Dr. Julia Boie: Die Angst im Springreiten beherrschen lernen

Es ist im Springreiten keine Seltenheit, dass Phasen auftreten, in denen der Respekt vor dem Hindernis zu groß wird und die Sportler*innen verunsichert sind. Diese Phasen können nach schwierigen Erlebnissen, wie etwa einem Sturz auftreten, können sich einstellen, wenn die Sportler*innen in einer höheren Klasse starten wollen oder einfach auch nach jahrelanger hochklassiger Reiterfahrung ohne erkennbaren Grund auftauchen.

Zum Thema: Lösungswege, wenn der Respekt vor dem Hindernis zu groß wird

Zunächst einmal ist es wichtig zu betonen, dass Angst immer eine Botschaft in sich trägt und nicht leichtfertig beiseite geschoben werden sollte. Sie ist ein Warnsignal mit dem Ziel, uns vor Gefahren zu schützen. Die Sportler*innen (und ihre Trainer*innen) müssen einschätzen, ob sie den Anforderungen gewachsen sind, ob ihre Fähigkeiten und die des Pferdes für das anvisierte Ziel ausreichen. Ist diese grundlegende Sicherheit gegeben, kann man sich angucken, wie die Angst entsteht und wie sie sich regulieren lässt.

Vielfach treten Gedanken auf wie „Hoffentlich geht nichts schief!“ oder „Hoffentlich springen wir nicht in den Sprung hinein!“ Verbunden mit diesen Gedanken entstehen Bilder von missglückten Sprüngen. Dabei steht meist die Angst um die eigene Sicherheit und die des Pferdes im Vordergrund. Wie auch die Sorge, dass nach einem verunglückten Sprung das Pferd das Vertrauen verlieren könnte und anschließend keinen Parcours mehr gehen will.

Negativspirale

Solche ganz und gar nicht zielführenden Gedanken können schnell eine Negativspirale in Gang setzen. Sie verstärken die Unsicherheit und vermindern dadurch die reiterliche Leistung, denn überhöhte Anspannung und Nervosität beeinträchtigen die Feinkoordination. Auch ist zögerliches und unentschlossenes Reiten häufig die Folge. Das souveräne Einschätzen der Entfernung zum nächsten Sprung will nicht mehr reibungslos gelingen, was womöglich abwechselndes Zurückhalten und Treiben des Pferdes vor dem Sprung nach sich zieht. Eingespielte Abläufe stimmen nicht mehr und die Zweifel des Reiters verunsichern das Pferd. Vermehrte Abwürfe oder auch das Verweigern des Pferdes vor dem Sprung können die Folge sein und die Selbstzweifel der Reiter*innen weiter erhöhen.

In solchen Phasen ist es sinnvoll, sich die negativen Gedanken bewusst zu machen, um die Abwärtsspirale zu durchbrechen. Drängt sich bspw. der Gedanke auf „Hoffentlich geht nichts schief!“, kann man überlegen, ob es einen positiven Gedanken gibt, der genauso zu der Situation passen könnte wie z.B. „Wir haben gut trainiert. Wir können das!“ Es gilt, den negativen Gedanken ab sofort immer zu unterbrechen, wenn er sich meldet und sich den positiven Gedanken ins Gedächtnis zu rufen.

Der perfekte Sprung vor dem geistigen Auge

Positive innere Bilder von einem gelungenen Sprung können hier zusätzlich unterstützen. Die Sportler*innen können sich regelmäßig ganz lebhaft, also mit allen Sinnen, einen perfekten Sprung vorstellen oder auch mehrfach ein Video von sich ansehen, bei dem sie einen Parcours sehr erfolgreich geritten sind und diesen innerlich nachvollziehen. Diese positiven Bilder können das sichere Gefühl zurückholen, dass sie und ihr Pferd die Sprünge beherrschen. Diese wiedergewonnene Sicherheit trägt ebenfalls dazu bei, die Negativspirale zu stoppen und erhöht die Wahrscheinlichkeit, dass die Sportler*innen ihre reale Leistungsfähigkeit abrufen können.

Schließlich können auch begleitende Entspannungsübungen dazu beitragen, überhöhte Nervosität zu reduzieren. Ruhiges Atmen, bei dem die Sportler*innen doppelt so lange ausatmen wie sie einatmen, reicht als Tool oftmals schon aus, um das eigene Anspannungsniveau zu regulieren. Als Folge lassen sich die Gedanken wieder besser kontrollieren und die Feinkoordination kann wieder besser funktionieren.

Tipps und Tricks

Durch das konsequente Training dieser drei Tools können sich die Sportler*innen in einen positiven, konzentrierten und entspannten Zustand versetzen, den sie für die optimale Ausführung ihrer Aufgabe benötigen.

Grundsätzlich ist es bei starker Verunsicherung von Sportler*in und Pferd empfehlenswert, die reiterlichen Anforderungen herunterzuschrauben und in Bereichen zu trainieren, in denen sich die Sportler*innen sehr sicher fühlen und Selbstvertrauen wiedererlangen können. Abwechslungsreiches Training mit verschiedensten Aufgaben, die ganz präzise absolviert werden müssen (einen oder mehrere Zirkel in einer vorgegebenen Zeit reiten o. Ä.), steigern die Konzentrationsfähigkeit der Reiter*innen und bringen das Team Pferd und Mensch wieder in eine Balance, von wo aus sie sich Schritt für Schritt wieder an höhere Anforderungen heranarbeiten können.

Hinweis und Feedback

Ängste, die durch Stürze hervorgerufen wurden oder Unsicherheiten, die schon lange bestehen und bei denen die Angstspirale die Situation immer weiter verschärft hat, lassen sich erfahrungsgemäß nicht ganz leicht regulieren. Meine Kollegen von Die Sportpsychologen (zur Übersicht) und ich (zum Profil von Dr. Julia Boie) sind gerne für Sie da, falls Sie Beratung wünschen.

Mehr zum Thema:

Aufrufe: 31

Print Friendly, PDF & Email