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Johanna Constantini: McKinsey Social Media Studie warnt vor negativen Auswirkungen für Selbstbewusstsein und Körperempfinden

In der groß angelegten McKinsey Health Institute (MHI) 2022 Global Gen Z Studie wurden im Jahr 2022 42.000 Personen aus 26 Ländern zu der Nutzung von Social Media Kanälen und den vier Dimensionen der Gesundheit (mental, physisch, sozial sowie spirituell) befragt. Dabei stellte sich heraus, dass sowohl negative als auch positive Folgen von Social Media durch alle Generationen beobachtet werden. Die sogenannte Generation Z (zwischen 1995 und 2010 geboren) berichtet jedoch die meisten Negativfolgen durch Social Media. 

Zum Thema: Neue McKinsey Health Institute Studie liefert spannende Erkenntnisse zur Social Media Nutzung

Vor allem die Angst, etwas zu verpassen und daher immer online sein zu müssen (FOMO = Fear of missing out), sowie negative Auswirkungen auf die eigenen Körperempfindungen wurden von den StudienteilnehmerInnen genannt. Mitunter am meisten unter diesen Folgen leiden demnach zudem junge Mädchen. Ein Aspekt, der auch im Sportleben unbedingt Beachtung finden muss. Schließlich können Athletinnen und Athleten auch in diesem Lebensbereich von Social Media Inhalten beeinflusst werden. Empfehlungen zum Umgang mit Social Media finden sich nachstehend.  

Positiv werteten die StudienteilnehmerInnen die Möglichkeit der Vernetzung durch Social Media als auch jene zur Selbstdarstellung. Vor allem geflüchtete Menschen nannten die Vernetzung und damit den Erhalt des sozialen Kontakts mit Familie und Freunden als großes Plus sozialer Medien. 

Die Vorteile

Mehrfach genannt wurden auch die Vorteile der digitalen Angebote zum Erhalt der psychischen Gesundheit, die von einer Mehrheit der TeilnehmerInnen genutzt werden. Menschen aus Afrika und dem Mittleren Osten (Ägypten, Saudi-Arabien, Vereinigte Arabische Emirate, Nigeria und Südafrika) führen das Ranking zur Nutzung an, während Europa bei den Kontinenten nach Asien an dritter Stelle steht. 

Damit diese genannten Vorteile auch Vorteile bleiben, verdeutlichen auch die Studienleiter die Wichtigkeit, über Technologien im Leben von Menschen aufzuklären, Risiken anzusprechen und dabei interdisziplinär zusammenzuarbeiten! (Link zur Studie, siehe unten)

Einige Empfehlungen zur Nutzung von Social Media im Sport: 

  • Nutzung im Team, mit den MannschaftskollegInnen, TrainerInnen und BetreuerInnen thematisieren, Beispiel: Wer postet was und wann?
  • Allgemeine Posting- und Nutzungsregeln für den Trainings- und Wettkampfalltag festlegen, Beispiel: keine Bilder aus der Kabine posten, keine Nutzung während Besprechungen
  • individuelle Nutzung hinterfragen, Beispiel: zweckerfüllte Zeit, um für SponsorInnen zu posten vs. Surfen und betrachten von allerlei zugespielten Inhalten als Zeitvertreib vor dem Start
  • Kanäle „ausmisten“ und Personen entfolgen, Beispiel: gezielt Personen folgen, deren Inhalte motivierend und inspirierend sind; gezielt Personen entfolgen, die tendenziell das Gefühl des Versagens und der Abwertung auslösen
  • Erreichbarkeiten über Social Media festlegen und Nachrichten gezielt abrufen, Beispiel: Die Stunde im Bus zum Beantworten von Anfragen und Nachrichten nutzen, die Benachrichtigung bei Ankunft des Rennens/Wettkampfs etc. und für dessen Dauer stumm schalten

Coaching

Meine KollegInnen (zur Übersicht) und ich (zum Profil von Johanna Constantini) helfen dir gern, den optimalen Umgang mit den Social Media Kanälen zu finden. Nimm gern Kontakt auf.

Mehr zum Thema:

Literatur:

Zur Studie und weiteren Verlinkungen:

https://www.mckinsey.com/mhi/our-insights/gen-z-mental-health-the-impact-of-tech-and-social-media?cid=eml-web

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Christian Hoverath: Der Bannister-Effekt und die Kartoffel – mein Weg zum Kaisermarathon

Roger Bannister war ein britischer Mittelstreckenläufer. Seine Geschichte wird gern unter Läufern erzählt. Hier die Kurzfassung: Bis 1954 galt es als unmöglich, eine Meile in einer Zeit unter vier Minuten zu laufen. Roger Bannister aber glaubte daran, es schaffen zu können. Neben dem Lauftraining verbrachte er viel Zeit mit der mentalen Vorbereitung. Er lief die Strecke im Geist immer und immer wieder unter vier Minuten, bis er diesen Rekord am 6. Mai 1954 tatsächlich brach. Viel spannender ist dabei, dass dieser neue Weltrekord gerade einmal bis zum 21. Juni des gleichen Jahres hielt und dann bis 1955 mehrfach unterboten wurde. Der zugrunde liegende Roger Bannister-Effekt fußt auf dem Glauben und der Überzeugung der Läufer, dass wir Unmögliches möglich machen können. So etwas ähnliches habe ich in einer Art Selbstversuch vor.

Zum Thema: Zielsetzung für Wettbewerbe, die (eigentlich) nicht mehr seriös vorbereitet werden können

Ich starte Anfang Oktober beim Kaisermarathon in Österreich. Auf den 42,198 Kilometern Streckenlänge von Söll bis zur Hohen Salve erwarten mich 2345 Höhenmeter. Problem Nummer eins: Ich wohne in Wesel, Nordrhein-Westfalen, unweit zu den Niederlanden. Berge gibt es dort keine. Seit der Anmeldung, die ich sechs Wochen vor dem Kaisermarathon abgab (mit anderen Worten: Problem zwei), wird mir nun häufiger die Frage gestellt, ob ich mir im Klaren sei, auf was ich mich da als Flachlandtiroler einlassen würde? Einerseits habe ich eine Vorstellung, andererseits weiß ich natürlich, dass ich wegen des kleinen verbliebenen Zeitfensters und meiner geographischen Gegebenheiten nur sehr bedingt spezifisch für diesen Lauf trainieren kann. Aber wir haben ja Halden! Und vielleicht macht auch genau diese Kurzfristigkeit und die Lust auf den Wettbewerb in besonderer Umgebung den Reiz aus. Zudem habe ich Lust, mal wieder die sportpsychologischen Ansätze auszuprobieren, die ich sonst von der anderen Seite thematisiere. 

Mein Plan: Ich experimentiere mit neuen Tools und lasse alte Techniken in einer Art Selbstversuch aufleben. Hier an dieser Stelle werde ich von meinen Erfahrungen berichten, die ich auf dem Weg zum Kaisermarathon mache, die mich während des Rennens beschäftigen und die mich nach dem hoffentlich erfolgreichen Zieleinlauf bewegen werden. Im Wissen, dass ihr euch auch sehr gern Dinge vornehmt, die andere als unmöglich erachten. 

Thema Zielsetzung

Eines ist klar: Aufgrund der Kürze der Vorbereitungszeit und der Unplanbarkeit aufgrund der Bedingungen  machen weder Ergebnis- noch Leistungsziele Sinn. So geht es nun ganz konkret darum, Prozessziele zu gestalten und Ziele zu finden, die mich motiviert über die nächsten Wochen bringen sollen. Anders als bei vielen anderen Wettkämpfen in meinem Leben kann ich diesmal wirklich behaupten: Der Weg ist das Ziel. Dafür werde ich in mein Regal greifen. Denn ich habe einige Sets an Bildkarten, die ich gerne nutze, um Mottoziele oder Motive mit meinen Klient*innen zu erarbeiten.  

Anders als sonst werde ich diese Karten für mich selbst auslegen und versuchen, dass ich Bilder finde, die mich motivieren und durch den Prozess bringen. Vielleicht werde ich mit unterschiedlichen Bildern für unterschiedliche Abschnitte der Strecke arbeiten, denn die Strecke bietet mit dem Verlauf über Badhaus, Bergschenke, Rübezahlalm, die Tanzbodenalm, den Jochstubensee, Hexenwasser Park und dem Ziel auf der Hohen Salve irgendwie schon viel Potential für Bilder. Und Bilder von der Strecke gibt es auch viele, die mich motivieren und schon begeistern.  Wobei, eigentlich weiß ich schon, dass mich ein Bild schon jetzt antreibt. Die Kartoffel bei der Verpflegung an Kilometer 40…

Meine konkreten Trainingsziele

Auch den Trainingsprozess werde ich an Zielen ausrichten. Anstelle nur auf die Trainingsdauer und aufs Tempo zu setzen, werde ich die Trainings- und Zwischenziele anders aufteilen. Es wird auch mal dazugehören, mit dem Rucksack mit der notwendigen Pflichtausrüstung zu laufen. Oder mal neue Strecken auszuprobieren, denn jetzt ist es mal egal, ob es zehn Minuten länger oder kürzer dauert. Ein viel wichtigeres Ziel wird es für mich werden, in all diese Läufe Visualisierungen einfließen zu lassen. In meinen bildhaften Vorstellungen will ich immer wieder versuchen, bewusst die Anstrengung, Empfindungen, Geräusche, Gerüche,… ja, all das, was ich erleben kann, schon im Vorfeld zu erleben, um mir eine lebhafte Erinnerung an die Zukunft aufzubauen, die ich im Oktober abrufen kann. Deswegen bin ich auch dankbar, dass es gps-Tracks der Strecke gibt, dass es im Netz so viele Bilder gibt, so dass ich viele meiner Bilder schon jetzt  mit denen der Strecke vor Ort kombinieren kann.

