Im zweiten Teil unseres Interviews mit Dominik Klein (erster Teil, siehe unten) äußert sich der Handball-Weltmeister von 2007 zu der Frage, welchen Anteil die Sportpsychologie am sportlichen Erfolg hat? Er spricht über seine persönlichen Erfahrungen und gibt Talenten, Teams, Vereinen und Verbänden Hinweise, wie sie das Wissen aus der Sportpsychologie für sich nutzen können.
Vielen Dank an Mila Hanke (zum Profil), die mit Dominik Klein bei einem Talentfördercamp des Bayerischen Handball-Verbands (BHV) zusammengearbeitet und den Kontakt für dieses Video-Interview hergestellt hat.
Mentale Stärke trainieren – was ist das überhaupt?
Beim Talentfördercamp des Bayerischen Handball-Verbands im Juni 2023 gab Sportpsychologin Mila Hanke (zum Profil) rund 35 jungen HandballerInnen (U16) zum Start erstmal ein paar Einblicke in die Arbeit von SportpsychologInnen. Denn viele hatten mit dem Thema noch nie etwas zu tun.
Zwischen den Trainingseinheiten mit Dominik Klein, Benjamin Herth (Landestrainer Nordbayern), Bernhard Karg (Landestrainer Südbayern) und Miriam Hirsch (Trainerin beim HSG Würm-Mitte) wurde es dann auch mental ganz „praktisch und lebendig“. In Workshops nahm Mila Hanke gemeinsam mit den Nachwuchstalenten persönliche Nervosität- und Druck-auslösende Situationen unter die Lupe (vor, während und nach dem Spiel) – und erklärte dann jede Menge praktische Tipps und Mentaltraining-Methoden zum direkten Ausprobieren in den folgenden Camp-Tagen.
„Für die meisten war das der erste Kontakt mit dem Thema Sportpsychologie und Mentaltraining“, erzählt Mila Hanke. „Es gab zu Beginn auch ein paar skeptische Blicke. Deshalb wollte ich den jungen SportlerInnen zeigen, dass Mentaltraining kein alberner Vodoo-Zauber ist, sondern eine wissenschaftliche Grundlage hat, viel Spaß macht, kreativ ist und ein ganz entscheidender Baustein sein kann, um ihr Talent weiterzuentwickeln und auch unter Druck richtige gute Leistung abzurufen. Und: dass SportlerInnen nicht früh genug damit anfangen können, den Kopf genauso regelmäßig zu trainieren wie Kondition, Kraft, Taktik, Spielzüge und Wurftechnik.“
Ein Jahr lang dokumentierte Janosch Daul von Die Sportpsychologen seine Zusammenarbeit mit der U16 des Fußball-Drittligisten Halleschen FC. Entstanden ist ein besonderer Einblick in die Arbeitswelt der Sportpsychologie. In einer fünfteiligen Serie veröffentlichen wir, wie er seinen sportpsychologischen Input in den Trainings- und Wettkampfalltag eingebracht hat.
Teil 3: Coach-the-coach
Ganz besonders wichtig ist eine saubere Auftragsklärung mit Trainern zu Beginn einer Zusammenarbeit. Wie soll diese gestaltet werden? Wie soll Kommunikation aussehen? In welche Rollen soll der Sportpsychologe schlüpfen, um von Trainerseite als Unterstützer wahrgenommen zu werden? Es bedarf einer detaillierten Auseinandersetzung mit Fragen wie diesen, um bestmöglich zusammenarbeiten zu können – und nicht etwa aneinander vorbei. So war es den Trainern wichtig, dass ich situationsgerecht folgende Rollen einnehme:
ein Spiegel, der sie in ihrem gesamten für mich wahrnehmbaren Verhalten permanent reflektiert
ein Impulsgeber, der proaktiv Ideen und Anregungen rund um die Themen Teamentwicklung, Mannschaftsführung und Workshops einbringt
ein Berater, der auf Fragen hin beratend zur Seite steht
ein Meinungsäußerer, der auch immer wieder eine kritische Gegenperspektive einnimmt und Wachstumspotenziale in Sachen Trainerverhalten offenlegt
ein Erinnerungsanker, der fast schon penetrant nervig immer wieder zur Umsetzung von in gemeinsamen Meetings besprochenen Handlungsschritten anregt
In der Regel führte ich alle zwei Wochen mit Yannick zu einer festen Zeit Trainermeetings durch, um z.B.
