Dennis Zimmermann: NO REGRETS! (Warum fragen wir nicht einfach die Besten? Episode 2)

Lange habe ich überlegt, wie genau ich meine Serie #warum fragen wir nicht einfach die Besten? fortführen möchte? Würde ich einfach die derzeit besten Spieler des Landes interviewen, so würde es mich mal ein paar Wochen nach Braunschweig verschlagen, mal nach Schwäbisch Hall, Frankfurt oder in die anderen Football-Metropolen unseres Landes. Sicher würden viele Antworten auf meine Fragen stets ähnlich sein. Ich habe mich deshalb dazu entschlossen, noch eine Ebene weiter zu blicken – Spieler und Trainer zu interviewen, die eine Geschichte zu erzählen haben. Geschichten, die andere Spieler auf ihrem Weg weiterbringen können. Ich will Menschen suchen, die beeindrucken. Für Dennis Zimmermann trifft das alles zu, und wie!

Für die-sportpsychologen.de berichtet:

Dennis Zimmermann (Interview: Miriam Kohhaas, zur Profilseite von Miriam)

Dennis Zimmermann war jahrelang einer der erfolgreichsten deutschen Quarterbacks. Lange und ausdauernd schwamm er auf der Welle des Erfolges, wurde überschüttet mit Anerkennung und Auszeichnungen.

Bis zum 24.7.2011 – da war plötzlich ALLES anders…

Bis dahin sah seine Karriere so aus: 1994 -1995 Berliner Adler Flag-Football Team. 1995 als Quarterback aktiv. 1994 und 1995 Berliner Meister, Auszeichnung bester Spieler des Teams, 1997 Deutscher Jugend Meister, 1998-1999 Stipendium des NFL Nachwuchspogramms „International Development“, Starting Quarterback an der Highschool in Baltimore, 1998 und 2000 Jugend-Europameister, MVP QB des Turniers. 2001 Nominierung Team Europa. 2004, 2005, 2006, 2007, 2008 Deutscher Meister mit den Berlin Adlern (2004) und den Braunschweig Lions (2005-2008). 2007 Deutscher Meister und ausgezeichnet zum MVP. Im gleichen Jahr 3. Platz bei der Weltmeisterschaft in Japan. 2010 Europameister, bester Spieler des Turniers und bester QB des gesamten Turniers. 2011 Nominierung zur Football WM als Starting QB.

Dennis, wie bist du zum Football gekommen?

Mit zwölf Jahren habe ich mit Flag Football begonnen. Ein Jahr später bin ich in eine American Football Jugendmannschaft gewechselt und habe dort die Position des Quarterbacks für mich entdeckt. Im gleichen Jahr werde ich bester Spieler der Saison, dann in der Jugend mit 15 Jahren schon Starting QB, was eigentlich erst mit 16 Jahren passiert. Ich werde im gleichen Jahr deutscher Meister, werde Jugend-Europameister,  gehe dann in die USA, werde wieder Europameister, werde bester Spieler des Teams, bester QB des Turniers und bester Spieler des Turniers. Anschließend bin ich freiwillig in die 3. Liga gegangen, um Erfahrung als Starting QB zu erlangen. Dann wechsle ich in die 1. Liga, werde direkt Deutscher Meister, es folgt eine Einladung für die Nationalmannschaft im Senioren-Bereich. Ich werde nominiert für die World Games sowie die Europameisterschaft, verletze mich allerdings und kann diese Turniere leider nicht mitspielen. Ich wechsle nach Braunschweig und werde vier Jahre in Folge mit meinem Team Deutscher Meister, dazu MVP im Germanbowl.

Dann 2009-2010 kamen die schlechten Jahre. Da gab es einen Umschwung und der große Erfolg blieb aus. Ich spiele die schlechteste Saison meines Lebens. Dann kommt wie aus dem Nichts die Europameisterschaft 2010 und ich spiele das Spiel meines Lebens. Wir holen den Titel, ich werde bester Spieler des Finals sowie des gesamten Turniers. Dann komme ich zurück in den Verein – und wieder läuft so gut wie nichts.

