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Dr. Julia Boie: Die Angst im Springreiten beherrschen lernen

Es ist im Springreiten keine Seltenheit, dass Phasen auftreten, in denen der Respekt vor dem Hindernis zu groß wird und die Sportler*innen verunsichert sind. Diese Phasen können nach schwierigen Erlebnissen, wie etwa einem Sturz auftreten, können sich einstellen, wenn die Sportler*innen in einer höheren Klasse starten wollen oder einfach auch nach jahrelanger hochklassiger Reiterfahrung ohne erkennbaren Grund auftauchen.

Zum Thema: Lösungswege, wenn der Respekt vor dem Hindernis zu groß wird

Zunächst einmal ist es wichtig zu betonen, dass Angst immer eine Botschaft in sich trägt und nicht leichtfertig beiseite geschoben werden sollte. Sie ist ein Warnsignal mit dem Ziel, uns vor Gefahren zu schützen. Die Sportler*innen (und ihre Trainer*innen) müssen einschätzen, ob sie den Anforderungen gewachsen sind, ob ihre Fähigkeiten und die des Pferdes für das anvisierte Ziel ausreichen. Ist diese grundlegende Sicherheit gegeben, kann man sich angucken, wie die Angst entsteht und wie sie sich regulieren lässt.

Vielfach treten Gedanken auf wie „Hoffentlich geht nichts schief!“ oder „Hoffentlich springen wir nicht in den Sprung hinein!“ Verbunden mit diesen Gedanken entstehen Bilder von missglückten Sprüngen. Dabei steht meist die Angst um die eigene Sicherheit und die des Pferdes im Vordergrund. Wie auch die Sorge, dass nach einem verunglückten Sprung das Pferd das Vertrauen verlieren könnte und anschließend keinen Parcours mehr gehen will.

Negativspirale

Solche ganz und gar nicht zielführenden Gedanken können schnell eine Negativspirale in Gang setzen. Sie verstärken die Unsicherheit und vermindern dadurch die reiterliche Leistung, denn überhöhte Anspannung und Nervosität beeinträchtigen die Feinkoordination. Auch ist zögerliches und unentschlossenes Reiten häufig die Folge. Das souveräne Einschätzen der Entfernung zum nächsten Sprung will nicht mehr reibungslos gelingen, was womöglich abwechselndes Zurückhalten und Treiben des Pferdes vor dem Sprung nach sich zieht. Eingespielte Abläufe stimmen nicht mehr und die Zweifel des Reiters verunsichern das Pferd. Vermehrte Abwürfe oder auch das Verweigern des Pferdes vor dem Sprung können die Folge sein und die Selbstzweifel der Reiter*innen weiter erhöhen.

In solchen Phasen ist es sinnvoll, sich die negativen Gedanken bewusst zu machen, um die Abwärtsspirale zu durchbrechen. Drängt sich bspw. der Gedanke auf „Hoffentlich geht nichts schief!“, kann man überlegen, ob es einen positiven Gedanken gibt, der genauso zu der Situation passen könnte wie z.B. „Wir haben gut trainiert. Wir können das!“ Es gilt, den negativen Gedanken ab sofort immer zu unterbrechen, wenn er sich meldet und sich den positiven Gedanken ins Gedächtnis zu rufen.

Der perfekte Sprung vor dem geistigen Auge

Positive innere Bilder von einem gelungenen Sprung können hier zusätzlich unterstützen. Die Sportler*innen können sich regelmäßig ganz lebhaft, also mit allen Sinnen, einen perfekten Sprung vorstellen oder auch mehrfach ein Video von sich ansehen, bei dem sie einen Parcours sehr erfolgreich geritten sind und diesen innerlich nachvollziehen. Diese positiven Bilder können das sichere Gefühl zurückholen, dass sie und ihr Pferd die Sprünge beherrschen. Diese wiedergewonnene Sicherheit trägt ebenfalls dazu bei, die Negativspirale zu stoppen und erhöht die Wahrscheinlichkeit, dass die Sportler*innen ihre reale Leistungsfähigkeit abrufen können.

Schließlich können auch begleitende Entspannungsübungen dazu beitragen, überhöhte Nervosität zu reduzieren. Ruhiges Atmen, bei dem die Sportler*innen doppelt so lange ausatmen wie sie einatmen, reicht als Tool oftmals schon aus, um das eigene Anspannungsniveau zu regulieren. Als Folge lassen sich die Gedanken wieder besser kontrollieren und die Feinkoordination kann wieder besser funktionieren.

Tipps und Tricks

Durch das konsequente Training dieser drei Tools können sich die Sportler*innen in einen positiven, konzentrierten und entspannten Zustand versetzen, den sie für die optimale Ausführung ihrer Aufgabe benötigen.

Grundsätzlich ist es bei starker Verunsicherung von Sportler*in und Pferd empfehlenswert, die reiterlichen Anforderungen herunterzuschrauben und in Bereichen zu trainieren, in denen sich die Sportler*innen sehr sicher fühlen und Selbstvertrauen wiedererlangen können. Abwechslungsreiches Training mit verschiedensten Aufgaben, die ganz präzise absolviert werden müssen (einen oder mehrere Zirkel in einer vorgegebenen Zeit reiten o. Ä.), steigern die Konzentrationsfähigkeit der Reiter*innen und bringen das Team Pferd und Mensch wieder in eine Balance, von wo aus sie sich Schritt für Schritt wieder an höhere Anforderungen heranarbeiten können.

Hinweis und Feedback

Ängste, die durch Stürze hervorgerufen wurden oder Unsicherheiten, die schon lange bestehen und bei denen die Angstspirale die Situation immer weiter verschärft hat, lassen sich erfahrungsgemäß nicht ganz leicht regulieren. Meine Kollegen von Die Sportpsychologen (zur Übersicht) und ich (zum Profil von Dr. Julia Boie) sind gerne für Sie da, falls Sie Beratung wünschen.

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Anke Precht: Verletzungen im Sport – Wie sie psychologisch verarbeitet werden

Kein Sportler wünscht sich Verletzungen. Trotzdem muss sich fast jeder früher oder später mit einer Verletzung auseinandersetzen. Es kann hilfreich sein zu wissen, wie sie psychologisch verarbeitet werden – und wie Sportler dazu beitragen können, dass die Verarbeitung gut gelingt und der Kopf nach der Verletzung wieder frei ist.

Zum Thema: Umgang mit Verletzungen

Grundsätzlich geht die Psyche nach einschneidenden Ereignissen durch verschiedene Phasen. Diese Phasen laufen meistens (aber nicht immer) in der folgenden Reihenfolge ab, sie sind natürlich und helfen bei der Verarbeitung, damit die Aufmerksamkeit möglichst schnell wieder in die Zukunft gehen kann.

Phase 1: Negieren

„Es ist nichts. Alles gut!“ Das ist oft die erste Reaktion, wenn etwas kaputt ist. Man möchte es nicht wahrhaben und klammert sich an der Hoffnung fest, dass der Sturz oder der Knacks sich am Ende doch als harmlos herausstellt

Phase 2: Verhandeln

Wenn dann die Diagnose feststeht, in der Regel beim Orthopäden oder nach dem Röntgen oder MRT, und man wahrhaben muss, dass die Verletzung passiert ist, beginnt die Verhandlungsphase. Man überlegt, was man tun kann, um nicht acht Wochen, sondern nur sechs Wochen nicht trainieren zu dürfen, sagt sich innerlich, dass man schneller sein wird als die Ärzte sagen, oder man verhandelt mit den Ärzten. 

Manche Sportler wenden sich auch innerlich in die Vergangenheit: Hätte ich nur nicht …, dann wäre alles gut gegangen. Letztere Version nutzt der Psyche nicht, sondern schadet. Wer sich dabei erwischt, sollte schnell ins Hier und Jetzt zurückkehren und die Verletzung annehmen, so wie sie ist, mitsamt den Gefühlen, die dadurch ausgelöst werden. Denn danach kann sich der Fokus wieder nach vorne richten.

Phase 3: Wut oder Ärger

Manche Sportler sind sauer auf sich selbst. Sie sind vielleicht ein Risiko eingegangen oder haben kurz nicht aufgepasst. Andere sind wütend auf andere: Den Gegner, der ihnen ins Knie gesprungen ist, die Ersthelfer, die einen Fehler gemacht haben, das Krankenhaus, wo sie lange warten mussten, so dass die Versorgung nicht optimal war. Diese Phase ist ok, sie wechselt häufig ein paarmal mit Phase vier. 

