Markus Gretz: Meine Freundin die Angst

In einem Interview bei Sportradio Deutschland (Link) habe ich kürzlich erklärt, wie sehr und wie allgegenwärtig Radsportler mit dem Thema Angst konfrontiert sind. Damit haben aber bei weitem nicht nur Radsportler*innen zu tun, auch bei anderen Athlet*innen ganz verschiedener Sportarten ist  Angst ein fester Begleiter. Wichtig ist es also, sich mit dieser Emotion vertraut zu machen. Zumal ich gern folgende Frage in de Raum stellen will: Ist dieses Gefühl der Angst immer nur etwas Schlimmes oder kann es sogar nützlich sein?

Zum Thema: Umgang mit Ängsten im Sport 

Angst ist eine sehr starke negative Emotion, die meist durch äußere Einflüsse und Erfahrungen hervorgerufen wird. Aber auch innere kognitive also gedankliche Prozesse können Ängste auslösen. Angst wird von vielen Menschen als eines der unangenehmsten Gefühle beschrieben und deshalb wollen die meisten Sportler*innen vermeiden, in Situationen zu kommen, die Angst auslösen. Die Forschung zeigt aber, dass gerade das eine eher ungünstige Strategie ist, da sich die Angst durch Vermeidung sogar noch verstärkt.

Andere Menschen sind geradezu süchtig nach Angst. Wenn man sich in Extremsportarten umsieht, findet man viele sogenannte Adrenalinjunkies oder sensation seeker. Menschen, die sich also bewusst in angstauslösende Situationen bringen, um die körperlichen und mentalen Sensationen zu erleben, die Angst mit sich bringt. Teilweise bringen Sie sich dabei sogar in Lebensgefahr – und wie bei vielen Süchten brauchen viele immer mehr und immer intensivere Erlebnisse.

Wie bei vielem ist es meiner Ansicht nach wichtig, auch bei der Angst einen Mittelweg zu finden, der zu einem persönlich passt.

Ursachen von Angst

Doch gehen wir noch einmal einen Schritt zurück: Warum haben wir Menschen überhaupt Angst? Was bringt uns die Angst und wie können wir sie zu schätzen lernen, ohne dass wir nach ihr süchtig werden?

Angst ist zunächst ein Gefühl, dass durch eine Gefahr ausgelöst wird. Diese Gefahr kann real oder eingebildet sein. Was gefährdet ist, kann auch ganz unterschiedlich sein. Neben der Gesundheit wie im Beispiel von der Tour de France kann auch die soziale Position, die Gruppenzugehörigkeit, die Freiheit und andere Menschen und vieles anderes, was einem persönlich wichtig ist, in Gefahr sein.

Dadurch, dass uns die Angst mit einem schnellen Gefühl Signale gibt und sogar den Körper und Geist zur Flucht oder Kampf auf eine Gefahr vorbereitet, ist die Angst eines der nützlichsten Gefühle im Überlebenskampf und hat sich evolutionär durchgesetzt. Im heutigen Leben kann die Angst aber einerseits nützlich und andererseits ziemlich unnütz sein. Meist kann man nicht kontrollieren, wann man Angst hat. Deshalb ist es wichtig die nützlichen Seiten der Angst kennenzulernen und hervorzuholen.

Eine neue Freundin

Auch ich hatte und habe immer wieder Angst. Für mich ist die Angst aber durch bewusste Konfrontation zu einer Freundin geworden, die mir im Alltag und in besonderen Situationen hilft. 

Sie zeigt mir immer wieder an, was für mich wichtig ist. Wenn ich zum Beispiel vor einem Vortrag Herzklopfen bekomme, merke ich dadurch, dass es mir wichtig ist, eine gute Leistung zu zeigen und andere Personen mitzunehmen. Wenn ich Angst um die Gesundheit meiner Freunde oder Familie habe, ist das genauso ein Signa,l um welche Personen ich mich kümmern will. 

Sie hilft mir, mich zu konzentrieren. Manchmal werde ich leichtsinnig und dann hilft mir die Angst, meine Konzentration wieder aufs Wesentliche zu richten. Wenn ich beim Snowboarden zum Beispiel vor einer Rampe Angst vor dem Sturz hatte, hat mir die Angst gesagt, worauf ich bei der Sprungtechnik achten muss, damit es nicht zum Sturz kommt.

Sie gibt mir ein Signal, zu planen. Wenn ich vor einer großen Aufgabe stehe, wie zum Beispiel einem Wettkampf oder einem anspruchsvollen Coaching, dann gibt mir die Angst einen Hinweis, mich vorzubereiten und einen Plan und evtl. sogar einen Notfallplan aufzustellen. Damit bin ich dann gewappnet und kann mit einem guten Gefühl aber nützlicher konzentrierter Angst in die Situation gehen.

Sie setzt zusätzliche Kräfte frei. Durch das Adrenalin und die Angst im Körper kann ein Mensch seine Nofallkraftreserven nutzen und bis zu 20% über seine Maximalkraftleistung kommen. Als Sportler ist es deshalb gerade im Wettkampf manchmal sinnvoll, ein bisschen Angst zu haben, um zusätzliche Energie freizusetzen.

Sie lässt mich auch mal abwägen, ob es das Risiko wert ist. Wenn ich zum Beispiel spät dran bin und im Straßenverkehr Gas geben will, ist die Angst ein guter Ratgeber, der mir hilft, langsamer zu fahren und lieber spät als gar nicht anzukommen.

Die Liste lässt sich vermutlich noch lange fortsetzen und jeder findet seine eigenen nützlichen Funktionen, die die Freundin Angst einnehmen kann.

Vorfreude auf die Angst

Für den Radsport kann die Angst auf jeden Fall auch sehr nützlich sein, indem sie bei der Abfahrt die Konzentration steigert, am Berg Energiereserven freisetzt und den Fahrern langfristig Motivation gibt, weil sie merken, wie wichtig ihnen der Radsport ist. Auch die Planung der Taktik und des Trainings kann durch Angst angeregt werden.

Wenn ich die Angst als wichtiges und nützliches Gefühl kenne und schätzen lerne, brauche ich auch keine Angst mehr vor der Angst zu haben und das nimmt schon mal einiges an Schwere. Manchmal freue ich mich sogar auf die Angst, und die zusätzliche Konzentration und Energie, die sie mir gibt, ohne gleich zum Adrenalinjunkie zu werden.

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Markus Gretzhttp://www.die-sportpsychologen.de/markus-gretz/

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