Nach dem WM-Aus: Fragen an den Bundestrainer, an das System Profi-Fußball und an die Art der Sportpsychologie

Seit 2004 begleitet Dr. Hans-Dieter Hermann die deutsche Fußball-Nationalmannschaft als Sportpsychologe. Damit fallen sowohl das Sommermärchen, einige Halbfinal- und Finalteilnahmen bei EM- und WM-Endrunden wie auch der Titel bei der Fußball-WM 2014 in Brasilien in seine Amtszeit. Wobei er sich überzeugend von Zuschreibungen von Erfolgen des Teams auf seine Person distanziert. Vielmehr sieht er sich als Helfer im Hintergrund. Er gilt als eine Grundfeste in der zweiten Reihe des Teams hinter dem Team, als einer, der wenig Aufhebens um seine Person mache und im System auch nicht anecke. Demgegenüber hat er beim Deutschen Fußball-Bund (DFB) innerhalb seiner 18-jährigen Dienstzeit beim Nationalteam eine zentrale Position, was beispielsweise die Besetzung von sportpsychologischen Stellen etwas in den U-Mannschaften angeht. Mit dem Ausscheiden der deutschen Fußball-Nationalmannschaft in der Vorrunde der Fußball-WM 2022 wächst nun auch die Kritik an seinem Arbeitsbereich, schließlich werden von den Experten und Expertinnen insbesondere das Auftreten, Wille, Einsatz, Kommunikation, Körpersprache und der Teamzusammenhalt negativ bewertet. Wie groß der Einfluss von Dr. Hans-Dieter Hermann eben auf diese Punkte ist, lässt sich aus der Außenperspektive nicht bewerten. Aber es stellen sich andere Fragen, die wir im Kreis von Die Sportpsychologen offen, konstruktiv und wertschätzend diskutieren. Muss sich die Sportpsychologie anders präsentieren, welche Lehren bietet das erneute WM-Vorrunden-Aus auch aus sportpsychologischer Sicht und inwiefern sollten wir versuchen, das System Profi-Fußball zu verändern?

In der Sportpsychologie gehört Zurückhaltung zu den Basisqualifikationen. Dr. Hans-Dieter Hermann hat diesen Stil in seinen bisherigen 18 Jahren im Dienste des DFB geprägt und ist dennoch zum Gesicht der Sportpsychologie im Fußball geworden. Er hat wesentlich zur Verbreitung der Sportpsychologie im deutschen Profisport beigetragen. Warum ist es so wichtig, in einem System Zurückhaltung zu wahren?

Antwort von: Anke Precht (zum Profil)

Damit hat Hans-Dieter Hermann absolut recht. Denn die Leistung wird von den Sportlern erbracht, und ein guter Sportpsychologe kann aus einem Fußballer wie auch aus einer Mannschaft nur rausholen, was auch drinsteckt. Daher ist die Leistung, die auf dem Feld gezeigt wird, nie das Verdienst des Sportpsychologen. Die eine tolle Motivationsrede, an deren Vorbereitung er mitgewirkt hat, wird nicht dazu führen, dass aus Maultieren plötzlich rassige Rennpferde werden. Die Sportpsychologie ist deshalb im Hintergrund gut aufgehoben. Sie wirkt wie ein Zahnrad in einem gut geölten Mechanismus. Macht sie ihre Arbeit gut, merkt man es nicht. Fehlt etwas, kann an allen Ecken und Enden etwas wackeln. 

Anke Precht
Prof. Dr. Oliver Stoll

Antwort von: Prof. Dr. Oliver Stoll (zum Profil)

Aus meiner Sicht hat das gar nichts mit “Zurückhaltung” zu tun. Wenn man dabei das “gezeigt werden, z.B. im Fernsehen” meint. Sportpsycholog*innen haben schlichtweg nichts auf dem Platz oder auf einer Ersatzbank zu suchen. Was sollen sie denn auch dort machen? Athletiktrainer müssen das Aufwärmen umsetzen. Physiotherapeuten und Ärzte werden mitunter auch mal schnell auf dem Spielfeld gebraucht, aber wir Sportpsychologie*innen? Wann werden wir denn einmal akut gebraucht? Wir müssen unseren Job vor dem Wettkampf erledigen. Umsetzen müssen das dann die Athlet*innen alleine auf dem Platz. Wenn ich dann mal bei Wettkämpfen bei von mir betreuten Athlet*inne dabei war, habe ich immer auf der Zuschauertribüne gesessen und das war auch gut so. Dass sich ein Psychologe nicht in den Medien zu seinem Klienten äußert, versteht sich aus berufsethischen Gründen von selbst.

