Münster, Halle/Saale, Bern – das Netzwerk Die Sportpsychologen ist seit seiner Gründung im Jahr 2014 sehr regelmäßig Gast der asp-Tagung. Der Branchentreff der Arbeitsgemeinschaft für Sportpsychologie in Deutschland bringt alljährlich angewandte SportpschologInnen und WissenschaftlerInnen zusammen. Vom 18. bis 20. Mai 2023 heißt die Station Stuttgart.
Diese Experten und Expertinnen von Die Sportpsychologen sind mit den folgenden Angeboten mit von der Partie:
Dr. Hanspeter GubelmannDunja LangProf. Dr. Oliver StollPhilippe MüllerMarkus GretzCristina BaldasarreKlaus-Dieter Lübke Naberhaus
Donnerstag, 18. Mai 2023
19.00 – 21.00 Uhr Get together, Campus Beach
Freitag, 19. Mai 2023
08.30 – 10.00 Uhr «Countdown» – ein Tool zur optimalen Wettkampfvorbereitung Praxisworkshop mit Dr. Hanspeter Gubelmann (zum Profil), Cristina Baldasarre (zum Profil) und Philippe Müller (zum Profil)
12.30 – 14.00 Uhr Hypnotherapeutische Techniken und ihr Einsatz im Sport Praxisworkshop mit Prof. Dr. Oliver Stoll (zum Profil) und Klaus-Dieter Lübke Naberhaus (zum Profil)
14.30 – 15:45 Uhr Podiumsdiskussion: Was sind aktuelle sportpsychologische Themen in der Trainer*innenausbildung? Was hat sich in den letzten Jahren geändert und was wird sich in Zukunft ändern müssen? mit u.a. Prof. Dr. Oliver Stoll (zum Profil)
16.15 – 17.45 Uhr Bio- und Neurofeedbacktraining in der Sportpsychologie Praxisworkshop mit Markus Gretz (zum Profil)
ab 19 Uhr Conference-Dinner: Palm Beach Stuttgart
Samstag, 20. Mai 2023
08.30 – 10.00 Uhr Comeback Stronger! Hypnotherapeutische Ansätze für den besseren Umgang mit und schnellere Genesung bei Stürzen, Verletzungen und Schmerzen Praxisworkshop mit Dunja Lang (zum Profil)
Darüber hinaus sind wir von Die Sportpsychologen gern bereit, zwischen den Vorträgen, Workshops und Keynotes sowie während der Abendveranstaltungen über die Weiterentwicklung der Sportpsychologie und über unser Netzwerk zu sprechen. Zudem kann Redaktionsleiter Mathias Liebing über den Start der Schwesterseiten Sportpsychologie.plus und Sportmentaltraining.plus informieren.
Mathias Liebing
Kontakt:
Mathias Liebing, Redaktionsleiter Die Sportpsychologen
Die Angst ist allgegenwärtig! Allein in Europa leiden rund 60 Millionen Menschen daran, ungefähr 17 Millionen sind es in Deutschland, Frauen sind deutlich häufiger betroffen als Männer. Nach Einschätzung der DGPPN wird rund die Hälfte aller Ängste nicht erkannt und deshalb nicht richtig begleitet oder behandelt. Die Folge: Es drohen Chronifizierung und mögliche Begleiterkrankungen. Damit rangieren Angststörungen an der Spitze der psychischen Erkrankungen – noch vor Depressionen. Die Pandemie und weitere gesellschaftliche Herausforderungen in den vergangenen Jahren haben die Zahlen zusätzlich in die Höhe getrieben. Doch was genau ist Angst eigentlich? Worin unterscheiden sich die unterschiedlichen Formen der Angst? Und welche Mittel und Methoden können unterstützend helfen? Dieser und weiterführende Blogbeiträge sollen Ihnen einige Anregungen im Umgang mit der Angst liefern.
Zum Thema: Wie Sie ihre Ängste im Sport und Ihrem Alltag mit wegweisenden Denk- und Verhaltensweisen verändern können
Wenn Ihr Herz rast, der Schweiß ausbricht und Sie sich plötzlich in erhöhter Alarmbereitschaft befinden, dann übernimmt wahrscheinlich gerade eines Ihrer archaischen Grundgefühle die Kontrolle über Ihren Körper und Geist – die Angst. Wir alle kennen verschiedene Formen von Angst. Und wir alle erleben diese in ganz unterschiedlichen Situationen. Dabei ist ihre ursprüngliche Funktion einfach und notwendig. Die körperlichen Reaktionen, die wir mit Angst verbinden, sind nichts anderes als Zeichen von Stress. Denn genau das bewirkt Angst: Sie setzt uns unter Stress. Doch nicht, um Sie zu ärgern, sondern um uns gegen Gefahren zu wappnen. Der erhöhte Herzschlag bereitet uns auf körperliche Höchstleistungen vor. Die geschärften Sinne helfen uns, Fluchtmöglichkeiten zu finden. Angst ist eine uralte physiologische Reaktion, die vorübergehend unsere Leistungsfähigkeit erhöht. Heutzutage hilft sie uns nicht nur in körperlichen Gefahrensituationen, in denen wir uns wehren oder wegrennen müssen, sondern auch in denkbar zivilisierten oder sportlichen Settings. Erinnern Sie sich an Ihre letzte Prüfung oder an eine wegweisende Präsentation? So unangenehm das Lampenfieber ist – die Angst versetzt Ihr Gehirn in den Leistungsmodus und hilft Ihnen dabei, wach und konzentriert zu sein.
Und was passiert nach den oben genannten Ereignissen? Die ganze Last fällt von Ihnen ab. Sie sind erleichtert, aber auch erschöpft. Kein Wunder, denn Ihr Gehirn wurde auf Hochtouren gebracht. Und weil diese Höchstleistung so anstrengend ist, kann Ihr Körper sie nicht dauerhaft aufrechterhalten. Auf starke Angst folgt zwangsläufig Erschöpfung. Genau diesen Mechanismus macht sich die Verhaltenstherapie zur Behandlung von Phobien zunutze, und zwar bei der sogenannten Konfrontationstherapie. Wer zum Beispiel Angst vor größeren Menschenmengen hat, wird gezielt damit konfrontiert. Ab einem bestimmten Punkt nimmt die Angst automatisch ab, weil das Gehirn schlichtweg nicht genug Energie zur Verfügung hat, um den Angstzustand länger zu befeuern. Dann kommt es zur Habituation, also einer Gewöhnung. Eine ähnliche Möglichkeit bietet die systematische Desensibilisierung – bedingt jedoch eine professionelle Begleitung. Falls bei der Vorstellung eines Reizes Angst auftritt, wird diese sofort unterbrochen und zur Entspannung übergegangen. Hat sich die Person mental daran gewöhnt, ist sie desensibilisiert, so kann sie die nächste Stufe in Angriff nehmen und mit der Vorstellung eine weitere Annäherung wagen. Problematisch wird es allerdings bei Ängsten, die sich nicht auf einen konkreten, fassbaren Auslöser wie Menschenmengen beziehen, sondern auf abstrakte Bedrohungen wie globale Krisen oder die Abstiegsangst nach einem verpatzten Saisonstart. Hier zeigt die Konfrontation keine Wirkung. Ebenso wenig können wir die Angst vor einer Inflation oder der nächsten Pandemie durch Exposition bekämpfen. Hier sind andere Strategien gefordert.