Wenn aber die Phase drei zu lange dauert, also länger als zwei bis drei Wochen, sprich mit einem Vertrauten oder einem Sportpsychologen, damit du loslassen kannst und weiterkommst.

Phase 4: Trauer oder Schmerz

Eine Verletzung bedeutet immer einen Verlust. Der eine kann die Saisonziele nicht mehr erreichen, die andere verliert ihren Stammplatz im Team, der dritte bangt um eine Vertragsverlängerung, die vierte kann nicht zu einem Wettkampf reisen, auf den sie lange hingearbeitet hat, der fünfte ist vielleicht sogar dauerhaft eingeschränkt oder muss sich gar von seinem Sport auf Leistungsniveau für immer verabschieden – das löst Schmerz aus und Trauer. Nicht jeder Sportler mag das, aber diese Phase ist nicht nur natürlich und normal, sie ist auch notwendig, um ganz über die Verletzung hinwegzukommen. Diese Phase kann ganz unterschiedlich lang andauern. Der eine weint eine ganze Nacht lang im Krankenhaus. Ein anderer merkt, dass er einige Wochen besonders niedergeschlagen und traurig ist. 

Wichtig hier: Beobachten, nicht dagegen ankämpfen. Es hilft, mit einem vertrauten Menschen zu sprechen, sich Trost zu holen. Was nicht hilft: den Schmerz wegdrücken mit oberflächlichen positiven Gedanken wie: Das wird schon wieder. Denn damit betrügt man sich selbst. 

Phase 5: Annahme und Neuausrichtung

Schon während der Phase des Betrauerns gibt es immer wieder Momente, in denen sich die Energie nach vorne richtet und man merkt: Man macht mit der Situation seinen Frieden. Diese Phasen werden länger und lösen schließlich Phase vier ab. Nun fühlt man sich ok, man fasst neue Ziele, sportliche oder andere und beginnt, mit der neuen Situation zu leben. Wird man wieder vollständig gesund, spricht man mit Trainern und Betreuern, um neue Saisonziele zu fassen, das Training neu auszurichten und sich erneut zu motivieren. Ist man hier angekommen, ist die Verarbeitung abgeschlossen.

Unsere Unterstützung

Wir von Die Sportpsychologen unterstützen dich gern. Nimm gern zu einem Kollegen oder Kollegin, die in deiner Nähe wohnen (zur Übersicht) oder zu mir (zum Profil von Anke Precht) Kontakt auf.

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Björn Korfmacher: Die euphorisierende und stärkende Kraft der Motivation richtig nutzen

Motivation ist bekanntlich unser Antrieb, unser Motor. Und damit zweifellos ein ganz wesentlicher Faktor, wenn es darum geht, Höchstleistungen zu erbringen und seine Ziele konsequent zu verfolgen. Kurz gesagt: Wenn die Motivation nicht da ist, geht’s nicht mehr weiter. Es kommt also nicht von ungefähr, dass die angewandte Sportpsychologie sowie das praktische Sport-Mentaltraining immer wieder um dieses Thema kreisen und es als eine ihrer Hauptaufgaben ansehen, bei Athleten motivationale Prozesse in Gang zu setzen. Allerdings sollte man es mit der Motivation nicht übertreiben. Oder besser die Bahnen kennen, in denen sie ihre ganze Kraft entfalten kann.

Zum Thema: Die wichtige Stellgröße Motivation im (Nachwuchs)Leistungssport

Wenn es darum geht, Athleten für ein Ziel zu begeistern und dieses mit Selbstvertrauen und Beharrlichkeit zu verfolgen, finden Sportpsychologen und Sport-Mentaltrainer in ihren „Werkzeugkästen“ meist eine große Auswahl an Instrumenten – ohne lange suchen zu müssen. Die Motivationsforschung bietet zahlreiche Techniken und Methoden, um die Leistungsmotivation zu aktivieren. Da ist die Rede von der SMART-Methode, vom WOOP-Prinzip, vom sensorischen, konkreten Vorstellen, vom inneren Dialog, von Stärken stärken und so weiter. Die Auswahl ist groß und die Techniken sind bewährt und erprobt. Einem Athleten neue Motivation einzuhauchen, ist für erfahrene Sportpsychologen und Sport-Mentaltrainer gewissermaßen Routine und führt in der Regel zu guten Ergebnissen. 

Schwieriger ist es dagegen, Athleten Motivation zu nehmen, wenn diese zu stark ausgeprägt ist. Denn ein Übermaß an Motivation führt zu unnötigem Druck und Stress, Angst und Verkrampfung – und infolgedessen dann zu einer schlechten Leistung. Die sogenannte „zwanghafte Leidenschaft“ oder auch „obsessive Passion“ ist oft darin begründet, dass der Athlet seinen Sport über alles stellt, ihn zu seinem absoluten und einzigen Lebensinhalt macht, sich als Mensch nur über seine sportliche Leistung definiert und allein ohne sie nicht viel Wert zu sein glaubt – nach der einfachen Formel: Misserfolg im Sport = Misserfolg im Leben. Es erübrigt sich zu sagen, dass diese Geisteshaltung bei Sportlern immensen Druck auslöst, der unter anderem die Konzentrationsfähigkeit im Wettkampf stark beeinträchtigen kann. Denn alles dreht sich dann nur noch um das Mantra Ich darf nicht scheitern! 

Übermotivation regulieren

Dass im hochbezahlten Profibereich (z.B. Profi-Fußball) der Sport einen existenziellen Stellenwert im Leben des Athleten einnimmt, ist nachvollziehbar. Wenn man es erst dahin geschafft hat, gibt es meistens nichts anderes mehr. Der Leistungsdruck (intrinsisch und extrinsisch) ist extrem hoch und für andere erfüllende Hobbies (leider auch für die Familie) bleibt kaum noch Zeit. Sport als „obsessive Passion“ ist hier also anders zu betrachten und zu bewerten als im Nachwuchsbereich. Obgleich auch die Top-Verdiener aus der Welt des Profisports gut beraten sind, sich immer wieder auf die wirklich wichtigen Dinge im Leben zu besinnen, wie zum Beispiel Familie, Freundschaft, Liebe und Gesundheit. 

Aber bleiben wir beim Nachwuchssport. Hier tritt aus meiner Erfahrung das Phänomen der störenden Übermotivation deutlich häufiger auf und verbaut vielen jungen Talenten den Weg in den Profibereich. Speziell im Nachwuchshochleistungssport haben viele der hochdotierten Talente keine anderen Hobbies und Interessen außer ihrem Sport – Profisportler zu werden, ist oft der einzige Berufswunsch, die einzige Perspektive. Einen Plan B gibt es nicht. Diese Sportler sehen sich gewissermaßen gezwungen, es in den Profibereich zu schaffen, weil sie sonst nichts anderes mit ihrem Leben anzufangen wissen. Der sportliche Erfolg wird zum Zwang, zur Obsession. Und Misserfolge und Niederlagen zur existenziellen Bedrohung. Unter diesem selbst auferlegten Druck Topleistung abzuliefern, ist schwierig. Mehr als unglücklich ist es auch, wenn ein junger Leistungssportler von Freunden und Familie nur als die vielversprechende Sportskanone, als der Profi von morgen wahrgenommen wird. Wenn Wertschätzung und Anerkennung nur über die sportliche Leistung erfolgen, wird der Sport identitätsstiftend und der sportliche Erfolg zum zentralen Indikator für den Wert als Mensch. Die „zwanghafte Leidenschaft“ bzw. „obsessive Passion“ ist geboren. 

Motivation regulieren

Wie bei der Motivationssteigerung gibt es auch bei der Motivationsregulierung effektive sportpsychologische Maßnahmen, um den aus der Übermotivation resultierenden Stress zu reduzieren (Coping). Zum Coping gehören zum Beispiel „einfache“ Gespräche, in denen die Wichtigkeit der sportlichen Leistung auf ein gesundes Maß relativiert und das Selbstbewusstsein fernab des Sportplatzes gesteigert wird. Ergänzend dazu haben sich auch spezielle Meditations-, Hypnose- und Entspannungstechniken bewährt. Neben den mentalen Ansätzen sind auch präventive, instrumentale Ansätze nicht zu vernachlässigen. Dazu gehört, dass im Leben des Athleten auf ausreichend Ausgleich, Regeneration und Ablenkung geachtet wird. Hierbei sollten gegebenenfalls auch die Eltern miteinbezogen werden, die es mit der Unterstützung, Förderung, Lob und Anfeuerung oft zu gut meinen und so auf ihre Kinder unbewusst Druck ausüben. Seinem Kind neben dem Leistungssport noch andere Hobbies zuzugestehen, in ihm noch andere Potenziale zu erkennen und wertzuschätzen, ist sicherlich eine der wichtigsten Maßnahmen, um einer obsessiven Passion entgegenzuwirken. In Verbindung mit passablen schulischen Leistungen kristallisiert sich dann der berühmte Plan B meist von selbst heraus. Das „B“ steht hier für Booster. Denn erst, wenn ein Athlet weiß, dass er bei sportlichem Misserfolg nicht viel zu verlieren hat, ist er im Besitz der Konzentration, Leichtigkeit und Coolness, die nötig sind, um in entscheidenden Momenten Topleistung abzuliefern. 