Antwort von: Jan van der Koelen (zum Profil)

Als Sportpsychologe/Sport-Mentaltrainer ist es wichtig, in einem System Zurückhaltung zu wahren, weil es sonst schwer fällt, die Objektivität zu wahren, was als fester Teil eines Systems häufig schon genügend Herausforderungen mit sich bringt. 

Wenn die eigene Identifikation mit einem Verein oder einer Mannschaft zu hoch ist, erhöht dies die Gefahr, den Überblick über die Situation zu verlieren und das wiederum beeinflusst den Umgang und auch die zu treffenden Entscheidungen. Denn insbesondere der Blick von „Außen“, der Abstand zur emotionalisierten Situation, ist das wertvolle und bereichernde, wenn Menschen vor Herausforderungen stehen, die sie noch nicht bewältigen können. 

Zurückhaltung bedeutet jedoch keineswegs, dass keine Leidenschaft für den Sport zu spüren ist oder auch keine Sympathien für Vereine und Verbände existieren dürfen. Im Gegenteil: Ich bin überzeugt davon, dass man als Sportpsychologe/Sport-Mentaltrainer viel Leidenschaft für den Sport entwickeln muss. Nur so kann man die Spieler authentisch erreichen, motivieren und ihnen helfen, ihr Potenzial auszuschöpfen. Prinzipiell halte ich es, im Sinne der Zurückhaltung, mit Dr. Hans-Dieter Hermann, wenn er sagt: „Erfolg hat der, der andere erfolgreich macht!“

Welche Alternativen gibt es, um in einem System wie einem Verband oder einer Nationalmannschaft aber nachdrücklicher aufzutreten, damit auf mögliche Fehlentwicklungen aufmerksam zu machen und Veränderungen anzuregen? Und welche Gefahren verbinden sich damit, die Rolle des Beobachters zu verlassen?

Antwort von: Dr. Hanspeter Gubelmann (zum Profil)

Aus meiner Sicht gibt es in der sportpsychologischen Betreuung einer Nationalmannschaft zwingend zwei unterschiedliche Funktionen, die strikt voneinander zu trennen sind. Jene der Unterstützung des Staffs und insbesondere des Cheftrainers. Dieser könnte sich ein persönliches Coach-the-coach „anschnallen“, was zum einen sein persönliches Commitment hinsichtlich der Sportpsychologie offensichtlich machen und zum anderen auch der Wahrung der Intimsphäre der Spieler dienen würde. Die Spieler müssten demzufolge von einer anderen Person sportpsychologisch begleitet und betreut werden. Im Netzwerk haben wir dazu einige spannende Erfahrungen gemacht und entwickeln dazu auch Angebote für den Spitzensport.

Dr. Hanspeter Gubelmann
Maria Senz

Antwort von: Maria Senz (zum Profil)

Im besten Fall ist der Sportpsychologe Teil des Systems mit klar abgegrenzten Aufgaben- sowie Verantwortungsbereichen. Alle Beteiligten haben die gleiche Möglichkeit, vom Einsatz eines Sportpsychologen zu profitieren. Das Trainerteam, die Athleten und weitere Akteure bringen ihre unterschiedlichen Themen als Team oder einzeln vor und der Sportpsychologe kann als Teil des Systems agieren und aus dieser Perspektive Fragen, Vorschläge und Anregungen einbringen. Kommunikationshürden fallen weg, da der Sportpsychologe in direktem Kontakt mit den Teilnehmern steht, ohne den Umweg über andere Personen zu gehen. Das mindert den Abstimmungsaufwand und die Teilnehmer können ihre Gespräche eigenständig und frei organisieren. Vielleicht fördert diese Art der Geheimhaltung den Weg zum Sportpsychologen. Im optimalen Fall kann der Sportpsychologe sogar die Abrechnung anonym einreichen, so dass die Teilnehmer namentlich unerwähnt bleiben.