Weitere Anregungen zum Thema Angst finden Sie hier:
Die Wissenschaft geht davon aus, dass Kopf und Körper nicht getrennt voneinander betrachtet werden können. Was der Psyche hilft, kann auch physische Symptome lindern, und umgekehrt. Aus diesem Grund sollten wir den Verstand regulieren. Das verschafft Ihnen einen entscheidenden Vorteil: Sie aktivieren Ihre inneren Ressourcen und Selbstheilungskräfte. Sie stärken Ihre grundsätzliche Widerstandsfähigkeit. Der wichtigste Baustein ist jedoch ein anderer – achtsames Verhalten. Es kann Ihnen helfen, sich auf gesunde Weise von Ihren Emotionen zu distanzieren. Durch Achtsamkeit lernen Sie, Ihre Gefühle zu beobachten, anstatt ihnen hilflos ausgeliefert zu sein. Das ist besonders bei solchen Ängsten wichtig, deren Auslöser sich nicht ohne Weiteres beseitigen oder durch Exposition konfrontieren lassen. Das heißt nicht, dass Sie gleichgültig gegenüber wichtigen Themen wie dem Klimawandel, steigenden Energiekosten oder anderen persönlichen Themen werden sollten. Es geht nicht um Gleichgültigkeit, sondern um situationsgerechte Gelassenheit. Wie können Sie eine achtsame Beobachterposition einnehmen? Dafür eignet sich eine einfache Übung mit einer Mandel:
Legen Sie eine Mandel auf die flache Hand und stellen Sie sich vor, Sie würden diese zum ersten Mal in Ihrem Leben sehen. Welche Form und Farbe hat sie? Hat die Oberfläche eine bestimmte Struktur? Gibt es andere Details, die Ihnen auffallen? Versuchen Sie, sich ganz aufs Beobachten zu konzentrieren. Tauchen ablenkende Gedanken auf, dann hegen Sie keinen Groll. Versuchen Sie vielmehr, Ihre Gedanken zu registrieren, ohne sie zu bewerten. Loslassen…! Lenken Sie Ihren Fokus wieder zurück auf die Mandel. Weiter geht es mit dem Fühlen: Legen Sie die Mandel vorsichtig zwischen Daumen und Zeigefinger: Welche Beschaffenheit hat sie? Führen Sie diese dann zur Nase und nehmen Sie ihren Geruch wahr. Gefällt Ihnen dieser? Als Nächstes nehmen Sie die Mandel zwischen Ihren Lippen: Was passiert mit Ihrer Ober- und Unterlippe? Legen Sie diese anschließend auf Ihre Zunge. Spüren Sie Ihr Gewicht? Bewegen Sie die Mandel im Mund umher – und beißen Sie anschließend hinein. Wie ist Ihr Geschmack? Bevor Sie die Mandel herunterschlucken, kauen Sie langsam und bewusst, und nehmen Sie alles wahr, was Ihnen dabei auffällt. Der Effekt solcher Übungen ist wissenschaftlich nachgewiesen: Ihr Nervensystem arbeitet stärker auf dem parasympathischen Zweig, der für Beruhigung zuständig ist. Ihr Gehirn reduziert die Ausschüttung von Stresshormonen wie Cortisol. Und die Aktivität Ihrer Amygdala, also Ihres Angstzentrums, nimmt schon nach wenigen Wochen des Achtsamkeitstrainings nachhaltig ab. Weitere Anregungen zum Thema „Achtsamkeit“ finden Sie hier:
Auch die regelmäßige Meditation kann helfen, Ihr Gehirn neu zu verschalten. Sie können neue neuronale Verbindungen herstellen, die Ihr Leben nachhaltig verändern und somit negative Gedankenmuster durchbrechen können. Näheres dazu finden Sie hier:
Mithilfe solcher einfachen Übungen können Sie auch Ihre Achtsamkeit für Gedanken und Gefühle schärfen. Das ist wichtig, weil uns manchmal gar nicht bewusst ist, wenn wir von negativen Gedanken oder Gefühlszuständen geplagt werden. Nehmen wir als einfaches Beispiel die Kassen am Stadioneingang Ihres Lieblingsvereins. Stellen Sie sich vor, Sie wollen kurz vor Spielbeginn noch rasch eine Eintrittskarte kaufen, um Ihre Mannschaft zu unterstützen. Das notwendige Kleingeld oder die Kreditkarte haben Sie schnell griffbereit und an der Kasse ist es egal, wo Sie sich anstellen, denn alle Schlangen sind gleich lang. Oder doch nicht? Denn natürlich dauert es viel länger an der Kasse, an der Sie sich angestellt haben. Und schon setzen bestimmte „automatische“ Gedanken ein. So werden in der Psychologie unangepasste Reaktionen auf Stresssituationen genannt, die Sie weder beabsichtigt noch reflektiert haben. An der Stadionkasse könnten die Gedanken dann sein wie: „Das passiert mir immer!“ Oder: „Nur weil ich es eilig habe, zählt der angetrunkene Typ vor mir seine Münzen!“ Manchmal setzen diese automatischen Gedanken dann einen Angstkreislauf in Gang: „Na großartig, jetzt verpasse ich die ersten Spielminuten. Und dann kann ich womöglich keinen guten Sitzplatz ergattern…“ Das Problematische an solchen Gedankenkreisläufen ist ihre selbsterfüllende Wirkung. Vereinfacht ausgedrückt: Wer negativ denkt, dem geht es tatsächlich schlechter. Das liegt daran, dass unser Gehirn schlecht zwischen Realität und Vorstellung unterscheiden kann. Wenn wir uns das Worst-Case-Szenario ausmalen, produziert unser Nervensystem Stresshormone und wir fühlen uns tatsächlich angespannt und schlecht. Versuchen Sie deshalb, Ihre Gedanken zu überprüfen, wenn Stress oder schlechte Laune in Ihnen aufkommen. Was geht Ihnen gerade durch den Kopf? Mit großer Wahrscheinlichkeit entdecken Sie dabei mentale Verzerrungen, wie die übertriebene Verallgemeinerung an der Stadionkasse – also die unrealistische Annahme, Sie stünden immer in der langsamsten Schlange und verpassen daher immer die ersten Spielminuten Ihrer Lieblingsmannschaft. Weitere Klassiker sind die automatische Abwehr positiver Gedanken, etwa: „Das wird niemals funktionieren!“, oder voreilige Schlussfolgerungen wie: „Meine Vorgesetzte oder Vorgesetzter hat den Termin mit Ihnen bestimmt nur deshalb ausgemacht, weil sie/er mich kündigen möchte.“ Wenn Sie solche Gedanken bemerken, dann unterziehen Sie sich einem Realitätscheck. Überlegen Sie, ob Ihr Verhalten übertrieben ist oder ob Sie voreilige Schlüsse ziehen. Und fragen Sie sich, ob sich die Situation nicht auch ganz anders deuten ließe. Wie würden Sie zum Beispiel beurteilen, wenn an Ihrer Stelle jemand anderes betroffen wäre? Was würden Sie einer Kollegin oder einem Kollegen empfehlen? Oder Sie nutzen die Fragen von Byron Katie:
Ist das wahr?
Können Sie absolut sicher sein, dass es wahr ist?
Wie reagieren Sie oder was passiert mit Ihnen, wenn Sie diese Gedanken tatsächlich glauben?
Wer wären Sie und wie fühlen Sie sich ohne diesen Gedanken?
Untersuchen Sie jede einzelne Ihrer Aussagen, indem Sie die vier obenstehenden Fragen verwenden. Verzichten Sie auf jede Aussage, die mit „aber“, „weil“ oder „und“ beginnt. Gehen Sie jeweils mit nur einer einzigen negativen Überzeugung durch den Untersuchungsprozess. Mit solchen Gegenfragen übernehmen Sie Verantwortung für Ihre Gedanken und Gefühle. Statt Ihrer Angst ausgeliefert zu sein, gewinnen Sie die Kontrolle zurück. Das ist ein wichtiger Schlüssel im Umgang mit Ihren Ängsten.
Es gibt allerdings auch Situationen, in denen man nicht allein mit seinen Ängsten fertig wird. In diesem Fall kontaktieren Sie bitte Ihren Arzt bzw. Ärztin des Vertrauens oder einen Therapeuten bzw. eine Therapeutin, um Ihre Situation professionell begleiten zu lassen.
Ernährung und Psyche
Auch die Ernährung spielt übrigens eine grundlegende Rolle für unsere Psyche. Das hat vor allem mit der sogenannten Darm-Hirn-Achse zu tun. Sprüche wie: „Das schlägt mir ganz schön auf den Magen“, kommen nicht von ungefähr: Über den Vagusnerv sind Darm und Gehirn direkt miteinander verbunden. Sie stehen in ständiger Wechselwirkung. Dabei rücken zunehmend die Darmbakterien in den Fokus. Experimente mit Mäusen zeigen eindrucksvoll den Zusammenhang von Angst und Darmflora: Überträgt man den Stuhl mutiger Mäuse in den Darm ängstlicher Mäuse, dann entwickeln diese tatsächlich ein mutigeres Verhalten. Was heißt das für uns Menschen?
