Hast du im Training manchmal das Gefühl, dass du immer wieder in alte Fehlermuster verfällst? Macht sich dann bei dir Unzufriedenheit breit und dazu das Gefühl, sich nicht verbessert zu haben? Oftmals kommen in solchen Situationen Selbstzweifel hinzu. Aber das geht auch anders. Im Text zeige ich auf, wie sich gezielt und Stück für Stück an neuen Techniken arbeiten lässt. Ein ganz wichtiger Punkt ist dabei, dass ihr Veränderungen im Bewegungsablauf verstehen und spüren könnt.
Zum Thema: Was für dein Techniktraining wichtig ist, damit du dich schnell und konstant weiterentwickelst.
Vermutlich verbringst du viel Zeit damit, deinen Bewegungsablauf zu optimieren. Und das ist auch gut so, denn die stetige Technikverbesserung ist ein wesentlicher Faktor für langfristige Erfolge. Um deinen Bewegungsablauf jedoch gezielt und nachhaltig zu verbessern, gibt es ein paar Regeln, auf die ich nachfolgend näher eingehen werde.
Wenn du eine Privatstunde oder Gruppenunterricht bei deinem Trainer hast, ist es wichtig, genau zu verstehen, was du verändern sollst. Zudem ist es sinnvoll, solange nachzuhaken, bis du den Unterschied zwischen dem „alten“ und „neu implementierten“ Bewegungsablauf auch spüren kannst. Dieses Gefühl ist die Grundlage, dass du die Optimierungen in deinem bereits vorhandenen Bewegungsablauf vornehmen kannst: verstehen + spüren
Integration des neu Erlernten in das bisherige Bewegungsmuster
Damit Neues in den gewohnten Ablauf integriert werden kann, dürfen nicht zu viele Veränderungen auf einmal vorgenommen werden. Das ist einerseits Aufgabe der Trainer, gut zu selektieren und zu definieren, was im jeweiligen Training der Fokus ist. Und andererseits ist es auch deine Aufgabe als Sportler, bewusst mit neuen Informationen der Trainer umzugehen.
Denn zu viele Veränderungen in zu kurzer Zeit führen häufig zu Demotivation und dazu, dass du den Glauben an dich selbst verlierst. Du würdest dich dann überfordern und das Gefühl haben, es nicht schaffen zu können. Daher ist es wichtig, Veränderungen gut zu „portionieren“.
Langsames Einüben der neuen, modifizierten Bewegung
Um alte Bewegungsmuster zu überschreiben, ist es zudem notwendig, die Veränderung anfangs in Zeitlupe einzuüben. Denn nur durch das langsame Training kannst du die Veränderung im Ablauf bewusst wahrnehmen und dir selbst Rückmeldung geben.
Zusätzliche kurze „Keywords“, das Benennen der Knotenpunkte, bei der Einübung des neuen Ablaufes helfen dir als „reminder“, verstärken den Automatisierungsprozess und machen das Training noch effizienter.
Automatisierung in normaler Geschwindigkeit
Funktioniert der neue Ablauf in “slow motion” wiederholbar konstant, kannst du dazu übergehen, die Geschwindigkeit zu erhöhen, während du die gleichen Selbstgespräche dabei führst und dir die gleichen Keywords gibst wie in der Zeitlupen-Sequenz.
Der letzte Schritt: Der Transfer der Veränderung auf andere ähnliche Bewegungsmuster
Anstatt an einer Bewegung viel gleichzeitig zu verändern, ist es vielfach effizienter, eine Veränderung auf diverse Bewegungen zu übertragen. Dadurch verstärkt sich der Automatisierungsprozess, das Gehirn kann im gleichen Denkmuster bleiben und die Veränderung des Ablaufes wird für dich sichtbar und spürbar.
Ein solches Verfahren führt zu einer höheren Selbstwirksamkeit und einem größeren Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten, was sich positiv auf deine Emotionen und auf deine Trainingsmotivation auswirkt. Dies gilt für alle Sportarten: für prozessorientierte, bei denen die Technik bewertet wird (Tanzsport, Eiskunstlauf, Turnen etc.) genauso wie für Sportarten, bei denen am Ende nur das Ergebnis zählt (Golf, Tennis, Laufen, Fußball etc.).
Meine eigenen Erfahrungen als Trainerin von Kaderpaaren im Tanzsport, Sportpsychologin und Leistungssportlerin
Im Tanzsport hatte ich selbst zwischen 2003 und 2004 genau ein Jahr Zeit, um mich auf das wichtigste Turnier der Szene namens Blackpool, das mit Wimbledon im Tennis vergleichbar ist, gemeinsam mit meinem damaligen Partner intensiv vorzubereiten. Mit der Umstellung des Trainings gelang es uns, als erstes und bisher einziges deutsches Paar im Bereich U21 den Titel zu holen. Neben Schule war die Zeit begrenzt und dazu die Konkurrenz sehr stark. Dank unseres damaligen Trainers in Italien, der nach diesem Prinzip im Tanzsport unterrichtete, schafften wir es.
Auch als langjährige Trainerin von Spitzenpaaren im Tanzsport kann ich feststellen, dass die Paare, die nach diesem Prinzip vorgehen und langfristig mit Freude und intrinsischer Motivation trainieren, mehr Selbstvertrauen entwickeln und eine konstante Verbesserung der Turnierergebnisse erzielen.
Sandra, Julia und Ingo (Quelle: privat)
Feedback von einem Spitzenpaar des Tanzsports, welches ich seit fünf Jahren intensiv betreue:
„Julia Belch-Köbe hat es in unserer relativ kurzen Tanzpartnerschaft geschafft, uns mit diesem Konzept und strukturiertem Unterricht innerhalb von fünf Jahren von Null im bayrischen Kader in der höchsten erreichbaren Klasse im Tanzsport zu etablieren.
Ihr professionelles Wissen im Tanzsport und im sportpsychologischen Bereich sowie ihr großes Engagement hat uns dahin gebracht, wo wir heute sind. Von 71 getanzten Turnieren konnten wir 36 gewinnen, davon schon 15x Platz 1 in der höchsten Klasse. Mittlerweile sind wir auf Platz 14 der deutschen Rangliste. Julia hat uns durch tänzerische und persönliche Höhen und Tiefen auf und neben der Fläche immer begleitet. Wir danken ihr sehr dafür. Sandra & Ingo“
Blick auf mein eigenes Golftraining
Ganz aktuell spiele ich selbst wieder vermehrt Golf. Mit dieser Methode schaffe ich es, trotz der begrenzten Zeit, die mir durch Beruf und Kind zur Verfügung steht, sehr effizient deutliche Verbesserungen im Schwung und auch in den Ergebnissen zu erzielen.
Wollt ihr in eurer Sportart, an technischen Aspekten arbeiten, dann nehmt gern Kontakt auf. Meine Kollegen (zur Übersicht) und ich (zum Profil von Julia Belch-Köbe) stehen gern für euch bereit.
Auf der DFB-Pressekonferenz vor dem Nation League-Spiel gegen die Ukraine äußerte sich Timo Werner zum Thema Laufwege und notwendige Absprachen mit Teamkollegen, zum Beispiel am Abend vorher im Mannschaftshotel. Seine Kernaussage dazu: Solche Absprachen seien nicht mehr notwendig, da sich die Spieler aus vergangenen Tagen schon kennen. Ich halte dagegen: In bestehenden Beziehungen zwischen Spielern entstehen immer auch Anlässe für Missverständnisse, Konflikte und Zerwürfnisse, ganz besonders in einer starken Umbruchphase. Egal in welchem Team sollten wir alle Möglichkeiten nutzen, um Austausch zu fördern.
Zum Thema: Warum regelmäßiger Austausch wichtig für den Erfolg einer Mannschaft ist
Wühlen wir uns zu Anfang erst einmal durch die relevante Theorie… Einer der einflussreichsten Ansätze zur Analyse von interpersonalen Beziehungen inkl. enger Beziehungen, auf den wir da stoßen, ist der Austausch- oder der Interdependenzansatz von Thiabaut & Kelley (1959). Austausch- & Interdependenztheorien gehen davon aus, dass Menschen soziale Beziehungen aufbauen, weil sie im Hinblick auf ihre Bedürfnisbefriedigung wechselseitig voneinander abhängig sind. Interpersonale Beziehungen dienen aus dieser Perspektive dem Austausch individuell benötigter materieller, sozialer oder psychologischer Ressourcen und das fortlaufend. Zum Merken: Es hängt also vom Verhältnis des wahrgenommenen Nutzens und der Kosten ab, die aus der Beziehung (bzw. dem Austauschprozess) für die Beteiligten resultieren, ob Spieler eine Beziehung aufnehmen, aufrechterhalten oder abbrechen.
