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Philippe Müller: Den Sommer sinnvoll nutzen

Periodisierte Trainingsprogramme gehören im Sport zum Alltag. Auch im Skisport wird strukturiert trainiert. Im Sommer bereiten sich die Wintersportler/innen auf die kommende Saison vor. Die Basis in Kraft und Ausdauer wird gelegt. Es bietet sich an, in dieser Trainingsphase auch in das psychologische Training zu investieren.

Zum Thema: Der Einsatz des mentalen Trainings

Eine präzise Bewegungsvorstellung ist eine der wichtigsten Voraussetzungen im Leistungssport. Diese kann durch mentales Training, oft auch als Visualisierungstraining bezeichnet, gefördert werden. Dabei durchläuft der Athlet gedanklich eine Abfolge von Bewegungsmustern, ohne die Bewegung praktisch auszuführen. Die Qualität der Visualisierung kann an unterschiedlichen Kriterien überprüft werden. Ein solches Maß ist die ‚Lebendigkeit‘ der Vorstellung. Die Bewegung sollte nicht lediglich als Film ablaufen, sondern am ganzen Leibe gespürt werden: den Druck in den Knien und Oberschenkeln, wenn die Kurve gefahren wird, das Geräusch, wenn die Kante des Skis im Schnee zu greifen beginnt.

Die Vorstellungsfertigkeit muss, wie jede Technik, erlernt und trainiert werden. Deshalb bietet es sich an, im Sommer die Grundlagen zu schaffen. Die Bewegungsabläufe werden zu diesem Zweck genau analysiert. Anschließend wird für die Bewegung ein detaillierter Ablaufplan erstellt, welcher schlußendlich mental geübt wird. Es empfiehlt sich, die Analyse und Ausarbeitung in Zusammenarbeit mit dem Trainer und Sportpsychologen durchzuführen, um die Qualität zu steigern und sich keine falschen Bewegungsabläufe anzueignen.

Das mentale Training kann zu unterschiedlichen Zielstellungen eingesetzt werden. Es dient nicht aussließlich zur Wettkampfvorbereitung, sprich dem Visualisieren einer bestimmten Rennstrecke. Es kann auch, wie oben beschrieben, zur Optimierung von Bewegungsmustern eingesetzt werden.

Da viele Wintersportarten vom Wetter (Schnee oder Eis) abhängig sind, kann das Visualisierungstraining zudem als Alternative zum Schneetraining betrieben werden. Vor allem bei Bewegungen, die eine hohe Belastung für den Körper darstellen, ist der Einsatz des mentalen Trainings zur Belastungsreduktion und somit zur Verletzungsprophylaxe, sinnvoll.

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Philippe Müller: Die Trainerpersönlichkeit

Das Anforderungsprofil und die Tätigkeiten eines/r Trainers/in haben sich in den letzten Jahren stark verändert. Die Leistung des/r Sportlers/in ist jedoch noch immer der Mittelpunkt der Arbeit geblieben. Zu einem erfolgreichen Team gehören aber beide Seiten. Der/die Tainer/in sollte nicht nur ihre/n Athleten/in, sondern auch sich selber gut kennen.

Zum Thema: Wie gut sollte sich ein Trainer selber kennen?

Die Anforderungen an einen modernen Trainer sind vielseitig. Die Trainingsplanung und -durchführung sind schon lange nicht mehr die einzigen Bestandteile seiner Tätigkeit. Die Koordinationsaufgaben mit Schule und Eltern nehmen zu. Die Zeit, als die Eltern ihre Schützlinge lediglich im Training absetzten, ist vorbei. Die Zahl der „problematischen“ Eltern nimmt zu. Sie meinen alles besser zu wissen und machen die Zusammenarbeit zwischen Trainer/in und Athlet/in nicht einfacher – und natürlich auch zwischen Trainer/in und Eltern. Der Druck auf die Ausbilder und Sportler steigt. Doch wie geht der Trainer damit um? In der Ausbildung haben Taktik und Technik Priorität. Hilfe und Lösungen für solche und ähnliche Probleme werden selten angeboten. Was gehört zu den Aufgaben eines/r Trainers/in? Ist diese/r für alles zuständig? Viele Trainer/innen haben auf diese Fragen keine Antwort. Ihren Nachwuchs kennen sie in- und auswendig. Wie sieht es aber mit dem Selbstbild aus? Zu selten setzten sie sich mit sich selber und der eigenen Persönlichkeit auseinander. Einige mögen hier entgegnen, dass es schließlich um die Sportler und nicht um die Trainer geht. Aber ist dies nicht die falsche Antwort?! Wie will sich ein/e Trainer/in mit den Athleten/innen auseinandersetzen, wenn er/sie nicht einmal sich selber kennt? Die Trainerpersönlichkeit hat auch immer einen Einfluss auf die Qualität der Arbeit mit den Sportler/innen. Ich stelle somit die Frage in den Raum: Müssten nicht mehr Ressourcen in die Persönlichkeitsentwicklung der Trainer/innen gesteckt werden, damit sie mit den Anforderungen besser zurecht kommen?

Meiner Meinung nach sollte jede/r Trainer/in sich folgende Fragen stellen:

– Wer bin ich und wer will ich sein (Trainer/innen sind große Vorbilder für den Nachwuchs)?

– Was gehört zu meinen Aufgaben?

– Was habe ich für Ressourcen (Stärken) um meine Arbeit zu meistern?