Das soll allerdings nicht heißen, dass der Plan B Voraussetzung für eine Profikarriere ist. Es gibt sicherlich auch Sportler, die sich besonders fokussieren und motivieren, gerade weil sie keinen Plan B haben. Und auch eine obsessive Passion muss nicht zwingend ein Fluch sein, vorausgesetzt, man schafft es, sich den selbst auferlegten Druck zum Freund zu machen. Halten wir fest:  Nur wenn Motivation als Begeisterung verstanden wird, wirkt sie wie sie wirken soll: euphorisierend und stärkend.  

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Prof. Dr. René Paasch: Erbrechen oder Bauchschmerzen vor Wettkämpfen bei Kindern und Jugendlichen

Immer häufiger kontaktieren Eltern Kollegen*innen mit der Bitte um Hilfestellung Ihres Kindes bei Erbrechen und Bauchgrummeln vor Wettkämpfen. Die Beschwerden haben oft harmlose Ursachen und verschwinden nach kurzer Zeit. Aber auch ernsthafte Erkrankungen können dahinterstecken. Wie können Eltern oder Trainer*innen erkennen, dass sich etwas Ernstes dahinter verbergen könnte? Und welche Auslöser gibt es dafür und wie kann eine sportpsychologische Unterstützung des Kindes aussehen?

Zum Thema: Kindliche Magen-Darm-Beschwerden vor dem Wettkampf und was Sie als Eltern und Trainer*innen tun können? 

Ein kindlicher Wettkampf steht bevor und schon drückt es im Bauch. Der eine reagiert mit leichter Übelkeit und Erbrechen auf solche Stresssituationen, der andere fühlt sich sehr unwohl. Dies liegt u.a. an der beeinflussenden Verbindung zwischen Gehirn und den Verdauungsorganen (Liem, Lenz, Ciranna-Raab, 2019). Im Magen-Darm-Trakt sitzen hundert Millionen Nervenzellen. Sie sind für die Abgabe von Verdauungssäften und der Aufnahme von Nahrung verantwortlich. Doch sie können durch das vegetative Nervensystem beeinflusst werden. Die Brücke des Gehirns zum Körper ist das Zwischenhirn. Über diese gut vernetzte Region werden alle Hormone gesteuert. In akuter Situation – also zum Beispiel vor einem Wettkampf – wird das Stresshormon Cortisol freigesetzt. Und das sorgt dann dafür, dass die Atmung beschleunigt wird, das Herz schneller schlägt und die Muskulatur durchblutet wird. Das Zwischenhirn sendet anschließend an die Nebenniere folgendes: „Setze sofort eine große Menge Stresshormone frei und reagiere auf mögliche Gefahren“. Für diese Abwehrbereitschaft brauchen das Herz, die Lunge und die Muskeln Energiereserven, die aus dem Magen-Darm-Trakt abgezogen werden. Wird der Sauerstoffträger Blut aus den Verdauungsorganen abgezogen, stellen diese ihre reguläre Tätigkeit ein und transportieren die Nahrung nicht mehr weiter. In einer milden Form löst das Bauchdrücken und Übelkeit aus, im Extremfall will der Körper die Nahrungsreste nach außen führen. 

Warum Kinder unterschiedlich auf Belastungen reagieren, ist wissenschaftlich nicht abschließend geklärt. Es gibt aber verschiedene Ansätze zur Linderung der genannten Symptome (kindliche Zuwendung, leichte Kost und kleine Mahlzeiten (Stark et al. 2009), mediative Verfahren (Weydert et al. 2006), imaginative Verfahren (Barnes et al. 2008) und kombinierte Verfahren (Schneider 2009, S.248- 250).

Anregungen für Eltern und Trainer*innen

Das Wichtigste ist, dass das Kind spürt, dass es trotz körperlicher und mentaler Schwierigkeiten anerkannt und geliebt wird. Die Symptome vor Wettkämpfen haben weder mit fehlendem Willen oder Leistungseinschränkungen zu tun. Beachten Sie dabei, dass das Kind selten in der Lage ist, dies selbst näher zu benennen. Akzeptieren und leisten Sie als Eltern oder Trainer*innen eine fürsorgliche Haltung ohne Vorwürfe, dies ist ein erster wichtiger Schritt. 

Sprechen Sie mit Kind über die Situation und konsultieren Sie vorsichtshalber einen Mediziner. Somit können Sie körperliche Erkrankungen vorab ausschließen. Sprechen Sie des Weiteren mit der zuständigen Lehrkraft in der Schule oder mit dem Trainer bzw. der Trainerin. Das Hinzuziehen eines Kollegen bzw. Kollegin mit klinischer Ausbildung wäre im Einzelfall auch ratsam. 

Vor und nach dem Wettkampf 

Das Erbrechen ist mit hohem Flüssigkeits- und Elektrolytverlust verbunden, daher sollten Sie darauf achten, dass diese Balance wieder hergestellt wird. Ausgleichen kann man diesen Verlust mit Trinklösungen. Steht ein Wettkampf bevor, setzen Sie das Kind nicht unter Druck. Extra Trainingseinheiten helfen kaum, wenn das Kind wegen körperlichen Beschwerden oder Ängsten nicht auf das Potenzial zurückgreifen kann. 

Im Vordergrund sollte stehen, den Auslöser für die körperlichen und mentalen Beschwerden herauszufinden und zu lösen, das Kind in seinem Selbstwertgefühl zu stärken und ihm Vertrauen in die eigene Leistungsfähigkeit zu geben. Ist die belastende Situation abgeschlossen, belohnen Sie Ihr Kind. Egal ob eine gute oder schlechte Leistung sich abzeichnet. Das Kind hat eine sehr schwierige Situation hinter sich gebracht und das ist entsprechend zu würdigen. 

Weitere Anregungen für Sie:

  1. Angst im Nachwuchssport: https://www.die-sportpsychologen.de/2018/08/dr-rene-paasch-angst-im-nachwuchssport/
  2. Keine Angst vor der Angst: https://www.die-sportpsychologen.de/2021/04/dr-rene-paasch-keine-angst-vor-der-angst/
  3. Mentoren lassen Kinder Fehler machen: https://www.die-sportpsychologen.de/2020/12/dr-rene-paasch-mentoren-lassen-kinder-fehler-machen/
  4. Mentales Training im Jugendfussball: https://www.die-sportpsychologen.de/2015/06/dr-rene-paasch-mentales-training-im-nachwuchsfussball/

Fazit 

Das Erbrechen oder Bauchgrummeln vor Wettkämpfen kann viele unterschiedliche Gründe haben. Um der Ursache der Beschwerden auf den Grund zu gehen, können Eltern und Trainer*innen gegebenenfalls auch das Kind aktiv mit einbeziehen. Im Anamnesegespräch mit Ihrem Kinder- und Jugendarzt kann es hilfreich sein, wenn Sie genau schildern können, wann, wo und in welcher Intensität die Symptome zum ersten Mal aufgetreten sind. Für Ihr Kind ist es jetzt besonders wichtig, zu wissen, dass Sie da sind. Nehmen Sie sich Zeit, kuscheln Sie, lesen Sie gemeinsam Geschichten und sprechen Sie nicht nur über den Sport. Auch sich der herausfordernden Situationen zu stellen, kann die Symptome verbessern und innerlich bestärken. Manche Kinder berichten nach dem Erbrechen, dass es Ihnen besser geht und sie beim Wettkampf keine Bauchschmerzen mehr hatten. Dennoch sollten Sie die Schmerzen Ihres Kindes ernst nehmen und weiteres veranlassen. 

Der Weg zur Diagnose ist manchmal schwierig. Nicht immer kann Ihr Arzt eine klare körperliche Ursache feststellen. Deshalb sollten Sie auch psychische Auslöser wie zum Beispiel Stress in Betracht ziehen. Therapeuten*innen in gemeinsamer Zusammenarbeit mit Sportpsychologen*innen oder sportpsychologischen Experten*innen können Ihnen und Ihrem Kind dabei behilflich sein.  

