Es ranken sich einige Legenden darum, wo, wie und durch wen das High-Five seinen Weg in den Sport fand. Der erste dokumentierte Handschlag findet sich im Jahr 1977. Es ist der 2. Oktober im Dodgers Stadium in Los Angeles. Dusty Baker, ein Baseball-Spieler von den Los Angeles Dodgers, gelingt an diesem Tag ein Homerun im heimischen Stadion. Es war sein 30. Hit in dieser Saison, gleichbedeutend mit einem Rekord. Denn bis dahin hatte kein Team in den MLB vier Spieler hervorgebracht, die in einer Saison 30 Homeruns oder mehr geschafft hatten. Ein Eintrag in die Geschichtsbücher war sicher, jedoch schlug das folgende Schauspiel weitaus größere Wellen. Es war die Geburtsstunde des High Five – eine Geste, zu der es hoch interessante wissenschaftliche Ergebnisse gibt, die nicht nur Trainer kennen sollten.
Zum Thema: Wer sich mehr berührt, spielt erfolgreicher
Zurück zum 2. Oktober 1977, Dodgers Stadium in Los Angeles: Baker lief mit nach oben gestreckter Hand auf seinen Mitspieler Glenn Burke zu und dieser schlug mit seiner ein. Und der erste dokumentierte High-Five war geboren. Der Ursprung dieser Geste liegt im klassischen Händedruck. Selbst die Römer kannten ihn schon. Die offenen Hände seinem Gegenüber zu zeigen bedeutet: Ich bin unbewaffnet. Für die Sportler ist es das Abklatschen weitaus praktischer ein inniger Händedruck, weil sich dieser quasi im Vorbeigehen erledigen lässt, wie Glenn Burke später verriet:
„His hand was up in the air, and he was arching way back, so I reached up and hit his hand. It seemed like the thing to do.“
Klare wissenschaftliche Erkenntnisse
Wie wichtig das Abklatschen für die Sportler ist, konnte sogar in wissenschaftlichen Studien belegt werden. Forscher aus der Universität Berkeley haben gezeigt, dass Mannschaften, die öfter High-Fives miteinander austauschen, auch erfolgreicher sind (2010). Aber darauf kommen wir später noch einmal zu sprechen. In vielen Sportarten wie bspw. im Softball oder Basketball ist das Abklatschen nicht nur ein spontanes Ritual, sondern ist fest in den Ablauf der Sportinszenierung integriert. Wenn die Mannschaften auf das Feld kommen und sich die Spielerinnen untereinander abklatschen. Aber nicht nur zur „Begrüßung“ kommt der Handshake zum Einsatz. Wenn es darum geht, eine gelungene Aktion zu feiern oder jemanden nach einem Fehler wieder aufzumuntern, gibt es im Sport keine universellere Geste als das High Five.
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Auf jeden Fall tun es alle: Fussballer ebenso wie Softballer, und Leichtathleten genauso wie Badmintonspieler (insbesondere im Doppel). Genauso mannigfaltig wie die Nutzer, sind die Formen des High-Five: Es gibt das Low Five, den Fistbump, das Einander-an-die-Brust-Hüpfen, den Po-Klatscher, das High Ten, das Low Ten, den Patscher mit dem Football-Helm und natürlich zahllose Abwandlungen von all dem. Es ist die natürlichste Form des Jubels. Welche nutzt ihr?
Teams, die sich öfter abklatschen, sind erfolgreicher
Kommen wir aber noch einmal zurück zu der eingangs genannten These. Neben dem vermeintlichen „Coolness-Faktor“ hat es einen weiteren gewinnbringenden Vorteil wie Kraus und Kollegen nachweisen konnten. In ihren Untersuchungen analysierten sie, welchen Einfluss Berührungen während eines Spiels bei den Basketball-Teams in der Saison 2008/09 der NBA haben. In diesem Zusammenhang untersuchten sie jedes High-Five und jede Berührung aller 294 Spieler im ersten Saisonspiel. Sie kamen zu dem Ergebnis, dass die Mannschaften, welche sich öfter abklatschen, auch erfolgreicher sind. Sprich sie agieren kooperativer auf dem Feld und interagieren mehr miteinander als Teams, die nicht so erfolgreich sind.
Kraus et al. (2010) konnten hierbei ausschließen, dass sich gute Mannschaften nur deshalb mehr abklatschen, weil sie gerade auf der Gewinnerstraße waren. Um dies auszuschließen, bezogen sie die Statistiken zum Zusammenspiel und zur Korbvorlage mit ein, ebenso die höheren Erwartungen an die stärkeren Mannschaften. Mit dem verblüffenden Ergebnis: Wer sich mehr berührt, spielt erfolgreicher. Nach Kraus sind viele Berührungen keine direkte Ursache für einen Sieg, aber sie zeigen, wie es um das soziale Gefüge und Miteinander innerhalb der Mannschaft bestellt ist. Das „sich berühren“ ist ein Zeichen des Vertrauens. Dieses Vertrauen kommt nicht von ungefähr. Wir Menschen als bio-psycho-soziale Wesen kommunizieren über Berührungen. Sie geben uns ein Gefühl von Sicher- und Geborgenheit. Kurzum, wir sind für ein Leben ohne Körperkontakt nicht gemacht.
Fazit
Was von außen betrachtet auf den ersten Blick eher nach Quatsch oder Blödelei aussieht, hat es also in sich. Wir Menschen kommunizieren über Berührungen und geben uns somit ein Gefühl von Vertrauen und Sicherheit. Und dies gilt natürlich auch für den Sport. Wissenschaftler aus den USA um Kraus (2010) konnten zeigen, dass Teams, welche öfter mit High-Fives agieren, auch erfolgreicher sind. Wir können festhalten, dass dies eigentlich eine eigene kleine Kunstform ist, welche vor jedem Spiel, nach einem Punktgewinn oder anderen passenden Gelegenheiten vollzogen wird oder vollzogen werden sollte.
Was können Sie als Trainer tun? Forcieren sie das filigrane Handschlag-Schauspiel und lassen sie ihre Sportler diese in den verschiedensten Varianten zelebrieren (ohne dabei den Fairplay-Gedanken zu verlieren).
Kraus, M. W., Huang, C., & Keltner, D. (2010). Tactile communication, cooperation, and performance: An ethological study of the NBA, Emotion, 10, 745-749.
Aktive Sportler, Sportlerinnen und TrainerInnen informieren oder auf die Kundschaft warten, die sich vorab bestenfalls gut informiert hat? Vor dieser Frage steht die praktische Sportpsychologie seit Jahren oder sogar Jahrzehnten. Dr. Hanspeter Gubelmann und Prof. Dr. Oliver Stoll sind zwei wichtige Gesichter der Sportpsychologie in der Schweiz und in Deutschland – hinsichtlich der Art und Weise der sportpsychologischen Kunden- und KundInnenakquise sind sie sich aber nicht vollends einig.
Zum Thema: In welcher Form darf die Sportpsychologie öffentlich auf sich aufmerksam machen?
Prof. Dr. Oliver Stoll steht auf dem Standpunkt, dass das Klientel aus dem Sport mittlerweile alle Möglichkeiten hat, sich auch im Netz zum Thema Sportpsychologie zu informieren. Nicht zuletzt sieht er dabei auch die 2014 mit seiner Unterstützung gegründete Plattform Die Sportpsychologen als wichtiges Argument: “Ich weiß von vielen Sportlern, Sportlerinnen und TrainerInnen, dass sie bei uns auf der Seite lesen. Und das ist ganz wichtig, zum einen wegen der inhaltlichen Beschäftigung mit dem Thema und zum anderen, weil sie sich auf der Seite ja schon die Nase aussuchen können, die auf Basis der Texte und Veröffentlichungen zu ihnen passt.”
Das Kollegengespräch von Prof. Dr. Oliver Stoll und Dr. Hanspeter Gubelmann
Dr. Hanspeter Gubelmann geht einen kleinen aber wesentlichen Schritt weiter. Insbesondere, wenn er die Konkurrenz oder andere Märkte im Sport in Betracht nimmt. “Ich denke da zum Beispiel an die Fitnessbranche, deren Vertreter noch deutlich klarer und offensiver ihre Kundschaft ansprechen. In der Sportpsychologie verstecken wir uns aus meiner Sicht viel zu gern hinter unserem Berufsethos, der in seiner niedergeschriebenen Form einfach in die Jahre gekommen ist”, betont Dr. Gubelmann.
Digitalisierung und Klimaveränderung
Allen voran die fortschreitende Digitalisierung mache eine Novellierung der Berufsordnung zu einem dringlichen Vorhaben, so der Schweizer. Für Gubelmann sei dies ein wichtiges Anliegen, gerade mit Blick auf die junge und nachkommende Generation von Sportpsychologen und Sportpsychologinnen. An diesem Punkt sind sich Stoll und Gubelmann einig, auch wenn der Hallenser wesentliche Fortschritte betont: “Zu Anfang meiner praktischen Tätigkeit hieß es noch, dass ich mich gar nicht medial äußern dürfe. Heute ist das anders. Wir im Netzwerk Die Sportpsychologen agieren medial aktiv und einige sind, wie unser Kollege Prof. Dr. René Paasch, zu Gesichtern der Disziplin Sportpsychologie geworden.”
Für Gubelmann führt der zukünftige Weg der Sportpsychologie vermehrt über den Weg der Öffentlichkeit. Zumal der Schweizer auch auf Seiten der Sportler und Sportlerinnen Veränderungen feststellt, die Einfluss auf die Arbeitsrealität in der Sportpsychologie haben: “Die Offenheit im Sport ist viel grösser geworden, über Niederlagen, Ängste, Schwächen oder mentale Gesundheit zu sprechen. Und dies ist insofern besonders, weil es früher häufig hiess, dies sei schadhaft oder negativ für die Karriere der Sportler und Sportlerinnen.”
Hinweis:
Die Sportpsychologen bekommen im Jahr 2023 eine zusätzliche Schwesterseite, auf welcher der steigenden Nachfrage an sportpsychologischen Dienstleistungen ein optimierte Darstellung geboten werden wird. Das Angebot richtet sich an SportpsychologInnen, sportpsychologische ExpertInnen und qualifizierte MentaltrainerInnen. Interessiert? Dann meld dich hier für mehr Informationen.
In Deutschland war es die erste große positive Überraschung im Sportjahr 2023: Der Halbfinaleinzug von Gabriel Clemens bei der Darts-Weltmeisterschaft in London. Der Saarländer hat Millionen von sportbegeisterten Zuschauern am TV und im Stream mitgerissen und vor allem den Fokus auf seine Sportart gelegt. Die Sportart Darts, die seit einigen Jahren als Wettkampfsport boomt und über die wir aus sportpsychologischer Perspektive mehr wissen wollen. Insofern freuen wir uns über einen Insider, Experten und werdenden Sportpsychologen als Gesprächspartner: Jasper Thöle.
Jasper Thöle hat sein Bachelorstudium an der Deutschen Sporthochschule Köln absolviert. Der angehende Sportpsychologe ist derzeit in den letzten Zügen seines Masterstudiums an der BSP in Berlin und erforscht die psychologischen Mechanismen, die sich im wettkampforientierten Dartsport abspielen. Im Zuge einer Verletzung am Kreuzband, in der er seinen ursprünglichen Sport Fußball nicht mehr ausüben konnte, entwickelte er eine Faszination für das Spiel und ist seitdem selbst mit Leidenschaft dabei.
Jasper Thöle, in der Sportpsychologie wird oft die Fehlerquote beim Basketball-Freiwurf herangezogen, um die Auswirkungen von Druck zu erklären. Warum funktioniert dieses Bild mindestens genauso gut im Darts? Oder weshalb ist deine Sportart vielleicht sogar noch besser geeignet, die Wirkungskraft von Sportpsychologie zu zeigen?