– Wo sind meine Schwächen und was bereitet mir Mühe?

– Wo kann ich mir die nötige Unterstützung holen?

Zu den oben aufgeführten Fragen der Persönlichkeitsentwicklung der Trainer/innen kann die Sportpsychologie Hilfestellung leisten. Das sportpsychologische Setting ermöglicht es, sich neben leistungsthematischen Aspekten auch dem Trainer/in und seiner/ihrer Persönlichkeit zu widmen. In der Zusammenarbeit mit dem Trainer würde ich ihn im ersten Schritt bei der Beantwortung der Fragen unterstützen und in einem zweiten Schritt bei der Umsetzung in dessen Tätigkeit behilflich sein. Bei der konkreten Realisierung kommen unter anderem im Training diverse Methoden zum Tragen.

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Elvina Abdullaeva: Die Vorbereitung auf ein Finale

Der WM-Pokal ist für das deutsche Team und die Argentinier um Lionel Messi zum Greifen nah. Für die meisten Beteiligten ist dies das Spiel ihres Lebens. Aber wie sollten sie sich aus sportpsychologischer Perspektive darauf vorbereiten? Bedürfen außergewöhnliche Ereignisse besondere Maßnahmen oder zählt auch ein WM-Finale für einen Profifußballer zum Daily Business?

Zum Thema: Wie bereiten sich Profis auf die wichtigsten Spiele des Lebens vor?

Mehr Bedeutung kann ein Fußballspiel nicht haben. Für alle Akteure ist es ein Traum, Weltmeister zu werden – niemand will diese vielleicht einmalige Chance verspielen. Genau deswegen kommen den Einzelnen auch Gedanken aus der Schublade „Was wäre wenn“ in den Sinn. Und dann ist da noch die Angst vor dem Versagen, welche die Sportler vom aufgabenrelevanten Fokus ablenkt und eine schlechte Leistung verursachen kann. Der Kopf muss aber wiederum cool bleiben, so dass am Sonntag im Maracana-Stadion tatsächlich die optimale Leistung abgeliefert werden kann. Viele Profis wissen das und präparieren sich für solch hoch außergewöhnlichen Karriere-Momente, indem sie jede andere Partie ähnlich akribisch vorbereiten.

Zauberwort Routinen

Routinen sind im Sport eine individuell erarbeitende festgelegte Abfolge von bestimmten Handlungen, die der Sportler immer gleich vor dem Wettkampf und in der Vorbereitung darauf ausführt. Das Ziel eines jeden Spielers – egal, ob es sich um ein Testspiel in der Vorbereitungsphase oder ein Finale der Weltmeisterschaft handelt – lautet: Behalte die Konzentration auf  deine eigene Aufgaben und tue alles, um diese vollumfänglich zu erfüllen. Letztendlich zählt nur das.

Die Routinenerarbeitung ist ein individueller Prozess, der die Bedürfnisse des Sportlers berücksichtigt. Hierbei geht es darum, was dem Sportler in der Wettkampfvorbereitung gut tut und was nicht. Durch eigene Erfahrungen und dem Austausch mit dem Trainer oder einem Sportpsychologen legt der Sportler fest, welche Aktivitäten ihn am besten in einen optimalen Zustand bringen. Wie es in mehreren Studien über Routinen bewiesen wurde, sollen diese Aktivitäten sowohl aus den körperlichen (z.B. bestimmte Erwärmung) und auch kognitiven Elementen (z.B. Selbstgespräche) bestehen, so dass Routinen einen besseren Leistungseffekt erzielen können (Highlen & Bennett, 1983; Cohn et al., 1990).

Das Beispiel Akinfeev

Genau so eine Vorbereitungsroutine hat der Torwart Igor Akinfeev, die Nummer 1 der bereits in der WM-Vorrunde ausgeschiedenen russischen Nationalmannschaft und der CSKA Moskau einmal beschrieben. Seine Vorbereitung beginnt an dem Tag des Spiels ungefähr drei Stunden vorher und betrifft sowohl physische als auch psychische Aspekte. „Ich setze mich in den Bus und stelle mich auf das Spiel ein. Ich stelle mir einige Spielmomente vor und gehe bestimmte Situationen im Kopf durch.“ Der Torhüter macht regelmäßig vor dem Start ein Visualisierungstraining, welches mehrere positive Effekte für die Leistung nach sich zieht. So steigt die Selbstwirksamkeitserwartung des Menschen und der Sportler kommt deutlich zuversichtlicher in den Wettkampf und kann wiederum eine gute Performance zeigen. Ein anderer Effekt ist die Vorbereitung auf mögliche Spielsituationen. Der Spieler geht bestimmte Situationen innerlich durch und hat so für diese Momente bereits einen Handlungsplan im Kopf. Wenn so eine Aktion später im Spiel auftaucht, weiß er, wie er auf sie reagieren soll.

Der zweite Teil der Vorbereitungsroutine von Akinfeev ist seine individuelle Erwärmung, die für seine optimale Physis sorgt. Wie der Spieler betont, macht diese aber auch einen wesentlichen Bestandteil des psychischen Wohlbefindens aus: „Eine gute Erwärmung trägt viel zu meiner positiven Einstellung bei. Wenn ich drei, vier gute Balle während der Erwärmung pariert habe, bekomme ich ein Zuversichtsgefühl, welches ich auf das ganze Spiel übertrage.“

Dieser Routine folgt Igor Akinfeev immer, unabhängig von der Wichtigkeit des Spiels. Sei es ein Match für seinen Verein oder sollte er das Tor der Nationalmannschaft verteidigen. Als Profisportler mit großer Erfahrung weiß er ganz gut, dass selbst wenn es das wichtigste Spiel seiner Karriere ist, er trotzdem nur seine Aufgabe erfüllen muss. Deshalb bereitet er sich immer gleich vor.