Mehr zum Thema:

Literatur 

Banez, G. (2008): Chronic abdominal pain in children: what to do following the medical evaluation. Curr Opin Pediatr 2008; 20(5): 571–575

Liem T., Lenz C., Ciranna-Raab, C. (2019): Differenzialdiagnosen in der Kinderosteopathie. Hrsg. 1. Auflage. Stuttgart: Thieme; 2019. doi:10.1055/b-003-128220

Seiffge-Krenke, I, Lohaus, A (2007): Stress und Stressbewältigung im Kindes- und Jugendalter. Hogrefe Verlag, Göttingen

Schneider, M. (2009): Lehrbuch der Verhaltenstherapie. 3.Aufl., Heidelberg: Springer Verlag

Stark, L., Quittner, A., Powers S., Opipari-Arrigan, L., Bean J., Duggan C, Stallings V. (2009): Randomized clinical trial of behavioral intervention and nutrition education to improve caloric intake and weight in children with cystic fibrosis. Arch Pediatr Adolesc Med; 163(10): 915–921

Weydert, J., Shapiro D., Acra S., Monheim C., Chambers A., Ball T. (2006): Evaluation of guided imagery as treatment for recurrent abdominal pain in children: a randomized controlled trial. BMC Pediatr 2006; 6: 29

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Zum Zauber und Fluch von Heim-Events

Ganz egal, ob European Championships, eine Deutsche Meisterschaft oder ein Heimturnier. Für Sportler und Sportlerinnen sind Wettkämpfe in gewohnter Umgebung und vor allem vor einer Vielzahl an unterstützenden Zuschauern etwas besonderes. Aber was ist das Besondere? Und wie können sich Athleten, Athletinnen und deren TrainerInnen bestmöglich darauf vorbereiten? Diese Fragen haben wir in unserem Experten-Netzwerk zur Diskussion gestellt. 

Zum Thema: Was Sportler und Sportlerinnen über Heim-Events wissen sollten 

Wovon ist es eigentlich aus sportpsychologischer Sicht abhängig, ob ein Heim-Event wie eine Europameisterschaft zur Belastung oder zum mentalen Energiespender werden kann?

Kathrin Seufert

Antwort von: Kathrin Seufert (zum Profil):

Das liegt zum Großteil am Mindset der Athleten und Athletinnen. Es kann so gelagert sein, dass es so großen Druck erzeugt, der dann leistungshemmende Wirkung hat. Oder aber auch zu Freude und Unterstützung führen, was einen positiven Effekt hat. Wichtig ist, sich vorab damit auseinanderzusetzen, was mögliche Stressoren sein können und Strategien an der Hand zu haben, diesen etwas entgegensetzen zu können. Wenn ich weiß, dass volle Zuschauerränge mich als Sportler eher verunsichern, wäre es hilfreich, sich mit Techniken zu beschäftigen, die einen dabei unterstützen, bei der eigenen Wahrnehmung in erster Linie bei sich zu bleiben und wenig im Außenbereich zu sein.

Die Auseinandersetzung mit dieser Thematik hilft, die hohe Nervosität zu regulieren. Hier mal ein Positivbeispiel einer fiktiven Athletin, die ein volles Stadion eher unruhig machen: Das Wissen darüber, dass endlich mal die ganze Familie auf der Tribüne sein wird, denen das Ergebnis erst einmal völlig egal ist, die einfach sehen wollen, wie ich als SportlerIn meiner Leidenschaft nachgehe und so oder so stolz sein werden, kann die vielen anderen Zuschauer relativieren.

Antwort von Prof. Dr. Oliver Stoll (zum Profil):

Ob „Heim-Event“ oder “Auswärts-Event” – das sollte eigentlich egal sein. Die Vorbereitung ist natürlich abhängig von trainingswissenschaftlicher Periodisierung und die damit verbundene mentale Vorbereitung. Ein super Beispiel bietet die enge Taktung der Leichtathletik-WM 2022 und der Europameisterschaften keinen Monat später. Wie schon erwähnt,  die Vorbereitung auf ein Top-Event sollte sich nicht unterscheiden – wenn es dann eben um den Saison-Höhepunkt geht und dies sollte, um im Beispiel zu bleiben, ja eigentlich die Weltmeisterschaft sein. Die fand nun drei Wochen vor der Europameisterschaft der Leichtathleten statt – trainingswissenschaftlich aus meiner Sicht nicht wirklich lösbar und dann sind natürlich auch die kritischen Anmerkungen zum vermeintlichen Scheitern in Eugene/USA und das grandiose Auftreten der Athlet*innen in München nachvollziehbar. Aber, um auf die Frage zurückzukommen: Ob Heim-Event oder Auswärts-Event – die Vorbereitungen sind natürlich immer individualisiert, sollten sich aber aus sportpsychologischer Sicht nicht wirklich unterscheiden. 

Wie kann eine optimale Vorbereitung auf ein Heim-Event aussehen?

Prof. Dr. René Paasch

Antwort von Prof. Dr. René Paasch (zum Profil):

Ein sportliches Großereignis verlangt eine aufwändige Vorbereitung jedes Einzelnen, des gesamten Teams sowie infrastrukturell. Damit ein Heim-Event ein Fest wird und positive Effekte für die Athleten*innen/Teams aufzeigen und das ganze Land das Event genießen kann, müssen alle an einem Strang ziehen und entsprechend auftreten. Doch stellt es auch den Gastgeber vor wichtige Herausforderungen. Beispielsweise für die Fußball Euro 24 verfolgt Philipp Lahm und sein Team einige Initiativen, die über den sportlichen Wettbewerb hinausgehen. So haben sie ein Netzwerk für den Amateur- und Kinderfußball ins Leben gerufen. Somit sollen die Vereine an der Basis Unterstützung erhalten, damit sie die Leute für das Ehrenamt begeistern und ihre Mitgliederzahlen verbessern können, wie dies nach dem Sommermärchen 2006 erzielt werden konnte. 

Ähnliches erkennen wir auch in anderen Sportarten. Schauen wir uns ein wenig das Team an. Eine optimale Vorbereitung für ein Team ist sicherlich auch die Verbesserung der Kommunikation und das Führungsverhalten auf allen Ebenen. Wo Sportler*innen, Trainer*innen und viele weitere Akteure miteinander zu tun haben, spielen Interaktion und Austausch eine zentrale Rolle. Wie eine respektvolle und wertschätzende Haltung gegenüber den Mannschaftskollegen, aktives Zuhören und Nachfassen, Fehler offen ansprechen und lösungsorientiert darauf eingehen. Auch die Athletik, die Ernährung, der Schlaf und die mentale Verfassung sind weitere wichtige Kriterien. Auch die ärztliche und physiotherapeutische Begleitung während eines Events sind von großer Bedeutung. Zu erwähnen wäre die folgende Situation bei der WM 2014. In der 109. Minute verletzt sich Mittelfeldspieler Bastian Schweinsteiger bei einem Zweikampf unter dem rechten Auge. Der blutige Cut wird am Spielfeldrand behandelt; drei Minuten später ist Schweinsteiger wieder auf dem Platz. Es gibt zahlreiche Beispiele aus verschiedenen Sportarten, die zeigen, wie wertvoll das Team hinter dem Team ist. Diese Anregungen erheben nicht Anspruch auf Vollständigkeit. Sie dienen lediglich dazu, einen groben Überblick zu geben, welche Themen eine Rolle spielen könnten.

 

Christian Hoverath

Antwort von Christian Hoverath (zum Profil):

Um optimal vorbereitet zu sein, kann der Austragungsort mit in die Vorbereitung einfließen. Dies ist allerdings unabhängig davon, ob es ein Heim- oder Nicht-Heim-Event ist. Sportler, die mit den Wettkampfstätten vertraut sind und die Besonderheiten kennen (Bodenbeläge, Lichtverhältnisse, klimatische Bedingungen, etc.) können diese Faktoren mit in ihre spezifische Vorbereitung einfließen lassen und sowohl mit dem Trainerstab als auch dem Sportpsychologen vorbereiten.