Zuerst einmal ist jede Sportart anders konstruiert und hat unterschiedliche Gegebenheiten, in die sie eingebettet ist. Dadurch ergibt sich auch eine ganz eigene Wirkung, die das Spiel auf die Athleten hat, dennoch gibt es sicherlich Parallelen, die sich aus Ähnlichkeiten der Sportarten ergeben.
Im Darts geht es um Millimeter, eine minimale Veränderung des Status Quo kann maximale Auswirkungen haben und gegebenenfalls sogar ein Spiel entscheiden. Nur ein Hauch steht zwischen Sieg und Niederlage, zwischen Exzellenz und Versagen. Das lässt sich im großen Bild erkennen, wenn Spieler wie Raymond van Barnefeld oder Glen Durrant, die in der Weltspitze fester Bestandteil waren, plötzlich innerhalb von kürzester Zeit nicht ansatzweise mehr ihre Leistung abrufen können und in das belanglose Mittelmaß abrutschen. Dieser Tanz auf Messers Schneide zwischen Exzellenz und Versagen beginnt aber schon im Kleinen, wenn man die Konzeption des Spiels betrachtet: Die Felder, die die meisten Punkte geben und demnach auch vorrangig von den Spielern anvisiert werden, sprich das 20er- das 19er- und das 18er-Feld, sind umgeben von den Feldern mit den niedrigsten Punktzahlen, sprich die 1-er, 2er-, 3er-, 4er-, 5er- und 7er-Felder.
Dazu kommt, dass die Ergebnisse der Würfe auf dem Dartboard besonders sensibel abbilden, in welcher Verfassung sich ein Spieler gerade auch mental befindet. Leistungsschwankungen werden beim Darts sofort knallhart sichtbar, anders als in vielen anderen Sportarten. Vor allem in Mannschaftssportarten wie Fußball fällt die Leistungsschwankung eines Spielers nicht derart stark auf und fällt auch nicht so ins Gewicht der Gesamtleistung. Spielt ein Fußballer zum Beispiel einen ungenauen Pass, kann das möglicherweise negativ auffallen und schlimmstenfalls zu einem Gegentor führen, es gibt aber immer noch zehn andere Spieler, die die Gesamtleistung des Systems Fußballmannschaft mit beeinflussen.
Deswegen hat Darts etwas von einem durchgehenden Elfmeterschießen, denn nach jedem Wurf entsteht ein Outcome, der in der Bewertung tendenziell sehr weit auseinander gehen kann. Entweder sehr erfolgreich oder eben sehr enttäuschend. Und das Ergebnis, das nach jedem Wurf zwangsläufig vorliegt, wird dann natürlich auch durch die Fans, den Gegenspieler oder durch einen selbst bewertet. Zudem ist das Dartspiel so strukturiert, dass man immer nur in einer begrenzten Zeit Macht darüber hat, was im Spielverlauf passiert (wenn man nämlich selber am Zug ist), ansonsten muss man zuschauen und akzeptieren, was der Gegner mit seinem Wurf macht. Man hat also nur begrenzte Kontrolle über den Spielverlauf, kann nur auf das eigene Spiel einwirken und muss immer wieder die Kontrolle abgeben. Und diese Tatsache hat natürlich auch eine enorme Wirkung auf die Dartspieler während des Spiels.
Der eben genannte Raymond van Barnefeld, wohlgemerkt fünfmaliger Weltmeister, drückte seine Faszination und das Unerklärliche am Dartsport so aus: „I could probably write a book about this game – I’ve had 23 years in darts and still don’t understand it!“ (Ich könnte wahrscheinlich ein Buch über dieses Spiel schreiben – ich spiele seit 23 Jahren Dart und verstehe es immer noch nicht).
Eine der Besonderheiten im Darts ist natürlich, dass man, um ein Leg zu gewinnen, eins der acht mm-großen Doppelfelder am Rand des Boards treffen muss. Aus dieser Besonderheit ergibt sich zum Ende eines jeden Legs und auch gesehen über das gesamte Match eine Art Zuspitzung mit erhöhtem Druck auf den Spieler. In diesen Situationen ist die mentale Anspannung höher und kann sich in einer vermehrten körperlichen Anspannung manifestieren. In einem zu hohen Maße ist diese dann eher kontraproduktiv für den eigentlichen Dartwurf, weil ein flüssiger, lockerer Wurf das Ziel ist. In diesen Situationen ist der wahrnehmbare Druck tendenziell höher und die Spieler neigen dazu, auch eine höhere Fehlerquote zu haben. In solchen Situationen seine Fähigkeiten abzurufen, genauso wie in jeder anderen Situation im Match, ist folglich auch ein Qualitätsmerkmal von Top-Spielern.
Denn es ist ja so: Die Spieler haben grundsätzlich die körperlichen Fähigkeiten, diese Bewegungsaufgabe auszuführen. Dieses Set an Fähigkeiten ändert sich nicht, es gibt bloß einige Komponenten, die darüber entscheiden, ob man die eigenen Fähigkeiten abrufen kann. Die Kunst ist es also, diese Fähigkeiten genauso in entscheidenden Spielsituationen im Rampenlicht einer großen Bühne abzurufen. Ein ambitionierter Nachwuchsspieler hat mal zu mir gesagt: „Die Kunst für mich ist beim Dartspielen: Du musst dir eigentlich jederzeit dein bestes Spiel zutrauen, du darfst es halt nicht von dir erwarten, dass du es jetzt genau spielst“. Zwei wichtige Komponenten im Darts, die es also mental zu balancieren gilt, sind das (Selbst-)Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten und die Erwartung meiner kommenden Leistung. Denn Enttäuschung ist die Schwester von Erwartung, sie richtet sich danach, wie meine vorherige Erwartung war und kann wieder die folgenden Würfe beeinflussen. Bei dem überraschenden Sieg von Clemens gegen die weltweite Nummer 1 Gerwyn Price beispielsweise gab es für Clemens zumindest von außen keine Erwartung, dass er gewinnen müsse, er hatte aber nach sehr erfolgreichen Spielen davor das Selbstvertrauen in sich, es schaffen zu können.
Wie weit ist die Sportpsychologie im professionellen Darts verbreitet? Wie ist es um die Offenheit zum Thema mentale Stärke und Gesundheit bestellt?
In meiner Wahrnehmung entwickelt sich in Deutschland immer mehr Offenheit für das Thema, in England oder Holland sind sie allerdings in dieser Hinsicht schon etwas weiter. Van Barnefeld erklärte bei der diesjährigen Darts-WM 2023 auf die Nachfrage eines Reporters, er brauche keine Hilfe von Sportpsychologen, sondern er müsse das alleine schaffen. Möglicherweise spiegelt sich hier auch das Mindset von absoluten Einzelsportlern (und in dem Fall Männern) wider, alles alleine und ohne Hilfe von außen schaffen zu müssen, wodurch die Hürde, sich sportpsychologisch begleiten zu lassen, größer wird. Andere Sportler wie Lewis Williams sprachen während der WM im Interview ganz offen über ihre Arbeit mit einem Sportpsychologen und inwiefern sie diese auf ihrem Weg weiterbringt.
Eines der populärsten Beispiele für das Thema mentale Stärke im Darts ist wohl Michael van Gerwen, einer der besten Dartspieler unserer Zeit. Er hat mit einem Mentalcoach zusammen für sich einen mentalen Anker entwickelt, um quasi auf Knopfdruck in den für ihn optimalen Wettkampfmodus zu kommen. Immer wieder ist zu beobachten, dass van Gerwen sich in wichtigen Spielsituationen, bevor er ans Oche geht, seine Socken hochzieht. Was von außen erstmal belanglos und profan wirkt, hat für ihn eine ganz eigene Wirkung: Er hat Zugriff auf genau den mentalen Zustand, den er aus seinen eigenen Erfahrungen und Ressourcen abrufen kann und den er für seine Top-Leistung braucht.
In Bezug zur aktuellen Weltmeisterschaft hat vor allem Gabriel Clemens für Aufsehen gesorgt, der seinen überraschenden Einzug ins WM-Halbfinale feiern konnte. Laut eigener Aussage hat er in seiner Heimat im Saarland in vergangener Zeit vermehrt mit einem Mentaltrainer gearbeitet und nur „an kleinen Stellschrauben gedreht und manche Dinge minimal verändert“, was maßgeblich zu seinem Erfolg beigetragen habe. Die deutsche Nummer 1 im Darts nimmt also mentale Begleitung in Anspruch, was eventuell auch den weiteren Weg ebnen könnte für Offenheit und Anerkennung der Sportpsychologie im Darts. Mit seinem Achtungserfolg hat Clemens für den Dartsport in Deutschland ein breites Tor von Möglichkeiten der Weiterentwicklung aufgestoßen. Die Aufmerksamkeit für Darts in Deutschland ist derzeit so groß wie noch nie durch den überraschenden Run von Gabriel Clemens bis ins Halbfinale. Seit Jahren sucht Darts in Deutschland eine Art Boris Becker, einen nationalen Sporthelden, der durch einen großen Erfolg den Sport für die breite Masse in Deutschland attraktiv und interessant macht. Zudem ist der Boden, auf dem diese Begeisterung momentan wächst, aufgrund des frühen und enttäuschenden Ausscheidens der deutschen Nationalmannschaft bei der Fußball-WM möglicherweise besonders fruchtbar.
Sportpsychologie hat aber definitiv noch nicht den Platz im Darts, den es haben könnte. Vor allem in Deutschland gibt es durchaus Mentaltrainer, die sich mit der Thematik beschäftigen, allerdings fehlt da teilweise die wissenschaftliche und fundierte Perspektive auf die Thematik. In jedem Fall ist das, was da zwischen Oche und Dartboard passiert, aus sportpsychologischer Perspektive hochinteressant und wird in Zukunft aus meiner Sicht sowohl in der Forschung als auch in der Praxis noch viel relevanter werden!
Was macht aus sportpsychologischer Sicht das WM-Turnier mit seiner besonderes Location, dem Modus und dem Drumherum so besonders?
Das Dartspielen auf weltbestem Niveau birgt an sich sowieso schon die hoch anspruchsvolle Aufgabe, aus 2,37m nur mithilfe seines Arms ein 8mm großes Feld regelmäßig und verlässlich zu treffen. Und im Rahmen dieser Weltmeisterschaft werden die Spieler in eine Extremsituation gebracht: Diesen Präzisionssport weiterhin auf solch hohem Niveau auszuführen, während sie auf der größten Darts-Bühne der Welt im Rampenlicht stehen und tausende von Fans in ihrem Rücken auf jeden ihrer Würfe reagieren. Es herrscht eine ekstatische Stimmung mit unglaublich hohem Lautstärkepegel, mit der die Spieler natürlich auch adäquat umgehen müssen. Es geht zudem um die Ausschüttung von insgesamt 2,9 Mio. Euro, um die gespielt wird. Mit 96 Teilnehmern aus der ganzen Welt ist die Darts-WM ein Turnier mit einem besonders breiten Feld und einer großen Range des Spieler-Niveaus. Dadurch entsteht möglicherweise auch ein erhöhter Druck für die gesetzten Top-Spieler, nicht schon früh gegen einen vermeintlichen Underdog auszuscheiden. Und ganz offensichtlich ist es das prestigeträchtigste Darts-Turnier der Welt, bei dem nicht nur vor Ort, sondern auch vor dem TV am meisten Zuschauer mitfiebern. Millionen von Menschen aus der ganzen Welt schauen also dabei zu, wie ein Spieler versucht, auf dem 34cm-großen Spielfeld des Dartboards die von ihm anvisierten Felder zu treffen.
