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Ole Fischer: Spielsucht im eSport

Der eSport Markt boomt – keine andere Sportart ist so schnell aus dem Boden geschossen und zu einem Multi Milliarden Dollar System geworden. Seit einiger Zeit werden allerdings Stimmen laut, die gegen die Vermarktung des eSports als solchen protestieren. Sie warnen vor den Gefahren der Spielsucht. In diesem Artikel beschäftige ich mich mit der Frage, ob es eine Spielsucht im eSport gibt, wer gefährdet ist und was Betroffene, Eltern und Freunde dagegen unternehmen können?

Zum Thema: Woran Spielsucht erkannt werden kann und wie Beobachter agieren sollten 

Vorab: Ist eSport wirklich ein Sport? Ja! Die Koalitionspapiere der aktuellen Regierung legen fest: eSport gilt in Deutschland als Sport und wird somit in Zukunft von Seiten des Staates gefördert. Prof. Dr. Froböse von der DSHS Köln bestätigt gegenüber dem SWR3, dass vor allem taktisches Denken, schnelle Reaktionsfähigkeit und Teamfähigkeit eSport zum Sport machen. Seit 2017 existiert der Dachverband ESBD (eSport-Bund Deutschland), welcher Regelwerke vereinheitlicht und professionelle Strukturen stärkt. 

Mehr Infos zu Ole Fischer: https://www.die-sportpsychologen.de/ole-fischer/

Man sollte als kritischer Sportbetrachter nicht vergessen, welche weiteren Interessen die Bundesregierung dazu bewegt haben könnten, den eSport so schnell wie möglich zu professionalisieren. Alleine im Jahr 2017 gaben die Deutschen 3,3 Milliarden Euro für Spiele auf Computern, Konsolen und Smartdevices aus. Die Umsatzbeteiligung der deutschen Videospielfirmen dabei betrug jedoch nur 5,4 %. 

Machen Computerspiele süchtig?

Ja! Laut einer Forsa-Umfrage (Gesellschaft für Sozialforschung und statistische Analysen) aus dem Jahr 2017 geht hervor, dass 8,4% aller Jungen und Männer im Alter zwischen 15 und 25 Jahren süchtig nach Computerspielen sind. Bei Frauen ist das Problem in derselben Altersgruppe mit 2,9 % etwas geringer ausgeprägt. Diese Spieler entwickelten eine Abhängigkeit, welche die Kontrolle über das Spielen verloren gehen lässt und in der Folge zu schwerwiegender Beeinträchtigung führt. Seit 2014 beschäftigt sich eine Expertengruppe der WHO mit dem Thema und bewirkte, dass die Computerspielabhängigkeit (Gaming Disorder) in die neueste Version der Internationalen Klassifikation für Krankheiten (ICD-11) aufgenommen wurde.

Wie erkenne ich die Anzeichen einer Sucht?

Hinweis! Eine Diagnose darf grundsätzlich nur von einem Psychotherapeuten gestellt werden. 

Die drei wesentlichen Kriterien laut ICD-11 sind: 

  1. Die Betroffenen erleben einen Kontrollverlust in Bezug auf das Ausmaß des Computerspielens.
  2. Das Spielen wird zur Priorität im Leben und verdrängt andere Interessen.
  3. Das Computerspielen erfährt eine Fortsetzung trotz Erlebens negativer Konsequenzen. Weiterhin ist für die Diagnose wesentlich, dass das Computerspielen zu Beeinträchtigungen in Funktionen des Alltags führt. 

Weitere Warnsignale für die Gruppe von suchtgefährdeten Spielern und ihr Umfeld sind: 

  • Zwanghaftigkeit: Positive Emotionen haben mit dem Erleben des Sports nur noch wenig zu tun, vielmehr ergibt sich das Gefühl etwas erledigen zu müssen (Zwang).
  • Toleranzentwicklung: Um Zufriedenheit zu erlangen verlangt es den eSportlern nach immer größerem Trainingsumfang (Dauer, Häufigkeit, Intensität).
  • Kontrollverlust: Die eSport Aktivität beginnt den Alltag zu bestimmen und der Spieler entscheidet nicht mehr selbst, wann er zum Spielgerät greift.
  • Körperignoranz-/missbrauch: Überlastungssignale (z.B. Augenflimmern, Augenliedzucken) werden ignoriert. Ruhezeiten für die Regeneration werden nicht mehr eingehalten.
  • Vernachlässigung sozialer Kontakte: Ein Punkt der häufig mit Suchterkrankungen einhergehen kann ist, dass es zu Konflikten innerhalb der Familie/der Partnerschaft kommt.
  • Entzugssymptome: Kann kein Sport ausgeführt werden, treten entzugsartige Symptome auf, welche sich emotional und körperlich äußern können. Festzustellen können sein: Depressionen, Gereiztheit, Schlafstörungen und Magen-Darm-Beschwerden, um nur einige zu nennen.

#Darüberreden

Haben Sie das Gefühl es gibt jemanden in Ihrem Umfeld, der mit einer solchen Thematik Probleme hat? Sie würden ihn gerne darauf ansprechen, aber wissen nicht wie? Hier ein paar Tipps:

  • Wägen Sie ab, ob Sie für die Person eine Vertrauensperson sind. Wenn Sie nicht zu ihrem engeren Kreis gehören, verschließt sie sich womöglich Ihnen gegenüber noch mehr.
  • Sollten Sie sich eingestehen nicht zum Vertrauenskreis dieser Person zu zählen, suchen Sie eine Person, die dazu gehört und besprechen Sie das Thema vertraulich mit ihr.
  • Gehen Sie behutsam vor und geben Sie der Person den Freiraum dem Thema auszuweichen, niemand fühlt sich gerne in die Ecke gedrängt.
  • Zeigen Sie ihrem gegenüber im Gespräch Wertschätzung, Mitgefühl und Hilfsbereitschaft.

Was kann die Sportpsychologie für Sie tun?

Wenn Sie sich nicht sicher sind, ob Sie oder ein Bekannter sich bereits in einer Suchtsituation befinden, wenden Sie sich gerne an Ihren sportpsychologischen Berater. Dieser wird mit Ihnen die Umstände besprechen und Sie gegebenenfalls an einen entsprechenden Psychotherapeuten seines Vertrauens verweisen. Als ersten Anlaufpunkt machen Sie damit alles richtig! 

Es gibt Sportpsychologen, die über eine therapeutische Ausbildung verfügen und damit auch berechtigt sind, eine Suchterkrankung zu diagnostizieren und zu therapieren. Bitte vergewissern Sie sich, dass Sie im Falle einer notwendigen Therapie bei einem entsprechend dafür ausgebildeten Therapeuten/Therapeutin sind. Bei weiteren Fragen zum Thema kontaktieren Sie gern meine Kollegen (zur Übersicht) oder mich persönlich (zum Profil von Ole Fischer).

Auch die Suchtberatungsstellen Ihres Bundeslandes können weiterhelfen. Sie finden diese hier: https://www.bzga.de/service/beratungsstellen/suchtprobleme/ 

Mehr zum Thema:

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Prof. Dr. Oliver Stoll: Zehn Jahre Masterstudiengang “Angewandte Sportpsychologie” – Am Anfang stand die Sinnfrage

Im Wintersemester 2008/2009 wurde der erste Jahrgang des Master-Studiengangs Angewandte Studiengangs an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg immatrikuliert. Der Weg bis zu diesem Ereignis war steinig und schwer, denn ich musste die Universitätsleitung sowie das Kultusministerium des Landes Sachsen-Anhalt überzeugen, dass ein solcher Studiengang „Sinn macht“ und auch eine berufliche Zukunft für mögliche Absolventinnen und Absolventen bietet. Kurz vor dem Start des Studiengangs im Oktober 2008 kann ich gerade als Sportpsychologe der Nationalmannschaft Wasserspringen von den Olympischen Spielen 2008 aus Peking zurück und war….um es kurz zu sagen „geflasht“ von dieser Erfahrung. Zuvor waren von der Konzeption bis zum Beginn dieses Studiengangs fast zwei Jahre ins Land gegangen, die von harter Überzeugungsarbeit und intensiver Studiengangentwicklung sowie dessen Akkreditierung geprägt waren. Hat sich das gelohnt?

Zum Thema: Resumée zu zehn Jahren Masterstudiengang “Angewandte Sportpsychologie” an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg

Kürzlich kam ich nach Hause nachdem ich mich gut acht Stunden mit den Bewerberinnen und Bewerbern für das kommende Semester 2019/2020 beschäftigt hatte. Wie schon in den Jahren 2010 bis 2019 haben sich wieder einmal zwischen 80 und 100 Bewerberinnen und Bewerber bei mir (bzw. im Immatrikulationsamt der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg) gemeldet – um ganz genau zu sein, insgesamt 86. Ich kann jedoch nur zehn Bewerberinnen und Bewerber aufnehmen.

Parallel dazu geht der 10. Jahrgang gerade…, dass heißt sie schreiben und verteidigen gerade ihre Master-Arbeiten. Ein passender Moment, um einmal Revue passieren zu lassen, was in diesen zehn Jahren alles passiert ist. 

