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Geschützt: Vernetzte Sportpsychologie

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Frage und Antwort: Fehler im Tennis

Fehler gehören im Tennis dazu. Jedoch werden sie recht hart sanktioniert. Geht etwas daneben, kostet es den ersten Aufschlag, die Chance auf ein Break oder den sicher geglaubten Satz. Noch viel schlimmer: Es kostet Nerven, den Glauben an die eigene Stärke und im Zweifel den Spaß an dem Sportspiel. Mit dieser Angst hat sich ein Vater eines Tennistalents gemeldet. Der neunjährige Junge trainiert und spielt ambitioniert. In den vergangenen Monaten wird aber immer deutlicher, dass das Kind nicht mit eigenen Fehlern umgehen kann.

Zum Thema: Umgang mit Fehlern im Tennis

Im Netzwerk Die Sportpsychologen haben wir zahlreiche Experten und Expertinnen, die im Tennis und natürlich auch in anderen Sportarten quasi täglich mit solchen Phänomenen zu tun haben. Klaus-Dieter Lübke Naberhaus (zum Profil) und Stephan Brauner (zum Profil) haben sich der konkreten Frage angenommen: Wie kann ich meinem Kind helfen, besser mit den eigenen Fehlern umzugehen? 

Klaus-Dieter Lübke Naberhaus

Antwort von: Klaus-Dieter Lübke Naberhaus (zum Profil)

Motorisches Lernen bedarf wie anderes Lernen der Fehler, denn wir lernen hauptsächlich aus dem Prinzip Versuch und Irrtum. Somit sind Fehler essentiell notwendig und nicht Zeichen eines Ver-sagens. Dieses grundlegende Bild braucht ein Heranwachsender, um dies richtig für sich einsortieren zu können und nicht sein Selbst in Zweifel zu ziehen. 

Ansonsten baut sich ein enormer Leistungsdruck und eine Erwartungshaltung auf, die den Spaß am Spielen nimmt und eine dem Alter angemessene Reifung und Entwicklung der Persönlichkeit stören kann. Eine liebevolle Begleitung und eine realistische Einstellung zu Fehlern können die Grundlage und die Idee sein, wie eine Änderung erzielt werden kann.

Stephan Brauner

Antwort von: Stephan Brauner (zum Profil)

Vielen Dank für Deine Anfrage. Es freut mich sehr, wenn Eltern sich schon früh auch in der Breite um die Entwicklung ihrer Kinder kümmern. Nach dem Motto „viel hilft viel“ noch mehr Trainerstunden zu buchen liegt vielleicht nahe, allerdings befürchte ich, dass das beschriebene Problem sogar noch stärker auftreten könnte.Der Weg über den Kopf ist richtig. Und ein guter Umgang mit Fehlern ist wichtig.

Über den Umgang mit Fehlern habe ich hier schon mehrfach geschrieben (ein Link findet sich unten, alle Texte auf Stephans Profilseite). Tennis ist und bleibt ein Fehlersport und die Idee, Fehler komplett vermeiden zu wollen, ist zum Scheitern verurteilt. Entscheidend ist der Umgang mit Fehlern – vielleicht sogar die Sicht auf Fehler als Lehrmeister. Die Besonderheit hier ist das Alter des Sportlers. Er ist noch nicht einmal 10 Jahre. Typischerweise kann in der sportpsychologischen Zusammenarbeit erst mal ein Verständnis dafür geschaffen werden, dass die Gedanken im Kopf eine Wirkung auf das eigene Tennisspiel haben können. Und im zweiten Schritt, dass die Gedanken nur Gedanken sind und keine Wahrheiten. Und das Gedanken auch beeinflussbar sind. Das ist schon einigermaßen komplex und für einen Sportler in sehr jungen Jahren gar nicht einfach nachzuvollziehen, finde ich.

Ich würde das Kind zu einem Experiment einladen. „Bitte stelle dir – immer wenn dir ein Fehler unterläuft – deinen Lieblingsspieler vor und überlege dir: Was würde Carlos Alcaraz (oder wer auch immer) jetzt denken? Was würde dieser Spieler tun?“ Natürlich wissen wir alle nicht, was dieser Spieler in Wirklichkeit denkt, aber aus meiner Erfahrung weiß ich, dass viele junge Sportler über diesen Umweg an hilfreiche Gedanken kommen, die ihnen einfach gut tun.

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Wir von Die Sportpsychologen sind für dich da. Und weil wir wissen, dass manchmal eine kleine Schwelle im Weg steht, Kontakt zu einem “Psychologen”, einer “Psychologin” oder einer/einem “MentaltrainerIn” zu suchen, machen wir einen Schritt auf dich zu. Wenn du also auch eine Frage an uns loswerden möchtest, dann nutz dafür das folgende Formular.

    Wichtig zu wissen: Manche Fragen und deren Antworten veröffentlichen wir nicht. Wir treten dann mit den jeweiligen FragestellerInnen persönlich in Kontakt. Dies behalten wir uns für Fälle vor, in denen die Anonymität nicht gewährleistet werden kann oder das angestoßene Thema besser im geschützten Raum besprochen wird. Zudem gilt: Unsere Antworten können nicht mehr als Anstösse liefern. Anstösse, von denen du als Leser oder Leserin ableiten kannst, wie wir von Die Sportpsychologen ticken und was wir so machen.

    Mehr zum Thema:

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    Prof. Dr. René Paasch: Humanistisches Coaching im (Leistungs-)Sport

    Das Humanistische Coaching im Sport ist ein interessantes und aufstrebendes Gebiet. Im Fokus steht die Bedeutung des menschlichen Erlebens und der persönlichen und kollektiven Entwicklung. Aber: Egal ob in der Kita, in der Schule, im Studium, in den verschiedenen Ausbildungsberufen oder in den Trainerausbildungen im Sport – es findet wenig Berücksichtigung! Welche Ansätze gibt es, was sollten wir dazu wissen und wie können wir die theoretischen Ansätze in die sportliche Praxis überführen?  

    Zum Thema: Ein integrativer Ansatz für mehr Menschlichkeit und individuelle/kollektive Potenzialentfaltung im (Leistungs-)Sport 

    Der Gegenstand der Humanistischen Psychologie erschließt sich aus einer pointierten Essenz ihres Gründungsmitgliedes James Bugental: „Wir Humanistischen Psychologen sind es leid, Psychologen*innen zu sein, wenn Psychologie darin besteht, den Menschen als eine größere weiße Ratte oder einen langsameren Computer zu betrachten.“ (Bugental, J.: Challenges of Humanistic Psychology, New York 1967). 

    Wie sehen Sie das? Ist unsere Disziplin ähnlich zu sehen und wenn ja, was sollten wir zukünftig verändern? 

    Für mich spielen daher humanistische Menschenbilder und die Orientierung anhand gelebter Praktiken eine wichtige Rolle im Sport, da sie den Fokus auf die persönliche Entwicklung und das Wohlbefinden des Einzelnen legen. Treu dem Motto: 

    „Die Theorie ist interessant und wichtig, aber am Ende des Tages haben Sinn, Verstehbarkeit und Handhabbarkeit im Feld eine größere Bedeutung.” 

    Die Anwendung dieser Menschenbilder kann Ihnen dabei helfen, eine förderliche Umgebung zu schaffen, die es den/die Athleten*innen ermöglicht, sein/ihr volles Potenzial auszuschöpfen. Nun möchte ich Sie einladen, an meinen Gedanken teilzunehmen!

    Von Bedürfnissen und Empathie

    Die Psychologen Abraham Maslow und Carl Rogers begleiten mich schon seit vielen Jahren in meiner Arbeit.  Was meine ich damit? Abraham Maslow war ein bedeutender Psychologe, der für seine Hierarchie der Bedürfnisse bekannt geworden ist. Dieser besagt, dass Menschen eine Reihe von hierarchischen Bedürfnissen haben, die sie antreiben – wie auch die Säulen der Selbstverwirklichung und Selbsttranszendenz. Obwohl Maslows Modell weit verbreitet ist, haben viele Forscher*innen und Psychologen*innen im Laufe der Zeit Erweiterungen und Modifikationen vorgeschlagen, um den ursprünglichen Rahmen zu ergänzen oder zu verbessern, wie bspw. die spirituellen-, kognitiven und ästhetischen Bedürfnisse, soziale Gerechtigkeit und Zusammenarbeit sowie kulturelle Unterschiede. Es ist wichtig anzumerken, dass diese Erweiterungen oft kontrovers diskutiert werden und nicht allgemein akzeptiert sind. 