Ob mir das gelingt? Werden wir sehen! Ich werde berichten. Wenn ihr mit meinen Kollegen und Kolleginnen aus dem Netzwerk Die Sportpsychologen (zur Übersicht) oder mit mir (zum Profil von Christian Hoverath) eure Erfahrungen teilen oder euch ganz anders auf den Wettkampfhöhepunkt der kommenden Saison vorbereiten wollt, nehmt gern Kontakt auf.

Mehr zum Thema:

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Markus Gretz: Was der Herbert-Schröder-Streit mit Feuersteinen zu tun hat

Im letzten Zwischenrundenspiel der Basketball Weltmeisterschaft 2023, in dem die deutsche Nationalmannschaft die slowenische Mannschaft, um NBA Superstar Luca Dončić, souverän besiegte, war im ersten Viertel sowohl auf dem Feld als auch auf der Bank noch wenig Souveränität des deutschen Teams zu sehen. Die Emotionen wurden besonders sichtbar, als Dennis Schröder mit seinem langjährigen Freund und Teamkollegen Daniel Theis aneinander geriet und dann der Bundestrainer Gordon Herbert in einer Auszeit die Fassung verlor, weil sich sein Teamkapitän lieber dem Konflikt mit seinem Freund widmete als sich hinzusetzen und ihm in seiner Ansprache zuzuhören. Nach dieser Szene stellten sich viele Zuschauer und vermutlich auch Mitspieler die Frage: Ist durch diesen Konflikt die bisher so erfolgreiche Weltmeisterschaft für die deutsche Mannschaft gefährdet worden?

Zum Thema: Umgang mit Konflikten im Teamsport

Schon in der Steinzeit wussten unsere Vorfahren, dass sich durch Reibung Energie erzeugen lässt. So wurden vermutlich viele Feuer durch die Reibungsenergie erzeugt und dadurch auch viele Waldbrände verursacht.

Auch wenn es nicht im physischen Sinne, sondern zwischen Menschen zu Reibungen im Sinne von Streit und Konflikten kommt, kann eine zerstörerische Energie entstehen. Beziehungen können durch Konflikte belastet, Zusammenarbeit kann erschwert und Vertrauen kann zerstört werden.

Produktive Konflikte

Ähnlich wie bei einem Feuer kann die Energie von einem Konflikt jedoch auch produktiv genutzt werden. Dazu sind nach meinem Dafürhalten drei psychische Kompetenzen notwendig.

1. emotionale Kompetenz

2. motivationale Kompetenz

3. Konfliktkompetenz

Sobald eine Person eine dieser Kompetenzen beherrscht, kann sie zumindest für sich etwas Produktives aus einem Konflikt entstehen lassen.

1. Als emotional kompetenter Mensch kann man sowohl seine eigenen Gefühle als auch die von einer anderen Person erkennen, einordnen und schätzen lernen, auch wenn sie unangenehm sind. Außerdem sind verwandte Gefühle bekannt und so können lähmende Emotionen wie Frust und Traurigkeit mit aktivierendem Ärger oder Wut ergänzt werden.

2. Diese aktivierende Eigenschaft von unangenehmen Emotionen führt uns direkt zur motivationalen Kompetenz. Besitzt ein Mensch diese Fertigkeit, kann er unangenehme Gefühle und Situationen als Antrieb nutzen. In einem Konflikt kann er die Energie nutzen, um etwas für sich und/oder andere zu verändern.

3. Als Konfliktkompetenz kann man die Fertigkeit einer planvollen und systematischen Aufarbeitung und Nutzung von Konflikten beschreiben, da durch Konflikte immer auch Verbesserungsmöglichkeiten (vor allem bei der Kommunikation) aufgezeigt werden. Hier ist es wichtig zu analysieren und zu besprechen, was den Konflikt ausgelöst hat, was die Situation offen gelegt hat und welche Chancen sie birgt.

Die Gefahr von Konflikten

Je ausgeprägter alle drei Kompetenzen bei den Konfliktparteien vorhanden sind, oder durch einen Mediator oder psychologischen Berater bereitgestellt werden, desto produktiver kann die Energie im Konflikt genutzt werden. Wenn jedoch keine der Kompetenzen bei irgendeiner Konfliktpartei vorhanden ist, kann ein Konflikt sehr zerstörerisch auf Beziehungen und soziale Systeme wie eine Mannschaft wirken.

Zurück zur Basketball-WM: Aus dem weiteren Spielverlauf lässt sich erahnen, dass die ersten zwei Kompetenzen zur Genüge in der deutschen Nationalmannschaft vorhanden sind und die Spieler und der Coach die Reibungsenergie gut kontrollieren können. Nach dem Spiel wurde hoffentlich auch die dritte, die Konfliktkompetenz, genutzt, um die Chance der Teamentwicklung, die der Streit mit sich gebracht hat, zu nutzen. Gordon Herbert, der selbst Sportpsychologie studiert hat, wird sicher nicht unbedacht mit dieser Chance umgegangen sein.

Viele Lösungen

Was ich an diesem Konflikt sogar ein wenig lustig fand, war, dass sich der Grund des Konfliktes zweimal wiederholt hat. Beide Male wollte eine Führungsperson jemandem etwas erklären und jeweils war der andere mit dem Ton, in dem die Kritik geäußert wurde, nicht einverstanden.

Vorausgesetzt, dass ich das über die Fernsehbilder richtig interpretiert habe. Mir fallen hierzu spontan zwei unterschiedliche mögliche Lösungen zur teaminternen Weiterentwicklung ein. Entweder der Ton wird mannschaftsintern geändert, oder alle Beteiligten müssen sich an den rauen Ton während des Spiels gewöhnen. Sicher gibt es aber auch noch viele Lösungen irgendwo dazwischen.

Mehr zum Thema:

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Prof. Dr. René Paasch und Prof. Dr. Oliver Stoll: Die Rolle der Sportpsychologie im Deutschen Fußball – Zwischen Tradition und Transformation

In einem Podcast sprach Matthias Sammer ein Jahr vor der Heim-Europameisterschaft aus, was viele Fans, Beobachter und auch Insider fühlen und befürchten: Der deutsche Fußball steckt in einer tiefen Krise. In der Sportpsychologie kennen wir uns mit Krisen aus, sie gehören fast ein wenig zum täglich Brot. Aber auch wir müssen uns fragen, ob wir in dieser schwierigen Phase mit alten Traditionen brechen und neue Wege gehen sollten? 

Zum Thema: Sportpsychologie im Fußball

Während andere Disziplinen sich ständig weiterentwickeln und neue Höhen erreichen, hält die Sportpsychologie oft an bewährten, aber längst überholten Ansichten und Strategien fest. Konzepte, die vor zwei Jahrzehnten ihren Ursprung fanden, üben weiterhin Einfluss aus und scheinen in einer unerwarteten Lethargie gefangen zu sein, anstatt als Wegbereiter für nachhaltige Entwicklung zu dienen. Die Sportpsychologie befindet sich scheinbar in einer “unsichtbaren Feuerwehrrolle”, die häufig nur bei akutem Bedarf zum Einsatz kommt, anstatt proaktiv wegweisende und ganzheitliche Begleitung zu bieten – zumindest spiegelt sich dies in den Erfahrungen der Autoren dieses Beitrags wider. Diese Erscheinung wirft zweifellos Fragen auf bezüglich ihrer wahren Funktion und ihres Engagements in den strategischen Entscheidungsprozessen des Fußballs. Die moderne Sportpsychologie verlangt nach einer tiefgreifenden, umfassenden Herangehensweise. Doch bedauerlicherweise sind wir seit geraumer Zeit Zeugen von Schwierigkeiten, die durch veraltete Denkmuster und Ansätze verursacht werden. Dies führt dazu, dass der eigentliche Bedarf verschleiert wird und nur wenig Raum für Innovationen und Neuerungen bleibt. Insbesondere der deutsche Fußball, sowohl bei den Männern als auch bei den Frauen, zeigt diese Diskrepanz auf. 

Die „weichen“ Faktoren wie mentale Gesundheit, Teamdynamik, Leistungsoptimierung und Persönlichkeitsentwicklung wurden bisher nur oberflächlich angegangen, auch wenn dies der DFB thematisch relativ “hoch hängt”. Die Anzahl der angestellten Sportpsychologen im Profifußball spiegelt diese stagnierende Haltung wider – gerade einmal 10% der Vereine in den ersten drei Ligen haben Zugang zu einem Sportpsychologen, und selbst diese Positionen sind oft nur Teilzeit oder auf Stundenbasis besetzt. Ein bezeichnendes Zitat eines Managers aus der ersten Liga bringt diese Haltung auf den Punkt: „Wenn ich überschüssiges Geld hätte, würde ich lieber einen Spieler kaufen, als einen Sportpsychologen einzustellen.“ Dies verdeutlicht das mangelnde Vertrauen und die andauernde Priorisierung physischer Leistung über mentale Unterstützung. Trotz der jahrelangen Integration sportpsychologischer Ausbildung in Trainerlizenzen im deutschen Fußball scheint das Interesse seitens der Trainer und Vereinsverantwortlichen nach wie vor begrenzt zu sein. Wie ein deutscher Fußballlehrer aus einer europäischen Topliga uns gegenüber treffend sagte: „Was interessierten mich die Gütekriterien eines Fragebogens oder die Evidenz einer Studie, wenn ich meinem Stürmer helfen will, seine Torflaute zu überwinden. Spannend wären auch Informationen, wie ich einzelne Spieler in ihrer Persönlichkeit entwickeln kann? Stattdessen werden uns Prüfungsfragen gestellt, wie wir in Kürze eine erfolglose Mannschaft auf das Wochenende vorbereiten sollen, damit sie wieder Spiele gewinnen.” 

Feuerwehrrolle, Teilzeit Dilemma oder Neuausrichtung?