Literatur:

1. Cohn, P.J., Rotella, R.J., Lloyd, J.W. (1990). Effects of a cognitive-behavioral intervention on the preshot routine and performance in golf. The Sport Psychologist, 4,33-47

2. Highlen, P.S., Bennett, B. B. (1983). Elite divers and wrestlers: A comparison between open and closed-skill athletes. Journal of Sport Psychology, 4, 390-409

3. Тунис М. (2010). Психология вратаря. Москва: Человек

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Sebastian Reinold: 11 Tipps für den Fall der Fälle

Die deutsche Fußball-Nationalmannschaft steht am Sonntag, den 13. Juli, im Finale der Fußball-Weltmeisterschaft in Brasilien. Nicht erst seit dem historischen 7:1-Erfolg im Halbfinale gegen Brasilien schlagen die Fanherzen höher. Je näher der Anpfiff rückt, desto stärker werden bei nicht wenigen die Erwartungen an einen Sieg der deutschen Mannschaft bis ins Unermessliche steigen. Bei einer Niederlage, die trotz der guten Turnierleistung des Teams von Jogi Löw im Finale gegen Argentinien möglich bleibt, können Emotionen dann aber schnell in große Trauer oder ungewollte Frustrationen umschlagen. Augenzwinkernd soll Ihnen vor dem Besuch der Public Viewing-Location ihrer Wahl geholfen werden.

Zum Thema: Wie vermeide ich als Fan einen Systemabsturz beim Gruppengucken?

Eines vornweg: Sie, als Fan, haben gegenüber dem Team unermessliche Vorteile. Zum einen müssen Sie am Sonntagabend keine wirkliche Leistung erbringen. Und zum anderen können Sie mit der Verarbeitung auf eine Niederlage schon vor dem Spiel beginnen1.

Um damit keine Zeit zu verlieren, fangen wir an dieser Stelle an. Beginnen Sie mit Ihren Vorbereitungen auf das Finale weiträumig vor Spielbeginn. Denn ganz ohne Aufwand geht für Sie als Fan ein WM-Finale dann eben doch nicht. Zumindest nicht, wenn Sie nicht Gefahr laufen wollen, die Anzahl ihre Freunde durch unpassendes Verhalten signifikant zu verringern. Der Masterplan, also meine Hauptstrategie für ihren un- und ausfallfreien Fußballabend, besteht nun darin, dass Sie sich in eine eigene Stimmungslage bringen, die weitgehend unabhängig vom Ereignis ist. Wie machen Sie das? Einfach der Reihe nach:

1. Schrauben Sie die Bedeutung des Ereignisses herunter. Seien Sie sich klar, dass es sich nur um Sport handelt, der sie nicht direkt betrifft. Klassiker: „Davon geht die Welt nicht unter.“

2. Machen Sie sich in diesem Zusammenhang bewusst, dass es für Sie keine eigenen persönlichen Konsequenzen gibt. Außer, sie haben im Siegeseifer längst mehrere Monatslöhne auf Jogi und Co gesetzt…

3. Verringern Sie im Vorfeld die Erwartungen an das Spielergebnis. Ein spannendes Spiel gesehen zu haben, bei dem die Mannschaft alles gegeben hat, kann durchaus schon als Erwartung reichen. Im Falle einer Niederlage würden Sie dann nicht enttäuscht, im Falle eines Sieges aber würde die Freude dann umso mehr überwiegen.

5. Erinnern Sie sich daran, dass die deutsche Mannschaft Ihnen bereits tolle Momente bescherte (u.a. Halbfinale gegen Brasilien), kurz vor dem Ausscheiden stand (Achtelfinale gegen Algerien) und Sie in den vergangenen Wochen durchweg gut unterhielt (ohne WM würden Sie jetzt womöglich aus der Verzweiflung heraus irgendwelche Vorbereitungsspiele aus Tiroler Trainingslagern anschauen).

Käme es tatsächlich, wie es nach Messis Matchplan kommen müsste, befänden wir uns in Level 2. (Schalten Sie an dieser Stelle bitte im Gefühl des sicheren Sieges nicht ab, denn Sie könnten für den Zeitraum nach 22.45 Uhr Mitteleuropäischer Sommerzeit wesentliche Informationen verpassen.) Also, verliert Deutschland das Finale tatsächlich und bei Ihnen überwiegen die negativen Gefühle, beherzigen Sie doch bitte folgendes:

6. Befassen Sie sich nicht weiter mit dem Spiel. Ablenkung durch andere Dinge kann hier helfen. Vielleicht fahren Sie ja noch in den Urlaub?

7. Lassen sie sich von anderen emotional unterstützen. Denn Unterstützung durch andere kann Wunder wirken. Grundsätzlich trauert der Fan am besten in der Gruppe. Ein Sprichwort besagt nicht zu Unrecht, dass geteiltes Leid halbes Leid sei. Und Fanmeilen und –feste potenzieren den Sinngehalt der – zugegeben – abgedroschenen Phrase.