Gesunde Ernährung ist nicht nur für den Körper wichtig, sondern auch für unsere Psyche. Das hat zuletzt das fünfjährige EU-Forschungsprojekt „My New Gut“ anhand umfangreicher Datenanalysen nachgewiesen. Die Ergebnisse lassen sich grob auf folgenden Grundsatz reduzieren: Eine überwiegend pflanzenbasierte Ernährung mit gesunden Fetten, Vollkornprodukten und viel Gemüse sowie Ballaststoffen ist in diesem Zusammenhang sehr bedeutsam. Neben gesunder Ernährung haben auch die regelmäßige Bewegung und soziale Beziehungen einen positiven Einfluss auf die Psyche.
Fazit
Sie können selbst einiges tun, um sich gegen Angstgefühle zu wappnen. Dabei geht es stets darum, die Widerstandsfähigkeit und Abwehrkräfte Ihres Körpers und Ihrer Psyche zu stärken! Kopf und Körper beeinflussen sich gegenseitig bei der Entstehung von Ängsten – aber auch bei deren Bekämpfung! Denn dadurch haben Sie gleich zwei Stellschrauben, mit denen Sie Ihre innere Gelassenheit trainieren können. Es geht nicht darum, dass Sie Ihre Ängste ignorieren oder unterdrücken. Das funktioniert bestenfalls vorübergehend oder mit zum Teil nicht zu empfehlenden Ventilen. Auf lange Sicht verursachen unterdrückte Ängste unbewussten Stress und werden früher oder später umso stärker zurückkehren. Vielmehr geht es darum, innere Ressourcen aufzubauen, sich regelmäßig zu bewegen, gesund und ausgewogen zu ernähren und mit Ihren Ängsten einen Weg zu finden. So können Sie die Fähigkeit entwickeln, der Angst auf Augenhöhe zu begegnen und am Ende des Tages Kapitän ihres Lebens zu werden.
Umso mehr gilt das für den Sport. Nur, es braucht Zeit. Deshalb ist es ratsam, sich frühzeitig an meine Kollegen und Kolleginnen (zur Übersicht) oder mich (zum Profil von Prof. Dr. René Paasch) zu wenden. Für uns gehört der Umgang mit Ängsten im Sport zum Handwerkszeug.
Bangsgaard Bendtsen, K.M., Lukasz Krych,L., Dorte Bratbo Sørensen, D., Wanyong Pang, W., Dennis Sandris Nielsen, D.S., Knud Josefsen, K., Hansen, L., Søren J. Sørensen, S., Axel Kornerup Hansen, A. (2012). Gut Microbiota Composition Is Correlated to Grid Floor Induced Stress and Behavior in the BALB/c Mouse | PLOS ONE
Byron Katie (2002): Lieben was ist. Wie vier Fragen Ihr Leben verändern können Gebundene Ausgabe – 4. Juli 2002
Zeng, B. Meiling Liu, Chen, Junxipan, Yu Han, J. Liu, Ke Cheng, L., Zhou, C. J., Haiwang, H., Zhou, X., Gui, S., Perry, S., Licinio, M. W. J., Hong Wei, H., Xie, P. (2019). The gut microbiome from patients with schizophrenia modulates the glutamate-glutamine-GABA cycle and schizophrenia-relevant behaviors in mice | Science Advances.
Die Diskussion ist so alt wie die Sportpsychologie im Leistungssport ernst genommen wird: Also noch sehr jung. Und an vielen Stellen wird die Frage noch gar nicht gestellt, ob ein Sportpsychologe nun mit auf die Bank gehört oder nicht? Dabei gibt es immer wieder auch einzelne Offensiven, die Sportpsychologen oder Sportpsychologinnen im Spielsport in außergewöhnlich exponierte Positionen bringen. In jedem Fall ist es nötig, dass die Frage, ob der Sportpsychologe nun auf die Bank gehört oder eben, diskutiert wird.
Zum Thema: Die Rolle und die Platzierung der Sportpsychologie im Teamsport
Klaus-Dieter Lübke Naberhaus und Prof. Dr. Oliver Stoll sind in Leipzig quasi berufliche Nachbarn. Beide sind im direkten Einzugsgebiet des Hochleistungssports der mitteldeutschen Metropole angesiedelt, unweit der Spielstätten von Rasenballsport, den Bundesliga-Handballern des SC DHfK, den Trainingszentren diverser olympischer Disziplinen sowie der Sportschule und der Universität.
Klaus-Dieter Lübke Naberhaus ist seit Jahrzehnten in unterschiedlichen Funktionen im Handball aktiv. Als Spieler, als Trainer, als Referent in der Trainerausbildung, Sportmediziner und Mannschaftsarzt. Und nicht zuletzt als sportpsychologischer Coach (zum Profil). Aktuell steht er neben seiner Tätigkeit als Teamarzt beim Deutschen Handballbund beim Frauen-Zweitligisten HC Leipzig auch im Trainerteam, eine zeitlang sogar als Co-Trainer, in der Verantwortung. Gerade bei seinem Vereinsteam muss er als Sportmediziner, sportpsychologischer Experte und Trainer einen Rollenkonflikt aushalten. Lübke Naberhaus: “Natürlich bin ich, wenn ich beim HCL auf der Bank sitze, primär Co-Trainer, aber ich kann meine sportpsychologische oder sportmedizinische Seite nicht komplett außen vor lassen. Aber, und das ist der entscheidende Punkt: Die Arbeitsfelder dürfen nicht zu sehr verschwimmen, sonst leidet die Qualität, die besonders an die Tätigkeit des Co-Trainers oder des Sportpsychologen geknüpft sind.“
Individuelle Lösungen
Die Lösung von Lübke Naberhaus in der aktuellen Saison beim HC Leipzig: Der Fokus liegt auf der Rolle als Co-Trainer, für die er wiederum sein Wissen und seine Erfahrungen aus der Sportpsychologie nutzt. Dabei hat er im Co-Trainer-Spielerinnen-Verhältnis sehr deutlich gemacht, dass er für die Akteurinnen als sportpsychologischer Coach auf individueller und mannschaftlicher Ebene in diesem Zeitraum nicht zur Verfügung steht. Lübke Naberhaus: “Das kann das Vertrauensverhältnis stören und auch die Spielerinnen in einen Konflikt führen. Denn im Trainerstab dürfen solche Informationen, die als sportpsychologischer Coach erhalte, nicht verwertet werden oder nur mit Erlaubnis der Spielerin. Die Rolle und Begrenzungen als sportpsychologischer Experte und die Rolle und Grenzen als Co-Trainer sind unterschiedlich.”
Soll heißen: Der Sportpsychologe mit Blick für Motivation, Taktik und Ansprache sitzt in Person des Co-Trainers Lübke Naberhaus mit auf der Bank des HC Leipzig. Aber nur in der zweiten Reihe und nur als Ergebnis seiner persönlichen Zusatzqualifikation.
Innovative Wege?
Einen anderen Weg wählte der heutige Fußball-Regionalligist FC Carl Zeiss Jena im Zuge seiner bislang letzten Drittliga-Aufstiegssaison 2016/2017. Damals war der Sportpsychologe Peter Schneider als Co-Trainer einzig und allein für die sportpsychologischen Komponenten zuständig. Aber auf Augenhöhe mit dem Torwarttrainer oder den anderen Co-Trainern, die sich vornehmlich um die Taktik oder die Physis kümmerten.
In dieser Zeit ist ein Interview entstanden, auf welches wir unter dem Text gesondert hinweisen. Mittlerweile ist Schneider als Sportpsychologe im Trainerstab von RB Leipzig aktiv. Vom Feldversuch beim FC Carl Zeiss Jena inklusive Aufstieg in die Dritte Liga führte sein persönlicher Weg sogar bis in die Champions League. Prof. Dr. Oliver Stoll vermutet: “Die großen Innovationen sind in den oberen Ligen des Profi-Fußballs noch eher weniger zu finden, hier spielt die Sportpsychologie noch eine untergeordnete und alles andere als öffentlich wahrnehmbare Rolle.”