Eine Gefahr kann dann eintreten, wenn der Sportpsychologe seinen Aufgaben- und Verantwortungsbereich aus den Augen verliert. Als Teil eines Systems verschwimmen oft Grenzen. Eine der wichtigsten Grenzen ist Geheimhaltung. Diese und weitere Grenzen sollte sich der Sportpsychologe regelmäßig bewusst machen und in seinen unterschiedlichen Rollen achtsam einsetzen, so dass eine professionelle und souveräne Begleitung jederzeit gewährleistet ist.

Antwort von: Prof. Dr. Oliver Stoll (zum Profil)

Die Möglichkeit, nachdrücklicher aufzutreten, besteht immer, wenn man Teil eines Systems ist. Meiner Erfahrung nach wollte der Bundestrainer immer meine Meinung zu bestimmten Ereignissen hören. Die Antwort war dann nicht immer ganz leicht, weil ich ja auch die Privatsphäre meiner Sportler*innen achten muss, aber nach meiner Meinung wurde ich eigentlich immer gefragt. Dann allerdings erst im Debriefing eines Wettkampfes, eher selten im Briefing.

Antwort von: Jan van der Koelen (zum Profil)

Generell sehe ich die Sportpsychologen/Sport-Mentaltrainer mit ihren Kompetenzen als eine unterstützende und hilfreiche Instanz, um solche Prozesse zu begleiten. Aus meiner Sicht ist die Arbeit mit Menschen auch immer unter Einbezug des jeweiligen Systems zu berücksichtigen. Daher verläuft parallel zur Arbeit mit dem/der SportlerIn stets auch ein Organisationsentwicklungs-ausgerichteter Blick. Dieser Blick ist wertvoll, um auf strukturelle-, kommunikative- und beziehungsorientierte Prozesse hinzuweisen, die suboptimal erscheinen und den Gesamterfolg erschweren. 

Allerdings gilt es an dieser Stelle, die Rollen zu klären. Sicherlich kann dies mit einer vertrauensvollen Zusammenarbeit von den fest involvierten Sportpsychologen in Personalunion geschehen, also zuständig für die Spieler und Mannschaft und gleichzeitig auf Meta-Ebene auf mögliche Fehlentwicklungen aufmerksam machen und Veränderungen anregen. Es birgt die Gefahr, dass der Input von einer Person stammt, die bereits zu sehr Teil des Systems ist und dies gelegentlich nicht als bereichernde Fremdwahrnehmung aufgefasst wird.

Sinnvoller erachte ich es allerdings, wenn im Verband oder in der Nationalmannschaft die Haltung entsteht, dass der unabhängige Blick von außen, von einem Experten für strukturelle-, kommunikative- und beziehungsorientierte Prozesse, unabdingbar ist, um tiefgreifende Reflektion zu erzeugen, die in Selbsterneuerung und positiver Veränderung mündet. Ich werbe dafür, dass wir die Überzeugung, dass es hilfreich ist, emotionale Verstrickungen von einem Dritten begleiten zu lassen, nicht nur auf der Ebene der Sportler leben, sondern diese Haltung auch auf der Ebene der Trainer, Funktionäre und Vorstände übertragen. 

In der Sportpsychologie gilt in der Regel die Maßgabe der Freiwilligkeit. Sportler und Sportlerinnen, allen voran im Teamsport, werden nicht zur Sportpsychologie gezwungen. Welche Wege gibt es, innerhalb eines Systems auf die eigene Dienstleistung aufmerksam zu machen und wo sind vielleicht auch ethische Grenzen gesetzt? Wann und wo können Grenzen neu gezogen werden? 

