Kathrin Seufert: Der schwierige Umgang von Eltern und Trainern – und umgekehrt

“Das kann doch wohl nicht wahr sein. Was hat der sich denn dabei gedacht?” Solche Aussprüche von Vätern oder Müttern von Mannschaftssportlern finden an jedem Wochenende tausendfach statt. Hinter vorgehaltener Hand oder auch ganz offen wird kritisiert, was sich die Trainerstäbe hinsichtlich der Aufstellung oder der Taktik für das bevorstehende Spiel ausgedacht haben. Wir reden hier von einer Beziehung, die vor allem im Nachwuchsspitzensport viel mehr Aufmerksamkeit verdient.

Zum Thema: Die Beziehung von Trainer und Eltern

Als Trainer eines Sportlers hat man vor allem im Anfänger- und Aufbaubereich viel mit den Eltern des Athleten zu tun. Als Erziehungsberechtigte sind sie für das Kind verantwortlich und wollen immer nur das Beste für ihre Tochter oder ihren Sohn. Sie fungieren als Fahrservice, Betreuer, Berater, Psychologe, Organisator und kleine medizinische Abteilung. Doch im Laufe der sportlichen Karriere ändert sich die Gewichtung, auf den Trainer kommt dann eine immer bedeutsamere und intensivere Rolle zu.

Um die Entwicklung des Kindes vor allem in Bezug auf die Unterstützungsleistungen, die es im Laufe der sportlichen Laufbahn benötigt, zu verdeutlichen, werden im Folgenden die einzelnen Phasen und Abschnitte zunächst genauer beleuchtet. Salmela hat dazu in seinem Karrieremodell eine Dreiteilung der Sportlerentwicklung vorgenommen, auf die ich mich beziehe:

Phase I – Der Beginn

Phase II – die Entwicklung

Phase III – die Meisterschaft.

Phase I – Der Beginn

Die erste Phase ist gekennzeichnet von dem Einstieg in eine Sportart und besticht dadurch, dass das Kind vor allem nur aus Spaß am Sport diesen ausübt. Die Rolle der Eltern in dieser Phase soll sein, diesen Spaß zu unterstützen und die organisatorischen Rahmenbedingungen zu schaffen, um dem Kind eine Teilnahme an dem sportlichen Geschehen zu ermöglichen.

Ein Trainer beginnt mit seinen Schützlingen auch nicht im strengen Wettkampfmodus, sondern versucht über Spiel und Freude am Sport den Kindern das Training so schön wie möglich zu gestalten.

Mehr Infos zu Kathrin Seufert: https://www.die-sportpsychologen.de/kathrin-seufert/

Häufige Probleme

Welche Probleme treten in der ersten Phase auf? Es ist immer wieder der Fall, dass ein Elternteil auch die Rolle des/der Trainers/in bekleidet. Hier ist es ratsam, während des Trainings in einer Rolle zu bleiben, um dem Kind eine klare Verteilung zu zeigen. Ebenso ist es für die anderen Kinder von Vorteil, wenn keine persönlichen Erziehungshinweise einfließen, um sicherzustellen, dass sich niemand benachteiligt fühlt.

Aber auch in der Eltern-Trainer Beziehung kann es schon in der ersten Phase zu Diskussionen kommen. Thematiken können sein, dass sehr ehrgeizige Eltern zu viel für das Kind wollen oder selbst erfolgreich in der Sportart waren und viel Erfahrung aufweisen, die den Trainer implizit oder explizit unter Druck setzt. Der Tipp für Trainer, die sich in diesen Situationen unwohl fühlen oder nicht genau wissen, wie sie damit umgehen sollen, lautet: Legen Sie eine Mischung aus Selbstbewusstsein und Anerkennung gegenüber der Erfahrung an den Tag! Wie könnte das aussehen? Konstruieren wir uns dazu ein Beispiel.

Beispiel zum Umgang mit erfahrenen (Sportler)eltern

Die kleine Hanni kommt zweimal die Woche mit ihrer Mutter zum Schwimmen. Während Hanni bei Ihnen schwimmt, schaut ihre Mutter von der Tribüne aus zu. Hannis Mutter war mehrfache Deutsche Jugendmeisterin im Schwimmen und hat schon vor Jahren dem Schwimmsport den Rücken gekehrt. In der Schwimmausbildung wird in ihrem Verein so vorgegangen, dass die Kinder zunächst das Rücken- und Kraulschwimmen erlernen, bevor Sie das Brustschwimmen und später das Schmetterlingsschwimmen beigebracht bekommen. Des Öfteren hat die Mama von Hanni Sie nun schon darauf angesprochen, dass Hanni eine super Brustschwimmerin sei, da sie das mit ihrer Tochter schon mehrfach geübt habe. Sie sollten nun doch bitte darauf aufbauen!