Die Gegebenheiten, in die das Dartsspiel bei einer Weltmeisterschaft eingebettet ist, sind also auch für die Spieler extrem. Und auch die Aufmachung des vermarkteten Events gibt dem Ganzen nochmal einen gänzlich anderen Rahmen: Jedes Spiel wird eingeläutet durch eine epische Ansage des Spieler-Namens inklusive seiner bisherigen Titel und einem sogenannten Walk-On mit selbst ausgewählter Hymne zur Einstimmung auf das Spiel. Das Ganze wirkt von der Inszenierung fast so wie ein Boxer auf seinem Weg in den Ring, in Vorfreude auf den Kampf um die Gunst des Stärkeren.
Eine weitere Besonderheit, die auf diesem hohen Niveau bei der Weltmeisterschaft vermehrt zu beobachten ist, ist das perfekte Spiel: der 9-Darter. Ein 9-Darter bedeutet, dass man ein Leg von 501 Punkten mit 9 Darts genau auf null bringt. Es ist ausgeschlossen, diese Aufgabe mit weniger Darts zu meistern, was bedeutet, dass es Spielern im Dartsport möglich ist, für einen Moment Perfektion zu schaffen und das als Sportler maximal Mögliche zu leisten. Davon geht sowohl für die Fans als auch die Spieler dementsprechend eine enorme Faszination aus.
Warum würdest du jungen Darts-Spielern und -Spielerinnen raten, auf sportpsychologischen Input zu setzen?
Die bessere Frage ist – warum nicht? Das mentale innere Spiel findet sowieso statt, das wird nicht durch die Sportpsychologie künstlich konstruiert. Nur es bewusst zu seinem eigenen Spiel zu machen, einen Umgang mit dem enormen Einfluss zu finden und die Kontrolle über das eigene Dartspiel zu behalten, das ist in meinen Augen wichtig. Im Darts sind zum Beispiel psychologische Tricks unter den Spielern sowieso schon üblich und in der breiten Masse als „Mind Games“ kultiviert. Auch wenn dieser Begriff sehr schwammig ist, kann man sagen, dass darunter alles gefasst wird, was außerhalb des eigentlichen Werfens stattfindet, was aber trotzdem einen Einfluss auf die mentale Ebene und das Spiel an sich hat. Denn alles, was ich als Spieler tue, hat eine gewisse Wirkung auf meinen Gegenspieler. Wenn ich mir dieser Wirkung bewusst bin, kann ich, insofern er es zulässt, auch Einfluss auf das Spiel des Gegners nehmen.
Aber klar, Darts ist ja eigentlich ein Spiel, bei dem es auf das Ergebnis des physischen Vorgangs des Werfens geht. Warum sollten also kommende Darts-Spieler auf sportpsychologische Begleitung setzen?
Zuerst einmal ist das Gehirn die Schaltzentrale allen Handelns und der Filter, durch den unsere Realität interpretiert wird. Es nimmt alle relevanten Reize zur Wahrnehmung der Umwelt auf und ist der Initiator für unsere Handlungen und physischen Bewegungen. Es ist quasi wie ein Supercomputer, der zwischengeschaltet ist und einen hohen Einfluss auf die sportliche Leistung im Darts hat. Die äußeren Gegebenheiten, die ich als Sportler erfahre, kann ich nicht ändern, aber die entscheidende Frage ist, welche Software ich auf diesem Supercomputer laufen lasse.
Zudem ist durch die Geschichte des Darts deutlich geworden, dass weniger als in anderen Sportarten die physische Konstitution und athletische Fähigkeiten und eine Rolle spielen. Zumindest äußerlich unathletisch wirkende Dartsportler waren früher sehr üblich und es hat sie nicht daran gehindert, teilweise äußerst erfolgreich zu sein. Der begrenzende Faktor scheinen also weniger die physischen Fähigkeiten zu sein, sondern eher die mentalen.
Ein weiterer Grund ist, dass starke innere Bilder die Kraft haben, die Realität zu verändern. Das Gehirn funktioniert bekanntermaßen so, dass es tendenziell das manifestiert, was in Gedanken aufgerufen wird. Das kann nur durch Worte, zum Beispiel durch einen Satz sein, oder aber auch durch innere Bilder wie Visualisierungen. Dabei ist wichtig zu wissen, dass das Gehirn eine Verneinung schlecht verarbeiten kann. Glaubenssätze oder Überzeugungen, die Misserfolg vermeidende Aussagen in sich tragen wie „auf jeden Fall nicht verlieren“ haben also nicht den gewünschten Effekt, sondern eher den gegenteiligen.
Die Bedeutung psychologischer Mechanismen im Darts ist also enorm und sollte auch dementsprechend ernst genommen werden. Eine Veränderung kann man dabei aber natürlich nur bewirken, wenn man als Athlet wirklich offen für diese Arbeit an sich selbst ist.
Wie können wir uns sportpsychologisches Training im Darts vorstellen?
Das kann man so nicht verallgemeinern und ist für jeden Spieler natürlich individuell. Ich bin da selbst trotz erster Erfahrungen in Coachings mit Dartspielern noch in der Entwicklung und in einer Phase des Ausprobierens. Momentan führe ich tiefenpsychologische Interviews mit Dartspielern zu der Frage „Wie wirkt das Dartspielen auf Spieler während des Wettkampfs?“, aus denen eine Masterarbeit beziehungsweise eine Veröffentlichung entstehen soll.
Mögliche Ansatzpunkte für das sportpsychologische Coaching im Darts gibt es zahlreich, deren Wirksamkeit muss allerdings weiterhin tiefergehend erfahren und erforscht werden. Einerseits gibt es da den ganz wichtigen kognitiven Aspekt. Eine gute Hand-Auge-Koordination und ausgezeichnete kognitive Prozesse sind Fähigkeiten, die wichtig für einen Dartsportler sind. Demnach würde es Sinn machen, regelmäßiges Training der dartspezifischen kognitiven Fähigkeiten durchzuführen. Mithilfe von Kognitionstraining und Neuro-Athletik können die kognitiven Prozesse, die im Darts entscheidend sind, gezielt und mit erhöhten Anforderungen trainiert werden, um in Wettkampfsituation einen reibungslosen Ablauf zu gewähren und dem Sportler das Spiel auf hohem Leistungsniveau zu erleichtern.
Ein weiterer Aspekt sind Techniken, die ein Sportler erlernen kann, um sich selbst in Extremsituationen wie zum Beispiel unter hohem Stress oder Anspannung zu regulieren. Dabei sehe ich zum jetzigen Zeitpunkt vor allem Atemtechniken oder Wege der Entspannung als Mittel, um die eigene Erregung auf das für einen selbst optimale Level zu regulieren.
Grundsätzlich sind vor allem Techniken des Mentaltrainings ein wichtiger Punkt im sportpsychologischen Coaching von Dartspielern. Mittel wie Visualisierungen oder das Setzen eines hypnotischen Ankers (wie bei Michael van Gerwen) können dem Spieler helfen, in entscheidenden Momenten gezielt in den optimalen Wettkampfmodus zu kommen, den er für seine gewünschte Leistung braucht.
Ein anderer Ansatzpunkt ist der Umgang des Athleten mit Fehlern, schlechten Würfen oder Rückschlägen, sprich: mit der Unzufriedenheit über die eigene Leistung. Es ist ganz wichtig, hier den Blick des Spielers darauf zu lenken, was er in der jetzigen Situation verändern kann, was überhaupt in der Macht seines Handlungsspielraums liegt. Vergangene Würfe sind geschehen und können nicht rückgängig gemacht werden. Die Frage muss hier sein: Was bringt mir dieser Misserfolg für meinen nächsten Wurf? Jeder Dart ist auch immer ein Feedback, das mir dabei helfen kann, in Zukunft noch besser zu spielen. Bestenfalls sollte der Athlet also alles, was da in Zukunft kommen könnte, und alles, was war, loslassen. Ziel muss es sein, voll im Hier und Jetzt mit dem Moment zu verschmelzen und sich immer nur auf den nächsten Dart und die nächste Aufnahme zu fokussieren.
Ein weiterer wichtiger Punkt ist die bewusste Lenkung des Aufmerksamkeitsfokus. Eine aktuelle Studie hat herausgefunden, dass ein Wurf tendenziell erfolgreicher ist, wenn man sich nicht auf den internalen Aufmerksamkeitsfokus (Aufmerksamkeit auf die Bewegung des Körpers), sondern auf den externalen Aufmerksamkeitsfokus (Aufmerksamkeit auf das Bewegungsziel) konzentriert. Übertragen in die Praxis bedeutet das für Spieler, daran zu arbeiten, den eigenen Fokus auf das Ziel (das Triple- oder Doppel-Feld) und nicht auf die Bewegung an sich zu setzen.
Ein zentraler Punkt ist auch das Selbstvertrauen eines Spielers, also das feste und unerschütterliche Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten, egal in welcher Situation oder unter welchen Umständen er sich wiederfindet. Je unabhängiger das Vertrauen in sich selbst von den Geschehnissen außerhalb des Sportlers ist, desto mehr hilft es ihm dabei, sein A-Game abrufen zu können.
Und zu guter Letzt könnte ein weiterer Punkt sein, den Sportler dabei zu begleiten, eigene Routinen für das Training und den Wettkampf zu entwickeln, die ihm in gewisser Weise einen festen Ablauf und damit einen Rahmen mit Sicherheit geben, innerhalb dessen sich sein Spiel abspielt.
Abschließend möchte ich noch einmal zusammenfassen: Darts ist aus den oben genannten Argumenten definitiv ein hoch mentaler Sport. In der Trainingsgestaltung wird der Schwerpunkt derzeit allerdings noch sehr stark auf die Ausbildung rein physischer Fähigkeiten gelegt. Hier zeigt sich aus meiner Sicht eine Inkongruenz zwischen der Anforderung an Körper und Psyche beim Darts und dem tatsächlichen Training eben dieser Bereiche. Ich gehe davon aus, dass die Akzeptanz und Offenheit für Sportpsychologie im Darts in den nächsten Jahren weiter steigen wird. Früher oder später wird die mentale Begleitung aus meiner Sicht fester Bestandteil des Trainings von Top-Spielern sein. In jedem Fall gibt es meiner Auffassung nach einen Bedarf für professionelle sportpsychologische Begleitung im Darts und ich bin sehr gespannt, was da in den nächsten Jahren aus dem bereits Bestehenden erwachsen wird.
Vor allem die Weihnachtszeit und die ersten Tage im neuen Jahr bieten für viele Sportler und Sportlerinnen ein paar mehr zeitliche Freiheiten als es sonst im Wettkampf- und Trainingsjahr möglich ist. Für diese Pause haben wir im Netzwerk ein paar Tipps gesammelt, wie ihr mit euren Familien, Freunden und TrainingspartnerInnen bestmöglich medial nutzen könnt. Wir empfehlen hier einige Filme und Serien, die sportpsychologischen Input liefern, der euch im neuen Jahr vielleicht nützlich werden kann:
Der Film erzählt die Geschichte eines Basketballtrainers (basierend auf einer wahren Begebenheit), der auf unkonventionelle Art die Themen Teambuildung, Zielearbeit und Motivation integriert und damit sein Team zu sportlicher Leistung bringt.
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Ziemlich coole Serie für Kinder und Jugendliche, die das Teambuilding, Umgang mit Erfolg und Misserfolg und Trainer- und Elternverhalten im Fokus hat.
Der Tipp kommt von unserem Redaktionsleiter Mathias Liebing
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Dokumentation über den Tennisprofi Mardy Fish, der immer weiter in der Weltrangliste nach oben schoss, bis er anfing, unter Panikattacken zu leiden. 2012 musste er so nur wenige Minuten vor Spielbeginn sein Match bei den US-Open gegen Roger Federer absagen….