Und dann kam der 24.7.2011 und ALLES ändert sich…

Es ist das Spiel gegen Stuttgart. Vieles lief schon in den letzten Spielen falsch oder besser gesagt es funktioniert einfach nichts mehr so wie zuvor, und das seit Monaten schon. Da werfe ich einen Pass. Er ist technisch perfekt. Ich denke mir noch: Ganz egal, was auch immer in den letzten Monaten passiert ist, dieser Pass wird endlich mal wieder ein richtig guter Moment für mich. Da geht der Linebacker vor mir hoch. Wahnsinnig hoch. Und er holt diesen so perfekten Wurf mit nur einer Hand aus der Luft zu einer perfekte Interception. 

Ich konnte es einfach nicht fassen! Wenn selbst der perfekte Pass nicht mal mehr klappt, was kann ich überhaupt noch? Was ist von dem so hochgelobten QB noch übrig? In der Halbzeitpause gehe ich in die Kabine und ich sage zu meinem Headcoach, dass er mich sofort auswechseln sollte, wenn er noch die kleinste Chance haben möchte, dieses Spiel zu gewinnen. Ich wusste in diesem Moment, dass ich dieses Spielfeld nie wieder betreten können würde. Alle zerbrach in diesem Moment für mich – mein ganzes Leben. Ich schaute in die fassungslosen Gesichter der Jungs um mich herum und fing an zu weinen. Ich weinte aus lauter Verzweiflung in der gleichen Kabine, in der ich die letzten Jahre noch die Deutschen Meisterschaften gefeiert hatte.  

Es war das letzte Mal in meinem Leben, das ich mein Pad anhatte. Bis vor kurzem sogar das letzte Mal, dass ich ein Stadion betrat. 

Dennis Zimmermann als Spieler der New Yorker Lions

Wie war deine mentale Verfassung in den letzten Spielen? 

Ich hatte immer Angst, dass es wieder schief laufen könnte. Über die Niederlagen an sich habe ich nicht wirklich nachgedacht, eher daran, was ich persönlich mal wieder versagen könnte. 

Wie ging es nach dem Spiel gegen Stuttgart weiter?

Ich hätte nicht mehr spielen können. Ich glaube, ich wäre mental nicht in der Lage gewesen. Ich habe solch eine Angst gehabt, zu versagen. An die Zeit kurz nach dem Moment in Stuttgart habe ich kaum Erinnerungen. Ich habe versucht, mir einzureden, dass ich ab jetzt all meine freie Zeit genießen möchte. Wenn ich zurückblicke, habe ich mich schon vorher aus dem Team zurückgezogen. Ich bin nicht mehr mit feiern gegangen, habe kaum noch Zeit mit den Mannschaftskollegen verbracht.

Ich fühlte mich erleichtert, dass der Druck endlich von mir abfallen konnte, den ich bis dahin so stark in mir gespürt hatte.

Letztes Jahr habe ich als Trainer die QB‘s der 2. Mannschaft von Braunschweig gecoached. Im letzten Spiel musste ich plötzlich den Offense Coordinator übernehmen. Danach bin ich nicht mehr dort hingegangen. Sobald es wieder um Leistung oder Ansprüche an mich ging, konnte ich das nicht mehr.

Und privat?

Irgendwann nach meiner Footballzeit ging es mir immer schlechter, ich wollte nicht mehr das Haus verlassen, hatte zu nichts mehr Lust. Da wusste ich, dass ich mir einen Therapeuten suchen muss, um alles aufzuarbeiten. In dieser Zeit ging es mir so schlecht, dass ich sogar zeitweise Antidepressiva eingenommen habe.

Letztendlich ist es mir immer schon super unangenehm gewesen, im Mittelpunkt zu stehen. Vor 20.000 Menschen im Stadion, da war das kein Problem. Aber hätte ich im Huddle eine Ansprache halten sollen, wäre mir das mehr als unangenehm gewesen. Ich war nie ein Leader. Gerne wäre ich das gewesen und meiner Position wäre es mehr als zuträglich gewesen, aber ich habe es nie gelernt. Ich bin ohne Vater aufgewachsen, hatte nie ein männliches Vorbild.