Unser Kollegengespräch
Im Kollegengespräch diskutieren Klaus-Dieter Lübke Naberhaus und Prof. Dr. Oliver Stoll (zum Profil) über die unterschiedlichen Positionen und beziehen Stellung. Im Eingangsstatement überrascht Stoll gleich damit, dass aus seiner Sicht Sportpsychologen nicht auf die Bank gehören. Denn die eigentliche Arbeit werde anderenorts und zu anderen Zeiten gemacht.
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Wenn es nach unseren Kindern geht, könnte man sagen, dass die Schule wohl oder übel zum Leben dazugehört. Nicht dass Sie mich falsch verstehen. Unsere „Großen“ gehen gerne zur Schule, nur sind die Pausen weitaus reizvoller als so mancher Unterricht. Aber warum ist das so bzw. muss das sein? Zu allem Überfluss flatterten vor ein paar Wochen auch noch die Halbjahreszeugnisse mit den Empfehlungen (für die Viertklässler) für die weiterführenden Schulen ins Haus. Und ohne über irgendwelche hellseherische Kräfte zu verfügen, bin ich mir sicher, dass die Gefühlspalette in den Familien von großer Enttäuschung bis zu wahnsinniger Freude und Stolz reichten. Doch was sagen Noten eigentlich über unsere Kleinen aus? Wie lernen unsere Kinder heutzutage und was haben Lehrer und Trainer in diesem Zusammenhang gemeinsam bzw. vor welchen Herausforderungen stehen beide? Im ersten Teil möchte ich zu Beginn das Licht auf Lernen im Grundsatz werfen und nehme hier gerne den Ball bzw. die Ansicht von Gerald Hüther auf. Im Anschluss soll ein kleiner Ausblick folgen, wie Bezugspersonen Rahmenbedingungen für ein erfolgreiches Lernen schaffen können.
Zum Thema: Darf Lernen und sich „erproben“ überhaupt Spaß machen?
Beginnen von vorn. Was verstehen wir unter lernen? Durchforstet man das world wide web, so finden sich vielerlei verschiedener Definitionen. Hüther (2016) versteht unter Lernen eine innere Anpassungsleistung an veränderte äußere Umstände. Alles Leben strebe demnach einen Zustand harmonischer Ausgeglichenheit an. Die Wissenschaft spricht in diesem Zusammenhang von Kohärenz. Was bedeutet das im Detail? Die inneren Vorgänge eines kohärent organisierten Wesens stehen in optimalem Einklang mit den Vorgängen der Außenwelt. Ein kohärenter Organismus verbraucht nur ein Minimum an Energie, weil alle Bestandteile des Organismus perfekt zusammenarbeiten. Wird dieses Gleichgewicht nun durch äußere Faktoren gestört, erhöht sich der Energieverbrauch der Zellen. Meistens wird dann im Gehirn nach einem bereits gespeicherten Reaktionsmuster gesucht. Ein neuer Lernprozess wird dann in Gang gesetzt, wenn kein bekanntes Muster dazu passt. Ziel ist es, die innere Ordnung wiederherzustellen und das entstandene Energiedefizit wieder auszugleichen. Wie anstrengend das ist, weiß jeder, der schon mal etwas völlig Neues lernen musste. Erinnern wir uns nur einmal an unsere ersten Fahrstunden oder beginnen Sie doch, noch heute zu jonglieren. Dennoch lohnt sich der ganze Aufwand, denn dadurch wird es uns möglich, Gefahren zu trotzen und dann wertvolle Energie zu sparen.
Lernen mit allen Sinnen
Wir Menschen sind Gewohnheitstiere: Wer mag schon gerne Veränderungen? In einem Lernprozess, also Energieverbrauch mit Anstrengung, begeben wir uns nur, wenn uns etwas wirklich wichtig ist. Und was bedeutet wichtig in diesem Zusammenhang? Es muss relevant für unseren Alltag sein. Außerdem gilt: Lerninhalte müssen auch körperlich erfahren werden. Das liegt nicht zuletzt daran, dass wir den Beginn unseres Lebens im Mutterleib verbracht haben. Abgeschirmt von der Außenwelt, kamen die ersten Impulse, die unsere Nervenzellen erreichten, direkt aus dem eigenen Körper (Hüther, 2016). Deshalb sind wir auch später nur zu wahrer Veränderung in der Lage, wenn uns eine Erfahrung im wahrsten Sinne des Wortes unter die Haut geht.
Versetzen wir uns nochmal zurück in unser kindliches Ich. Als Kleinkind lernten wir viele Dinge mit einer spielerischen Leichtigkeit und atemberaubender Geschwindigkeit. Warum ist das Jahrzehnte später eher weniger der Fall? Uns fehlt Freude als emotionaler Anker für den Lernprozess. Bei dem Kind löst jede neue Entdeckung einen Sturm der Begeisterung aus. Ist ihnen der erste eigenständige Schritt gelungen, haben sie endlich nach unzähligen Versuchen ihre Schuhe selbst zugebunden oder zum ersten Mal ein gedrucktes Wort entziffert, sind sie erfüllt von tiefen Glücksgefühlen. Dies ist wichtig, denn diese Gefühle aktivieren wiederum das emotionale Zentrum im Gehirn. Dort setzen dessen Nervenzellen große Mengen sogenannter neuroplastischer Botenstoffe frei. Diese sind das wichtigste Baumaterial für die Bildung neuer synaptischer Verbindungen. Ohne diesen emotionalen Dünger haben Lerninhalte kaum eine Chance, langfristig im Kopf gespeichert zu werden. Oder erinnern sie sich noch an alle Prüfungsinhalte in ihrer Ausbildung/Studium (Stichwort Bulimie-Lernen)?
Lernen ist auch Erfahrungssache
Wie ein Lernprozess genau abläuft, hängt auch davon ab, was für Erfahrungen wir gesammelt und welche Problemlösungsstrategien wir bereits erprobt haben. Jedes Lebewesen geht mit Veränderungen auf seine eigene Weise um. Auch bei uns Menschen ist das Spektrum an möglichen Reaktionen individuell verschieden: Bei jeder neuen Herausforderung scannt unser Nervensystem erst mal alle schon gespeicherten Reaktionsmuster. Findet es unter ihnen keine passgenaue Lösung, werden alte Gewohnheiten angepasst oder weiterentwickelt. Streng genommen bedeutet dies, dass selbst das hochentwickelte menschliche Gehirn nur Dinge lernen kann, die vorher bereits in Ansätzen vorhanden waren und an vorangegangene Erfahrungen anknüpfen (lebenslanges Lernen). Bei einer Wahrnehmung, die zu keiner der bisher gespeicherten Reaktionsmustern passt, versteht unser Gehirn sprichwörtlich nur Bahnhof.
Das bedeutet für die Praxis, dass man beispielsweise vor einer spezifischen Passübung mit verschiedenen Variablen wie Gegendruck oder Ähnlichem, die Fertigkeit „den Ball zu passen“ bereits erlernt sein muss. Das erklärt, warum es so wichtig ist, in jedem Lernprozess den richtigen Grad zwischen Über- und Unterforderung zu finden: Ist eine Aufgabenstellung zu schwer, hat das Gehirn nichts, worauf es aufbauen kann. Ist sie zu einfach, fehlt ihm der Anreiz, sich weiterzuentwickeln. Je mehr Erfahrungen allerdings von unseren Synapsen verwertet wurden, desto vielfältiger sind die Möglichkeiten, daran anzuknüpfen und desto schneller und leichter lernen wir dazu.
Fazit
Lernen ist ein hochkomplexer Prozess, der einiges von dem Lernenden und dem Lehrenden abverlangt. Schauen wir uns die gängigen Methoden/Umsetzung in den verschiedenen Systemen (z.B. Schule, Verein, usw.) heutzutage an, so fällt das Resultat eher nüchtern aus. Das System gibt dem Lehrenden verschiedene Ansätze, jedoch die Möglichkeit diese auch in die Tat umzusetzen, eher weniger. Und hier beißt sich die Katz sprichwörtlich in den eigenen Schwanz. Auch so eine Lehre.