Thibaut und Kelley entwerfen mit ihrer Interdependenztheorie einen austauschtheoretischen Ansatz, der den Vergleich von Alternativen besonders in den Fokus nimmt. Neben der Analyse komplexer Beziehungsgefüge in Mannschaften mit mehreren Akteuren, treffen sie auch Aussagen zur Interaktion in Zweierbeziehungen. Die Interdependenztheorie setzt die der Austauschtheorie zugrundliegende Kosten-Nutzen-Kalkulation mit zwei weiteren Aspekten in Verbindung: Es wird zwischen zwei Vergleichsniveaus unterschieden, die als eine Art Bewertungsmaßstab Einfluss auf die Evaluation von Belohnungen und Kosten aus der Interaktion nehmen. So steht die Zufriedenheit in Relation zum „Vergleichsniveau“, die zentralen Fragen dabei lauten: Entspricht das Ergebnis den Erwartungen des Individuums entspricht und bekommt das Individuum das, was es meint, verdient zu haben? Interessant und vor allem im Teamsport relevant: Die Entscheidung darüber, ob die Beziehung aufrechterhalten werden soll, orientiert sich dagegen am „Vergleichsniveau für Alternativen“.
Zufriedenheit in Teamsportarten
Eine Spielerbeziehung orientiert sich also an unterschiedlichen Bewertungsmaßstäben. Die Zufriedenheit resultiert aus der Bewertung von Belohnungen und Kosten, die sich vor dem Hintergrund eigener Erwartungen durch die Beziehung ergeben:
Liegt das eigene Ergebnis über dem Vergleichsniveau, ist die Beziehung befriedigend und attraktiv;
liegt das eigene Ergebnis unter dem Vergleichsniveau, ist die Beziehung unbefriedigend und unattraktiv.
Das Vergleichsniveau ergibt sich aus den bestehenden Erfahrungen sowie aus den Beobachtungen von Erfahrungen anderer Spieler.
Stabilität als wichtiger Faktor
Die Stabilität beziehungsweise Aufrechterhaltung einer Beziehung hängt dagegen vom Vergleichsniveau für Alternativen ab, welches als das geringste Nutzenlevel der Beziehung definiert werden kann, das gegenüber anderen verfügbaren Alternativen noch akzeptiert wird. Sobald der Nutzen aus der Beziehung unter dem Vergleichsniveau der Alternativen liegt, wird die Beziehung verlassen. Das Vergleichsniveau der Alternativen entspricht somit der Qualität der besten verfügbaren Alternative, die der momentanen Beziehung gegenübersteht. Unter Alternativen, mit denen die aktuelle Beziehung verglichen wird, fallen dabei sowohl andere Beziehungen mit Teamkollegen als auch das alleine sein.
Der Nutzen der Alternativen ergibt sich wiederum aus der Bewertung erlebter oder vermuteter Belohnungen und Kosten. Eine Bedingung für die Existenz von Zweierbeziehungen ist deshalb die gegenseitige Abhängigkeit vom Verhalten des Anderen, welches zur Erzielung von Belohnungen notwendig ist. Je höher diese Abhängigkeit ist, desto höher ist der Nettonutzen gegenüber Alternativbeziehungen und dementsprechend die Stabilität der Beziehung. Aus diesen Gründen sollte der Trainer, die Führungsspieler oder das Team in regelmäßigen Abständen ein „Spieler-Meeting“ einberufen. Der Teampsychologe kann dann dem Team in dieser Vorgehensweise mit Rat und Tat zur Seite stehen, egal ob zu allgemeinen Fragen oder bei konkreten Problemen.
Entwicklungshemmer aus dem Weg räumen
Denn der unregelmäßige Austausch und die fehlenden Absprachen in bestehenden Beziehungen einer Mannschaft ist eines der größten Entwicklungshemmer in herausfordernden Zeiten – und auch einer der häufigsten Gründe für Teamkonflikte. Die Kommunikation face to face oder im gesamten Team, sollte durch dauerhaftes Interesse geprägt sein.
Dass heißt für Trainer, Führungsspieler und Sportpsychologe: Vertrauen zeigen, Nähe fördern und stärken, menschlich fair bleiben und positives Feedback geben. Gleichzeitig sollte es dazu eine offene Fehlerkultur geben. Daher sind Spieler-Meetings wichtig, wenn Sie beispielsweise die ehrliche und wechselhafte Einstellung Ihres Gegenübers kennenlernen wollen oder auch das Engagement einzelner Spieler beurteilen möchten. Die anderen Gründe für Meetings ergeben sich dann im Wesentlichen aus der Möglichkeit einer offenen Gesprächskultur im Team und effizienten Lösungsfindung.
Tipp für die Praxis
In meiner Erfahrung ist der regelmäßige und zielführende Austausch innerhalb einer Mannschaft ein wichtiger Träger für tatsächliche Teamkohäsion. Schaffen Sie also Anlässe, an denen sich die Spieler untereinander und dem Staff austauschen können und dabei tatsächlich aktiv werden.
Stellen Sie das nächste Spieler-Meeting doch unter ein bestimmtes Motto. Sie schaffen hiermit also eine Reflexions- und Austauschmöglichkeit, über die die Spieler optimal voneinander lernen können. Bei derartig genutztem Meetings werden die Erfahrungen und Ansichten der verschiedenen Spieler diskutiert und eine übergreifende Perspektive geschaffen. Dem Beziehungsgefüge in Ihrem Team tut so etwas gut. Im Alltag sprechen wir gern vom Zusammenwachsen eines Teams. Wie wichtig das ist, wissen wir alle.
Nicht nur der Sport, auch das Berufsleben und unser aller Alltag werden nach wie vor stark eingeschränkt. Viele Athleten können ihre Disziplinen kaum ausführen und taten das auch in den vergangenen Monaten nur stark reduziert. Keiner weiß so richtig, wann wir unsere Normalität zurückgewinnen können. Generell ist die momentane Zeit von der viel Unsicherheit geprägt. Unsicherheit, die sich immer noch weiter schüren lässt. So sehr uns digitale Medien gegenwärtig helfen – nämlich dann, wenn wir unsere real unterbundenen sozialen Kontakte weiter pflegen wollen – so gefährlich können sie uns dieser Tage werden.
Zum Thema: Achtsamkeit in der digitalen Welt
Vor allem sind es soziale Medien, mit denen wir auch als Sportler umso achtsamer umgehen sollten. Zwar nicht nur in Zeiten der Pandemie, sondern ganz allgemein gilt, sich jene Online-Zeiten bedacht einzuteilen, seine Kanäle achtsam zu wählen und auf einen Ausgleich zur digitalen Welt zu achten. Um diese Notwendigkeiten nur noch mehr zu verdeutlichen, gibt es in diesem Blog nicht mehr Ratschläge, sondern schlichtweg eine Filmempfehlung:
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Im November 2020 bestreitet die deutsche Fußball-Nationalmannschaft drei Partien. Vor nicht allzu langer Zeit wären der Freundschaftskick und die beiden Pflichtspiele kleine Festtage gewesen; Pflichttermine für Fußballfans. Im Spätherbst 2020 liegt aber eine bleierne Schwere über der Nationalmannschaft, die über so viele Jahre so viel Freude gemacht hat. DFB-Sportdirektor Oliver Bierhoff spricht von einer dunklen Wolke über dem Team. Aus meiner Sicht ist die emotionale Entfremdung, die gegenüber der Nationalelf deutlicher als bei manchen Bundesliga-Clubs zu Tage tritt, nur ein Symptom für eine größere Fehlentwicklung. Wir alle – aber vor allem Entscheidungsträger in Vereinen, Verbänden und Nachwuchsleistungszentren – müssen beherzt umsteuern. Am besten jetzt.
Zum Thema: Wo Veränderungen im Fußball stattfinden müssen
Ich lebe in Gelsenkirchen-Erle. Und hier bemerke ich seit einigen Jahren einige positive Anzeichen: Vereine tun sich zusammen, kooperieren im sportlichen Sinn, um zum Beispiel Fort- und Weiterbildungen für Eltern, Trainer und Spieler anbieten zu können. Kollegen aus meinem Netzwerk (zu unseren Angeboten) und ich dürfen dann dort konkret über Veränderungsansätze sprechen und Ideen geben. Das ist großartig! Vor zehn Jahren wäre es noch schwer denkbar gewesen, dass konkurrierende Vereine dies gemeinsam unterstützen. Wenn man erst einmal danach zu suchen beginnt, wird man viele solcher Beispiele in ganz Deutschland finden. Euphorisch ausgedrückt: Da ist eine Revolution im Gange, die von einzelnen Vereinsvertretern losgetreten wird. Es ist keine Transformation, die von oben nach unten eingeleitet wird. So wie wir das immer erwarten, wenn wir es uns einfach machen. Stattdessen kann ein nachhaltiger Veränderungsprozess nur von unten durch jeden Einzelnen von uns in Gang kommen, indem wir uns gemeinsam auf den Weg machen!
Am besten man zeigt anderen, wie gut es einem selbst damit geht. Wenn wir etwas Attraktives ausstrahlen, sagen alle anderen um ihn herum: „Das hätte ich auch gerne!” Oder: “Diesem Verein möchte ich angehören“. Vielleicht auch: “Damit kann ich mich voll identifizieren, da will ich mit allem, was ich habe, dabei sein.”