Ich habe nie mehr wirklich darüber gesprochen. Würde ich mir jetzt darüber Gedanken machen, wie mein Gefühl wirklich ist, würden ganz bestimmt Emotionen in mir aufkommen, die ich vielleicht nicht aushalten könnte – also nehme ich es so hin, wie es jetzt ist.

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Was hätte dir geholfen?

Meiner Meinung nach hätte es sehr viel geholfen, wenn die Coaches damals besser geschult gewesen wären, was die mentale Schwäche oder Stärke eines Spielers, sowie einer Mannschaft angeht. Als zum Beispiel Kelvin Love damals nach Hause geschickt wurde (auf die Gründe gehen wir hier nicht näher ein), der absolute Leader des Teams, da ist irgendwie alles in sich zusammengebrochen. Da hat man von mir erwartet, dass ich diese Position des Leaders übernehme, dazu war ich aber überhaupt nicht in der Lage.

Ich hatte viel mehr mit mir selbst zu tun, als anderen helfen zu können. Letztendlich bin ich jemand, der lieber von einer anderen Person angeführt wird, als das selbst zu tun. Diese Tatsache ist natürlich für meine Position sehr schwierig. 

Ich habe aber auch leider die folgende Erfahrung gemacht: Je mehr du kämpfst, wenn es mal schlecht läuft, umso schlimmer machst du es damit eigentlich. Wie hätte ich diese Schleife für mich selbst durchbrechen und überhaupt erstmal verstehen sollen?

In einer Spielzeit hatte ich mal einen Mentaltrainer. Dieser hat mit uns an Fokussierung und Spielvorbereitung gearbeitet. Allerdings nicht an dem, was eigentlich schon damals meine Schwächen waren. Deshalb hätte ich mir definitiv Einzelgespräche mit einem Sportpsychologen gewünscht, der evtl. sogar schon meine Entwicklung in diese Richtung im Training und in den Spielen hätte beobachten können.

Ich habe mich selbst nie gut genug gefühlt! Alle Erfolge sehe ich nicht als meine Erfolge an, sondern als Leistung des Teams um mich herum.

Was würdest du rückblickend anders machen?

Ich habe mein Talent nie aktiv gefördert. Ich hätte mehr machen müssen, es zieht sich durch mein Leben, dass ich die gegebenen Chancen nicht immer wahrgenommen habe. Ich war immer erfolgreich, habe immer Titel geholt. Dann kamen plötzlich zwei Jahre, in denen nichts geklappt hat.

Erinnerst du dich an einen weiteren düsteren Moment deiner Karriere?

Ja, im Jahr 2009, in dem Fabian Schorn der 2. QB bei uns war. Ich wurde irgendwann ausgewechselt, als es nicht gut lief. Dann kam Fabian aufs Feld, spielte vier Spielzüge und auch ihm gelang keiner der vier Spielzüge. Ich kam wieder aufs Feld und die eigenen Fans buhten mich aus. Diesen Moment habe ich niemals vergessen! Jedes Mal, wenn ich im TV einen Sportler sehe, der in einer ähnlichen Situation ist, kann ich dieses Gefühl wieder in mir spüren- und es fühlt sich schrecklich an!

Was wäre aus mir geworden, hätte ich mental an mir gearbeitet!?

Wann hat es dir das letzte Mal Spaß gemacht die Sportart auszuüben, die du einst so geliebt hast? Einfach zu spielen, einfach zu werfen?

Spaß am Football kam für mich irgendwann nur noch über den Sieg. Aber letztes Jahr, als ich für die 2. Mannschaft Trainings geleitet habe, als es um nichts ging – kein Spiel, kein Sieg, keine Erwartungen – da hat es mit mega Spaß gemacht einfach ein paar Bälle zu werfen.

Was rätst du jungen Spielern? 

