Enosch Wolf: Die Effektivität sinkt, wenn Sportpsychologie eine Pflichtveranstaltung ist

Über die Sportpsychologie existieren einige Mythen. Zum Beispiel, dass im amerikanischen Sport, jeder und jede, der oder die drei Schritte geradeaus machen kann, einen Sportpsychologen oder eine Sportpsychologin an seiner Seite weiß. Enosch Wolf, der in den USA College-Basketball spielte, kann definitiv mehr als drei Schritte geradeaus machen und kommt dabei sogar ziemlich hoch hinaus. Der 32-jährige Basketball-Profi, der seit dem Sommer beim Zweitligisten RASTA Vechta spielt, teilt mit uns seine unterschiedlichen und spannenden Erfahrung mit der Sportpsychologie.

Zum Thema: Sportpsychologie im Basketball

Enosch Wolf, um Interessierten – unabhängig von der Sportart – die Kraft der Sportpsychologie zu erklären, wird häufig der Basketballfreiwurf herangezogen. Kannst du erklären, wieso und hältst du es für zielführend, dieses “Bild” zu verwenden?

Ich denke, dass Bild des Freiwurfs wird dazu genutzt, um die grundlegende mentale Komponente im Sport zu verdeutlichen. Wenn man unsicher an die Freiwurflinie geht und mit Angst wirft oder denkt, man wird vielleicht daneben werfen, wird man meistens nicht so erfolgreich treffen. Wenn man es allerdings mit Selbstvertrauen angeht und überzeugt davon ist, lässt sich einfacher der Fokus auf den Wurf halten und man wird erfolgreicher abschließen. 

Allerdings denke ich, dass dieses Bild der Tragweite und Tiefe der Sportpsychologie bei weitem nicht würdig ist. Sicher ist es ein wichtiger Punkt, der ein verbreitetes Problem anspricht, die Angst vor dem Versagen, aber ich denke, dass es weitaus mehr und besonders individuelle Baustellen gibt, die man mit der Sportpsychologie angehen kann.

Auf deinem Weg zum Basketball-Profi in Deutschland hast du den “Umweg” über die USA nehmen dürfen. Wie viel mentalen Input hast du speziell bei deinen College-Teams bekommen, war Sportpsychologie dort ein Thema?

Leider habe ich auch dort wenig förderlichen Input im Rahmen der Sportpsychologie bekommen. Also, aktive Arbeit mit Sportpsychologen gab es damals nicht. Des Weiteren herrschte besonders am College auch eher die Einstellung „Go hard or go home!“ – du darfst keine Schwäche zeigen und musst immer tough sein. Was im Leistungssport sicherlich zu Teilen seine Daseinsberechtigung hat, jedoch auch nicht um jeden Preis. 2-3 Mal gab es Vorträge von Alumni o.ä. wo es immer um Themen wie Durchhaltevermögen, harte Arbeit und solche Dinge ging. Allerdings gab es nie jemanden, der wirklich Tools und Wege  gezeigt hat, wie man mit seinen Problemen und seiner psychischen Gesundheit umgehen kann.

Wie etabliert ist die Sportpsychologie im deutschen Basketball? Einige unserer Profilinhaber von Die Sportpsychologen arbeiten oder haben in deiner Sportart gearbeitet. Darüber hinaus scheint es aber nicht so, dass der Basketballsport in Sachen professioneller oder innovativer Einbindung der Sportpsychologie anderen Spielsportarten krass enteilt wäre? 

Ich würde nicht sagen, dass man behaupten könne, die Sportpsychologie sei überhaupt etabliert. Wie du bereits sagst, mag es gewiss Einzelfälle geben, wo mit Sportpsychologen gearbeitet wird. Aber mir ist auf die Schnelle kein Verein bekannt, bei dem explizit mit einem Sportpsychologen gearbeitet wird. 

Einzig in meiner Zeit bei den Hamburg Towers (jetzt Veolia Towers) haben wir mit Hinnerk Smolka, einem „Team-Coach“, gearbeitet. Ich habe diese Zusammenarbeit sehr begrüßt, einige meiner Kollegen nicht so sehr. Ich muss allerdings auch zugeben, dass mir die vielen positiven Effekte der Arbeit mit Hinnerk erst zwei, drei Jahre nach meiner Zeit in Hamburg aufgefallen sind, ganz nach dem Motto „man weiß erst, was gut ist, wenn man es nicht mehr hat“.