In der mentalen Vorbereitung lohnt es sich, dem Faktor Heim-/Nicht-Heim-Event Aufmerksamkeit zu schenken. Für manchen Sportler mag es Druck bedeuten, vor der heimischen Kulisse zu starten. Dann gilt es, Strategien für dieses Empfinden zu erarbeiten. Dies kann eine Umdeutung sein oder auch ein Konzentrationstraining zum Ausblenden dieser Gedanken, die Erarbeitung von Alternativplänen oder einem Fehlermanagement. Für andere mag es beflügelnd wirken, die Zuschauer im Rücken zu wissen. Wichtig ist es, individuell auf die Bedürfnisse der Sportler*innen einzugehen und passgenaue Lösungen zu finden. Richtig vorbereitet kann und soll der Austragungsort unterstützen, eine gute Leistung zu bringen.

Viele Sportler und Sportlerinnen berichten bei der Heim-EM, dass sie von den Zuschauern getragen werden. Wie funktioniert das – wie lassen sich externe Einflüsse wie jubelnde Fans für die eigene Leistungsfähigkeit nutzbar machen?

Prof. Dr. Oliver Stoll

Antwort von Prof. Dr. Oliver Stoll (zum Profil):

Während des Rennens bekommen die Athlet*innen normalerweise nichts vom Umfeld (Zuschauer etc.)  mit. Sie sind  “im Tunnel”. Darauf bereiten sich die Sportler*innen auch vor.  Der eigentlich positive Effekt zeigt sich ggf. unmittelbar und nach dem Rennen, wenn es dann erfolgreich verlaufen ist. Die Freude und die positiven Emotionen, die Athlet*innen natürlich antizipieren, können dann auch positive Wirkungen auf den Selbstwert und auf das Stresserleben haben. 

Antwort von Prof. Dr. René Paasch (zum Profil):

Die bekannteste Methode zur positiven Einwirkung auf die Leistungen der eigenen Mannschaft und Spieler bei einem Heim-Event ist das Anfeuern durch Klatschen und Gesänge, die Stimmung außerhalb der Stadien, wohingegen das Auspfeifen, das Beschimpfen oder das Entmutigen zentrale Verhaltensweisen zur negativen Beeinflussung der Leistung  darstellen. Ob diese Verhaltensweisen ihren gewünschten Effekt bei allen Spielern*innen erzielen, wird weiterhin kontrovers diskutiert. Die Wissenschaft kommt zu keinem allgemeingültigen Urteil. So findet Strauß (1999,132ff) zusammenfassende Nachweise, sowohl für einen leistungssteigernden, als auch für einen leistungsmindernden oder überhaupt keinen Zuschauereinfluss. Fangesänge können durchaus motivierend sein, aber auch zu Fehlern führen. Athleten*innen aus verschiedenen Sportarten berichten häufig von positiven Effekten seitens der Zuschauer und der tragenden Euphorie im eigenen Land. Dennoch möchte ich auf einen wichtigen Punkt hinweisen: Leistungsorientierte Teams sowie Leistungssportler*innen können diese Bedingungen nahezu ausblenden. Sie sind von ihren Vereinen oder Trainern inzwischen so gut geschult, dass sie äußere Einflüsse ignorieren können sollten.

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Frage und Antwort: Wenn das Comeback zu scheitern droht

Nach sechs Jahren Pause will ein ambitionierter Tennisspieler zurück auf den Court. Die sportliche Laufbahn musste wegen des Studiums hinten anstehen. Auf seinem Weg zurück und nach ersten Problemen wendet sich nun dieser Tennisspieler an uns, an Die Sportpsychologen. Über unser “Frage und Antwort”-Formular (findest du unter dem Text) öffnet sich der Tennisspieler, dessen Namen wir anonym behandeln, und sucht nach Unterstützung. Drei unserer Experten zeigen auf, welche Lösungsansätze in solchen Situationen erfolgversprechend sein können.

Zum Thema: Tipps für den Weg zurück zu neuen Erfolgen   

Die konkrete Anfrage lautet: Ich hatte durch mein Studium sechs Jahre Pause und bin jetzt wieder richtig eingestiegen. Ich verliere gegen Gegner, die ich damals geschlagen habe und bin technisch oft wesentlich besser.

Die Frage: Ich würde so gerne wieder auf mein altes Leistungslevel kommen und meine Sicherheit wieder finden. Aber generell schwankt meine Leistung sehr und ich bekomme sie nicht wirklich konstant. Technisch ist es eher nicht das Problem, aber der Kopf macht mich fertig. Ich will am Anfang schon keine Fehler machen und erst einmal locker ins Spiel kommen. Aber das bewirkt natürlich genau das Gegenteil. Das weiß ich auch, kann es aber nicht durchbrechen/abstellen. Ich habe trotzdem Angst, Fehler zu machen und bin nicht wirklich frei. Wie befreie ich mich davon? Wie bekomme ich das auf eine konstante Schiene? Wie verbessere ich mich da langfristig, ohne wieder in so ein riesiges Loch zu fallen?

Andreas Meyer

Antwort von: Andreas Meyer (zum Profil)

Hallo Nxxx, 

dein Fokus ist sehr lageorientiert (das heißt, du denkst viel über Fehler und Konsequenzen nach), du willst keine Fehler machen. Ich denke, es bringt dich weiter, wenn du zurück zu deiner Handlung kommst. Dafür können verschiedene Tools hilfreich sein. Zum Beispiel die Entwicklung einer Vorwettkampfroutine, ein Handlungsplan oder die Auseinandersetzung mit Attribuierungsstilen (die Frage danach, wie du Dinge während des Wettkampfs bewertest…dazu gehören auch Fehler).

Ich wünsche dir viel Erfolg und wenn du Hilfe dabei brauchst, kannst du dich gern bei meinen Kollegen und Kolleginnen oder mir melden.

Beste Grüße, Andreas 

Thorsten Loch

Antwort von: Thorsten Loch (zum Profil)

Hallo Nxxx, 

aus der Ferne ist es natürlich schwer zu beurteilen und man müsste im Detail klären, was mit dir in den jeweiligen Situationen passiert (physiologisch/mental/im Verhalten). Spontan fällt mir als “Blitzlicht” Anspruch und Realität ein. Betrachte deine Situation mal aus einem anderen Blickwinkel; zum Beispiel aus der Sicht eines guten Freundes. 

Du hast sechs Jahre nicht konstant trainiert und verlangst nach kurzer Zeit von dir, ein ähnliches Niveau zu erreichen wie vor deiner Tennis-Pause. Dies ist sehr unwahrscheinlich und damit wertest du dich immer (selbst) ab. Selbst wenn du eine sehr gute Trainingsleistung erbringst und du diese immer mit dem Niveau vor deiner Pause vergleichst, hast du immer dein „Downgrade“. Dieser Anspruch lässt dich in einem Match nicht befreit aufspielen. Eher verkrampfst du und deine Bewegungen werden unrund und somit erhöht sich die Fehlerhäufigkeit. Ein “zu sehr/unbedingtes Wollen” ist in dieser Situation nicht handlungsdienlich, sondern verschlimmert eher dein Spiel. 

Tipp: Gib dir Zeit und schaue auf deine Erfolge. Was klappt gut? Wie hast du dich geschlagen usw.? Eine Empfehlung von mir ist, dass du dir ein kleines Dankbarkeitstagebuch erstellst. Notiere dir nach jeder Einheit oder jedem Match mindestens drei Dinge, welche funktioniert haben (unabhängig von dem Ergebnis). So richtest du deine Sicht wieder mehr auf deine eigenen Fähigkeiten und Fertigkeiten. 

Jan van der Koelen

Antwort von: Jan van der Koelen (zum Profil)

Lieber Nxxx, 

erst einmal ist es schön, dass du nach sechs Jahren Studium wieder richtig im Tennis eingestiegen bist. Es scheint, als wärst du ein zielorientierter Mensch mit klarer Priorisierung und hast dazu auch die Fähigkeit, den Fokus auf ein erfolgreiches Ergebnis, wie dem Studienabschluss, zu lenken. Das lässt sich sicherlich auch für deine nächste Herausforderung im Sport nutzen! 

Bevor ich dazu komme, möchte ich dich fragen, wozu du der Nxxx von vor sechs Jahren sein möchtest? Wer bist du heute und was zeichnet dich heute mit deiner zusätzlich gewonnenen Erfahrung aus? Welche Art von Tennisspieler möchtest du heute sein?

Sicherlich wirst du dich nicht nur körperlich verändert haben, sondern auch deine Art zu denken, zu spüren und zu handeln wird eine andere sein, wodurch dir heute vieles gelingt, was vor sechs Jahren unmöglich erschien.

