Frage und Antwort: Die Handbremse nach Verletzungen lösen

#Comebackstronger ist so ein Hashtag, der unter Sportlern und Sportlerinnen kräftig kursiert, wenn es irgendjemanden mal schlimmer erwischt hat. Die guten Wünsche kommen nicht von ungefähr. Denn Jede oder Jeder mit einer schweren Verletzung in der Vita weiß, wie schwer der Weg zurück sein kann. Gerade, wenn wir an die mentale Komponente der Bewältigung der Verletzung denken. Ein Riesenthema für die Sportpsychologie – auch wenn viele Sportler und Sportlerinnen diesbezüglich noch allzu oft zu viel mit sich ausmachen.

Zum Thema: Verletzungen im Sport

Im Rahmen unserer neuen Rubrik: “Du fragst, wir antworten” hat uns nun eine Frage genau zu diesem Thema erreicht. Gefragt hat ein erfolgreicher Kampfsportler aus dem Leistungssportbereich, der Jahre nach seiner Verletzung noch gewisse Schwierigkeiten hat. Schaut euch an, wie Anke Precht (zum Profil) und Klaus-Dieter Lübke Naberhaus (zum Profil) auf die folgende Anfrage geantwortet haben: 

“Bei unserer Disziplin Freestyle sind auch Saltos mit Schrauben gefordert. Ich habe früher diese Bewegungen immer leicht gemacht und hatte keine Probleme damit. Nachdem ich zwei Sprunggelenksverletzungen (2015 und 2016) hatte, habe ich mich zwar erfolgreich zurückgekämpft und weiter Erfolge gehabt, allerdings sind diese Schraubensaltos noch immer Elemente, die ich nur mit angezogener Handbremse schaffe. Ich habe sie teilweise gemacht und auch gut geschafft, aber ich spüre immer noch diese Handbremse und weiß, dass ich sie viel lockerer und sicherer könnte. Ich vermute, dass diese Handbremse immer noch eine unbewusste Angst ist, dass ich mich wieder verletze. Ironischerweise ist genau diese Handbremse das, was das Verletzungsrisiko erst erhöht. Ich habe auch viel mit Visualisierung gearbeitet, aber das war noch kein richtiger Game Changer.

Die Frage: Wie kann ich diese Handbremse lösen und meine alte Lockerheit von früher wiederfinden und die Bewegungen “einfach machen”?”

Anke Precht

Antwort von Anke Precht (Link zum Profil)

Verletzungen während des Sports können vom Gehirn traumatypisch verarbeitet werden. Das bedeutet: Speicherung im so genannten “heißen” Gedächtnis. Ziel: Weitere Verletzungen vermeiden, durch reflexartige Vermeidung all dessen, was dahin führen kann. Dadurch wird quasi automatisch das vermieden, was zu der Verletzung geführt hat. In Ihrem Fall die Schraubensaltos – selbst wenn sie körperlich beherrschbar wären und der Verstand weiß, dass sie mit größter Wahrscheinlichkeit gut ausgehen, dafür vielleicht sogar die Voraussetzungen verbessert wurden (zum Beispiel durch die physische Vorbereitung oder mentale Techniken, wie zum Beispiel das Imaginieren in Zeitlupe, besonders des sicheren Aufkommens und des dafür notwendigen Bewegungsablaufs), “bremst” der Körper automatisch ab. Hilfreich beim Lösen der Bremse sind in diesem Fall Techniken, die auch bei anderen Traumata wirksam sind. Einige Sportpsychologen (und ein Teil der Psychotherapeuten) beherrschen sie, es handelt sich dabei um körperorientierte Verfahren (weil die Bremse ja im Körper sitzt, nicht im Kopf) wie EMDR, EMI, Somatic Experiencing oder auch Methoden aus der Klopfakupunktur. Letztere kann man auch selbst anwenden. Dazu empfehle ich das Buch von Fred Gallo: Energetische Selbstbehandlung; Durch Meridianklopfen traumatische Erfahrungen heilen. Im Zweifel lohnt es sich bei einem solchen Thema aber, für zwei oder drei Termine den Spezialisten oder die Spezialistin aufzusuchen.

Klaus-Dieter Lübke Naberhaus

Antwort von Klaus-Dieter Lübke Naberhaus (Link zum Profil)

Grundsätzlich können wir davon ausgehen, dass alle größeren Verletzungen, die zu einer Einschränkung der Ausübung der Sporttätigkeit führen, oder zu einer längeren Pausierung, auch ein “psychisches” Trauma beinhalten. Dies ist gerade bei Erstverletzungen wahrscheinlich und vor allem bei sich wiederholenden Verletzungen, insbesondere derselben Körperregion und Struktur.

Dieses Thema ist dann jedoch sowohl ein körperliches als auch eine psychisches. Denn sowohl die körperlichen Strukturen sind nach der Verletzung verändert und brauchen eine Anpassung, wie auch die veränderte Muster im Bewußtsein und Vorbewußtsein.

Neben den von der Kollegin Precht schon aufgeführten Techniken zur Traumatherapie, sind neuroathletische Übungen hilfreich. Ergänzend kommen noch neben der reinen Technickimagination, die über formale Trancen induzierte Ressourcenaktivierung der Angstreduktion, ggf. Auflösung von entstandenen oder aktivierten Glaubenssätzen und das Erlernen der Selbsthypnose zur erhöhten Achtsamkeitsschulung und Entspannungsmöglichkeit hinzu.

Letztendlich sitzt die Bremse sowohl im Körper als auch im Kopf, wenn wir in dem Bild bleiben wollen und jeder Sportler muss den eigenen Zugang finden, um wieder in den funktionierenden Ablauf zurück zu kehren. Doch letztendlich gilt es wieder in eine selbstverständliche Lockerheit, manchmal auch als Flow bezeichnet, zu kommen.

Hierbei sind sicherlich Unterstützung durch erfahrene Begleitung für den ersten Zeitraum hilfreich.

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    Mathias Liebinghttps://www.torial.com/mathias.liebing

    Redaktionsleiter bei Die Sportpsychologen und freier Journalist

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