Konkrete Ansätze
In den Vorträgen machen meine Kollegen und ich dann Vorschläge wie keine Selektion mehr vorzunehmen, wir fordern eine offene Gesprächskultur ein, fehlende Spielzeit auszugleichen bzw. besser abzuschaffen und Ignoranz aktiv zu verhindern! Wir ermuntern, immer diesen offenen, freien Blick einzunehmen, keine Angst mehr zu verbreiten, immer das Gefühl zu geben, dass jeder Einzelne selbst der Gestalter seines sportlichen Lebens ist. Und wir machen klar, dass wir keine Opfer der Leistungsoptimierung und Erfolge mehr produzieren dürfen.
In einigen Vereinen gibt es seit Jahren Menschen mit einer derartigen Einstellung und damit unausweichlichen Attraktivität. Man nennt dies gern auch Charisma. Fragt diese ruhig beim nächsten Aufeinandertreffen, wie sie das machen. Viele von euch sind ja tatsächlich auf der Suche nach Veränderung im deutschen Fußball. Das ist das Neue an dieser Entwicklung. Sie kann nicht allein durch größere Organisationen umgesetzt werden, sondern nur durch die Menschen in den Vereinen. Wir finden überall im Land kleine Vereine, die sich gerade auf den Weg machen.
Wissen konsequent teilen
Was uns im deutschen Fußball so viel Wissen, Erkenntnis und Entwicklung ermöglicht hat, war der Umstand, dass Menschen ihr Wissen und Können seit jeher miteinander austauschen. Wenn ein jeder aber sein Wissen vor den anderen versteckt, kommt das System in Schieflage. In den vergangenen Jahren hat sich eine solche Kultur etabliert. Wie viele Profi-Vereine haben große Zäune um ihre Trainingsplätze gebaut – auch um die der Nachwuchsleistungszentren? Warum wird es uns als Erfolg verkauft, dass einzelne Trainings des Nationalteams wieder verstärkt öffentlich stattfinden? Ist es für das System wirklich gesund, dass kleine Fußballfans denken, ihre Idole seien von einem anderen Stern und nicht – zumindest ein bisschen – aus dem gleichen Holz wie sie?
Wir müssen konsequent dahin zurück, dass Wissen miteinander geteilt wird. Einer findet etwas und die anderen überprüfen und übernehmen das, wenn es gut ist. Die höchste Form dieser Art von Austauschprozessen entsteht immer dann, wenn gemeinsam nach einer Lösung gesucht wird. Was gefunden wird, ist mehr als das, was sich ein Einzelner ausdenken könnte. Diese gemeinsame Suche nach Lösungen heißen Verbundenheit, Menschlichkeit und Loyalität, an der jeder als Individuum beteiligt ist, die praktische Umsetzung dann im Verband, Verein und Team stattfindet. Es kommt auf jeden an, egal auf welchem Liga-Level, vom Weltmeister bis zum Kreisliga-Flankengott.
Wir scheitern gegenwärtig in so vielen Bereichen des Sports, weil wir die Probleme, die wir erzeugt haben und die uns jetzt zu schaffen machen, auf die bisherige Weise nicht lösen können. Wir haben keine Erfahrung, wie wir Vereine bilden, deren Mitglieder wirklich Interesse haben, die Probleme gemeinsam zu lösen und nicht gegeneinander agieren. Die Ursache dafür ist ein Erfolgssystem, das auf Konkurrenz gebaut ist und den Menschen zwangsweise als Objekt zur Erzeugung von Gewinnen betrachtet und behandelt.
Jedes Fußballtalent, welches in einem Nachwuchsleistungszentrum an einer Karriere im Profi-Fußball “arbeitet”, ist ein Objekt von Bewertungen und Strategien. Unser Fußball ist auf diese Objektbeziehung angewiesen. Die Entfaltung unserer Potentiale und jede Form von ökologischem Zusammenleben hängen davon ab, dass wir diese Form des Umgangs miteinander überwinden. Das ist das Dilemma, in dem wir gefangen sind und wofür wir eine Lösung brauchen. Dafür machen wir uns gemeinsam auf den Weg. Die Richtung dieses Weges wird aber nicht von oben bestimmt, sondern von den Menschen und Vereinen, die das erkannt haben, die mit gutem Beispiel vorangehen und viele Nachahmer finden.
Fazit
Mein Wunsch ist es, dass wir gemeinsam den Fußball (und auch andere Sportarten mit vergleichbaren Symptomen) verändern. In den zahlreichen Vorträgen und Projekten geht es meinen Kollegen von Die Sportpsychologen und mir darum, exemplarisch zu zeigen, dass nachhaltige Veränderungsprozesse im leistungsorientierten Fußball möglich sind. Stattfinden müssen sie aber vorrangig auf der Ebene sozialer Beziehungen und Menschlichkeit. Vielleicht war es das, was Mehmet Scholl schon vor ein paar Jahren mit anderen und deutlich weniger Worten gemeint hat.
Ein aktueller WDR Sport Inside Beitrag „Jungprofis in der Bundesliga: Noch früher ins Rampenlicht“ sorgt für Aufsehen. Im Film von Matthias Wolf wird die Regeländerung kritisch beleuchtet, nach der in der Fußball-Bundesliga zukünftig ohne jegliche Einschränkung bereits 16-Jährige Kicker zum Einsatz kommen dürfen. Diese Veränderung hat Borussia Dortmund angestossen. Ein Verein, der zunehmend auf junge internationale Talente setzt. Aber zu welchem Preis? Zu dieser Frage wurde unter anderem Dr. René Paasch von Die Sportpsychologen (zum Profil) befragt. Wir empfehlen an dieser Stelle den Beitrag, der unter anderem auf Sportschau.de oder über die Sportschau-App zur Verfügung steht:
Ein Problem, welches aktuell immer häufiger Vereine in Deutschland und der Welt beschäftigt: Einzelne Fußballer, die in engmaschigen Corona-Tests positives getestet und vom örtlichen Gesundheitsamt in häusliche Quarantäne geschickt werden. Im konkreten Fall heisst es dann meist 14 Tage Isolation, 14 Tage kein Mannschaftstraining, 14 Tage „gefangen“ in den eigenen vier Wänden. Natürlich geht das auch vielen Privatpersonen und anderen Sportlern so. Ich möchte nur mit dem Beispiel aus dem Fußball aufzeigen, welche Maßnahmen eine solche Zeit unterstützen können und wie aus sportpsychologischer Sicht dort gehandelt werden kann.
Zum Thema: Rausgerissen aus dem Alltag
Für Fußballprofis dreht sich der Tag normalerweise um ihren Job, den Fußball. Training, Regeneration, Psyche, Ernährung, Schlaf, Ausdauer, Technik, Taktikverständnis… So lauten die Bausteine, die dort für gewöhnlich eine Rolle spielen. Im Mittelpunkt steht der Fußball MIT ihren Mannschaftskollegen und nicht selten auch Freunden.
In der Aufzählung der Bausteine werden einige Punkte deutlich, die in dieser Ausnahmesituation der Quarantäne zu beachten sind.
Tagesroutine
Ein Fußballer hat durchaus feste Abläufe in seinem Arbeitsalltag. Meist ein bis zwei Stunden vor Trainingsbeginn wird sich am Vereinsgelände eingefunden. Umziehen, vielleicht der Besuch beim Physio, Erwärmung, Aktivierung, individuelle Videoanalysen, Gespräche usw. Dann das Mannschaftstraining, mal mit, mal ohne größeren Athletiktraininganteil und natürlich eine Spielform, wo die Spieler einfach auch spielen dürfen.
Ohne daran teilnehmen zu dürfen, wird einem Spieler sehr viel bewusster, wieviel Zeit der Job am Tag einnimmt. Diese Zeit muss zuhause gefüllt werden. Wenn es anfangs vielleicht noch ganz entspannend wirkt, mal nichts zu machen, fängt es oftmals schon am vierten Tag an, dass sich die Lücke doch sehr groß anfühlt. Playstation, TV und Couch können eben nicht Fußballschuhe, Ball und Mitspieler ersetzen.
Andere Säulen
Es gilt also zu eruieren, welche Säulen der eigenen Persönlichkeit neben dem Fußball noch existieren und wie diese nun die entstandene Lücke füllen können. Sich mit sich selbst auseinander zu setzen, um daraus auch Stärken für den Fußball zu ziehen, kann eine wichtige Komponente in der Zeit der Quarantäne sein. Dazu später mehr.
Neben all dem, was auf dem Rasen passiert, sind es aber auch Mitspieler, Trainer, Staff und Mitarbeiter im Verein, zu denen der Kontakt in persönlicher Form nicht möglich ist. Es ist daher unbedingt empfehlenswert, dem Spieler an allen Sitzungen, die das Team betreffen, teilhaben zu lassen. In der heutigen Zeit ist das über Videochat oder eines der gängigen Online-Meeting-Tools ja überhaupt kein Problem mehr. Eine tägliche Einbindung des Spielers, der daheim sitzen muss, würde klar das Signal senden, dass er inhaltlich nicht außen vor ist. Er kann sich wie alle anderen auch, mit Taktik, Gegnervorbereitung und Trainingsausrichtung beschäftigen. Auch wenn derjenige es nicht mit auf den Rasen bringen kann, wird die Teilnahme sowohl für die Mannschaft als auch den Spieler als gewinnbringend wahrgenommen. ALLE sprechen GEMEINSAM darüber, können ihre Meinungen äußern und auf den Informationen und Gesprächen kann im Weiteren aufgebaut werden.