Literatur:
Hüther, G. (2016): Mit Freude lernen – ein Leben lang: Weshalb wir ein neues Verständnis vom Lernen brauchen. Sieben Thesen zu einem erweiterten Lernbegriff und eine Auswahl von Beiträgen zur Untermauerung. Vandenhoeck&Ruprecht Verlag.
„Trainern sind Vorteile des mentalen Trainings bekannt. Dieses Heft gibt einen Überblick über relevante mentale Techniken für den Trainingsalltag im Schießsport und eine Entscheidungshilfe für die Anwendung bei der Optimierung mentaler Fertigkeiten.
Inhaltlich gliedert sich das Heft in die Hauptbereiche, Konzentration, Motivation und Erregungsregulation. In den weiterführenden Kapiteln wird auf die Technik des Visualisierens, als eine zentrale Trainingsform im Sportschießen und die korrekte Durchführung eingegangen. Anwendungsbeispiele in der unmittelbaren Wettkampfvorbereitung bilden den Folgeabschnitt. Das letzte Kapitel beschreibt ein praktisches Beispiel für das mentale Training, das Mental Parcours.
Jedem Kapitel ist eine Auflistung der Anwendungsbereiche der in Folge beschriebenen mentaler Techniken vorgelagert. Dem Trainer und dem Schützen ist somit die Möglichkeit gegeben, mentale Techniken gezielt einzusetzen. Es folgt eine kurze sportpsychologische Erläuterung und die Beschreibung der mentalen Techniken und der Ausführungsschritte.
Das Heft bietet darüber hinaus Anregungen zur Planung und Einbindung mentaler Techniken in die alltägliche Trainingsplanung.“
YIN und YANG kennst du? Dieses Zusammenspiel der scheinbaren Gegensätze. Der Tag besteht aus Hell und Dunkel. Die Menschheit teilt sich in Mann und Frau. Erfolg wächst aus Gewinn und Verlust. Und ein Beachvolleyballteam setzt sich aus Block und Abwehr zusammen. Prima, dann können wir anfangen, die Yin & Yang-Philosophie für die Block-Abwehr-Strategie im Beachvolleyball zu nutzen. Los geht‘s!
Zum Thema: Wir uns die chinesische Philosophie im Beachvolleyball helfen kann
Der YIN-Aspekt steht eher für das Substanzielle, Materielle, Feste, Dunkle, Beständige, Trägere, Bergende, Nährende.
Der YANG-Aspekt steht für das Dynamische, Geistige, Luftigere, Hellere, sich Ändernde, Bewegende, Freilassende, Zehrende.
Beide Aspekte bewegen sich in einem fortlaufenden, situativ adaptierbaren und ausgewogenen Energie-Gleichgewicht. Dadurch ist ein Flow in einem lebendigen Organismus gegeben. Sie interagieren in einer fortwährenden Abhängigkeit, gegenseitigen Transformation und des ständigen wechselseitigen Verbrauchs, um das Wohlbefinden und die Gesundheit von Geist und Seele langfristig zu gewährleisten, beziehungsweise wiederherzustellen.
Yin & Yang im Beachvolleyball
Zwei gegensätzliche Aspekte, die sich wechselseitig in Abhängigkeit, Ergänzung, Kontrolle und Umwandlung bedingen. Damit erzeugen sie ihre ausgewogene Balance.
Übertragen wir diesen Ansatz in den Beachvolleyball: Yin- und Yang-Aspekt verwandeln sich ineinander um. Beispiel: Annehmen folgt auf Abgeben des Balls und umgekehrt. Über den Aufschlag (= abgeben) erfolgt die Annahme des Balls und geht ins Abgeben für die Folgeaktion (z.B. Zuspiel) über. Diese Art der Verwandlung bezeichnet sich als harmonische Veränderung im natürlichen Verlauf der Ereignisse. Damit wird Zeit erlebbar und die Entwicklung des Spielaufbaus spürbar.
Yin- und Yang-Aspekt sind unterscheidbar und gleichzeitig miteinander verbunden. Sie bestimmen und erzeugen sich gegenseitig. Beispiel: Jubel wird nur im Vergleich mit Trauer als Emotion erlebbar. Höhe benötigt Tiefe, um wahrgenommen zu werden. Und der weiche Sand unter deinen Füßen verdichtet sich für ein stabiles Einstemmen.
Yin- und Yang-Aspekt kontrollieren sich gegenseitig. Jede Einseitigkeit würde auf Dauer zerstörend wirken. Beispiel: Emotionen sind angenehm, wenn Jubel und Trauer ausgeglichen sind. Bei Einseitigkeit droht ein Erschöpfungszustand.
Erkennbar ist, dass sich Yin und Yang ständig gegenseitig hervorbringen und so eine fortwährend, sorgsame Wandlung bewirken. Ein unablässiges Geben und Nehmen – ein Energieaustausch.
Werden wir einen Schritt konkreter und übertragen den Ansatz in die Positionen Block & Abwehr: Damit Energien fließen können, braucht es eine Struktur – sogenannte Bahnen. Diese Grundstruktur ist im Beachvolleyball durch zwei Positionen gegeben: Block & Abwehr. Damit verbunden ist eine bestimmte Aufgabenverteilung sowie die Übernahme von Verantwortung im Sand. Die Block-Abwehr-Rollen werden von Athleten eingenommen, die eine individuelle Persönlichkeit mitbringen. Damit sich Energien austauschen und frei fließen können, braucht es zugängliche und durchlässige Bahnen durch Klarheit.
Das Modell – Klarheit kombiniert mit Yin & Yang
Für eine gesunde Teamleistung braucht es den optimalen Team-Klang. Um diesen einzustimmen, sind (1) Klarheit herauszuarbeiten und (2) mit dem Ansatz aus Yin & Yang zu kombinieren:
Klarheit über die Verteilung der Aufgaben, von Verantwortung und der eigenen Persönlichkeit, um Stärken einzusetzen und Schwächen auszugleichen.
Der Block = Yin
Starten wir mit dem Blick in die Aufgaben der einzelnen Positionen – frei von der Persönlichkeit, welche die Position später besetzt. Der Block verantwortet die erste Hürde, die der gegnerische Ball zu überwinden hat. Die Aufgabe des Blocks: als Wand oder Mauer den gegnerischen Angriff so abzuwehren, dass der Ball zielsicher beim Gegner bleibt und dort in den Sand fällt – die Firewall im Beachvolleyball.
Fokussieren wir uns dazu auf die psychischen Voraussetzungen der Persönlichkeit: Was braucht es an Mentalität? Ruhe, Timing, Präzision, Geduld, Fokus, Konzentration, Glaube, Überzeugung, Selbstvertrauen, Mut, Vorwegnehmen.
Die Abwehr = Yang
Die Abwehr verantwortet die zweite Hürde, durch die der gegnerische Ball den Weg in den Sand finden muss und bildet somit als Backup eine Sicherheit für den Block. Die Aufgabe der Abwehr ist folglich, die Lücke der ersten Hürde auszugleichen. Welche Mentalität ist hier wertvoll? Flexibilität, Logik, Lesen des Gegners, Sicherheit, Entschlossenheit, Überzeugung, Glaube. Als Jaguar lauert die Abwehr im Blockschatten und gleicht mit ihren dynamischen Bewegungen den Angriff aus. Ein erneuter Spielaufbau mit erfolgreichem Angriff kann Belohnung für die sichere Abwehr sein.
Block als Yin, Abwehr als Yang
Basierend auf den Eigenschaften der jeweiligen Aspekte verkörpert der Block eher das Yin und die Abwehr das Yang. Beides zusammen gleicht sich individuell und situativ aus. Dieses Gleichgewicht entsteht durch sich bedingen, ergänzen und ausschließen. Und diese Logik mündet in die gemeinsame Block-Abwehr-Strategie: den gegnerischen Angriff so abzuwehren, dass ein Punkt auf dem eigenen Konto verbucht wird. Folgende Übersicht verdeutlicht das Zusammenspiel anhand der Handlungsketten:
Block-Abwehr im Zusammenspiel – was bedingt, ergänzt und schließt sich aus?
