Anke Precht: Sportpsychologische Betreuung remote – klappt das?

Manchmal bekomme ich Anfragen von SportlerInnen, die geografisch relativ weit weg leben. Meist wünscht sich dann jemand eine sportpsychologische Unterstützung online. Darüber wird viel geschrieben und geredet, weil auch im Business viele Coaches und Berater auf remote umgestiegen sind. Aber kann das funktionieren?

Zum Thema: Plädoyer für effektive sportpsychologische Arbeit abseits vom Smartphone, Zoom oder Telefon 

Natürlich ehrt es, wenn solche Anfragen kommen, aber ich lehne sie ab, wenn es nicht im Rahmen der Jahresplanung ausreichend geografische Schnittstellen gibt, an denen man live arbeiten kann. 

Im Leistungssport arbeiten wir in einem Bereich, in dem es darum geht, wirklich 100% aus dem Sportler herauszubringen, wenn es darauf ankommt. Wir arbeiten am Limit, und Ressourcen müssen mit Bedacht eingesetzt werden. Das betrifft nicht nur die materiellen Ressourcen, sondern vor allem die für Sportler wertvollste, die Zeit. Die will aufgeteilt werden zwischen Trainings und Wettkampfzeit, Physio, dem Kümmern um das Material, den Reisen, aber auch zwischen Schule oder Studium, manchmal sogar einem Job, und dann noch ein bisschen Privatleben.

Live arbeiten

Entsprechend muss auch die Sportpsychologie maximal effektiv arbeiten. Das spricht zuerst einmal für Remote. Handy anschalten, und schon kann man arbeiten, egal wo man ist. So einfach ist es aber nicht. 

Kürzlich habe ich mit einem Sportler über einen Wettkampf gesprochen, bei dem ihm im letzten Drittel die Energie abhandengekommen ist. Er hatte einfach keine Power mehr, obwohl die körperlichen Werte in Ordnung waren. Wir saßen uns gegenüber, ich ließ mir vom Wettkampf erzählen, um herauszufinden, ob ein psychischer Trigger für den Energieabfall verantwortlich sein könnte. Mein Sportler hatte das verneint, es sei nichts Besonderes vorgefallen. Wie er nun den Wettkampf schilderte, begann bei einer ganz bestimmten Szene sein rechter Fuß intensiv zu wippen. Ich ließ mir die Szene noch einmal schildern, mit dem gleichen Effekt. Ich wies den Sportler auf seinen Fuß hin. Er war verblüfft. Das war ihm nicht aufgefallen. Wir nahmen den betreffenden Moment genauer unter die Lupe und entdeckten, dass da sehr wohl eine Menge ausgelöst worden war. Eine kleine Störung am Rand, ein dadurch bei ihm ausgelöster Gedanke, eine dadurch ausgelöste sehr kurze aber sehr heftige körperliche Reaktion, und zack war die Energie weg.

Remote als Vehikel 

Erst das Bewusstsein dieser Zusammenhänge gaben uns die Möglichkeit, das Problem direkt am Kern anzupacken. Wir arbeiteten mit Hilfe des Körpers direkt am Trigger, suchten Alternativen zu dem schwächenden Gedanken, installierten die besten körperlich, überprüften direkt, und zwar so lange, bis wir wussten: Das Problem ist gelöst. Eine solche oder eine ähnliche Störung sollte künftig keinen negativen Effekt mehr haben.

Remote würden wir immer noch im Dunkeln tappen. Es braucht für eine maximal effektive Arbeit die Möglichkeit einer sehr präzisen Beobachtung, die remote nicht möglich ist. Deshalb ist die Arbeit im One-to-One nötig, damit später auch einmal aus der Ferne etwas machbar ist, zum Beispiel, wenn Sportler sich im Trainingslager befinden oder etwas ausprobieren, was man vorher im Coaching besprochen oder installiert hat. Für Feedbacks sind Zoom und Co. aber auch das Telefon fantastische Vehikel. Ebenfalls, um den ein oder anderen Tipp zu geben oder an eine Technik zu erinnern, die man vorab erarbeitet hat und die nun unter den aktuellen Wettkampfbedingungen helfen kann. Der am tiefsten wirkende Teil der sportpsychologischen Arbeit sollte aber live geschehen, in der Praxis der Sportpsychologin, beim Athleten, am Trainings- oder Wettkampfort.

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Anke Precht
Anke Prechthttp://www.ankeprecht.de

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