8. Wichtig, egal wie schlimm es kommt (siehe Halbfinale gegen Brasilien aus Gastgeber-Sicht): Halten Sie Abstand zu randalierenden Fans, damit Ihre eigene Stimmungslage nicht in eine aggressive Richtung kippt2.

9. Beim Konsum von Alkohol sollten Sie beachten, dass die eignen Emotionen sich nicht mehr so leicht kontrollieren lassen (vielleicht erinnern Sie sich, was fatal wäre, dann auch nicht mehr an alle hier gegebenen Tipps). Für diejenigen unter Ihnen, die von sich wissen, dass sie zu Aggressionen unter Alkoholeinfluss neigen, empfiehlt sich eine Beendigung des Alkoholkonsums, sobald die Niederlage absehbar ist.

10. Oft liegt der Ausgang der Spiels an der Leistung des Schiedsrichters oder einzelner Spieler. Vermeiden Sie es, eine Einzelperson zum Sündenbock zu ernennen (siehe Brasiliens Fred im Halbfinale) und alles Unheil dieser Welt mit ihm zu verbinden. Der von Ihnen auserwählte Spieler ist selbst mit der Verarbeitung seiner Niederlage beschäftigt und Bedarf deshalb der Unterstützung seiner Fans (siehe immer noch Fred).

11. Wenn alles nichts mehr hilft, dann hilft nur noch Humor. Googeln Sie doch vor dem Finale zur Sicherheit noch ein paar Holland-Witze.

Darüber hinaus wünsche ich Ihnen einen schönen Fußballabend.

Literatur:

[1] Filipp, S. (1995). Kritische Lebensereignisse (3. Aufl.). Weinheim: Psychologische Verlags Union.

[2] Scheve, C. (2009). Emotionen und soziale Strukturen. Frankfurt: Campus-Verlag.

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Ruud Vreuls: Die unsichtbare Mauer

Während dieser Fußball-Weltmeisterschaft gab es neben einigen sportlichen Überraschungen auch auf technischer Ebene dein paar Neuheiten zu bestaunen. Das Freistoß-Spray ist, genauso wie die lang diskutierte Torlinientechnik, zu dieser WM eingeführt worden. Manche Fußballverbände, wie der DFB und der KNVB aus den Niederlanden, untersuchen nun, ob dieses Spray auch in ihren Ligen einsetzbar ist. Denn technisch hat sich das „Vanishing Spray“ bewährt, allerdings meutern nun einzelne Fußballer gegen den „Rasierschaum“.

Zum Thema: Blockade durch das Freistoß-Spray

In einem Interview mit einer niederländischen Zeitung beschwerte sich Wesley Sneijder unlängst über das Freistoß-Spray. Zusammen mit Arjen Robben ist der Mittelfeldspieler in seinem Team für die Freistöße zuständig, konnte inklusive des Halbfinales aber kein Tor durch einen Freistoß erzielen. Als Begründung hierfür führte Sneijder an, dass er das Spray auf dem Boden als Behinderung empfinde. Weiterhin störe ihn das Spray und er nehme dieses als eine Mauer wahr, über welche er drüber schießen müsse. Obwohl er sich gut zuspreche, seine Gedanken ordne und sich sage, dass es sich nur um ein Spray handelt, habe er große Schwierigkeiten mit dieser neuen Art der Freistoßpunktmarkierung.

An den spielfreien Tagen haben die Teams, abgesehen von ihrem Pflichttrainingsprogramm, genügend Zeit übrig. Manche Spieler bleiben darum noch länger auf dem Trainingsplatz, um untereinander kleine Wettkämpfe zu machen. So gab es schon mehrere Videos im Internet zu sehen, in denen sich zeigte, dass verschiedene niederländische Spieler einen Freistoß Wettkampf ausgefochten haben. Einer nach dem anderen schoss einen erfolgreichen Freistoß. Dieses Video zeigt uns, dass genau wie beim Elfmeterschießenjeder Profifußballer technisch in der Lage ist, einen Freistoß erfolgreich ins Tor zu schießen.

Die Standardsituation verändert sich

Durch die Einführung des Freistoß-Sprays gibt es jetzt allerdings eine veränderte Standardsituation. Da Spieler Freistöße, egal ob während des Trainings oder des Spiels, bisher immer ohne Spray geschossen haben, haben sie sich auch einen bestimmten Ablauf angewöhnt. Das wohl bekannteste Beispiel ist der Anlauf von Cristiano Ronaldo. Das genaue Zählen der Schritte und seine weit auseinander stehenden Beine sind sein typischer Ablauf. Diesen bestimmten Ablauf muss der Spieler jetzt, also mit dem Freistoß-Spray, für sich neu formulieren und einüben. Der typische Ablauf wird in der Sportpsychologie als ein mentales Drehbuch beschrieben. Unter anderem das Zählen der Schritte, aber auch mit sich selber zu reden, sind spezifische Merkmale der Art und Weise, wie man sich ein mentales Drehbuch aneignen kann. Dieses Drehbuch muss jetzt erweitert werden, da das neue Spray das bisherige Drehbuch bzw. den bisherigen Ablauf beeinflusst. Der wichtigste Anhaltspunkt ist noch immer, dass der Spieler sich auf den Ball fokussieren muss.

