Frage und Antwort: Die Angst kurz vor dem Erfolg

Uns hat eine Frage eines Schwimmtrainers erreicht, dessen Sportler unter Angst vor Erschöpfung leidet. Gerade in entscheidenden Rennphasen wächst die Angst des Jugendlichen stark und verhindert physische Extremleistungen und damit entsprechende Ergebnisse.     

Zum Thema: Umgang mit Ängsten im Leistungssport

Die konkrete Frage lautet: Wie kann ich als Trainer ihm diese Ängste nehmen?

Klaus-Dieter Lübke Naberhaus

Antwort von: Klaus-Dieter Lübke Naberhaus (zum Profil)

Erst einmal ist es wichtig, mit dem Athleten herauszuarbeiten, was die Ursache seiner Angst ist. Handelt es sich um eine Realangst, also eine Angst, die er aufgrund eines bestimmten Ereignisses der Vergangenheit entwickelt hat? Oder eine Angst, die er aufgrund irgendwelcher Vorstellungen hat, die eintreten kann, wenn er an respektive über seine physischen Grenzen geht? Die erste Frage die sich stellt ist: Hat er diese starke Erschöpfung erlebt und als lebensbedrohend bewertet?

Zeitlich gesehen stellt sich die Frage, wo gehört diese Angst hin? In die Vergangenheit, in die Gegenwart oder in die Zukunft? Dies ist wichtig, um eine zeitliche Integration zu erreichen.

Somit steht sicherlich am Anfang die Exploration der Angst und die Psychoedukation über die Angst allgemein, also über die Aufgabe und Schutzfunktion von Ängsten, wie diese zustande kommen können und was sie bewirken.

Verschiedene Verfahren der Traumatherapie, der systemischen Hypnotherapie und auch der konfrontativen Verhaltenstherapie stehen hier zur Verfügung, um mit den bestehenden Ängsten zu arbeiten.

Maria Senz

Antwort von: Maria Senz (zum Profil)

Lieber Interessent, herzlichen Dank für dein Vertrauen in unser Netzwerk.

Im ersten Schritt interessiert mich, inwieweit du deine Annahmen und Beobachtungen mit deinem Athleten geteilt und besprochen hast? Wie betrachtet und empfindet er seine Situation? Seit wann ist diese Situation präsent? 

Wenn sich dabei das Thema Angst herausstellt, möchte ich zu den Ansätzen und Vorschlägen von Klaus Folgendes ergänzen:

Angst beginnt im Kopf und breitet sich Stück für Stück im Körper aus. Das heißt, von der psychischen Grenze geht es zur physischen Grenze und wieder zurück. Ein Wechselspiel, das erst dann einen Änderungsprozess beginnen kann, wenn diese Angst gehört, verstanden und akzeptiert wird. Denn erst, wenn wir Dinge greifbar haben, sind wir in der Lage, sie auch loszulassen. Aktuell scheint die Angst noch als Störfaktor wahrgenommen zu werden. Auf der anderen Seite kann sie auch ein wichtiger Wegbegleiter sein, der uns schützen möchte – Schützen vor Gefahren.

Ich möchte dir eine mögliche Auswirkungskette für Angst aufzeigen – ein Beispiel: Aus der Angst heraus kann sich Unsicherheit nähren. Unsicherheit, die vermutlich auf die Schwimmtechnik deines Athleten einwirkt und ihn ressourcen-verschwendender schwimmen lässt als notwendig. Das wiederum kann Erschöpfung auslösen. Er setzt sich unter Druck. Diese Art Druck kann ein hinderlicher Begleiter sein, der vermutlich Anspannung hervorruft. Diese Anspannung lähmt zusätzlich seine körperliche Bewegung, so dass seine Technik weiter in Mitleidenschaft gezogen wird. In Summe ein Chaos, was zusätzliche Erschöpfung vorprogrammiert.

Eine Möglichkeit aus diesem Dilemma zu entfliehen, um angstfrei den Sport auszuüben, kann sein:

  1. Sobald die Angst erkannt und akzeptiert wurde, fängt dein Athlet an, mit ihr zu kooperieren und sie für sich zu nutzen, indem er mit ihr ins Gespräch geht (= Akzeptanz): “Hallo Angst, schön, dass du da bist und auf mich aufpassen möchtest. Gleichzeitig möchte ich dich heute bitten, dass ich die Führung übernehme und du als stille Beobachterin vom Beckenrand zuschaust.”

Symbolisch/gedanklich platziert er die Angst auf dem Beckenrand, Startblock oder Tribüne. Effekt: Er übernimmt und delegiert die Angst (vorher war es vielleicht umgekehrt).

  1. Macht die Unsicherheit zur Sicherheit: Was gibt deinem Athleten Sicherheit beim Schwimmen, was davon hat er selbst in der Hand? Beispiele könnten sein: Neoprenanzug, Haube, Schwimmbrille, Erwärmungsrituale, Uhr/Kette/Talisman, mit denen er Stabilität und Stärke verbindet.
  1. Macht aus der körperlichen Erschöpfung geistige Erholung. Trainiert einmal mehr die mentale Komponente und den Umgang mit der Angst, anstelle ins Becken zu gehen. Personifiziert die Angst und verändert ihre Erscheinung, so dass sich aus ihr zum Beispiel Mut entwickeln kann. Es geht darum, mutig ins Training zu gehen, so dass Entspannung und Trainingserfolge realistisch werden. Freude und Zuversicht sind möglich.
  1. Und wenn ihr anfangt, die Punkte eins bis drei mit Geduld auszuprobieren und erste Fortschritte spürbar werden, dann kann die Angst in den Hintergrund treten.

Das ist eine mögliche Vorgehensweise für ihn. Probiert es aus, seid geduldig, erlaubt euch Übung, Wiederholung, Anpassung und vor allem Freude beim Training. Es ist ein Prozess. Denn ebenso war es ein Prozess, dass die Angst sich ausbreiten konnte. Gern helfen Klaus (zum Profil), unsere Kollegen und Kolleginnen im Netzwerk (zur Übersicht) oder ich (zum Profil) bei der Umsetzung und möglichen Anpassungen. 

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    Mathias Liebing
    Mathias Liebinghttps://www.torial.com/mathias.liebing
    Redaktionsleiter bei Die Sportpsychologen und freier Journalist Leipzig Deutschland +49 (0)170 9615287 E-Mail-Anfrage an m.liebing@die-sportpsychologen.de