Die Aussage lässt sie wie folgt deuten: Die Sportpsychologie bedient also, offenbar auch in der Lehrmeinung, eine Feuerwehrfunktion mit teilweise fehlendem praktischem Bezug. Aber es geht noch weiter: Auch die Implementierung von Sportpsychologen und -psychologinnen in den Nachwuchsleistungszentren erscheint auf den ersten Blick als ein wohlüberlegter Schritt, um die mentalen Aspekte der aufstrebenden Trainer*innen und Spieler*innen zu fördern. Jedoch wirft dieses Vorhaben bei genauerer Betrachtung gewisse Fragen auf, die eine umfassende Analyse erfordern. Die Anwesenheit von Teilzeitkräften oder gar einer Einzelperson in diesem Kontext mag zweifellos ihre eigenen Vorzüge haben, doch stellt sich die grundlegende Frage, ob diese Ressourcen tatsächlich ausreichen, um eine nachhaltige Betreuung für die beträchtliche Anzahl von bis zu zehn Jugendmannschaften zu gewährleisten. Nicht minder bedeutend ist die Erkenntnis, dass lediglich ein äußerst bescheidener Bruchteil der aufstrebenden Fußballtalente den begehrten Status eines Profifußballers erreicht. Die präzisen statistischen Werte mögen zwar leicht variieren, doch gemäß vielfältigen Quellen beläuft sich dieser Anteil auf etwa 2 bis 3,5 Prozent. In Anbetracht der schier unübersehbaren Fülle von Fußballvereinen, Spielern und Ausgaben in Millionen mag diese Zahl in der Tat geringfügig wirken. Doch drängt sich eine valide Frage auf: Können wir eine größere Anzahl aufstrebender Talente nachhaltig auf ihrem Weg zum Profifußball begleiten, indem wir tatsächlich vermehrt in ihre Mentalität und Persönlichkeitsentwicklung investieren? 

Die gegenwärtig aufgeworfene Frage drängt sich nunmehr mit Berechtigung auf: Ist eine fundamentale Neubewertung unvermeidlich erforderlich? Inwieweit sollten sämtliche beteiligten Parteien, insbesondere diejenigen, die an überkommenen Vorstellungen festhalten, sich einem Wandel gegenüber öffnen und ihn akzeptieren? Statt impulsiver Maßnahmen und ausschließlichem Streben nach sportlicher Leistungssteigerung sollte die Sportpsychologie eine proaktive Rolle einnehmen, die über reaktive Lösungen hinausreicht. Damit unterstreichen wir eine Forderung von Dr. Hans-Dieter Hermann (2023), der in einem Beitrag auf der Seite der DFB-Akademie einen Beitrag zum Rollenverständnis der Sportpsychologie verfasst hat. Es ist, unseres Erachtens, höchste Zeit für einen Paradigmenwechsel in der sportpsychologischen Beratung und Betreuung im Fußball. Eine umfassende Betreuung, die mentale, emotionale, soziale und humanistische Elemente einschließt, muss als unerlässlich erachtet werden. Nur so kann die Sportpsychologie ihre volle Unterstützungsfunktion für alle Beteiligten im (Leistungs-)Sport entfalten und einen wahren Beitrag zur Entwicklung des deutschen Fußballs leisten.

Systemdiskussion

In einem aktuellen und sicherlich wegweisenden Beitrag hat Hans-Dieter Hermann, der Sportpsychologe der Deutschen Männer-Nationalmannschaft, über die Rollen und die damit verbundenen Dilemmata der Sportpsychologinnen und Sportpsychologen, die im deutschen Fußball arbeiten, reflektiert (Link siehe unten). Hier berichtet er unter anderem von den Vorteilen, aber auch von den Nachteilen, essentieller Teil des “Systems” zu sein. Der Vorteil besteht darin, viele Informationen aus dem System zu bekommen und somit ein “ganzes Bild” des Systems sehen zu können. Der Nachteil besteht in der Tatsache, dass sich viele Spielerinnen und Spieler eben nicht dem Sportpsychologen anvertrauen, da dieser “zu nahe am Trainer” – also dem finalen Entscheider über Aufstellung und Einsatzzeiten – ist, was wann häufig dazu führt, dass neben dem Teampsychologen, häufig noch individuelle Beratung und Betreuung gesucht wird, die unabhängig vom System operiert. Hermann fordert, “falschen Aktionismus”  zu vermeiden. Damit meint er, dass die Einsatzbereitschaft nicht aufdringlich werden darf und dass Aktionismus nie ein Stilmittel sein darf, um die eigene Position zu rechtfertigen. Zum zweiten betont er eine reine Sicht auf Leistungsoptimierung als kritisch zu betrachtende Grundhaltung eines Sportpsychologen an. Im weiteren formuliert er “Leitlinien”, für deren Umsetzung er die Selbstreflexionsfähigkeit als zentrale Fähigkeit zugrunde legt. Zum Thema „Vertrauenswürdigkeit“ führt er weiter aus: “Es ist kein leichter Spagat: zwischen Vertrauen und Schweigepflicht auf der einen Seite und Transparenz und Teamplay auf der anderen.“ Sportpsychologen*innen sollten die Gespräche mit ihren Spieler*innen immer vertraulich behandeln, sind gleichzeitig aber auch dazu angehalten, über bestimmte Themen zu berichten (Hermann, 2023).  Und zum Thema Professionalität schreibt er: “Nahbar sein und gleichzeitig Distanz halten – darin besteht eine der großen Herausforderungen für Sportpsychologen*innen. Insbesondere in einer Mannschaftssportart, in der das Prinzip „Gemeinsam erfolgreich“ gilt, müssen Grenzen gehalten werden. Sportpsychologen*innen sind in der Verantwortung, diese immer wieder zu ziehen und vertrauliche Informationen zu schützen. Professionalität bedeutet auch, unabhängig und standhaft zu bleiben und den Versuchen von Einflussnahme zu widerstehen. Ein durchaus schwieriges Unterfangen, schließlich handelt es sich um eine Position, die nicht selten zwischen verschiedenen Interessen steht. Umso wichtiger ist es, seine eigene Rolle immer wieder zu verlassen und eine neue, andere Perspektive zu wählen. Der regelmäßige Blick von Außen auf die Organisation und das eigene Handeln können helfen, den Anspruch an die eigene berufliche Professionalität neu zu überprüfen” (Hermann, 2023).

Berufsethisch ist Dr. Hans-Dieter Hermann hier eindeutig zuzustimmen. Es bleibt jedoch die Frage, wie realistisch eine solche Grundhaltung in einem System, das von hoher gesellschaftlicher Sichtbarkeit sowie „finanzieller Überhöhung”  geprägt ist, umsetzbar ist, vor allen Dingen dann, wenn sich die Sportpsychologie nur unauffällig im Hintergrund hält und somit auch nach außen,  seinen Einfluss unterschätzt.   

Fazit

Die facettenreiche Welt des deutschen Fußballs, geprägt von einem subtilen Zusammenspiel zwischen Tradition und Wandel, enthüllt ein faszinierendes Spannungsfeld, in dem die Sportpsychologie eine oft unterschätzte, jedoch unseres Erachtens essentielle Rolle einnimmt. Während die Bühne des deutschen Fußballs von glühendem Ehrgeiz, taktischer Finesse und unermüdlichem Training beherrscht wird, verweilt die Sportpsychologie oft im Schatten dieser Bühne. Trotz ihres potenziellen Einflusses und ihrer kritischen Bedeutung für die Optimierung individueller und kollektiver Leistung, verbleibt ihre Wirkung oft im Hintergrund, während bahnbrechende Veränderungen nur sporadisch eintreten. In einer Szene, die von konstantem Fortschritt in allen Bereichen geprägt ist, scheint die Sportpsychologie mitunter an veralteten Konzepten und überholten Auffassungen festzuhalten. Diese vermeintliche Lethargie steht im Kontrast zur raschen Evolution anderer Disziplinen. Die Zurückhaltung der Sportpsychologie, sich im Profifußball zu etablieren, spiegelt diese stagnierende Mentalität wider. Hier stellt sich die zentrale Frage: Ist es nicht längst an der Zeit für eine tiefgreifende Neubewertung? 

Ein neuer Weg

Wir von Die Sportpsychologen haben einen neuen Weg entwickelt, wie Profi-Vereine und Verbände die Sportpsychologie in ihrem System integrieren können. Interessenten bekommen nach kurzer Anmeldung einen Link zu einer nicht-öffentlichen Seite, wo alle Informationen aufbereitet sind.

    Diese Frage verlangt von allen Akteuren im Fußball, sich zu öffnen, Veränderungen anzunehmen und den Weg für eine Erneuerung zu ebnen. In dieser Reflexion über die Rolle der Sportpsychologie wird deutlich, dass ein Paradigmenwechsel unausweichlich ist. Die Integration der Sportpsychologie in sämtliche Facetten des Fußballs – sei es im Training, im Wettkampf oder im Umgang mit Druck – könnte das Potenzial jedes Einzelnen, sei es Spieler, Trainer oder Funktionär, auf dem Spielfeld und jenseits davon revolutionieren. Es bedarf einer tiefgehenden Akzeptanz dieser Disziplin, um die Leistungsgrenzen zu erweitern und eine neue Ära der Exzellenz im deutschen Fußball einzuläuten. In diesem Streben nach Transformation und Optimierung im Einklang mit den traditionellen Werten des deutschen Fußballs eröffnet sich eine aufregende Chance. 

    Eine Synergie zwischen altem Erbe und neuem Denken könnte den Weg für eine glorreiche Zukunft ebnen. Indem die Sportpsychologie aus dem Schatten heraustritt und als unverzichtbarer Teil des Spiels anerkannt wird, könnte sie dazu beitragen, das kollektive Streben nach Spitzenleistungen zu befeuern. Die Geschichte des deutschen Fußballs wird nicht nur durch Tore und Titel geschrieben, sondern auch durch den Geist, die Entschlossenheit und die mentalen Stärken, die das Spiel auf höchstem Niveau antreiben. Oder etwa nicht, Matthias Sammer?