Als Coach bleiben Sie zunächst einmal total souverän. Sie sind der Trainer! Sie sind qualifiziert und lizensiert und das sollten Sie nie aus dem Blick verlieren. Doch ist man ja nie perfekt und als Trainer auch immer wissbegierig und lernfähig. Daher ist es sinnvoll, der Mutter von Hanni zu erklären, wie der Ausbildungsweg in ihrem Verein aussieht, es plausibel zu begründen und dann aber auch ihre Expertise mit aufzunehmen. So wäre beispielsweise eine Nachfrage zu ihrer Schwimmausbildung oder ihren Vorstellungen hilfreich, um abzugleichen, wie der Stand der Mutter ist, um dies dann mit Ihrem Status quo zu vergleichen.

“Den größten Fehler, den wir jetzt machen könnten, wäre, die Schuld beim Trainer zu suchen.”

Karl-Heinz Körbel

Phase II – die Entwicklung

In der zweiten Phase der frühen “Karriere” geht es um die Entwicklung in der Sportart. Bis hierhin hat das Kind vielleicht noch mehrere Sportarten parallel betrieben und sich hier und dort mal ausprobiert. Doch in dieser Phase wandert die Identifizierung mit dem Sport auf eine neue Ebene, sodass auch eine Fokussierung auf eine Sache von Nöten ist. Dies liegt vor allem an dem steigenden Trainingsumfang aber auch an der Sozialisation, die die Kinder in ihren Trainingsgruppen intensivieren. Als Trainer übernimmt man in dieser Phase erste Anteile, die zuvor die Eltern innehatten. Da die Elternteile nun vermehrt eher für die instrumentelle Unterstützung gebraucht werden, wie dem Fahren zum Training und der finanziellen Unterstützung, sind sie dafür weniger Ansprechpartner für die fachlichen Dinge, die das Kind beschäftigen. Hier wird der Trainer die wichtigere Bezugsperson im Vergleich zu den Eltern, die im Anfängerbereich noch an erster Stelle standen.

Und da die Jugendlichen in dieser Phase auch die ersten eigenen Ziele entwickeln und meist mit Trainern abstimmen, geraten die Eltern mit ihren Vorstellungen in den Hintergrund. Viele Mütter und Väter nehmen dies persönlich und sehen es nicht als Entwicklungsprozess des eigenen Kindes an. Dies birgt Gefahr für den Trainer. Denn nicht jedes Elternteil kann diesen Umschwung und die Abgabe dieser Unterstützungsleistung so einfach verkraften. Die Eltern versuchen durchaus bei der Zielfindung ihren Teil dazu beizutragen, doch sind die Interessen zu dem Zeitpunkt nicht immer auch die Interessen des Kindes. Sie projizieren unter Umständen eigene Ziele auf die des Sportlers und erzeugen so einen Druck, der für die Jugendlichen nicht immer zu einer Motivation führt.

Neue Rolle der Eltern und die drohende Drop-Out-Gefahr

Als Trainer ist es wichtig, die Eltern weiter an ihre Kernkompetenzen zu erinnern. Sie sind weiterhin die emotionale Stütze und einer der wichtigsten Bausteine, damit das Kind überhaupt das Training machen kann. Geben sie den Eltern etwas Zeit, sich daran zu gewöhnen, dass ihre Kinder nun auch andere um Rat fragen.

Eines sollte sowohl Eltern als auch Trainern bewusst sein: Es besteht die konkrete Gefahr, dass durch auftretende Probleme, zu viel Druck oder Streitigkeiten in ihrem Umfeld zum Beispiel zwischen Eltern und Trainer die Gefahr des sogenannten Drop-Outs. Denn kann die Identifikation mit dem Sport und der damit verbunden Freude und Leidenschaft für die Sache nicht reifen, so verlieren die Jugendlichen den Spaß und beenden ihre sportliche Karriere, bevor sie so richtig begonnen hat.

Phase III – die Meisterschaft

Werden die ersten beiden Phasen erfolgreich durchlaufen, so erreichen die Jugendlichen die Phase III – die Meisterschaftsphase. Diese beinhaltet den Leistungshöhepunkt des Athleten. Dies hat zur Folge, dass eine Professionalisierung in maximalem Maße angesteuert wird. Dabei rücken Trainer und Berater in den Hauptfokus des Systems eines Sportlers. Auf erfolgreicher Ebene sind finanzielle Förderungen durch den Kaderstatus und der Sportförderung ausgeprägt und somit wird auch die finanzielle Unterstützung der Eltern im Regelfall weniger notwendig. Aufgrund der Professionalisierung kann es in der Phase dazu kommen, dass die Sportler ihren Trainingsort verlegen, um mit anderen qualitativ ebenbürtigen Athleten zu trainieren. Daher werden die Eltern nicht nur auf räumliche Distanz gesetzt, sondern sie erleben dies auch in gewissem Maße auf persönlicher Ebene. Die Sportfamilie füllt dabei eine wichtige Rolle aus, in welcher ein Trainer einen Elternteil darstellen kann.