Du schreibst davon, dass dein Kopf dich fertig macht. Der „einfachste“ Weg zur Veränderung im Kopf ist es, die Situation anzunehmen. Wenn ich dir etwas mitgeben darf, dann akzeptiere im ersten Schritt den jetzigen Stand mit all den Unsicherheiten im Spiel. Im Sinne von „Es ist, wie es ist und ich nutze die Gelegenheit für mich“.

Angst zu haben, ist etwas ganz Normales im Leben und natürlich auch insbesondere im Sport. Wenn dir etwas von hoher Bedeutung ist, kann dir der Gedanke, zu versagen oder vielleicht sogar dich zu blamieren, Angst machen. Die Angst ist, wie du weißt, keine Motivation, sondern eine Blockade, die dich daran hindert, dein volles Leistungspotential und deine Sicherheit im Spiel abzurufen.

Sei dir gewiss, dass einfach jeder Mensch Fehler macht. Der Sportler, der sich diese auch erlaubt und eingesteht, ist im Stande daran zu arbeiten und kann lernen, die Angst für sich positiv umzudeuten. 

Hierzu sind die o.g. Fragen hilfreich und zusätzlich auch z.B. Atemtechniken, um zum einen deine Gedanken zu kontrollieren und zum anderen auch um den Puls zu regulieren, sodass du in deinem optimalen Erregungszustand kommst, um deine Sicherheit im Spiel zu fühlen. Dadurch kannst du in den Fokus gelangen, der dir auch im Studium geholfen hat. Sobald du gedanklich aufhörst, dagegen zu sein, erzeugst du selbst keinen innerlichen Gegendruck mehr, sondern öffnest einen Raum für Veränderung und Neues. Als Merksatz dient hierbei: „Druck erzeugt Gegendruck“.

Stell dir im zweiten Schritt gerne noch die Frage, was deine drei bis fünf Gründe sind, warum du Tennis spielst? Wozu spielst du Tennis, um was zu erleben und zu spüren? Lenke, insbesondere vor Beginn und am Anfang des Matches, deine Aufmerksamkeit darauf. Rein kognitiv weißt du, dass Formulierungen, wie „keine Fehler machen“ nicht hilfreich sind. Fokussiere demnach eher ins „Stattdessen“, also auf deine Gründe, wozu du Tennis spielst und richte dabei stets den Blick auf gelungene Momente.

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Deine Frage?

Wir von Die Sportpsychologen sind für dich da. Und weil wir wissen, dass manchmal eine kleine Schwelle im Weg steht, Kontakt zu einem “Psychologen”, einer “Psychologin” oder einer/einem “MentaltrainerIn” zu suchen, machen wir einen Schritt auf dich zu. Wenn du also auch eine Frage an uns loswerden möchtest, dann nutz dafür das folgende Formular.

    Wichtig zu wissen: Manche Fragen und deren Antworten veröffentlichen wir nicht. Wir treten dann mit den jeweiligen FragestellerInnen persönlich in Kontakt. Dies behalten wir uns für Fälle vor, in denen die Anonymität nicht gewährleistet werden kann oder das angestoßene Thema besser im geschützten Raum besprochen wird. Zudem gilt: Unsere Antworten können nicht mehr als Anstösse liefern. Anstösse, von denen du als Leser oder Leserin ableiten kannst, wie wir von Die Sportpsychologen ticken und was wir so machen.

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    Dr. Christian Zepp: “Um die Qualität hochzuhalten, braucht es internationalen Austausch”

    Wer hat in den vergangenen Monaten im Netz nicht das verheißungsvolle Format „Virtual Applied Sport Psychology Summit“ wahrgenommen? Aber was steckt dahinter? An wen richten sich die digitalen Events konkret? Und wie soll das Online-Angebot die angewandte Sportpsychologie und die Forschung auf neuen Wegen weiterbringen? Dies haben wir Dr. Christian Zepp gefragt, den Mann hinter der Buchstabenkombination VASPS und Macher des innovativen Digitalprojekts.

    Dr. Christian Zepp, was gibt dein Eventformat „Virtual Applied Sport Psychology Summit“ der Sportpsychologie, das bislang fehlte?

    Ich bin der Überzeugung, dass mit dem Eventformat „Virtual Applied Sport Psychology Summit“ eine internationale, interaktive und gleichzeitig flexible Verknüpfung von Wissen und Erfahrungen von in der Sportpsychologie tätigen Personen erreicht werden kann. Der regelmäßige und auch internationale Austausch zwischen sportpsychologischen Expertinnen ist meiner Meinung nach notwendig, um die Qualität in der Arbeit für unsere Klient:innen so hoch wie möglich halten zu können. Dieser internationale Austausch ist aber meist nur auf Kongressen und Tagungen möglich, die sowohl zeit- als auch kostenintensiv sind, wenn man sich einmal An- und Abreise, Übernachtungen, Verpflegung und Tagungsgebühren anschaut. Da kommen für eine Teilnahme an der AASP Conference in den USA schnell 2.000 EUR zusammen – zusätzlich zum Zeitaufwand. Der Vorteil von virtuellen Angeboten ist, dass man von allen Orten auf der Welt daran teilnehmen kann und so örtlich und zeitlich flexibel bleibt – und auch einmal in einer freien Stunde einem aufgezeichneten Vortrag oder Workshop lauschen kann. Gleichzeitig ist aber ja auch klar, dass der persönliche Kontakt zwischen den Menschen (auf Tagungen und auch sonst) sehr wichtig ist – und dieser persönliche Austausch kann, wenn überhaupt, teils nur schwer in virtuellen Formaten erreicht werden. 

    Welche Potentiale verbindest du speziell mit dem Austausch zwischen ExpertInnen aus aller Welt?

    Ich bin der Überzeugung, dass über eine starke internationale Vernetzung jede:r einzelne sportpsychologische Expert:in und Sportpsycholog:in für die eigene Tätigkeit profitiert, wodurch in Konsequenz die Klient:innen profitieren und sich die Sportpsychologie als Profession weiterentwickeln kann. Dies wird zwar selbstverständlich auch über die verschiedenen wissenschaftlichen Publikationen erreicht, aber meine Erfahrung ist mit VASPS dann doch in letzter Zeit geworden, dass vielen angewandt arbeitenden Kolleg:innen national wie international häufig die Zeit und Gelegenheit fehlt, entweder selber zu publizieren oder sich auch regelmäßig und intensiv mit den aktuellsten Publikationen zu beschäftigen. VASPS und VSP mit seinen verschiedenen Angeboten versucht diese Lücke dann als eine mögliche Brücke zu schließen. 

    Wie wird sich aus deiner Sicht die angewandte sportpsychologische Arbeit in den kommenden Jahren verändern und worauf sollten wir alle im Feld diesbezüglich achten? 

    Ich habe hierzu zwei Gedanken. Erstens denke ich, dass an vielen Stellen versucht werden wird, noch mehr Technologie und Apps in verschiedenen Formen zu nutzen. Insgesamt können diese neuen technologischen Angebote auch einigen Athlet:innen weiterhelfen. Gleichzeitig bin ich jedoch überzeugt, dass wir bei allem Fokus auf Technologie das Wichtigste in der Arbeit mit unseren Klient:innen nicht vergessen dürfen: den Menschen. Alle Technologie – und da schließe ich die verschiedenen VSP Angebote mit ein – funktioniert nicht, wenn der Kontakt und die Beziehung zum Menschen nicht vorhanden sind. Daher bin ich der Überzeugung, dass wir uns in der Profession gerade in der Ausbildung neuer angewandt arbeitenden Personen u.a. auch verstärkt auf die Vermittlung von inneren Haltungen in der Arbeit mit Menschen konzentrieren sollten. Der zweite Punkt bezieht sich unmittelbar auf die Zahl der in der angewandten Sportpsychologie arbeitenden Menschen: Die Zahl der Absolvent:innen verschiedener Ausbildungsstränge werden immer größer – gleichzeitig bleibt das Stellenangebot nahezu gleich. Ich habe die Befürchtung an einigen Stellen, dass das zu einer größeren Konkurrenz und vielleicht auch Missgunst zwischen den sportpsychologischen Expert:innen und Sportpsycholog:innen in Deutschland führt, oder zumindest führen kann. In diesem Klima werden dann Best oder Worst Practices, Workshoppläne oder andere Informationen nicht mehr geteilt, um selbst einen Vorteil den anderen gegenüber zu haben. Ich bin der festen Überzeugung, dass wir nicht nur eine ethisch Verantwortung für die Athlet:innen, Trainer:innen sowie Vereine und Verbände, sondern auch für die Profession der Sportpsychologie haben. Dieser Verantwortung können wir aber meiner Meinung nach nur gerecht werden, wenn wir die Sportpsychologie gemeinsam weiterentwickeln und teilen was wir wissen und erlebt haben, damit andere davon profitieren und vielleicht nicht die gleichen Fehler machen wie wir. In Summe: es geht nur gemeinsam mit anderen Menschen für andere Menschen. 