    Verweise:

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    Thorsten Loch: Hatte Mehmet Scholl recht?

    „Wir verlieren die Basis. Die Kinder müssen abspielen, sie dürfen sich nicht mehr im Dribbeln ausprobieren. Sie bekommen auch nicht mehr die richtigen Hinweise, warum ein Pass oder ein Dribbling nicht gelingt. Stattdessen können sie 18 Systeme rückwärts laufen und furzen.“ Diese Worte von Mehmet Scholl haben 2017 für viel Aufmerksamkeit gesorgt. Wir erinnern uns: Nach seiner aktiven Karriere arbeitete der fußballerische Ausnahmekönner als TV-Experte für die ARD Sportschau, aber auch als Trainer in den Jugend-/und Reserveteams des deutschen Rekordmeisters FC Bayern München. In diesem Zuge durchlief er die Trainerausbildung des DFB und attestierte dieser keine gute Note. Harsch kritisierte Scholl die Trainerausbildung in Deutschland und bezeichnete sie in seiner damaligen Radiosendung Mehmets Schollplatten sogar als „elfmonatige Gehirnwäsche“. Mit dem Abstand von sechs Jahren inklusive einiger Turnierpleiten und knapp ein Jahr vor der Fußball-Europameisterschaft in Deutschland: Hat er schon damals den Nagel auf den Kopf getroffen?

    Zum Thema: Mögliche Folgen der Schwerpunktsetzung in der Trainerausbildung 

    Scholls Generalkritik gipfelte 2017 in folgender Aussage: „Oben ankommen wird eine weichgespülte Masse, die erfolgreich sein, aber niemals das Große gewinnen wird.“ Analysiert man das Abschneiden der A-Nationalmannschaft in den vergangenen Endrundenturnieren, so gewinnt man den Eindruck, dass bis auf wenige Ausnahmen, das deutsche Spiel wenig kreativ und flexibel ist. Nehmen wir exemplarisch Jamal Musiala. Seine Auftritte sind immer wieder erfrischend. Kreativität, Spielwitz und dieser Tick Überraschendes zeichnen seine Spielweise aus. Ist es denn ein Zufall, dass ausgerechnet er so auf dem Platz auftritt, der nicht in Deutschland ausgebildet wurde? 

    Es mag Zufall sein, aber eine gewisse Schlüssigkeit liegt doch in den Aussagen von Scholl. Im modernen Fußball liegt ein immer stärkerer Fokus auf der taktischen Ausbildung von Fußballspielern. Während taktisches Wissen und strategische Fähigkeiten zweifellos wichtig sind, besteht die Gefahr, dass dabei andere wichtige Aspekte vernachlässigt werden. 

    Die Tedescos, die Wolfs, sie sprießen aus dem Boden, und der deutsche Fussball wird sein blaues Wunder erleben.

    Mehmet Scholl

    Ein Trend und mögliche Folgen

    Widmen wir uns der Problematik dieser kritisierten einseitigen Schwerpunktsetzung und nehmen genau unter die Lupe, welche Rolle die Trainer dabei spielen. Sicherlich fehlen noch einige Aspekte und darüber hinaus habe ich die Entwicklung der Gesellschaft mit u.a. Ganztagsschule usw. ausgeklammert, aber dennoch lässt sich ein gewisser Trend in die oben beschriebene Richtung beobachten. 

    1. Einschränkung der spielerischen Freiheit:
    Eine übermäßige Betonung der taktischen Ausbildung kann dazu führen, dass Spielern die spielerische Freiheit und Kreativität genommen wird. Spieler, die nur auf die strikte Umsetzung von taktischen Vorgaben trainiert werden, könnten Schwierigkeiten haben, ihre individuellen Stärken und Fähigkeiten voll zu entfalten.

    2. Mangelnde Entwicklung von Spielintelligenz:
    Einseitige Fokussierung auf taktische Schulungen kann zu einer Vernachlässigung der Entwicklung von Spielintelligenz führen. Spieler sollten lernen, das Spiel zu lesen, taktische Entscheidungen zu treffen und sich situationsgerecht anzupassen. Durch zu stark taktisch orientiertes Training könnten Spieler möglicherweise weniger flexibel und weniger fähig sein, situativ angemessene Entscheidungen zu treffen.

    3. Kreativitäts- und Technikdefizite:
    Taktische Schulung allein kann Spieler daran hindern, ihre Technik und Kreativität zu entwickeln. Fähigkeiten wie Dribbeln, Tricks und individuelle Spielzüge sind oft schwer in ein streng taktisches System zu integrieren. Durch den Mangel an Raum und Zeit für improvisierte Spielsituationen könnten Spieler ihre technischen Fähigkeiten nicht optimal entwickeln.

    4. Trainer als Schlüsselakteure:
    Trainer spielen eine zentrale Rolle in der Ausbildung von Fußballspielern und können damit auch die Problematik der einseitigen taktischen Ausbildung beeinflussen. Sie sollten sich bewusst sein, dass ein ausgewogenes Training wichtig ist, das sowohl taktische als auch technische, kreative und kognitive Fähigkeiten fördert. Dazu würde ich ergänzen, dass das System es dem Trainer erschwert, langfristig auf die Entwicklung der Spieler zu achten. Denn die allgegenwärtige Ergebnisfokussierung „zwingt“ indirekt die Trainer dazu, nicht immer die talentierten oder unfertigen Spieler auflaufen zu lassen, sondern jene, die vermeintlich erfolgreich und damit jobsichernd sind.

    Welche (möglichen) Lösungsansätze mit Blick auf die Trainer gibt es:

    – Trainer sollten eine ausgewogene Schwerpunktsetzung auf taktische, technische und kreative Aspekte des Spiels verfolgen.
    – Trainer können Freiräume im Training schaffen, um Spielern die Möglichkeit zu geben, ihre individuellen Fähigkeiten und Kreativität zu entfalten.
    – Spieler sollten ermutigt werden, kreative Lösungen zu suchen und ihre technischen Fertigkeiten kontinuierlich zu verbessern.
    – Trainer können auch alternative Trainingsmethoden wie den Straßenfußball, kleine Spielformen oder spielerische Übungen in das Training integrieren, um die spielerische Freiheit und die individuelle Entwicklung zu fördern.

    Ein neuer Weg

    Wir von Die Sportpsychologen haben einen neuen Weg entwickelt, wie Profi-Vereine und Verbände die Sportpsychologie in ihrem System integrieren können. Interessenten bekommen nach kurzer Anmeldung einen Link zu einer nicht-öffentlichen Seite, wo alle Informationen aufbereitet sind.



      Fazit

      Die Betonung der taktischen Ausbildung im Fußball kann zu einer Vernachlässigung anderer wichtiger Aspekte führen. Aber: Trainer spielen eine entscheidende Rolle dabei, ein ausgewogenes Training zu gestalten, das taktische Fähigkeiten mit technischer, kreativer und kognitiver Entwicklung verbindet. Dadurch können Spieler ihre individuellen Stärken voll entfalten und eine vielseitige Spielweise entwickeln. Unterstützend kann mithilfe von Experten eine wertschätzende Fehlerkultur entwickelt und etabliert werden, die den Spielern, Trainern und ganz Fussballdeutschland zu Gute kommt. 


      Literatur:

      https://www.spiegel.de/sport/fussball/mehmet-scholl-kritik-an-trainerausbildung-des-deutschen-fussball-bunds-a-1182515.html

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      Prof. Dr. Oliver Stoll: Dilemma Teampsychologe

      Wer mich kennt, weiß, dass ich zwar einerseits ein großer Fußball-Liebhaber auf der „Entertainment-Schiene“ bin, jedoch ansonsten bisher beruflich eher einen großen Bogen um diesen Sport gemacht habe. Das hat weniger etwas mit dem Sport „an und für sich“ zu tun, sondern vielmehr mit dem „System” Profi-Fußball in Deutschland. Aber darauf gehe ich jetzt nicht tiefer ein. Vielleicht schreibe ich dazu mal einen eigenen und tiefergehenden Beitrag, auch wenn ich weiß, dass das sich dann ein „Shit Storm“ über mich ergießen wird. 

      Zum Thema: Der Umgang mit „Grübeln“ und „Selbstzweifeln“ im Fußball

      Diejenigen, die mich dann doch besser kennen, insbesondere meine Kolleginnen und Kollegen aus dem Netzwerk Die Sportpsychologen, wissen aber auch, dass ich mindestens zwei Mal auch beruflich im Profi-Fußball involviert war – und beides Mal bin ich sehr ernüchtert und desillusioniert aus diesen Settings hervorgegangen. Was mich im Ergebnis nachhaltig darin bestärkt hat, nicht mehr im Fußball zu arbeiten.

      Und wieder ist es anders gekommen, als ich mir das vorgenommen hatte. Aber dieses Mal arbeite ich nicht für eine Mannschaft, sondern mit einzelnen Athleten. Das Anliegen wurde mir von meinen derzeitigen Klienten erklärt. Wir sprechen hier von Spielern aus der 1. und 2. Bundesliga und die suchten mich auf, obwohl für beide Mannschaften Teampsychologen arbeiten, die auch für diese Spieler zur Verfügung stehen. Meine Frage, warum sie dieses Angebot nicht annehmen, war ebenso ernüchternd, wie logisch: „Weil die Teampsychologen zu nahe dran sind am Trainer-Team und ich eben deswegen nicht völlig offen reden kann. Ich möchte jemanden, der unabhängig vom Verein tätig ist und den ich exklusiv mich nutzen kann“. Hier haben wir wieder mal ein klassisches Dilemma, in dem die sportpsychologische Beratung und Betreuung im Teambereich steckt. Da können die Kollegen Teampsychologen noch so viel von berufsethischen Richtlinien und vertrauensbildenden Maßnahmen reden und erklären. Diese Argumentation wird wohl von den Spielern entweder nicht verstanden oder schlicht nicht geglaubt. 