    Hingegen suggeriert Carl Rogers die Bedeutung von Empathie, positiver Wertschätzung und Echtheit in zwischenmenschlichen Beziehungen. Er entwickelte die personenzentrierte Begleitung, die darauf abzielte, dass sich Menschen selbst verwirklichen und ihr volles Potenzial entfalten können. Diese philosophische Denke ist meine Inspiration als (sport-)psychologischer Humanist. Obwohl Carl Rogers Ansatz selbst keine Erweiterungen seiner Methodik umfasste, wurden im Laufe der Zeit verschiedene Erweiterungen vorgeschlagen, um die Wirksamkeit zu verbessern oder sie auf verschiedene Anwendungsbereiche ausdehnen zu können (bspw. Focusing, Emotionale Fokussierung, Expressive Therapien, Gruppen- und Familientherapien und das Mindfulness). Diese Erweiterungen bieten verschiedene Herangehensweisen für unser Feld, jedoch sollten diese Bereiche von geschulten Kollegen*innen angeboten werden.  

    Praktisches Beispiel nach Rogers: 

    Sie betreuen einen Spieler bzw. eine Spielerin wegen „Angst vor Misserfolg“. Sie würden in diesem Fall einen sicheren Raum schaffen, in dem Ihr(e) Sportler*in ihre Gefühle und Gedanken ausdrücken können, ohne beurteilt zu werden. Sie hören aktiv zu, zeigen Verständnis und arbeiten mit Spiegelung der Gefühle des Gegenübers. Durch die empathische Unterstützung kann Ihr Gegenüber eine tiefere Selbsterkenntnis erlangen, seine/ihre Ängste besser verstehen und lernen, damit umzugehen. Der Fokus liegt darauf, dass der/die Sportler*in seine/ihre eigenen Lösungen entwickelt und seine/ihre persönliche Entwicklung vorantreibt.

    Grundannahmen

    Der Humanismus im (Leistungs-)Sport basiert aus meinen Erfahrungen heraus auf einer Reihe von Grundannahmen, die den Fokus auf den Menschen als Ganzes legen. Ein zentraler Aspekt des humanistischen Ansatzes ist der organismische-, konstruktivistische-, integrative und systematische Aspekt, der die Individualität jedes Individuums betont. Hier sind einige Anregungen, wie Sie als Trainer*in diese Grundannahmen auf den (Leistungs-)Sport übertragen können: 

    Organismischer Aspekt im (Leistungs-)Sport

    Die persönliche Entwicklung und das Wohlbefinden des Einzelnen sind ein zentraler Aspekt in diesem Abschnitt. Dies bedeutet, dass wir uns nicht nur auf die Leistung oder die Ergebnisse konzentrieren sollten, sondern auch darauf, dass die Athleten*innen als Menschen wachsen und sich weiterentwickeln dürfen. Sie können den/die Athleten*in dahingehend unterstützen, seine/ ihre Stärken zu entdecken, Ziele zu definieren und ihre Fähigkeiten auf und neben dem Spielfeld zu verbessern. Jede(r) Athlet*in ist einzigartig und hat unterschiedliche Bedürfnisse. Es geht darum, diese individuellen Bedürfnisse zu erkennen und darauf einzugehen. Sie können bspw. individuelle (kognitive) Trainingspläne entwickeln, um den Bedürfnissen jedes(r) Athleten*in gerecht zu werden, und sie ermutigen, ihre eigenen Entscheidungen zu treffen und Verantwortung für ihre Entwicklung zu übernehmen. Weitere Anregungen finden Sie hier:

    Des Weiteren liegt dieser große Wert auf positive und unterstützende zwischenmenschliche Beziehungen. Trainer*innen können eine Atmosphäre des Vertrauens und der Offenheit schaffen, in der/die Athleten*innen sich sicher fühlen, ihre Gedanken und Gefühle ausdrücken dürfen. Somit entwickeln Sie eine starke Beziehung zu Ihren Athleten*innen, verstehen sie und können individuell auf ihre Belange eingehen. Weiterführende Gedanken finden Sie hier:

    https://www.die-sportpsychologen.de/wp-content/uploads/2018/08/ft18_0607_Paasch.pdf

    Auch die Integration von körperlichem und geistigem Wohlbefinden spielt dabei eine Rolle. Es geht nicht nur darum, die körperliche Fitness und Leistung zu verbessern, sondern auch um die Förderung einer gesunden mentalen Einstellung. Sie können mit Unterstützung eines/einer Kollegen*in Techniken wie Mentales Training, Achtsamkeit und Stressbewältigung in den Trainingsalltag einbauen. Anregungen für die mentale Stärke finden Sie hier: 

    Selbstverwirklichung im (Leistungs-)Sport 

    Dieses Prinzip basiert auf der Grundannahme, dass Menschen den Wunsch in sich tragen, ihr volles Potenzial zu entfalten. Unterstützen Sie Ihre Athleten*innen daher, ihre eigenen Ziele zu definieren und zu verfolgen, somit können Sie ihre Selbstverwirklichung voranbringen. Auch das Angleichen mit Teamzielen ist ohne weiteres möglich. Dies bedeutet, dass die Ziele nicht nur von außen vorgegeben werden. Sich eigene Ziele zu suchen und sie mit Leidenschaft und Engagement zu verfolgen, befeuert die regelmäßige Ausschüttung von neuroplastischen Botenstoffen. Sie können somit den/die Athleten*innen Möglichkeiten bieten, neue Fähigkeiten zu erlernen, sich selbst herauszufordern und ihre Komfortzone zu verlassen. Sie können auch einen Raum schaffen, in dem Athleten*innen sich selbst reflektieren, aus Fehlern lernen und kontinuierlich an ihrer persönlichen Entwicklung arbeiten können. Eine unterstützende Umgebung wäre daher zu empfehlen, die von Vertrauen, Wertschätzung und positiver Unterstützung geprägt ist – dies kann die Selbstverwirklichung der Athleten*innen nachhaltig fördern. Schaffen Sie des Weiteren eine Atmosphäre, in der/die Athleten*innen sich sicher fühlen, ihre Fähigkeiten und Ideen ausdrücken dürfen, dies stärkt das Selbstvertrauen und ermutigt Ihre Schützlinge, Risiken einzugehen und ihr volles Potenzial zu entfalten. Selbstverwirklichung im Sport beinhaltet somit nicht nur die sportliche Leistung, sondern auch andere Aspekte des Lebens der Athleten*innen. Als Trainer*in sollten Sie die Ganzheitlichkeit im Blick haben und fördern, indem Sie darauf achten, dass die Athleten*innen ein ausgewogenes Leben führen: körperlich, geistig und emotional. Mehr zu den Themen Ziele und Selbstverwirklichung finden Sie hier:

    Jede(r) Athlet*in ist einzigartig, daher ist es wichtig, individuelle Unterstützung und Coaching anzubieten. Nehmen Sie sich Zeit, um die individuellen Bedürfnisse, Stärken und Schwächen jedes(r) Athleten*in zu verstehen und maßgeschneiderte Hilfe zur Selbsthilfe anzubieten. Schaffen Sie eine Umgebung, in der Sie anleiten, regelmäßig Feedback erteilen und Mentoring anbieten. Mehr dazu finden Sie hier:

    Der systematische Ansatz im (Leistungs-)Sport

    Der systematische Ansatz im (Leistungs-)Sport bezieht sich auf die Betrachtung des Individuums als Teil eines größeren Systems, das verschiedene Einflussfaktoren auf die sportliche Leistung umfassen. Ich betrachte daher immer das sportliche und private Umfeld, als zwei wichtige Faktoren, die die Leistung beeinflussen können. Dies umfasst Aspekte wie das Trainingsumfeld, die soziale Herkunft und Werte, die Teamdynamik und das Teamverständnis, die Wettkampfbedingungen und die organisatorischen Rahmenbedingungen. Darüber hinaus sollten Sie die verschiedenen Komponenten, wie die körperlichen Fähigkeiten, technischen Fertigkeiten, taktisches Verständnis, psychologische Stärke, Ernährungsweisen und das Schlafverhalten kontinuierlich begleiten. Statt diese Komponenten isoliert zu betrachten, ist es wichtig, sie miteinander zu integrieren und darauf abzuzielen, eine ganzheitliche Leistung zu entwickeln. Das bedeutet, dass wir nicht nur die individuellen Fähigkeiten und Eigenschaften betrachten, sondern auch die Art und Weise, wie sie miteinander in Beziehung stehen und sich gegenseitig beeinflussen. Durch die Förderung von Synergien und positiven Wechselwirkungen können wir die Leistung somit verbessern. Dies bedingt auch die Bedeutung der kontinuierlichen Begleitung und Anpassung. Es ist wichtig, den Fortschritt des/der Athleten*innen regelmäßig zu bewerten, humanistische und physiologische Leistungsdaten zu analysieren und auf Veränderungen zu reagieren. Durch eine flexible und adaptive Herangehensweise können wir dann den Trainingsprozess optimieren und die Leistung kontinuierlich verbessern. Der systematische Ansatz im (Leistungs-)Sport beinhaltet auch die Zusammenarbeit und Kommunikation innerhalb des Teams. Trainer*innen, Athleten*innen, Ärzte*innen, Athletiktrainer*innen und andere Akteure im Sport arbeiten eng zusammen, um Leistungsoptimierung, Gesunderhaltung und Persönlichkeitsentwicklung zu fördern. Durch den Austausch von Wissen, Ideen und Perspektiven können Sie somit die Leistungsfähigkeit optimieren. Indem wir diesen Ansatz im (Leistungs-)Sport anwenden, können wir eine umfassende Herangehensweise an die Entwicklung fördern. Wir betrachten daher den/die Athleten*in nicht isoliert, sondern in Bezug auf sein Umfeld, seine Interaktionen und die verschiedenen Komponenten, die seine/ihre Leistung beeinflussen. Durch die Integration dieser Elemente, die kontinuierliche und wertschätzende Begleitung und Anpassung sowie die Zusammenarbeit im Team können wir die Leistung des/der Athleten*in Optimieren und ihm/ihr dabei helfen, sein volles Potenzial zu erreichen. Weiteres dazu finden Sie hier:

    Der konstruktivistische Ansatz im (Leistungs-)Sport 

    Dieser basiert auf der Annahme, dass Wissen und Bedeutung durch individuelle Erfahrungen und soziale Interaktionen konstruiert werden. Im konstruktivistischen Ansatz wird der Wert auf die aktive Teilnahme des/der Athleten*in gelegt. Statt passiv Wissen zu vermitteln oder fremdzusteuern, ermutigen Sie Ihre Schützlinge, aktiv am Lernprozess teilzunehmen. Dies kann durch Diskussionen, Reflektionen, problembasiertes Lernen und die Teilnahme an Entscheidungsprozessen geschehen. Indem Sie ihnen erlauben, ihr eigenes Wissen und Verständnis aufzubauen, fördern Sie ihre Lernmotivation und Eigenverantwortung. Schaffen Sie eine attraktive und kreative Lernumgebung, da sie von zentraler Bedeutung ist. Stellen Sie sicher, dass die Trainingsumgebung interaktiv, offen und unterstützend ist. Bieten Sie die Möglichkeiten zur Zusammenarbeit, zum Austausch von Perspektiven und zur individuellen Gestaltung des Lernprozesses an. Durch den Aufbau einer positiven Lernkultur können Sie das Engagement und die Motivation der/die Athleten*innen fördern. Konstruktivistisches Lernen wird oft durch machbare Herausforderungen und praktische Beispiele erleichtert. Stellen Sie den/die Athleten*innen realistische Herausforderungen und Aufgaben, bei denen sie ihr Wissen und ihre Fähigkeiten anwenden können. Dies fördert das kritische Denken, die Problemlösungsfähigkeiten und die kreative Herangehensweise. Die Reflexion über die eigene Leistung und das Erhalten von konstruktivem Feedback sind zentrale Elemente des konstruktivistischen Ansatzes. Ermutigen Sie die Athleten*innen, ihre eigenen Leistungen zu reflektieren, indem sie ihre Stärken und Entwicklungsbereiche identifizieren. Geben Sie regelmäßig Feedback, das auf konstruktiven Dialog und persönlichem Wachstum ausgerichtet ist. Dies hilft den/die Athleten*in, ihr Verständnis und ihre Fähigkeiten zu erweitern.

    Der konstruktivistische Ansatz betont auch die individuellen Perspektiven und Erfahrungen jeder(s) Athleten*in. Berücksichtigen Sie die Vielfalt der Hintergründe, Ansichten und Erfahrungen in Ihrem Team. Schaffen Sie Raum für den Austausch und die Integration unterschiedlicher Perspektiven, um ein umfassendes Verständnis und eine kreative Herangehensweise an den Sport zu fördern. Somit können Sie den Lernprozess der/die Athleten*innen aktivieren, ihre Motivation steigern und ein tieferes Verständnis und Engagement für den Sport entwickeln. Weiterführende Anregungen finden Sie hier:

    Der integrative Ansatz im (Leistungs-)Sport 

    Dieser bezieht sich auf die Integration verschiedener Ansätze, Methoden und Perspektiven, um die sportliche Leistung zu optimieren. Dieser berücksichtigt die verschiedenen Aspekte des/der Athleten*in, einschließlich körperlicher, mentaler, emotionaler und sozialer Komponenten. Anstatt sich nur auf die technischen oder physischen Aspekte zu konzentrieren, betrachten Sie den/die Athleten*in als Ganzes. Dies beinhaltet die Berücksichtigung von Faktoren wie Schlaf, Ernährung, Erholung und Belastung und sozialer Unterstützung, um eine umfassende Leistungsoptimierung zu erreichen. Im integrativen Ansatz arbeiten verschiedene Fachleute zusammen, um ihre Expertise zu kombinieren und die bestmögliche Unterstützung für den/die Athleten*in zu bieten. Dies kann beispielsweise die Zusammenarbeit von Trainern*innen, Sportwissenschaftlern*innen, Ernährungsexperten*innen, Sportpsychologen*innen und Physiotherapeuten*innen umfassen. Durch die Integration verschiedener Perspektiven und Ansätze können Sie somit ein umfassendes Unterstützungssystem aufbauen. Auch das kontinuierliche Monitoring und eine regelmäßige Anpassung ist entscheidend. Verwenden Sie alle Daten und Leistungsmessungen, um den Fortschritt des/der Athleten*in zu überwachen und den Trainingsprozess anzupassen. Dies ermöglicht es Ihnen, gezielt auf Veränderungen zu reagieren und die Leistung zu optimieren. Ein ganzheitliches Zielmanagement, bei dem sowohl kurzfristige als auch langfristige Ziele berücksichtigt werden. Stellen Sie sicher, dass die gesetzten Ziele realistisch, spezifisch und messbar sind. Berücksichtigen Sie dabei nicht nur die sportlichen Leistungsziele, sondern auch die persönlichen Ziele und Werte des/der Athleten*in. Durch die Integration von verschiedenen Zielen können Sie eine ausgewogene und nachhaltige Leistungsentwicklung fördern. Indem Sie den integrativen Ansatz im (Leistungs-)Sport anwenden, können Sie eine umfassende und individuelle Herangehensweise an die Leistungsoptimierung fördern. Durch die Integration verschiedener Ansätze und die Zusammenarbeit zwischen Fachleuten können Sie ein unterstützendes Netzwerk aufbauen. 

    Fazit

    Die Anwendung humanistischer Prinzipien in der Sportpsychologie ermöglicht es, den Sportler*innen als individuelle Persönlichkeit zu betrachten und seine Bedürfnisse, Werte und Ziele zu berücksichtigen. Indem der Fokus auf Selbstverwirklichung, persönlichem Wachstum und Selbstbestimmung liegt, kann die Sportpsychologie dazu beitragen, dass Sportler*innen ihr volles Potenzial entfalten und ihre sportlichen Ziele schrittweise erreichen. Die Anerkennung der Einzigartigkeit jedes Sportlers bzw. Sportlerin, die Schaffung einer unterstützenden und vertrauensvollen Beziehung zwischen Sportpsychologen*innen und Sportlern*innen sowie die Förderung von Autonomie und Selbstreflexion sind zentrale Aspekte des humanistischen Ansatzes. Durch die Betonung der positiven psychologischen Ressourcen und die Stärkung des Selbstvertrauens und der mentalen Stärke können Sportler*innen ihre Leistungsfähigkeit steigern und mit Herausforderungen besser umgehen. Darüber hinaus kann die Sportpsychologie im Rahmen des Humanismus dazu beitragen, eine gesunde Work-Life-Balance zu fördern und die psychische Gesundheit der Sportler*innen zu unterstützen. 

    Mehr zum Thema:

    Literatur

    Baltzell, A., & Kaufman, S. (2016). Existential-humanistic sport psychology: An overview and development of the existential sport coaching model. Journal of Humanistic Psychology, 56(3), 247-269. – Dieser Artikel bietet einen Überblick über die existential-humanistische Sportpsychologie und stellt das existentielle Sport-Coaching-Modell vor.

    Cushman, D. (2018). Coaching beyond the Xs and Os: Exploring the existential and humanistic foundations of effective coaching. International Journal of Sports Science & Coaching, 13(4), 574-582. 

    Koltko-Rivera, M. E. (2006). Rediscovering the later version of Maslow’s hierarchy of needs: Self-transcendence and opportunities for theory, research, and unification. Review of General Psychology, 10(4), 302-317. – Obwohl nicht spezifisch auf Sport-Coaching ausgerichtet, bietet dieser Artikel Einblicke in das Konzept der Selbsttranszendenz und wie es in humanistischen Ansätzen im Sport angewendet werden kann.

    Pierce, D., Gould, D., & Camiré, M. (2017). Understanding and promoting transformative learning in the coaching context. Journal of Sport Psychology in Action, 8(2), 67-79. 

    Stelter, R. (2015). Existenzanalyse und Daseinsanalyse in Sport und Bewegung: Eine praktische Einführung. Springer-Verlag. 