Ein Spieler, der große Schwierigkeiten mit dem Spray hat, sollte probieren, dem Spray so wenig Aufmerksamkeit wie möglich zukommen zu lassen. Denn sobald der Spieler seine Konzentration auf das Spray lenkt, dass in diesem Fall für ihn neu und ungewohnt ist, besteht die Gefahr, dass in dem Spiel negative Gedanken entstehen. Das Spray als eine Mauer oder es als eine Behinderung zu sehen, sind mögliche negative und störende Gedanken, wie bereits von Sneijder beschrieben. Um diese zu vermeiden, ist es wichtig, dass der Spieler in seinem mentalen Drehbuch einen extra Knotenpunkt aufnimmt. So kann der Spieler für sich visualisieren, wo genau er den Ball treffen möchte, um sich dann, bevor er schießt, nur auf diese Stelle zu konzentrieren. Es empfiehlt sich aus sportpsychologischer Perspektive, dies während des Trainings, zu einer bestimmten Zeit und in Ruhe, immer wieder zu üben. Somit würde der Spieler bereits im Training mit dem Spray konfrontiert und er könnte sein Drehbuch üben. Nach erfolgreichem Training ist der Spieler in der Lage, diese visualisierte Mauer zu durchbrechen und trotz Freistoß-Sprays bei Freistößen erfolgreich zu sein.

 

Literaturverzeichnis:

Alfermann, D., & Stoll, O. (2010). Sportpsychologie: Ein Lehrbuch in 12 Lektionen. Meyer & Meyer Verlag.

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Katharina Petereit: Das Team nach Neymar

Neymars WM ist beendet, aber das Turnier geht weiter. In den vergangenen Tagen beherrschte zwar noch die Verletzung des Stars der Selecao die Sportseiten und jegliche WM-News – brasilianische Fernsehsender unterbrachen in der Samstagnacht sogar ihr Programm, um live aus dem Krankenhaus zu berichten. Doch im WM-Halbfinale am Dienstag gegen Deutschland läuft Brasilien ohne den Hoffnungsträger des gesamten Landes auf. Was kommt nun auf das Team zu und liegt im Fehlen des Überspielers sogar eine Chance?

Zum Thema: Wie wirkt sich Neymars Verlust auf das brasilianische Team aus?

Das gesamte brasilianische Team war nach der Verletzung in den Schlussminuten des WM-Viertelfinals gegen Kolumbien niedergeschlagen und mit den Gedanken bei Neymar. Jetzt kommt es allerdings darauf an, dass sich alle Beteiligten wieder auf das Wesentliche konzentrieren. Und das ist das WM-Halbfinale gegen Deutschland. Sie müssen den nicht sportlich bedingten Ausfall eines Einzelnen abhaken, als Mannschaft agieren und sich auf ihre eigenen Fähigkeiten konzentrieren. Es ist wichtig, dass die Spieler versuchen, ihre Emotionen zu kontrollieren und die unveränderbare Situation als Herausforderung und vielleicht sogar als Chance zu sehen.

Grundsätzlich muss im Fall der Brasilianer Abstand zu ihren Gefühlen her. Nicht erst beim Elfmeterschießen im Achtelfinale gegen Chile wurde deutlich, wie stark das Heim-Team der Weltmeisterschaft unter dem eigenen Erwartungsdruck – und dem der 200 Millionen Brasilianer – leidet.

Emotionen kontrollieren und Rollen neu verteilen

Für das Halbfinale fehlen neben Neymar auch Willian und Abwehrchef Thiago Silva. Voraussichtlich kommen Spieler zu ihren ersten WM-Einsätzen, möglicherweise wird sich auch die Taktik der Brasilianer ändern und die Aufgaben innerhalb des Teams werden neu verteilt. Alles Veränderungen, die in kürzester Zeit von statten gehen müssen, da zwischen dem Viertel- und Halbfinale nur drei Tage zur Verfügung stehen. Wenn aber die Umverteilung der Aufgaben im Team gelingt, die Rollen klar definiert werden und die individuellen und kollektiven Fähigkeiten bewusst gemacht werden können, lässt sich diese überaus kritische Situation meistern. Ein wesentlicher Punkt dabei ist, dass sich alle der Situation annehmen, ohne Neymar spielen zu müssen, und sich dieser bewusst durch konkrete Handlungsanweisungen stellen. Denn beeinflussbar und kontrollierbar ist nur ihre Aufgabe, das Spiel gegen Deutschland zu gewinnen.

Am Ende kommen also viele Aufgaben auf die brasilianische Mannschaft zu, die definitiv nicht leicht zu bewältigen sind. Werden aber die richtigen Schlüsse gezogen, erwartet das deutsche Team ein sehr schwerer Gegner, der in allen Belangen viel komplizierter auszurechnen ist als er noch bis vor Neymars Verletzung war.

 

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Prof. Dr. Oliver Stoll: Brasiliens Feuerwehr

Bis zum Viertelfinale gegen Kolumbien wirkten die Brasilianer bei ihrer Heim-WM sichtlich verkrampft. Nach dem erst im Elfmeterschießen gewonnenen Achtelfinale gegen Chile wurde bekannt, dass kurzfristig eine Sportpsychologin für das Team organisiert worden sei. Aufgabenstellung: Die brasilianische Mannschaft solle von dem immensen Druck befreit werden, der die Spieler von Trainer Felipe Scolari lähme. Mit der Brasilianerin Regina Brandao arbeitet der erfolgreiche Trainer schon seit 20 Jahren zusammen, allerdings nicht regelmäßig. Weltstars, wie der im Viertelfinale schwer verletzt ausgeschiedene Neymar, waren nach den ersten Gesprächen voll des Lobes und bekannten, bislang noch nie mit einem Sportpsychologen zu tun gehabt zu haben.