      Stellschrauben nur auf einer Seite 

      Und die Anliegen der Athleten der Spieler haben unmittelbar mit diesem systemischen Problem zu tun, denn beide möchten gerne ihre „Grübelei“ in den Griff bekommen und „selbstbewusster“ werden. Die ersten Settings zeigten mir, dass die Grübelei viel damit zu tun hat, dass sie „Zeichen des Trainers“ nicht richtig einordnen können. Die Kommunikation funktioniert noch nicht optimal, beidseitig – ein Phänomen, das wir nicht nur aus dem Sport kennen. In der Konsequenz der nicht funktionalen Kommunikation zwischen Spielern und Trainer leidet das Selbstbewusstsein auf Athletenseite. Und dies nicht unerheblich. Deshalb sind sie bei mir.

      Ein neuer Weg

      Wir von Die Sportpsychologen haben einen neuen Weg entwickelt, wie Profi-Vereine und Verbände die Sportpsychologie in ihrem System integrieren können. Interessenten bekommen nach kurzer Anmeldung einen Link zu einer nicht-öffentlichen Seite, wo alle Informationen aufbereitet sind.

        Wie kann man mit dieser Problematik umgehen? Nun – derzeit kann ich den Spielern nur helfen, ihre eigenen Kompetenzen zu stärken, denn nur das können sie direkt beeinflussen und kontrollieren. Derzeit arbeite ich mit beiden Spielern mit Achtsamkeitsübungen sowie Techniken, die dem hypnotherapeutischen Umfeld zuzuordnen sind. Es geht für sie darum, „Grübeln“ auszuschalten und ins „Hier und Jetzt“ kommen zu können, sowie mit „Bewertungen“ umzugehen bzw. in der Lage zu sein, „Bewertungen“ auszublenden. Darüber hinaus versuche ich, mit ihnen in Coaching-Gesprächen eine eher ressourcenorientierte Sichtweise zu entwickeln. Gewohnt sind beide bisher eher „defizit-orientierte“ Sichtweisen. Dieses Mal lerne ich den Profi-Fußball durchaus mal von einer anderen Seite kennen und ich gebe zu: Dieses Mal fühle ich mich deutlich wohler. Und klar wird nicht zuletzt auch, dass wir und unsere Profession gebraucht werden.

            

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        Nachwuchsleistungszentren: Das NLZ als Kern des Problems oder Teil der Lösung?

        Keine Abstiegsgefahr mehr in den Junioren-Bundesligen, NLZ-Kicker als Oasenbewohner und demgegenüber die Idee, junge Spieler viel länger in den Heimatvereinen zu lassen. Janosch Daul und Prof. Dr. René Paasch von Die Sportpsychologen diskutieren aktuelle Fragen zum Nachwuchsleistungsfußball. 

        In den Junioren-Bundesligen soll ab der Saison 2024/2025 für die Teams der NLZ-Vereine kein Abstieg mehr möglich sein. Damit soll verhindert werden, dass in den oberen Jugendbereichen Ergebnisfußball gespielt wird. Welche Gefahren seht ihr allerdings, wenn Spieler im Jugendfußball nicht mehr lernen, unter Druck Leistung zu bringen?

        Janosch Daul

        Antwort von: Janosch Daul (zum Profil)

        Ich glaube nicht, dass die Reform – so, wie sie aktuell angedacht ist –  der Weisheits letzter Schluss ist. Warum sollte sich allein durch das Abschaffen von Auf- und Abstiegsmöglichkeiten gravierend etwas am Ergebnisdenken und dem darauf ausgerichteten Handeln der Führungskräfte und TrainerInnen ändern?

        Erst einmal die Fakten: Die DFB-Nachwuchsliga soll in zwei Phasen aufgeteilt werden. Zunächst werden in regionalen Staffeln jeweils die Top 3 ausgespielt, die sich für die Liga A der Hauptrunde qualifizieren. Alle anderen Teams spielen stattdessen in der Liga B. Der Deutsche Meister wird in Liga A in Form einer Endrunde ausgespielt.

        Das einfachste (und am besten zu begründende) Kriterium für Führungskräfte, um Trainerleistung zu bewerten, ist und bleibt das nackte Ergebnis. Auch weiterhin. Somit besteht, allein, um den eigenen Arbeitsplatz zu sichern, weiterhin ein hoher Druck für TrainerInnen, Ergebnisse zu liefern. Der Trainer wird zukünftig in die Top 3 kommen wollen (oder müssen?), sich also für Liga A qualifizieren wollen (müssen?), eine gute Endplatzierung erreichen (müssen?) und letztlich Deutscher Meister werden wollen (müssen?). Dieser selbst oder von außen erzeugte Druck wird auch weiterhin auf diejenigen projiziert werden, die für die Trainer die Kastanien aus dem Feuer holen müssen, nämlich die Protagonisten auf dem Platz, die SpielerInnen. Wichtig wäre vielmehr zu überlegen, wie der Verband im Zusammenspiel mit den Vereinen finanzielle Anreizstrukturen entwickeln kann, die sich deutlich unabhängiger von der Altersklasse der zu trainierenden SpielerInnen gestalten. Denn aktuell besteht ein großes Bedürfnis vieler TrainerInnen danach, durch Ergebniserfolg schnellstmöglich die eigene Karriereleiter – und Finanzleiter – aufzusteigen. Der U16-Trainer will die U17 trainieren und der U17-Trainer die U19. Zugleich braucht es Führungskräfte in verantwortlicher Position, die wirklich glaubhaft die individuelle Weiterentwicklung der SpielerInnen in den Mittelpunkt ihrer Ausbildungsphilosophie stellen und infolgedessen somit auch die Leistung der TrainerInnen anhand dessen bewerten.

        Antwort von: Prof. Dr. René Paasch (zum Profil)

        Die vermeintliche Strategie, den Teams der Nachwuchsleistungszentren (NLZ) in den Junioren-Bundesligen den Pfad des Abstiegs zu versperren, mag auf den ersten Blick wie eine Innovation und im besten Falle zeitgemäß erscheinen. Doch aus der Sicht der Sportpsychologie ergeben sich einige Gefahren:

        • Defizite in der Bewältigung von Drucksituationen: Der Leistungssport, wozu der Jugendfußball zählt, ist oftmals durch drängende Erwartungen und intensiven Wettbewerb gekennzeichnet. Hierbei erwerben Athleten die Fähigkeit, unter Druck ihre Fertigkeiten zu entfalten. Indem der Abstiegsdruck eliminiert wird, könnten aufkeimende Talente möglicherweise nicht die erforderlichen Kompetenzen entwickeln, um Stress und Druck zu bewältigen. Diese Lücke könnte sich in ihrer späteren Karriere im Profifußball oder sogar in anderen Lebensbereichen als Hemmnis erweisen. 
        • Beschränkte Motivation zur Leistungssteigerung: Wettbewerb und die Möglichkeit eines Abstiegs fungieren oft als Antrieb für Spieler, sich kontinuierlich zu steigern und das Maximum ihrer Fähigkeiten zu erreichen. Wenn diese Anreize schwinden, könnte die Motivation der Spieler zur persönlichen Weiterentwicklung abnehmen, da ihnen bereits ein „sicherer“ Platz in der Liga gewährt wird. 
        • Entwicklung in einer unrealistischen Umgebung: Der Übergang von der Jugend- zur Profifußballszene erfordert nicht nur fußballerische Fertigkeiten, sondern auch eine widerstandsfähige mentale Verfassung. Wenn Spieler nicht erlernen, wie es ist, in einer umkämpften Liga zu agieren und mit Siegen und Niederlagen umzugehen, könnten sie später Schwierigkeiten haben, sich den Ansprüchen des Profifußballs anzupassen. 
        • Unzureichende Entwicklung von Widerstandsfähigkeit (Resilienz): Robustheit (Resilienz) ist im Sport und im Leben von essenzieller Bedeutung. Spieler, die nie wirklich gelernt haben, mit Rückschlägen umzugehen, könnten anfälliger für Entmutigung und mangelnde Belastbarkeit sein, wenn sie in ihrer Karriere auf Hindernisse stoßen. 
        • Risiko der Selbstgefälligkeit: Wenn Spieler frühzeitig den Eindruck gewinnen, dass ihnen jeglicher Abstieg erspart bleibt, könnte dies zu einer Haltung der Selbstgefälligkeit führen. Diese Geisteshaltung könnte die Entwicklung eines starken Arbeitsethos und des ständigen Strebens nach Verbesserung hemmen. 

        In der umfassenden Perspektive wird offenkundig, dass das Fehlen der Abstiegsoption in den Junioren-Bundesligen zwar einige mögliche Vorzüge mit sich bringt, doch gleichzeitig erhebliche Risiken für die mentale und persönliche Entwicklung aufstrebender Spieler in sich birgt. Eine ausgewogene Herangehensweise, die Wettbewerb und Entwicklung in Einklang bringt, könnte sich als eine bessere Lösung erweisen, um die heranwachsenden Talente auf eine erfolgreiche Laufbahn im Profifußball oder im Leben vorzubereiten. 

        Wozu führt es, wenn Spielern in den NLZ-Clubs zu viel abgenommen wird? Im Kicker sprach der sportliche Leiter des DFB, Joti Chatzialexiou, dass die Talente in Oasen lebten.

        Antwort von: Janosch Daul (zum Profil)

        Zunächst einmal würde ich nicht alle NLZs grundsätzlich über einen Kamm scheren. Aber keine Frage: Wir alle schreien regelrecht nach mündigen, eigenverantwortlich denkenden und handelnden Spielern. Und wenn wir mit solchen Spielern arbeiten wollen, so müssen wir Verantwortliche die Spieler gezielt dabei unterstützen, sich zu solchen zu entwickeln. 