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    Sebastian Ayernschmalz: Wie Trainer:innen mit innerer Haltung Leistung beeinflussen

    Als Trainer:innen verfügen wir über einzigartige Fähigkeiten, um Wissen und Erfahrungen an andere weiterzugeben. Doch die wertvollste Fähigkeit, die wir haben, ist unsere innere Haltung. Diese spielt eine entscheidende Rolle bei der Vermittlung von Fähigkeiten und der Entwicklung des Wissens unserer Spieler:innen. Wie wir unsere innere Haltung nutzen können, um effektiv Fähigkeiten zu vermitteln und das Maximale aus den Atleth:innen herauszuholen, stelle ich hier dar. 

    Zum Thema: Innere Haltung der Trainer:innen bei der Vermittlung von Fähigkeiten

    Wenn du als Trainer:in Fähigkeiten vermitteln möchtest, ist es wichtig, dass du dich auf deine innere Haltung konzentrierst. Denn diese spiegelt sich in deinem Verhalten und deiner Kommunikationsweise wider. Eine positive innere Einstellung, die von Empathie, Offenheit und Respekt geprägt ist, kann dazu beitragen, dass deine Teilnehmer:innen sich wohl und verstanden fühlen. Eine negative Haltung hingegen, die von Unmut, Abwertung und Überheblichkeit geprägt ist, kann dazu führen, dass deine Teilnehmer:innen sich unwohl und unsicher fühlen. Deshalb solltest du dir bewusst machen, welche innere Haltung du an den Tag legst und gegebenenfalls an deinem Mindset arbeiten, um eine positive Lernumgebung zu schaffen. 

    Eventuell neigen wir als Trainer:in dazu, unsere Sportler:innen zu unterschätzen. Wählen unbewusst sogar die Übungen aus, die eher zum Stillstand als zur Weiterentwicklung führen. Dies kann über eine kritische Betrachtung der eigenen Haltung hinterfragt und angepasst werden. 

    Was ist der Pygmalion-Effekt?

    Ein Einflussfaktor kann der Pygmalion-Effekt sein. Der Pygmalion-Effekt beschreibt die Tatsache, dass die Erwartungen, die wir an andere Menschen haben, einen Einfluss auf deren Leistung haben. Wenn wir davon ausgehen, dass jemand talentiert und fähig ist, wird diese Person höchstwahrscheinlich auch erfolgreich sein. Umgekehrt gilt das Gleiche: Wenn wir davon ausgehen, dass jemand unfähig und erfolglos ist, wird diese Person wahrscheinlich auch schlechter abschneiden. Trainer:innen sollten sich dieser Tatsache bewusst sein und ihre Erwartungen an ihre Sportler:innen entsprechend positiv formulieren. Eine positive innere Haltung kann dazu beitragen, dass die Sportler:innen motivierter und erfolgreicher sind.

    Dabei handelt es sich um ein psychologisches Phänomen, bei dem die Erwartungen einer Person über die Leistung einer anderen Person die folgende Leistung tatsächlich beeinflussen können. Das bedeutet, dass wenn ein Trainer:in hohe Erwartungen an die Sportler:innen hat, diese auch tatsächlich besser abschneiden können. Dabei hat die Forschung einen anderen Ursprung. Und zwar fand die Forschung hierbei im Klassenraum statt. Der Pygmalion-Effekt wurde zuerst in den 1960er Jahren von dem Soziologen Robert Rosenthal untersucht. Rosenthal führte ein Experiment mit Grundschulkindern durch, bei dem er ihnen mitteilte, dass einige von ihnen besonders intelligent seien. Im Verlauf des Jahres stellte er fest, dass diese Kinder tatsächlich besser in der Schule abschneiden als die anderen.  

    Studien zum Pygmalion-Effekt haben gezeigt, dass die innere Haltung bzw. Erwartungen der Lehrer:innen bei der Vermittlung von Fähigkeiten eine entscheidende Rolle spielt., Quelle: Sebastian Ayernschmalz

    Trainer:innen können ihren positiven Einfluss geltend machen

    Auch wenn dies eine empirische Frage ist, können wir einiges aus den Studien lernen. Wenn du als Trainer:in also davon überzeugt bist, dass deine Sportler:innen erfolgreich sein werden, dann wird sich das auch auf ihre Leistung auswirken. Es ist wichtig, dass du als Trainer:in also eine positive Einstellung hast und deine Sportler:innen ermutigst, an sich selbst zu glauben. Denn nur so können sie ihr volles Potenzial entfalten und ihre Fähigkeiten verbessern. Dabei liegt es vor allem an den Trainer:innen das Leistungsniveau passend zum einzelnen Sportler oder zur einzelnen Sportlerin einzuschätzen, damit eine Steigerung der Anforderung zum gewünschten Leistungszuwachs und nicht zur Überforderung führt. 

    Wenn es darum geht, Fähigkeiten zu vermitteln, ist es wichtig, dass Trainer:innen sich bewusst sind, dass jeder Sportler:in individuell ist. Das bedeutet, dass sie ihre innere Haltung entsprechend anpassen müssen. Dies erfordert Geduld, Einfühlvermögen und Anpassungsfähigkeit. Einige Sportler:innen benötigen vielleicht mehr Zeit, mehr Wiederholungen oder mehr Erklärungen, während andere es schneller und einfacher verarbeiten können. Hierbei gilt es Tools zu schaffen, die den Trainingserfolg sichtbar machen (z.B. Quizzes bei theoretischen Aufgaben oder Übungen, die in wettkampfnahen Situationen Entscheidungen abverlangen oder die Umsetzung einer Technik einfordern). Ein positives Mindset der Trainer:innen hilft dabei ein Gefühl der Unterstützung bei den Athlet:innen zu erzeugen, was auch zu einem Umfeld führen kann, in denen Fehler eine Möglichkeit zur Weiterentwicklung sein können. Entsprechende Selbstreflexion kann sich später positiv auf die Ergebnisse der Athlet:innen auswirken.

    Innere Haltung 

    Eine positive innere Haltung ist der Schlüssel zur erfolgreichen Vermittlung von Fähigkeiten als Trainer:in. Wenn du als Trainer:in mit einer positiven Einstellung und einem offenen Geist an die Sache heran gehst, wirst du automatisch eine bessere Verbindung zu deinen Teilnehmer:innen aufbauen können. Es ist wichtig, dass du dich auf die individuellen Bedürfnisse und Fähigkeiten deiner Teilnehmer:innen einstellst und ihnen das Gefühl gibst, dass du ihnen helfen möchtest, ihre Fähigkeiten zu verbessern. Eine positive innere Haltung kann auch dazu beitragen, dass du dich besser auf unerwartete Situationen einstellen kannst, die während des Trainings auftreten können. Wenn du mit einer offenen und positiven Einstellung an die Sache heran gehst, wirst du in der Lage sein, deine Teilnehmer:innen zu motivieren und ihnen das Vertrauen zu geben, das sie benötigen, um ihre Fähigkeiten zu verbessern.

    Take home message

    Und was ist nun die „take home message“ für dich als Trainer:in? Eine positive innere Haltung ist der Schlüssel zur erfolgreichen Vermittlung von Fähigkeiten. Wenn du selbst begeistert und motiviert bist, überträgt sich das auf deine Teilnehmer:innen. Außerdem solltest du immer im Blick behalten, dass jeder Mensch individuell ist und unterschiedliche Lernmethoden benötigt. Sei geduldig und unterstütze deine Teilnehmer:innen dabei, ihre Fähigkeiten zu entwickeln. Auch Fehler gehören zum Lernprozess dazu und sollten nicht als Scheitern gewertet werden. Stattdessen solltest du sie als Chance nutzen, um gemeinsam mit deinen Teilnehmer:innen zu reflektieren und zu wachsen. Eine positive innere Haltung, Geduld und Empathie sind somit die Grundlagen für eine erfolgreiche Vermittlung von Fähigkeiten.

    Mehr zum Thema:

    Quellen: 

    Rosenthal, R., & Jacobson, L. (1968). Pygmalion in the classroom. The urban review3(1), 16-20.

    Szedlak, C., Smith, M. J., Day, M. C., & Greenlees, I. A. (2015). Effective Behaviours of Strength and Conditioning Coaches as Perceived by Athletes. International Journal of Sports Science & Coaching, 10(5), 967–984. doi:10.1260/1747-9541.10.5.967 

    Luis Armando Leonardo Filho (2016): The Pygmalion and Galatea effects in the coaching process from the perspective of high-performance volleyball athletes, Sports Coaching Review, DOI: 10.1080/21640629.2016.1201355

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    Janosch Daul und Leo Hein: Wie Sportpsychologie auf dem Weg in den Profi-Fußball helfen kann

    Wie sieht sportpsychologische Arbeit in der Praxis aus? Inwiefern profitieren junge Sportler von der Zusammenarbeit mit einem Sportpsychologen? Mit welchen Fragen können Athleten den Experten gegenübertreten? Wir von Die Sportpsychologen liefern auf solche Fragen gern Antworten. Janosch Daul (zum Profil), Sportpsychologe im Nachwuchszentrum des Halleschen FC, erlaubt uns hier einen Einblick in seine Zusammenarbeit mit einem Nachwuchsfußballer, der die Sportpsychologie als Werkzeug nutzen will, um sich seinen Traum vom Profi-Fußball zu ermöglichen. 