lösungsorientiert über Themen rund um das Team, einzelne Spieler und Elternteile ins Gespräch zu kommen,
anstehende Maßnahmen, wie z.B. Teambuildingevents, zu planen und Handlungsschritte, z.B. ein anstehendes Trainer-Spieler-Gespräch, exakt vorzubereiten und
durchgeführte Maßnahmen konstruktiv-kritisch zu reflektieren
Wiederkehrende Themen in unseren Meetings waren die folgenden:
pädagogisch wertvoller Umgang mit Spielern im Falle von Verfehlungen
Entwicklung von Leitfäden für die Durchführung von Gesprächen mit Eltern und Spielern
Vorbereitung von Spieltagsbesprechungen
Planung von Maßnahmen und Übungsformen zur Verbesserung des emotional-unterstützenden und taktischen Coachings
Planung der Saison- und Rückrundenvorbereitung unter mentalen Gesichtspunkten
Planung von Teambuildingevents
Entwicklung von Möglichkeiten, verletzte Spieler einzubeziehen
Entwicklung stimmiger Herangehensweisen an Spiele als haushoher Favorit
Entwicklung einer Führungsspielerstruktur
Vorbereitung von Feedbackgesprächen mit Spielern
Planung und Durchführung einer systematischen Kommunikation mit Eltern via Mail
Richtig Schluss machen muss gelernt sein. Zumal sich ein Karriereende schwer durch Wiederholungen wie im Techniktraining üben lässt. Umso wichtiger ist, über die passenden Methoden, Tipps und Hinweise Bescheid zu wissen. Und dies gilt sowohl für Profis als auch für Amateursportler und -sportlerinnen. Zumal der Wechsel in die Phase nach dem Sport auch von mentalen Problemen begleitet sein kann. Auch von schweren.
Gerade im Amateursport dient der Sommer dazu, Bilanz zu ziehen. Nicht selten bei älteren Sportlern und Sportlerinnen – verbunden mit der Frage, ob sie noch ein Jahr dranhängen wollen. Welche Techniken und Methoden empfiehlt ihr, um Bilanz zu ziehen? Welche Tipps habt ihr?
Bilanz ziehen ist ein sehr rationales Wort. Natürlich kann ich eine Plus- und Minus-Liste des dafür oder dagegen aufstellen. Doch es ist schwierig, wenn ich mir dann erst Gedanken darüber mache, wenn ich spüre, dass es körperlich, seelisch und geistig nun so gar nicht mehr geht.
Ich halte es für sinnvoll, sich früh mit diesem Thema zu beschäftigen, denn wenn Menschen sich vorrangig über Ihre “Sportlerpersönlichkeit” definieren, dann kann dies zu einem Identitätsverlust führen, der sie in eine Krise stürzt und sie ihre Identität verlieren läßt. Also besteht die Frage, wer ich außerhalb des Sports bin, was sind meine Interessen außerhalb des Sports? Wie sieht es mit meiner privaten Situation aus, was sind meine sozialen Kontakte oder beziehen sich diese nur auf den Sport? Habe ich bisher einen Teil meines Einkommens aus dem Sport bezogen oder vielleicht sogar meinen Lebensunterhalt bestritten, wie sieht es nach dem Karriereende mit der beruflichen Situation aus? Wie ist mein Plan mit dem Sport, soll er noch Bestandteil sein, zum Beispiel in Form einer Trainerkarriere? Oder ist der Plan, sogar weiterhin meinen Lebensunterhalt damit zu verdienen?