Virtuelle Nebenstrecken
Ich würde sogar noch einen Schritt weiter gehen und da, wo es möglich ist, das Athletiktraining beispielsweise auch mit einer Videoschalte durchzuführen. Es gibt sicherlich einige Übungen, die ein Spieler auch daheim im Wohnzimmer oder im Garten mitmachen kann. Sollte es mehrere Spieler betreffen, die in häusliche Isolation müssen, würde ich sogar einen eigenen virtuellen Trainingstermin für diese Gruppe einrichten. Neben dem Training darf dort aber auch dann ein Austausch stattfinden, wie es den einzelnen Personen in ihrer Situation geht.
Vielleicht wäre es auch ratsam, einen Spieler, der am Training teilnehmen darf, als Buddy einzusetzen, der den in Isolation befindlichen Mitspieler immer auf dem laufenden hält und dafür Sorge trägt, dass dieser an all den wichtigen Entscheidungen und Informationsflüssen beteiligt ist. Das Wissen darüber auch trotz der Quarantäne nicht in Vergessenheit bei der Mannschaft zu geraten, nimmt einem Spieler viele Sorgen und bringt ein positives Gefühl in diese einsame Zeit. Für diejenigen, für die regelmäßig ein gemeinsamer Restaurantbesuch anstand, könnte eine Option sein, sich zeitgleich beispielsweise etwas zu essen liefern zu lassen, um dann vor dem Videochat zusammen zu dinieren.
Grenzen und Möglichkeiten
Da die sportlichen Betätigungen im häuslichen Bereich limitiert sind und die Ausdauer meist nur über das Fahrradergometer auf Trapp gehalten werden kann, wäre ein expliziter Trainingsplan, der auch hier bestenfalls mit dem Athletiktrainer via Onlinechat/Videokonferenz abgehalten wird, ratsam. Schließlich haben auch die Athletiktrainer der Vereine in jüngster Zeit ihre Arbeit angepasst und sich weiterentwickelt. Ein solches virtuelles Programm hat nicht nur das Ziel, den Spieler während der Quarantänephase möglichst nah an seinem bisherigen Leistungsniveau zu halten, sondern vor allem den Wiedereinstieg ins Mannschaftstraining zu erleichtern und Verletzungen vorzubeugen. Dies zeigte sich nach der Wiederaufnahme des Mannschaftstrainings zu Beginn des Jahres, als eine der größten Schwierigkeiten, da die Belastbarkeit der Spieler in nicht wenigen Fällen schlichtweg nicht mehr den Belastungen des Trainingsbetriebs gewachsen war. Oliver Peters, Reha- und Athletiktrainer im Nachwuchsleistungszentrum des VfL Osnabrück, gibt noch weiteres zu bedenken: “Die Verletzungsrate in der Bundesliga stieg nach dem Lockdown von 0,27 auf 0,88 Verletzungen pro Spiel. Entsprechend wichtig ist es, nicht nur die Ausdauerfähigkeit, sondern vor allem die muskuläre Belastbarkeit während des Quarantänezeitraums zu erhalten.” Ergänzend können Themen wie Ernährung oder Beweglichkeitshygiene in das Athletiktraining aufgenommen werden und vielleicht sogar zu einem gemeinsamen Kochabend per Videokonferenz führen.
Kathrin Seufert
Kathrin Seufert
Sportarten: Fußball, Schwimmen, Eishockey, Basketball, Schießsport, E-Sports aber auch offen für alle anderen Sportarten
Darüber hinaus kann in der Zeit der Quarantäne an individuellen Themen gearbeitet werden. Angefangen von technischen Komponenten, physischen Defiziten oder eben auch sportpsychologischen Themen und der präventiven Arbeit an diesem Fachbereich. Gern stehen meine Kollegen (zur Übersicht) und ich (zum Profil von Kathrin Seufert) gern zur Verfügung – nehmt Kontakt auf.
Von der individuellen bis kollektiven Ausnahmesituation
Wenn auch die gesamte Mannschaft kein Trainingsbetrieb durchführen kann, so sollte zu den eigentlichen Trainingszeiten regelmäßig ein Online-Meeting stattfinden. Ob dort nun ein gemeinsames Home-Workout gemacht wird, sich einfach nur ausgetauscht wird oder vielleicht auch Ziele und Mannschaftswerte thematisiert werden, ist erst einmal zweitrangig. Wichtig ist, dass jeder Beteiligte weiterhin das Mannschaftsgefühl und den Zusammenhalt spüren kann.
Die häusliche Isolation ist in jedem Fall eine Ausnahmesituation, die für den einen mehr und den anderen weniger erträglich ist. Daher ist es eben von solcher Wichtigkeit zu schauen, wie die eigenen Spieler damit umgehen. Eine enge sportpsychologische Betreuung ist dort anzuraten. Nicht, weil ich glaube, dass die Spieler mit dem mehr an Zeit nicht umgehen können, sondern vielmehr, um ihnen gerade in dieser Zeit Möglichkeiten aufzuzeigen, auch ohne Fußballschuhe am Fuß trainieren zu können. Handlungsschnelligkeit, Aufmerksamkeit und Konzentration oder auch den Umgang mit Nervosität und Stress… Natürlich werden die Spieler nach den 14 Tagen nicht alle diese Fähigkeiten erlernt haben, aber diese Zeit ist bestens geeignet, um den Grundstein zu legen. Und dann wird sich dies auch auf das Spiel mit dem Ball auswirken.
Fazit
Zusammengefasst geht es bei Isolationen sowohl für den Verein als auch für die betroffenen Spieler darum, die Kommunikation so hoch wie möglich zu halten, die Betroffenen in allen Aktionen und Gesprächen zu integrieren und eben auch Angebote zu machen, die dem Sportler das Gefühl geben, dass es keine verlorene Zeit ist. Sie ist anders, aber sie lässt sich sinnvoll nutzen.
Fußballexperten und Trainer betonen immer wieder, dass Tabellen erst nach zehn Spieltagen eine gewisse Aussagekraft bekommen. Genau genommen ist dies auch der Startschuss für den Abstiegskampf. Häufig kommt es in dieser frühen Phase der Saison bereits zu ersten Trainerentlassungen. Für Sportvorstände – aber auch für die Trainer und Spieler – stellen solche Phasen maximal harte Prüfungen dar. Der vorliegende Blogbeitrag will krisenrelevante Verhaltensmuster und psychologische Mechanismen darstellen, Strategien und Vorgehensweisen zur Konfliktentschärfung und Krisenbewältigung aufzeigen und dies mit verhaltenstheoretischen und praktischen Hintergründen untermauern.
Zum Thema: Die Ungewissheit im Fußball meistern
Seit ich die herausfordernde Situation bei Schalke 04 intensiver beobachte, finde ich auf den ersten Blick nur noch Negativschlagzeilen über die Königsblauen. Wie gerne würde ich wieder etwas Positives lesen! Man müsste einmal zählen, wie oft in einer Ausgabe der Tageszeitung, im Radio oder in den TV-Nachrichten bzw. den Kommentaren in diesem Zusammenhang das Wort „Abstiegskampf oder Krise“ benutzt wird. Es klingt so, als wenn es eine stillschweigende Übereinstimmung darüber gäbe, dass die schwierige Situation auf Schalke alle und alles in eine „Endlosschleife des Verlierens“ gestürzt hat. Es ergibt daher Sinn, differenziert mit dem Begriff „Abstiegskampf oder Krise“ umzugehen.
Auf den Böden der Vereinskrise auf Schalke wachsen oft regelrechte Kumpels hervor. Glück auf!
Dr. René Paasch
Eine Vereinskrise ist ein zeitlich begrenzter Zustand mit einem schleichenden identifizierbaren Auslöser, indem ein Verlust, eine Bedrohung oder eine Überforderung eintritt, durch den der Fortgang des bisherigen Geschehens wellenartig erschwert wird. Schwierige Zeiten sind für einzelne Akteure wie Trainer, Spieler und Sportvorstände Grenzerfahrungen, die Alltagsroutinen durchbrechen, in hohem Maße verunsichern und Selbstbilder ins Wanken bringen. Krisen legen strukturelle und persönliche Defizite offen und machen angreifbar. Der entscheidende Schlüssel zur Beherrschung dieser gegenwärtigen Zeit, ist die offene, vorurteilsfreie und komplexe Analyse des „Ursprungs“. Sie hat immer ein hohes Ausmaß an „Irrationalität“ und lässt sich nur gemeinsam bewältigen. Doch welche Merkmale weisen Vereine sehr häufig auf, wenn diese sich in schwierigen Phasen befinden? Ich diesem Zusammenhang sind drei immer wiederkehrende Merkmale auffällig:
Die Mannschaften haben schon zahlreiche Niederlagen in der laufenden Serie verarbeiten müssen (Frustration).