    Zum Thema: Insiderbericht über die Zusammenarbeit zwischen einem Nachwuchskicker und einem Sportpsychologen

    Leo Hein ist ein äußerst talentierter Spieler der U16-Mannschaft des Halleschen FC. Im Nachwuchszentrum des Fußball-Drittligisten arbeitete ich seit einigen Monaten sehr intensiv mit ihm zusammen. Leo gehört zur neuen Spielergeneration, die quasi mit der Sportpsychologie aufwächst. So lag es für den Zehntklässler des Gymnasiums Mücheln nahe, sich im Rahmen einer Facharbeit mit einem sportpsychologischen Thema auseinanderzusetzen. Der Titel seiner Arbeit lautet:

    Auswirkungen auf die intrinsische Motivation und Leistungsbereitschaft im Leistungssport durch die Zusammenarbeit mit einem Sportpsychologen im Selbstversuch.“

    Über seine Beweggründe, die Facharbeit zu einem sportpsychologischen Thema zu schreiben, meint Leo folgendes: „Seit ich denken kann, bin ich leidenschaftlicher Fußballer. Ich bin heute 15 Jahre alt und habe mit Freuden bereits 8,5 Jahre Leistungssport erleben dürfen. Fußball ist mehr als nur ein Hobby für mich. Mein größter Wunsch wäre es, einmal Profi zu werden. Natürlich ist mir bewusst, dass der Weg nach oben nicht nur mit Talent und Trainingsfleiß zu schaffen ist. Deshalb ist die Frage, ob die Sportpsychologie dabei eine Hilfe sein kann, sehr bedeutsam für mich. Ich versuche diese Frage im Selbstversuch zu klären, da ich davon ausgehe, dass die Antwort sehr subjektiv belastet sein wird. Die Auswertung könnte meine weitere sportliche Entwicklung extrem beeinflussen, da ich nach Abschluss die Erkenntnis haben könnte, ob ein Sportpsychologe meine Leistung bzw. Einstellung verbessern kann. Falls diese Frage mit ja zu beantworten ist, habe ich eine weitere Möglichkeit für mich gefunden, mir den langen Weg zum Ziel etwas zu erleichtern.“ 

    Ein Tief in der Vorsaison

    Zudem spielte die vorangegangene Saison eine wichtige Rolle im Hinblick auf die Entstehung dieser Facharbeit: „Die letzte Saison lief für mich wenig erfreulich. Durch geringe Einsatzzeiten verlor ich ein wenig mein Selbstvertrauen und befand mich in einem sogenannten Tief. Am Ende der Vorsaison war ich immer noch enttäuscht und hatte mein Selbstvertrauen noch nicht wieder gewonnen, deshalb gab mir mein Vater den Rat, doch mal mit unserem Sportpsychologen zu reden.“ 

    In diesem Artikel möchte ich gemeinsam mit Leo den Ablauf sowie die Ergebnisse des Selbstversuchs vorstellen und anschließend erzählen, wie aus einer anfangs kleinen Zusammenarbeit im Saisonverlauf eine immer umfangreichere und intensivere wurde.

    Der Startpunkt

    Im September des vergangenen Jahres suchte mich Leo mit folgenden Worten auf: „Du, Janosch, ich möchte meine Facharbeit über die Sportpsychologie schreiben. Kannst du mit mir Gespräche führen, die mich im Hinblick auf das jeweils anstehende Training und Spiel motivieren?“ Ich war sofort begeistert von dieser Idee und Leos Initiative. 

    In den folgenden zwei Monaten beschäftigte sich Leo primär mit dem theoretischen Grundgerüst seiner Arbeit, ehe wir dann, von November bis Februar, fünf Mini-Interventionen in Form eines formellen Gesprächs vor Trainingseinheiten führten. Jede Intervention folgte demselben Aufbau: 

    • Begrüßung & Small-Talk 
    • Erfassung von Leos aktuellem Motivationslevel auf einer Skala von 1 bis 10 bzw. 1 bis 100 bzw. vom Kreisligafußballer bis zum Idol Ronaldo
    • Vorstellung der Methode
    • Durchführung dieser Methode
    • Erfassung des aktuellen Motivationslevels
    • Abschluss und Verabschiedung 

    Thematisch gingen wir in den fünf Interventionen wie folgt vor: 

    • Reflexion bisher angewandter Strategien zur Selbstmotivation (Intervention 1)
    • Reflexion guter Gründe, sich aufs anstehende Training zu freuen (Intervention 2)
    • Detaillierte Beschreibung seines persönlichen Fußball-Highlightmoments: ein Fallrückziehertor in einem Spiel als Spieler von RB Leipzig inklusive Formulierung einer knackigen Überschrift aus der Perspektive eines Journalisten (Intervention 3) zu diesem Tor 
    • Intensive Visualisierung dieses Erfolgsmoments mit allen Sinnen vor dem inneren Auge aus der Ich-Perspektive (Intervention 4)
    • Darstellung des persönlichen Lieblings-Spielzugs an der Taktiktafel aus der Rolle eines Trainers (Intervention 5)

    Leo meint zu den Interventionen: „Die Gespräche mit Janosch waren immer ein voller Erfolg. Mit verschiedenen Methoden, egal ob ich in die Rolle eines Trainers schlüpfte oder ein imaginäres Interview mit Ronaldo führte: Janosch konnte mich immer motivieren. Er hat dadurch einen wichtigen Beitrag zu meiner Leistungsfähigkeit beigesteuert, wofür ich sehr dankbar bin.“ 

    Welchen Einfluss hatten unsere Gespräche?

    Zudem führten wir ab Oktober informelle Gespräche, z.B. in Form eines kurzen SMALL-Talks auf dem Weg zum Trainingsplatz. Leo füllte an jedem Trainings- und Spieltag einen selbst entwickelten Fragebogen aus, in dem er u.a. seine Leistungsbereitschaft und intrinsische Motivation subjektiv bewertete. So konnte er den Einfluss unserer Gespräche auf diese Parameter erfassen, indem er die Ausprägung dieser an Tagen, an denen wir Gespräche führten, mit solchen, an denen wir in keinem Kontakt standen, miteinander verglich.

    Die Studienergebnisse zeigen, dass Leos Motivation und Leistungsbereitschaft an Tagen, an denen wir Gespräche geführt hatten, um 6% bzw. 9% ausgeprägter war im Vergleich zu kontaktlosen Tagen. Zudem zeigen die Daten, dass Leo insbesondere dann hinsichtlich seiner Motivation und Leistungsbereitschaft von den Gesprächen profitierte, wenn er seine Tage, bedingt durch die Belastungen des Alltags, als besonders anstrengend empfand. Zudem ist der Zusammenhang an Trainingstagen im Vergleich zu Spieltagen ausgeprägter. Was jedoch mit Blick auf die Ergebnisse kritisch angemerkt werden muss, ist die Tatsache, dass die Studie weitere potenzielle Faktoren, die Einfluss auf Leos Motivation und Leistungsbereitschaft ausgeübt haben könnten, nicht berücksichtigt. Demnach wäre es nicht schlüssig, fest von einem direkten Zusammenhang zwischen den Gesprächen und Leos gestiegener Motivation und Leistungsbereitschaft auszugehen. Jedoch lassen die Ergebnisse den Schluss zu, dass die Gespräche für Leo ein positiver Einflussfaktor waren. 

    Ausweitung der Zusammenarbeit

    Auf Grundlage von Leos Positiverfahrungen im Rahmen seiner Studie und auf Basis unseres gewachsenen Vertrauensverhältnisses nahm die Intensität und Häufigkeit unserer Zusammenarbeit nach Abschluss der Interventionen weiter zu. Zum einen startete ich ab Oktober, nach Absprache mit dem Trainerteam, mit Führungsspielercoachings im Kleingruppenformat, die insbesondere im Frühjahr an Fahrt aufnahmen. Regelmäßig arbeiteten also die Leader des Teams – Leo ist einer von diesen – mit meiner Unterstützung an ihren Leaderkompetenzen. Zum anderen kam Leo, auf Initiative seiner Mannschaftstrainer, in den Genuss einer zusätzlichen individuellen Toptalenteförderung, die im April dieses Jahres begann. In diesem Zusammenhang äußerte Leo sein Bedürfnis, neben seinem Passspiel und Torabschluss sowie seiner Zweikampfführung primär auch im Einzelcoaching verstärkt an seinen Qualitäten als Leader, insbesondere den Bereich der Kommunikation betreffend, zu arbeiten. Auf dieser Basis erstellte ich mit dem Cheftrainer Entwicklungspläne für Leo und führe seitdem mit ihm wie gewünscht Einzelcoachings durch. 

