Violetta Oblinger-Peters: “Inzwischen reise ich mit meinen AthletInnen virtuell immer mit”

Zwei Leben in einem. Nach der sportlichen Karriere mit Medaillen bei Olympischen Spielen, Welt- und Europameisterschaften, ist die frühere Kanu-Slalom-Athletin Violetta Oblinger-Peters nun in der Sportpsychologie durchgestartet. Im Jahr 2022 hat sie den Erwin-Hahn-Studienpreis der asp gewonnen. Neben ihrer wissenschaftlichen Arbeit betreut die geborene Schwerterin auch zahlreiche Sportler und Sportlerinnen. Inwiefern sich die Betreuungsarbeit durch Corona verändert hat, erklärt sie uns im Interview.

Violetta Oblinger-Peters, du hast eine viel diskutierte und nicht zuletzt ausgezeichnete Arbeit über Psychohygiene von Sportpsychologen in der Corona Pandemie geschrieben. Kurz zusammengefasst, welche Herausforderungen haben die Zeit denn für Kollegen und Kolleginnen so besonders gemacht?

In meiner qualitativen Interviewstudie ging es ganz allgemein darum, wie sportpsychologische ExpertInnen ihre Betreuungsarbeit seit Beginn der Pandemie wahrnehmen. Dabei hat sich gezeigt, dass private und berufliche Lebensbereiche sehr stark ineinander übergegangen und die Grenzen verschwommen sind, wodurch sich verschiedene Herausforderungen für die SportpsychologInnen ergeben haben. Beispielsweise wurde es als große Belastung empfunden den KlientInnen im digitalen Raum Verschwiegenheit zuzusichern, wenn z.T. aus privaten Wohnräumen in Anwesenheit der eigenen Familie beraten musste. 

COVID hat auch dazu geführt, dass sportpsychologische ExpertInnen ihre eigene Arbeitshaltung und Beratungsphilosophie hinterfragt und überprüft haben. Dabei haben sich interessanterweise alle Befragten bestätigt gefühlt ihren eingeschlagenen Weg (z.B. eine systemische Beratungspraxis) weiterführen zu wollen. Zu Beginn der Pandemie herrschte bei fast allen Befragten eine große Unsicherheit darüber, wie proaktiv sie Kontakt zu ihren KlientInnen halten sollten. Während einige sehr schnell aktive Angebote machten, zogen andere sich zunächst zurück und warteten ab, bis die KlientInnen von sich aus Kontakt aufnahmen. 

Konsens bestand in der Erfahrung, dass im Anfangsstadium der Pandemie im Frühjahr 2020 keine (verstärkte) Nachfrage an sportpsychologischer Beratung bestand sondern es im Gegenteil sehr ruhig wurde. Erst viel später, im Winter/ Frühjahr 2021 änderte sich diese Grundstimmung ihrer Erfahrung nach, als die KlientInnen der Situation überdrüssig wurden. Diese akkumulierte Pandemie-Müdigkeit wurde von den ExpertInnen selbst geteilt, denn sie waren die Situation, nur digital beraten und eingeschränkt im Training und Wettkampf begleiten zu können, satt. Wesentliche Charakteristika ihrer Betreuungsarbeit im Spitzensport wie beispielsweise das Mitreisen, der regelmäßige Kontakt zu AthletInnen, die informellen Gespräche mit KollegInnen fielen weg. Ein Sportpsychologe schilderte im Interview, dass er einfach nur noch weg wollte vom Computer, wurde sehr emotional, weinte und rief: „Ich war es so leid! Einfach nur noch satt! Es war eine wirklich harte Zeit…” 

Die Interviews waren z.T. sehr gefühlsintensiv, was sehr deutlich zeigt, dass sportpsychologische BeraterInnen eben nicht nur als ExpertInnen sondern auch als Menschen durch diese Pandemie gegangen sind! Eine sehr wichtige Ableitung ist meiner Meinung nach, dass Selbstfürsorge für effiziente und nachhaltige Betreuungs- und Beratungsarbeit in der Sportpsychologie eine ethische Notwendigkeit und kein Luxus ist. Ohne Selbstfürsorge als Fundament wird die Fürsorge anderer unmöglich: You can’t pour from an empty cup!

Mal ganz persönlich: Mit welcher Strategie bist du durch den bisherigen Pandemieverlauf gekommen und welches Rüstzeug hast du für dich für den Herbst schon parat gelegt?