Zum Thema: Der Sportpsychologe als „Feuerwehr“ ist keine funktionierende Funktion

Oftmals werden Sportpsychologen erst dann „engagiert“, wenn eigentlich schon alles zu spät ist. Auch in meiner eigenen sportpsychologischen Praxis werde ich oftmals aus einer solchen Situation heraus angerufen. Es gibt nicht wirklich viele Situationen, in denen Sportpsychologen kurzfristig – also akut – wirklich wirksam werden können. In den allermeisten Fällen ist dies eher zum Scheitern verurteilt.

Sportpsychologisches Training zeichnet sich durch ein systematisches und zielgerichtetes Vorgehen aus. Dabei spielt eine Eingangsdiagnostik eine zentrale Rolle, um ein Problem- und/oder Optimierungsfeld erst einem klar erkennen zu können. Im Anschluss daran wird – mitunter auch gemeinsam mit Trainer – auf alle Fälle aber mit dem Athleten ein sportpsychologisches Trainingsprogramm entwickelt, welches dann umgesetzt wird. Abschließend erfolgt auch immer eine Erfolgskontrolle.

Dabei heißt „Erfolg“ nicht zwingend, dass im Anschluss an das sportpsychologische Training eine Medaille gewonnen oder ein Spiel gewonnen wird. Psychologische Wirksamkeitskriterien sind sehr viel komplexer und basieren oftmals auf lediglich einer positiven Wahrnehmung dieses Trainings aus Sicht des Athleten. Es liegt auf der Hand, dass sich dieser Prozess nicht in zwei bis drei Tagen umsetzen lässt. Auch wenn man eine sportpsychologische Maßnahme lediglich auf einen Coachingprozess reduziert, laufen diese „Feuerwehrmaßnahmen“ zumeist ins Leere, denn es dauert mehrere Tage, bis ein Sportpsychologe die Spieler und Offiziellen einer Mannschaft kennen gelernt, Vertrauen aufgebaut und auch das Umfeld verstanden hat, in dem eine Problemlage entstanden ist. Oftmals ist nicht ein Problem bedeutsam, dass ein einzelner Athlet hat, sondern es ist das direkte soziale Umfeld, das für ein Problem verantwortlich ist und in einem solchen Fall müssen eher systemische Lösungen her. Auch diese Methoden lassen sich nicht in drei bis vier Tagen umsetzen.

Nervenstarkes Deutschland

Seit einige wenigen Jahren wird gerade in Deutschland deutlich mehr Wert auf eine sehr frühe sportpsychologische Ausbildung der Athleten Wert gelegt. Hier erlernen 12- bis 14-jährige Athletinnen Grundlagen der Regulierung ihrer Nervosität sowie ihrer Gefühle sowie Trainingsverfahren (hauptsächlich unter Nutzung ihrer „Vorstellungsfähigkeit“), die ihnen helfen, neue Bewegungsmuster zu erlernen oder vorhandene zu stabilisieren. In Deutschland hat man das erkannt. Nicht nur der Deutsche Fußball Bund macht eine sportpsychologische Betreuungs- und Beratungsmöglichkeit zur Förderung von Leistungszentren als Pflichtkriterium zur Auflage. Auch in anderen Sportspitzenverbänden wird mittlerweile auf eine gute und nachhaltige sportpsychologische Ausbildung schon im Nachwuchsbereich Wert gelegt. In der aktuellen Berichterstattung von der Fußball-WM ist dies durchaus abzulesen: Denn international wird Joachim Löws Mannschaft für ihre „Nervenstärke“ gelobt. Daran hat der seit 2004 ständig mit der Nationalmannschaft arbeitende Sportpsychologe Hans-Dieter Hermann sicher einen Anteil.

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Die-Sportpsychologen.de wird Teil vom 1530blog

Ende Juni startete der Axel-Springer-Verlag mit dem 1530blog ein in dieser Dimension bislang in Deutschland einzigartiges Online Projekt: Auf dieser Seite, einem sogenannten Blog-Aggretagtor, sollen zukünftig Beiträge diverser Fußball-Blogs dargestellt und verbreitet werden. Neben den etablierten Blogs wie spielverlagerung.de, Gegen den Ball, Stehplatzhelden, Sportpassion oder Sportradio 360 erhalten auch Die-Sportpsychologen.de kurz nach Start der Plattform den Gold-Status. Diese Wertung führt dazu, dass zukünftig ausgewählte Inhalte von Die-Sportpsychologen.de einer sehr großen und täglich wachsenden Zielgruppe zugänglich werden.