    Im Ergebnis seiner nun gesammelten vielfältigen eigenen Erfahrungen mit der Sportpsychologie hat Leo inzwischen eine eindeutige Antwort für sich auf die Frage gefunden, inwieweit ihm die Sportpsychologie dabei hilft, seine Leistung, Einstellung und Verfassung zu verbessern: „Die Zusammenarbeit mit Janosch hilft mir in vielen Bereichen weiter, z.B. meine Psyche generell und speziell meine Leistungsbereitschaft und Motivation betreffend. Die Gespräche helfen mir einfach dabei, mich noch mehr aufs anstehende Spiel oder Training zu fokussieren und deshalb bessere Leistungen zu bringen. Ich danke Janosch dafür, dass er mich immer unterstützt, egal ob ich Probleme habe oder einfach mal keine Lust aufs Training habe. Janosch bekommt es immer hin, eine Lösung zu finden. Deshalb könnte ich jedem Sportler raten, mit einem Sportpsychologen zusammenzuarbeiten.“

    Foto: privat

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    asp-Tagung 2023: Zukunftsweisend für die Disziplin?

    Mehr Praxisworkshops gab es bei der asp-Tagung noch nie. Damit hat das jährlich Treffen der Arbeitsgemeinschaft für Sportpsychologie, welches vom 18. bis 20. Mai 2023 in Stuttgart stattfand, neue Standards gesetzt. Von Seiten von Die Sportpsychologen waren zahlreiche ExpertInnen auf der Ebene der Praxisworkshops im Einsatz. Redaktionsleiter Mathias Liebing hat sich von Ihnen einen Feedback zur asp-Tagung 23 eingeholt.

    Markus Gretz

    Markus Gretz (zum Profil):

    „In meinem Praxis-Workshop zum Thema „Bio- und Neurofeedbacktraining in der Sportpsychologie“ durfte ich neben jungen Kolleg*innen auch mehrere erfahrene Sportpsycholog*innen begrüßen. Die Teilnehmer*innen erhielten zunächst einen Überblick über die Theorie und Wirkweise von Bio- und Neurofeedbacktraining, das die psychophysiologischen Prozesse von Athlet*innen sichtbar und regulierbar macht. Kurzfristig konnte ich den erfahrenen Neurofeedback-Therapeuten Steven Jones von der Praxis-Jones.de aus Stuttgart als Co-Referenten gewinnen, wodurch wir zwei Teilnehmer gleichzeitig ans EEG für die praktische Demonstration von Neurofeedbacktraining anschließen konnten. Während des gesamten Workshops hatten Teilnehmer*innen die Möglichkeit, Fragen zu stellen, eigene Erfahrungen auszutauschen und sollten in Kleingruppen die Chancen und Grenzen für die eigene Praxisanwendung diskutieren.“

    Praxisworkshop von Markus: Bio- und Neurofeedbacktraining in der Sportpsychologie (Link)

    Philippe Müller (zum Profil):

    „Auf den Punkt bereit sein! Die Unmittelbare Wettkampfvorbereitung (UWV) gehört zum Repertoire jeder Athletin und jedes Athleten. In unserem Workshop haben wir uns auf die letzten 24h vor Wettkampfstart fokussiert und den Teilnehmenden einen Einblick in unsere tägliche Arbeit ermöglicht. Mit zwei Spitzensportlerinnen wurden spezifische Sequenzen der UWV erarbeitet.

    Wir hoffen den Teilnehmenden mit dem sehr praxisnahen Workshop neue Ideen zur Gestaltung der letzten Stunden vor dem Wettkampf mitgegeben zu haben.“ 

    Cristina Baldasarre (zum Profil):

    „Die Unmittelbare Wettkampfvorbereitung (UWV) ist zentral für eine gute Leistungserbringung. Dieses Konzept lässt sich super an jede Sportart mit seinen individuellen Gegebenheiten, sowie an alle Alters- und Leistungsklassen der Athleten anpassen. Somit ist dies ein zentrales Werkzeug und gehört in jeden Koffer eines Sportpsychologen und auch Mentaltrainer.

    Anhand der Athletinnen vor Ort wurde diese Methode sehr spürbar und dadurch hoffentlich der Schritt der eigenen Anwendung mit den eigenen Athleten reduziert.“

    Dr. Hanspeter Gubelmann (zum Profil):

    „Aus Sicht der Sportwissenschaft gilt die unmittelbare Wettkampfvorbereitung (UWV) als mitentscheidendes Puzzle-Teil auf dem Weg zur sportlichen Spitzenleistung. So lapidar dies klingen mag, so unterschiedlich, facettenreich und anspruchsvoll erweist sich ihre individuelle, auf die jeweilige Sportsituation angepasste Umsetzung in der Sportpraxis. Catia und Valeria – zwei ambitionierte Leistungsportlerinnen – zeigten in unserem Workshop ihren selbstverständlichen und leistungsförderlichen Umgang mit dem Wettkampf-Countdown.“  

    Praxisworkshop von Cristina, Hanspeter und Philippe: «Countdown» – ein Tool zur optimalen Wettkampfvorbereitung (Link)

    Klaus-Dieter Lübke Naberhaus
    Prof- Dr. Oliver Stoll

    Klaus-Dieter Lübke Naberhaus (zum Profil):

    „Ein Grundsatz im therapeutischen Arbeiten auf Grundlage der Haltung der humanistischen Psychotherapie ist das neugierig sein, das offen sein und sich wundern können. Und es geht darum, mit dem, was der Klient oder die Klientin und die Situation bietet, zu arbeiten.

    Zusammen mit Oli Stoll wurde das in unserem Praxisworkshop erleb- und erfahrbar. Spontan konnten wir uns die Töchter zweier Kolleginnen/Kollegen für eine praktische Demo mit Spizensportlerinnen zum Arbeiten mit Glaubenssätzen und zum Thema Visualisierung/Imagination „ausleihen“. Und die Arbeit mit Ihnen machte nicht nur Spaß, sie war auch wunderbar schön und hilfreich, so konnte hoffentlich für die Teilnehmerinnen und Teilnehmer des Workshops die Techniken hautnah erleb- und erfahrbar gemacht werden.“

    Prof. Dr. Oliver Stoll (zum Profil):

    „Die Tagung war rundum eine gelungene Veranstaltung. Mit 20 Praxisworkshops hatten wir hier mehr als je zuvor und das Tagungsthema sowie die damit verbundenen Hauptvorträge waren zukunftsweisend für unsere Disziplin. Danke Klaus für den sehr gelungenen gemeinsamen Workshop. Ein echtes persönliches Highlight für mich an den Tagen in Stuttgart.“ 

    Praxisworkshop von Klaus-Dieter und Oliver: Hypnotherapeutische Techniken und ihr Einsatz im Sport (Link)

    Dunja Lang (zum Profil):

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    Praxisworkshop von Dunja Lang: Comeback Stronger! Hypnotherapeutische Ansätze für den besseren Umgang mit und schnellere Genesung bei Stürzen, Verletzungen und Schmerzen (Link)

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    Dr. Rita Regös: Die Supereigenschaft mentale Stärke

    Mentale Stärke ist die Supereigenschaft, welche erfolgreiche Athleten von weniger erfolgreichen unterscheidet. Die Eigenschaft, die Trainer ihren Sportlern predigen und über die Sportpsychologen schwärmen – ja, sie theoretisch überflüssig machen – denn mental starke Athleten brauchen keinen Sportpsycho. Ist das wirklich so oder ist diese Vorstellung doch etwas Oldschool, gar eine Stereotypisierung in mental stark und schwach? Vielleicht keins von beidem, vielleicht einfach nur eine Vorstellung von mentaler Stärke als etwas Unerreichbares, etwas voller Anstrengung, etwas ganz Besonderes. Na eben etwas, das einem Respekt einflößt.

    Zum Thema: Wie uns ein Stuhl aufzeigt, was uns vermeintlich stark oder schwach macht

    Wenn man sich die zwölf Kerneigenschaften mentaler Stärke durchliest, ertappt man sich dabei, sie abzuhaken: Mache ich, habe ich, kenn ich – ups, mache ich nicht, ich denk nicht so, ich bin nicht immer überzeugt. Selten kann eine einzelne Person alle aufgelisteten Eigenschaften für sich verbuchen. Und da fängt es an, denn wenn man nicht alle hat, fühlt man sich schwach.

    Selbstverständlich gibt es auch andere Definitionen von mentaler Stärke aber dieses Bündel von zwölf Kerneigenschaften trifft es am besten. Er ist dem Sportalltag einfach am nächsten. Jeder Sportler, egal ob im Leistungssport oder Breitensport, weiß ganz genau was gemeint ist. Wahrscheinlich wissen auch genauso Menschen mit besonderem Leistungsdruck im Beruf was es mit dieser Supereigenschaft auf sich hat.

    Automatisierte Abläufe

    Wenn also die Checkliste nicht hundertprozentig ausfällt, kommt man ins Schwanken. Vielleicht ist man doch nicht so stark und überhaupt, vielleicht muss man so geboren sein oder ganz früh gelernt haben, so zu denken.

