Johanna Constantini: Spieglein, Spieglein an der (Pinn-)wand oder das digitale Lob

Beinahe jeder kennt es, das großartige Gefühl viele Likes für seinen letzten Post bekommen zu haben! Wir fühlen uns bestätigt in dem, was wir tun und in dem, was wir sind. Unser Selbstwert scheint ins Unermessliche zu steigen. Doch was die wenigsten wissen: Diese Verstärker-Wirkung rührt von einer seit jeher bekannten menschlichen Eigenschaft: Dem unermüdlichen Bedürfnis nach Resonanz aus unserer Umwelt. Bereits im Neugeborenen-Alter suchen wir ständig nach einer Reaktion bei unserem Gegenüber, vorrangig im Angesicht von Bezugspersonen (Tronick et al, 1987).

Zum Thema: Warum und wo wir Resonanz suchen und finden! (Aus der Reihe: Was moderne Sportpsychologen über soziale Medien wissen sollten – Teil 7)

Das Bedürfnis nach diesem Echo aus unserer Umwelt wächst im Laufe unseres Erwachsenwerdens und wird von uns vor allem in jenen Lebensbereichen gefordert, durch die wir uns vorrangig identifizieren. So suchen Sportler beispielsweise vermehrt nach Rückmeldungen zu ihren erbrachten Leistungen. Die Befriedigung dieses Resonanzbedürfnisses findet sich schließlich vermehrt in der Nutzung sozialer Medien. (Altmeyer, 2016) Besonders dann, wenn das Prinzip “höher, schneller, weiter” die Hauptrolle spielt und es darum geht, on- und offline das beste Bild von sich als Athlet zu vermitteln, streicheln positive Rückmeldungen über soziale Medien das athletisches Ego ungemein.

In der Sportpsychologie arbeite ich vermehrt mit Pferdesportlern und auch hier äußert sich diese „Suche nach Resonanz“, wie sie der Psychiater Martin Altmeyer in seinem gleichnamigen Buch so treffend bezeichnet, verstärkt über die sozialen Medien. So viele Vorteile wie die Bestätigung über online Kanäle auch bringen mag, so viele Nachteile resultieren durch die Suche nach “digitaler Bestätigung” in der Zusammenarbeit von Sportpartnern und Teams. Während sich die Pferdesportler in soziale Medien vertiefen, um ihr Ego aufzupolieren, sind ihre tierischen Partner vor allem auf das Echo “ihrer” Menschen angewiesen, um Leistungen erbringen zu können. Auch die Pferde suchen nämlich ständig nach Resonanz und werden dabei immer öfter vom Handybildschirm verdrängt.

Resonanz im Pferdesport – der Mensch, das Tier & das Smartphone

In meinen Workshops zeichne ich meinen Teilnehmern daher gerne das Bild des nachdenklichen Vierbeiners, der gerne wüsste, was in dem kleinen, schwarzen Rechteck so dermaßen spannend sein kann, dass sogar die Phase des Schrittreitens (wohlgemerkt auf dem Pferd sitzend!!) mit der ständigen Betrachtung eines Displays verbracht wird. „Ich bin zu 100% auf dich konzentriert. Was machst du?“, könnte das Pferd in meinem Beispiel überlegen. (Genauso verhält es sich im Übrigen auch mit menschlichen Sportkollegen)

Diese Vorstellung rüttelt viele Athleten wach, verliert sich der Großteil doch viel zu oft in den Online-Welten. Warum? Ganz einfach, weil wir uns davon allerhand erwarten. Warum wir unsere Social Media Kanäle andauernd öffnen hängt nämlich mit dem Prinzip der sogenannten “intermittierenden Verstärkung” zusammen (Altmeyer, 2016). Dieses Phänomen beschreibt, das Verhalten in unregelmäßigen Abständen durch Belohnungen verstärkt und dadurch gelernt wird. Für das „Checken unseres Facebook-Accounts“ bekommen wir demnach nicht jedes mal einen tollen, spannenden, interessanten oder berührenden Post vorgesetzt, aber immer wieder und damit oft genug, um dauerhafte Verhaltensweisen einzulernen. Wie die Hunde, die nach jedem Glockengeläut auf das lang ersehnte Leckerli hoffen, erwarten wir beim Betreten unserer Facebook-Welt die ebenso lang ersehnte “digitale Belohnung”.


Wann der Wettkampf zum digitalen Glücks-Wettrüsten wird

Nicht nur, dass Athleten durch die vermehrte Nutzung sozialer Medien sowohl vergessen, auf ihre Umwelt, vor allem aber auf ihre Sport- und Teamkollegen zu reagieren. Kurz um: Wer einmal mit dem Pos(t)en angefangen hat, kommt noch dazu so schnell nicht mehr davon los.

„Du musst jetzt ausrasten! Wenn niemand etwas sieht, ist es nie passiert“, meinte Christina Obergfäll, die extrovertierte Speerwurfweltmeisterin von 2013, zu ihrer eher introvertierten Kollegin Katharina Molitor, als sich diese wohl eben zu “still und heimlich” und ohne Freudentaumel über soziale Medien  den WM Titel 2015 sicherte. Durch Obergfälls Kommando wird nur zu klar, was längst Alltag in den sozialen Medien ist: Posten ist gleich Posen. Und wo funktioniert das, wenn nicht im Sport! Wir müssen uns zeigen, müssen „ausrasten“, immer präsent und in Pose sein – sobald wir einmal damit angefangen haben (Altmeyer, 2016).


Warum soziale Medien Helden formen!

Johanna Constantini
Zum Profil von Johanna Constantini: https://www.die-sportpsychologen.de/johannaconstantini/

Daher lieber ganz auf soziale Medien verzichten? Wo sie doch auch viele Vorteile mit sich bringen? So zum Beispiel die psychischen Plastizität, innere Strukturen, die durch die neuen Formen der Kommunikation über das gesamte Leben veränderbar sind und bleiben. (Altmeyer, 2016)

Sogar von der Entwicklung einer neuen Persönlichkeit ist die Rede. Die sogenannte „postheroischen Persönlichkeit“ kann besonders im Sport von Vorteil sein. Laut Dornes (2012) zeichnet sich dieses neue,  innere Naturell nämlich dadurch aus, dass es sich nicht mehr an einem in der Vergangenheit gesetzten Ziel festbeißt, sondern flexibel und veränderbar bleibt. Eine moderne Art der Persönlichkeit eben, die, geprägt durch die Schnelllebigkeit der digitalen Kommunikation nicht mehr nur den einen gangbaren Weg kennt, sondern offen lebt und denkt. Im besten Fall so offen, um die Inhalte sozialer Medien als Instrumente zu bedienen, ohne sich von ihnen instrumentalisieren zu lassen.

Die komplette Serie:

Quellen:

Altmeyer, M. Auf der Suche nach Resonanz. 2016. Vandenhoeck & Ruprecht; Auflage: 2.

Diefenbach, S., Ullrich, D. 2016. Digitale Depression: Wie neue Medien unser Glücksempfinden verändern. mvg Verlag.
Dornes, M. Die Modernisierung der Seele. 2012. Kind-Familie-Gesellschaft. Frankfurt/M (Fischer) (1. Aufl.)

Tronick, E., H. Als, L. Adamson, S. Wise and B. Brazelton (1978): The infant´s response to entrapement between contradictory message in face-to-face interaction. Journal of the American Academy of Child Psychiatry 17:1-13

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