        Und ich gehe sogar so weit zu sagen: Es ist unser pädagogischer Auftrag, die Spieler maximal dabei zu unterstützen, Profis fürs Leben zu werden! Also ihnen zu helfen, Fähigkeiten zu entwickeln und Werte zu vermitteln, die es braucht, um auch außerhalb der Blase Fußball ihren Platz in der Gesellschaft zu finden. Für uns als diejenigen, die eng mit den Spielern arbeiten, darf es nicht darum gehen, ihnen diese Tätigkeiten abzunehmen, sondern sie gezielt dabei zu unterstützen, diese selbstverantwortlich anzugehen und umzusetzen, indem wir – z.B. durch das Stellen von Fragen – gezielt zur Selbstreflexion anregen und ihnen helfen, adäquate Lösungen zu entwickeln. Auf dem Feld müssen sie schließlich auch passende Entscheidungen treffen!

        Mal angenommen, ein Team möchte in der Vorbereitung gemeinsam Mittag essen: Warum also nicht – statt das Essen einfach liefern zu lassen – die Spieler die Mahlzeit mal planen, die Zutaten einkaufen und anschließend das Essen selbst – mit tatkräftiger Unterstützung der Verantwortlichen als Role Models – zubereiten lassen?

        Prof. Dr. René Paasch

        Antwort von: Prof. Dr. René Paasch (zum Profil)

        Wichtig ist anzuerkennen, dass eine zu starke Einmischung in das Leben junger Spieler in den NLZ-Clubs potenziell negative Folgen haben kann. Individuelle Autonomie und persönliches Wachstum sind essentiell für die Entwicklung von Selbstvertrauen, Verantwortungsbewusstsein und Charakterstärke. Wenn den Spielern jede Entscheidung abgenommen wird, könnten sie Schwierigkeiten haben, ihre eigenen Fähigkeiten zur Problemlösung zu entwickeln und sich als eigenständige Personen zu entfalten. 

        In sportpsychologischer Hinsicht könnte eine solche Umgebung dazu führen, dass die Spieler abhängig von äußerer Führung und ständiger Bestätigung werden. Dies kann zu einem fragilen Selbstwertgefühl führen, das stark von äußeren Erfolgen und Anerkennung abhängt. Wenn diese jungen Talente ausschließlich in einer geschützten „Oase“ leben, könnten sie Schwierigkeiten haben, mit den Herausforderungen des echten Lebens und des professionellen Fußballs umzugehen, sobald sie das Schutzschild der NLZ verlassen. Die Metapher der „Oase“ lässt auch Raum für die Überlegung, ob diese Spieler ausreichend Möglichkeiten zur intellektuellen, emotionalen und sozialen Entwicklung erhalten? Eine einseitige Fokussierung auf den Fußball kann dazu führen, dass andere wichtige Aspekte des Lebens vernachlässigt werden. Eine umfassende Bildung und die Förderung von Interessen außerhalb des Fußballs sind unerlässlich, um vielschichtige Persönlichkeiten zu formen, die in der Lage sind, sich flexibel an verschiedene Situationen anzupassen. 

        Insgesamt erfordert die Frage nach den Konsequenzen, wenn Spielern in den NLZ-Clubs alles abgenommen wird, eine differenzierte Herangehensweise. Es ist unerlässlich, eine Balance zu finden zwischen Förderung sportlicher Leistungsfähigkeit und der Entwicklung von eigenverantwortlichen, resilienten Individuen. Das Ziel sollte darin bestehen, eine Umgebung zu schaffen, in der junge Talente nicht nur ihre fußballerischen Fähigkeiten, sondern auch ihre Persönlichkeit, soziale Kompetenzen und intellektuellen Interessen entfalten können. 

        Auch wir bei Die Sportpsychologen haben schon vor Jahren angeregt, dass es sinnvoll sein kann, bis in die späte Jugend als Talent bei seinem Heimatverein oder in seiner Heimatregion zu bleiben. Welche Argumente gibt es dafür? Oder wie müsste sich das NLZ-Umfeld punktuell ändern, um Fußballtalente besser auf das Profi-Geschäft vorzubereiten?

        Antwort von: Prof. Dr. René Paasch (zum Profil)

        Der Ansatz, dass es sinnvoll sein kann, bis in die späte Jugend bei seinem Heimatverein oder in seiner Heimatregion zu bleiben, steht im Kontrast zur gängigen Praxis des frühen Wechsels junger Talente zu größeren Clubs. Argumentiert wird oft, dass eine längere Verweildauer in der Heimatregion oder dem Heimatverein den jungen Spielern eine stabilere soziale Umgebung bietet. Diese Vertrautheit kann dazu beitragen, psychische Belastungen zu reduzieren, die aus einem abrupten Wechsel zu einem NLZ resultieren könnten. Auch die emotionale Bindung an das Team, die Fans und die lokale Identität könnten die Motivation und das Wohlbefinden der Spieler positiv beeinflussen. Ein weiteres Argument ist die kontinuierliche individuelle Betreuung und Entwicklung. In größeren Clubs konzentriert sich die Aufmerksamkeit oft auf die vielversprechendsten Talente, während in einem regionalen Umfeld die Möglichkeit besteht, gezielter auf die Bedürfnisse jedes Spielers einzugehen. Dieser persönliche Ansatz könnte eine gesündere Balance zwischen sportlichem Druck und psychischem Wohlbefinden schaffen, indem er den jungen Spielern ermöglicht, sich in ihrem eigenen Tempo zu entwickeln. 

        Dennoch darf nicht übersehen werden, dass der Schritt zu einem professionellen Club auch Vorteile bietet. Ein NLZ mit erfahrenen Trainern, moderner Ausrüstung und einem höheren spielerischen Niveau kann die technische und taktische Entwicklung der Talente beschleunigen. Der Wettbewerb auf einem höheren Level kann dazu beitragen, die Spieler aus ihrer Komfortzone herauszufordern und ihre Grenzen zu erweitern. Dies kann wiederum die Fähigkeit zur Bewältigung von Stress und Druck stärken, was im Profifußball von entscheidender Bedeutung ist. 

        Um Fußballtalente besser auf das Profi-Geschäft vorzubereiten, müsste aus meiner Sicht das NLZ-Umfeld einige Anpassungen vornehmen:

        • Erstens sollte eine ganzheitliche Ausbildung angestrebt werden, die sowohl sportliche als auch psychologische Aspekte umfasst. Die Schulung mentaler Stärke, Stressbewältigung und sozialer Kompetenzen sollte genauso prioritär sein wie das Training auf dem Spielfeld. 
        • Zweitens sollte das NLZ die Bedeutung individueller Unterschiede anerkennen. Nicht alle Spieler entwickeln sich im gleichen Tempo oder haben die gleichen Ziele. Eine flexible Ausbildungsstrategie, die Raum für persönliche Entwicklung lässt, ist unabdingbar. 
        • Drittens sollte das Umfeld so gestaltet sein, dass es einen gesunden Wettbewerbsgeist fördert, ohne exzessiven Druck auszuüben. Ein unterstützendes soziales Netzwerk, das Familie, Trainer und Freunde einschließt, kann dazu beitragen, den emotionalen Stress zu minimieren. 

        Letztlich geht es darum, eine ausgewogene Balance zwischen regionaler Verbundenheit und professioneller Entwicklung zu finden. Ein umfassenderer Ansatz, der die psychologischen Aspekte der Spielerentwicklung berücksichtigt, könnte dazu beitragen, Talente besser auf die Anforderungen des Profifußballs vorzubereiten. 

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        Stephan Brauner: Vater des Misserfolgs

        Kürzlich auf einer Tennisanlage in Bergisch Gladbach: Strahlender Sonnenschein, es weht ein leichter Wind. im Prinzip Aufstiegswetter. Denn die U15 konnte mit einem Unentschieden den Sprung in die nächsthöhere Spielklasse klar machen. Dazu fehlte noch ein Sieg aus den abschließenden Doppeln. Der eigene Sohnemann spielt gut, er könnte es allerdings besser. Vor allem beim Aufschlag ist noch einiges an Luft nach oben. Es kommt zu wenig aus der Streckung der Beine und der Treffpunkt ist auch noch nicht so gut, wie er es im letzten Training war. Der Aufschlag kommt leidlich sicher, aber ohne wirklichen Druck ins Feld. Zeit für eine kleine Intervention des Vaters, seines Zeichens Sportpsychologe? Und hier nimmt das Unheil seinen Lauf.

        Zum Thema: Spontane Interventionen im Wettkampf

        Wir befinden uns kurz vor dem nächsten Aufschlagspiel meines Sohnes: Ich setze eine Pizza auf das Aufschlagspiel. Wenn der Sohnemann jeden Aufschlag aus den Beinen kommt und den Schläger mutig durchschwingt, dann gibt es eine Pizza. So lautet mein Angebot. Das ist gut gemeint und führt leider zum Gegenteil. Der Impuls aus den Beinen kommt jetzt übertrieben, der Treffpunkt ist viel besser und auch weiter oben, aber dafür landet leider kein Schwung mehr im Schlag – der ganze Bewegungsablauf ist durcheinander.

        Es folgen drei Doppelfehler und ein Einwurf. Und damit ein Break für das gegnerische Doppel. Danach gelingt den Jungs zum Glück ein hart erkämpftes Re-Break und sie gewinnen den Satz und das Match. Gut, dass sie gewonnen haben, denke ich mir. Aufstieg geschafft. Herzlichen Glückwunsch! Aber der Vater bleibt nachdenklich zurück.

        Mein Learning

        Was habe ich an diesem Tag gelernt? Nicht alles, was gut gemeint ist, ist auch hilfreich. Und es gibt Interventionen, die es wert sind, sie vorher gemeinsam vorzubereiten, statt sie spontan in den Ring zu werfen. Rückblickend wäre es in diesem Fall besser gewesen, gar nichts zu tun. Nach dem Motto: Wenn es nicht kaputt ist, nicht reparieren. Auf jeden Fall nicht mitten im Wettkampf.