 

Mathias Liebing, Redaktionsleiter von Die-Sportpsychologen.de: „Wir sind mit dem Ziel gestartet, das Thema Sportpsychologie in den alltäglichen Diskurs zwischen Athleten, Trainern, Funktionären, Fans und der Presse zu bringen. Diese hervorgehobene Darstellung im 1530blog ist also hervorragend. Gerade einmal einen Monat nach dem Start unserer Seite hätte ich mit einem solchen Erfolg noch nicht gerechnet.“

 

 


 

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Ruud Vreuls: Das Kapital auf der Bank

Schon vor Beginn der Fußball-Weltmeisterschaft machte Bundestrainer Joachim Löw klar, dass für ihn die Auswechselspieler im Turnier von enormer Bedeutung seien. In den DFB-Pressekonferenzen war sogar die Rede von einer „ersten 14“ anstelle einer „erster Elf“. Während der WM bewahrheitet sich Löws These durchaus: André Schürrle ist aus deutscher Sicht nur ein Beispiel. Verwiesen sei auch auf Viertelfinalteilnehmer wie Belgien oder die Niederlande, die gern und ganz bewusst Impulse von der Bank bringen. 

Zum Thema: Wie sollte der richtige Umgang mit Wechselspielern aussehen?

Eine Fußball-Weltmeisterschaft bietet besondere Rahmenbedingungen. Denn zum einen ist bei allen Teilnehmernationen das öffentliche Interesse extrem hoch, zum anderen starten die Nationalteams auch mit sehr großen Kadern, so dass elf Spielern in der Startformation zwölf Ersatzkräfte gegenüberstehen. Bundestrainer Löws Äußerungen zur Bedeutung der Auswechselspieler müssen also nicht nur in taktischer und physischer Tiefe interpretiert werden, sondern dürfen auch als sportpsychologischer Fingerzeig verstanden werden.

Bekannt wurde auch, dass Löw und sein Funktionsteam inklusive des Sportpsychologen Hans-Dieter Herrmann bereits in der Vorbereitung intensiv daran gearbeitet haben, ein Lagerdenken, z.B. zwischen Spielern verschiedener Clubs, zu verhindern. Stattdessen wurde im Sinne des Gruppenzusammenhalts (Kohäsion) ein gemeinsames Ziel formuliert, welches offenkundig bislang von allen Beteiligten getragen wird – zumindest sind nach außen keinerlei Fehlhandlungen oder negative Signale zu vernehmen, sehen wir von Sami Khediras Äußerungen nach dem USA-Spiel ab, bei welchem er auf der Bank saß.

Nichtsdestoweniger ist für die Teamleistung auch die Konkurrenzsituation unverzichtbar, um die Leistungsbereitschaft des Einzelnen anzutreiben. Die Durchlässigkeit, die Löw allen Spielern des WM-Tross für bestimmte Situationen, in denen spezielle Akteure benötigt werden, versprach, wirkt hier als Verstärker. Zusätzlich wird in der Theorie darauf verwiesen, dass es ratsam sei, den Ergänzungsspielern spezielle Aufgaben zuzuweisen und insgesamt gleich viel Aufmerksamkeit zukommen zu lassen. Bundestrainer Löw ist diesbezüglich bislang geschickt und bemüht sich merklich, bei jeder passenden Gelegenheit die Bedeutung aller seiner Spieler in Taten oder in Worten zu betonen. Schließlich kann ihre Zeit während der WM noch kommen, sofern es für die Mannschaft weit genug geht.

Literaturverzeichnis:

Alfermann, D., & Stoll, O. (2010). Sportpsychologie: Ein Lehrbuch in 12 Lektionen. Meyer & Meyer Verlag.

Rheinberg, F., & Vollmeyer, R. (2012). Motivation. Verlag W. Kohlhammer.      

 

 

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Christian Reinhardt: Mesut Özils Körpersprache

Es ist keine einfache Zeit für Mesut Özil. Spätestens seit dem vergebenen Elfmeter im Achtelfinal-Hinspiel der Champions League im Trikot von Arsenal London gegen Bayern München wird er deutlich, allen voran von Seiten der englischen Medien, kritisiert. Bei der Fußball-Weltmeisterschaft steht er nach durchwachsenen Auftritten, so auch im Achtelfinale gegen Algerien, von Fans und Journalisten quasi noch „unter Beobachtung“. Die Kritik an Özil fokussiert sich dabei vor allem auf seine Körpersprache. Häufig lässt er die Schultern hängen, senkt den Kopf und Blickt auf den Boden. Im Ergebnis wirkt er unsicher, lust- und teilnahmslos.  

In einem Interview in der Süddeutschen Zeitung kündigte Özil an, dass er seine Körpersprache verändern will. Im Gespräch führt er aus, dass er Perfektionist sei und sich eben über jedes schief gegangene Detail ärgere – und dies trotz des Wissens, dass ihm ein solches Verhalten eigene Stärke nimmt. Hilfe von außen lehnt er ab. Er rede darüber nur mit den Trainern, sagte Özil, und sehe auf Bildern ja selbst, wie er wirke.

Zum Thema: Wieso ist die Körpersprache im Fußball so entscheidend? 

Unsere Körpersprache berichtet der Außenwelt konstant und zuverlässig von unserem Innenleben. Ohne diese nonverbale Kommunikation wären unsere täglichen sozialen Beziehungen nicht möglich. Grundsätzlich ist die Körpersprache also eine wichtig menschliche Verständigungsmöglichkeit. In einer Wettbewerbssituation ist es allerdings nicht immer vorteilhaft, sein psychisches Erleben offen nach außen zu kehren. Zwischen dem psychischen Erleben von Personen besteht immer eine Wechselwirkung. Zeige ich durch meine Körpersprache, dass ich ängstlich bin, wird mein Gegner sehr wahrscheinlich sicherer und umgekehrt. Diese Wirkung beschränkt sich jedoch nicht nur auf den Konkurrenten. Auch die Mitspieler werden die körperlichen Signale Özils wahrnehmen. Ähnlich ergeht es den Fans, die ihren einstigen Liebling daher nach den Testspielen gegen Chile und Kamerun auspfiffen.