    Nun, nein und hier kommt der Stuhl ins Spiel: Stellt Euch vor, ihr steigt auf einen Stuhl. Ganz easy, stimmt’s? Da muss man nicht lange überlegen, linker Fuß, rechter Fuß, eventuell nimmt man die Hand zu Hilfe. Jeder weiß wie es geht und jeder kann ohne lang überlegen einfach auf einen Stuhl steigen. Ähnlich wie die sportliche Technik, der Bewegungsablauf, welche der Sportler längst automatisiert hat und problemlos abrufen kann.

    Das Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten

    Nun stellt Euch vor, dieser Stuhl, auf den ihr steigen wollt, steht nicht im Zimmer, sondern nahe einem Abhang. Die Technik, wie man auf den Stuhl steigt, ist dieselbe, aber das Draufsteigen wird in diesem Fall weniger leichtfallen.

    Was genau unterscheidet also die Personen, die problemlos auf den Stuhl am Abhang steigen, von denen, die zögern? Eigentlich nicht viel: Die ersten tun das, was sie können, nicht mehr aber auch nicht weniger. Die, die zögern, möchten es besonders gut, besonders genau machen, denn es könnte ihnen ein Fehler unterlaufen, sie könnten fallen, daher zögern sie. Sie verlieren das Vertrauen in ihre Fähigkeit, auf den Stuhl steigen zu können, weil der Stuhl am Abhang steht, also wegen der äußeren Umstände. Erstere hingegen behalten ihr Vertrauen in ihre Fähigkeit und tun genau das, was sie können, gefühlt schon immer konnten: linker Fuß, rechter Fuß.

    Eine Frage des Fokus

    Die Technik und der Bewegungsablauf ändern sich also nicht. Das Umfeld ändert sich und somit selbstverständlich auch der Fokus. Im ersten Fall ist der Fokus auf der Technik, mit dem Vertrauen in die eigene Fähigkeit auf einen Stuhl steigen zu können. Im zweiten Fall ist der Fokus, auf den Abhang, auf die Angst und auf die möglichen Risiken und Konsequenzen.

    Ganz ehrlich, der Fokus auf letztere würde wirklich jeden zögern lassen, aber es geht eben auch anders. Wenn man lernt, sich zu fokussieren und auf das Richtige zu konzentrieren, die Gefühle zu regulieren und weiß, was man kann – wird es kein Problem mehr, längst automatisierte Bewegungsabläufe unter allen Umständen abzurufen – stark nicht? Man kann die Supereigenschaft mentale Stärke doch lernen.

    Das Wissen um die eigenen Fähigkeiten 

    Und woher weiß man, was man kann? Indem man sich mutig, aber auch ehrlich vor die Augen führt, was einem schon gelungen ist. Mutig sei betont, weil viele Sportler ihre Erfolge nicht auf sich und ihre Fähigkeiten zurückführen – das ist nicht optimal. Und ehrlich, weil es aber auch durchaus Erfolge gibt, wo man gewann, weil der andere nicht alles gab. Es geht also um eine ehrliche Selbsteinschätzung, um das Wissen über die eigenen Fähigkeiten. Steht dieses Wissen, geschöpft aus vergangenen Erfolgen, nutzt man es für zukünftige Herausforderungen: Nicht das Wissen über vergangene Erfolge, sondern das Wissen über die Fähigkeit, Erfolge erzielen zu können.

    Das ist der Kern von Selbstbewusstsein – das Wissen, was man kann.

    Die zwölf Kerneigenschaften der mentalen Stärke (Mentale Toughness im Sport)

    1. Unerschütterlicher Glaube, seine wettkampfbezogenen Ziele erreichen zu können.
    2. Unerschütterlicher Glaube an seine Fähigkeit, die einzigartigen Qualitäten und Fähigkeiten und zu besitzen, die einem im Vergleich zu seinen Gegnern überlegen machen.
    3. Unstillbares Verlangen und internalisierte Motive nach Erfolg.
    4. Fähigkeit, sich von Rückschlägen schnell zu erholen.
    5. Neigung, sich unter Wettkampfdruck (besonders) wohl zu fühlen.
    6. Akzeptanz, dass Wettkampfangst unausweichlich ist und Überzeugung, mit Unsicherheiten fertig zu werden.
    7. Fähigkeit, sich durch die (guten und schlechten) Leistungen anderer nicht beeinflussen zu lassen.
    8. Fähigkeit, bei Ablenkungen aus dem außersportlichen Leben weiterhin vollkommen fokussiert zu bleiben.
    9. Fähigkeit, den Fokus nach Bedarf schnell auf den Sport hin- und wegzurichten.
    10. Fähigkeit, sich bei Ablenkungen im Wettkampf vollkommen auf die bevorstehende Aufgabe zu konzentrieren.
    11. Fähigkeit, seine physische und psychische Schmerztoleranzgrenze nach oben zu regulieren.
    12. Fähigkeit, nach unerwarteten und unkontrollierbaren Ereignissen schnell wieder psychologische Kontrolle zu erlangen.

    (Gerber, M. (2011). Mentale Toughness im Sport: Ein Review. Sportwissenschaft, 41(4), 283-299.)

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    Henning Thrien und André Haber: Sportpsychologie im Handball

    Über drei Jahre haben der Sportpsychologe Henning Thrien und André Haber als Cheftrainer des Handball-Bundesligisten SC DHfK Leipzig zusammengearbeitet. Ziemlich erfolgreich. Bei der asp-Tagung 2023 in Stuttgart haben die beiden nun in einem Praxisworkshop über ihre Zusammenarbeit gesprochen und damit einen exklusiven Einblick hinter die Kulissen des professionellen Mannschaftssports zugelassen.

    Zum Thema: Sportpsychologie als Dienstleistung für Profi-Trainer

    Das Feedback auf die Veranstaltung in Stuttgart überraschte Henning Thrien ein wenig: Mehr noch, die ersten Eindrücke des Publikums erzürnten den Wahl-Leipziger ein wenig. Denn aus seiner Sicht wird noch zu wenig über das Arbeiten, Wirken und Scheitern in der Praxis gesprochen. Im Interview formuliert er einen klaren Auftrag an seine Disziplin:

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    Weitere Informationen
    Henning Thrien im Interview mit Die Sportpsychologen

    André Haber – ein Profi-Trainer, der von der Sportpsychologie überzeugt ist

    Im Praxisworkshop wurde deutlich, wie eng und vertrauensvoll die Zusammenarbeit zwischen Sportpsychologe und Cheftrainer passierte. Im Interview gibt Haber, der quasi zusammen mit seinem Sportpsychologen im Oktober 2022 beim SC DHfK Leipzig entlassen wurde, sehr aufschlussreiche Einblicke. Behält der Trainer recht, dann hat die Sportpsychologie nicht nur im Handball Zukunft:

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    André Haber im Interview mit Die Sportpsychologen

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    Dunja Lang: Sportler finden Lösungen in der Hypnotherapie

    Bei der asp-jahrestagung 2023 in Stuttgart ließ sich bei den Praxisworkshops ein Trendthema ausmachen: Hypnotherapie. Neben Dunja Lang haben sich an den drei Veranstaltungstagen mit Klaus-Dieter Lübke Naberhaus, Prof. Dr. Oliver Stoll, Cristina Baldasarre, Dr. Hanspeter Gubelmann und Philippe Müller noch mehr ExpertInnen von Die Sportpsychologen mit dem Thema befasst. Es lohnt sich also, genauer hinzuschauen.

    Zum Thema: Hypnotherapeutische Verfahren im Sport

    Der Schwerpunkt von Dunja Langs Praxisworkshop „Comeback Stronger! Hypnotherapeutische Ansätze für den besseren Umgang mit und schnellere Genesung bei Stürzen, Verletzungen und Schmerzen“ lieferte reichlich Inspiration und Hintergrundwissen. Unsere Profilinhaberin (zum Profil) konnte nicht zuletzt aus ihrer mehrjährigen Erfahrung in der Zusammenarbeit mit Top-SportlerInnen, vorrangig aus den Ski Alpin-Disziplinen sowie dem Reitsport, berichten.

    Mathias Liebing, Redaktionsleiter von Die Sportpsychologen, traf Dunja Lang direkt nach ihrem Praxisworkshop zum Interview. Im Gespräch geht es natürlich um die Anwendbarkeit hypnotherapeutische Verfahren aber auch um ihre persönliche Einschätzung der asp-Tagung sowie einen Ausblick auf zukünftige Entwicklungen in der Sportpsychologie.

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    Janosch Daul: Dein innerer Geschichtenerzähler – mach ihn zu deinem Freund!

    Wer von uns kennt sie nicht, die Situation, in der uns unser Verstand, der wohl mächtigste Geschichtenerzähler der Welt, mal wieder ungefragt die heftigsten Storys auftischt? Die Situation, in der uns etwas misslingt und wir dann in negativen Gedankenspiralen gefangen sind? Die Situation, in der wir uns innerlich so stark kritisieren, dass wir fast der Verzweiflung nahe sind? In diesem Blogbeitrag möchte ich auf die Bedeutung positiver Selbstgespräche im Sportkontext eingehen und Wege aufzeigen, wie wir uns mit unserem Geschichtenerzähler anfreunden können.