Antwort von: Dr. Hanspeter Gubelmann (zum Profil)                                                       

Die Freiwilligkeit gilt auch für mich als „oberste Massgabe“. Für die Aufmerksamkeit der sportpsychologischen Dienstleistung ist aber grundsätzlich ein anderer zuständig: der Cheftrainer! Dieser MUSS zwingend eine klare Erwartungshaltung gegenüber dem Team und den Einzelspielern äussern und ihnen den engen und direkten Austausch mit dem sportpsychologischen Personal wirklich ans Herz legen. Vielleicht kann er auch aus eigener Erfahrung als Spieler berichten und/oder zusammen mit dem Team-Sportpsychologen gemeinsame Strategien und Vorgehensweisen erläutern. Damit drückt er Vertrauen und Wertschätzung gegenüber den Sportpsychologie aus. Wenn Hansi Flick in Zukunft vermehrt auf sportpsychologische Unterstützung bauen will, muss er zu 100% hinter dieser Dienstleistung stehen. Ansonsten sehe ich für unsere Anliegen im Hinblick auf 2024 keine wirkliche Chance.

Antwort von: Anke Precht (zum Profil)

Vielleicht würde es Sinn machen, diese Maßgabe in Ruhe zu diskutieren. Denn es ist ja so: Gibt es eine Politik der offenen Tür, also “jeder, der den Sportpsychologen oder die Sportpsychologin braucht oder will, kann kommen”, kann sich eine Dynamik entwickeln, die SportlerInnen daran hindert, dieses Angebot auch zu nutzen. Wer will dann schon den Eindruck erwecken, das zu brauchen? Ich habe in meiner Laufbahn schon mehrere Male erlebt, dass Fußballer zu mir kamen, die im Verein ein sportpsychologisches Angebot hatten, nach dem Motto der offenen Tür. Sie haben es aber nicht genutzt, weil sie nicht wollten, dass jemand denken könnte, dass… Manchmal auch auf die Ansage ihres Managements. Es stehen ja manchmal auch Vertragsverhandlungen an, und wenn ein Profi dann ständig beim Sportpsychologen ein und aus geht, kann der Eindruck entstehen, er hätte vielleicht ein Problem. Nicht, dass das der Realität entsprechen muss. Aber Verhandlungen werden häufig auch aufgrund von Vermutungen geführt, von Prognosen, sie sind Wetten auf die Zukunft. Und da kann es je nach Verein auch wirklich Probleme geben. Manche Manager sind ja immer noch der Meinung, dass nur die “Weicheier” die Sportpsychologie brauchen, obwohl sie einen Sportpsychologen beschäftigen, weil man das jetzt halt irgendwie müsse, im Leistungssport. 

Sagt man stattdessen: Alle zwei Wochen schaut jeder Spieler für eine halbe Stunde in der Sportpsychologie vorbei, auf Wunsch auch häufiger, dann entfällt das Stigma für jene, die das eh tun würden. Und die anderen, die sich nicht getraut hätten, aber doch gerne würden, haben dann die Möglichkeiten, ihre Themen zu besprechen. Und jene, die nicht wollen, brauchen ja nicht ihr Inneres nach außen kehren. Sie können auch sagen: Alles in Ordnung bei mir, ich laufe mental komplett rund. Dann kann man zusammen mit dem Psychologieprofi schauen: Was kann ich für mein Team tun, für einen bestimmten Mitspieler, der vielleicht weniger stabil ist, wie kann ich kommunikativ möglichst hilfreich für die Mannschaft sein? Auch das ist möglich und liegt in unserer Kompetenz.

Dafür ist natürlich eine Rollendefinition Voraussetzung, die nicht sagt: “Zur Sportpsychologin gehst du, wenn du ein psychisches Problem hast, dass du nicht alleine in den Griff bekommst, und dann redet ihr mal drüber”, sondern: “Zur Sportpsychologin gehst du, weil mentale Fitness ein wichtiger Baustein für die Professionalität ist. Auch SpielerInnen, die kein akutes “Problem” haben, profitieren von mentalen Strategien. Dann geht es um Leistungssteigerung, Regeneration, Verletzungsprävention, und dann kann man sagen: Die Beschäftigung mit der eigenen Psychologie ist Teil des professionellen Trainings, genauso wie das Athletiktraining oder das Ausdauertraining und der Check beim Arzt. Da geht man ja auch nicht erst hin, wenn was kaputt ist. Meine Erfahrung mit diesem Setting ist gut. Selbst SpielerInnen, die erst skeptisch waren, entdecken bald, dass die Sportpsychologie viel bietet, was ihnen weiterhilft. Die eigenen Emotionen besser steuern, damit vielleicht sogar eine gelbe Karte vermeiden. Die mentale Spannung optimal einstellen. Selbst bei ganz starken Spielern zeigt sich: Ein bisschen geht immer noch. Und das ist ja im Spitzensport manchmal das Zünglein an der Waage. 