Für einen Trainer heißt es hier aber auch, als Elternersatz dem Sportler klar zu machen, in welcher Rolle man sich gerade befindet. Denn es ist ja auch oftmals im Sport der Fall, dass wirklich ein Elternteil als Trainer arbeitet. Für beide Fälle ist es unbedingt notwendig, dem Athleten klar verständlich zu machen, auf welcher Ebene man gerade etwas von dem Sportler verlangt. Ist es der Trainer, der da aus einem spricht oder ein elterlicher Rat, der auf privater Ebene beruht. Wenn man nicht sicher ist, wie eine Aufforderung beim Sportler ankommt, sollte man dies lieber nachträglich noch klarstellen und offen ansprechen, um Missverständnisse zu vermeiden.

Wenn der elterliche Druck wächst

Jedoch ist es auch bekannt, dass es Eltern gibt, die sich im Laufe der sportlichen Karriere des Kindes auch fachlich in der Sportart weitergebildet haben. Dadurch etablieren sie sich als ein sehr guter Berater ihres Kindes. In diesen Fällen kann es dazu kommen, dass ein Druck auf den Jugendlichen aufgebaut wird, der durch eine Erinnerung an die bisherige Unterstützung seitens der Eltern und der dadurch erwarteten Dankbarkeit verstärkt wird. „Wir haben ja schon so viel für dich geopfert, jetzt kannst du auch mal was so machen, wie wir das sagen…“

Das sind Sätze, die in Sportlerhaushalten so oder so ähnlich fallen können. Als Trainer kann man hier als Mittelsmann fungieren oder den Sportler ermutigen, seine Entscheidung mit den Eltern zu diskutieren und sich Meinungen einzuholen, diese dann aber auf Grund der eigenen Einschätzung zu treffen.

“Du schaffst es vielleicht nicht ganz an die Spitze, aber wenn du das tust, was du liebst, wirst du mehr Glück und Freude finden, als mit Reichtum und Ruhm.”

Tony Hawk

Fazit

Insgesamt lässt sich festhalten, dass es für Trainer mit Sicherheit nicht immer einfach ist, mit den Eltern seiner Schützlinge richtig umzugehen. Es ist sicherlich von Vorteil, sich beide Perspektiven immer wieder vor Augen zu halten. Die Kernfrage lautet: Mit welchen Wünschen, Erwartungen und Sichtweisen verbindet sich die jeweilige Position? Dadurch erspart man sich selbst auch Ärger und Nerven. Die Suche nach einem offenen Gespräch und der Akzeptanz von anderen Ansichten ist ebenso unabdingbar, wie das Zuschreiben von Kompetenzen und der Trennung von sportlichen und privaten Entscheidungen. Eine weitere Möglichkeit ist das Schaffen von Regeln und eines Verhaltenskodexes. Bestimmte Abstände, die ein Elternteil halten soll, respektvoller Umgang der Eltern untereinander, auch wenn die Kinder im „Konkurrenzkampf“ um eine Position stehen und das vor und nach dem Spiel/Wettkampf die Mannschaft zunächst für sich ist und dann erst Eltern, Freunde und Co. dazu kommen.

“Talent gewinnt Spiele, aber Teamwork und Intelligenz gewinnt Meisterschaften.”

Michael Jordan

Ein Sportpsychologe oder sportpsychologischer Berater kann für jeden Trainer eine Möglichkeit sein, sich mit solchen Problematiken auseinander zu setzen und für sich selbst einen Weg zu finden, mit den Herausforderungen der Trainer-Eltern-Beziehung umzugehen. Im Coach-the-Coach Konzept wird unter anderem am Auftreten, der Kommunikation und der persönlichen Regulation des Trainers gearbeitet und diese optimiert, mit dem Ziel des persönlichen Wohlbefindens und der bestmöglichen Leistung am Spielfeldrand (als „synonym“ für alle Sportarten). Meine Kollegen (zu den Profilseiten) und ich (zum Profil von Kathrin Seufert) helfen Ihnen – seien Sie Trainer, Elternteil oder beides – gern.

Mehr zum Thema:

Literatur

Salmela, J. H. (1994). Phases and transitions across sport careers.
Psycho-social issues and interventions in elite sport, 11-28.

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