Thorsten Loch: „Ich mach mir die Welt…”

..widdewidde wie sie mir gefällt“. Das Titellied der berühmten Pipi Langstrumpf ist allseits bekannt. Doch was hat die Figur von Astrid Lindgren mit Sportpsychologie zu tun? Das kleine Mädchen mit den schier unmenschlichen Kräften durchlebt viele Abenteuer mit ihren Freunden Tommi und Annika. Dabei kommt es nicht selten vor, dass viele Geschichten und Abenteuer im Kopf der Piratentochter beginnen. Und hier kann die Brücke geschlagen werden. Ein aktuelles Beispiel dafür ist der erst 19-jährige Gladbacher Mahmoud Dahoud, einer der Erfolgsgaranten der „neuen Fohlen“ unter Trainer Andre Schubert, welche ihre beeindruckende Serie am 15. Spieltag krönten, indem sie die Übermannschaft aus München schlagen konnten. Doch was ist eigentlich sein Geheimnis? Dahoud liefert in einem Interview gegenüber der FAZ eine mögliche Antwort: „Ich manipuliere meinen Kopf. Ich stelle mir vor, dass ich gerade mein letztes Spiel mache. Dann weiß ich, dass ich jede Minute genießen muss“.

Zum Thema: Was bedeutet Visualisierung im Kontext Leistungssport?

Der Begriff Visualisierung kann als ein psychischer Prozess verstanden werden und somit als eine bestimmte Technik im Gegensatz zu Mentalen Training (Link zu René Paasch: Mentales Training im Jugendfußball), das eine systematische Trainingsform darstellt (Alfermann/Stoll, 2007). In der Psychologie wird Visualisierung als kognitiver Prozess beschrieben, quasi als „Sprache des Gehirns“. Loehr (1991) spricht in diesem Zusammenhang auch von „Programmieren von Vorstellungsbildern“. Demnach scheint das Visualisieren eine außerordentlich effektive Trainingstechnik darzustellen, um geistig-seelische Wünsche in körperliche Leistung umzuwandeln. Die Folge davon ist, dass Gefühle, Sinneswahrnehmungen und Emotionen wiedererschaffen werden können, welche diese Bilder begleiten. Visualisierung stellt somit die geistige Rekonstruktion einer Erfahrung, eines Erlebnisses dar. Besonders interessant scheint dabei zu sein, dass man die Bedingungen eines Wettkampfes im Geist viel genauer simulieren kann als mit physischem Training (Loehr, 1991). Auf dieser Grundlage ist der Athlet in der Lage, immer wieder die gleichen Wettkampfsituationen nachzuempfinden, spieltypisch-taktische Besonderheiten einzuüben und eine Vielzahl von Bewegungen fortwährend trainieren zu können. Vielen Athleten ist es klar, dass für eine gute Wettkampfleistung eine optimale mentale Vorbereitung von enormer Bedeutung ist. Leider herrscht oftmals auch Unklarheit darüber, was es eigentlich bedeutet. Nach Leohr (1991) bedeutet dies, „niemals von irgend etwas überrascht zu sein“.

Ein Athlet, der von unvorhergesehenen Situationen überrumpelt wird, gerät demnach immer wieder in Schwierigkeiten. Um einen solchen Überraschungseffekt weitestgehend auszuschließen, empfiehlt es sich, geistig erfolgreiche Lösungen von Situationen zu erproben, die während eines Spiels bzw. Wettkampfs eintreten können. Das bedeutet in diesem Zusammenhang aber auch, dass entsprechende Erfahrungen mit dem Visualisieren gemacht werden sollten und es letztendlich darüber gelingt, Leistung zu optimieren.

Wichtige Voraussetzungen für erfolgreiches Visualisieren (nach Alfermann/Stoll, 2007):

  1. Jeder unterscheidet sich in seiner Fähigkeit des Visualisierens.
  2. Die Fähigkeit zu visualisieren ist einer erlernte Fertigkeit, welche mit regelmäßigem Training optimiert werden kann.
  3. Das Visualisieren ist einer der wirkungsvollsten Techniken, die man anwenden kann, um Selbstkontrolle, Selbstvertrauen und mentale Stärke im Sport zu erlernen.
  4. Die Kunst des Visualisierens verkörpert hinsichtlich des Leistungsvermögens das Bindeglied zwischen dem Geist und dem Körper. Diese Technik ist die wirkungsvollste Form der Kommunikation zwischen geistigen Vorstellungen und körperlicher Leistung.

Techniken der Visualisierung

Die gängige Fachliteratur unterscheidet zwei Formen der Visualisierung, die beide sehr unterschiedliche Ergebnisse hervorrufen. Eine Methode ist, in der Vorstellung der Darsteller zu werden. Loehr bezeichnet dies als „subjektive Visualisierung“. Hierbei werden Bewegungen in der Vorstellung ausgeführt und geistig das Resultat erfüllt. Bei der subjektiven Visualisierung sind die Muskeln in derselben Reihenfolge aktiviert, die bei einer tatsächlichen physischen Ausführung beteiligt wären. Dies ist eine ausgezeichnete Methode, sportmotorische Fertigkeiten einzustudieren.

Die andere Visualisierungsmethode verlangt, dass man selbst zum Beobachter wird. Mit dieser Methode der objektiven Visualisierung schaut man auf sich, als betrachte man sich selbst in einem Film.

Fazit:

Das Visualisieren stellt eine äußerliche effektive Technik dar, mit der es gelingt u.a. sein Selbstvertrauen zu erhöhen, welches im unmittelbaren Zusammenhang mit erhöhter sportlicher Leistungsfähigkeit einhergeht (Eberspächer/Immenroth/Mayer, 2002). Das Endzeitszenario von „Mo“ Dahoud ist sicherlich nur eines von vielen möglichen „Drehbüchern“ – anderenfalls wird er irgendwann doch einmal von dem Überraschungsmoment gepackt und bekommt Schwierigkeiten in seinem Spiel. Es bleibt abzuwarten, wie es ihm gelingt, sich eine gewisse kognitive Flexibilität sich zu bewahren und einen weiterhin so erfrischenden Fußball zu zeigen, so als ob es sein letztes Spiel wäre.

Literatur:

Alfermann, D., Stoll, O. (2007). Sportpsychologie. Ein Lehrbuch in 12 Lektionen. Aachen, Meyer & Meyer Verlag.

Eberspächer, H., Immenroth, M., Mayer, J. (2002). Sportpsychologie – ein zentraler Baustein im modernen Leistungssport. Leistungssport 32 (5), 5-10.

Loehr, J. E. (1991). Persönliche Bestform durch Mentales Training für Sport, Beruf und Ausbildung (2. Aufl.). München: BLV.

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