Mein Plädoyer: Befreit die Sportpsychologie von der Idee, sie müsse freiwillig sein, weil das die Vorstellung verstärkt, das brauchen nur manche. Fakt ist: Jeder Mensch, der Sport auf einer professionellen Ebene betreibt, profitiert davon, und das Angebot der SportpsychologInnen sollte Teil des selbstverständlichen Trainings werden. So steigt auch die Akzeptanz, weil Sportler und Vereine schnell merken: Wow, da geht was!

Antwort von: Jan van der Koelen (zum Profil)

Leistung setzt sich aus einer Vielzahl von Faktoren zusammen. Einer davon ist die mentale Komponente. Sie ist aus meiner Sicht, und hier teile ich die Gedanken von meiner Kollegin Anke Precht, ihrer Bedeutung gleichrangig zu sehen, wie z.B. die taktische Schulung, technische Fertigkeiten oder Kraft- und Ausdauerkomponenten. Sportpsychologisches Training ist demnach immens Unterschiedsbildend, wenn es organisch im Trainingsplan implementiert ist.

Die Idee der Freiwilligkeit ist weit verbreitet und ich kann dem auch vieles abgewinnen, dass mit solchen Themen rund um die Psyche sensibel umgegangen werden möchte. Dennoch ist es aus meiner Sicht von Vorteil, sportpsychologische Einheiten und mentales Training, zumindest im Jugendbereich organisch, wie auch andere Trainingsformen, einzuführen, damit jede junge Leistungssportlerin und jeder junge Leistungssportler die Möglichkeit hat, wichtige Kernkompetenzen in diesen Bereichen zu erlangen, die nicht nur für das sportliche Leben nützlich sind, sondern auch in allen anderen Lebensbereichen hineinwirken. Im Freiwilligenkontext gibt es nachvollziehbare Faktoren, die den Zugang zur Sportpsychologie erschweren. Neben Zeitmangel durch die Doppelbelastung Schule/Familie/Ausbildung und Sport führt auch die fehlende Erfahrung mit mentalem Training dazu, noch keinen Zugang zu diesem Thema und das Bewusstsein zu haben, was damit zu erreichen ist. 

Zurück zum Profisport: Auch hier kann es von Vorteil sein, gewisse Aspekte der Sportpsychologie organisch in den Trainingsplan einfließen zu lassen, denn vielmehr geht es hier um eine gesunde, stabilisierende und förderliche Haltung zur eigenen Person, zu anderen und zu äußeren Umständen. Wie ich finde, beinhaltet genau das wichtige Copingstrategien, um im Leistungssport lange gesund und glücklich zu bleiben. 

Für das Gelingen ist es essentiell wichtig, dass Trainer im Verein die sportpsychologische Begleitung nicht nur proaktiv befürworten, sondern diese auch selbst in Anspruch nehmen. Das dient der eigenen Entwicklung als Trainer und ebenso aktiviert es das „Lernen am Modell“ bei den Leistungssportlern.

Antwort von: Prof. Dr. Oliver Stoll (zum Profil)

Freiwilligkeit ist für mich immer eine Grundvoraussetzung. Es wird ja auch kein Sportler gezwungen, zum Arzt oder zum Physio oder zum Athletiktrainer zu gehen. Man kann das ja empfehlen, aber die Entscheidung trifft der Athlet selbst. Wir alle wollen doch den mündigen Athleten. Über Möglichkeiten und Grenzen kläre ich die Athlet*nnen zu Beginn, also bei meinem Eintritt “in das System” auf. Und das sollte dann eigentlich auch genügen.