Es ist sehr offen, ob sich an der aktuellen Situation etwas ändert wird (Unsicherheit).
Die Perspektive tatsächlich abzusteigen, erscheint bedrohlich (Konsequenzerwartung).
Die nun folgenden Abschnitte sollen krisenrelevante Verhaltensmuster und psychologische Mechanismen darstellen, Strategien und Vorgehensweisen zur Konfliktentschärfung und Krisenbewältigung aufzeigen und dies mit verhaltenstheoretischen und praktischen Hintergründen untermauern.
Verhalten von Sportvorständen, Spielern und Trainern
Um die psychologisch relevanten Felder einer Vereinskrise beleuchten zu können, ist es zunächst erforderlich, einen Überblick über den Kreis der Betroffenen zu erhalten. Im Mittelpunkt der Verantwortung einer Krise stehen zunächst der Manager und der Trainer. Um ihn herum gruppieren sich eine Vielzahl von Betroffenen und Beteiligten, die in unterschiedlicher Intensität von der Krise betroffen sind. Sie alle stehen zueinander in Beziehungen, die durch die Situation beeinflusst werden. Bereits ihre unterschiedlichen Interessenlagen führen zwangsläufig zu unterschiedlichen Verhaltensweisen. Die Tatsache, dass es sich bei den agierenden Personen um Menschen mit unterschiedlichen Charakteren handelt, prägt die anzutreffenden Verhaltensweisen zusätzlich.
Im Mittelpunkt der psychologischen Problematik steht dabei zunächst und vor allem der Manager, der Trainer und der vereinzelte Spieler. Sie werden, ob zu Recht oder Unrecht, als die Verursacher der Gegenwart gesehen und sind gleichzeitig diejenigen, die zumindest die Verantwortung für die Krisenbewältigung tragen werden. Aus diesem Grund stehen sie im Mittelpunkt des Interesses, da ihre Verhaltensweisen und Interaktionen mit anderen Personen den psychologischen Verlauf auf Schalke entscheidend prägen.
Persönliche Befindlichkeiten
Gerät ein Verein in eine bedrohliche Situation, so wird diese von den verantwortlichen Managern oder dem Team sehr individuell erlebt und empfunden. Der fehlende Erfolg rüttelt an der persönlichen Identität. In den meisten Fällen erleben die unmittelbar Beteiligten massive Verlustängste und verlieren an Selbstvertrauen. Das frühzeitige Erkennen und das Gegensteuern ist dann die Voraussetzung, dass deren Folgen soweit wie möglich abgemildert werden können. Nur dadurch kann vermieden werden, dass eine Vereins- und Mannschaftskrise zum Selbstläufer wird. Um zu beurteilen, ob bei den Vereinsangehörigen eine individuelle Resignation vorliegt, können bestimmte Warnsignale herangezogen werden:
Kontaktabbruch zu vereinzelten Personen & Vereinssuche
Kommunikationsstörungen in- und außerhalb des Teams
begrenzte Wahrnehmungsfähigkeit („Tunnelsyndrom“)
eine negativ verzerrte Interpretation von Situationen und Umständen
Stimmungsschwankungen und Unruhe
Beeinträchtigung des Selbstwertgefühls und Selbstvertrauen
All diese Merkmale werden sich häufen oder erstmalig auftreten, wenn aus der Vereinskrise auch eine Persönlichkeitskrise der agierenden Trainer und Spieler wird. Um beim Auftreten derartiger Symptome Hilfestellung geben zu können, ist es wichtig, über die Dynamik des Krisenerlebens Bescheid zu wissen. Dies beginnt zunächst mit dem Erkennen der individuellen Krisenphase, in der sich der Einzelne oder das Team befindet.
Die Phasen des individuellen Krisenerlebens
Jeder der Vereinsangehörigen wird die turbulente Zeit auf Schalke meist in mehreren Phasen erleben und empfinden. Diese lassen sich auch für die Krise folgendermaßen systematisieren:
Schock
Verleugnung
Auflehnung
Verhandlung
traurige Phasen
Akzeptanz
Aktivität
Schock- und Verleugnungsphase
In der Schockphase wird dem Manager und den einzelnen Akteuren zum ersten Mal bewusst, in welch schwieriger Situation sich der Verein befindet. Meist wird diese Schockerfahrung von außen angestoßen, zahlreiche Fans kündigen die Mitgliedschaft oder das zuständige Kreditinstitut droht eine Kreditkündigung an. In selteneren Fällen resultiert der Schock aus eigener Erkenntnis. Konkret geht mit der Schockphase die Unfähigkeit einher, die Situation zu begreifen, klar zu denken, zu planen und zu handeln. Gerade beim Trainerteam und jüngeren Spielern beinhaltet der Schock die Selbsterfahrung, dass dem bekannten und über Jahre vertrautem System der akute Zusammenbruch droht. Hat der Sportvorstand in der Vergangenheit einen patriarchalisch bis autoritären Führungsstil und fehlender Transparenz praktiziert, so ist die Erfahrung einer derartigen Bedrohung umso einschneidender. Er nimmt die Wirklichkeit als erdrückend und überwältigend wahr. Die Reaktion sind Gefühle der Hilflosigkeit und der Angst. Sie sehen ein über Jahre aufgebautes Image „Eurofighter & Malocher“ gefährdet.
An die Schockphase schließt sich die Verleugnungsphase an. Die Tatsache, dass sich der Verein in einer existenziellen und sportlichen Krise befindet, wird negiert. Die Situation wird als schwieriger Einbruch gesehen, der nichts mit der existenziellen Bedrohung zu tun hat und lediglich vorübergehender Natur ist. Das Management vertraut auf die Selbstheilungskräfte neuer Trainer und Spieler und will die Realität nicht sehen. Dies kann in einem paralytischen Zustand gipfeln, der es den handelnden Personen unmöglich macht, Entscheidungen zu treffen und handlungsfähig zu sein. In dieser Phase wird oft ein letzter verzweifelter Versuch gemacht, die Konfrontation mit der Realität zu vermeiden.
Auflehnung und Verhandlung
In der Phase der Auflehnung blickt man den Tatsachen ins Auge und versucht, das Problem zu lösen. Dabei ist jedes Mittel und jede Vorgehensweise recht, die auch nur mit einer minimalen Erfolgswahrscheinlichkeit aufwarten kann. Entscheidungen werden hitzig und unter hohem emotionalem und medialem Druck getroffen und nur unzureichend auf ihre Sinnhaftigkeit überprüft. Die Gefahr, dass Fehler gemacht werden, ist in dieser Phase besonders hoch. Alle Beteiligten sind hochgradig angespannt und neigen zu emotionalen Überreaktionen. Gerade in dieser Phase kommt es oftmals zu Konflikten zwischen dem Management auf der einen Seite und dem Trainerteam und den Spielern auf der anderen Seite. Oft wird in dieser Phase des Krisenerlebens versucht, Standpunkte auf Basis festgefahrener Strukturen zu erklären. Diese Vorgehensweise ignoriert die tatsächlichen Macht- und Einflusskonstellationen völlig, verschafft den Betroffenen jedoch das Gefühl, „etwas getan zu haben“ und reduziert die Empfindung, schutzlos Ereignissen und Vorstellungen ausgeliefert zu sein, die man nicht beeinflussen kann.
An die Auflehnungsphase schließt sich die Phase der Verhandlung an. Sie ist gekennzeichnet durch die Auseinandersetzung mit der Realität, der Suche nach Lösungen, Alternativen und Auswegen. Das Management und die Mannschaft sind zum ersten Mal bereit, sich helfen zu lassen. In dieser Phase ist es sinnvoll erste Sofortmaßnahmen zu definieren und einzuleiten. Der Umgang mit der jetzigen Situation tritt hier zum ersten Mal in eine produktive Phase.
Traurige Phasen und Akzeptanz
Als weiterer Abschnitt kann sich die Phase der Traurigkeit anschließen. Sie kommt vor allem dann zum Tragen, wenn die ersten Sofortmaßnahmen, Verhandlungen und Punktgewinne nicht den erwünschten Erfolg zeigen. In dieser Situation fällt es sehr schwer, Neues anzunehmen und aktiv zu werden. Hilfestellung in Form von Zuversicht und Optimismus sind in dieser Phase ein notwendiger Impuls, um viele Beteiligte zu erreichen. Das Festhalten an den bisherigen Sichtweisen wird aufgegeben. Die Tatsachen und Fakten werden anerkannt, also akzeptiert. Sorgenvolle Gefühle vor der neuen Situation dominieren noch die emotionale Stimmungslage.
Sind alle bisher genannten Phasen durchlaufen, so schließt sich als letzte Phase – die der Aktivität – an. Die Verantwortungsträger im Management und der Mannschaft verabschieden konkrete Maßnahmen und Handlungsziele, beziehungsweise setzen definierte Schritte um.