Eine Handlungskette am Beispiel: ein erfolgreicher Block ist bedingt durch die passende Handlungsaktion (Blockwahl) und Kennen des Handlungsbereichs (1a), ergänzt durch das Wissen um die Sicherheit der Abwehr (2a) und schließt eine Handlungsaktion durch die Abwehr aus (3a). Die Energie fließt vom gegnerischen Angriff in den erfolgreichen Block direkt zum Punkt.
Ein Blick in die individuelle Persönlichkeit ergänzt das Gesamtwerk, um Stärken und Schwächen für das Modell verwertbar zu machen. Von außen betrachtet wirkt die Block-Persönlichkeit eher introvertiert, ruhig und überlegt – verkörpert also eher den Yin-Aspekt. Abwehr-Persönlichkeiten hingegen scheinen offener, quirliger und energiegeladener in ihrem Naturell – also eher der Yang-Aspekt. Bei Belegung der jeweiligen Position durch den Athleten und damit Einnehmen der Rolle kann eine Analyse der Persönlichkeit essenziell mitentscheiden, um in Ausgewogenheit zu handeln.
Fazit
Das Modell berücksichtigt die psychischen Aspekte im Block-Abwehr-Verhalten. Wenn es dem Team auf dieser Ebene gelingt, für seine individuelle Ausgewogenheit (Yin & Yang) zu sorgen, dann ist abwehrfähig sein eine beständige Sicherheit, die eine sorgenfreie und gesunde Teamleistung in den Sand bringt.
Der Yin & Yang-Aspekt ist enorm vielseitig und kann ebenso in andere Elemente und Sportarten übertragen werden. Dazu kann diese Modellierung gerne genutzt und angepasst werden. Wir aus dem Netzwerk stehen dir dabei gerne für Fragen und Begleitung zur Verfügung.
Abschließend möchte ich noch ein mutivierendes Bild mitgeben: in jedem von uns fließen anteilig Yin- als auch Yang-Energie, die sich auf unserer inneren Wippe in Einklang und Harmonie schaukeln.
Manchmal bekomme ich Anfragen von SportlerInnen, die geografisch relativ weit weg leben. Meist wünscht sich dann jemand eine sportpsychologische Unterstützung online. Darüber wird viel geschrieben und geredet, weil auch im Business viele Coaches und Berater auf remote umgestiegen sind. Aber kann das funktionieren?
Zum Thema: Plädoyer für effektive sportpsychologische Arbeit abseits vom Smartphone, Zoom oder Telefon
Natürlich ehrt es, wenn solche Anfragen kommen, aber ich lehne sie ab, wenn es nicht im Rahmen der Jahresplanung ausreichend geografische Schnittstellen gibt, an denen man live arbeiten kann.
Im Leistungssport arbeiten wir in einem Bereich, in dem es darum geht, wirklich 100% aus dem Sportler herauszubringen, wenn es darauf ankommt. Wir arbeiten am Limit, und Ressourcen müssen mit Bedacht eingesetzt werden. Das betrifft nicht nur die materiellen Ressourcen, sondern vor allem die für Sportler wertvollste, die Zeit. Die will aufgeteilt werden zwischen Trainings und Wettkampfzeit, Physio, dem Kümmern um das Material, den Reisen, aber auch zwischen Schule oder Studium, manchmal sogar einem Job, und dann noch ein bisschen Privatleben.
Live arbeiten
Entsprechend muss auch die Sportpsychologie maximal effektiv arbeiten. Das spricht zuerst einmal für Remote. Handy anschalten, und schon kann man arbeiten, egal wo man ist. So einfach ist es aber nicht.
Kürzlich habe ich mit einem Sportler über einen Wettkampf gesprochen, bei dem ihm im letzten Drittel die Energie abhandengekommen ist. Er hatte einfach keine Power mehr, obwohl die körperlichen Werte in Ordnung waren. Wir saßen uns gegenüber, ich ließ mir vom Wettkampf erzählen, um herauszufinden, ob ein psychischer Trigger für den Energieabfall verantwortlich sein könnte. Mein Sportler hatte das verneint, es sei nichts Besonderes vorgefallen. Wie er nun den Wettkampf schilderte, begann bei einer ganz bestimmten Szene sein rechter Fuß intensiv zu wippen. Ich ließ mir die Szene noch einmal schildern, mit dem gleichen Effekt. Ich wies den Sportler auf seinen Fuß hin. Er war verblüfft. Das war ihm nicht aufgefallen. Wir nahmen den betreffenden Moment genauer unter die Lupe und entdeckten, dass da sehr wohl eine Menge ausgelöst worden war. Eine kleine Störung am Rand, ein dadurch bei ihm ausgelöster Gedanke, eine dadurch ausgelöste sehr kurze aber sehr heftige körperliche Reaktion, und zack war die Energie weg.
Remote als Vehikel
Erst das Bewusstsein dieser Zusammenhänge gaben uns die Möglichkeit, das Problem direkt am Kern anzupacken. Wir arbeiteten mit Hilfe des Körpers direkt am Trigger, suchten Alternativen zu dem schwächenden Gedanken, installierten die besten körperlich, überprüften direkt, und zwar so lange, bis wir wussten: Das Problem ist gelöst. Eine solche oder eine ähnliche Störung sollte künftig keinen negativen Effekt mehr haben.
Remote würden wir immer noch im Dunkeln tappen. Es braucht für eine maximal effektive Arbeit die Möglichkeit einer sehr präzisen Beobachtung, die remote nicht möglich ist. Deshalb ist die Arbeit im One-to-One nötig, damit später auch einmal aus der Ferne etwas machbar ist, zum Beispiel, wenn Sportler sich im Trainingslager befinden oder etwas ausprobieren, was man vorher im Coaching besprochen oder installiert hat. Für Feedbacks sind Zoom und Co. aber auch das Telefon fantastische Vehikel. Ebenfalls, um den ein oder anderen Tipp zu geben oder an eine Technik zu erinnern, die man vorab erarbeitet hat und die nun unter den aktuellen Wettkampfbedingungen helfen kann. Der am tiefsten wirkende Teil der sportpsychologischen Arbeit sollte aber live geschehen, in der Praxis der Sportpsychologin, beim Athleten, am Trainings- oder Wettkampfort.
Nationale und internationale Turniere, Tennis Bundesliga Herren 30 und 1. Liga in Luxemburg. Daniel Winnewisser ist in aktiven Jahren gut herumgekommen. Inzwischen hat der frühere Tennisprofi die Seiten gewechselt und gibt seine Erfahrungen sowie sein Wissen aus der Sportpsychologie weiter. Als Coach beschränkt er sich dabei aber nicht auf seine Sportart Tennis, sondern ist unter anderem auch im Golf, Beachvolleyball, Motorsport, Fechten, Surfen, Segeln und Skispringen aktiv. Mit Daniel verstärken wir im Netzwerk Die Sportpsychologen alsbald unsere Präsenz in Norddeutschland. Im Interview verrät er, warum er sich zu neuen Ufern aufmacht.
Daniel, aktuell packst du fleißig Kisten. Dich zieht es aus dem Süden in den Norden. Was steckt hinter dem Entschluss und was hat das mit deiner sportpsychologischen Arbeit zu tun?
In erster Linie hat mein Umzug mit der Erfüllung eines Traums zu tun, nämlich einmal am Meer zu leben. Ich war schon viel unterwegs und kam immer wieder zu der Erkenntnis, dass ich das Meer faszinierend finde und ich mich da einfach wohl fühle. Lübeck liegt zwar nicht direkt am Meer, aber doch recht nahe, so dass ich auch problemlos meiner großen Leidenschaft, dem Kitesurfen, nachgehen kann.
Um auf den zweiten Teil der Frage zurückzukommen: Der Entschluss des Umzugs ist erstmal losgelöst von meiner sportpsychologischen Arbeit gefallen. Jedoch ergeben sich auf den zweiten Blick doch einige Auswirkungen: Mehr Nähe zum Wasser bedeutet für mich auch mehr Zugang zu anderen Wassersportarten, in welchen ich Sportler_innen unterstützen kann. Die geografische Distanz zu meinen Münchner Athlet_innen verändert unsere Zusammenarbeit: Weg von vorrangig Vorort-Sessions und gelegentlichen Online-Sessions hin zur reinen Online-Zusammenarbeit.
Und ich freue mich bereits darauf, neue, interessante Kontakte im Sportbereich knüpfen zu können.