Prof. Dr. René Paasch bei Sky Sport News HD (Quelle: Sky)

Zum kompletten Sky-Interview (12:49): Link (zur Verfügung gestellt von Sky)

Wir als Die Sportpsychologen stellen immer wieder fest, dass auch im Profi-Sport wenig Wissen über die Sportpsychologie vorhanden ist und wie schwierig es sein kann, bestimmte Systeme zu erreichen. Muss die Sportpsychologie offensiver werden, um für sich und seine Potentiale zu werben?

Antwort von: Prof. Dr. Oliver Stoll (zum Profil)

Wissen zu bekommen, ist eine Holschuld, keine Bringschuld von uns. Es ist ja nicht so, dass man zu diesem Thema keine guten und seriösen Informationen finden kann. Ich denke nicht, dass wir offensiver werden müssen.

Antwort von: Yvonne Dathe (zum Profil)

Das ist ein schwieriges Thema. Offensiver – in wie fern? Ich denke, wir dürfen gerne mehr Präsenz zeigen, wir dürfen unsere Themen gerne noch sichtbarer machen über Blogs, Podcasts, Videos, Vorträge… Und dabei vielleicht weniger die Problemseite aufzeigen, sondern auch die Möglichkeiten und Chancen aufdecken, wenn alles rund läuft. In der Sportpsychologie geht es ja nicht nur darum, mentale Blockaden zu lösen oder Stress und Ängste abzubauen, sondern es geht auch um proaktives Vorgehen, Entspannung & Regeneration, Fokussierung und den Erhalt der Freude bzw. der Motivation am Sport.

Yvonne Dathe
Jan van der Koelen

Antwort von: Jan van der Koelen (zum Profil)

Je mehr Aufmerksamkeit man erregt, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit, dass man von den entsprechenden Entscheidungsträgern wahrgenommen wird. Also, ja, ich denke, die Sportpsychologie sollte offensiver werden, um für sich und ihr Potential zu werben. Ich glaube an große Synergieeffekte, wenn engagierte Menschen, Verbände und Arbeitsgemeinschaften durch gelingende Kooperationen ihre Kräfte bündeln und gemeinsam handeln, um für die uns anvertrauten Menschen im Sport bestmögliche Lösungen zu finden.

Ich sehe unsere Arbeit als gesellschaftlichen Beitrag an: Nämlich den Menschen, der Leistungssport betreibt, in den Mittelpunkt zu stellen. Durch die humanistisch ausgerichtete Haltung in Vereinen und Verbänden gelingt es, dass sich weniger schädliche Symptome, wie z.B. Depression oder Burnout ausprägen, sondern stattdessen die psychische Gesundheit gestärkt wird, welche auf und neben dem Platz von zentraler Bedeutung ist. Das kann nur im Sinne aller Entscheidungsträger sein. Weiter gedacht hört das natürlich nicht bei den Vereinen auf, sondern es tangiert auch die Medienlandschaft und die Art und Weise der kritischen Berichterstattungen. 

Es gilt das zu stärken, was im Verein und in den Mannschaften bereits vorhanden ist und da zu ergänzen, wo Probleme oder Defizite im strukturellen und Zwischenmenschlichen uns einen Hinweis auf ungenutzte Lösungs- und Entwicklungsmöglichkeiten geben. 

Antwort von: Maria Senz (zum Profil)

Für mich stellt sich eher die Frage, wie kann die Sportpsychologie offensiver werden, um für sich und ihre Potenziale zu werben? In “offensiv” steckt das Wort offen. Die Sportpsychologie sollte im ersten Schritt verständlich, anschaulich und sichtbar für ihre Potenziale werben und zeigen, was möglich werden kann.

Die aktuelle Situation erscheint mir derart, dass das Angebot an sportpsychologischem Coaching die Nachfrage übersteigt, zumindest macht es nach außen den Anschein. Wie schafft es also die Sportpsychologie das Angebot lukrativ zu gestalten, dass eine intrinsische und freiwillige Nachfrage eintritt?