Natürlich sind die dargestellten Phasen idealtypische Ausprägungen. Sie können sich überschneiden, in einem schnellen oder langsamen Ablauf durchlebt werden oder sich wie in einer Schleife in verschiedenen Zeitabständen der Krise wiederholen. Die Verarbeitung jeder einzelnen Phase ist dabei aber Voraussetzung für den Verlauf der weiteren Phasen. Gerade weil Vereins- und Mannschaftskrisen wenig Zeit zum Handeln lassen, ist es erforderlich, zu verhindern, dass durch diese individuelle und persönliche Krisensituation die knappen zeitlichen Ressourcen gebunden oder verbraucht werden und die persönliche Energie in die „falsche“ Richtung gelenkt wird. Daher ist es im Interesse aller Betroffenen, alles zu versuchen, um zunächst durch Hilfestellungen, aber auch durch personelle Maßnahmen die Phasen möglichst schnell bis zum Punkt der Aktivität zu treiben. Gelingt dies nicht, so werden personelle Konsequenzen losgelöst von Überlegungen zur fachlichen Kompetenz unumgänglich.
Fazit
Die Bewältigung einer Vereins- und Mannschaftskrise erfordert nicht nur fachliches Können. Ein entscheidender Erfolgsfaktor ist vielmehr die professionelle Auseinandersetzung mit den Eigenschaften, Verhaltensausprägungen und Emotionen der Betroffenen. Vor allem die Bewältigung zwangsläufig auftretender Schwierigkeiten stellt eine wesentliche Herausforderung für ein erfolgreiches Krisenmanagement dar. Erst wenn es gelingt, Wege und Methoden zu finden, die Vielzahl der Konflikte im Rahmen der Bewältigung zu beherrschen und zu entschärfen, lassen sich auch die sachlichen Lösungsansätze erfolgreich in die Tat umsetzen. Dies verlangt von jedem bestimmte Eigenschaften und Persönlichkeitsmerkmale. In keinem Fall sollten die psychologischen Aspekte bei der Bewältigung einer herausfordernden Zeit vernachlässigt werden. Diese Aufgabe obliegt Menschen, die in ihren Verhaltensweisen und Entscheidungen nicht immer rational geprägt sind und in der Stresssituation einer Krise besonders emotional reagieren können. Nur wenn diese Emotionen berücksichtigt werden, gelingen die neuen Wege.
Sportpsychologische Konzepte spielen in der Anbahnung, Strukturierung und Optimierung sportpsychologischer Arbeit eine wichtige Rolle. Bedeutung gewinnt dieses Tätigkeitsfeld nicht zuletzt durch das Lizenzierungsverfahren von diversen Profi-Ligen, allen voran der Deutschen Fußball Liga (DFL).
Die Sportpsychologen bieten nicht nur den Service an, individuelle, hoch professionelle und innovative Konzepte für Vereine, Verbände, Institutionen oder Athleten zu schreiben. Denn durch die Verteilung der Profilinhaber in Deutschland, Österreich und der Schweiz können die Konzepte, die durch das Know-How im Netzwerk entwickelt worden sind, von den Sportpsychologen umgesetzt und begleitet werden. Die Sportpsychologen bieten einen 360-Grad-Ansatz für sportpsychologische Betreuung.
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Fachredakteur:
Prof. Dr. Oliver Stoll (* 5. Februar 1963) studierte an der Justus-Liebig-Universität Gießen Sportwissenschaft, Psychologie und Pädagogik sowie am College of Charlestin (S.C., USA). Er promovierte 1993 zum Dr. phil. im Fach Sportwissenschaft an der Universität Gießen und wechselte 1995 an die Universität Leipzig. Hier absolvierte er eine wissenschaftliche Assistentenzeit und habilitierte hier im Jahr 2000. Im Jahr 2002 folgte er einen Ruf auf eine Professur für Sportwissenschaft mit dem Schwerpunkt Sportpsychologie und Sportpädagogik an die Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg.
Mathias Liebing ist Gründer und Redaktionsleiter der Plattform Die Sportpsychologen. Als freier Journalist mit dem Themenschwerpunkt Sportpsychologie arbeitet er für die ARD, DAZN, ZDF, MDR, Deutsche Welle und diversen Print- und Online-Medien. Sein Magister-Studium der Sportwissenschaften, der Medien- und Kommunikationswissenschaften und der Zeitgeschichte absolvierte er an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg.
In vielen Fußballnachwuchsleistungszentren sind mittlerweile Sportpsychologen und Sportpsychologinnen installiert. Wie diese aber konkret eingesetzt werden, differiert von Standort zu Standort. Nicht selten gibt es auch Unklarheiten, wo die sportpsychologische Arbeit direkt ansetzen soll. In Einzelfällen finden sich Experten quasi im luftleeren Raum wieder – irgendwo zwischen sportlicher Leitung, den Trainern, dem Staff und den Spielern. Dieser Text beschäftigt sich daher mit der Frage, wie ein Sportpsychologe im Leistungsbereich des Nachwuchsfußballs die Rolle des Bindeglieds zwischen Mannschaft und Trainerteam proaktiv ausfüllen kann und stellt zwei mögliche Modelle konkret vor.
Zum Thema:Zwei Wege, sportpsychologische Unterstützung clever zu installieren
Eine wichtige Grundlage, um als Bindeglied zwischen Trainerteam und Mannschaft wirkungsvoll fungieren zu können, stellt die Rollenkompetenz des Sportpsychologen dar. Für diesen gilt es, sich mit seiner Rolle und der konkreten Ausgestaltung dieser bereits im Vorfeld intensiv auseinanderzusetzen. Ich schlage an dieser Stelle die Rolle des neutralen, nicht wertenden Moderators vor, der sich als Unterstützer des Systems “Spieler + Trainerteam” betrachtet und im Sinne dieses Systems arbeitet.
In dieser Rolle ist es dem Sportpsychologen möglich, von den Beteiligten als vertrauensvoller Unterstützer wahrgenommen zu werden, der diese in ihrer Weiterentwicklung, in erster Linie in Bezug auf ihre Zusammenarbeit, unterstützt. Im Folgenden möchte ich zwei konkrete Möglichkeiten, wie ein Sportpsychologe seine Rolle als Bindeglied wirkungsvoll ausfüllen kann, vorstellen:
Angebot 1 – der Sportpsychologe als Moderator zwischen Trainerteam und Mannschaftsrat
Viele Trainer im Nachwuchsfußball bestimmen im Laufe der Saisonvorbereitung einen oftmals vier- oder fünfköpfigen, vor allem aus Führungsspielern bestehenden Mannschaftsrat, der die Interessen des Teams vertreten und zugleich als verlängerter Arm des Trainerteams wirken soll.
Die Grundidee des hier vorgestellten Angebots bezieht sich auf ein regelmäßiges, beispielsweise ca. alle sechs Wochen, stattfindendes Meeting zwischen dem Trainerteam, Mannschaftsrat und Sportpsychologen. Auf diese Art und Weise wird ein passender Rahmen geschaffen, um einen aktiven Austausch zwischen Trainerteam und Mannschaftsrat zu fördern. Es geht um aktuelle Themen mit anschließender Lösungsorientierung.
Kommunikation ermöglichen
Im Vorfeld, sprich einige Tage vor dem eigentlich stattfindenden Meeting, liegt es für den Sportpsychologen nahe, sowohl mit dem Trainerteam als auch mit dem Mannschaftsrat, getrennt voneinander, ein Gespräch zur Vorbereitung und Vorstrukturierung zu führen. Mögliche Inhalte der beiden Vorgespräche liegen jeweils in einer aktuellen Situationsanalyse rund um das Team, in der Erarbeitung möglicher Themen, die dem Mannschaftsrat bzw. dem Trainerteam gegenüber angesprochen werden sollten sowie in der Formulierung von Zielstellungen für das Meeting aus Sicht der „beiden Parteien“. Je nach vorliegendem Thema und Bedarf kann der Sportpsychologe den Mannschaftsrat in beratender Funktion zudem dabei unterstützen, die Kommunikation des Anliegens/Themas vorzubereiten.
Im Meeting selbst besteht eine wesentliche Aufgabe des Sportpsychologen darin, sowohl das Trainerteam als auch den Mannschaftsrat durch eine geschickte Moderation dabei zu unterstützen, dass die jeweiligen Anliegen aktiv kommuniziert und ggf. Lösungsansätze für (schwierige) Themen entwickelt werden. Einige Tage nach der Durchführung des Meetings kann der Sportpsychologe dieses mit dem Trainerteam reflektieren und mit diesem bei Bedarf zentrale Maßnahmen für die zukünftige Praxis ableiten.