        Wir denken uns nun passende Erinnerungshilfen an bestimmte hilfreiche Muster aus – am besten natürlich unabhängig vom Tennisvater.​ Werkzeuge, die mein Sohn selbstständig aus der Tasche nehmen kann, wenn er meint, sie zu brauchen.

        Spontane Interventionen

        Was mich rückblickend beeindruckt hat, war die Stabilität und Frustrationstoleranz der Jungs, nach diesem Rückschlag wieder konzentriert und selbstbewusst weiterzuspielen und das Spiel noch für sich zu entscheiden. Wir sollten die natürliche Resilienz der Sportler keinesfalls unterschätzen. Im Gegenteil: die bewusste Erinnerung an solche Situationen und Erfolge ist eine wichtige Ressource. Das bereite ich nach dieser Erfahrung allerdings gründlicher vor. Eine spontane Intervention auf dem Platz wird es dazu nicht mehr geben. Der eigene Sohn verdient doch mindestens die gleiche Aufmerksamkeit wie jeder andere Klient auch.

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        Danijela Bradfisch: Priorisierung und Trennung von Trainingsinhalten im (Nachwuchs-)Leistungssport sind nicht zeitgemäß

        Viele Trainer und Trainerinnen sind heutzutage als „Allrounder“ ausgebildet. Oft endet das Basiswissen aber auf Höhe des „Athletenhalses“. Kurzum: Der Kopf kommt zu kurz. Leider sieht es auf der anderen Seite nicht viel besser aus: Viele Athleten und Athletinnen trainieren individuell, zwar sehr abwechslungsreich, innovativ und ambitioniert. Es werden Apps genutzt, für diverse Konzentrations- oder Achtsamkeitsübungen und so weiter. Aber sobald es von Trainer- oder Athletenseite um Priorisierung und die Auswahl der Ressourcen geht, ist die Sportpsychologie schnell außen vor. Das ist extrem schade, zumal sportpsychologische Trainingsinhalte super kombinierbar mit anderen Maßnahmen sind.

        Zum Thema: Die Kompatibilität von Sportpsychologie

        Schauen wir nur auf die Saisonvorbereitung: Jedes Wettkampfjahr startet mit dem Review der vergangenen Saison und der Planung für die kommende Serie. Teamsportler erhalten meist einen Trainingsplan, in deren Erstellung sie oft nicht miteinbezogen worden sind. Es werden Ziele definiert, die man zu erreichen hat bzw. sich erhofft und es werden Maßnahmen benannt, die bekannt sind und sich bewährt haben. In Vereinen, wo gute und langfristige Nachwuchsarbeit gemacht wird, erhält der Athlet Einzelgespräche und vielleicht werden auch die Ziele des Vereins mit kommuniziert. Vielerorts zählt eine ausführliche Diagnostik der Athletik zum Standardprogramm der saisonalen Vorbereitung. Aber wie steht es um die sportpsychologische Untersuchung? Werden Werkzeuge wie beispielsweise der Befindlichkeitsfragebogen von Steyer, Schwenkmezger, Notz, and Eid (1997) oder das Regenerationsmanagement im Sport (Rasche & Pfeiffer, 2020) genutzt? 

        Spätestens seit Jürgen Klinsmann 2004 als Bundestrainer berufen worden ist, ist das Athletiktraining sportartenunabhängig „en vogue“. Es ist wie selbstverständlich in die Trainingsplanung aufgenommen worden. Nachvollziehbar, denn eine gute körperliche Verfassung eines Athleten ist unabdingbar, um langfristig erfolgreich mithalten zu können (Starrett & Cordoza, 2016). Es fehlt aus meiner Sicht aber noch an dem Bewusstsein, sich neben den technischen und taktischen Anforderungen auch ganzheitlich Themen zu widmen. 

        Einige Beispiele

        Von einigen Individualsportlern, unter anderem Novak Djokovic, ist bekannt, dass er Mentaltraining auch im Training anwendet, um auch in Stresssituationen im Wettkampf bestmögliche Leistungen abrufen können (Lobinger, Neumann, & Mayer, 2019). Viele andere Stars tun das auch – wobei nicht alle darüber reden. Aber wie steht es bei den Teamsportarten um das mentale Training? Sind zum Beispiel Visualisierungs- und Entspannungstechniken überhaupt bekannt? Theresa Holst (2014) und Kollegen haben nachweisen können, dass psychische Ressourcen besser anwendbar gemacht werden können, um die körperlichen Leistungen zu steigern. Neben entspannten Zuständen bilden diese beiden Interventionen die Grundlage für eine verbesserte Informationsaufnahme und -verarbeitung. Somit ist der Athlet auf Stresssituationen vorbereitet und kann darüber hinaus Interventionen besser anwenden und positiver erleben, was zu einem erhöhten Wohlbefinden führt (vgl. Ziemainz & Rentschler, 2002). Das mentale Training fördert nachweislich unter anderem die: 

        • Konzentration
        • Stress- und Stressbewältigung
        • Wettkampfvorbereitung

        Saisonales Training und Hindernissbewältigung(en)

        Aber: In vielen Fällen sind wir noch nicht so weit. Es fehlt an Überzeugung, unserer Disziplin gegenüber. Einen großen Erfolgsfaktor sehe ich aus meiner Erfahrung zum Beispiel im Basketball darin, sportpsychologische Methoden mit anderen Trainingsinhalten zu kombinieren: So lassen sich angewandte Interventionen z.B. des Quadrizepsübungen mit Visualisierungstechniken kombinieren (Starrett and Cordoza (2016); Engbert (2011)). Ganz gleich ob in der Wettkampfvorbereitung oder bezogen auf einen Athleten, der nach einem Kreuzbandriss auf dem Weg zurück ist. Spannend sind zudem die Aspekte der Aufmerksamkeitsregulation im Zusammenhang mit der Progressiven Muskelrelaxation, kurz PMR, wenn es darum geht, sich auf bestimmte Muskelgruppen zu konzentrieren. Deren Anspannung und Entspannung erlaubt dem Athleten, sich ganzheitlich (inkl. Gedanken, Gefühle) und sich bewusst zu aktivieren, wie es Eberspächer schon vor zwei Jahrzehnten erklärte (1998). 

        Weitere Ansätze

        Oder schauen wir auf den Nachwuchsleistungssport: Hier erhöht sich während der Schulzeit der Druck auf die Jugendlichen enorm, es herrscht mindestens eine Doppelbelastung (Roschmann & Löbig, 2014). Hinzu kommen die körperlichen und kognitiven Veränderungen, die auch für alle Personen im Umfeld des Athleten herausfordernd sein können (Baumann, 2016; Gille, 2019). Es bietet sich somit sehr gut an, psychologische Trainingsverfahren im Alltag mit einzubauen, um zumindest das „Selbst“ zu unterstützen und zu „kräftigen“ (Richlan, 2016). 

        Zurück ins Vereinstraining: In vielen Trainingseinheiten wird in Kleingruppen gearbeitet. Hier würden sich Selbstbewusstseinsübungen z.B. „Raus aus der Komfortzone“ sehr gut eignen, gerade wenn in diesem Zusammenhang neue Techniken oder Taktiken erlernt werden sollen (Engbert, 2011, p. S.108). 

        Fazit und Ausblick

        Sportpsychologische Betreuungsmaßnahmen bieten aus mehreren Perspektiven einen Mehrwert. Athleten, Trainer und auch die Eltern (Kirschner, 2018) sollten sich ganzheitlich miteinander besprechen und weiterbilden. Meiner Meinung nach sollten die jungen Athleten dabei als „Rohdiamanten“ betrachtet werden, die von mehreren Seiten bearbeitet und betreut werden sollten, um langfristig hochkarätig zu glänzen. 

        Aber: Es ist ein hoher zeitlicher Aufwand und stellt eine weitere Belastung für Athleten und Trainer dar, zusätzliche begleitende Maßnahmen einzubauen. Es bedarf einer hohen Anstrengung, die bisherigen Routinen zu analysieren, aufzubrechen und neu zu erlernen (Marahrens & Keil, 2004; Seidel, 2011). Ein Schlüssel liegt für mich darin, bei der Periodisierung des Trainingsplans keine klassische Priorisierung mehr zu verfolgen, sondern optimaler die Kombinierbarkeit von Trainingseinheiten mit der (individuellen) Zielvereinbarung zu betrachten. Die Sportpsychologie ist kompatibler als viele denken. Gern stehen meine Kollegen und Kolleginnen aus dem Netzwerk (zur Übersicht) und ich (zum Profil von Danijela Bradfisch) bereit, den Praxistest anzugehen. 

        Mehr zum Thema:

        Literatur:

        Abbott, A., Button, C., Pepping, G.-J., & Collins, D. (2005). Unnatural selection: talent identification and development in sport. Nonlinear dynamics, psychology, and life sciences, 9(1), 61-88. 

        Baumann, S. (2016). Psychologie im Jugendsport: Der Einfluss der Pubertät–Die Auswirkungen auf das Lernen–Die Rolle des Trainers: Meyer & Meyer.

        Beckmann, J., & Kossak, T.-N. (2018). Motivation und Volition im Sport. Motivation und Handeln, 615-639. 

        Digel, H., Schreiner, R., Waigel, S., & Thiel, A. (2008). Spitzentrainer werden und sein – repräsentative

        Befunde zur Rekrutierung und zur Anstellung von Trainern im Spitzensport. Leistungssport, 5, 9. 

        Eberspächer, H. (1998). Ressource Ich. Der ökonomische Umgang mit Stress, München

        Engbert, K. (2011). Mentales Training im Leistungssport: Ein Übungsbuch für den Schüler-und Jugendbereich: Neuer Sportverl.