Aufklärungsarbeit:

  • Aufzeigen, was durch Einsatz von Sportpsychologie möglich werden kann
  • Berichten von Referenzbeispielen (anonym oder offen)
  • Beschreiben von Methoden/Vorgehensweisen, verständlich für die Zielgruppe
  • Einsatz geeigneter Sprache/Wording/Begriffe
  • Aufzeigen eines Entwicklungsprozesses, den ein Athlet durchläuft und an welchem Punkt, welche Themen auftreten können 

Abgrenzen der Themen:

  • Welche Themen sind im Rahmen der Sportpsychologie machbar?

Definieren der Zielgruppen:

  • Welche Zielgruppen sind im System?
  • Wer profitiert vom Einsatz der Sportpsychologie?
    • Womit kann welche Zielgruppe erreicht/überzeugt werden?

Ein Thema im Rahmen der Sportpsychologie ist Zielearbeit. Die Sportpsychologie sollte sich auch Ziele setzen, zum Beispiel die Gleichstellung zu Athletik-, Technik- und Taktiktraining. Ein erster Schritt hierbei: Etablieren von Mentaltraining als regelmäßige Trainingseinheit im Trainingsplan. Nicht als Zusatz, sondern anstelle einer körperlichen Trainingseinheit.

Was können wir als Beobachter vom Ausscheiden der deutschen Nationalmannschaft bei der WM in Katar lernen?

Antwort von: Dr. Hanspeter Gubelmann (zum Profil)

Lernen? Ich habe mir überlegt, welche Frage(n) ich dem Nationaltrainer stellen könnte, um sich dem Grund des frühzeitigen Ausscheidens zu nähern. In einem weiteren Schritt müsste dann erörtert werden, was im Hinblick auf die EM 2024 im eigenen Land unbedingt unternommen werden müsste, um in die Erfolgsspur zurückzukehren?

Als Schweizer drängt sich hierzu ein netter Vergleich auf. Die „Schweizer Nati“ besteht vorwiegend aus Bundesliga-erprobten Spielern, die – in der Aussensicht – nominell einer „B-Auswahl der DFB-Elf“ entsprechen würde. Wie kann es nun sein, dass die Schweiz in den vergangenen drei Turnieren (WM 2018, EM 2020 und WM 2022) immer erfolgreicher abgeschnitten hat als die vermeintlich deutlich stärker besetzte DFB-Auswahl?

Früher galt ja: „… und am Ende siegen die Deutschen“. Daran hat sich offensichtlich etwas Grundlegendes geändert, wie es der Hoffnungsträger im deutschen Team, Kai Havertz, in seiner Analyse beschrieb. „Wir sind keine Turniermannschaft mehr!“ Tatsächlich unterscheidet sich Deutschland hier insbesondere in einem spannenden Merkmal von den kecken Eidgenossen: Deutschland hat seit 2018 alle seine Auftaktspiele in der Gruppenphase verloren, die Schweiz dagegen keines! Sodann würde meine Frage an Hansi Flick lauten: Wo steckt hier der „mentale Wurm“ drin? Und noch viel entscheidender: Wie werden seine Kicker im ersten Spiel an der Heim-EM 2024 auftreten, wo aber wirklich ALLE einen erfolgreichen Start des Teams erwarten werden?

Antwort von: Prof. Dr. Oliver Stoll (zum Profil)

Lauscht man den vielen Interviews an diesen Tagen, dann höre ich immer wieder die Floskel: “Am Ende des Tages …”. Ja, ich weiß schon, das gehört zu einer gelungenen Ursachenzuschreibung für die Aufrechterhaltung der Leistungsmotivation. Mich hätte aber viel mehr interessiert, was am “Anfang des Tages…” Thema war… Ich persönlich habe nichts “gelernt”. Ich habe beobachtet und natürlich bestimmte Hypothesen darüber generiert, warum Deutschland so früh ausgeschieden ist. Da ich aber nicht dabei war und keine Interna kenne, bleibt das alles auch hypothetisch. Die Mannschaft hat das erste Spiel verloren und die beiden anderen Spiele haben eben nicht gereicht, um im Turnier zu bleiben. Das ist die Realität. Man sollte sich also niemals zu sicher sein und bei jedem Spiel alles geben. Ob das die deutsche Mannschaft gemacht hat, wissen auch nur diejenigen, die auf dem Platz standen. Wenn das so war, dann muss sich niemand grämen. Man kann immer im Sport verlieren, wenn man weiß, dass man alles gegeben hat. Das ist keine Schande. 