Und vor allem, was sagt mir mein Körper, meine Seele? Bin ich noch bereit, dies alles auf mich zu nehmen, habe ich noch Spaß daran und was brauche ich, um noch Leistung bringen zu können?
Diese Themen zu reflektieren, mit sich selbst oder in Begleitung, sollte ein kontinuierlicher Prozess sein und nicht erst kurz vor dem Toresschluss beginnen.
Welche Gefahren lauern, wenn die Entscheidung zum Karriereende zu überstürzt gefällt wird? Und wie lange vorher sollte der Rückzug im Idealfall geplant sein?
Es gibt keine Faustformel, wie lange ein Karriereende geplant werden muss. Wichtig ist allerdings, dass die Entscheidung gründlich durchdacht wurde und sie sich vor allem stimmig anfühlt. Also dass neben dem Verstand auch allen relevanten Gefühlen, die sich im Entscheidungsprozess bemerkbar gemacht haben, Beachtung geschenkt wurde und diese wirklich “durchgefühlt” wurden. Auch die so bekannte Intuition, unser Bauchgefühl, sollte auf Grundlage unseres Erfahrungswissens ein gewisses Mitspracherecht haben. Gespräche mit geschätzten Ansprechpartnern können zusätzlich die eigenen Gedanken um weitere Perspektiven ergänzen und somit den Entscheidungsprozess um weitere relevante Facetten ergänzen. Wird eine Entscheidung zum Karriereende überstürzt gefällt, so ist die Gefahr groß, dass eine Unzufriedenheit entsteht und das Gefühlsleben prägt.
Anknüpfend an meine Ausführungen zur ersten Frage sehe ich die Gefahren deutlich größer als Janosch sie schon angedeutet hat. Je nach Resilienz des Sportlers sind temporäre Unzufriedenheit bis hin zu ausgeprägten Störungsbildern möglich. Der Verlust von Identität und Sinn kann in schweren Depressionen münden. Existentielle Ängste sind möglich und lassen alle Formen von Angststörungen denkbar werden.
Alleine aus präventiven Gründen ist eine frühzeitige Beschäftigung mit dem Szenario notwendig, denn das Karriereende kann ungeplant schon in frühen Zeiten kommen.
Deshalb ist neben der “Sportlerpersönlichkeit oder Wettkampfpersönlichkeit” auch die Gesamtpersönlichkeit in ihrer Entwicklung zu begleiten. Denn für die meisten endet der Traum einer Profikarriere schon in einem recht frühen Stadium.
Wie sollte das Karriereende kommuniziert werden? Sowohl in der Familie als auch im Job und im Verein? Tut es ein Post in der WhatsApp-Gruppe oder ist das sogar gefährlich, da die Betroffenen daraufhin gern mit emotionalen Statements der MitspielerInnen konfrontiert werden? Und macht es Sinn, sich in der Kommunikation die Tür zu einem Comeback offen zu lassen?
Dies ist eine hochgradig individuelle Entscheidung. Es ist sicherlich eine gute Idee, diese Kommunikation mit den nahe stehenden Menschen schon im Findungsprozess aufzunehmen und intensiv zu führen. Ansonsten bin ich ein sehr analoger Mensch, der viel von einer direkten und persönlichen Kommunikation hält. Was spricht dagegen, meine Entscheidung dem Verein gegenüber persönlich zu erklären und auch auf Nachfragen zu reagieren und wohlmeinende Umstimmungsversuche entgegen zu nehmen und sich für diese Wertschätzung zu bedanken? Leider verpassen wir häufig den Punkt, wenn es am schönsten ist, doch unser Bauchgefühl zeigt uns häufig den richtigen Weg.
Und die Tür für ein Comeback steht ja meistens offen, wenn sich Bedingungen, Meinungen, Haltungen und Motivationen ändern. Warum damit zum Zeitpunkt eines beschlossenen Karriereendes kokettieren? Das macht mich eher unglaubwürdig und provoziert Nachfragen und Spekulationen.