Bist du eigentlich ein Freund des individuellen sportpsychologischen Trainings, dass im Zweifel jeder Spieler oder Spielerin aus eigener Tasche zahlt, oder zählst du zu den Verfechtern, die sagen, der Verein solle mindestens einen Experten oder eine Expertin im Trainerstab platzieren? 

Da würde ich mich nicht auf eine Seite stellen. Ich bin auf jeden Fall Fan der individuellen sportpsychologischen Betreuung. Oft ist das finanzielle Investment allerdings eine Hürde. Ich denke, da sind viele Spieler nicht bereit, Summe X im Monat für so eine Betreuung auszugeben. Ich denke, da wäre etwas mehr Initiative von den Vereinen super und wer wirklich an der Entwicklung seiner Spieler interessiert ist, sollte sich zumindest einmal mit der Thematik auseinandersetzen. Allerdings kann ich auch die Vereine verstehen, finanzielle Mittel sind knapp im Basketball, Spieler oft nur eine Spielzeit bei einem Verein. Wie viel hat ein Verein wirtschaftlich am Ende dann von so einem Investment? Zumal ich aus eigener Erfahrung auch sagen kann, dass die Effektivität sinkt, sobald man so etwas als Pflichtveranstaltung von Vereinsseite aus organisiert. Ein Spieler muss diese Betreuung wollen und sich offen dafür zeigen, um Erfolge zu erzielen.

Zusammenfassend würde ich aber jedem Spieler empfehlen, es zumindest einmal auszuprobieren und das Geld in die eigene mentale Gesundheit zu investieren. Wer ein paar hundert Euro für eine vibrierende Massage Pistole ausgibt, kann das Geld lieber in ein paar Stunden sportpsychologische Betreuung investieren. 😉

Konntest du auf deinem Weg von der Sportpsychologie profitieren oder hättest du gern intensiver auf Know-How zurückgegriffen? Und was wirst du mit den Skills, die du aus der Sportpsychologie mitgenommen hast, in deiner beruflichen Laufbahn anfangen?  

Wie bereits erwähnt, habe ich von der Zusammenarbeit mit Hinnerk Smolka in Hamburg profitiert. Allerdings hätte ich mit Blick auf meine gesamte Karriere gerne mehr und intensiveren Zugang zu diesem Thema gehabt.

Als Folge einer schweren Gehirnerschütterung in der Vorbereitung der letzten Saison hatte ich mit depressiven Episoden zu kämpfen. Zuerst wurde ich auf dem Weg zurück auf den Court durch eine Sportpsychologin betreut, als die depressiven Episoden begannen, habe ich mit einer Verhaltenstherapie bei einem Psychologen begonnen. Es war eine der besten Entscheidungen meines Lebens. Ich konnte in wenigen Therapie Monaten immense Fortschritte für mich und meine Gesundheit machen. Dies hätte ich gerne früher in meinem Leben gemacht. 

Ein großer Punkt, den ich aus der sportpsychologischen Betreuung mitgenommen habe, ist es, mehr auf mich zu achten. Als Sportler beißt man sich immer, immer wieder durch Dinge durch. Sei es mal eine Krankheit, eine Verletzung oder mentale Probleme. Man hat immer das Gefühl, man muss einfach funktionieren. Dies kann sich über einen langen Zeitraum in sehr negativen Verhaltensmustern äußern und zu Teufelskreisen führen. Auch mal zu sagen „hey, ich kann gerade nicht“ oder „ich muss mal 1-2 Tage kürzer treten“ ist absolut nicht verwerflich. Es ist sogar notwendig, um konstant seine beste Leistung abzurufen. 

Damit einhergehend ist die Pflege der eigenen mentalen Gesundheit. Sei es durch die Optimierung des Schlafs, das Meditieren oder andere Verhaltensweisen, die der Psyche gut tun. Das sind alles Dinge, die ich für mein Leben mitnehmen werde.

Bild: Rasta Vechta

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Mathias Liebing
Mathias Liebinghttps://www.torial.com/mathias.liebing

Redaktionsleiter bei Die Sportpsychologen und freier Journalist

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