Der Tipp kommt von Marius Tobias Schröder (zum Profil)
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Der Sportstudent Dan begegnet eines Nachts, als er versucht seinen Schlafstörungen zu entkommen, einem wundersamen alten Mann – Socrates. Doch wer ist dieser Mensch? Ein Zauberer? Ein Schamane? Oder einfach nur ein Spinner? Begleiten Sie Dan auf seiner Reise vom Aussen ins Innen, auf der ihn „Socrates“ als sein »Mentor« und spiritueller Lehrer begleitet. Er weist dem jungen Mann den Weg, wie er ein Friedvoller Krieger werden könne. Ein Film, der Sie Schritt für Schritt in eine neue Bewusstheit führt. Auf faszinierende Weise wird der oft schmerzliche Weg der Transformation beschrieben.
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Der Film erzählt die Geschichte eines Jungen (basierend auf einer wahren Begebenheit), der eine Leidenschaft und ein besonderes Talent für Golf zu haben scheint und sich als Außenseiter auf einem der größten Golfturniere der Welt behaupten möchte.
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Die Dokumentation begleitet die Schweizer Floorball-Nationalmannschaft auf ihrem Weg zur Heim-WM im November 2022 in Zürich und Winterthur. Im Film wird die sportpsychologische Arbeit von Torhüter Pascal Meier mit Cristina Baldasarre von Die Sportpsychologen gezeigt.
Der Tipp kommt von unserem Redaktionsleiter Mathias Liebing, der Autor der Dokumentation ist.
Du hast das fast Unmögliche möglich gemacht: hast dich innerhalb der letzten zehn Minuten der regulären Spielzeit zurück ins WM-Finale geschossen, hast in der Nachspielzeit stand gehalten, hast in der Verlängerung wieder ausgeglichen und stehst im entscheidenden Elfmeterschießen. Und: versagst. So die Kurzfassung aus Sicht der Franzosen im Fußball WM-Finale gegen Argentinien. Die spannende Frage, auf die ich in dem Text hinaus will, lautet: Was kannst du aus dieser Niederlage lernen? Ganz allein für dich. Denn am Ende geht es im Sport immer wieder darum, aus Negativerfahrungen maximal zu lernen.
Zum Thema: Umgang mit Niederlagen
An einem Sonntagnachmittag im Dezember, im ca. 6.153 km von meiner Ostseeinsel entfernten Lusail Stadion in Katar, entwickelt sich das WM-Finale 2022 vielleicht zum besten Endspiel der Fußballgeschichte. Ich bin gerade auf Road-Trip und habe somit das Vergnügen, dieser Partie nur zu lauschen. Das Kommentatoren-Team im Radio legt sich mächtig ins Zeug, so dass ich, als quasi Blindekuh, mitgucken und vor allem mitfiebern kann.
Nach den ersten 80 Minuten denkt wohl jeder, Argentinien wird Weltmeister. Jetzt weiß ich zum einen, wozu ein Fußballspiel mindestens 90 Minuten dauert und wozu ich den Tag erst lobe, wenn der Abend vorüber ist.
90-120-11
Die letzten zehn Minuten der regulären Spielzeit gehen vermutlich in die Geschichte ein. Innerhalb kürzester Zeit – ich bin gerade tanken und verpasse die Wendung des Spiels – erzielt Frankreich gleich zwei Treffer, die den Spielstand plötzlich in ein 2:2 verwandeln. Dank der Nummer 10, Kylian Mbappé, jagen die Mannschaften nun wieder gleich stark übers Grün dem Ball hinterher. Auch die Nachspielzeit bringt keine finale Entscheidung herbei. Lediglich eine Erhöhung des Gleichstands auf 3:3, wobei Argentinien vorlegt und Frankreich nachmacht. Also ab ins Elfmeterschießen. Beide Teams schicken zuerst ihre beiden Weltstars zum Punkt, beide die Nummer 10 auf den verschieden-blauen Trikots und beide treffen souveränen. Was danach kommt, erfreut nur noch das argentinische Team. Denn deren Keeper ist einfach zu gut für die französischen Schützen. So endet der Fußball-Krimi mit 4:2 nach Elfmeterschießen. Argentinien kickt sich zum Weltmeister 2022, gefolgt von Frankreich als Vizeweltmeister.
Es scheint das Spiel des Folgens zu sein – Frankreich folgt Argentinien in der regulären Spielzeit mit zwei Toren sowie in der Nachspielzeit mit einem. Jedoch im Elfmeterschießen folgen sie nicht mehr. Vielleicht liegt es daran, dass die Franzosen zuerst mit Schießen an der Reihe sind und somit das Folgen ausfällt. Wer entscheidet das eigentlich? Ein Münzwurf. Der erste Münzwurf entscheidet auf welches Tor geschossen wird und der Zweite, welche Mannschaft beginnt. Im Ergebnis: Argentinien bestimmt das Tor, Frankreich den Beginner. Und ab da ist Frankreich Leader statt Follower…
Die Siegerehrung
Außen goldig und innen bunt, laut und prall gefüllt: das Stadion mit einer emotionalen Vielfalt, die von ca. 88.000 Menschen auf den Rasen strömt. Sie heben ihre Idole mit Applaus, Jubel und Trommelwirbel auf die Bühne. Zuerst krönen sie die besten Spieler des Turniers in der Kategorie Torschütze, Torhüter, Spieler und Nachwuchs. Diese Titel teilen sich ein Franzose und drei Argentinier. Danach der Vize-Weltmeister: Frankreichs Fußball-Nationalmannschaft läuft enttäuscht und mit leeren Gesichtern auf die Bühne. Sie lassen sich das Silber ungern und wenn überhaupt, nur fürs Foto um den Hals hängen. Geknickt räumen sie dem Weltmeister das Podest und lassen mit Distanz den Rest der Zeremonie über sich ergehen.
Derartige Momente schmerzen und tun weh. In den Augen, in den Ohren, im gesamten Körper. Gefühle wie Versagen, Enttäuschung und Schwäche brechen in Tränen, Wut und Davonlaufen aus. Doch du kannst körperlich nicht fliehen. Du wirst physisch irgendwie an diesem Ort festgehalten. Was du stattdessen kannst: geistiges Entfliehen. Damit wirst du zum Leader und eröffnest dir eine Welt, in der alles möglich ist, was du willst. Es ist deine Welt. Privat, geheim und nur für dich sichtbar – dein Phantasialand.
Was aus Niederlagen lernen und mitnehmen?
Welche Welt darf es sein? Dein geistiges Auge ist kreativer als du glaubst. Du hast es nur verlernt. Als Kind hast du dein Gedankengut vermutlich an die fabelhaftesten Orte der Welt gebeamt. Hast dir eine Spielwiese erschaffen, mit wem und wo du das spielen konntest, was du wolltest. Reaktiviere genau diese Fähigkeit und gestalte deine Spielwiese so, wie du sie im jeweiligen Moment brauchst: beruhigend, stabilisierend, stärkend, sichernd, schön und vieles Weitere.
Im Falle Frankreich: auch wenn diese Siegerehrung so schmerzlich ist, kannst du auch diese Bilder und Jubelschreie für dich nutzen. Und zwar in deiner Welt: „Aha… So sieht das also aus, wenn wir in vier Jahren erneut im Finale stehen und uns die goldene Krone aufsetzen. Und diese Fans! Wahnsinn, was die für ein Grinsen und Gänsehaut in uns hervorbringen. Und dann dieses unbeschreibliche Gefühl des Erfolgs. Ich kann es kaum erwarten… Jungs, lasst uns trainieren gehen. Allez les bleus!“
Mein Fazit
Es ist, wie so alles im Leben, eine Erfahrung. Erfahrungen lassen uns erleben, spüren und wahrnehmen. Das Gute ist: du kannst das Erleben und Wahrnehmen steuern. Abhängig davon, wie du die Erfahrung bewertest: negativ oder positiv. Und wenn du in der Lage bist, diesen Unterschied zu bilden, kannst du auch entscheiden, welchen Weg du gehst. Und egal, wie du dich entscheidest, nimm die Erfahrung an und akzeptiere sie. Erst dann kannst du sie auch Loslassen.
Wie das genau geht und was du dazu brauchst, erarbeiten ich oder meine Kollegen aus dem Netzwerk (zur Übersicht) gemeinsam mit dir (zum Profil). Kontaktiere uns. Wir sind für dich da.
In meiner Jugend und auch lange Jahre meines Erwachsenenlebens wäre es undenkbar gewesen, dass ich eine große Sportveranstaltung nicht verfolge. Als Kind weckte mich mein Vater zu den Kämpfen von Muhammad Ali. Olympia und jede Mannschaftswelt- und Europameisterschaft sowie alle großen Tennis Events, die Tour de France und die Formel 1 habe ich neben meinen eigenen sportlichen Höhepunkten im Handball förmlich eingesogen, eine Art Lebenselixier. Heute stelle ich fest, dass spätestens mit der Weltmeisterschaft 2014 der Fußball nach und nach von meinem Radar verschwunden ist, zuerst der Ligafußball, dann die Champions League und seit 2018 auch die großen Events. Ebenso erging es mir mit der Tour de France und der Formel 1. Geblieben ist ein wenig Tennis, eingeschränkt Olympia und die Großereignisse meiner Heimatsportart Handball sowie des Eishockeys. Ein schleichender Prozess.
Nun ist die Fußball WM in Katar für mich der Anlass, diesen meinen eigenen Prozess des Verlustes von Interesse, Aufmerksamkeit und Leidenschaft zu reflektieren. Was ist passiert? Mit dem Sport und mit mir? So habe ich diesen kleinen Blog mit dem Auftakt der WM begonnen, dann liegen lassen und nun, da das Turnier vorbei ist, wieder vorgeholt. Von der WM habe ich ein paar Spiele der marokkanischen Mannschaft gesehen, die Halbfinals und das Endspiel. Wie lautet mein Fazit jetzt? Der Sport ist letztendlich das Abbild unserer gesellschaftlichen und kulturellen Entwicklung. Und da begeistert die Geschichte von David und Goliath immer wieder, vom „Entwicklungsland“ gegen hochgezüchtete Industrienationen. An dieser Stelle hat mich Marokko abgeholt. Und doch konstatiere ich kritisch, dass die perverse „Neoliberalisierung“ des Sportes manches an der Idee und der Begeisterung des Spieles Fußball schlicht und einfach tötet. Wahrscheinlich unwiederbringlich. Denn wenn auch die argentinischen Kicker ein Land mit großen wirtschaftlichen Problemen vertreten, reden wir dann doch von einer Gruppe Multimillionären. Verbietet sich damit nicht ein emotionaler Zugang? Nein, denn am Ende siegt der Homo ludens, der spielende Mensch, dann doch immer wieder. Auch bei dieser WM in Katar. War es nicht ein episches Finale? Hat das nicht Spaß gemacht? Die Hoffnung, den Sport von übermäßigen wirtschaftlichen Interessen befreien zu können, dürfen wir jetzt wahlweise auf unsere Weihnachtswunschzettel schreiben oder als guten Vorsatz für das neue Jahr formulieren.
Nur 68 Prozent der Elfmeter, also lediglich zwei von drei Versuchen, wurden bei der Fußball-WM 2022 in Katar verwandelt. Schon vor dem Finalwochenende deutet sich damit an, dass dies der zweitschlechteste Wert seit 1998 werden kann. Die spannende Frage lautet: Woran liegt das? Während viele andere Bereiche, allen voran die Physis und die Taktik durch optimiert scheinen, hapert es bei dieser eigentlich einfachen motorischen Aufgabe, den Ball so zu platzieren, dass er für den Torhüter unhaltbar ist.