    Link zur Homepage: https://www.virtualsportpsych.com

    Bilder: Christian Zepp (c) Matthias Groppe, Christian Zepp (c) Corinna Cramer

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    Prof. Dr. Jana Strahler: “Wir wollen wissen, welche Fortbildungsangebote gebraucht werden”

    Im Programm der asp Tagung 2022 in Münster ging dieser Punkt unter. Am Rande der jährlichen Tagung der Arbeitsgemeinschaft für Sportpsychologie hat sich eine Arbeitsgruppe erstmalig getroffen, die zukünftig im Bereich Gesundheitssport neue Wege gehen will. Wir haben dazu mit asp-Vize Präsidentin Prof. Dr. Jana Strahler gesprochen.

    Prof. Dr. Jana Strahler, im asp-Vorstand verantwortest du als Vize-Präsidentin den Bereich Gesundheitssport. Warum ist genau dieser Arbeitsbereich im sportpsychologischen Kontext so wichtig und wird dennoch nur allzu gern übersehen?

    Bewegungsarmut und ein hohes Maß an Sitzzeit sind heutzutage mit die wichtigsten Risikofaktoren für verschiedene körperliche und psychische Erkrankungen: Übergewicht, Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Beschwerden und Schmerzen im Muskel-Skelett-System aber auch Schlafstörungen oder depressive Störungen. Das ist nicht nur mit persönlichem Leid verbunden sondern bedeutet auch gesamtgesellschaftlich einen hohen Kostenfaktor.

    Sport bzw. allgemein Bewegung und ein aktiver Lebensstil fördern die Gesundheit. Menschen, die sich regelmäßig körperlich-sportlich bewegen, das zeigt die Forschung, sind körperlich und psychisch gesünder. Gesundheitssport bringt Menschen in Bewegung und verfolgt das Ziel, die individuelle Leistungsfähigkeit zu erhalten und zu verbessern.

    Ziel des Bereichs Gesundheit innerhalb der asp ist es u.a. die Forschung zu bewegungsbezogener Prävention und Gesundheitsförderung zu unterstützen. 

    Wie gestaltest du deine Arbeit im asp-Vorstand und welche Rolle spielt dabei die Arbeitsgruppe, die kürzlich formiert wurde?

    Im asp-Vorstand haben wir seit längerer Zeit die Idee, unsere Forschungs- und Transferaktivitäten im Bereich der sportpsychologischen Fragen von Gesundheit stärker zu koordinieren. Hierzu haben wir die verschiedenen gesundheitsorientierten Arbeitsgruppen unter den asp-Mitgliedern zu einer „Interessengruppe: Sportpsychologie und Gesundheit“ eingeladen. Im Rahmen der diesjährigen asp-Tagung in Münster fand ein erstes Vernetzungstreffen statt, was neben dem breiten Interesse unserer Mitglieder auch den Wunsch zu Vernetzung, Koordination von sinnvollen Forschungs- und Transferfeldern bzw. Weiterbildungsangeboten, das Ziel einer stärkeren Positionierung der Sportpsychologie bei nationalen und internationalen Bemühungen deutlich gemacht hat. Wir koordinieren hier nun die nächsten Schritte.

    Welche konkrete Ziele verfolgst du in den kommenden Monaten oder Jahren und wie können SportpsychologInnen, SportlerInnen, TrainerInnen oder andere dir dabei helfen?   

    Als Ressort Gesundheit setzen wir uns dafür ein, dass die sich asp als Repräsentation sowohl der angewandt arbeitenden Sportpsycholog:innen und als Verband aller Teildisziplinen (Gesundheitssport, Spitzensport, Rehasport, Schulsport etc.) versteht. Unser erster Schritt dahin ist die Gründung der Interessengruppe. Weiteres Ziel sind der Ausbau und Erweiterung der Curricula im Bereich Gesundheitspsychologie – hier rufen wir auf, Ideen beizusteuern bspw. welche Weiterbildungsangebote gewünscht sind. Darüber hinaus etablieren wir ein umfassenden Expert:innen-Datenbank, die der Vernetzung nach „innen“ und „außen“ dient, also zu wichtigen Stakeholdern wie Krankenkassen oder in die Politik. Darüber hinaus streben wir die Zusammenarbeit mit weiteren Verbänden an, zu denen wir deutliche Interessenschnittmengen haben, wie beispielsweise der AG Sportpsychiatrie innerhalb der Deutschen Gesellschaft für Kinder und Jugendpsychiatrie.

    Kontakt zur asp: Vorstand

    Foto: Silvia Wolf Fotografie

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    Felix Pik: “Im Unbekannten liegen oft verborgene Schätze”

    Früher war die Welt für Sportpsychologen und Sportpsychologinnen vergleichsweise einfach: In der Kabine gab es einen Tipp von einem Mitspieler oder einer Mannschaftskollegin. Oder aus dem Trainerteam. Und dann wurde derjenige oder diejenige eben angerufen oder kontaktiert. Heute wollen SportlerInnen vor dem Erstkontakt möglichst viel über die Experten und Expertinnen erfahren. Ein gutes Mittel – zum Beispiel neben einem Profil bei Die Sportpsychologen (mehr Infos) – sind Podcasts. Wir haben uns mit Felix Pik, dem Macher des „SportPsych Radios“ über das auch in der Sportpsychologie beliebte Medium Podcast unterhalten.

    Felix Pik, warum sind Podcast aus deiner Sicht ein ideales Mittel, um sportpsychologische Inhalte zu relevanten Zielgruppen zu transportieren? 

    Podcasts sind ein leicht zugänglicher, kostengünstiger Weg, um in sportpsychologische Themen einzusteigen. Ich glaube, dass Podcasts oft nicht nur zur Wissensvermittlung konsumiert werden, sondern auch eine Unterhaltungsfunktion erfüllen. Sie werden meist “nebenbei” gehört, bei der Busfahrt oder beim Aufräumen. Andere Medien, wie z.B. Blogeinträge oder Bücher erfordern viel mehr Aufmerksamkeit. Und außerdem funktioniert Sportpsychologie aus meiner Sicht besonders gut als Kommunikationsprozess von Mensch zu Mensch. Die Stimme eines*r Expert*in oder erfahrenen Sportler*in vermittelt so viel mehr als ein schwarz-weißer Text: Klingt die Person für mich sympathisch? Ist sie sicher in dem, was sie sagt? Kann ich ihr vertrauen? Emotionen, nachdenkliche Sprechpausen, das direkte Ansprechen der Hörer*innen – all das macht Podcasts unverwechselbar.

    In den vergangenen zwei, drei Jahren hat es geradezu einen Boom an Sportpsychologie-Podcasts gegeben. Welches Alleinstellungsmerkmal hast du mit deinem Podcast-Projekt „SportPsych Radio“ und glaubst du, dass es auch ein zu viel an Anbietern geben kann?

    Für einen guten Podcast ist immer Platz. Es wird mit steigendem Angebot nur immer schwieriger für die Hörer*innen, den richtigen Podcast für sich selbst zu finden. Es ist wie mit einer großen Bibliothek: Ob man das richtige Buch ausgeliehen hat, weiß man erst, wenn man es liest.

    Bei SportPsych Radio war es mir ein Anliegen, besonders auch über Randsportarten wie z.B. Voltigieren, Rudern oder Apnoetauchen zu sprechen. Im Unbekannten liegen oft verborgene Schätze.

    Zum Schluss noch ein Tipp aus der Praxis: Was muss ein neuer Podcast zum Thema Sportpsychologie können oder machen, um noch ausreichend SportlerInnenohren zu erreichen? 

    Gegenfrage: Was sind “ausreichend SportlerInnenohren”? Man muss an die Hörer*innen denken, die den Play-Button ins Ungewisse drücken: Als Podcaster*in ist man für einige Zeit Teil ihres Lebens. Es ist unsere Verantwortung, diese Zeit mit einem inhaltlichen und unterhaltsamen Mehrwert zu füllen. Außerdem glaube ich, dass die Audioqualität für einen guten Podcast wichtiger ist, als Manche vermuten mögen.

