Zum Zauber und Fluch von Heim-Events

Ganz egal, ob European Championships, eine Deutsche Meisterschaft oder ein Heimturnier. Für Sportler und Sportlerinnen sind Wettkämpfe in gewohnter Umgebung und vor allem vor einer Vielzahl an unterstützenden Zuschauern etwas besonderes. Aber was ist das Besondere? Und wie können sich Athleten, Athletinnen und deren TrainerInnen bestmöglich darauf vorbereiten? Diese Fragen haben wir in unserem Experten-Netzwerk zur Diskussion gestellt. 

Zum Thema: Was Sportler und Sportlerinnen über Heim-Events wissen sollten 

Wovon ist es eigentlich aus sportpsychologischer Sicht abhängig, ob ein Heim-Event wie eine Europameisterschaft zur Belastung oder zum mentalen Energiespender werden kann?

Kathrin Seufert

Antwort von: Kathrin Seufert (zum Profil):

Das liegt zum Großteil am Mindset der Athleten und Athletinnen. Es kann so gelagert sein, dass es so großen Druck erzeugt, der dann leistungshemmende Wirkung hat. Oder aber auch zu Freude und Unterstützung führen, was einen positiven Effekt hat. Wichtig ist, sich vorab damit auseinanderzusetzen, was mögliche Stressoren sein können und Strategien an der Hand zu haben, diesen etwas entgegensetzen zu können. Wenn ich weiß, dass volle Zuschauerränge mich als Sportler eher verunsichern, wäre es hilfreich, sich mit Techniken zu beschäftigen, die einen dabei unterstützen, bei der eigenen Wahrnehmung in erster Linie bei sich zu bleiben und wenig im Außenbereich zu sein.

Die Auseinandersetzung mit dieser Thematik hilft, die hohe Nervosität zu regulieren. Hier mal ein Positivbeispiel einer fiktiven Athletin, die ein volles Stadion eher unruhig machen: Das Wissen darüber, dass endlich mal die ganze Familie auf der Tribüne sein wird, denen das Ergebnis erst einmal völlig egal ist, die einfach sehen wollen, wie ich als SportlerIn meiner Leidenschaft nachgehe und so oder so stolz sein werden, kann die vielen anderen Zuschauer relativieren.

Antwort von Prof. Dr. Oliver Stoll (zum Profil):

Ob “Heim-Event” oder “Auswärts-Event” – das sollte eigentlich egal sein. Die Vorbereitung ist natürlich abhängig von trainingswissenschaftlicher Periodisierung und die damit verbundene mentale Vorbereitung. Ein super Beispiel bietet die enge Taktung der Leichtathletik-WM 2022 und der Europameisterschaften keinen Monat später. Wie schon erwähnt,  die Vorbereitung auf ein Top-Event sollte sich nicht unterscheiden – wenn es dann eben um den Saison-Höhepunkt geht und dies sollte, um im Beispiel zu bleiben, ja eigentlich die Weltmeisterschaft sein. Die fand nun drei Wochen vor der Europameisterschaft der Leichtathleten statt – trainingswissenschaftlich aus meiner Sicht nicht wirklich lösbar und dann sind natürlich auch die kritischen Anmerkungen zum vermeintlichen Scheitern in Eugene/USA und das grandiose Auftreten der Athlet*innen in München nachvollziehbar. Aber, um auf die Frage zurückzukommen: Ob Heim-Event oder Auswärts-Event – die Vorbereitungen sind natürlich immer individualisiert, sollten sich aber aus sportpsychologischer Sicht nicht wirklich unterscheiden. 

Wie kann eine optimale Vorbereitung auf ein Heim-Event aussehen?

Prof. Dr. René Paasch

Antwort von Prof. Dr. René Paasch (zum Profil):

Ein sportliches Großereignis verlangt eine aufwändige Vorbereitung jedes Einzelnen, des gesamten Teams sowie infrastrukturell. Damit ein Heim-Event ein Fest wird und positive Effekte für die Athleten*innen/Teams aufzeigen und das ganze Land das Event genießen kann, müssen alle an einem Strang ziehen und entsprechend auftreten. Doch stellt es auch den Gastgeber vor wichtige Herausforderungen. Beispielsweise für die Fußball Euro 24 verfolgt Philipp Lahm und sein Team einige Initiativen, die über den sportlichen Wettbewerb hinausgehen. So haben sie ein Netzwerk für den Amateur- und Kinderfußball ins Leben gerufen. Somit sollen die Vereine an der Basis Unterstützung erhalten, damit sie die Leute für das Ehrenamt begeistern und ihre Mitgliederzahlen verbessern können, wie dies nach dem Sommermärchen 2006 erzielt werden konnte. 