Mehr Infos zu Prof. Dr. Oliver Stoll: https://www.die-sportpsychologen.de/oliver-stoll/

Keine Vermittlung in die Arbeitslosigkeit

Ich versuche so lange wie möglich Kontakt zu meinen Absolventinnen und Absolventen zu halten und das Resumée ist erstaunlich. Nicht einer oder eine ist bis zum heutigen Tag arbeitslos. Insgesamt 89 Studierende haben ihren Weg nach dem Start im Oktober 2008 gefunden. Einige wenige in der Wissenschaft – national und international, aber ein Großteil ist wirklich in der Anwendung tätig. Viele der Absolventinnen und Absolventen sind im professionellen Fußball gelandet, und hier vor allen Dingen in den Nachwuchsleistungszentren der Profi-Ligen 1 bis 3. Spontan fallen mir da die Vereine RB Leipzig, Mainz, Hamburger SV, Braunschweig, Jena, Hallescher FC ein. Andere sind heute bei großen Sportartikelherstellern unterwegs und einige wenige haben den Weg in die Klinische Psychologie gesucht und genommen. Nur wenige haben dem Sport den Rücken gekehrt. 

Manchmal frage ich mich, womit dieser „Erfolg“ zu tun hat. Ein Grund ist sicherlich, dass ich auf tolles „Personal“ auch von außen zurückgreifen kann. Dazu gehören regelmäßig so renommierte Sportpsychologen und Dozenten wie Hanspeter Gubelmann (zum Profil bei Die Sportpsychologen), Christian Heiss und Henning Thrien sowie unregelmäßig Jürgen Walter (zum Profil bei Die Sportpsychologen), die alle jeweils auch ihre Sicht auf unser Berufsfeld vermitteln und sehr praktisch darstellen (es ist immer gut, wenn man immer nicht nur „Stoll“ hört). Ein weiterer Grund ist auch, dass wir diese innovative Plattform „Die Sportpsychologen“ gegründet haben, die uns nicht nur in einem Netzwerk verbindet, sondern eben auch hilft, unsere Arbeit nach außen darzustellen. Ich kann mich noch gut an die vielen Netzwerktreffen und die Fortbildungsveranstaltungen erinnern, die wir – eigentlich Mathias Liebing mit der „Roten Couch“ (die nächste Auflage von Die Rote Couch – Das Sportpsychologie Barcamp findet übrigens Ende September 2019 in Leipzig statt, seid dabei!) – umgesetzt haben. 

Weiterhin nicht gut elaborierte beziehungsweise professionell untersetztes Berufsfeld

Und ein weiterer Grund ist sicherlich die Attraktivität und das – nach wie vor – nicht gut elaborierte bzw. professionell untersetzte Berufsfeld der Praktischen bzw. „Angewandten Sportpsychologie“. Aus den sehr engen Lehrkontakten, die sich im Wesentlichen mit der Praxis beschäftigt haben, ergaben sich viele interessante Forschungsideen, die häufig in Masterarbeiten umgesetzt wurden. Dazu gehörten solche Fragestellungen, wie Selbstinstruktionen beim Elfmeterschießen im Fußball, im Dart oder beim Putten im Golf wirken oder aber auch die Wirksamkeit von erlebnispädagogischen Maßnahmen in der Vorbereitungsphase von Sportspielmannschaften zur Erhöhung des Mannschaftszusammenhalt. Andere Fragestellungen beschäftigten sich mit sportpsychologischen Anforderungsprofilen verschiedener Sportarten. Auch das Entscheidungsverhalten im eSport und auch das Thema Sexualisierte Gewalt im Leistungssport wurden in solchen Arbeiten erforscht und diskutiert.

Der Studiengang in Halle ist bis heute der einzige, der vom Berufsverband ASP als äquivalent zum post-gradualen Fortbildungsprogramm der ASP anerkannt wurde und somit auch (nach Prüfung weiterer Kriterien wie z.B. der Arbeit mit Athleten mit A- und B-Kader-Athletinnen und Athleten in deutschen Sportspitzenverbänden) zur Bewerbung zur Aufnahme in die BISp/DOSB-Datenbank berechtigt. 

Zuversichtlich in die Zukunft

In Deutschland existieren mittlerweile drei sportpsychologische Master-Studiengänge, davon einer in einer privaten Fachhochschule in Berlin, und ein weiterer (eher forschungsorientierter) an der Sporthochschule in Köln. Der Studiengang in Halle war der erste an einer Universität in Deutschland. Aus meiner Sicht, ein Grund stolz zu sein und zuversichtlich in die Zukunft zu schauen. 

https://www.facebook.com/diesportpsychologen/posts/2545868102101489?__xts__[0]=68.ARBePJgykMNouybYtRPxXGFtEB2KttvOqXvpw2o6aGYmSdjZVKM4bltaBuFiS934ppLjur9QVwIn4jpO61r7KgBSPWIskPVvNfSTngi4qWYbqN3NDlYL3MFPF6mj8DvykmL8vBI89OFfAeHhZhqMFM6a3bdUnuqdCbjeDH2rSrlf5JywPLWPPFfJ6G0_sAKYyS02je4TgafuX8TR1xR70XvkrrPSxVVYx-lClBsrNDKAx0SKr283gZ1bXR1U9hdBWeT6S5O0W9xStXC2w6qUeklTVafAX0snIVi2sw8RPR7KXrYxxg4eyh9YtfETUDFYAIKqYDSIr-WWT0drhyEqYsyDVQ&__tn__=-R

Mehr zum Thema:

https://www.die-sportpsychologen.de/2018/09/12/johannes-stuppi-bin-ich-sportpsychologe/

https://www.die-sportpsychologen.de/2019/07/22/dr-hanspeter-gubelmann-the-best-a-sport-psychologist-can-be/

https://www.die-sportpsychologen.de/2018/06/20/thorsten-loch-sportpsychologe-der-multi-leistungssportler/

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Kathrin Seufert: Rote Karte für Emotionen – Was Trainern, Staff und Ersatzspielern nun helfen kann

Das International Football Association Board (IFAB) hat im März eine Neuerung eingeführt, die ab der Saison 2019/2020 auch in den deutschen Ligen zu starken Veränderungen führen kann. Die neue Regel sieht vor, dass neben den Spielern auf dem Spielfeld auch Trainer und Teammitglieder verwarnt und sogar des Spielfeldrandes verwiesen werden können. Gründe für diese gelben und roten Karten sind laut IFAB unter anderem unsportliches Verhalten oder das Verlassen der Coaching Zone. Und auch dabei droht nach einem Verweis eine weitere Sperre für Folgespiele. Der DFB und die DFL planen angeblich, dass ein Trainer oder ein Teammitglied nach vier erhaltenen gelben Karten, eine Sperre für ein Spiel erhält. Genau wird darüber erst am 21. August 2019 auf der Generalversammlung der DFL entschieden. 

Zum Thema: Was die neue Regelung mit gelben und roten Karten für Trainer und Staff auf der Bank bedeuten und was für Veränderungen unter Umständen nötig sind?

Im aktuellen Regelwerk des DFB ist folgender Wortlaut dazu zu lesen:

Disziplinarverfahren – Der Schiedsrichter hat:

  • Maßnahmen gegen Teamoffizielle zu ergreifen, die sich nicht verantwortungsbewusst verhalten, wobei er sie ermahnen, verwarnen (gelbe Karte) oder des Spielfelds und dessen unmittelbarer Umgebung, einschließlich der technischen Zone, verweisen darf (rote Karte).

Diese Regeländerung hat schon viele Trainer aus den verschiedenen Ligen zu Kritik verleitet. Aus sportpsychologischer Sicht, ist hier eine große Veränderung für manche Trainer von Nöten, um auszuschließen, seine Mannschaft alle vier Wochen von der Tribüne aus Coachen zu müssen. 

Kritik von Julian Nagelsmann

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Weitere Informationen

Denn was das für die Trainer bedeutet, zeigt auch die Kritik von Julian Nagelsmann, Trainer von RB Leipzig. Er sagt zur Regeländerung: „Es ist nicht im Sinne der Sache, dass ein Trainer jedes vierte Spiel auf der Tribüne sitzt, nur weil er Emotionen zeigt. Warum soll ein Trainer schneller gesperrt werden als ein Spieler? Das macht doch keinen Sinn.“

Und genau hier ist der entscheidende Punkt aus sportpsychologischer Sicht. Die Emotionen müssen so im Zaum gehalten werden, dass der Schiedsrichter keinen Grund zur Beanstandung hat. Somit wäre das kurze „Auslassen“ von Ärger, Anger out genannt, an einer Bande oder Spielerbank unter Umständen nicht mehr straffrei. Das Ärgern über den Videobeweis, das eigene taktische Vorgehen oder das Verhalten anderer, muss nun also in einer Kontrolle der Emotionen, dem sogenannten anger-Control, stattfinden. Dies zu erlernen wird unter Umständen nun die Hausaufgabe des ein oder anderen Trainers sein. 