Zum Thema: Tipps für das Elfmetertraining
Elfmeter an sich, gerade aber das Elfmeterschießen in der KO-Phase, lösen ein hohe Faszination aus. Selten wird im Mannschaftssport das Kollektiv der Mannschaft so deutlich aufgehoben und es kommt auf das Individuum an. Und hier ist der Druck spürbar. Der Druck, ausgelöst durch den finalen Charakter, da mit einem Fehlschuss das Ausscheiden droht. Hier wird das Duell auf Leben und Tod gewissermaßen nachgeahmt, wie es ja in anderen Sportarten der Grundcharakter ist. Damit werden hier alle Stressachsen aktiviert, durch das exponiert sein, zudem durch den riesigen Erwartungsdruck der Zuschauer, einer ganzen Nation, der gesamten Weltöffentlichkeit. Dies sind nur einige Druckelemente, denen der Spieler und der Torhüter unterliegen, wobei dieser in einer etwas komfortableren Situation ist, da die Erwartungshaltung hinsichtlich seiner Torwartleistung geringer ist.
Weshalb sehen wir aber nun im Duell Eins-gegen-Eins so oft Spieler, die diesem Druck nicht standhalten, während andere anscheinend extrem cool und mutig damit umgehen? Ich kann weit ausholen, über Persönlichkeitsmerkmale reden, die natürlich eine Rolle spielen, über die jeweils an dem Tag herrschende Verfassung, über Rituale, die funktionieren oder nicht funktionieren und über Resilienz, also die psychische Belastungsfähigkeit in herausfordernden, bedrohlichen Situationen. Und ja, all diese Faktoren spielen eine Rolle.
Trainingsschwerpunkt Elfmeter
Doch ich möchte meinen Blick auf einen Moment legen, den ich in der Berichterstattung der Spanien-Spiele wahrgenommen habe. Trainer Luis Enrique hat seinen Spielern verordnet, Elfmeterschießen zu üben. Bis zu 1.000 Elfmeter sollten die Spieler bis zur WM in ihren Trainingseinheiten trainieren. Wenn ich mir das Resultat von Spanien aber bei der WM anschaue – nach drei Fehlschüssen im Elfmeterschießen im Achtelfinale gegen Marokko war Schluss, dann haben die Spieler sich entweder nicht daran gehalten oder diese Methode hat hier nicht gewirkt. Doch worauf will ich hinaus?
Druck simulieren und Situationen imaginieren
Natürlich kann auch die Fähigkeit „Elfmeterschießen“ trainiert werden. Doch hier geht es nicht allein um die Wiederholung des einfachen Schusses unter entspannten Bedingungen im Training. Auch die Drucksituationen müssen in der Trainingssituation ein Stück weit herrschen, sollten im Training simuliert werden. Durch Wettkampfbedingungen beim Training, dem Einspielen einer ohrenbetäubenden Kulisse, durch Zusatzaufgaben, durch Konsequenzen des Verschießen. Hier sind der Simulation von realistischen Bedingungen wie in einem Flugsimulator keine Grenzen gesetzt. Hier geht es um Phantasie. Aber das ist noch nicht alles: Auch die reine mentale Imagination ist eine geeignete Trainingsmethode, um seine Fähigkeiten zu verbessern.
Ich kann nicht beurteilen, ob Luis Enrique auch dies seinen Spielern auf dem Weg mitgegeben hat. Doch das sind Gedanken, die mir in der Berichterstattung und dem Anschauen des spanischen Elfmeterschießens aus sportpsychologischer Sicht kamen und medial meist wenig diskutiert werden. Meine Kollegen und Kolleginnen (zur Übersicht) und ich (zum Profil) gehen mit euch gern auf dem Platz in die Details.
Uns hat eine Frage eines Schwimmtrainers erreicht, dessen Sportler unter Angst vor Erschöpfung leidet. Gerade in entscheidenden Rennphasen wächst die Angst des Jugendlichen stark und verhindert physische Extremleistungen und damit entsprechende Ergebnisse.
Zum Thema: Umgang mit Ängsten im Leistungssport
Die konkrete Frage lautet: Wie kann ich als Trainer ihm diese Ängste nehmen?
Erst einmal ist es wichtig, mit dem Athleten herauszuarbeiten, was die Ursache seiner Angst ist. Handelt es sich um eine Realangst, also eine Angst, die er aufgrund eines bestimmten Ereignisses der Vergangenheit entwickelt hat? Oder eine Angst, die er aufgrund irgendwelcher Vorstellungen hat, die eintreten kann, wenn er an respektive über seine physischen Grenzen geht? Die erste Frage die sich stellt ist: Hat er diese starke Erschöpfung erlebt und als lebensbedrohend bewertet?
Zeitlich gesehen stellt sich die Frage, wo gehört diese Angst hin? In die Vergangenheit, in die Gegenwart oder in die Zukunft? Dies ist wichtig, um eine zeitliche Integration zu erreichen.
Somit steht sicherlich am Anfang die Exploration der Angst und die Psychoedukation über die Angst allgemein, also über die Aufgabe und Schutzfunktion von Ängsten, wie diese zustande kommen können und was sie bewirken.
Verschiedene Verfahren der Traumatherapie, der systemischen Hypnotherapie und auch der konfrontativen Verhaltenstherapie stehen hier zur Verfügung, um mit den bestehenden Ängsten zu arbeiten.
Lieber Interessent, herzlichen Dank für dein Vertrauen in unser Netzwerk.
Im ersten Schritt interessiert mich, inwieweit du deine Annahmen und Beobachtungen mit deinem Athleten geteilt und besprochen hast? Wie betrachtet und empfindet er seine Situation? Seit wann ist diese Situation präsent?
Wenn sich dabei das Thema Angst herausstellt, möchte ich zu den Ansätzen und Vorschlägen von Klaus Folgendes ergänzen:
Angst beginnt im Kopf und breitet sich Stück für Stück im Körper aus. Das heißt, von der psychischen Grenze geht es zur physischen Grenze und wieder zurück. Ein Wechselspiel, das erst dann einen Änderungsprozess beginnen kann, wenn diese Angst gehört, verstanden und akzeptiert wird. Denn erst, wenn wir Dinge greifbar haben, sind wir in der Lage, sie auch loszulassen. Aktuell scheint die Angst noch als Störfaktor wahrgenommen zu werden. Auf der anderen Seite kann sie auch ein wichtiger Wegbegleiter sein, der uns schützen möchte – Schützen vor Gefahren.
Ich möchte dir eine mögliche Auswirkungskette für Angst aufzeigen – ein Beispiel: Aus der Angst heraus kann sich Unsicherheit nähren. Unsicherheit, die vermutlich auf die Schwimmtechnik deines Athleten einwirkt und ihn ressourcen-verschwendender schwimmen lässt als notwendig. Das wiederum kann Erschöpfung auslösen. Er setzt sich unter Druck. Diese Art Druck kann ein hinderlicher Begleiter sein, der vermutlich Anspannung hervorruft. Diese Anspannung lähmt zusätzlich seine körperliche Bewegung, so dass seine Technik weiter in Mitleidenschaft gezogen wird. In Summe ein Chaos, was zusätzliche Erschöpfung vorprogrammiert.
Eine Möglichkeit aus diesem Dilemma zu entfliehen, um angstfrei den Sport auszuüben, kann sein:
Sobald die Angst erkannt und akzeptiert wurde, fängt dein Athlet an, mit ihr zu kooperieren und sie für sich zu nutzen, indem er mit ihr ins Gespräch geht (= Akzeptanz): “Hallo Angst, schön, dass du da bist und auf mich aufpassen möchtest. Gleichzeitig möchte ich dich heute bitten, dass ich die Führung übernehme und du als stille Beobachterin vom Beckenrand zuschaust.”
Symbolisch/gedanklich platziert er die Angst auf dem Beckenrand, Startblock oder Tribüne. Effekt: Er übernimmt und delegiert die Angst (vorher war es vielleicht umgekehrt).
Macht die Unsicherheit zur Sicherheit: Was gibt deinem Athleten Sicherheit beim Schwimmen, was davon hat er selbst in der Hand? Beispiele könnten sein: Neoprenanzug, Haube, Schwimmbrille, Erwärmungsrituale, Uhr/Kette/Talisman, mit denen er Stabilität und Stärke verbindet.
Macht aus der körperlichen Erschöpfung geistige Erholung. Trainiert einmal mehr die mentale Komponente und den Umgang mit der Angst, anstelle ins Becken zu gehen. Personifiziert die Angst und verändert ihre Erscheinung, so dass sich aus ihr zum Beispiel Mut entwickeln kann. Es geht darum, mutig ins Training zu gehen, so dass Entspannung und Trainingserfolge realistisch werden. Freude und Zuversicht sind möglich.
Und wenn ihr anfangt, die Punkte eins bis drei mit Geduld auszuprobieren und erste Fortschritte spürbar werden, dann kann die Angst in den Hintergrund treten.
Das ist eine mögliche Vorgehensweise für ihn. Probiert es aus, seid geduldig, erlaubt euch Übung, Wiederholung, Anpassung und vor allem Freude beim Training. Es ist ein Prozess. Denn ebenso war es ein Prozess, dass die Angst sich ausbreiten konnte. Gern helfen Klaus (zum Profil), unsere Kollegen und Kolleginnen im Netzwerk (zur Übersicht) oder ich (zum Profil) bei der Umsetzung und möglichen Anpassungen.
Wir von Die Sportpsychologen sind für dich da. Und weil wir wissen, dass manchmal eine kleine Schwelle im Weg steht, Kontakt zu einem “Psychologen”, einer “Psychologin” oder einer/einem “MentaltrainerIn” zu suchen, machen wir einen Schritt auf dich zu. Wenn du also auch eine Frage an uns loswerden möchtest, dann nutz dafür das folgende Formular.
Wichtig zu wissen: Manche Fragen und deren Antworten veröffentlichen wir nicht. Wir treten dann mit den jeweiligen FragestellerInnen persönlich in Kontakt. Dies behalten wir uns für Fälle vor, in denen die Anonymität nicht gewährleistet werden kann oder das angestoßene Thema besser im geschützten Raum besprochen wird. Zudem gilt: Unsere Antworten können nicht mehr als Anstösse liefern. Anstösse, von denen du als Leser oder Leserin ableiten kannst, wie wir von Die Sportpsychologen ticken und was wir so machen.
Heute schon gefaulenzt? Nein? Warum auch, denn schließlich bekommt man doch überall gesagt, dass nur derjenige erfolgreich sein wird, welcher buckelt und so richtig mit anpacken kann. Der Slogan „höher, weiter, schneller“ prangert überall und man kann sich dem ganzen nicht entziehen. Gefühlsmäßig ist man heutzutage nur en vogue, wenn man gestresst ist. Stress ist aus meinem Empfinden eine Art Modewort geworden, welches die Botschaft inkludiert, dass man wichtig ist. Aber ist das wirklich so? Wie ist diese Haltung überhaupt entstanden und sollten wir als verantwortungsbewussten Menschen nicht lieber dringlich dafür Sorge tragen, dass man sich hin und wieder langweilt? Solltest du jetzt zu denjenigen gehören, welche das Gewissen beißt, dann kann ich dich beruhigen. Es gibt dafür keinen Grund, vielmehr möchte ich mit dem vorliegenden Beitrag eine Lanze für die Muße brechen.
Zum Thema: Wer die Ruhe nicht zu schätzen weiß und Müßiggänger verurteilt, kennt den wahren Wert der Muße nicht.
Unsere vorliegende Leistungsgesellschaft ist geprägt vom Effizienzdenken. Reine Untätigkeit ist eine echte Rarität geworden und daher umso wertvoller. Sie ist der Nährboden großartiger Werke und Ideen und ein Wundermittel gegen Stress. Für unser geschundenes Gehirn ist sie quasi die Ferieninsel und Entspannung pur.
