Klaus-Dieter Lübke Naberhaus: Raus oder mittendrin im Turnier, Teamleistungen in Abhängigkeit vom Selbstvertrauen

Die deutsche Eishockey-Nationalmannschaft konnte den kühnen Hoffnungen vieler Fans hierzulande noch nicht gerecht werden. Woran fehlt es? Natürlich, an den deutschen Stars aus der NHL. Aber Topspieler fehlen anderen Mannschaften auch und dies vielleicht noch viel eklatanter. Es fehlt temporär vor allem an der Überzeugung, wirklich diesen hohen Ansprüchen zu genügen. Ein Sieg im Match am Dienstag gegen Slowakei könnte das Blatt aber wenden.

Zum Thema: Selbstvertrauen im Eishockey

Auch in diesem olympischen Turnier fehlen den Nationen die Stars aus der NHL (National Hockey League), der amerikanischen Eliteliga. Es trifft natürlich vor allem die nordamerikanischen Nationen USA und Kanada, die mit dieser Situation ganz verschieden umgehen. Während die USA ihre Spieler überwiegend aus den College Teams der Universitäten rekrutieren und mit erfahrenen Spielern der AHL (American Hockey League), die wir als die 2. Bundesliga des nordamerikanischen Eishockeys bezeichnen könnten und einigen wenigen Spielern aus Europa rekrutieren, haben die Kanadier nur einige wenige Spieler aus der AHL berufen. Der größere Teil rekrutiert sich aus ehemaligen NHL-Spielern, die jetzt für Vereine der KHL, der russischen Eliteliga spielen oder ihr Geld in Schweden, der Schweiz oder Deutschland verdienen.  

Auch den anderen Nationen fehlen die Stars aus der NHL, dies trifft die Nationen zwar unterschiedlich stark, und doch irgendwie alle. Für das deutsche Team bedeutet das den  Verzicht auf Spieler wie Leon Draisaitl und Philipp Grubauer. Die Russen müssen auf ihren Superstar Alexander Owetschkin verzichten, auch den Skandinaviern fehlen einige Stars. Zumindest, was die Spannung betrifft, schadet das Fernbleiben der besten Spieler der Welt nicht.

Erwartungshaltung

Aus deutscher Sicht bleibt allerdings festzuhalten: Vor dem Qualifikationsmatch für das Viertelfinale gegen die Slowakei am Dienstag (voraussichtlich 5:10 Uhr deutscher Zeit) läuft es noch nicht wirklich rund. Woran hakt es, weshalb bleibt die Mannschaft noch hinter den Erwartungen zurück? Schauen wir auf die Details: Im zweiten Vorrundenspiel gegen China konnten wir mit Händen greifen, mit welchem Druck eine hohe Erwartungshaltung verbunden ist. Nach den zuletzt starken Turnierauftritten bei Weltmeisterschaften und Olympischen Spielen und eben wegen des Fehlens der NHL-Stars bei den Konkurrenten haben nicht wenige Beobachter von einer Medaille oder sogar dem Olympiasieg gesprochen.

Beim Auftaktmatch gegen Kanada, einer 1:5-Niederlage, war von einem solchen Potential aber wenig zu sehen. Keine Frage, dieser miese Start hat das Selbstbewusstsein und das Selbstverständnis sicherlich beeinträchtigt. Diese Erfahrung wirkte auch im Spiel gegen China nach. Von Anfang an fehlte die entsprechende Lockerheit im deutschen Team und sie stellte sich auch nach einer 3:0 Führung gegen die Asiaten, die mit einer Vielzahl an eingebürgerten Nordamerikanern auflaufen, nicht ein. Von Anfang an wurde Eishockey gearbeitet. Keine Spur von Lockerheit und Leichtigkeit. Als dann die Chinesen kurz vor Ende des zweiten Drittels den 1:3-Anschlusstreffer erzielten und in Überzahl elf Minuten vor Ende des  letzten Drittels zum 2:3 verkürzten, war der Druck enorm. Mit viel Kampf und auch ein wenig Glück gelang es, dass Ergebnis über die Zeit zu retten.  