Emotionen kontrollieren lernen

Doch was können Trainer tun, wenn sie sich doch zumindest ein paar Möglichkeiten aneignen möchten, um im Zweifelsfall im eigenen Rucksack Fähigkeiten zu besitzen, um die Emotionen in einer Situation nicht zu sehr hochkochen zu lassen? Nicht für jeden Trainer gelten hier dabei dieselben Herangehensweisen. Wie immer geht es in der Sportpsychologie nicht nach Rezept. Vielmehr spielen die Persönlichkeit und die Individualität des Trainers bezüglich der Maßnahmen und der sportpsychologischen Tools, die für ihn oder sie Anklang finden können, eine entscheidende Rolle. 

Wichtig zu wissen ist: Emotionen wie Stress, Ärger und Angst sind kognitive Energiefresser. Sie lenken unsere Aufmerksamkeit auf das Ereignis und mindern damit die Energie, die wir aufbringen müssten um das Problem zu lösen. 

Was also tun?

Eine gute Möglichkeit ist, sich die Situation bewusst zu machen. Es geht darum, die Aufmerksamkeit zu lenken und dabei zu vermeiden, sich vollständig auf das Problem, das Stress oder Ärger auslösende Ereignis zu konzentrieren. Und wie das ganze funktioniert? Eine Variante ist, den Körper und den Geist zu verbinden. Dies nennt man eine Embodiment-Übung. Hierbei ist die Wechselwirkung von Körper und Psyche gemeint, die erklärt, wie aus einer Körperhaltung eine Emotion aufgeklärt werden kann, aber auch umgekehrt wie eine Emotion eine Körperhaltung hervorrufen kann. 

Mehr Infos zu Kathrin Seufert: https://www.die-sportpsychologen.de/kathrin-seufert/

Für die Trainer am Spielfeldrand im Fußball ist keine Zeit für lange Entspannungsübungen, Meditation oder sich Gedanken über Ursachen zu machen und diese dann sinnvoll umzuformen. Während des Spiels muss es schnell gehen. Daher könnte man sich eine Körperhaltung überlegen, die man mit Ärgerkontrolle, Entschleunigung oder Ruhe in Verbindung bringt. Diese Haltung soll dann in den Situationen, in denen man sich aufregt, am liebsten alles gegen die Wand werfen wollen würde, eingenommen werden. Aber wie auch die meisten anderen sportpsychologischen Übungen, bedarf dies ein wenig Training. Also nutzt den Spiegel daheim, und versucht euch einzuprägen, wie die Körperhaltung aussieht, wie sie wirkt und was sie verkörpern soll. So schafft man es, sie in den notwendigen Situationen einzusetzen und ihren Zweck erfüllen zu lassen. 

Gezielte Ablenkung

Sollte es mal wirklich zum aus der Haut fahren sein, ist es ebenso möglich, eine Technik anzuwenden, die dazu beitragen soll, sich auf das hier und jetzt wieder zu besinnen und sich zu regulieren. Mit der sogenannten 3-2-1 Technik werden Einflüsse aus der Umwelt bewusst wahrgenommen und die Aufmerksamkeit vom Problem weg gelenkt. Das soll den Zweck erfüllen, sich in kurzer Zeit aus der Gefahrenzone „Anger-out“ herauszubringen und einen kühlen Kopf zu erhalten. 

Niemand ist perfekt und auch diese beiden Techniken werden unter Umständen nicht in allen Situationen funktionieren und sicherlich nicht gleich von Beginn an greifen. Jeder muss für sich schauen, womit er oder sie es schafft, sich zu regulieren und kontrollieren. Der Grad zwischen sich selbst in seiner Charakterstärke treu bleiben, sich aber dem Regelwerk entsprechend zu verhalten, ist sicherlich ein schmaler. Und es bedarf unbedingt ein sich an die wechselnden Bedingungen und Ansprüche immer wieder anpassendes Training. 

Ein interessanter Fakt…

Nicht nur für den Trainer heißt es ab der neuen Saison: Zurückhaltung! Denn so steht im Regelwerk des DFB weiter:

„Kann der Täter nicht eruiert werden, wird die Disziplinarmaßnahme gegen den höchstrangigen Trainer in der technischen Zone ausgesprochen. Ein medizinischer Teamoffizieller, der ein feldverweiswürdiges Vergehen begeht, darf bleiben, wenn dem Team keine andere medizinische Person zur Verfügung steht, und handeln, wenn ein Spieler eine medizinische Behandlung benötigt.“

Arbeitsauftrag an alle

Also dürfen sich auch alle impulsiven Sportdirektoren, Ersatzspieler und die Personen aus der medizinischen Abteilung angesprochen fühlen, sich damit auseinander zu setzen, um den Trainer vor Ausflügen auf die Tribüne zu bewahren. 

Wer sich aber zur persönlichen Entwicklung und als Vorsichtsmaßnahme Fähigkeiten aneignen will, seine Emotionen besser kontrollieren zu können, der kann sich gerne an einen meiner Kollegen (zur Übersicht) oder an mich (zum Profil von Kathrin Seufert) wenden.

Abseits des Protokolls 

Unter uns: Als Fußballfan finde ich es persönlich schwierig, einen Menschen derart in seiner Art zu beschränken. Natürlich gehört ein gewisses Benehmen auch auf dem Fußballplatz dazu. Aber dennoch ist Fußball eine Sportart. Sport lebt von Emotionen. Und diese könnten sicherlich aus Sorge vor dem Platz auf der Tribüne eingeschränkt werden. 

Was meint ihr dazu? Ich freu mich auf euer Feedback: 

Instagram LinkedIn Xing

Ihr wollt Kathrin Seufert live erleben? Dann kommt zu „Die rote Couch – Das Sportpsychologie Barcamp“:

https://www.die-sportpsychologen.de/2019/08/02/die-rote-couch-das-sportpsychologie-barcamp-jugendfussball-28-29-09-2019-in-leipzig/

Mehr zum Thema:

https://www.die-sportpsychologen.de/2019/07/29/uwe-knepel-trainer-sein/

https://www.die-sportpsychologen.de/2019/04/17/kathrin-seufert-der-schwierige-umgang-von-eltern-und-trainern-und-umgekehrt/

https://www.die-sportpsychologen.de/2019/02/19/janosch-daul-wichtige-aspekte-fuer-eine-funktionierende-zusammenarbeit-zwischen-trainerteam-und-sportpsychologe/

Links und Quellen:

https://www.dfb.de/news/detail/die-neuen-fussballregeln-sind-da-205422/

Fußball – Regeln 2019/2020 – DFB Regeln 05 Schiedsrichter Nr. 3 Rechte und Pflichten (S. 36)

https://www.sportschau.de/fussball/bundesliga/bundesliga-trainersperren-kritik-100.html

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Thorsten Loch: Power Posing – alles nur Schau?

Foul. Freistoß in aussichtsreicher Position. Der Spieler legt sich den Ball zurecht. Dann vier Schritte nach hinten und zwei nach links. Im Anschluss breitbeiniger Stand, Hosenbeine nach oben gekrempelt. Bis der Schiedsrichter den Ball freigibt, wird so verharrt. Von wem ist hier wohl die Rede? Es ist nicht allzu schwer zu erraten. Natürlich handelt es sich um den fünffachen Weltfussballer Cristiano Ronaldo, mittlerweile im Dienste von Juventus Turin. Oder ein anderes Beispiel: Wer kennt nicht das „Markenzeichen“ des jamaikanischen Sprintsuperstars Usain Bolt, welches er unmittelbar vor seinen Läufen zelebrierte? Unsereins stellt sich die Frage: Warum tun sie das? Wieso zeigen diese beiden und andere Sportler diese oder ähnliche Verhaltensweisen? Böse Zungen behaupten, dass sie dies rein aus Werbezwecken tun, um sich wichtig zu tun, mehr zu vermarkten oder ähnliches. Doch scheinbar steckt noch eine ganz andere Absicht hinter diesem Verhalten. 

Zum Thema: Was hat Power Posing mit Zuversicht zu tun?

Mehr Infos zu Thorsten Loch: https://www.die-sportpsychologen.de/thorsten-loch/

Im Sport wie auch in anderen Bereichen des Lebens teilt nicht nur das gesprochene Wort, sondern auch die Körpersprache anderen Menschen sehr viel über uns mit. Menschliche Informationsverarbeitung findet in ständiger Wechselwirkung mit dem Zustand des eigenen Körpers statt, was als „Embodiment“ bezeichnet wird (Stroch et al. 2006). Die Psyche wirkt sich auf den Körper aus, z.B. drückt sich Niedergeschlagenheit nach einem Misserfolg auch in einem gebeugten Rücken und hängenden Schultern aus. Gleichzeitig beeinflusst der Körper umgekehrt auch die Informationsverarbeitung. 

