Prof. Dr. Frank Musolesi: “Moderne Ansätze der Mitarbeiterführung lassen sich fast nahtlos aus der Wirtschaft in den sportlichen Bereich übertragen”

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An der SRH Hochschule Heidelberg können Studenten des Masterstudienganges Psychologie nun einen Schwerpunkt Sportpsychologie wählen. Wir haben mit Prof. Dr. Frank Musolesi, dem Leiter des neuen Angebots, über die Hintergründe, das sich verändernde Marktumfeld sowie das Potential sportpsychologischer Dienstleistungen gesprochen.

Zum Thema: Sportpsychologie-Ausbildung zwischen wachsendem Interesse und leeren Vereinskassen

Prof. Dr. Frank Musolesi, die Sportpsychologie war in den vergangenen Jahrzehnten eher ein Arbeitsfeld für Enthusiasten, Sportverrückte und Ex-Sportler. Warum sehen immer mehr junge Studierende nun genau hier ihre berufliche Zukunft?

Meiner Meinung nach liegt das an der positiven Strahlkraft des Sports, insbesondere des Leistungssports. Die Kommerzialisierung des Sports übt auf große Teile der Gesellschaft eine starke Anziehungskraft aus. Es vergeht ja kaum ein Tag, an dem nicht mindestens ein sportliches Ereignis multimedial im Fokus steht. Vor allem jene Menschen, die mit dem „smartphone“ aufgewachsen sind, die sogenannten digital natives fühlen sich dabei besonders angesprochen. Darüber hinaus stehen Nachrichten aus dem Bereich des Sports häufig mit positiven Inhalten und Emotionen in Verbindung, wogegen es bei der normalen Berichterstattung vorwiegend um Katastrophen, Kriege, Pandemien etc. geht, die mit negativ gefärbten Emotionen, wie z.B. Angst assoziiert sind. 

Was unterscheidet ihr Ausbildungsangebot von den etablierten Instituten und Anbietern?

Auf die Unterschiede möchte ich nicht eingehen, da ich zum einen die Ausbildungsangebote anderer Institute nicht im Detail kenne und sich zudem eine Bewertung anderer verbietet. Wir bieten keinen eigenständigen Studiengang „Sportpsychologie“ an, sondern die Studierenden können im Rahmen ihres Masterstudiums den Schwerpunkt „Sportpsychologie“ wählen. Die Studierenden schließen mit dem Master of Science in Psychologie ab, was ihnen aus unserer Sicht eine größere berufliche Flexibilität ermöglicht. Der Schwerpunkt „Sportpsychologie“ vermittelt fachliche und methodische sowie soziale und persönliche Kompetenzen und bereitet die Studierenden auf den Umgang mit Leistungs- und Breitensportlern sowie die Arbeit in Vereinen und Leistungszentren vor.

Woran können Sie ein gesteigertes Interesse im Sport an sportpsychologischen Themen festmachen?

Insbesondere die angewandte Sportpsychologie im Leistungssport entwickelt sich seit ca. 15 Jahren in rasanter Weise. Als Beispiel stehen die vielfältigen Aktivitäten in Form von sportpsychologischer Forschung sowie Betreuung und Beratung des deutschen Spitzensports. Bei Trainern, Funktionären und anderen Verantwortlichen setzt sich immer mehr die Erkenntnis durch, dass der „Kopf“ bei der Erbringung von sportlichen Spitzenleistungen in jeder Disziplin eine mitentscheidende Rolle spielt und somit die professionelle Beschäftigung mit den mentalen und psychischen Prozessen der Athleten einen entscheidenden Wettbewerbsvorteil mit sich bringen kann.

Weshalb wird die Corona-Pandemie zur Chance für die Sportpsychologie? Oder droht, wenn Verbände und Vereine weiterhin finanziell leiden, nicht eher ein Flurschaden für die Sportpsychologie?

Letzteres ist zu befürchten. Aufgrund wegfallender Einnahmen stehen viele Vereine im Profi- und Amateursport finanziell mit dem Rücken zur Wand. Insbesondere Hallen-Sportarten, deren Existenz in hohem Maße von Zuschauereinnahmen abhängt, wie z.B. Eishockey oder Handball sind durch die politischen Vorgaben in der gegenwärtigen Pandemie in einer extrem schwierigen wirtschaftlichen Situation. Das Vereinsmanagement arbeitet zunehmend im Krisenmodus und fährt viele unterstützende interne Bereiche herunter, um Kosten zu sparen, obwohl in dieser schwierigen Phase die psychologische Expertise von besonderer Bedeutung ist. Die Folgen des „social distancing“ und der Wegfall vieler sportlicher Highlights, wie z.B.  Verschiebung der Olympischen Spiele lassen viele Sportler in eine Sinn- und Motivationskrise fallen. Psycholog*innen sind wie kaum eine andere Berufsgruppe für die Bewältigung psychischer und sozialer Krisen ausgebildet.

Welche Rolle spielt der mögliche Wissenstransfer aus dem Sport in andere relevante Arbeitsbereiche, wie allen voran die Wirtschaft?

Der Wissenstransfer in andere berufliche Felder hinein spielt aus meiner Sicht eine wichtige Rolle. Ich bin selbst seit mehr als 25 Jahren als Berater und Coach in der Wirtschaft unterwegs und erlebe viele Analogien und gemeinsame Verhaltensmuster in den unterschiedlichsten Anwendungsfeldern. Beispielsweise lassen sich zum Thema „Mitarbeiterführung“ viele moderne Ansätze aus dem Wirtschaftskontext fast nahtlos in den sportlichen Bereich übertragen. 

Mehr Infos:

https://www.hochschule-heidelberg.de/de/studium/masterstudium/masterpsychologie/sportpsychologie/

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