Also: Nichts wie ausgeruht. Doch weshalb gelingt es dem Großteil unserer Mitmenschen nicht? Wann hast du dich das letzte Mal gelangweilt?
Definition von Muße
Was bedeutet überhaupt Muße? Früher verstand man darunter die Zeit, in der man nicht gearbeitet hat. Heute definiert der Duden Muße als „…freie Zeit und Ruhe, um etwas zu tun, was den eigenen Interessen entspricht“. Muße ist also gleich Freizeit, aber nicht jede Freizeit ist Muße. So viel steht fest. Muße braucht Zeit. Das entscheidende Kriterium ist allerdings nicht, dass es sich hierbei um freie Zeit handelt, sondern, dass man sie frei einteilen darf. Verschiedene Studien konnten zeigen, dass die autonome Zeiteinteilung ein wesentlicher Faktor ist, der bestimmt, wie gestresst oder entspannt sich Menschen fühlen. Wie so oft im Leben gibt es jedoch auch Hindernisse auf dem Weg. In dem vorliegenden Fall der Muße ist es die ständige Erwartungshaltung. Wir müssen dieses und jenes Sinnvolles mit unserer Zeit anfangen. Müßig kann nur derjenige sein, der es schafft, sich ganz auf die Gegenwart zu konzentrieren und sich vorübergehend von seinen Erwartungen zu befreien. Muße ist nämlich die Zeit, die ihren Wert in sich selbst trägt und keinem festgelegten Zweck dient.
Vergiss also den Sinn und Zweck deiner Tätigkeit und denke ausnahmsweise nicht darüber nach, wie wertschöpfend sie ist. Leichter gesagt als getan. Der erste Schritt in die richtige Richtung ist dann getan, wenn es dir gelingt, dich von meist über Jahre etablierten Gedanken zu befreien: Du musst nicht dauernd nach Optimierung streben und Optionen abwägen. So kann beispielsweise das Lesen eines Buches eine wunderbare Form von Müßiggang sein – aber nur, wenn du dabei nicht ständig darüber nachdenkst, ob es nicht vielleicht noch eine bessere Literatur zum Thema gäbe oder wie nützlich die Lektüre für deine Karriere ist.
Von Wegen Zeitersparnis
Die Idee, Zeit als ein begrenztes Gut zu betrachten, kam mit dem Übergang vom Mittelalter in die Renaissance auf. Befördert vom technischen Fortschritt und seinen Errungenschaften (z.B. der Turmuhr), verloren die alten Autoritäten an Einfluss. Die Zeit der Menschen begann, eine immer größere Rolle zu spielen und vor allem immer wertvoller zu werden. Die messbare Zeit ließ sich nun auch ein fester Wert zuschreiben, und zwar in Form von Geld. Dadurch wurde Geld zu einer Art Speichermedium für Zeit.
Daraus folgt in einer Gesellschaft, in der Zeit gleich Geld ist, dass Muße keinen Wert besitzt. Das ist der Grund dafür, dass die Moderne ihr Versprechen von der Zeitersparnis nicht halten konnte. Durch technischen Fortschritt und gesteigerte Effizienz, so hieß es, sollten die Menschen mehr Zeit für die wichtigen Dinge im Leben bekommen. Daraus ist nur leider nichts geworden, denn Fakt ist: Menschen in der westlichen Welt fühlen sich gestresster denn je. Anders als versprochen haben Industrialisierung und Digitalisierung keine Zeitersparnis gebracht, sondern lediglich den Alltag und die Arbeitsabläufe beschleunigt.
Fazit
Beschleunigung, Verdichtung und Stress kennen wir alle. Und weithin gilt die Devise „Zeit ist Geld“ und Muße wird als Verschwendung fehlgedeutet. Doch genau das Gegenteil ist der Fall. Müßiggang ist extrem wichtig für die Regeneration von Körper und Geist. Sie sorgt für Gelassenheit, fördert die Kreativität und erhöht die Konzentrationsfähigkeit. Damit es einem möglich wird, Muße zu erleben, muss man dem Drang zur Optimierung widerstehen, dass Effizienzdenken abstellen, sich beschränken lernen (Stichwort Selbstfürsorge) und selbstbestimmt über seine Zeit entscheiden.
Die vor uns liegende Weihnachtszeit ist der ideale Zeitpunkt, um Muße zu erleben. Denn schließlich steht jene Zeit für ein „zur Ruhe kommen“ und Besinnlichkeit. Doch Hand aufs Herz: Schauen wir uns jetzt genauer um, so sehen wir vielerorts eher das Gegenteilige. Ich hoffe, ich konnte ein wenig Licht ins Dunkle bringen und der Müßigkeit Gehör verschaffen.
Seit 2004 begleitet Dr. Hans-Dieter Hermann die deutsche Fußball-Nationalmannschaft als Sportpsychologe. Damit fallen sowohl das Sommermärchen, einige Halbfinal- und Finalteilnahmen bei EM- und WM-Endrunden wie auch der Titel bei der Fußball-WM 2014 in Brasilien in seine Amtszeit. Wobei er sich überzeugend von Zuschreibungen von Erfolgen des Teams auf seine Person distanziert. Vielmehr sieht er sich als Helfer im Hintergrund. Er gilt als eine Grundfeste in der zweiten Reihe des Teams hinter dem Team, als einer, der wenig Aufhebens um seine Person mache und im System auch nicht anecke. Demgegenüber hat er beim Deutschen Fußball-Bund (DFB) innerhalb seiner 18-jährigen Dienstzeit beim Nationalteam eine zentrale Position, was beispielsweise die Besetzung von sportpsychologischen Stellen etwas in den U-Mannschaften angeht. Mit dem Ausscheiden der deutschen Fußball-Nationalmannschaft in der Vorrunde der Fußball-WM 2022 wächst nun auch die Kritik an seinem Arbeitsbereich, schließlich werden von den Experten und Expertinnen insbesondere das Auftreten, Wille, Einsatz, Kommunikation, Körpersprache und der Teamzusammenhalt negativ bewertet. Wie groß der Einfluss von Dr. Hans-Dieter Hermann eben auf diese Punkte ist, lässt sich aus der Außenperspektive nicht bewerten. Aber es stellen sich andere Fragen, die wir im Kreis von Die Sportpsychologen offen, konstruktiv und wertschätzend diskutieren. Muss sich die Sportpsychologie anders präsentieren, welche Lehren bietet das erneute WM-Vorrunden-Aus auch aus sportpsychologischer Sicht und inwiefern sollten wir versuchen, das System Profi-Fußball zu verändern?
In der Sportpsychologie gehört Zurückhaltung zu den Basisqualifikationen. Dr. Hans-Dieter Hermann hat diesen Stil in seinen bisherigen 18 Jahren im Dienste des DFB geprägt und ist dennoch zum Gesicht der Sportpsychologie im Fußball geworden. Er hat wesentlich zur Verbreitung der Sportpsychologie im deutschen Profisport beigetragen. Warum ist es so wichtig, in einem System Zurückhaltung zu wahren?
Damit hat Hans-Dieter Hermann absolut recht. Denn die Leistung wird von den Sportlern erbracht, und ein guter Sportpsychologe kann aus einem Fußballer wie auch aus einer Mannschaft nur rausholen, was auch drinsteckt. Daher ist die Leistung, die auf dem Feld gezeigt wird, nie das Verdienst des Sportpsychologen. Die eine tolle Motivationsrede, an deren Vorbereitung er mitgewirkt hat, wird nicht dazu führen, dass aus Maultieren plötzlich rassige Rennpferde werden. Die Sportpsychologie ist deshalb im Hintergrund gut aufgehoben. Sie wirkt wie ein Zahnrad in einem gut geölten Mechanismus. Macht sie ihre Arbeit gut, merkt man es nicht. Fehlt etwas, kann an allen Ecken und Enden etwas wackeln.
Aus meiner Sicht hat das gar nichts mit “Zurückhaltung” zu tun. Wenn man dabei das “gezeigt werden, z.B. im Fernsehen” meint. Sportpsycholog*innen haben schlichtweg nichts auf dem Platz oder auf einer Ersatzbank zu suchen. Was sollen sie denn auch dort machen? Athletiktrainer müssen das Aufwärmen umsetzen. Physiotherapeuten und Ärzte werden mitunter auch mal schnell auf dem Spielfeld gebraucht, aber wir Sportpsychologie*innen? Wann werden wir denn einmal akut gebraucht? Wir müssen unseren Job vor dem Wettkampf erledigen. Umsetzen müssen das dann die Athlet*innen alleine auf dem Platz. Wenn ich dann mal bei Wettkämpfen bei von mir betreuten Athlet*inne dabei war, habe ich immer auf der Zuschauertribüne gesessen und das war auch gut so. Dass sich ein Psychologe nicht in den Medien zu seinem Klienten äußert, versteht sich aus berufsethischen Gründen von selbst.
Als Sportpsychologe/Sport-Mentaltrainer ist es wichtig, in einem System Zurückhaltung zu wahren, weil es sonst schwer fällt, die Objektivität zu wahren, was als fester Teil eines Systems häufig schon genügend Herausforderungen mit sich bringt.
Wenn die eigene Identifikation mit einem Verein oder einer Mannschaft zu hoch ist, erhöht dies die Gefahr, den Überblick über die Situation zu verlieren und das wiederum beeinflusst den Umgang und auch die zu treffenden Entscheidungen. Denn insbesondere der Blick von „Außen“, der Abstand zur emotionalisierten Situation, ist das wertvolle und bereichernde, wenn Menschen vor Herausforderungen stehen, die sie noch nicht bewältigen können.
Zurückhaltung bedeutet jedoch keineswegs, dass keine Leidenschaft für den Sport zu spüren ist oder auch keine Sympathien für Vereine und Verbände existieren dürfen. Im Gegenteil: Ich bin überzeugt davon, dass man als Sportpsychologe/Sport-Mentaltrainer viel Leidenschaft für den Sport entwickeln muss. Nur so kann man die Spieler authentisch erreichen, motivieren und ihnen helfen, ihr Potenzial auszuschöpfen. Prinzipiell halte ich es, im Sinne der Zurückhaltung, mit Dr. Hans-Dieter Hermann, wenn er sagt: „Erfolg hat der, der andere erfolgreich macht!“
Welche Alternativen gibt es, um in einem System wie einem Verband oder einer Nationalmannschaft aber nachdrücklicher aufzutreten, damit auf mögliche Fehlentwicklungen aufmerksam zu machen und Veränderungen anzuregen? Und welche Gefahren verbinden sich damit, die Rolle des Beobachters zu verlassen?
Aus meiner Sicht gibt es in der sportpsychologischen Betreuung einer Nationalmannschaft zwingend zwei unterschiedliche Funktionen, die strikt voneinander zu trennen sind. Jene der Unterstützung des Staffs und insbesondere des Cheftrainers. Dieser könnte sich ein persönliches Coach-the-coach „anschnallen“, was zum einen sein persönliches Commitment hinsichtlich der Sportpsychologie offensichtlich machen und zum anderen auch der Wahrung der Intimsphäre der Spieler dienen würde. Die Spieler müssten demzufolge von einer anderen Person sportpsychologisch begleitet und betreut werden. Im Netzwerk haben wir dazu einige spannende Erfahrungen gemacht und entwickeln dazu auch Angebote für den Spitzensport.