Wie eine aktuelle Studie aus dem Fußball (Furley, Dicks & Memmert, 2012) zeigt, verursacht ein sicheres, dominantes Auftreten ein unsicheres, unterwürfiges Erleben beim Gegenüber. Die Forscher  konnten zeigen, dass die Erfolgserwartung bei Torhütern deutlich sank, wenn sie einem dominant auftretenden Elfmeterschützen gegenüberstanden, da sie dessen Qualität höher als bei einem unterwürfigen Schützen einschätzten. Die Dominanz bewirkt eine Einschüchterung, so dass der Torwart seine Leistung nicht voll abrufen kann und ihre niedrigere Erfolgserwartung zu einer selbsterfüllenden Prophezeiung wurde. Dominanz wurde übrigens durch eine herausgestreckte Brust, einen breitbeinigen Stand und einen erhobenen Kopf dargestellt, während unterwürfige Spieler durch  einen gesenkten Kopf und hängende Schultern simuliert wurden. Eben jene Körpersprache, die Mesut Özil in letzter Zeit vorgeworfen wurde. Dieser Effekt in der Elfmetersituation ist auf jede beliebige Spielsituation übertragbar.

Amerikanisches Sprichwort: „Fake it till you make it“

Es ist daher für einen Leistungssportler eine wichtige Fähigkeit, seine Körpersprache zu beherrschen. Aber: Niemand kann immer sicher und selbstbewusst sein. Man kann jedoch immer so wirken, was letztlich oft den gleichen Effekt hat. Im amerikanischen Raum gibt es in diesem Zusammenhang das Sprichwort „Fake it till you make it“. Das körperlich vorgetäuschte Selbstbewusstsein hat neben der angesprochenen Wirkung auf andere nämlich noch einen weiteren Effekt: wie bereits erwähnt bildet die Körpersprache das psychische Erleben ab. Wenn man nun die Körpersprache verändert, beeinflusst das umgekehrt auch das Innenleben.

Das ist allerdings sehr viel einfacher gesagt als getan. Unsere Körpersprache ist uns meist nicht bewusst. Jeder kennt den Moment, in dem man sich unerwartet im Spiegel oder z.B. einem Schaufenster sieht. Nach einer kurzen Schrecksekunde richten wir uns auf, heben den Blick und schieben die Brust raus, um unmittelbar nach dem Abwenden von unserem Konterfei wieder in die Ausgangshaltung zu verfallen. Um die Körpersprache zu steuern, müssen wir sie uns bewusst machen, also Aufmerksamkeitskapazitäten frei räumen. Das ist wiederum sehr problematisch in Sportarten, die die mentalen Kapazitäten voll in Anspruch nehmen. Der Schlüssel besteht daher darin, die positive Körpersprache zu trainieren (im Training, im Alltag, in Spielsituationen etc.). Es empfiehlt sich, ein Bild für das eigene selbstbewusste Auftreten zu entwickeln und es mit einem Codewort zu versehen („Maschine“, „Power“…). Dieses Bild kann auch in der Mannschaft besprochen werden, so dass sich die Spieler gegenseitig coachen können. Das permanente Training führt dazu, dass sich stabile Handlungsroutinen bilden, die im Spiel automatisch abgerufen werden können.

Zur Unterstützung der non-verbalen Kommunikation ist die verbale Kommunikation sinnvoll. Eine weitere Möglichkeit für Özil besteht daher darin, auf dem Platz mehr zu dirigieren. Wenn man in einem vollen WM-Stadion einem Mitspieler eine Anweisung zurufen will, nimmt man automatisch eine aufrechtere Haltung ein (tief Luft holen, Platz für das Zwerchfell). Gleichzeitig ist man voll auf das Spielgeschehen fokussiert und so von störenden Gedanken (z.B. Selbstzweifeln) abgelenkt, die ggf. die Körpersprache negativ beeinflussen.

Langwierige Aufgabe für Özil

Helfen könnte Özil natürlich, dass er gegen Algerien den letztlich entscheidenden Treffer erzielte. Dennoch verfiel er auch im Achtelfinale immer wieder in das kritisierte Muster, so beispielsweise direkt vor André Schürrles wegweisendem 1:0. Özil ging weit in der algerischen Hälfte sichtlich halbherzig in einen Defensiv-Zweikampf und wurde, nachdem der Ball wenige Meter hinter ihm gewonnen wurde, von mehreren Mitspielern im Angriffswirbel übersprintet.

Özil steht also, wenn er seine Defizite an der Körpersprache tatsächlich beheben will, vor einer Aufgabe, die über diese Weltmeisterschaft hinausgeht. Die Zielstellung lautet dann Selbstbewusstsein: Denn wer tatsächlich selbstbewusst ist, muss seine Körpersprache (fast) nicht steuern.

 

Literatur:

Furley, P., Dicks, M. & Memmert, D. (2012). Nonverbal Behavior in Soccer: The influence of Dominant and Submissive Body Language on the Impression Formation and Expectancy of Success of Soccer Players. Journal of Sport & Exercise Psychology, 34, 61-82.

 

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