Antwort von: Maria Senz (zum Profil)

Aus meiner entfernten Beobachtung stellt sich mir die Frage: wo sind eigentlich unsere Messis, Asanos & Co geblieben? Spieler, die Vertrauen und Sicherheit vermitteln. So, dass ein ruhiger, strukturierter Spielaufbau möglich wird, um am Ende diese Spielermagneten vorm Tor zu avisieren, bereit für den Ball und mit einer gekonnten Berührung durch Fuß, Schulter oder Kopf das ersehnte Tor erzielen.

Mein Learning: Wir brauchen wieder eine Mannschaft, die mit Leidenschaft und Spaß Fußball spielt. Eine Mannschaft mit eigenem Siegeswillen, Ehrgeiz und Antrieb. Eine Mannschaft, die sich stabil und souverän über den Rasen bewegt, routiniert und mutig ihre Taktik aufs Feld bringt und Tore schießt. Eine Mannschaft, die Ziele hat – Ziele mit Fokus auf eine Halbzeit, ein Spiel, eine Vorrunde, eine Weltmeisterschaft. Ziele sind wie ein 5-Sterne-Menü: Je kleiner und feiner die Portionen, desto bekömmlicher.

Antwort von: Jan van der Koelen (zum Profil)

Eine spannende Frage, was wir von der WM lernen können? In Anbetracht der Leistung können wir lernen, dass es wichtig ist, sich nicht zu sehr an den Ergebnissen der Mannschaft zu orientieren. Stattdessen sollte man sich auf die Freude am Spiel konzentrieren und das Beste hoffen, denn beides war gegen Spanien deutlich zu beobachten. Dies erzeugt einen Optimismus für die Heim-EM 2024. 

Zu lernen ist auch, dass es sich immer lohnt, sich zu fragen, wer die Verantwortung für öffentlich wirksame Aktionen, in einer hierarchischen Struktur, trägt? Analog zu einer sehr konfliktreichen Situation in einer Großfamilie, die ich familientherapeutisch begleite, frage ich mich, weshalb die „Kinder“ ein Zeichen gegen die „verhasste Nachbarsfamilie“ setzen sollten? Wäre es nicht die Aufgabe der “Eltern”, diesen Konflikt zu klären, zu lösen und den Kindern weiterhin die Möglichkeit zu geben, auch unter widrigen Bedingungen gut zu gedeihen und weiter spielen zu können?

Ich möchte damit niemanden von den Nationalspielern als Kind bezeichnen, sondern auf ein strukturelles Vorgehen aufmerksam machen, das vermeintlich Einfluss und Auswirkung auf Einzelne genommen hat. 

Die Hand-vor-dem-Mund-Aktion von der Mannschaft und dem Staff ist ehrenwert und gleichzeitig wurde an dieser Stelle die Verantwortung auf den Teil der Nationalmannschaft gelegt, die den höchsten Erfolgsdruck hatte und dann auch, wie zu lesen war, die internen Diskussionen führten und sich innerlich und äußerlich damit auseinandersetzen mussten. Aus meiner Sicht gehören diese Diskussionen auf die Ebene der Funktionäre und auch auf dieser Ebene wäre ein Symbol/Zeichen noch kraftvoller gewesen, denn dort begegnen sich Teile der „Familien“. 

Und damit sind wir wieder bei sportpsychologischer Begleitung, denn auch Funktionäre, Vorstände und Präsidenten profitieren bei emotional aufwühlenden Lebensereignissen von Austausch- und Reflektionsmöglichkeiten mit Dritten. 

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Mathias Liebing
Mathias Liebinghttps://www.torial.com/mathias.liebing
Redaktionsleiter bei Die Sportpsychologen und freier Journalist Leipzig Deutschland +49 (0)170 9615287 E-Mail-Anfrage an m.liebing@die-sportpsychologen.de