    Zum Thema: Selbstgespräche im Sport

    Unsere Gedanken kommen oft in Form von Selbstgesprächen zum Ausdruck, die uns unser größter Geschichtenerzähler der Welt, unser Verstand, auftischt. Oftmals erfolgt dies gar nicht bewusst, sondern automatisch. Manche Geschichten, die er uns erzählt, sind wahr und hilfreich, indem er uns dabei unterstützt, Pläne zu formulieren, uns selbst Anweisungen zu geben, die eigenen Gedanken zu ordnen oder das eigene Handeln zu kommentieren. Andere jedoch sind unwahr, helfen uns weniger und stellen eher Ansichten, Überzeugungen, Vorstellungen, Urteile, Einstellungen und Vorhersagen dar. Unser Geschichtenerzähler ist niemals still, sondern weiß immer eine Geschichte zu erzählen. Immer wieder versucht er, unsere Aufmerksamkeit zu erlangen – was ihm auch meistens gelingt. 

    An dieser Stelle lade ich dich, lieber Leser, zu einem kleinen Experiment ein: Schließe mal deine Augen und lausche für 30 Sekunden auf neugierige und offene Art und Weise deinem Geschichtenerzähler: Welche Storys erzählt er dir?

    Typische Selbstgespräche

    Gerade in Situationen, in denen es im Sport mal nicht so läuft, beginnt unser Verstand oftmals unentwegt zu plappern. „Shit, ich hab verkackt!“, könnte so ein typisches Selbstgespräch lauten. Gedanken wie diese sind typische Selbstgespräche, die z.B. Fußballspielern nach misslungenen Aktionen durch den Kopf schießen. Entscheidend ist es, dass du dir dessen bewusst bist, welche Auswirkungen diese Gedanken auf deine eigene Leistung haben können. Negative Gedanken sorgen in der Regel dafür, dass deine Aufmerksamkeit abgelenkt wird von dem, was gerade wirklich wichtig ist, nämlich die anstehende Handlung. Im Ergebnis werden bei dir negative Gefühle hervorgerufen und dein Selbstvertrauen wird in Mitleidenschaft gezogen. Letztlich leidet deine Leistungsfähigkeit und demgegenüber steigt die Wahrscheinlichkeit, dass du erneut einen Fehler machst. Wie heißt es so schön: „Du kannst nicht negativ denken und Positives erwarten.“

    Das Gute ist: Als Sportler bist du deinem Geschichtenerzähler keineswegs hilflos ausgeliefert! Vielmehr hast du die Möglichkeit, ihn gezielt zu steuern. Einerseits, indem du ihn gezielt stoppst, wenn er mal wieder zu viel plappert. Und andererseits, indem du lernst, für bestimmte Situationen unterstützende Selbstgespräche zu entwickeln und in der Praxis anzuwenden – also gezielt lernst, deine innere Sprache so zu steuern, dass sie der Leistungserbringung dient.

    Gedankenstopptechnik

    An dieser Stelle möchte ich dir die Gedankenstopptechnik vorstellen. Diese Technik kannst du im und außerhalb des Sportkontexts wirkungsvoll einsetzen – insbesondere dann, wenn du Stress empfindest und dein Geschichtenerzähler dich mal wieder zutextet. Als Fußballspieler kannst du diese Technik z.B. nach einem Gegentor oder in einer Unterbrechungssituation, in der der Ball gerade im Aus ist, anwenden; als Schüler z.B. in der laufenden Klausur, wenn du dank deines Geschichtenerzählers den Fokus verloren hast. Die Technik umfasst folgende Schritte: 

    Diese Technik hilft dir gegen negative Stresszustände, unterbricht deine störenden Gedankenketten und lenkt deinen Fokus auf das wirklich Wichtige. Doch damit du diese Technik insbesondere im Wettkampf stabil abrufen kannst, braucht es Übung. Genau wie du auf dem Feld z.B. Flugbälle trainierst, muss auch eine solche mentale Technik regelmäßig trainiert, ggf. auch für dich individuell passend modifiziert und stabilisiert werden. 

    Entwicklung positiver Selbstgespräche

    Wie kann es dir nun gelingen, konkret unterstützende Selbstgespräche für bestimmte Situationen zu entwickeln – wie gelingt es, dass du dir den eigenen Geschichtenerzähler also zum Freund machst? An dieser Stelle braucht es zunächst einmal eine Differenzierung in heiße und kalte Selbstgespräche, am Beispiel eines Fußballspielers: 

    Beide Formen des Selbstgesprächs haben situationsabhängig ihre Berechtigung. Auch hier geht es für jeden Sportler darum, sich auszuprobieren: Welche Form des Selbstgesprächs hilft mir in welcher sportartspezifischen Situation? Brauche ich gerade eher eine emotionale Unterstützung oder geht es gerade eher darum, mich per Selbstgespräch konkret auf die anstehende Anforderungssituation einzustimmen?

    Checkliste für gute Selbstgespräche

    Damit dein Selbstgespräch auch wirklich seine Wirkung entfaltet, solltest du als Sportler einige Aspekte beachten: 

    Gute Selbstgespräche sollten…  

    • positiv formuliert sein, z.B.: „Ich schaffe das!“
    • das Wort „ich“ enthalten, z.B.: „Ich fokussiere mich auf den Ball.“
    • die eigenen Stärken betonen, z.B.: „Ich bin verdammt schnell.“  
    • lösungsorientiert und handlungsrelevant sein, z.B.: „Ich achte auf meine Vororientierung.“
    • sich auf die Gegenwart oder Zukunft beziehen, z.B.: „Wir werden das Spiel drehen!“

    Es ist ratsam, dass du diese Checkliste als Orientierungsstütze immer im Hinterkopf behältst.

    Die ersten Schritte in der Praxis

    Um nun konkret an der eigenen inneren Sprache zu arbeiten, macht in einem ersten Schritt die Protokollierung deiner eigenen Gedankenwelt in sportartspezifischen Situationen Sinn. Dieser Gedankencheck kann dir hierfür als Orientierung dienen. In diesen kannst du als Sportler eben jene Storys, die dein Geschichtenerzähler dir in entsprechenden Situationen in Spielen und Trainingseinheiten erzählt, notieren.

    SituationMeine Gedanken & Selbstgespräche
    eigener Fehler




    Gegentor




    Kritik von Mitspielern und Trainern




    Fehler, bedingt durch Rasenplatz




    direkt vor Anpfiff des Spiels 




    gelungene Aktion




    Schiedsrichterentscheidung gegen mich & mein Team




    In einem zweiten Schritt kannst du nun überprüfen, ob deine eigenen Gedanken einem förderlichen Selbstgespräch entsprechen. Dafür kannst du die Checkliste (s. oben) sowie die nachfolgende Tabelle nutzen. Auf einer Skala von 10 (=extrem) bis 1 (=überhaupt nicht) kannst du nun bewerten, wie hilfreich die Selbstgespräche gewesen sind, die du als Sportler in den entsprechenden Situationen geführt hast.

    SituationBewertung meine Gedanken & Selbstgespräche (10 – 1)
    eigener Fehler
    Gegentor
    Kritik von Mitspielern und Trainern
    Fehler, bedingt durch Rasenplatz
    direkt vor Anpfiff des Spiels 
    gelungene Aktion
    Schiedsrichterentscheidung gegen mich & mein Team

    Nun besteht die Möglichkeit, dass du deinen eigenen Geschichtenerzähler durch gezielte Beeinflussung steuern kannst. Notiere in dieser Tabelle, welche Gedanken und Selbstgespräche dir in den entsprechenden Situationen in Zukunft helfen werden!

    SituationMeine hilfreichen Gedanken & Selbstgespräche
    eigener Fehler




    Gegentor




    Kritik von Mitspielern und Trainern




    Fehler, bedingt durch Rasenplatz




    direkt vor Anpfiff des Spiels 




    gelungene Aktion




    Schiedsrichterentscheidung gegen mich & mein Team




    Nun geht es um Übung, Übung, Übung: Auch wenn es dir anfangs vielleicht komisch vorkommen mag, deine Gedanken und Selbstgespräche aktiv zu steuern, wirst du schnell merken: Es lohnt sich! Durch eine regelmäßige Anwendung dieser für dich hilfreichen Selbstgespräche, ganz konkret in diesen Trainings- und Spielsituationen, kannst du deine Gefühle und letztlich dein Handeln und somit deine Leistungsfähigkeit positiv beeinflussen. Durch ein fleißiges Training kann es dir gelingen, deinen Geschichtenerzähler immer mehr zum Freund zu machen und deine beste Leistung abzurufen. 

    Aktueller TV-Beitrag mit Janosch Daul:

    Bild von den MDR-Dreharbeiten (Quelle: privat)
    Bild von den MDR-Dreharbeiten (Quelle: privat)

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