    Zum Podcast: http://www.pikperformance.com/sportpsychologie-podcast.html

    Foto: © Radio Event GmbH

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    Violetta Oblinger-Peters: “Inzwischen reise ich mit meinen AthletInnen virtuell immer mit”

    Zwei Leben in einem. Nach der sportlichen Karriere mit Medaillen bei Olympischen Spielen, Welt- und Europameisterschaften, ist die frühere Kanu-Slalom-Athletin Violetta Oblinger-Peters nun in der Sportpsychologie durchgestartet. Im Jahr 2022 hat sie den Erwin-Hahn-Studienpreis der asp gewonnen. Neben ihrer wissenschaftlichen Arbeit betreut die geborene Schwerterin auch zahlreiche Sportler und Sportlerinnen. Inwiefern sich die Betreuungsarbeit durch Corona verändert hat, erklärt sie uns im Interview.

    Violetta Oblinger-Peters, du hast eine viel diskutierte und nicht zuletzt ausgezeichnete Arbeit über Psychohygiene von Sportpsychologen in der Corona Pandemie geschrieben. Kurz zusammengefasst, welche Herausforderungen haben die Zeit denn für Kollegen und Kolleginnen so besonders gemacht?

    In meiner qualitativen Interviewstudie ging es ganz allgemein darum, wie sportpsychologische ExpertInnen ihre Betreuungsarbeit seit Beginn der Pandemie wahrnehmen. Dabei hat sich gezeigt, dass private und berufliche Lebensbereiche sehr stark ineinander übergegangen und die Grenzen verschwommen sind, wodurch sich verschiedene Herausforderungen für die SportpsychologInnen ergeben haben. Beispielsweise wurde es als große Belastung empfunden den KlientInnen im digitalen Raum Verschwiegenheit zuzusichern, wenn z.T. aus privaten Wohnräumen in Anwesenheit der eigenen Familie beraten musste. 

    COVID hat auch dazu geführt, dass sportpsychologische ExpertInnen ihre eigene Arbeitshaltung und Beratungsphilosophie hinterfragt und überprüft haben. Dabei haben sich interessanterweise alle Befragten bestätigt gefühlt ihren eingeschlagenen Weg (z.B. eine systemische Beratungspraxis) weiterführen zu wollen. Zu Beginn der Pandemie herrschte bei fast allen Befragten eine große Unsicherheit darüber, wie proaktiv sie Kontakt zu ihren KlientInnen halten sollten. Während einige sehr schnell aktive Angebote machten, zogen andere sich zunächst zurück und warteten ab, bis die KlientInnen von sich aus Kontakt aufnahmen. 

    Konsens bestand in der Erfahrung, dass im Anfangsstadium der Pandemie im Frühjahr 2020 keine (verstärkte) Nachfrage an sportpsychologischer Beratung bestand sondern es im Gegenteil sehr ruhig wurde. Erst viel später, im Winter/ Frühjahr 2021 änderte sich diese Grundstimmung ihrer Erfahrung nach, als die KlientInnen der Situation überdrüssig wurden. Diese akkumulierte Pandemie-Müdigkeit wurde von den ExpertInnen selbst geteilt, denn sie waren die Situation, nur digital beraten und eingeschränkt im Training und Wettkampf begleiten zu können, satt. Wesentliche Charakteristika ihrer Betreuungsarbeit im Spitzensport wie beispielsweise das Mitreisen, der regelmäßige Kontakt zu AthletInnen, die informellen Gespräche mit KollegInnen fielen weg. Ein Sportpsychologe schilderte im Interview, dass er einfach nur noch weg wollte vom Computer, wurde sehr emotional, weinte und rief: „Ich war es so leid! Einfach nur noch satt! Es war eine wirklich harte Zeit…“ 

    Die Interviews waren z.T. sehr gefühlsintensiv, was sehr deutlich zeigt, dass sportpsychologische BeraterInnen eben nicht nur als ExpertInnen sondern auch als Menschen durch diese Pandemie gegangen sind! Eine sehr wichtige Ableitung ist meiner Meinung nach, dass Selbstfürsorge für effiziente und nachhaltige Betreuungs- und Beratungsarbeit in der Sportpsychologie eine ethische Notwendigkeit und kein Luxus ist. Ohne Selbstfürsorge als Fundament wird die Fürsorge anderer unmöglich: You can’t pour from an empty cup!

    Mal ganz persönlich: Mit welcher Strategie bist du durch den bisherigen Pandemieverlauf gekommen und welches Rüstzeug hast du für dich für den Herbst schon parat gelegt?

    Ich bin mir bewusster geworden über das, was mir wirklich wichtig ist im Leben: Ich mache sehr regelmäßig Sport und lebe einen aktiven Lebensstil mit sehr viel Kontakt zur Natur. Alles, was irgendwie machbar ist, verlagere ich an die frische Luft, z.T. mache ich auch walk’n’talks an der frischen Luft mit meinen KlientInnen bzw. treffe sie digital draußen. Für mich ist in der Natur sein, die Luft zu riechen, tief mit jeder Zelle meines Körpers atmen zu können, reinste Selbstfürsorge. Außerdem versuche ich bewusst Zeit mit meiner Familie zu haben (auch wenn ich leider fast jedes Wochenende arbeite) – es sind die kleinen Minimomente im Alltag, die zählen.

    Seit Pandemiebeginn berate ich sehr viel digital, was von meinen KlientInnen sehr geschätzt wird, da der Kontakt sehr regelmäßig und von den Zeiten her flexibel möglich ist. Mittlerweile ist es Usus für sie mir von überall auf der Welt kurz ein Update zu geben. Da reise ich also virtuell immer mit!

    Du hast den Wechsel aus dem Spitzensport in die Wissenschaft gemeistert. In welcher Art und Weise gleichen sich denn die Disziplinen? Und was rätst du Sportlern und Sportlerinnen, die nach der Karriere in der Sportpsychologie, egal ob wissenschaftlich oder angewandt, durchstarten wollen?   

    Ich sehe tatsächlich sehr viele Parallelen in diesen beiden Domänen, denn das im Spitzensport dominante Leistungsnarrativ (performance narrative; Douglas & Carless, 2006), welches die vollkommene Aufopferung für den Sport verlangt und dabei andere Lebensbereiche/Identitäten verdrängt, herrscht meiner Meinung nach auch in der Wissenschaft vor. Es geht in der Forschung eben auch darum auf hohem Niveau schnell und beständig zu performen – nichts Neues also, wenn man aus dem Leistungssport kommt! 

    Raten würde ich an der Sportpsychologie Interessierten sehr breit zu lesen zu beginnen und dann eine gesunde Auswahl an Themen zu treffen, auf die sie sich spezialisieren wollen. Die Sportpsychologie ist ungemein vielfältig und gerade in den letzten Jahren haben sich etliche neue Forschungsfelder aufgetan. Da einen Überblick zu behalten und sich nicht zu verlaufen, wenn man an vielen verschiedenen Forschungssträngen/Diskursen interessiert ist, ist eine ziemliche Herausforderung.

    Für den angewandten Bereich gilt dies für mich ebenso: Es gibt tolle Artikel zu Fallstudien, aus denen man gerade zu Beginn viel lernen kann. Danach gilt es, sich darüber bewusst zu werden, welchem Beratungsansatz man folgen möchte und sich auf diesen zu spezialisieren.

    Was für mich allerdings ein großer Unterschied zwischen Athletin und Sportpsychologin sein ist, ist dass ich als helfende Profession „unsichtbar“ agiere. Es geht darum, meine KlientInnen bestmöglich in ihren Aufgaben und in ihrer Lebensführung zu unterstützen und dabei im Hintergrund zu arbeiten. Mir wurde nach Tokio von einem Klienten in dem Medien gedankt für die tolle Zusammenarbeit. Das hat mich wahnsinnig gefreut, weil ich es als enorme Wertschätzung empfunden habe, aber gleichzeitig auch sehr überrascht, denn ich erwarte mir gar keine öffentliche Aufmerksamkeit für meine Betreuungsarbeit. Wenn ich gute Arbeit leiste, dann melden es mir meine KlientInnen rück und evaluieren sie positiv. DAS ist vollkommen ausreichend und macht Lust auf mehr. Zu sehen, dass ich einen kleinen Beitrag dazu leisten kann, dass Menschen sich selbst besser kennen und verstehen lernen und sie auf vielfältigste Weise wachsen zu sehen, ist für mich ungemein faszinierend und macht mich gleichzeitig sehr demütig vor meinen KlientInnen und dem Leben ganz allgemein!

    Bildquelle: Violetta Obliber-Peters (Bild: Martin Pröll)

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