Auf Basis dieser Erkenntnisse beschäftigte sich Amy Cuddy, eine amerikanische Sozialpsychologin, in ihrer Studie (2014) mit dem so genannten Power Posing, um die Auswirkungen von Körper auf die Psyche zu untersuchen. In ihren Experimenten konnte sie nachweisen, dass bereits zwei Minuten Körperhaltung in einer so genannten „Power Pose“ eine anhaltende Senkung des Stresshormons Cortisol (um 25% gesenkt) und eine Steigerung des „Energiehormons“ Testosterons (um 20% gestiegen) zur Folge hat.  Sprich: Das Selbstvertrauen in die eigenen Fähigkeiten wird gestärkt und die Angst reduziert. Das Gegenszenario tritt bei einer Low Power Pose auf, bei der man sich eher zusammen kauert.

High Power vs. Low Power-Posen

In diesem Zusammenhang stufte Cuddy unterschiedliche Körperpositionen in „High Power“ bzw. als „Low Power“-Posen ein. In der Regel sind die Hochleistungs-Posen offen und entspannt. Ähnlich wie im Tierreich wird hierbei instinktiv Macht und Selbstbewusstsein demonstriert. Dagegen sind die Low-Posen in sich geschlossen und eng. Beispiele für Power Posen sind die Cowboy Haltung oder die Siegerhaltung: 

Charakteristisch für den Cowboy sind ein breitbeiniger Stand, Brust raus und die Hände in die Hüfte gestemmt (siehe Video Ronaldo). Hingegen ist das Charakteristikum der Siegerhaltung, dass die Arme nach oben gerissen werden – Siegerpose Usain Bolt.

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Ein typischer „Cristiano“, Quelle: YouTube

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Usain Bolts berühmte Geste ist bei 1:15 zu sehen, Quelle: YouTube

Alles Mittel zum Zweck

Aus der Ferne hat es also den Anschein, dass beide Elitesportler dieses Verhalten ganz bewusst zeigen, um sich entsprechend zu regulieren, um zuversichtlich in die bevorstehende Aufgabe zu gehen. Unsere Körperzustände können wir teilweise bewusst kontrollieren: Statt die Schultern hängen zu lassen, können wir eine stolzgeschwellte Brust zeigen; statt Mundwinkel hängen zu lassen, können wir ein Lachen ins Gesicht bringen. Damit wird es möglich, effektiv unsere eigene Motivations- und Emotionslage zu beeinflussen (Beckmann/Elbe 2008). Man sollte sich daher stets bewusst sein, welche Körpersignale in den entsprechenden Leistungssituationen (bei Erfolg als auch bei Misserfolg) ausgesendet werden. Außerdem wird im Gehirn der Weg zum Abruf unserer Stärken gebahnt und damit das Selbstbewusstsein gestärkt. Und es gibt noch einen weiteren Vorteil: Wir zeigen unserem Gegner nicht Unsicherheit, sondern Selbstbewusstsein und Stärke, was den Kontrahenten möglicherweise aus dem Konzept bringt. 

Fassen wir zusammen: Körperzustände beeinflussen psychische Zustände. Beispielsweise haben Körperhaltungen, die aus irgendeinem Grund eingenommen werden, Auswirkungen auf Kognition (z.B. Urteile, Einstellungen) und Emotionalität. Man kann an sich selbst beobachten, wie eigene positive Gefühle und Erfolgszuversicht in dem Maße zunehmen, in dem der Gegner die Kontrolle über sich verliert. Wie wir sehen, lässt sich so ein Verhalten trainieren. Eine Kausalität auf Erfolg lässt ein solches Verhalten nicht zu, jedoch erhöht es die Wahrscheinlichkeit, dass man an seine individuelle Leistungsreserve gelangt, was gleichbedeutend die Wahrscheinlichkeit auf Erfolg beeinflusst. Also: Kopf hoch, Brust raus! ☺ 

Mehr zum Thema:

Nicht vergessen:

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Johanna Constantini: Digital Detox im Sport – Gedankenanstöße zur digitaler Enthaltsamkeit

Mehr Infos zu Johanna Constantini: https://www.die-sportpsychologen.de/johannaconstantini/

Als wahrliche „Hassliebe“ wird die Beziehung der User zu ihren Social Media Accounts weitläufig beschrieben. Von den Vorzügen ständiger Informationsvermittlung bis hin zu digitalem Stress aufgrund von ständiger Erreichbarkeit – die Folgen des Online-Konsums sind durchaus ambivalent. Mittlerweile treiben sich zudem nahezu vier Milliarden Menschen in den vermeintlich „sozialen“ Weiten des World Wide Web umher, und sekündlich werden es mehr (Statista, 2019). Dass sich unter den Nutzern von Facebook, Instagram, Snapchat und vielen mehr auch zahlreiche SportlerInnen befinden, steht außer Frage. Ob sportlich oder nicht, wen die Dynamiken sozialer Medien einmal in ihren Bann gezogen haben, den lassen sie so schnell nicht mehr los. Darauf sind die virtuellen Welten schließlich ausgelegt. Doch bei allen Abhängigkeiten und dem hohen Suchtpotential, dass die Inhalte unserer Smartphones heute bieten, macht sich dieser Tage eine entscheidende Bewegung breit: Unter dem Hashtag (wie ironisch) #digitaldetox bekannt lässt sie sich als Digitale Entgiftung übersetzen und beschreibt die Enthaltsamkeit von digitalen Medien. Folgt man der Rautetaste-Begriffskombination #digitaldetox nun und tippt sie beispielsweise in das Instagram-Suchfeld ein, so resultieren zahlreiche Motive unberührter Naturlandschaften, analoge Spielideen, und ungeschminkte Schönheiten. Das Credo zu den Bildern und der Bewegung lautet:

Alles offline und möglichst reduziert, lieber analog und glücklich, als digital gestresst.

Zum Thema: Umgang mit sozialen Medien in der modernen Sportpsychologie

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Der Beitrag zum Hören

Ob das auch im Sport ein möglicher Weg sein kann? Eine Leitidee existiert zumindest, und die kommt nicht von ungefähr. Schließlich wird Burnout als Krankheit einer ganzen Generation beschrieben und lässt sich vielfach auf die Folgen digitaler Kommunikationsmöglichkeiten zurückführen. Und was schon länger bekannt ist: Burnout macht auch vor SportlerInnen nicht Halt!

Wie also umgehen mit den Folgen der digitalen Revolution? Was sind die Aufgaben der modernen Sportpsychologie, wenn es um Digital Detox geht?

Digital Detox Strategien für den Sport

Weil auch AthletInnen chatten, posten, fotografieren und liken, was das Zeug hält und dabei so manches mal für die eigene Leistung und deren Reflexion wenig Zeit bleibt, beschreibe ich ein paar Digital Detox Strategien speziell für den Sport

  • Digital Detox-Strategie Nummer eins lautet: Her mit dem analogen Trainingstagebuch! Warum? Weil handschriftliches Festhalten von Trainingsinhalten nachweislich besser im Gehirn verankert und dadurch auch leichter wieder abgerufen wird (Spitzer, 2015).
  • Die Reflexion der eigenen Leistungen – ob im Training oder im Wettkampf – sollte zudem in einem Smartphone-freien Umfeld erfolgen. Womit wir auch schon bei Digital Detox-Strategie Nummer zwei angelangt sind: Offline-Räume zu schaffen, macht vor allem im Sport Sinn, wenn erhöhte Konzentration gefragt ist. Aus Studien wissen wir mittlerweile, dass die eigene Produktivität mit der Verfügbarkeit des Smartphones abnimmt (vgl. Spitzer, 2015). Was also der Manager an Aufmerksamkeit durch sein digitales Endgerät am Schreibtisch einbüßt, mindert die Konzentrationsfähigkeit des Athleten, der sein Smartphone ständig mit zum Training nimmt. Die nicht abreißende Informationsflut lenkt ab, sich Offline-Räume zu schaffen macht mehr als Sinn. 
  • Um auch dann ein wenig offline Abhilfe schaffen zu können, wenn das Smartphone unbedingt dabei sein muss, (so zum Beispiel, um für die anstehende Trainingsbesprechung erreichbar zu sein) bietet sich Digital Detox-Strategie Nummer drei an: So hilft es die Smartphone-Zeit zu reduzieren, indem gewisse Benachrichtigungen einfach abgeschaltet werden. Oder muss Instagram wirklich bei jedem Like als Push-Nachricht auf dem Bildschirm aufpoppen? Ablenken von dem, was gerade trainiert werden sollte. Digitaler Stress wird vielfach durch das „Nicht-Abschalten-Können“ verursacht. Wer ständig an neue Informationen erinnert wird, dem fällt das Offline-Sein umso schwerer. 
  • Für eine weitere Digital-Detox-Strategie lässt sich die Gemeinschaft im Sport zu Nutze machen: Das Wir-Gefühl eines eingeschweißten Teams ist es, das ebenso gemeinsame Regeln ermöglicht. Wann bleiben die Smartphones gemeinschaftlich in der Kabine? Wie handhaben Mannschaften den Umgang mit Social Media Inhalten? Gibt es Verantwortliche? Wie wird kommuniziert und vor allem wann erfolgt die Kommunikation offline und analog? 