Ähnliches erkennen wir auch in anderen Sportarten. Schauen wir uns ein wenig das Team an. Eine optimale Vorbereitung für ein Team ist sicherlich auch die Verbesserung der Kommunikation und das Führungsverhalten auf allen Ebenen. Wo Sportler*innen, Trainer*innen und viele weitere Akteure miteinander zu tun haben, spielen Interaktion und Austausch eine zentrale Rolle. Wie eine respektvolle und wertschätzende Haltung gegenüber den Mannschaftskollegen, aktives Zuhören und Nachfassen, Fehler offen ansprechen und lösungsorientiert darauf eingehen. Auch die Athletik, die Ernährung, der Schlaf und die mentale Verfassung sind weitere wichtige Kriterien. Auch die ärztliche und physiotherapeutische Begleitung während eines Events sind von großer Bedeutung. Zu erwähnen wäre die folgende Situation bei der WM 2014. In der 109. Minute verletzt sich Mittelfeldspieler Bastian Schweinsteiger bei einem Zweikampf unter dem rechten Auge. Der blutige Cut wird am Spielfeldrand behandelt; drei Minuten später ist Schweinsteiger wieder auf dem Platz. Es gibt zahlreiche Beispiele aus verschiedenen Sportarten, die zeigen, wie wertvoll das Team hinter dem Team ist. Diese Anregungen erheben nicht Anspruch auf Vollständigkeit. Sie dienen lediglich dazu, einen groben Überblick zu geben, welche Themen eine Rolle spielen könnten.

 

Christian Hoverath

Antwort von Christian Hoverath (zum Profil):

Um optimal vorbereitet zu sein, kann der Austragungsort mit in die Vorbereitung einfließen. Dies ist allerdings unabhängig davon, ob es ein Heim- oder Nicht-Heim-Event ist. Sportler, die mit den Wettkampfstätten vertraut sind und die Besonderheiten kennen (Bodenbeläge, Lichtverhältnisse, klimatische Bedingungen, etc.) können diese Faktoren mit in ihre spezifische Vorbereitung einfließen lassen und sowohl mit dem Trainerstab als auch dem Sportpsychologen vorbereiten.

In der mentalen Vorbereitung lohnt es sich, dem Faktor Heim-/Nicht-Heim-Event Aufmerksamkeit zu schenken. Für manchen Sportler mag es Druck bedeuten, vor der heimischen Kulisse zu starten. Dann gilt es, Strategien für dieses Empfinden zu erarbeiten. Dies kann eine Umdeutung sein oder auch ein Konzentrationstraining zum Ausblenden dieser Gedanken, die Erarbeitung von Alternativplänen oder einem Fehlermanagement. Für andere mag es beflügelnd wirken, die Zuschauer im Rücken zu wissen. Wichtig ist es, individuell auf die Bedürfnisse der Sportler*innen einzugehen und passgenaue Lösungen zu finden. Richtig vorbereitet kann und soll der Austragungsort unterstützen, eine gute Leistung zu bringen.

Viele Sportler und Sportlerinnen berichten bei der Heim-EM, dass sie von den Zuschauern getragen werden. Wie funktioniert das – wie lassen sich externe Einflüsse wie jubelnde Fans für die eigene Leistungsfähigkeit nutzbar machen?

Prof. Dr. Oliver Stoll

Antwort von Prof. Dr. Oliver Stoll (zum Profil):

Während des Rennens bekommen die Athlet*innen normalerweise nichts vom Umfeld (Zuschauer etc.)  mit. Sie sind  “im Tunnel”. Darauf bereiten sich die Sportler*innen auch vor.  Der eigentlich positive Effekt zeigt sich ggf. unmittelbar und nach dem Rennen, wenn es dann erfolgreich verlaufen ist. Die Freude und die positiven Emotionen, die Athlet*innen natürlich antizipieren, können dann auch positive Wirkungen auf den Selbstwert und auf das Stresserleben haben. 

Antwort von Prof. Dr. René Paasch (zum Profil):

Die bekannteste Methode zur positiven Einwirkung auf die Leistungen der eigenen Mannschaft und Spieler bei einem Heim-Event ist das Anfeuern durch Klatschen und Gesänge, die Stimmung außerhalb der Stadien, wohingegen das Auspfeifen, das Beschimpfen oder das Entmutigen zentrale Verhaltensweisen zur negativen Beeinflussung der Leistung  darstellen. Ob diese Verhaltensweisen ihren gewünschten Effekt bei allen Spielern*innen erzielen, wird weiterhin kontrovers diskutiert. Die Wissenschaft kommt zu keinem allgemeingültigen Urteil. So findet Strauß (1999,132ff) zusammenfassende Nachweise, sowohl für einen leistungssteigernden, als auch für einen leistungsmindernden oder überhaupt keinen Zuschauereinfluss. Fangesänge können durchaus motivierend sein, aber auch zu Fehlern führen. Athleten*innen aus verschiedenen Sportarten berichten häufig von positiven Effekten seitens der Zuschauer und der tragenden Euphorie im eigenen Land. Dennoch möchte ich auf einen wichtigen Punkt hinweisen: Leistungsorientierte Teams sowie Leistungssportler*innen können diese Bedingungen nahezu ausblenden. Sie sind von ihren Vereinen oder Trainern inzwischen so gut geschult, dass sie äußere Einflüsse ignorieren können sollten.

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Mathias Liebing
Mathias Liebinghttps://www.torial.com/mathias.liebing

Redaktionsleiter bei Die Sportpsychologen und freier Journalist

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