        Gille, G. (2019). Die weibliche Pubertät und Adoleszenz aus biologischmedizinischer Sicht. In Mädchen fragen–Mütter wissen (pp. 11-21): Springer.

        Güllich, A., & Emrich, E. (2006). Evaluation of the support of young athletes in the elite sports system. European Journal for Sport and Society, 3(2), 85-108. 

        Herz, M. (2019). Das Gehirn in den Sport integrieren–Neuroathletiktraining im Leistungssport. physiopraxis, 17(04), 34-35. 

        Kirschner, P. (2018). Die Eltern als Fundament, Säule und Rückhalt im Werdegang jugendlicher Athleten und Athletinnen: Freya.

        Lobinger, B., Neumann, G., & Mayer, J. (2019). Etablierung der Angewandten Sportpsychologie im Leistungssport. Angewandte Sportpsychologie für den Leistungssport, 30-45. 

        Marahrens, L., & Keil, J.-G. (2004). Trainingsweltmeister-Eine Phänomenanalyse aus der Erlebensperspektive betroffener Leistungssportler. Zeitschrift für Sportpsychologie, 11(3), 112-120. 

        Rasche, C., & Pfeiffer, M. (2020). 4 REGmon–ein intelligentes und innovatives Online-Portal für die Sportpraxis. im Spitzensport (Teil 2), 27. 

        Richlan, F. (2016). Sensible Phasen im Nachwuchsleistungssport aus neurowissenschaftlicher Perspektive. In Talentförderung: Sensible Phasen auf dem Weg zur Weltspitze (pp. 91-93): Pabst Science Publishers.

        Roschmann, R., & Löbig, A. (2014). Dropout im Frauenfußball–Eine empirische Un-tersuchung. Frauen-und Mädchenfußball im Blickpunkt: Empirische Untersuchungen-Probleme und Visionen, 1, 117. 

        Seidel, I. (2011). Trends in der Talentforschung und Talentförderung. Leistungssport, 41(2), 19-23. 

        Starrett, K., & Cordoza, G. (2016). Werde ein geschmeidiger Leopard: riva München.

        Steyer, R., Schwenkmezger, P., Notz, P., & Eid, M. (1997). Der Mehrdimensionale Befindlichkeitsfragebogen (MDBF)[The Multidimensional Affect Rating Scale (MDBF)]. In: Hogrefe Göttingen, Germany.

        Theresa Holst, T. S., Heiner Langenkamp, Hubert Remmert, Alexander Ferrauti (Projektleiter) & Michael Kellmann (Projektleiter). (2014). Wissenschaftliche Optimierung trainingspraktischer Leistungssteuerung und konzeptioneller Vorgaben im Nachwuchsleistungssport des Deutschen Basketball Bundes – Basketball-Talente. BISp-Jahrbuch Forschungsförderung 2012/13. Retrieved from http://www.bisp.de/SharedDocs/Downloads/Publikationen/Jahrbuch/Jb_201213_Artikel/Ferrauti_Kellmann_153_162.pdf

        Ufer, M. (2017). Mentaltraining für Läufer: weil Laufen auch Kopfsache ist: Meyer & Meyer Verlag.

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        Dr. Hanspeter Gubelmann: Budapest 2023 – mein Leichtathletik-WM-Tagebuch, 5. Tag, der Showdown

        Es ist Samstag, 26. August 2023 – raceday! Ich sitze spätmorgens entspannt in der Lobby meines Hotels und nippe an einem Cappuccino. Heute um 20.07h werde ich im Budapester WM-Stadion sitzen und zusammen mit 35’000 weiteren Zuschauern dem zweiten Vorlauf im 4x400m Staffelevent entgegenfiebern. Ich bin gespannt darauf, wie ich die kommenden Stunden „des Wartens“ erleben werde. Einen Teil dieser spannenden Zeit möchte ich selbstreflektierend nutzen und mir Gedanken zu einer Schlüsselfrage stellen: Bin ich hier als Sportvater oder erlebe ich mich nicht eher als Sportpsychologe?

        Zum Thema: Sportvater vs. Sportpsychologe

        Der Countdown läuft. Auch ich spüre: the heat is on. Damit meine ich nicht nur die Aussentemperaturen, die heute auf weit über 30 Grad steigen werden. Selbst am Abend im Stadion wird es noch sehr heiss sein, durchaus erfreulich für die Sprinterinnen, die im Einsatz stehen werden. Das Schweizer 4x400m-Team startet in einer Aussenseiterposition. Von 18 teilnehmenden Teams sind sie mit ihrer Saisonbestleistung an zwölfter Position geführt. Eine Finalqualifikation käme einem Exploit gleich. Es ist ein sehr junges, aufstrebendes CH-Team mit Potential für eine Überraschung.

        Wer bin ich aber hier? Als Orientierung für diese Gegenüberstellung benutze ich die sportwissenschaftliche Perspektive (vgl. Fredricks & Eccles, 2004), die den Sporteltern vor allem drei entscheidende Rollen zuschreiben: Als Unterstützer, als Vorbilder und als bewertende Instanz. Ähnlich könnte auch die Funktion eines Sportpsychologen beschrieben werden, der eine Sportlerin an einem Zielwettkampf vor Ort begleitet.

        Unterstützung, Vorbild und Bewertung

        Unterstützung: Ich weiss, dass Catia mich hier vor allem als moralische Unterstützung wahrnimmt, dass sie weiss, dass ich da bin. Einmal hat sie mir kurz davon berichtet, wie sie ihren Lauf visualisieren werde. Als Sportpsychologe hätte ich nachgefragt, als Sportvater lasse ich mich hier nicht auf eine fachliche Diskussion ein.

        Vorbild: Hierzu fällt mir ein spannendes Zitat von Roger Federers Eltern ein: «Wir versuchten im täglichen Leben als gutes Vorbild für unseren Sohn voranzugehen. Uns war wichtig, ihm Werte wie Anstand, Respekt, Fairness und Ehrlichkeit – auch auf dem Tennisplatz – mitzugeben. In kritischen Situationen verhielten wir uns immer positiv unterstützend, halfen beim Verarbeiten von Enttäuschungen und Niederlagen.» Wäre ich als Sportpsychologe in Budapest tätig, würde ich eine von Skisprung-Weltmeister gemachte Aussage als Orientierung zur Hand nehmen. „Wenn ich den Anspruch entwickle, Weltmeister zu werden, erwarte ich die allerhöchste fachspezifische Qualität auch von meinem Betreuerteam“ – also auch von mir als damaligem Sportpsychologen. 

        Bewertung: Als Sportpsychologe weiss ich, dass jetzt im Hinblick auf den Wettkampf ausschliesslich „positive Aktionen“ zählen. Als Sportvater will ich mich auf eine positive Haltung und Ausstrahlung konzentrieren und meiner Tochter vor allem meine grosse Freude ausdrücken. Eben sagte ich ihr am Telefon: „Hey, das ist doch alles so toll, was ihr als Team und du als junge Athletin hier an der WM erleben dürft!“

        Mit Plan und Vorstellungsarbeit

        Die Taschen sind gepackt, der Countdown läuft. Catia weiss genau, was sie wann zu tun hat und bleibt trotzdem gedanklich flexibel, um auf Eventualitäten kurzfristig reagieren zu können. Selbstverständlich bin ich im Bilde, wie Catias Tagesablauf sein wird. Sie hat mir Folgendes geschrieben:

        First part of the day free

        15h00 lunch together

        17h35 bus

        18h40 warm up

        19h39 call room

        20h07 heat 2, lane 9 

        Catia arbeitet in der unmittelbaren Wettkampfvorbereitung auch sehr intensiv mit Visualisierung, indem sie ihren Lauf detailliert mental durchgeht und durchlebt. Gespannt bin ich dann auf ihre Rückmeldungen in der Nachbetrachtung zum Erleben ihres Einsatzes. 

        Es wird sehr emotional werden…

        Im Nachgang zu meinem zweiten Tagebuch-Eintrag (Link siehe unten) erhielt ich eine sehr spannende Rückfrage: „Du warst ja selbst einmal Leichtathlet. Ist es aufwühlender selbst anzutreten oder für deine einzigartige Tochter mental da zu sein.“

        Visualisierung der 400m-Strecke: Catia anlässlich ihres Auftritts an der Athletissima in Lausanne – Die Taschen sind gepackt! – Vater und Tochter beim Bummel durch Budapest – happy faces! – Quelle Dr. Hanspeter Gubelmann

        Vorausschicken muss ich, dass ich selbst sportlich nicht annähernd so erfolgreich war wie Catia heute ist. Zudem habe ich meine kurze Zeit in der Leichtathletik als Sprinter und Mehrkämpfer schon vor Erreichen des 20. Geburtstags beendet. Sinnigerweise mit einem 1500m-Lauf als letzte Disziplin des Zehnkampfs am Eidgenössischen Turnsfest 1984, dem grössten Sportfest in der Schweiz. Dort wollte ich richtig gut sein und war es auch. Die beiden Befindlichkeiten – damals zu heute – sind aber ziemlich unterschiedlich. Meine Antwort lautete: „Es ist anders. Mein Puls ist erstaunlich tief (das war natürlich als Sportler nicht so!), ich bin so zehn Minuten vor Catias Start sehr emotional, musste an der U23-EM sogar eine Träne verdrücken!“

        Wenn ich mir das nochmals überlege, wird mir sogleich klar: Ich bin hier vornehmlich als Sportpapi im Hier- und Dasein. Okay, der Sportpsychologe ist in der Rolle des interessierten Beobachters auch dabei! Gut möglich, dass es heute Abend um 19:57 zwei Tränen sein werden… Und ein strahlendes Herz dazu!

        Mehr zum Thema:

        Literatur:

        Fredricks, J. A., & Eccles, J. S. (2004). Parental Influences on Youth Involvement in Sports. In M. R. Weiss (Ed.), Developmental sport and exercise psychology: A lifespan perspective (p. 145–164). Fitness Information Technology.

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