Selbstvertrauen und Selbstverständnis

An diesen Beispielen können wir sehen, wie ein hoher Erwartungsdruck, der sowohl von außen als auch aus dem Team selbst heraus entsteht, dazu führen kann, dass gewohnte Leistungen nicht abzurufen sind. Schlüsselwirkung hat aus meiner Sicht das erste Spiel gegen Kanada, in dem der deutschen Mannschaft deutlich die Grenzen aufgezeigt wurden und nun offenbar am Selbstvertrauen und Selbstverständnis gezweifelt wird.  

Zumindest zwischenzeitlich. Denn im abschließenden Gruppenspiel am Sonntag gegen die USA konnten wir sehen, dass sich die Mannschaft in allen Bereichen verbessert hat. Trotz der am Ende unglücklichen 2:3-Niederlage stelle ich die These auf, dass das deutsche Team nun im Turnier angekommen zu sein scheint. Spät aber noch pünktlich genug vor dem Qualifikationsmatch um das Viertelfinale gegen die Slowakei am Dienstag.

Gefährliche Drei-Tore-Führung im Eishockey  

Ziehen wir nach Abschluss der Vorrunde aber noch einmal Detail heran, welches im Spiel gegen China zu beobachten war und von Rick Goldmann, dem ehemaligen deutschen Nationalspieler und jetzigen Eishockey-TV-Experte, prominent ausgesprochen wurde. Am Rande: Ihn kenne ich noch aus meiner Zeit als Mannschaftsarzt in der DEL bei den Moskitos Essen – damals durfte ich ihn als jungen Spieler begleiten. Im TV sprach er nun von der Gefährlichkeit einer Drei-Tore-Führung. Was meint er damit?  

Bei einer Drei-Tore-Führung fühlt sich die führende Mannschaft recht sicher, ist im Gefühl,  dass Spiel im Griff zu haben. Und dann stellt sich ein gewisses Nachlassen der Konzentration, der Spannung ein. Es fehlen vielleicht drei bis fünf Prozent, um noch einmal nachzulegen, den „Sack“ mit einem folgenden Treffer zu zu machen, dem gegnerischen Team die letzte Hoffnung zu nehmen. Verkürzt dann jedoch das zurückliegende Team auf zwei Treffer, ist die Partie in einer so schnellen Sportart wie dem Eishockey wieder offen, sie droht zu kippen, spätestens dann, wenn der Anschlusstreffer erfolgt und das „Momentum“ dann bei der sich nun im Aufwind befindlichen Mannschaft befindet. 

Erfolgserlebnisse 

Rick Goldmann sagte das mit dem Umgang von klaren Führungen beim Stand von 3:0 für Deutschland. Und er sollte recht behalten, dass solche Resultate trügerisch sind, wenn Teams in einem Turnier mehr Zweifeln als auf ihre eigenen Stärken vertrauen.

Denn es war so, als ob ihn die Schweden und Finnen seine Aussage vernommen hätten und sie in ihrem abschließenden Spiel der Gruppe A bestätigen wollten. Nach einer langen Dominanzphase der Schweden und Undiszipliniertheit der Finnen, die in vielen Strafminuten und einer Spieldauerdisziplinarstrafe ihren Ausdruck fand, führten die “Tre Kronor” mit 3:0 zum Ende des 2. Drittels. Die Schweden verpassten es jedoch den “Sack” zu zu machen, und nach einer Zeitstrafe der Schweden nahm das neue “psychologische Gesetz” nach Goldmann seinen Lauf. Es kam Mitte des letzten Drittels zum Anschlusstreffer zum 1:3 und, um es kurz zu machen, die Finnen erzielten in der 58. Minute den Ausgleich zum 3:3. Und um den ganzen dann die Krone aufzusetzen, gewann das Team Suomi die Partie nach zwei Minuten in der Overtime mit 4:3. Doch sagen wir als Erkenntnis dieser beobachteten Spiele und mit Blick auf das deutsche Team mal so: Selbstvertrauen im Sport lässt sich über Erfolgserlebnisse im Training und Spiel recht schnell wieder herstellen. Ein souveräner Sieg auf Basis der Leistung gegen die USA und die deutsche Mannschaft ist wirklich mittendrin im Turnier. 

Gerne begleiten ich (zum Profil von Klaus-Dieter Lübke Naberhaus) und meine Kollegen (zur Übersicht) Sie und ihr Team im Umgang mit Druck und Erwartungshaltung, in der Formulierung und Verfolgung einer realistischen Zielsetzung und im Umgang mit Rückschritten und Niederlagen.

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Klaus-Dieter Lübke Naberhaus
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