Angebot 2 – der Sportpsychologe als Impulsgeber für die Spieler
Die Grundidee des hier vorgestellten Angebots bezieht sich auf ein regelmäßiges, beispielsweise ca. alle sechs Wochen, stattfindendes Meeting zwischen den Spielern und dem Sportpsychologen ohne Anwesenheit des Trainerteams. Ein möglicher Schwerpunkt dieses Meetings kann die Bearbeitung eines aus Spielersicht relevanten Anliegens darstellen. Ein solches kann psychosozialer (z.B. Schwierigkeiten im Miteinander zwischen Spielern und Trainerteam) oder psychologischer Natur (z.B. der Wunsch der Spieler, Strategien zu erarbeiten, wie mental mit Rückschlägen wie Gegentoren umgegangen werden kann) sein. Ggf. kann auch ein aus Sicht des Trainerteams relevantes Thema aufgegriffen und bearbeitet werden. Bringen weder Mannschaft noch Trainerteam ein Anliegen vor, kann der Sportpsychologe nach Absprache mit diesem in die Rolle des Fertigkeitsvermittlers schlüpfen und gemeinsam mit den Spielern an der Weiterentwicklung mentaler Fertigkeiten arbeiten und/oder Strategien, z.B. mentale Erholungsstrategien, vermitteln.
Auch diese Form des Meetings bedarf einer aktiven Vorbereitung. So gilt es, einige Tage im Vorfeld sowohl mit den Spielern, beispielsweise vertreten durch den Mannschaftsrat, als auch mit dem Trainerteam getrennt voneinander ins Gespräch zu kommen, um die aktuelle Situation zu analysieren und mögliche vorliegende Themen, die dann im Meeting bearbeitet werden sollen, herauszufiltern.
Einige Tage nach der Durchführung des Meetings kann auch hier ein Austausch über dieses zwischen dem Trainerteam und Sportpsychologen zielführend sein, um ggf. weitere Maßnahmen für die Praxis abzuleiten. Insbesondere aber, wenn im Meeting ein von den Spielern als relevant betrachtetes Thema bearbeitet wurde, sollte der Sportpsychologe, bedingt durch seine Rolle als vertrauensvoller Unterstützer, mit den Spielern genau absprechen, welche Inhalte des Meetings den Trainern wie kommuniziert werden – und welche vielleicht nicht.
Der Mehrwert solcher proaktiven Angebote kann vielfältig sein
In Abhängigkeit davon, welches Modell durchgeführt wird, unterscheidet sich letztlich auch der Mehrwert für die Beteiligten. Beiden Angeboten gemein ist die Herstellung eines „geschützten Raumes“ für die Spieler, innerhalb dessen sie die Möglichkeit erhalten, mit dem Sportpsychologen ins Gespräch zu kommen. In Modell 1 erhält der Mannschaftsrat, der idealerweise die Interessen der übrigen Teammitglieder vertritt, diesen Raum, in Modell 2 alle Spieler. Im Team garende Themen, vor deren Aussprechen sich erfahrungsgemäß viele Spieler scheuen, können im Rahmen beider Angebote kommuniziert und lösungsorientiert bearbeitet werden. Der Kommunikationsprozess zwischen Spielern und Trainerteam wird maßgeblich gefördert.
Im Sinne ihrer Persönlichkeitsentwicklung wird den Spielern in beiden Modellen die Möglichkeit eingeräumt, mündig und selbstbestimmt Schwierigkeiten, aber auch Bedürfnisse und Wünsche zu kommunizieren. Wird im Rahmen des zweiten Modells ein psychologisches Thema bearbeitet, können zudem mentale Leistungspotenziale auf individueller und kollektiver Ebene weiter ausgeschöpft werden. Insbesondere das erste Modell, bedingt durch den intensiven Austausch mit dem Mannschaftsrat, bietet dem Sportpsychologen des Weiteren die Chance, beispielsweise ein Mannschaftsratcoaching im Sinne eines Führungskräftecoachings anzubieten. Es bietet also Anknüpfungspunkte für eine vertiefte Zusammenarbeit zwischen Spielern und Sportpsychologen.
Herstellung der Compliance von Trainerteam und Spielern durch eine aktive Kommunikation des Angebots
Um eines der beiden Modelle jedoch überhaupt etablieren zu können, besteht eine wichtige Aufgabe des Sportpsychologen im Vorfeld darin, die Compliance von Trainerteam und Spielern herzustellen. Damit diese zu einer aktiven und engagierten Teilnahme animiert werden, müssen insbesondere Sinn, Mehrwert und Vorgehensweise deutlich werden.
Zunächst einmal liegt eine Vorstellung der zwei Modelle dem Trainerteam gegenüber nahe. Als Sportpsychologe bietet es sich an, von freiwilligen Angeboten zu sprechen, sodass die Entscheidung hinsichtlich einer tatsächlichen Durchführung dem Trainerteam obliegt. Mögliche Inhalte, der organisatorische Rahmen, die Rolle des Sportpsychologen, der Mehrwert und eine mögliche Implementierung der Angebote in den Alltag sollten deutlich angesprochen und diskutiert werden.
Unterstützung aus der Profiwelt
Hat sich das Trainerteam für eines der beiden Angebote, ggf. auch für ein in ihrem Sinne modifiziertes, entschieden, kann der Sportpsychologe das Modell den Spielern vorstellen. Eine Visualisierung beispielsweise per Flipchart erscheint hierbei zielführend. Zusätzliche Unterstützung kann sich der Sportpsychologie beispielsweise aus der Profiwelt holen, indem er auf aktuelle Fallbeispiele, die zum ausgewählten Angebot passen, zurückgreift. So zeigt das folgende Video, in dem deutlich ersichtlich wird, wie Lionel Messi die Anweisungen seines ehemaligen Co-Trainers Eder Sarabia bewusst ignoriert, die Wichtigkeit einer funktionierenden und vertrauensvollen Trainer-Spieler-Beziehung vorzüglich auf.
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Auch wenn die Profiwelt wohl kaum vergleichbar ist mit leistungsorientiertem Nachwuchsfußball:Manchmal macht es eben vielleicht doch Sinn, sportpsychologische Möglichkeiten zu nutzen, bevor das berüchtigte Kind in den Brunnen gefallen ist.
Wer hat Dich in deinem Leben bislang angeleitet (und somit geführt)? Welche Führungskräfte sind Dir in besonders positiver Erinnerung geblieben? Was hat sie ausgezeichnet? Im Laufe unseres Lebens haben wir zahlreiche Begegnungen mit Führungskräften. Man denke beispielsweise an Erzieher, Lehrer und unsere eigenen Eltern, die uns alle in irgendeiner Form geprägt, erzogen, angeleitet – und letztlich geführt haben. Auch im Sportkontext braucht es fähige Persönlichkeiten, die andere Menschen – in erster Linie die Sportler sowie das Team als Ganzes – anleiten und ihnen auf positive Art und den Weg weisen. Mit diesem Text versuche ich die aus meiner Sicht relevantesten Aspekte aufzuzeigen, die eine effektive Teamführung im Nachwuchsbereich ausmachen und in diesem Zusammenhang für die Komplexität, die mit Führung einhergeht, zu sensibilisieren.
Zum Thema: Der Schlüssel ist der Trainer als Führungskraft selbst
Den Ausgangspunkt für eine gelungene Teamführung – und damit beziehe ich mich sowohl auf die Führung des Trainerteams als auch auf die der Spieler – stellt als Führungskraft der Trainer selbst dar. Für jeden Trainer ist es dabei wichtig, dass eine Haltung zu seine(r)/n Aufgabe(n) und Rolle(n) als Coach, zum Menschen an sich und zu seinen Wertvorstellungen entwickelt worden ist. Aus meiner Erfahrung kann ich jedem Trainer raten, in einem schriftlich fixierten Leitbild seine Überzeugungen zu skizzieren. Denn dies gibt Sicherheit, dient als handlungs- und praxisleitende Orientierungshilfe und ermöglicht ein passendes und zielgerichtetes Verhalten dem Team und den einzelnen Mitgliedern gegenüber. Konkrete Leitfragen wie diese können dabei helfen:
Was bedeutet Führung für mich und welche Zielstellungen verfolge ich hierbei?
Möchte ich in erster Linie der Gemeinschaft und den Geführten dienen oder eher mir selbst?
Betrachte ich die Geführten eher als Objekte bzw. Erfüllungsgehilfen, die ich mit Instruktionen füttere oder als Subjekte bzw. autonome Persönlichkeiten und lege den Fokus daher primär auf wechselseitige Interaktion?
Welche Werte sind relevant für mich selbst: in meinem eigenen Leben, aber auch im Umgang mit den Geführten?
Wie gelingt es mir, meine Wertvorstellungen konkret in den (Fußball)-Alltag zu implementieren?
Woran merke ich selbst, vor allem aber die Geführten, dass ich diese Werte auch tatsächlich spür- und greifbar lebe?
Welche Rolle(n) nehme ich situationsbezogen als Coach ein?