Dr. Hanspeter Gubelmann
Maria Senz
Antwort von: Maria Senz (zum Profil)
Im besten Fall ist der Sportpsychologe Teil des Systems mit klar abgegrenzten Aufgaben- sowie Verantwortungsbereichen. Alle Beteiligten haben die gleiche Möglichkeit, vom Einsatz eines Sportpsychologen zu profitieren. Das Trainerteam, die Athleten und weitere Akteure bringen ihre unterschiedlichen Themen als Team oder einzeln vor und der Sportpsychologe kann als Teil des Systems agieren und aus dieser Perspektive Fragen, Vorschläge und Anregungen einbringen. Kommunikationshürden fallen weg, da der Sportpsychologe in direktem Kontakt mit den Teilnehmern steht, ohne den Umweg über andere Personen zu gehen. Das mindert den Abstimmungsaufwand und die Teilnehmer können ihre Gespräche eigenständig und frei organisieren. Vielleicht fördert diese Art der Geheimhaltung den Weg zum Sportpsychologen. Im optimalen Fall kann der Sportpsychologe sogar die Abrechnung anonym einreichen, so dass die Teilnehmer namentlich unerwähnt bleiben.
Eine Gefahr kann dann eintreten, wenn der Sportpsychologe seinen Aufgaben- und Verantwortungsbereich aus den Augen verliert. Als Teil eines Systems verschwimmen oft Grenzen. Eine der wichtigsten Grenzen ist Geheimhaltung. Diese und weitere Grenzen sollte sich der Sportpsychologe regelmäßig bewusst machen und in seinen unterschiedlichen Rollen achtsam einsetzen, so dass eine professionelle und souveräne Begleitung jederzeit gewährleistet ist.
Die Möglichkeit, nachdrücklicher aufzutreten, besteht immer, wenn man Teil eines Systems ist. Meiner Erfahrung nach wollte der Bundestrainer immer meine Meinung zu bestimmten Ereignissen hören. Die Antwort war dann nicht immer ganz leicht, weil ich ja auch die Privatsphäre meiner Sportler*innen achten muss, aber nach meiner Meinung wurde ich eigentlich immer gefragt. Dann allerdings erst im Debriefing eines Wettkampfes, eher selten im Briefing.
Generell sehe ich die Sportpsychologen/Sport-Mentaltrainer mit ihren Kompetenzen als eine unterstützende und hilfreiche Instanz, um solche Prozesse zu begleiten. Aus meiner Sicht ist die Arbeit mit Menschen auch immer unter Einbezug des jeweiligen Systems zu berücksichtigen. Daher verläuft parallel zur Arbeit mit dem/der SportlerIn stets auch ein Organisationsentwicklungs-ausgerichteter Blick. Dieser Blick ist wertvoll, um auf strukturelle-, kommunikative- und beziehungsorientierte Prozesse hinzuweisen, die suboptimal erscheinen und den Gesamterfolg erschweren.
Allerdings gilt es an dieser Stelle, die Rollen zu klären. Sicherlich kann dies mit einer vertrauensvollen Zusammenarbeit von den fest involvierten Sportpsychologen in Personalunion geschehen, also zuständig für die Spieler und Mannschaft und gleichzeitig auf Meta-Ebene auf mögliche Fehlentwicklungen aufmerksam machen und Veränderungen anregen. Es birgt die Gefahr, dass der Input von einer Person stammt, die bereits zu sehr Teil des Systems ist und dies gelegentlich nicht als bereichernde Fremdwahrnehmung aufgefasst wird.
Sinnvoller erachte ich es allerdings, wenn im Verband oder in der Nationalmannschaft die Haltung entsteht, dass der unabhängige Blick von außen, von einem Experten für strukturelle-, kommunikative- und beziehungsorientierte Prozesse, unabdingbar ist, um tiefgreifende Reflektion zu erzeugen, die in Selbsterneuerung und positiver Veränderung mündet. Ich werbe dafür, dass wir die Überzeugung, dass es hilfreich ist, emotionale Verstrickungen von einem Dritten begleiten zu lassen, nicht nur auf der Ebene der Sportler leben, sondern diese Haltung auch auf der Ebene der Trainer, Funktionäre und Vorstände übertragen.
In der Sportpsychologie gilt in der Regel die Maßgabe der Freiwilligkeit. Sportler und Sportlerinnen, allen voran im Teamsport, werden nicht zur Sportpsychologie gezwungen. Welche Wege gibt es, innerhalb eines Systems auf die eigene Dienstleistung aufmerksam zu machen und wo sind vielleicht auch ethische Grenzen gesetzt? Wann und wo können Grenzen neu gezogen werden?
Die Freiwilligkeit gilt auch für mich als „oberste Massgabe“. Für die Aufmerksamkeit der sportpsychologischen Dienstleistung ist aber grundsätzlich ein anderer zuständig: der Cheftrainer! Dieser MUSS zwingend eine klare Erwartungshaltung gegenüber dem Team und den Einzelspielern äussern und ihnen den engen und direkten Austausch mit dem sportpsychologischen Personal wirklich ans Herz legen. Vielleicht kann er auch aus eigener Erfahrung als Spieler berichten und/oder zusammen mit dem Team-Sportpsychologen gemeinsame Strategien und Vorgehensweisen erläutern. Damit drückt er Vertrauen und Wertschätzung gegenüber den Sportpsychologie aus. Wenn Hansi Flick in Zukunft vermehrt auf sportpsychologische Unterstützung bauen will, muss er zu 100% hinter dieser Dienstleistung stehen. Ansonsten sehe ich für unsere Anliegen im Hinblick auf 2024 keine wirkliche Chance.
Vielleicht würde es Sinn machen, diese Maßgabe in Ruhe zu diskutieren. Denn es ist ja so: Gibt es eine Politik der offenen Tür, also “jeder, der den Sportpsychologen oder die Sportpsychologin braucht oder will, kann kommen”, kann sich eine Dynamik entwickeln, die SportlerInnen daran hindert, dieses Angebot auch zu nutzen. Wer will dann schon den Eindruck erwecken, das zu brauchen? Ich habe in meiner Laufbahn schon mehrere Male erlebt, dass Fußballer zu mir kamen, die im Verein ein sportpsychologisches Angebot hatten, nach dem Motto der offenen Tür. Sie haben es aber nicht genutzt, weil sie nicht wollten, dass jemand denken könnte, dass… Manchmal auch auf die Ansage ihres Managements. Es stehen ja manchmal auch Vertragsverhandlungen an, und wenn ein Profi dann ständig beim Sportpsychologen ein und aus geht, kann der Eindruck entstehen, er hätte vielleicht ein Problem. Nicht, dass das der Realität entsprechen muss. Aber Verhandlungen werden häufig auch aufgrund von Vermutungen geführt, von Prognosen, sie sind Wetten auf die Zukunft. Und da kann es je nach Verein auch wirklich Probleme geben. Manche Manager sind ja immer noch der Meinung, dass nur die “Weicheier” die Sportpsychologie brauchen, obwohl sie einen Sportpsychologen beschäftigen, weil man das jetzt halt irgendwie müsse, im Leistungssport.
Sagt man stattdessen: Alle zwei Wochen schaut jeder Spieler für eine halbe Stunde in der Sportpsychologie vorbei, auf Wunsch auch häufiger, dann entfällt das Stigma für jene, die das eh tun würden. Und die anderen, die sich nicht getraut hätten, aber doch gerne würden, haben dann die Möglichkeiten, ihre Themen zu besprechen. Und jene, die nicht wollen, brauchen ja nicht ihr Inneres nach außen kehren. Sie können auch sagen: Alles in Ordnung bei mir, ich laufe mental komplett rund. Dann kann man zusammen mit dem Psychologieprofi schauen: Was kann ich für mein Team tun, für einen bestimmten Mitspieler, der vielleicht weniger stabil ist, wie kann ich kommunikativ möglichst hilfreich für die Mannschaft sein? Auch das ist möglich und liegt in unserer Kompetenz.
Dafür ist natürlich eine Rollendefinition Voraussetzung, die nicht sagt: “Zur Sportpsychologin gehst du, wenn du ein psychisches Problem hast, dass du nicht alleine in den Griff bekommst, und dann redet ihr mal drüber”, sondern: “Zur Sportpsychologin gehst du, weil mentale Fitness ein wichtiger Baustein für die Professionalität ist. Auch SpielerInnen, die kein akutes “Problem” haben, profitieren von mentalen Strategien. Dann geht es um Leistungssteigerung, Regeneration, Verletzungsprävention, und dann kann man sagen: Die Beschäftigung mit der eigenen Psychologie ist Teil des professionellen Trainings, genauso wie das Athletiktraining oder das Ausdauertraining und der Check beim Arzt. Da geht man ja auch nicht erst hin, wenn was kaputt ist. Meine Erfahrung mit diesem Setting ist gut. Selbst SpielerInnen, die erst skeptisch waren, entdecken bald, dass die Sportpsychologie viel bietet, was ihnen weiterhilft. Die eigenen Emotionen besser steuern, damit vielleicht sogar eine gelbe Karte vermeiden. Die mentale Spannung optimal einstellen. Selbst bei ganz starken Spielern zeigt sich: Ein bisschen geht immer noch. Und das ist ja im Spitzensport manchmal das Zünglein an der Waage.
Mein Plädoyer: Befreit die Sportpsychologie von der Idee, sie müsse freiwillig sein, weil das die Vorstellung verstärkt, das brauchen nur manche. Fakt ist: Jeder Mensch, der Sport auf einer professionellen Ebene betreibt, profitiert davon, und das Angebot der SportpsychologInnen sollte Teil des selbstverständlichen Trainings werden. So steigt auch die Akzeptanz, weil Sportler und Vereine schnell merken: Wow, da geht was!
Leistung setzt sich aus einer Vielzahl von Faktoren zusammen. Einer davon ist die mentale Komponente. Sie ist aus meiner Sicht, und hier teile ich die Gedanken von meiner Kollegin Anke Precht, ihrer Bedeutung gleichrangig zu sehen, wie z.B. die taktische Schulung, technische Fertigkeiten oder Kraft- und Ausdauerkomponenten. Sportpsychologisches Training ist demnach immens Unterschiedsbildend, wenn es organisch im Trainingsplan implementiert ist.
Die Idee der Freiwilligkeit ist weit verbreitet und ich kann dem auch vieles abgewinnen, dass mit solchen Themen rund um die Psyche sensibel umgegangen werden möchte. Dennoch ist es aus meiner Sicht von Vorteil, sportpsychologische Einheiten und mentales Training, zumindest im Jugendbereich organisch, wie auch andere Trainingsformen, einzuführen, damit jede junge Leistungssportlerin und jeder junge Leistungssportler die Möglichkeit hat, wichtige Kernkompetenzen in diesen Bereichen zu erlangen, die nicht nur für das sportliche Leben nützlich sind, sondern auch in allen anderen Lebensbereichen hineinwirken. Im Freiwilligenkontext gibt es nachvollziehbare Faktoren, die den Zugang zur Sportpsychologie erschweren. Neben Zeitmangel durch die Doppelbelastung Schule/Familie/Ausbildung und Sport führt auch die fehlende Erfahrung mit mentalem Training dazu, noch keinen Zugang zu diesem Thema und das Bewusstsein zu haben, was damit zu erreichen ist.
Zurück zum Profisport: Auch hier kann es von Vorteil sein, gewisse Aspekte der Sportpsychologie organisch in den Trainingsplan einfließen zu lassen, denn vielmehr geht es hier um eine gesunde, stabilisierende und förderliche Haltung zur eigenen Person, zu anderen und zu äußeren Umständen. Wie ich finde, beinhaltet genau das wichtige Copingstrategien, um im Leistungssport lange gesund und glücklich zu bleiben.
Für das Gelingen ist es essentiell wichtig, dass Trainer im Verein die sportpsychologische Begleitung nicht nur proaktiv befürworten, sondern diese auch selbst in Anspruch nehmen. Das dient der eigenen Entwicklung als Trainer und ebenso aktiviert es das „Lernen am Modell“ bei den Leistungssportlern.