Mehr Interesse am Thema? Johanna Constantini hat bereits zahlreiche Texte verfasst – hier eine kleine Übersicht:


Quellen: 

Spitzer, M. 2015. Cyberkrank!: Wie das digitalisierte Leben unsere Gesundheit ruiniert. Droemer HC

www.statista.com

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Dr. René Paasch: Gedankenschnelligkeit im Fussball trainieren (Gedankenschnelligkeit im Fußball, Teil 1)

Leroy Sané oder Kevin De Bruyne gelingt es scheinbar mühelos, in äußerst komplexen Situationen ungewöhnliche, aber auch technisch-taktische Lösungen auf das Spielfeld zu bringen. Erfolgreiche Trainer sprechen bei solchen Ausnahmespielern von „Gedankenschnelligkeit“ oder „Higher Level Exekutivfunktionen (HEF)“. In diesem Blogbeitrag werden wissenschaftlich fundierte Aussagen zum Kognitionstraining im Fußball getroffen. Dabei werden sowohl inhaltliche als auch methodische, diagnostische und praktische Aspekte in verschiedenen Blogbeiträgen aufgearbeitet. 

Zum Thema: Gedankenschnelligkeit im Fussball (Teil 1) 

Der Fußball hat in der Sportwissenschaft und Psychologie generell einen hohen Stellenwert und nimmt auch hier eine Vorreiterrolle ein. Es gibt zu diesem Thema viele Forschungsergebnisse, vor allem in den Bereichen Aufmerksamkeit, Wahrnehmung und Antizipation, aber auch in Bezug auf Kreativität und Spielintelligenz sowie auf das Arbeitsgedächtnis (Memmert, 2019). Dennoch sind viele wissenschaftliche Ergebnisse noch nicht in die Praxis transferiert worden. Nehmen wir nur den Modebegriff “Kognitionen”. Also, was sind Kognitionen oder kognitive Prozesse aus wissenschaftlicher Perspektive genau? In Abgrenzung zu rein physiologischen, neuronalen und präkognitiven Vorgängen charakterisieren Roth und Menzel (2001, S. 559) geistige Leistungen durch sechs kognitive  Prozesse:  

  1. multisensorische und auf Erfahrung beruhende Wahrnehmungsprozesse  
  2. Erkennen individueller Ereignisse und Klassifizieren von Objekten, Personen und Geschehnissen   
  3. bewusste oder unbewusste Prozesse auf der Grundlage interner Repräsentationen  
  4. erfahrungsgesteuerte Veränderung von Wahrnehmung und die daraus resultierenden Verarbeitungsstrategien
  5. Aufmerksamkeit, Erwartungshaltungen und aktives suchen von Reizen   
  6. mentale Arbeit

Etwas vereinfacht zusammengefasst, werden Kognitionen als höhere geistige Funktionen und Prozesse definiert, die notwendig sind, um in bestimmten Situationen gezielt Lösungen zu generieren. Die Bedeutung von kognitiven Fähigkeiten ist im Fussball noch nicht ganz angekommen. Somit befinden wir uns in einer spannenden Phase, sowohl für die Sportpsychologie als auch für die Sportpraxis. Steigen wir nun ein wenig tiefer ein. 

Zum Profil von Dr. René Paasch: https://www.die-sportpsychologen.de/rene-paasch/

Exekutive Funktionen 

Ein aktuelles Modell für Kognitionen aus der Psychologie (Alvarez & Emory, 2006), beschreibt die Steuerung und Regulierung spezifischer kognitiver Prozesse in Menschen. Diese sogenannten exekutiven Funktionen (EF) regeln zielgerichtetes Verhalten (Friedman et al., 2006), also Prozesse wie die Entscheidungsfindung (d.h. Auswahl zwischen mehreren Alternativen). EF werden weiter unterschieden in „Core EF“ (CEF) und „Higher-Level EF“ (HEF), wobei Erstere durch das Arbeitsgedächtnis, kognitive Flexibilität und inhibitorische Prozesse charakterisiert sind, während HEF Problemlöse- und Argumentationsstrategien sowie Planungsprozesse involvieren (Diamond, 2013).  Mit dem HEFs werden Antizipation, Spielintelligenz und Spielkreativität thematisiert, die sich auch in späteren Schulungsphasen gewinnbringend trainieren lassen (Memmert, 2019). 

In zwei spannenden sportwissenschaftlichen Metaanalysen (Scharfen & Memmert, 2019a) konnten bei Experten kleine bis mittlere Effekte von grundlegenden kognitiven Leistungen nachgewiesen werden, bei Fußballprofis wurden herausragende kognitive Fähigkeiten (Verburgh et al., 2016) festgestellt. Eine Querschnittsstudie von Scharfen und Memmert (2019b) bei hochtalentierten Nachwuchsleistungsfußballern wies auf ein größeres Aufmerksamkeitsfenster für komplexere motorische Fähigkeiten (Dribbeln) hin. Außerdem deutet eine geringere Reduzierung der individuellen Ablenkbarkeit auf eine höhere Geschwindigkeit beim Sprint hin. Diese Befunde müssen in naher Zukunft repliziert werden, insbesondere auch in größeren Stichproben.

Umsetzung in der Praxis 

Wie auch ein systematischer Überblick über kommerzielle kognitive Trainingsprogramme und deren Auswirkungen auf den Einsatz im Sport zeigt (Harris, Wilson & Vine, 2018), sind noch viele Fragen offen und müssen in Folgestudien geklärt werden. Dennoch bin ich der festen Überzeugung, dass wir in der Praxis beginnen müssen, kognitive Fähigkeiten zu trainieren. 

Daher hier eine erste Anregung, wie Ihre Schützlinge kognitive Fähigkeiten trainieren können: MS Kognition – das Internet-Projekt zur Stärkung der kognitiven Fähigkeiten können Sie als App herunterladen – ganz ohne Kosten. Sie finden dort wissenschaftlich fundierte Übungen, um Gedächtnis, Aufmerksamkeit und Exekutivfunktionen zu trainieren. Für weitere Anregungen und konkrete Übungen im Individual- oder Teamtraining: Nehmen Sie gern zu meinen Kollegen und Kolleginnen aus unserem Netzwerk (zur Übersicht) oder zu mir auf (zum Profil von Dr. René Paasch).

Abb.1.: MS-Kognition im App Store (https://www.dmsg.de/ms-kognition/)

Weitere praktische Anregungen num Thema neuronale Konditionierung im Fussball für Sie: 

Fazit 

Es ist schwer einzuschätzen, inwieweit sich die Trainingsprogramme für Kognitionen im Fussball durchsetzen werden. In jedem Fall kann die Dienstleistung Sportpsychologie bei dieser Entwicklung ein wichtiger Baustein sein. Nicht nur aus diesem Grund empfiehlt es sich, an dieser Stelle mutig zu sein und die bisherigen Ergebnisse aus der Bewegungswissenschaft und Sportpsychologie zu elementaren Kognitionen in Ihrem Verein oder Verband (oder bei unserem Barcamp, siehe unten) zu diskutieren und in der Praxis auszuprobieren. Was haben Sie schon zu verlieren? Gewinnen können Sie einen besonderen Mehrwert für Ihre Schützlinge!  

Sie wollen mehr zu Kognitionen wissen? Dann kommen Sie zu unserem Barcamp – jetzt anmelden:


Mehr zum Thema:

Literatur 

Alvarez, J. A. & Emory, E. (2006): Executive function and the frontal lobes: A meta-analytic review. Neuropsychology Review, 16, 17-42. 

Harris, D., Wilson, M. R. & Vine, S. J. (2018). A systematic review of commercial cognitive  training devices: Implications for use in sport. Frontiers in Psychology, 9, 709. 

Friedman, N. P., Miyake, A., Corley, R. P., Young, S. E., DeFries, J. C. & Hewitt, J. K. (2006): Not all executive functions are related to intelligence. Psychological Science, 17, 172-179. 

Scharfen, E. & Memmert, D. (2019a): Measurement of cognitive functions in experts  and elite-athletes: A meta-analytic review. Applied Cognitive Psychology, 1-18. DOI:10.1002/acp.3526

Verburgh, L., Scherder, E. J., Van Lange, P. A. & Oosterlaan, J. (2016): Do elite and amateur  soccer players outperform non-athletes on neurocognitive functioning? A study among 8-12 years old children. PloS One, 11, e:0165741. doi: 10.1371/journal.pone.0165741

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Die rote Couch – Das Sportpsychologie Barcamp (#Jugendfußball) – 28./29.09.2019 in Leipzig

Alle reden im Fußball von Mentalität. Von der mentalen Einstellung, die richtig gut oder eben auch nicht zu sehen war. Jeder will ständig den Fokus setzen, die jüngste Niederlage aus dem Kopf bekommen, dominant auftreten und frei aufspielen. Nur wer kümmert sich im Fußball – allen voran im Nachwuchsfußball – eigentlich darum?