Führung durch Vorbildwirkung
Ein solches Leitbild unterstützt den Trainer zudem maßgeblich dabei, als Vorbild voranzugehen. Wem es gelingt, als ein solches zu wirken, kann Menschen dabei unterstützen, sich im positiven Sinne zu entwickeln, was wiederum hilft, ein Team zu formen, das gemäß den eigenen Wertvorstellungen handelt. Führung durch Vorbildwirkung stellt somit ein Schlüssel für eine erfolgreiche Teamführung dar. Norbert Elgert (2019) unterstreicht in seinem Buch die Wichtigkeit, als Vorbild voranzugehen: „Führen durch das Beispiel ist enorm wichtig. Wasser predigen und Schnaps trinken funktioniert nicht (S.10).“
Führung gelingt zudem beständig nur dann, wenn die Führungskraft permanent zur Selbstreflexion bereit ist, sich kontinuierlich in Bezug auf eigenes Verhalten und Wirkung auf andere reflektieren lässt und ständig an der eigenen Vorbildwirkung und Persönlichkeit sowie an den notwendigen Führungskompetenzen arbeitet. Insbesondere Fremdfeedback eröffnet neue Blickwinkel, erweitert die eigenen Perspektiven und legt Potenziale offen, die ein Coach ausschöpfen kann. Darüber hinaus benötigt eine Führungskraft eine innere Leidenschaft in Bezug auf die Arbeit mit dem Team als Antrieb für das eigene Handeln. Um als Führungsperson anerkannt zu werden, muss diese Leidenschaft zudem für die Geführten spürbar sein. Nur so kann das Team mithilfe der eigenen Begeisterung inspiriert und motiviert werden.
All die bis hierhin angesprochene Aspekte stellen für mich die Basis dar, um ein Team erfolgreich führen zu können. Dann kann ein Trainer zielgerichtet an einer Kulturentwicklung und an stabilen Beziehungen zu den Geführten arbeiten – zwei Bausteine, die für mich die Schlüsselelemente für eine gelungene Teamführung darstellen. Dabei gilt es, die Individualität des Menschen zu berücksichtigen.
Bevor ich mich hiermit genauer auseinandersetze, möchte ich noch kurz auf die Rolle(n) des Trainers eingehen. Einem modern arbeitenden Trainer gelingt es, angepasst an die Situation und die Geführten, einen situativ passenden Führungsstil an den Tag zu legen und in diesem Zusammenhang in passende Rollen zu schlüpfen. Hierfür braucht es zunächst eine ständige Auseinandersetzung mit den Menschen, mit denen gearbeitet wird und ein Interesse daran, diese in ihrer Ganzheitlichkeit, Persönlichkeit und auch Vorgeschichte kennenzulernen und immer wieder neu zu entdecken. Dies bietet nicht zuletzt die Möglichkeit, sich in den verschiedensten Situationen empathisch in den Gegenüber hineinzuversetzen und zu lernen, dessen Sprache zu sprechen. Gerade im Nachwuchsbereich müssen situationsabhängig verschiedenste Rollen flexibel eingenommen werden. Mal ist ein Coach als Experte und Wissensvermittler gefragt, mal als begeisternder Animateur und mal als Spieler, der sich in die Lage seiner Spieler hineinversetzt, mit und von diesen lernt und ihnen auf Augenhöhe begegnet. In anderen Situationen braucht es den Coach womöglich als Erzieher, der seinem Spieler im Sinne seines pädagogischen Auftrags klar die Grenzen aufzeigen muss. Mit Sicherheit gibt es noch zahlreiche weitere Rollen, wie beispielsweise die des Kollegen, teilweise auch Psychologen, in die ein Trainer punktuell schlüpft. Er muss also, in Abhängigkeit von Situation und Geführtem, einschätzen können, welches Verhalten stimmig und sinnvoll erscheint und muss daher eine enorme Bandbreite an verschiedenen Rollen beherrschen und diese mit Leben füllen.
Kulturentwicklung als eine der Hauptaufgaben
Ein bedeutender Aspekt einer erfolgreichen Teamführung besteht darin, eine werteorientierte und zugleich leistungsförderliche Kultur zu entwickeln und diese permanent weiterzuentwickeln. Hilfreich hierbei ist zunächst das Auftreten und Wirken des Trainers als Vorbild, da sich Menschen am Verhalten anderer orientieren. Ein interaktives Erarbeiten von Wertvorstellungen und Prinzipien, für die das Team auf und neben dem Platz einstehen möchte, kann die Entwicklung einer solchen Kultur maßgeblich unterstützen, ebenso ein permanentes Einfordern dieser sowie ein ständiger Austausch über diese. Gelingt es, ein Klima des Vertrauens, Respekts, der gegenseitigen Wertschätzung und Unterstützung langfristig zu entwickeln, wird sich ein Spieler in einem Team eher wohl, willkommen und akzeptiert fühlen, was nicht zuletzt eine passende Grundlage für eine permanente Leistungserbringung darstellt. Oliver Kahn (2020) betont in einem Interview die wichtige Führungsaufgabe „ein Umfeld zu schaffen, in dem Menschen ihr volles Potential entfalten können.“
Das Setzen individuell passender Rahmenbedingungen durch die Führungskraft stellt in diesem Zusammenhang einen weiteren wichtigen Aspekt dar. Da jeder Mensch, in hohem Maße bedingt durch Vorgeschichte, Sozialisation, Umfeld und Lernerfahrungen, als eigenständiges System zu begreifen ist, muss es einer Führungskraft gelingen, Bedingungen zu schaffen, die den Menschen ansprechen. Das Verhalten und die Kommunikation der Führungskraft muss für den Geführten eine Relevanz haben. Oder anders ausgedrückt: Das Verhalten und die Kommunikation der Führungskraft muss den Geführten erreichen und eine tiefere Bedeutung für ihn haben, damit die Botschaft ihre Wirkung auch tatsächlich entfaltet und ggf. ein erwünschtes Verhalten auslöst. Der Trainer als Führungskraft muss folglich sensibel und weitsichtig, auf Grundlage seiner Menschenkenntnis, seinem Gefühl für den Spieler und seinen Informationen über diesen, passende Bedingungen gestalten und zugleich eine Umgebung kreieren, die von diesem als attraktiv erachtet wird.
Führen bedeutet auch Beziehungsarbeit
Wer führen will, muss bzw. darf mit Menschen arbeiten. Wer mit Menschen arbeitet, muss in der Lage sein, stabile Beziehungen aufzubauen, zu gestalten, zu pflegen und ggf. auch wiederherzustellen. Eine permanente Beziehungsarbeit stellt daher ein weiterer zentraler Bestandteil einer gelungenen Teamführung dar. Die Beziehungsqualität zwischen zwei Menschen hat u.a. Einfluss auf die wechselseitige Kommunikation, das gegenseitige Vertrauen und letztlich auch auf die Leistung. Die Beziehung zum Gegenüber bestimmt beispielsweise, wie Informationen aufgenommen und verarbeitet werden. Liegen Störungen auf der Beziehungsebene vor, sind kommunikative Missverständnisse fast schon vorprogrammiert. Selbstverständlich gibt es keine Anleitung dafür, wie sich Beziehungen entwickeln und gestalten lassen. Daher versuche ich auf Basis meiner Erfahrungen als Sportpsychologischer Coach lediglich einige Anregungen zu geben.
Grundsätzlich braucht eine Mannschaft sowie jeder einzelne Spieler – als stabiles Grundgerüst für die Zusammenarbeit – einen inhaltlichen Rahmen beispielsweise in Bezug auf den favorisierten Spielstil. Bei der Gestaltung dieses Rahmens liegt es nahe, die Spieler aktiv mit einzubeziehen, ihnen somit Wichtigkeit und Wertschätzung zu schenken und sie aktiv in die Verantwortung zu nehmen. Und den Spielern gleichzeitig die Freiheit zu schenken, das Bild relativ selbstständig auszugestalten, statt ausschließlich mit Vorgaben zu arbeiten, die es 1:1 umzusetzen gilt. Diese gewissen Freiheiten wissen Spieler zu schätzen und unterstützen den Trainer wirkungsvoll bei der Beziehungsgestaltung. Darüber hinaus muss jeder Spieler das Gefühl vermittelt bekommen, ein wichtiger und wertvoller Teil des Teams zu sein und sich aktiv in Teamprozesse einbringen zu können. Kahn (2020) unterstreicht die Bedeutsamkeit, „den handelnden Personen“ zu „verdeutlichen, dass jeder ein Teil des großen Ganzen ist und einen wichtigen Beitrag zur Zielerreichung leistet.“ Dadurch lässt sich das Potenzial aller Teammitglieder effektiver nutzen. Hilfreich ist zudem immer, sich Zeit für den Spieler zu nehmen und immer wieder, in den verschiedensten Situationen und Kontexten, in zielgerichtete Kommunikation mit ihm zu treten. Sei es beispielsweise der Small-Talk auf dem Weg zum Mannschaftsbus oder ein Gespräch nach dem Training. Jede Kommunikation bietet die Möglichkeit, einen Menschen tiefergehend kennenzulernen, Neues über ihn zu erfahren und die Chance, den Gegenüber zwischenmenschlich zu erreichen und somit aktiv die Beziehung zu pflegen. Auch bei zwischenmenschlichen Störungen ist es immer wieder die Aufgabe der vorbildlich agierenden Führungskraft, zur Pflege der Beziehungsebene einen Schritt auf den Geführten zuzugehen und diesem im wahrsten Sinne des Wortes die Hand zu reichen.