Freiwilligkeit ist für mich immer eine Grundvoraussetzung. Es wird ja auch kein Sportler gezwungen, zum Arzt oder zum Physio oder zum Athletiktrainer zu gehen. Man kann das ja empfehlen, aber die Entscheidung trifft der Athlet selbst. Wir alle wollen doch den mündigen Athleten. Über Möglichkeiten und Grenzen kläre ich die Athlet*nnen zu Beginn, also bei meinem Eintritt “in das System” auf. Und das sollte dann eigentlich auch genügen.
Prof. Dr. René Paasch bei Sky Sport News HD (Quelle: Sky)
Wir als Die Sportpsychologen stellen immer wieder fest, dass auch im Profi-Sport wenig Wissen über die Sportpsychologie vorhanden ist und wie schwierig es sein kann, bestimmte Systeme zu erreichen. Muss die Sportpsychologie offensiver werden, um für sich und seine Potentiale zu werben?
Wissen zu bekommen, ist eine Holschuld, keine Bringschuld von uns. Es ist ja nicht so, dass man zu diesem Thema keine guten und seriösen Informationen finden kann. Ich denke nicht, dass wir offensiver werden müssen.
Das ist ein schwieriges Thema. Offensiver – in wie fern? Ich denke, wir dürfen gerne mehr Präsenz zeigen, wir dürfen unsere Themen gerne noch sichtbarer machen über Blogs, Podcasts, Videos, Vorträge… Und dabei vielleicht weniger die Problemseite aufzeigen, sondern auch die Möglichkeiten und Chancen aufdecken, wenn alles rund läuft. In der Sportpsychologie geht es ja nicht nur darum, mentale Blockaden zu lösen oder Stress und Ängste abzubauen, sondern es geht auch um proaktives Vorgehen, Entspannung & Regeneration, Fokussierung und den Erhalt der Freude bzw. der Motivation am Sport.
Je mehr Aufmerksamkeit man erregt, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit, dass man von den entsprechenden Entscheidungsträgern wahrgenommen wird. Also, ja, ich denke, die Sportpsychologie sollte offensiver werden, um für sich und ihr Potential zu werben. Ich glaube an große Synergieeffekte, wenn engagierte Menschen, Verbände und Arbeitsgemeinschaften durch gelingende Kooperationen ihre Kräfte bündeln und gemeinsam handeln, um für die uns anvertrauten Menschen im Sport bestmögliche Lösungen zu finden.
Ich sehe unsere Arbeit als gesellschaftlichen Beitrag an: Nämlich den Menschen, der Leistungssport betreibt, in den Mittelpunkt zu stellen. Durch die humanistisch ausgerichtete Haltung in Vereinen und Verbänden gelingt es, dass sich weniger schädliche Symptome, wie z.B. Depression oder Burnout ausprägen, sondern stattdessen die psychische Gesundheit gestärkt wird, welche auf und neben dem Platz von zentraler Bedeutung ist. Das kann nur im Sinne aller Entscheidungsträger sein. Weiter gedacht hört das natürlich nicht bei den Vereinen auf, sondern es tangiert auch die Medienlandschaft und die Art und Weise der kritischen Berichterstattungen.
Es gilt das zu stärken, was im Verein und in den Mannschaften bereits vorhanden ist und da zu ergänzen, wo Probleme oder Defizite im strukturellen und Zwischenmenschlichen uns einen Hinweis auf ungenutzte Lösungs- und Entwicklungsmöglichkeiten geben.
Für mich stellt sich eher die Frage, wie kann die Sportpsychologie offensiver werden, um für sich und ihre Potenziale zu werben? In “offensiv” steckt das Wort offen. Die Sportpsychologie sollte im ersten Schritt verständlich, anschaulich und sichtbar für ihre Potenziale werben und zeigen, was möglich werden kann.
Die aktuelle Situation erscheint mir derart, dass das Angebot an sportpsychologischem Coaching die Nachfrage übersteigt, zumindest macht es nach außen den Anschein. Wie schafft es also die Sportpsychologie das Angebot lukrativ zu gestalten, dass eine intrinsische und freiwillige Nachfrage eintritt?
Aufklärungsarbeit:
Aufzeigen, was durch Einsatz von Sportpsychologie möglich werden kann
Berichten von Referenzbeispielen (anonym oder offen)
Beschreiben von Methoden/Vorgehensweisen, verständlich für die Zielgruppe
Einsatz geeigneter Sprache/Wording/Begriffe
Aufzeigen eines Entwicklungsprozesses, den ein Athlet durchläuft und an welchem Punkt, welche Themen auftreten können
Abgrenzen der Themen:
Welche Themen sind im Rahmen der Sportpsychologie machbar?
Definieren der Zielgruppen:
Welche Zielgruppen sind im System?
Wer profitiert vom Einsatz der Sportpsychologie?
Womit kann welche Zielgruppe erreicht/überzeugt werden?
Ein Thema im Rahmen der Sportpsychologie ist Zielearbeit. Die Sportpsychologie sollte sich auch Ziele setzen, zum Beispiel die Gleichstellung zu Athletik-, Technik- und Taktiktraining. Ein erster Schritt hierbei: Etablieren von Mentaltraining als regelmäßige Trainingseinheit im Trainingsplan. Nicht als Zusatz, sondern anstelle einer körperlichen Trainingseinheit.
Was können wir als Beobachter vom Ausscheiden der deutschen Nationalmannschaft bei der WM in Katar lernen?
Lernen? Ich habe mir überlegt, welche Frage(n) ich dem Nationaltrainer stellen könnte, um sich dem Grund des frühzeitigen Ausscheidens zu nähern. In einem weiteren Schritt müsste dann erörtert werden, was im Hinblick auf die EM 2024 im eigenen Land unbedingt unternommen werden müsste, um in die Erfolgsspur zurückzukehren?
Als Schweizer drängt sich hierzu ein netter Vergleich auf. Die „Schweizer Nati“ besteht vorwiegend aus Bundesliga-erprobten Spielern, die – in der Aussensicht – nominell einer „B-Auswahl der DFB-Elf“ entsprechen würde. Wie kann es nun sein, dass die Schweiz in den vergangenen drei Turnieren (WM 2018, EM 2020 und WM 2022) immer erfolgreicher abgeschnitten hat als die vermeintlich deutlich stärker besetzte DFB-Auswahl?
Früher galt ja: „… und am Ende siegen die Deutschen“. Daran hat sich offensichtlich etwas Grundlegendes geändert, wie es der Hoffnungsträger im deutschen Team, Kai Havertz, in seiner Analyse beschrieb. „Wir sind keine Turniermannschaft mehr!“ Tatsächlich unterscheidet sich Deutschland hier insbesondere in einem spannenden Merkmal von den kecken Eidgenossen: Deutschland hat seit 2018 alle seine Auftaktspiele in der Gruppenphase verloren, die Schweiz dagegen keines! Sodann würde meine Frage an Hansi Flick lauten: Wo steckt hier der „mentale Wurm“ drin? Und noch viel entscheidender: Wie werden seine Kicker im ersten Spiel an der Heim-EM 2024 auftreten, wo aber wirklich ALLE einen erfolgreichen Start des Teams erwarten werden?
Lauscht man den vielen Interviews an diesen Tagen, dann höre ich immer wieder die Floskel: „Am Ende des Tages …“. Ja, ich weiß schon, das gehört zu einer gelungenen Ursachenzuschreibung für die Aufrechterhaltung der Leistungsmotivation. Mich hätte aber viel mehr interessiert, was am „Anfang des Tages…“ Thema war… Ich persönlich habe nichts “gelernt”. Ich habe beobachtet und natürlich bestimmte Hypothesen darüber generiert, warum Deutschland so früh ausgeschieden ist. Da ich aber nicht dabei war und keine Interna kenne, bleibt das alles auch hypothetisch. Die Mannschaft hat das erste Spiel verloren und die beiden anderen Spiele haben eben nicht gereicht, um im Turnier zu bleiben. Das ist die Realität. Man sollte sich also niemals zu sicher sein und bei jedem Spiel alles geben. Ob das die deutsche Mannschaft gemacht hat, wissen auch nur diejenigen, die auf dem Platz standen. Wenn das so war, dann muss sich niemand grämen. Man kann immer im Sport verlieren, wenn man weiß, dass man alles gegeben hat. Das ist keine Schande.
Aus meiner entfernten Beobachtung stellt sich mir die Frage: wo sind eigentlich unsere Messis, Asanos & Co geblieben? Spieler, die Vertrauen und Sicherheit vermitteln. So, dass ein ruhiger, strukturierter Spielaufbau möglich wird, um am Ende diese Spielermagneten vorm Tor zu avisieren, bereit für den Ball und mit einer gekonnten Berührung durch Fuß, Schulter oder Kopf das ersehnte Tor erzielen.
Mein Learning: Wir brauchen wieder eine Mannschaft, die mit Leidenschaft und Spaß Fußball spielt. Eine Mannschaft mit eigenem Siegeswillen, Ehrgeiz und Antrieb. Eine Mannschaft, die sich stabil und souverän über den Rasen bewegt, routiniert und mutig ihre Taktik aufs Feld bringt und Tore schießt. Eine Mannschaft, die Ziele hat – Ziele mit Fokus auf eine Halbzeit, ein Spiel, eine Vorrunde, eine Weltmeisterschaft. Ziele sind wie ein 5-Sterne-Menü: Je kleiner und feiner die Portionen, desto bekömmlicher.
Eine spannende Frage, was wir von der WM lernen können? In Anbetracht der Leistung können wir lernen, dass es wichtig ist, sich nicht zu sehr an den Ergebnissen der Mannschaft zu orientieren. Stattdessen sollte man sich auf die Freude am Spiel konzentrieren und das Beste hoffen, denn beides war gegen Spanien deutlich zu beobachten. Dies erzeugt einen Optimismus für die Heim-EM 2024.
Zu lernen ist auch, dass es sich immer lohnt, sich zu fragen, wer die Verantwortung für öffentlich wirksame Aktionen, in einer hierarchischen Struktur, trägt? Analog zu einer sehr konfliktreichen Situation in einer Großfamilie, die ich familientherapeutisch begleite, frage ich mich, weshalb die „Kinder“ ein Zeichen gegen die „verhasste Nachbarsfamilie“ setzen sollten? Wäre es nicht die Aufgabe der “Eltern”, diesen Konflikt zu klären, zu lösen und den Kindern weiterhin die Möglichkeit zu geben, auch unter widrigen Bedingungen gut zu gedeihen und weiter spielen zu können?
Ich möchte damit niemanden von den Nationalspielern als Kind bezeichnen, sondern auf ein strukturelles Vorgehen aufmerksam machen, das vermeintlich Einfluss und Auswirkung auf Einzelne genommen hat.
Die Hand-vor-dem-Mund-Aktion von der Mannschaft und dem Staff ist ehrenwert und gleichzeitig wurde an dieser Stelle die Verantwortung auf den Teil der Nationalmannschaft gelegt, die den höchsten Erfolgsdruck hatte und dann auch, wie zu lesen war, die internen Diskussionen führten und sich innerlich und äußerlich damit auseinandersetzen mussten. Aus meiner Sicht gehören diese Diskussionen auf die Ebene der Funktionäre und auch auf dieser Ebene wäre ein Symbol/Zeichen noch kraftvoller gewesen, denn dort begegnen sich Teile der „Familien“.
Und damit sind wir wieder bei sportpsychologischer Begleitung, denn auch Funktionäre, Vorstände und Präsidenten profitieren bei emotional aufwühlenden Lebensereignissen von Austausch- und Reflektionsmöglichkeiten mit Dritten.