of Sport Psychology (3. Aufl.), 59-83.

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Björn Korfmacher: Wenn Erfolg aufs Glatteis führt

Das enttäuschende Abschneiden der deutschen Eishockey-Nationalmannschaft bei Olympia 2026 ist noch gar nicht lang her, da droht jetzt bei der Eishockey-WM in der Schweiz schon das nächste Fiasko. Mit null Punkten nach den ersten drei Spielen ist der Einzug in die K.o.-Runde mindestens gefährdet. Es ist bereits die Rede von unserer größten WM-Pleite seit 89 Jahren. Und das – Vorsicht, Ironie! – nachdem wir auf dem besten Weg zur Eishockey-Übermacht waren. Wie konnte es nur so weit kommen? 

Zum Thema: Der Zusammenhang von Teamidentität und Leistungspotential

Mit Olympia-Silber 2018, WM-Silber 2023 und Namen wie Draisaitl, Stützle oder Seider, die der NHL, der besten Eishockeyliga der Welt, ihren Stempel aufdrücken, schien das deutsche Eishockey im internationalen Vergleich endgültig ganz oben angekommen zu sein. Für die WM-Endrunde, auch wenn die allergrößten Stars diesmal fehlen, hieß das Minimalziel Viertelfinale. Weltmeister? Durchaus möglich! Die deutsche Eishockey-Nationalmannschaft kann jeden schlagen. So hörte man in der letzten Zeit immer wieder. Und prompt blieben die großen Erfolge aus. Ein Zufall? 

Ich denke nicht. Am stärksten spielte die deutsche Eishockey-Nationalmannschaft immer dann, wenn man ihr nicht so viel zugetraut hatte. In der Rolle des Underdogs. Mit bescheidenen, aber realistischen Zielen. Da ist ein Muster zu erkennen: Die Mannschaft entfaltet ihr Potenzial vor allem aus der Außenseiterrolle heraus, während hoher Erwartungsdruck ihre Leistungsfähigkeit sichtbar hemmt. Ist es im Sinne der Leistungsbereitschaft und des Kampfgeistes also besser, eine Haltung aus Bodenständigkeit, Arbeitsmoral und Wachsamkeit einzunehmen als aus einem Gefühl vermeintlicher Überlegenheit zu agieren?

Gut möglich, aber da ist in meinen Augen noch etwas …

Aufgesetzte Identität

Vielleicht ist es eine Unterstellung – aber dennoch stelle ich hier mal eine kühne Behauptung zur Diskussion: Die deutsche Nationalmannschaft bekommt neuerdings etwas eingeredet, was sie nicht ist. Was ich damit meine: Die meisten deutschen Nationalspieler sind im internationalen Vergleich mit den Top-Nationen weder brillante Techniker noch herausragende Skater. Die deutsche Nationalmannschaft steht nicht für spielerische Eleganz, Finesse und ausgeprägte Skill-Sets. Und dennoch haben wir, angefangen bei den Fans, den Fachleuten bis mindestens zu den Medien, nach den jüngeren Erfolgen womöglich versucht, genau das der Mannschaft und ihren Spielern zu verkaufen – vollends am eigentlichen und wahrhaftigen Potenzial vorbei. Aber einer aufgesetzten Identität gerecht zu werden, ist immer schwer bis unmöglich. Echte Potenzialentfaltung kann nur da passieren, wo Authentizität herrscht und man sich seiner ureigenen Stärken bewusst ist. Für die deutsche Eishockey-Nationalmannschaft heißt das aus meiner Sicht: Disziplin, Kampfgeist, mannschaftliche Geschlossenheit, Effizienz statt Spektakel.  

Vielleicht schafft die deutsche Eishockey-Nationalmannschaft es ja in diesem Turnier noch, sich auf ihre guten alten Tugenden zu besinnen und allen zu zeigen, wozu sie fähig ist. In der Sportpsychologie raten wir diesbezüglich gern zur Ehrlichkeit, ungeschminkten Wahrheiten und dem Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten.

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