Wir von Die Sportpsychologen nehmen den Ball auf und gehen am 28. und 29. September 2019 in Leipzig (Sporthalle Teichstraße) in die Tiefe. Mit euch: 

  • Übungsleiter im Breitensport (alle Sportarten)
  • Trainer und Betreuer aus Nachwuchsleistungszentren
  • Eltern 
  • Sportlehrer
  • Jugend-, Nachwuchs- und Seniorenspieler 
  • Funktionäre, Spielerberater und Scouts
  • Sportpsychologen, Mentaltrainer, Coaches  

Direkt zur Anmeldung

Eure Fragen sind unsere Themen

Wie fördere und trainiere ich Mentalität? Wie formuliere ich eine Halbzeitansprache? Wie gehe ich als Trainer mit Spielern um, die mit Wettkampfangst kämpfen? Was ändert sich an der Trainerrolle im Funino? Was mache ich als Elternteil, wenn mein Kind nur noch Fußball im Kopf hat? Wie können Nachwuchsspieler Selbstgespräche, innere Bilder und Körpersprache nutzen? Wie erreiche ich Mütter und Väter? 

Alles, was euch interessiert, machen wir zum Thema. In jeweils 60 Minuten langen Sessions diskutieren wir diese Fragen mit euch und erarbeiten so gemeinsam Antworten. Mit dabei sind zahlreiche Sportpsychologen und Mentaltrainer aus dem Netzwerk „Die Sportpsychologen“. Dazu kommen Trainer, Ausbilder, Scouts, Spieler und Spielerberater. Das Beste: Den Verlauf der Diskussion bestimmt ihr aktiv mit. Die funktioniert so: Jede Session wird von ein bis drei Personen geleitet, die das Thema mit euch auf Augenhöhe diskutieren. Mit euren Fragen, Erfahrungen und Anregungen könnt ihr jederzeit hineingrätschen. Im Ergebnis geht ihr also mit dem Wissen heraus, was ihr haben wolltet.

Einige Sessions werden wir thematisch bereits setzen, so dass ihr euch ein klares Bild von den Inhalten der Veranstaltung machen könnt. Einen zweiten Teil von Themen wählen wir bis zum Montag, den 23. September 2019, mit euch über eine Online-Abstimmung (gebt hier bis zum 30.8.2019 euren Themenvorschlag ab) aus. Nicht zuletzt könnt ihr zu Beginn der Veranstaltung noch Sessions vorschlagen, die Last-Minute ins Programm kommen.

Bereits feststehende Sessions:

  • Kognitionen im Fußball – Modewort oder Arbeitsauftrag?Fußball wird mit dem Kopf gespielt. Die Beine sind nur das ausführende Werkzeug.“ (Andrea Pirlo) Folgt man der Modellkette Wahrnehmen-Verstehen-Entscheiden-Ausführen so gehen der eigentlichen physischen Umsetzung drei wichtige kognitive Prozesse voraus. Was steckt hinter den Begriffen Kognitives Training, Neuroathletik und Life Kinetik? Alles nur Marketing-Schlagwörter oder bislang vernachlässigte Bereiche? (Martin Wenzel, Roter Stern Leipzig)
  • Bälle erobern – Tore verhindern mit MENTALITÄT Junge Spieler und Spielerinnen sind nicht ausschließlich fußballspezifisch auszubilden. Denn persönliche Eigenschaften wie Selbstbewusstsein, Willensstärke, Eigeninitiative oder Einsatzwillen sind gleichermaßen wichtig für die persönliche Zukunft als Mensch als auch für Erfolge auf dem Platz. Dabei lassen sich diese besonderen Qualitäten durch das Fußballspiel selbst und eine zielorientierte Begleitung durch die Trainer und Trainerinnen fördern und fordern! Wir zeigen wie: Undzwar 60 Minuten auf dem Feld bei einer Demo-Trainingseinheit mit Nachwuchsspielern des Roten Stern, anschließend gehen wir 60 Minuten theoretisch dem Thema auf den Grund. (Alexander Schunke, Referent Sächsischer Fußballverband)
  • Die Eltern der Nachwuchssportler – Der schmale Grad zwischen Druck und
    Unterstützung
    Wenn Eltern die besseren Trainer sind, sich am Beginn einer (finanziell) erfolgreichen Beraterkarriere sehen und/oder ihre eigene Persönlichkeit durch den Erfolg des Kindes stärken wollen, dann hat es kein Trainer leicht. Wie soll der Trainer mit solchen Eltern umgehen oder welche Tipps helfen eigentlich Eltern weiter? Wie viel Druck durch die Eltern ist fördernd? Wann ist einfach nur eine starke Schulter gefragt? (Kathrin Seufert, Die Sportpsychologen, zum Profil)
  • Wenn der (NLZ)-Trainer sagt: Für dich hat es leider nicht gereicht! Wenn der große Traum zu platzen droht, gibt es für Sportler zwei Alternativen: Die persönliche Niederlage wegstecken, also bei einem anderen Verein weiterkämpfen, oder aufgeben. Doch welcher Weg ist der richtige? Wie können Eltern, alte und neue Trainer, Mitspieler, Berater, Freunde oder Sportpsychologen und Mentaltrainer unterstützen? In der Session wollen wir den kompletten Prozess besprechen: Vom „entscheidenen“ Gespräch, welches für alle Beteiligten nicht einfach ist, bis zum bestmöglichen Umgang mit der neuen Situation und einer möglichen nachsportlichen Karriereplanung. (Ole Fischer, Die Sportpsychologen, zum Profil)

Weitere gesetzte Session-Themen folgen

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Weitere Informationen
Rückblick auf „Die rote Couch – Das Sportpsychologie-Barcamp“ 2018 beim VfL Bochum

Wer darf mitmachen?

Trainer, Übungsleiter, Betreuer, Jugend- und Nachwuchsspieler, Eltern, Sportlehrer, Funktionäre, Spielerberater und Scouts. Darüber hinaus sind auch Journalisten und Vertreter anderer Sportarten eingeladen!

Für Sportpsychologen, Psychologen oder Mentaltrainer: “Die rote Couch – Das Sportpsychologie Barcamp” richtet sich ausdrücklich sowohl an Profilinhaber von Die Sportpsychologen (zur Übersicht) als auch Sportpsychologen und Mentaltrainer, die nicht im Netzwerk aktiv sind. Dies schließt nicht zuletzt Studenten der Fachrichtungen Sport, Psychologie und Sportpsychologie ein.

Anmeldung und Preise

  • 89 EUR für Vertreter von Profi-Vereinen, NLZ, Verbänden, Spielerberater, Scouts, Sportpsychologen und Mentaltrainer
  • 69 EUR für Vertreter von Amateurvereinen, Studenten, Eltern

Lizenzinhaber des sächsischen Fußballverbandes können sich für die Teilnahme an der Veranstaltung “Die rote Couch – Das Sportpsychologie Barcamp” 10 Fortbildungsstunden anrechnen lassen. 

Snacks, Obst und Getränke stellt der Gastgeber bereit, freut sich aber über freiwillige Spenden, die vom Roten Stern Leipzig für den Bau eines Kunstrasenplatzes auf dem Teichstraßen-Gelände genutzt werden (zum Kunstrasen-Projekt).

Zeitplan, Location und Kooperationspartner

Sporthalle Teichstraße, Teichstraße 12, 04277 Leipzig

Sa., 28. September 2019, 13 bis 19 Uhr

So., 29. September 2019, 10 bis 17 Uhr (inkl. Hospitation bei einem Jugend-Fußballspiel)

Als Location dürfen wir von Die Sportpsychologen mit Unterstützung unseres Kooperationspartners Roter Stern Leipzig das Sportgelände Teichstraße nutzen. Dies umfasst eine in Würde gealterte Sporthalle, die uns als zentraler Veranstaltungsort dient. Darüber hinaus nutzen wir die “Klause” und bei großem Interesse auch weitere Räumlichkeiten. Der Veranstaltungsort im zentrumsnahen Leipziger Stadtteil Connewitz ist gut mit der Tram (Linien 9, 10, 11) oder dem Bus zu erreichen.

Unser Kooperationsverein Roter Stern Leipzig ist kein normaler Verein. Der RSL ist ein Kiezclub, für den 700 Fußballer und Fußballerinnen auflaufen – über 400 davon im Nachwuchs. Bundesweit bekannt ist der Verein für sein Engagement gegen jegliche Form von Diskriminierung wie Rassismus, Sexismus, Antisemitismus und Homophobie. Die Einnahmen aus dem Catering und anteilig Einnahmen aus dem Ticketverkauf kommen dem roten Stern für den geplanten Kunstrasenbau auf der Teichstraße zu Gute.

Was sind die Inhalte der Veranstaltung?

Die Inhalte der Veranstaltung “Die rote Couch – Das Sportpsychologie Barcamp” werden von den Teilnehmern bestimmt (siehe “Was ist ein Barcamp?”).

Teilnehmer können im Vorfeld und am ersten Veranstaltungstag Session-Vorschläge einreichen. Sessions sind die Bausteine, aus denen die sich das alternative Konferenz-Format zusammensetzt.  