Im Prinzip vier Sachen:

  1. Ich sehe es im Nachhinein als großen Fehler an, meinen gesamten Fokus als Heranwachsender nur auf den Football zu gerichtet zu haben. Da es in Deutschland nicht möglich ist, damit jahrelang seinen Lebensunterhalt zu finanzieren, stellt euch breiter auf. Findet heraus, was euch Spaß macht und konzentriert euch zusätzlich auch darauf. Ich habe die Erfahrung gemacht, wie schwer es ist, wenn man am Ende dasteht und sich ein großes Loch auftut, weil man nie eine Vorstellung davon entwickelt hat, was man eigentlich sonst noch ist – außer ein Footballer. 
  2. Seht nicht alles so verbissen. Lasst nicht alles an euch heran. Nehmt euch nicht alles zu Herzen. Wirfst du eine Interception oder triffst eine falsche Entscheidung, dann darf das sein. Macht euch damit nicht kaputt. Fehler muss man abschütteln. 
  3. In meiner Jugendzeit habe ich jede freie Minute damit verbracht, besser zu werden. Ich habe mir Videos angeschaut. Von Wurftechniken oder der Kommunikation zwischen QB und Trainer. Ich kann jedem raten aktiv daran zu arbeiten, technisch perfekt zu werden. Das Spielverständnis kommt mit den Jahren von ganz alleine dazu.
  4. Arbeitet mit einem Sportpsychologen daran, wie man negative Gedanken abschütteln kann. Und sucht euch Hilfe, wenn ihr in euch selbst merkt, dass irgendetwas nicht stimmt.

Was würdest du Coaches raten?

Die Coaches müssen sich immer auf die individuellen Stärken und Schwächen einstellen und daraufhin ein Spielsystem aufbauen. Sie sollten nicht versuchen, den QB passend zu machen für ein Spielsystem, welches Coaches besonders schön finden. Außerdem ist die Ausbildung der QBs in den Jugendmannschaften immer noch stark überholungsbedürftig. 

Miriam Kohlhaas (Die Sportpsychologen) und Dennis Zimmermann beim Interview

Dennis, es ist, als hättest du einen so großen Teil deines Lebens einfach verbannt. Du hast bis zum letzten Jahr kein Spiel mehr im Stadion angeschaut, höchstens mal ein NFL Spiel im TV. Du hast alle Preise, Pokale, Ringe und Erinnerungen auf dem Dachboden verschwinden lassen, um sie nicht mehr sehen zu müssen.

Ich glaube, dass du es so tun musstest, um deinen Weg überhaupt weiter gehen zu können, und zwar mit der Frage im Kopf: Was bin ich eigentlich noch, außer ein Footballer?

Seit unserem ersten Kontakt habe ich mich auf dieses Interview mit dir gefreut. Ich wusste, dass wenn du bereit wärest, mich tief blicken zu lassen, wir eine Geschichte erzählen können, die so vielen anderen Spielern in ihrer Karriere helfen kann. Und ich danke dir, dass du dies zugelassen hast und, obwohl es dir schwer gefallen ist, diese Gefühle von damals noch einmal mit mir zusammen genau angeschaut, sogar nachgefühlt hast. Deine so wahnsinnig persönliche Geschichte zeigt, wie unfassbar wichtig und notwendig die Sportpsychologie im Leistungssport doch ist und was diese hätte retten können, wäre sie rechtzeitig da gewesen, um dich zu unterstützen. 

Und wie unheimlich gerne wäre ich bei dir gewesen an diesem 24.07.2011, wäre mit dir in die Kabine gegangen und hätte dir sagen können, dass du stark genug bist, diesen Misserfolg auf deinen Schultern zu tragen – und du niemals alles aufgeben musst. Aber, da man die Zeit nicht zurückdrehen kann, möchte ich dir heute sagen, was ich dir am meisten wünsche:

Ich wünsche dir, dass du deine Geschichte nicht weiter als Versagen ansiehst, sondern es als etwas, das dich weiter bringt – als ein Geschenk.

Geh‘ raus, erzähl den jungen Spielern, was alles passiert und wie die schwersten Zeiten sich anfühlen können. Gepaart mit all deinem unheimlichen Wissen, was die Technik und das Spielverständnis angeht, wirst du ein wundervoller Coach werden!

#Noregrets

All ihr fantastischen Sportler, ihr starken QB’s da draußen – passt gut auf euch auf. Und ganz egal wie schwer es auch manchmal sein mag, gebt niemals auf!

Miriam Kohlhaas: Der Mensch hinter Pad und Helm

 

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