Du hast nach deiner Karriere begonnen, Psychologie zu studieren. Wäre deine sportliche Laufbahn anders verlaufen, wenn du schon während deiner Turnierzeit damit angefangen hättest?
Es stimmt, dass ich erst nach meiner aktiven Karriere mit dem Psychologiestudium begonnen habe. Jedoch habe ich auch schon während meiner aktiven Zeit mit einer Mentaltrainerin zusammengearbeitet, da ich schon früh die eigene Erfahrung gemacht habe, wie unglaublich wichtig „der Kopf“ im Sport ist. Das richtige oder falsche Mindset, die Fähigkeit, sich im richtigen Moment auf die richtigen Dinge konzentrieren zu können und der Umgang mit Stress und noch vieles mehr hat sich stark auf meine Leistung im Match ausgewirkt. Leider waren meine finanziellen Mittel eingeschränkt, weswegen ich die Zusammenarbeit mit der Mentaltrainerin nicht in der Intensität fortführen konnte, wie es mir gut getan hätte. Ich bin überzeugt, dass meine Karriere erfolgreicher verlaufen wäre, hätte ich früher und professioneller im sportpsychologischen Bereich gearbeitet. Jedoch musste ich mir damals auch eingestehen, dass für die große Bühne mein Körper besser hätte mitspielen müssen und dass die Topsportler auch einfach mehr Talent mitbrachten als ich.
Als ich meine Karriere beendet und das Studium aufgenommen habe, passierte etwas Interessantes: Ich spielte deutlich gelöster und teils auch besser, trotz deutlich geringerem Trainingsumfang. Dies erkläre ich mir heute dadurch, dass ich nur noch aus Spaß spielte und weniger Druck empfand und nicht, weil ich das psychologische Wissen hatte. Theoretisches Wissen wie zum Beispiel aus dem Psychologiestudium ist sicher gut, jedoch befähigt dies noch nicht zum Selbst-Coaching. Bei einem Selbst-Coaching bleibt der externe, neutrale Blick von außen aus. Themen und Bereiche, die für einen selbst schwierig oder unangenehm sind, werden mit großer Wahrscheinlichkeit nicht richtig angegangen. Auch im richtigen Moment die richtigen Fragen zu stellen, bleibt einem bei einem Selbst-Coaching verwehrt. Um sich als Athlet_in im psychologischen Bereich wirklich zu verbessern, empfehle ich ganz klar die Zusammenarbeit mit einem guten Psychologen, einer guten Psychologin oder Coach.
Warum ist die sportpsychologische Arbeit aus deiner Erfahrung immer individuell und was begeistert dich an der Zusammenarbeit mit Athleten, Athletinnen und TrainerInnen?
Klar gibt es übergeordnete sportpsychologische Themen, die verschiedene Sportarten mit sich bringen und viele Sportler_innen betreffen. Jedoch hat jeder Sportler und jede Sportlerin zum Beispiel mit unterschiedlichen Erfahrungen, Prägungen, Wünschen, Ängsten, Hoffnungen und eigenen Verhaltensweisen im Umgang mit Situationen zu tun, was jede(n) Sportler_in einzigartig macht. Meiner Meinung nach ist es extrem wichtig, individuell auf diese Einzigartigkeit einzugehen und so den für den/die Sportler_in besten Weg, die richtigen Fragen und die effektivsten Tools zu finden.
Es gibt sehr viele Aspekte, welche mich in der Zusammenarbeit mit Athlet_innen und Trainer_innen begeistert, schwer diese alle hier zu nennen. Die verkürzte Version: Ich liebe Sport und ich liebe es, Sportler_innen dabei zu unterstützen, weiter zu lernen und ihre Ziele zu verwirklichen. Im Sport gibt es keine Abkürzungen, sondern jeder Athlet und jede Athletin sowie Trainer_innen investieren viel Leidenschaft, harte Arbeit und Herzblut in die Sache, was tolle Personen anzieht und eine ganz besondere Art der Zusammenarbeit schafft.
Aktuell arbeite ich zum Beispiel mit einem jugendlichen Tennisspieler zusammen, der zu den besten seines Jahrgangs gehört. Ich bin immer wieder aufs Neue beeindruckt, wie reflektiert er mit Siegen und vor allem Niederlagen umgeht, was für Ziele er sich setzt und wie er seine „zwei Berufe“, nämlich Schule und Tennis, meistert. Auch die Stimmung im Team (Eltern, Tennistrainer, Athlektiktrainer) ist besonders und gibt mir sehr viel zurück.
Interesse am Netzwerk und an einer professionellen Präsenz im Netz?
Die Sportpsychologen ist seit knapp neun Jahren die Plattform für SportpsychologInnen und ausgewählte MentaltrainerInnen aus Deutschland, Österreich und der Schweiz, die auf sich und ihre gemeinsame Leidenschaft für die mentalen Aspekte der sportlichen Leistung aufmerksam machen wollen. Hand in Hand. Und Seite an Seite. Interesse, Teil des Netzwerks zu werden? Hier gibt es mehr Informationen:
Die Sportpsychologen werden in der ersten Jahreshälfte 2023 zwei Schwesterseiten für SportpsychologInnen und sportpsychologische ExpertInnen sowie für MentaltrainerInnen an den Start bringen. Beide Seiten bieten eine optimale digitale Darstellung, um darüber von SportlerInnen, TrainerInnen und mögliche AuftraggeberInnen gefunden zu werden. Interesse? Dann meldet euch gern beim Redaktionsleiter Mathias Liebing, der am Start der beiden Seiten arbeitet:
Wie andere Menschen auch sind Sportler nicht vor kleineren und größeren Lebenskrisen gefeit. Die Ursachen für solche Krisen können sehr unterschiedlich sein. Denn neben der Art, wie ein Trainer führt (Lesetipp siehe unten), spielen z.B. das Umfeld des Sportlers, die genetische Veranlagung, gemachte Erfahrungen und Persönlichkeitseigenschaften eine zentrale Rolle, wie mit einem Akutauslöser umgegangen wird. Für einen verantwortungsbewussten Umgang mit psychischen Belastungen in Krisenzeiten empfiehlt sich für den Trainer ein Vorgehen in drei Schritten. Das Gute ist, dass dieser dabei in seiner Rolle bleiben kann, ohne beispielsweise in die des besten Freundes oder Therapeuten schlüpfen zu müssen.
Zum Thema: Tipps für Trainer im Umgang mit Sportlern in Krisensituationen
Schritt 1: Wachsame Beobachtung
Schon eine wachsame Beobachtung kann helfen, um potenzielle gesundheitliche Risiken frühzeitig zu erkennen. Das Augenmerk sollte dabei auf folgenden Veränderungen liegen:
Neigt der Sportler zu einer Hyperaktivität oder ist er besonders häufig krank?
Reagiert der Sportler auf mich als Trainer und auf andere mit Klagen, Resignation oder Rückzug?
Zeigt der Sportler deutliche Veränderungen in seinem Trainingsverhalten? Kommuniziert er beispielsweise sarkastischer, aggressiver oder destruktiver als sonst? Hat sich seine Stimmungslage verändert, z.B. in Form von Gereiztheit?
Lässt die Disziplin (z.B. Pünktlichkeit) des Sportlers oder auch seine Qualität der sportlichen Leistung zu wünschen übrig?
Schritt 2: Ansprechen
In einem zweiten Schritt liegt es nahe, den Sportler auf die wahrgenommenen Anzeichen in einem vertrauensvollen Rahmen anzusprechen. Doch damit dieser bereit ist, sich seinem Trainer in diesem Gespräch gegenüber zu öffnen, braucht es eine stabile Beziehungsebene. Und an dieser Stelle schließt sich der Kreis zur Kernaussage eines vorigen Artikels zum Führungsverhalten von Trainern (Link siehe unten): Wenn ein Verhältnis zwischen Trainer und Sportler besteht, das auf gegenseitigem Vertrauen und Respekt basiert, wenn der Sportler seinen Coach als empathisch wahrnimmt und das Gefühl hat, dass das Zeigen von Schwäche und das Machen von Fehlern völlig in Ordnung ist, so – aber auch nur dann – ist die Wahrscheinlichkeit für ein gelingendes Gespräch groß.