Was ist ein Barcamp?

Per Definition ist ein Barcamp eine offene Tagung mit offenen Workshops, deren Inhalte und Ablauf von den Teilnehmern zu Beginn der Tagung selbst entwickelt und im weiteren Verlauf gestaltet werden. Hierbei steht der partizipatorische Gedanke im Vordergrund. Ziel sind der inhaltliche Austausch und eine Diskussion. Teilweise können am Ende der Veranstaltung bereits konkrete Ergebnisse vorgewiesen werden. Die inhaltliche Idee entstand nach dem ersten Netzwerktreffen von Die Sportpsychologen (Link zum Text) und wurde von der Profilinhaberin Wencke Schwarz (zum Profil) und Redaktionsleiter Mathias Liebing weiterentwickelt und im November 2017 in Berlin zum Themenbereich E-Sports (Link zum Nachbericht), im Juni 2018 in Bochum zum Thema Fußball (Link zum Nachbericht) und im November 2018 in Leipzig zum Thema Ausdauersport bereits erfolgreich umgesetzt.

Anmeldung

Du willst bei “Die rote Couch – Das Sportpsychologie Barcamp” dabei sein? Dann melde Dich mit Hilfe des Online-Formulars an. Eine schriftliche Bestätigung deiner Anmeldung erfolgt sofort, weitere Infos sowie die Rechnung erhältst du einige Werktage nach der Anmeldung.

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Cristina Baldasarre: Immer gleich – wann macht das Sinn?

Im Alltag sind immer wiederkehrende Arbeiten und Abläufe ein Motivationskiller und wenig beliebt. Aber: Erwiesenermassen lässt sich dadurch die Leistung steigern und vor allem erhöht sich die Qualität – sprich die Fehlerquote nimmt ab. Genau solche Erkenntnisse lassen sich im Sport gut anwenden und können dem einzelnen Athleten den entscheidenden Vorteil verschaffen. Das Augenmerk liegt hierbei auf die letzten Minuten vor dem Anpfiff, während den Kurzpausen und bei allen Standardsituationen. Wie zum Beispiel dem Elfmeterschuss, einem Sprung des Turmspringers, einer Wende beim Schwimmen oder dem Ablauf der Hürdenläuferin. Wer diese Abläufe zu optimieren weiss, zieht seinen Vorteil daraus. Die entscheidende Frage ist, wie die unmittelbare Wettkampfvorbereitung (UWV) aussehen soll, um einen bestmöglichen Einstieg in den Wertkampf zu ermöglichen?

Zum Thema: Die unmittelbare Wettkampfvorbereitung

Was muss ich also tun, um beim Startschuss bereit zu sein? Meist sind Athleten physisch gut aufgewärmt und der Körper bereit. Mental hingegen liegt noch viel Potential brach. Die Inhalte der UWV müssen im Vorfeld erarbeitet werden. Eine Checkliste kann hier Abhilfe schaffen. Beispielsweise könnte man sich fragen: Wann war ich das letzte Mal erfolgreich?

  • WAS in meiner mentalen Vorbereitung hat dazu beigetragen? 
  • WIE habe ich diesen Zustand hinbekommen?  
  • Was braucht es, um mit Selbstvertrauen und innerer Stärke loszulegen? Wie kann ich mir das selber geben?

Das sind nur ein paar wenige Fragen, mit denen sich die UWV angehen lässt. Wer dann welche konkrete Technik anwendet oder wer sich dann mit Musik ablenkt, bleibt total individuell. Das wichtigste ist dabei, sich bewusst für die Dinge und Abläufe zu entscheiden, die den Athleten mental gut vorbereiten. Im Ergebnis entsteht viel Selbstwirksamkeit. 

Mehr Infos zu Cristina Baldasarre: https://www.die-sportpsychologen.de/cristina-baldasarre/

Beispiel Visualisierung

Von den konkreten Techniken her betrachtet liegt der Fokus beispielsweise auf dem Visualisieren. Je motorisch und koordinativ anspruchsvoller, desto wichtiger wird das. Und zwar jeweils der kinästhetische Aspekt einer Bewegung: Wie genau fühlt sich z.B. der Tennisaufschlag an? Welche Muskeln spüre ich bei der Bewegungsausführung wie stark? Daran gekoppelt das Raumgefühl: Wie genau fühlt sich der gestreckte Arm an? Wo fühlt er sich an?

Ähnliche Vorbereitungen sollten auch im Bereich der Selbstgespräche, des Arousal-Managements, der Zielsetzungen oder der Konzentration getroffen werden. Solche Informationen eignet sich der Athlet am besten im Training an, um das dann am Wertkampftag gewinnbringend abzurufen – eben wie immer!

Mehr zum Thema:

https://www.die-sportpsychologen.de/2019/05/03/prof-dr-oliver-stoll-unmittelbare-wettkampfvorbereitung-fuer-laeufer

https://www.die-sportpsychologen.de/2015/12/20/philippe-mueller-nervositaet-ist-kontrollierbar

https://www.die-sportpsychologen.de/2019/02/25/johanna-constantini-handy-zeit-oder-smartphone-verbot-strategien-zur-digitalen-wettkampfvorbereitung

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Thorsten Loch: Wenn aus weniger mehr wird – Wie schwache Teams auch gegen Top-Gegner bestehen können (und umgekehrt)

Auf dem Trainingsplatz und in Trainingslagern bereiten sich die 18 Bundesligisten akribisch auf die neue Saison 2019/20 vor. Neben Kondition bolzen, um sich die nötige „Härte“ sich für die kommende Runde zu erarbeiten, stehen ebenfalls auch spieltaktische Aufgaben fest in jedem Trainingsprogramm. Ganz nebenbei gilt es auch noch, Neueinkäufe in das bestehende Teamgefüge zu integrieren und ggf. Abgänge zu kompensieren. Und an dieser Stelle wird es spannend. Das Ungleichgewicht der Finanzstärke zwischen den Spitzenclubs und den vermeintlichen „Kleineren“ ist deutlich zu erkennen. Es braucht als kreative Lösungsansätze, um im Konzert Bundesliga nicht nur die zweite Geige zu spielen. Hier stelle ich mir die Frage, ob die vermeintlichen „Underdogs“ mehr den Mannschaftsgeist beschwören müssen als die Top-Clubs, die gespickt sind mit Nationalspielern? Denn wenn man sich die Etas der verschieden Vereinen vor Augen führt, wird deutlich, mit welchen finanziellen Möglichkeiten die Vereine ausgestattet sind. Formell scheint die Meisterschale auf Jahre vergeben zu sein. Viele Fans wünsche sich die Saison 2008/09 zurück. Sechs verschiedene Teams grüßten damals von dem Platz an der Sonne. Eine solche Spannung treibt jedem Fussball-Liebhaber Tränen in die Augen. Insbesondere in jener Zeit, wenn man sich darüber freut, dass überhaupt mal wieder ein Verein dem FC Bayern München über einen längeren Zeitraum Paroli bieten kann. Doch weshalb war es überhaupt möglich, dass vermeintliche Underdogs wie der VfL Wolfsburg oder aber der Überraschungsmeister aus England – Leicester City 2015/16 – den Top-Clubs ein Bein stellen konnten? Sicherlich spielen eine Menge Faktoren in eine lange Saison mit hinein, jedoch lässt sich eine Tendenz bei den Titelträgern ausmachen. 

Zum Thema: Psychische Antriebsfaktoren und Auswirkungen auf die Teamleistung

Man kann nicht verallgemeinernd feststellen, dass die Leistungsfähigkeit einer Mannschaft größer sei als die Summe der Einzelleistungen. Würde diese Hypothese belastbar sein, so wären die nationalen und internationalen Titel auf Jahre hinaus vergeben. Dem ist „Gott sei Dank“ nicht so. So finden sich immer wieder Mannschaften, die sich aus Spitzenspielern zusammensetzen und gegen vermeintlich schwächer aufgestellte Teams verlieren. Oder aber, die schwächeren Mannschaften „über sich hinauswachsen“ und Leistungen vollbringen, die über die Summe der objektiven Einzelleistungen hinausgeht. 

Ursachen dieser verschiedenen Erscheinungen liegt in den mehr oder weniger bewussten psychischen Antriebsfaktoren, die den einzelnen Spieler dazu veranlassen, das jeweilige Potenzial entweder voll auszuschöpfen, es nur teilweise zu aktivieren oder es gar nicht über die individuelle Leistungsgrenze hinaus mobilisieren zu können. Als Erklärung können zwei Phänomene angeführt werden, deren Kenntnis für Trainer wertvoll sein kann, wenn es darum geht, die potenzielle Leistungsfähigkeit einer Mannschaft zu entfalten. 