Ich bin mir bewusster geworden über das, was mir wirklich wichtig ist im Leben: Ich mache sehr regelmäßig Sport und lebe einen aktiven Lebensstil mit sehr viel Kontakt zur Natur. Alles, was irgendwie machbar ist, verlagere ich an die frische Luft, z.T. mache ich auch walk’n’talks an der frischen Luft mit meinen KlientInnen bzw. treffe sie digital draußen. Für mich ist in der Natur sein, die Luft zu riechen, tief mit jeder Zelle meines Körpers atmen zu können, reinste Selbstfürsorge. Außerdem versuche ich bewusst Zeit mit meiner Familie zu haben (auch wenn ich leider fast jedes Wochenende arbeite) – es sind die kleinen Minimomente im Alltag, die zählen.

Seit Pandemiebeginn berate ich sehr viel digital, was von meinen KlientInnen sehr geschätzt wird, da der Kontakt sehr regelmäßig und von den Zeiten her flexibel möglich ist. Mittlerweile ist es Usus für sie mir von überall auf der Welt kurz ein Update zu geben. Da reise ich also virtuell immer mit!

Du hast den Wechsel aus dem Spitzensport in die Wissenschaft gemeistert. In welcher Art und Weise gleichen sich denn die Disziplinen? Und was rätst du Sportlern und Sportlerinnen, die nach der Karriere in der Sportpsychologie, egal ob wissenschaftlich oder angewandt, durchstarten wollen?   

Ich sehe tatsächlich sehr viele Parallelen in diesen beiden Domänen, denn das im Spitzensport dominante Leistungsnarrativ (performance narrative; Douglas & Carless, 2006), welches die vollkommene Aufopferung für den Sport verlangt und dabei andere Lebensbereiche/Identitäten verdrängt, herrscht meiner Meinung nach auch in der Wissenschaft vor. Es geht in der Forschung eben auch darum auf hohem Niveau schnell und beständig zu performen – nichts Neues also, wenn man aus dem Leistungssport kommt! 

Raten würde ich an der Sportpsychologie Interessierten sehr breit zu lesen zu beginnen und dann eine gesunde Auswahl an Themen zu treffen, auf die sie sich spezialisieren wollen. Die Sportpsychologie ist ungemein vielfältig und gerade in den letzten Jahren haben sich etliche neue Forschungsfelder aufgetan. Da einen Überblick zu behalten und sich nicht zu verlaufen, wenn man an vielen verschiedenen Forschungssträngen/Diskursen interessiert ist, ist eine ziemliche Herausforderung.

Für den angewandten Bereich gilt dies für mich ebenso: Es gibt tolle Artikel zu Fallstudien, aus denen man gerade zu Beginn viel lernen kann. Danach gilt es, sich darüber bewusst zu werden, welchem Beratungsansatz man folgen möchte und sich auf diesen zu spezialisieren.

Was für mich allerdings ein großer Unterschied zwischen Athletin und Sportpsychologin sein ist, ist dass ich als helfende Profession „unsichtbar“ agiere. Es geht darum, meine KlientInnen bestmöglich in ihren Aufgaben und in ihrer Lebensführung zu unterstützen und dabei im Hintergrund zu arbeiten. Mir wurde nach Tokio von einem Klienten in dem Medien gedankt für die tolle Zusammenarbeit. Das hat mich wahnsinnig gefreut, weil ich es als enorme Wertschätzung empfunden habe, aber gleichzeitig auch sehr überrascht, denn ich erwarte mir gar keine öffentliche Aufmerksamkeit für meine Betreuungsarbeit. Wenn ich gute Arbeit leiste, dann melden es mir meine KlientInnen rück und evaluieren sie positiv. DAS ist vollkommen ausreichend und macht Lust auf mehr. Zu sehen, dass ich einen kleinen Beitrag dazu leisten kann, dass Menschen sich selbst besser kennen und verstehen lernen und sie auf vielfältigste Weise wachsen zu sehen, ist für mich ungemein faszinierend und macht mich gleichzeitig sehr demütig vor meinen KlientInnen und dem Leben ganz allgemein!

Bildquelle: Violetta Obliber-Peters (Bild: Martin Pröll)

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Mathias Liebing
Mathias Liebinghttps://www.torial.com/mathias.liebing

Redaktionsleiter bei Die Sportpsychologen und freier Journalist

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