Björn Korfmacher: Kopfsache und Kohäsion – Erfolgsfaktoren im Eishockey

Jemand sagte mal, Eishockey ist ein Testosteronsport. Damit waren wahrscheinlich der Speed, die Power, die Bodychecks und die Fights gemeint, die dem Sport ihren Stempel aufdrücken. Aber Eishockey auf hohem Niveau, wie wir es bei der Weltmeisterschaft 2022 in Finnland gesehen haben, ist auch Kunst. Schlittschuhläuferische Exzellenz, brillantes Stickhandling, geschmeidige Moves und traumhafte Spielzüge. Dabei könnte die individuelle Klasse der Spieler bei einer Eishockey-WM unterschiedlicher nicht sein. 

Zum Thema: Erfolgsfaktoren im Teamsport Eishockey 

Spieler, die in der nordamerikanischen NHL – der besten Eishockeyliga der Welt – Millionen verdienen (z. B. der Kanadier Mathew Barzal, 7 Mio. US-Dollar pro Saison) messen sich alljährlich im Frühjahr mit Spielern aus Eishockey-Entwicklungsländern wie Großbritannien oder Italien, die hauptberuflich noch anderen Tätigkeiten nachgehen. Aber auch innerhalb der Mannschaften ist das Leistungsgefüge meist sehr heterogen. Nehmen wir das Team Canada bei der WM 2022: Auch hier war nicht jeder ein Superstar. Die Allerbesten kämpften gerade noch in den NHL-Playoffs um den legendären Stanley Cup, die mit Abstand begehrteste Trophäe im Eishockey. Die Weltmeisterschaft spielt da traditionsgemäß nur eine untergeordnete Rolle. Und die WM-Teilnahme der NHL-Cracks hängt vor allem davon ab, ob die Spieler nach der langen und intensiven NHL-Saison noch Lust dazu haben. Das sind nicht viele. Ganz anders als im Fußball, wo der WM-Titel über allem steht und ausnahmslos alle Superstars am Start sind.   

Aber wie gehen die Eishockeyspieler mit den großen Leistungsunterschieden in den eigenen Reihen um? Wie funktioniert das, wenn hochbezahlte NHL-Profis mit College-Boys an einem Strang ziehen müssen? Diese Frage stellte sich beim Turnier auch für das deutsche Team, wo z.B. Moritz Seider und Tim Stützle – zwei Ausnahmetalente, die es bis in die NHL geschafft haben – sich mit vermeintlich deutlich schwächeren Mitspielern arrangieren mussten. Wie stand es da um die Motivation – sowohl aus Sicht der Ausnahmeathleten als auch aus Sicht jener, die tief in deren Schatten stehen? Besonders mit Blick auf das Phänomen der „sozialen Faulheit“ (Ringelmann-Effekt) ist das eine interessante Frage. Sind doch hier alle Faktoren gegeben, die der kollektiven Leistungsbereitschaft im Wege stehen: Die „Stars“ wissen, dass viele ihrer Mitspieler nicht ihre Klasse haben und sehen möglicherweise nicht ein, dass alles nur von ihnen abhängen soll. Die Folge: Leistungsverweigerung. Auf der anderen Seite strengen sich womöglich auch die schwächeren Spieler nicht übermäßig an, weil sie denken, die Elitespieler übernehmen das für sie. Eine schlechte Mannschaftsleistung ist bei einem zu heterogenen Mannschaftsgefüge also vorprogrammiert. Soweit die Theorie.  

Der Zusammenhang von Kohäsion und Leistung

Aber die Realität sah anders aus. Die gehandelten Topstars performten, wie man es von ihnen erwartet hatte, und die anderen Spieler wuchsen über sich hinaus. Die deutsche Mannschaft spielte die bislang beste Vorrunde in der Historie der Weltmeisterschaften. Leider fehlte es im Viertelfinale offensiv an Glück und defensiv an Cleverness im Penalty-Killing. Halten wir also fest: Der Auftritt bei der WM war ein richtig guter, die Mannschaft hat über weite Strecken großartig gespielt und über ihr Auftreten als Team auch die Fans mitgerissen. 

Aber bleiben wir beim springen Punkt: Wie forme ich aus ziemlich unterschiedlichem Spielermaterial eine funktionierende Einheit? Aus meiner Sicht müssen wir diesbezüglich im ersten Schritt über Trainer reden. Trainer, die wissen, wie man mit Superstars umgehen muss. Motivationskünstler, die unterschiedlichste Individuen zu einer Einheit formen und auf ein gemeinsames Ziel einschwören können. Aber das allein kann es nicht sein. Ganz bestimmt sind alle Spieler – nicht nur die NHL-Elite – auch hundert Prozent intrinsisch motiviert. Auch wenn das Skill-Level noch so stark variiert, haben alle etwas gemeinsam: den unbedingten Siegeswillen und die Bereitschaft, sich voll und ganz in den Dienst der Mannschaft zu stellen. Ohne diese Eigenschaft – ob angeboren oder antrainiert – ist der Weg in die Nationalmannschaft oder generell in den Profisport gar nicht erst möglich. Dieser unbändige Mannschaftskampfgeist, der sich in harten Zweikämpfen und Bodychecks entlädt, ist, wie wir beim deutschen Team gerade eindrucksvoll sehen konnten, wichtiger für die Mannschaftsleistung als die technischen Fertigkeiten einzelner Superstars. 

Kopfsache und Kohäsion

Denn eines fiel aus deutscher Sicht auf: Ob große Namen wie Seider und Stützle oder kleinere Namen wie Fischbuch oder Ehl – bei dieser WM spielten im deutschen Team alle gleich überragend. Testosteronsport hin, Kunst her – Eishockey auf hohem Niveau ist vor allem auch Kopfsache und von Kohäsion, also starkem Mannschaftszusammenhalt geprägt. 

Einer für alle, alle für einen – diese Maxime muss schon in der Nachwuchsarbeit so früh wie möglich ins Unterbewusstsein der Spieler einprogrammiert werden. Dann wird Deutschland auch bei zukünftigen Eishockey-Weltmeisterschaften wieder überragende Mannschaftsleistungen zeigen und ein unangenehmer Gegner sein – und mit dem nötigen Quäntchen Glück in den entscheidenden Situationen auch endlich die erste WM-Medaille holen. Verdient hätten sie es.  

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