Mehr zu Thorsten Loch: https://www.die-sportpsychologen.de/thorsten-loch/

Ringelmann-Effekt

Unter bestimmten Bedingungen kann man feststellen, dass die durchschnittliche Eigenleistung nachlässt, wenn Personen in Gruppen oder Mannschaften zusammenwirken. Ringelmann hat schon vor 100 Jahren in einer Studie beobachtet, dass beim Tauziehen große Unterschiede zwischen Einzel- und Mannschaftsleistungen feststellbar sind. In seinem Experiment beobachtete Ringelmann einzelne Personen und Mannschaften von zwei, drei und acht Probanden beim Tauziehen. Die Arbeitshypothese war Folgende: Wenn es keine Leistungseinbuße durch fehlerhafte Gruppenprozesse gäbe, dann könnte man, wenn jede Person 100 Pfund ziehen kann, daraus schließen, dass Mannschaften äquivalent zu ihrer Gruppengröße 200, 300 bzw. 800 Pfund ziehen könnten. Die Untersuchungsergebnisse konnten diese Annahmen jedoch nicht bestätigen (Baumann, 2002). 

Trotzdem ließ die relevante Leistung jedes Mitglieds zunehmend nach, je mehr Mitglieder die Mannschaft bekam. Dies bedeutete in Zahlen, dass eine Gruppe von zwei Personen nur noch 93% ihre individuellen Leistungspotentials zogen. Eine Mannschaft von drei Teammitgliedern nur noch 85% und acht Personen zogen nur noch 49%. Ingham et al. (1974) wiederholten die Untersuchungen und kamen zu ähnlichen Ergebnissen (siehe Tab. 1). 

Beziehung zwischen Gruppengröße und Leistung (Tauziehen)
Prozent der potenziellen Leistungsfähigkeit bei Mannschaften mit unterschiedlichen Mitgliederzahlen
Mitgliederzahl: 12345678
RINGELMANN-Studie1009385



49
INGHAM (Studie I)1009182787878

INGHAM (Studie II)1009085868485

Tabelle 1: Ringelmann – Studie 

Um herauszufinden, ob Leistungsverluste bei steigender Mitgliederzahl in der Mannschaft auf mangelnde Koordination oder geringer Motivation zurückzuführen seien, hat man die Koordination als Faktor heraus genommen. Man verband den Einzelnen die Augen und ließ sie in dem Glauben, dass die übrigen Mitglieder ebenfalls mitziehen würden, was diese aber nicht taten. Auch unter diesen Bedingungen fiel die Leistung bis zu einer Gruppenstärke von drei Mitgliedern ab. In der Psychologie wird dieses Phänomen – wenn Einzelne in der Mannschaft sich weniger als 100% anstrengen – als „Trittbrettfahrer“ bezeichnet. Weinberg und Gould (1995) sehen hierfür Gründe in unbewussten Motivationsverlusten.

Soziale Faulheit

Wie bereits erwähnt, konnte man in Untersuchungen feststellen, dass die durchschnittliche Einzelleistung nachlässt, wenn Mitglieder in Gruppen zusammenarbeiten und dabei ihre eigene Leistung nicht klar beurteilen können – wie beispielsweise beim Tauziehen oder innerhalb einer Rudermannschaft. Dieser als „soziale Faulheit“ (Oehlert, 2009) bezeichnete Leistungsabfall ist ebenfalls feststellbar, wenn die Leistung des Einzelnen auch von Außenstehenden nicht klar beurteilt werden kann. Zum Beispiel ist die individuelle Leistung eines Spielers innerhalb einer Mannschaft meist nicht eindeutig feststellbar, es sei denn, er sticht durch besonders brillante Einzelaktionen hervor. Wenn eine Mannschaft eine geschlossene Mannschaftsleistung zeigt, fällt es dem Beobachter schwer, den Beitrag den Einzelnen zu erkennen und zu bewerten. 

Die Neigung, sein volles Leistungspotential in der Mannschaft nicht auszuschöpfen, wird also begünstigt, wenn Vergleichsprozesse mit anderen fehlen oder der Sportler in einer gewissen Anonymität des Kollektivs untergeht.

Nach Weinberg/Gould (1995) können die im Folgenden genannten Gründe als Ursachen für das Entstehen von „sozialer Faulheit“ angesehen werden:

  • Sportler glauben, dass die Mannschaftskameraden weniger motiviert sind als sie selbst und strengen sich weniger an, weil die nicht die Rolle des Trottels übernehmen wollen.
  • Sportler meinen, dass sie sich nicht wirklich anstrengen müssen, da die Teammitglieder ihren Part sowieso übernehmen.
  • Sportler haben den Eindruck, dass sich Anstrengung nicht lohnt, da sie sowieso in der Menge untergehen.
  • Sportler versuchen, sich in der Menge zu verstecken, um so die negativen Folgen des Faulenzens zu vermeiden („Trittbrettfahrer“).

Fazit 

Was heißt das jetzt für die Underdogs in der Liga? Die vermeintlich Kleinen müssen sich also kreative Lösungen einfallen lassen, damit sie im Konzert mit den Großen bestehen können. Neben den ganzen individuellen fussballspezifischen Fähig- und Fertigkeiten haben wir feststellen können, dass der Mannschaftsgeist eine nicht zu unterschätzender Rolle einnimmt. Wenn man die Ergebnisse von Ringelmann zu Rate zieht, ist es erstaunlich, welches Potential verschenkt wird. Fast die Hälfte der individuellen Leistungsgrenze wird nicht abgerufen. Dieser Fakt stellt gleichzeitig auch eine große Chance da, wie Friedhelm Funkel (siehe Literatur) deutlich machte: 

„Wir wollen Spieler, die sich bei uns beweisen wollen. Wichtig ist für Fortuna, dass wir Mentalitätsspieler holen, dass wir charakterstarke Spieler holen – und dann ist es meine Aufgabe, diese in die Mannschaft einzubauen.“

Friedhelm Funkel, Trainer Fortuna Düsseldorf

Funkel hat erkannt, welche Rolle insbesondere der Trainer in diesem Prozess einnimmt. Welche Möglichkeiten dem Trainer zur Verfügung stehen, um „soziale Faulheit“ innerhalb des Teams zu umgehen, wird Gegenstand meines nächsten Beitrages sein. Wer schon früher etwas zum Thema haben möchte, kann gern Kontakt aufnehmen (zum Profil von Thorsten Loch). Spannende Ideen haben darüber hinaus auch meine Kollegen und Koleginnen zum Thema zu bieten (zur Übersicht). 

Mehr zum Thema:

https://www.die-sportpsychologen.de/2017/06/29/elvina-abdullaeva-saisonvorbereitung-fuer-gewinner/
https://www.die-sportpsychologen.de/2019/07/18/kathrin-seufert-als-profi-einfach-mal-loslassen-geht-das-ueberhaupt/
https://www.die-sportpsychologen.de/2018/02/06/markus-gretz-fluch-und-segen-des-underdogs/

Angst (68) Arroganz (2) ASP (42) Athleten (1) Best- Case Option (1) Bewerbung (2) Bundesliga (9) Drehbuch (9) Druck (58) Emotionen (59) FC Bayern München (8) forschung (6) Fußball (293) Gefühle (8) gehirn (9) Halle (16) Halle-Wittenberg (3) Ina Blazek (1) Konrtollgefühl (1) kopf (5) kritische Wettkampfsituation (2) Martin-Luther-Universität (5) Master (3) mental (11) München (5) Nachwuchsleistungszentrum (30) Nachwuchssportler (6) niederlage (9) Promotion (1) schritt voraus (2) SC Paderborn (1) Selbstbild (9) Selbstgesprchsregulation (6) sieg (1) Sinnfindung (1) Sinnleere (1) Sport (52) Stress (63) Studiengang (1) training (37) unentschieden (1) Wettkampfvorbereitung (28) Worst- Case Option (1) Ziele (60) Zielsetzungstraining (8)

Literatur: 

Baumann, S.: Mannschaftspsychologie – Methoden und Techniken. Meyer&Meyer Verlag, Aachen 2002.

Ingham, A. G., Levinger, G., Graves, J. & Peckham, V.: The Ringelmann Effect: Studies of Group Size and Group Performance. In: Journal of Experimental Social Psychology 1974, 371-384.

Ohlert, J.: Teamleistung. Social Loafing in der Vorbereitung auf eine Gruppenaufgabe. Verlag Dr. Kovac, Hamburg 2009

Weinberg, R. & Gould, D.: Formations of Sport and Exercise Psychology. Champaign 1995:

https://rp-online.de/sport/fussball/fortuna/fortuna-duesseldorf-die-kleinen-im-konzert-der-grossen_aid-22368119 Zugriff: 26.07.2019, 20:15. 

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Anmeldung: Die rote Couch – Das Sportpsychologie Barcamp #Jugendfußball

Die rote Couch – Das Sportpsychologie Barcamp (#Jugendfußball), Sporthalle Teichstraße, Teichstraße 12, 04277 Leipzig

Sa., 28. September 2019, 13 bis 19 Uhr, So., 29. September 2019, 10 bis 14 Uhr

Tickets ab 69 EUR

Mehr Infos: https://www.die-sportpsychologen.de/2019/08/02/die-rote-couch-das-sportpsychologie-barcamp-jugendfussball-28-29-09-2019-in-leipzig/

Anmeldung

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