Sollte der Coach die im ersten Schritt beschriebenen Warnzeichen beobachtet haben, empfiehlt es sich,
diese Auffälligkeiten zeitnah anzusprechen und dabei auf eine ungestörte Umgebung zu achten,
sich möglichst auf konkretes Verhalten und konkrete Wahrnehmungen zu beziehen,
aufmerksam zuzuhören und das Gehörte in eigenen Worten zusammenzufassen,
zu versuchen zu verstehen, z.B. durch das Stellen von einfachen, offenen und nicht-wertenden Fragen,
auch zu akzeptieren, dass der Sportler möglicherweise nicht bereit ist, sich dem Trainer gegenüber zu öffnen und dass der Sportler die Situation ggf. anders einschätzt als der Trainer.
No-Gos in dieser Phase bestehen darin,
Annahmen über mögliche Ursachen des Problems zu äußern und dieses zu erklären versuchen,
sofort in die Rolle des Ratschlaggebers zu rutschen.
Schritt 3: Intervenieren & Lösen
Sofern sich der Sportler dem Trainer gegenüber geöffnet hat, sich die Vermutung eines Problems bestätigt hat und der Sportler in dieser Phase bereits bereit ist, gemeinsam mit dem Trainer in einen Lösungsmodus zu schalten, kann zum einen im eigenen Verantwortungsbereich nach Lösungen gesucht werden. So kann z.B. im Hinblick auf den Sportkontext gemeinsam überlegt werden, welche – zwischenzeitlichen – Erleichterungen zur Wiederherstellung des Wohlbefindens des Sportlers herbeigeführt werden können. Bei komplexeren Sachverhalten kann gemeinsam nach geeigneten Ansprechpartnern gesucht werden – sei es durch sportpsychologische Unterstützung oder über alternative Lösungsmöglichkeiten.
Tipps für den Umgang mit Sportlern in Krisensituationen
Abschließend möchte ich euch Lesern gern einige zusammenfassende Tipps für den Umgang mit Sportlern in Krisensituationen an die Hand geben. Menschen reagieren sehr unterschiedlich in solchen Situationen: von totaler Verleugnung bis hin zu Panikreaktionen. Umso wichtiger ist es, als Trainer, sachlich und ruhig zu kommunizieren, Anteilnahme zu zeigen und dem Sportler das Gefühl zu geben, ihn zu verstehen. Zudem ist es wichtig, über mögliche Hilfsangebote Bescheid zu wissen, um – falls in der Situation passend – auf diese verweisen zu können.
In vielen Sportvereinen gibt es Unterstützungsangebote wie z.B. eine sportpsychologische Beratung oder einen Mannschaftsmediziner. Zudem: Es gilt, unbedingt auf sich selbst zu achten. Nur wer als Trainer selbst mental gesund ist, kann seinen Sportlern – gerade denjenigen, die sich in Krisensituationen befinden – eine wahre Stütze sein.
Als Sport-Mentaltrainer arbeite ich überwiegend mit jungen Nachwuchstalenten aus Einzel- und Mannschaftssportarten. Und ob Tennis, Fußball, Eishockey oder Boxen – es kommt immer wieder vor, dass die Eltern die abhanden gekommene „Spielfreude“ beklagen, die sie bei ihren Kindern plötzlich beobachten. Da ist dann die Rede von „hängenden Schultern“, „fehlendem Biss“ oder „Zaghaftigkeit“. Solange es nur die Eltern sind, die diese Phänomene beobachten, für die Kinder selbst aber alles in Ordnung ist, sehe ich als Mentaltrainer noch keinen Grund zur Intervention. Wenn aber auch die Kinder diesen Wesenswandel als störend wahrnehmen und ihre sportlichen Ziele als gefährdet sehen, helfe ich gerne. Oft liegt der Schlüssel zur Situation aber gar nicht auf der Ebene der Kinder.
Zum Thema: Motivation und Spielfreude im Nachwuchsleistungssport
Jugendliche, die ihren Sport auf höchstem Niveau betreiben, haben in der Regel schon sehr früh damit angefangen. Beispielsweise im Eishockey ist es keine Seltenheit, dass Kinder mit drei Jahren das erste Mal die Schlittschuhe schnüren und ab dem fünften Lebensjahr dann mit beiden Beinen im Leistungssport stehen: Drei bis vier Trainingseinheiten pro Woche; Spiele oder Turniere statt Kindergeburtstage; Trainingscamp statt Urlaub; Selektionsverfahren; Leistungsdruck. Selbstredend ist es da nicht leicht, die Motivation über Jahre aufrechtzuerhalten. Selbst dann nicht, wenn die Sportart per se Erfüllung verspricht. Denn das Leben hat – und das ist auch gut so! – sehr viel mehr zu bieten als Pokale, Medaillen, Training und Leistungsdruck. Gerade im Teenageralter werden die Entbehrungen, die man als Leistungssportler in Kauf nehmen muss, verstärkt spürbar. Der Lieblingssport wird zuweilen zum lästigen Pflichtprogramm. Da ist es dann nicht verwunderlich, dass auch die Körpersprache dieses Unbehagen ausdrückt.
In gar nicht mal so seltenen Fällen geben talentierte und vielversprechende Nachwuchssportler ihren Sport dann irgendwann auf, um endlich auch mal die anderen Facetten des Lebens kennenzulernen und auszukosten. Denn nicht jeder Sportler, der gut ist, will auch Profi werden. Nebenbei bemerkt: Für die stolzen Eltern ist das oft ein größeres Drama als für die Sportler selbst.
Leistungssport ist Druck
Wer aber in seiner Sportart ganz oben mitspielen will und eine Profikarriere anstrebt, kommt an hohen Leistungsanforderungen nicht vorbei. Kurz: Leistungssport ist Druck. Aber: Der Druck muss gewollt sein. Stichwort „intrinsische Motivation“. Häufig wird aber der ohnehin schon sehr große Druck, den sich leistungsorientierte Sportler mit Profi-Ambitionen freiwillig machen, von außen unnötig erhöht. Etwa dann, wenn Trainer und/oder Eltern die Anstrengungen und Erfolge der Kinder nicht adäquat wertschätzen.
In meiner Arbeit als Sport-Mentaltrainer habe ich immer wieder mit Nachwuchstalenten zu tun, die trotz aller Erfolge immer ein “aber” zu hören bekommen. „Du hast das Tennisturnier zwar gewonnen, aber nicht dein bestes Tennis gespielt.“ „Du hast im Spiel zwar zwei Tore geschossen, aber immer noch zu viele Chancen liegen lassen.“ Keine Frage: Das Streben nach Perfektion ist auf dem Weg zum Profi legitim und wichtig. Dennoch sollte man es mit Strenge und Kritik nicht übertreiben. Denn Lob und Anerkennung stärken das Selbstvertrauen – ein unschätzbar wichtiges Element für Motivation, Ehrgeiz, Spaß und ERFOLG!
Die Arbeit mit Sportlern und Eltern
Wenn man Nachwuchstalenten das Gefühl gibt, nie gut genug zu sein, ebnet man den Weg für Demotivation, Trotz und Resignation. Oder eben für „hängende Schultern“ oder „fehlenden Biss“. Dementsprechend liegt das oben angesprochene Problem also oft auch bei den (ambitionierten) Eltern, die nach einem erfolgreichen Wettkampf lieber das Haar in der Suppe suchen, als ihren Kindern anerkennend auf die Schulter zu klopfen. So ist es dann für mich als Mentaltrainer sinnvoll, auch das Gespräch mit den Eltern zu suchen. Und aus meiner Erfahrung kann ich sagen, dass Eltern in aller Regel offen für Ratschläge sind und diese auch gerne beherzigen.
In meiner Arbeit mit den Sportlern selber geht es dann darum, ihnen ein Bewusstsein für ihre Stärken zu geben und ihnen dabei zu helfen, ihre sportlichen Erfolge konstruktiv einzuordnen. Denn nur, wenn man weiß, was man kann, zu was man fähig ist (Selbstwirksamkeit) und was man schon alles erreicht hat, ist eine positive und optimistische Grundhaltung möglich. Dann hängen auch die Schultern nicht mehr.