Prof. Dr. Oliver Stoll: “Schwarmwissen ist unser dickes Pfund”

Seit 28 Jahren ist Prof. Dr. Oliver Stoll Mitglied der Arbeitsgemeinschaft für Sportpsychologie in Deutschland (asp). Die Hälfte dieser Zeit hat er im Vorstand der Berufsvereinigung verbracht. Bei der bevorstehenden Jahrestagung, die zwischen dem 13. und 15. Mai 2021 in Tübingen organisiert aber online stattfinden wird, stellt sich der Leipziger nun zur Wahl für das Präsidentenamt. Stoll tritt mit einem Team an, zu dem Prof. Dr. Matthias Weigelt (Internationales und Forschung), Prof. Dr. Ines Pfeffer (Geschäftsführerin), Jun. Prof. Dr. Franziska Lautenbach (Wissenschaftlicher Nachwuchs), PD Dr. Jana Strahler (Gesundheit), PD Dr. Mirko Wegner (Gesundheit) und Dr. Christian Reinhardt (Leistungssport/Fußball) gehören. Was er mit seinen MitstreiterInnen und dem Verband vor hat, verrät er im Interview mit Mathias Liebing, Redaktionsleiter von Die Sportpsychologen.

Prof. Dr. Oliver Stoll, was willst du als zukünftiger Präsident der Arbeitsgemeinschaft für Sportpsychologie in Deutschland verändern?

Die ASP ist in den letzten Jahren weiter gewachsen. Wir haben mittlerweile weit über 500 Mitglieder aus Wissenschaft, aber eben auch zunehmend aus der sportpsychologischen, praktischen Tätigkeit. Mit Matthias Weigelt haben wir im zur Wahl stehenden Präsidium einen hervorragenden Experten, der in beiden Bereichen ausgewiesen ist. Hier gilt es die Erkenntnisse aus Forschung und Praxis in eine schnelle und unkomplizierte Kommunikation zu bringen. Wir wollen darüber hinaus den Bereich „Gesundheit“ weiter ausbauen. Im Bereich Leistungssport haben wir in den letzten Jahren schon gute und zuverlässige Strukturen, vor allen Dingen im Bereich Aus- und Fortbildung aufgebaut. Ähnliches schwebt uns für den Gesundheitsbereich vor. Aus diesem Grund haben wir auch diesen Bereich mit Mirko Wegner und Jana Strahler, also zwei Expert*innen vorgesehen. Wir sehen außerdem im Bereich Kommunikation nach innen und nach außen noch „viel Luft nach oben“. Bewährte und wichtige Aufgaben sollen Franziska Lautenbach (Sportpsychologischer Nachwuchs) und Ines Pfeffer (Geschäftsführerin/Finanzen) verantworten. Wir möchten jedoch die anstehenden Aufgaben nicht alleine im dunklen Hinterzimmer angehen, sondern wir planen auch die Hinzunahmen von Expertise sowohl aus der Mitgliedschaft (ggf. mit Gründung von Ad-hoc Kommissionen) oder aber auch von außen (z.B. von Experten für Öffentlichkeitsarbeit und Medien). Es gilt natürlich die schon vorhandenen Netzwerke und Kooperationspartner weiterhin zu pflegen und zu unterstützen. Das beginnt bei der Deutschen Vereinigung für Sportwissenschaft und dem Deutschen Olympischen Sportbund, geht über den Bund Deutscher Psychologen, der Deutschen Gesellschaft für Psychologie bis hin zum Bundesinstitut für Sportwissenschaft und unseren Partner-Organisationen im deutschsprachigen Ausland. Wir arbeiten auch an einer Zusammenarbeit mit dem Deutschen Fußball-Bund.   

Fragt man den Suchmaschinenriesen Google nach dem Kürzel “asp” kommt die Antwort, dass es ein Akronym für Anwendungsdienstleister sei. Oder eine mäßig erfolgreiche Gothic-Rockband aus Frankfurt. Wer weiter sucht, findet dann noch etwas zur afrikanischen Schweinepest. Der Vermerk zur asp-Homepage taucht erst am Ende der zweiten Trefferseite auf. Hat die organisierte deutsche Sportpsychologie das Internet und die Digitalisierung verschlafen?

Ganz schön freche Frage, Herr Liebing 😊. Nein, im Ernst – das ist wirklich eine große Aufgabe, die wir – ich würde mal sagen – nicht unbedingt verschlafen haben, aber die Homepage und vor allen Dingen unsere Social-Media Aktivitäten (die es eigentlich noch gar nicht gibt) sind die ersten Aufgaben, die es zu erledigen gilt. Ich hatte es ja schon in der ersten Frage gesagt: Kommunikation nach innen und nach außen – das ist Luft nach oben. Das wir hier vielleicht noch nicht so weit wie andere vergleichbare sportpsychologische Organisationen sind, hängt vermutlich damit zusammen, dass die asp bis jetzt in erster Linie eine Interessengemeinschaft war und überwiegend von Wissenschaftler*innen organisiert, verwaltet und entwickelt wurde. Wissenschaftler*innen sehen hier nicht unbedingt eine Priorität. Vieles davon (also z.B. Twitter und Co) fühlt sich für einen Wissenschaftler oft erst einmal ungewohnt und fremd an, da in diesem Bereich anders kommuniziert wird. Aber das wird sich sicher bald ändern. 

Inwiefern steht deine Präsidentschaftskandidatur in Konflikt zu deiner Rolle bei Die Sportpsychologen? Schließlich bist du für die 2014 gestartete Plattform der Gründungsvater und eines der bekannten Gesichter.   

Ich denke, die Tatsache, dass ich Mitbegründer der Internet-Plattform www.die-sportpsychologen.de bin, muss nicht automatisch zu einem Konflikt mit den Aufgaben und Zielen der asp führen. Die Ziele dieser beiden Institutionen sind durchaus unterscheidbar, auch wenn wir uns im selben Feld bewegen. Während es auf der Plattform mehr um sportpsychologische Inhalte der praktischen Tätigkeit geht – ganz im Sinne von: Wissenstransfer, Transparenz, Vernetzung, haben wir es bei der asp ja schon fast mit einem Berufsverband zu tun, der sich neben der Gemeinsamkeit „Netzwerken“, eher mit berufspolitischen Aspekten oder auch mit Fragen der Qualitätssicherung in der Aus- und Weiterbildung befasst. Bei der asp geht es also nicht so sehr vordergründig um Wissensvermittlung. Um Transparenz geht es bei der asp sicherlich auch, aber eben in einem anderen Zusammenhang. Hinzu kommt bei der asp, dass wir es dort auch mit Wissenschaftler*innen zu tun haben. Das spielt auf der Plattform auch eher eine untergeordnete Rolle. Und es sagt ja niemand, dass man miteinander ins Gespräch kommen könnte. Das müsste jedoch von beiden Seiten auch gewollt sein. Ähnliches gilt übrigens meines Erachtens auch für alle andere informellen Netzwerke, die in der Sportpsychologie tätig sind.   

In deinem Konzeptpapier (Link) wird deutlich, dass du die Akteure im Arbeitsbereich Sportpsychologie zusammenführen willst. Warum ist das nötig, wenn wir an Wissenschaft und Praxis denken oder die wenigen aber starken Gruppen von etablierten SportpsychologInnen im Feld? Und inwiefern soll eine Abgrenzung oder eine Einbindung von Mentaltrainern erfolgen, von denen einige seit Jahren sehr erfolgreich im Sport arbeiten, andere aber eher lauter als nachhaltiger unterwegs sind?

Das Thema Mentaltrainer*innen ist ganz sicher ein schwieriges. Die Frage, die es da zunächst zu beantworten gilt wäre, ob sich die asp dafür verantwortlich fühlt oder fühlen sollte. Es gibt sowohl Gründe die dafür, aber auch die dagegen sprechen. Qualitätssicherung ist für mich in diesem Zusammenhang immer noch das zentrale Argument. „Laut sein“ ist nicht immer ein Argument für Qualität oder auch nachhaltige Arbeit. Wir werden diese Diskussion aber sicher führen (müssen). Der Ansatz, ein mittlerweile so ausdifferenziertes Feld wie die Sportpsychologie und die im Feld aktiven Menschen zusammenführen zu wollen, ist meines Erachtens durchaus einer, der uns weiterbringen kann. Wir alle kennen die positiven Aspekte von „Schwarmwissen“ und darüber hinaus haben wir mit der hohen Expertise aus dem Bereich Wissenschaft und Forschung etwas zu bieten, was andere Protagonisten im Anwendungsfeld Sportpsychologie nicht zu bieten haben. Das ist ein echt „dickes Pfund“, mit dem wir wuchern können. 

Wo siehst du das größte Entwicklungspotential für die Sportpsychologie in den kommenden Jahren und an welchen Stellen erwartest du die schwierigsten Hürden?

Großes Entwicklungspotenzial sehe ich im Fokus auf den Bereich Gesundheit in den nächsten beiden Jahren. Wir wollen natürlich weiter wachsen und hier können wir sicher noch einige Kolleg*innen „abholen“. Unsere Jahrestagungen werden hoffentlich ebenfalls weiter wachsen, so wie schon in den vergangenen Jahren. Hier haben wir schon gute Strukturen, und wir haben mittlerweile auch viele, sehr gut ausgebildete, junge Kolleg*innen auf ihrem Weg unterstützen können, aber wir müssen auch hier weiter „investieren“. Die Praxis-Workshops sind schon nach wenigen Stunden nach Öffnung der Anmeldung ausgebucht. Hier ist die Nachfrage sehr viel größer als das Angebot. Weiterhin ist das wohl größte Potential darin zu sehen, Wissenschaft und Anwendung in einen stetigen Dialog zu bringen. Wissenschaft ist nach wie vor eine große Stärke der asp. Wir sind auch international gut vernetzt und die Europäische Organisation, die FEPSAC,  hat mit Markus Raab einen deutschen Präsidenten. Dieses Potenzial gilt es weiter auszubauen.

Die schwierigsten Hürden sind wahrscheinlich die immer noch nicht vorliegende vollständige Akzeptanz unseres Faches in allen Bereichen des Leistungs- und wettkampforientierten Hobbysports. Interesse für unser Fach ist zwar da, aber eine systematische Einbindung qualifizierter Sportpsycholog*innen außerhalb des Fußballs ist weiterhin eher die Ausnahme und nicht die Regel. 

Das zur Wahl stehende Präsidium ist jedenfalls hoch motiviert diese Aufgaben anzugehen und ich würde mich über eine Wahl sehr freuen.

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