Ihr wollt euch intensiver mit dem Thema Karriereende beschäftigen? Dann nehmt gern Kontakt zu Klaus-Dieter Lübke Naberhaus (zum Profil) oder Janosch Daul (zum Profil) auf. Oder zu unseren anderen Experten und Expertinnen (zur Übersicht), die ihr auch nahe eurer Haustür findet.
2007 wurde Dominik Klein Handball-Weltmeister. Vor 19.000 Fans in derKölnarena und in der Spitze über 20 Mio. Fernsehzuschauern holte sich derdamals 23-Jährige mit der deutschen Handball-Nationalmannschaft den Titel.Heute arbeitet Klein als Handball-TV-Experte, Vortragsredner und u. a. fürden Bayerischen Handball-Verband (Link). Im Interview mit DieSportpsychologen äußert er sich zum überraschenden WM-Titel der deutschenU21-Nationalmannschaft und zu seinen persönlichen Erfahrungen mit Mentaltraining und Sportpsychologie.
Vielen Dank an Mila Hanke (zum Profil), die mit Dominik Klein bei einem Talentfördercamp des BHV in Oberhaching bei München zusammengearbeitet und den Kontakt für dieses Video-Interview hergestellt hat.
Hinweis: Der zweite Teil des Video-Interviews mit Dominik Klein erscheint am Montag, den 7. August 2023 (Link), auf Die Sportpsychologen. Darin berichtet Dominik Klein auch über die Zusammenarbeit mit der Sportpsychologin Mila Hanke (zum Profil), die als Pilotprojekt bei einem Talentfördercamp des Bayerischen Handball-Verbands jungen Talenten (U16) das Thema Mentaltraining ganz praktisch näherbrachte.
Bei der Fußball WM der Frauen in Australien und Neuseeland werden wir bei den einzelnen Mannschaften wieder die unterschiedlichsten Rituale und Routinen beobachten können. Vom Voodoo Zauber im afrikanischen Fußball bis zum Bilden eines Kreises, wie wir es vom deutschen Team kennen, ist alles dabei. Ich bin ernsthaft gespannt, was uns darüber hinaus erwartet!
Zum Thema: Was unterscheidet Routinen von Ritualen?
Wenn wir von Ritualen sprechen, dann sind diese häufig an den Glauben übernatürlicher Kräfte geknüpft und weisen meist starre Verhaltensmuster auf. Typisch ist oft das Bekreuzigen vor Betreten des Spielfeldes oder das Anziehen der Schuhe in einer bestimmten Reihenfolge. Im afrikanischen Fußball sind auch das Beschwören magischer Kräfte verbreitet.
Der symbolische Charakter von Ritualen kann unter gewissen Umständen entlastend auf die Spieler wirken, indem sie durch Ablenkung, die mentale Belastung mindern sowie Ungewissheit und Angst auf ein erträgliches Maß reduzieren. Wir müssen uns jedoch bewusst sein, dass bei veränderten Umständen das Ritual oft nicht ausgeführt werden kann und sich negativ auf die Leistung auswirken kann. Ein Beispiel dazu ist das Champions League Achtelfinale 2009 zwischen Arsenal und AS Rom. Das Ritual des damaligen Arsenal Spielers Kolo Touré war, als letzter Spieler seines Teams den Rasen zu betreten. Und daran hielt er auch konsequent fest. Problematisch wurde es für Touré allerdings bei diesem Match gegen die Römer: Einer von Tourés Mitspieler hatte sich kurz vor der Halbzeit verletzt und wurde noch in der Kabine behandelt. Da der Schiedsrichter wieder zur zweiten Hälfte anpfeifen wollte, jedoch Touré keinesfalls als Vorletzter auf das Feld wollte, mussten seine Teamkollegen kurzzeitig mit neun Spielern aufs Feld. Erst als der behandelte Spieler wieder fit war, betrat auch Touré, natürlich als letzter Spieler Arsenals, den Rasen.
Routinen haben direkten Einfluss auf die Leistung
Im Vergleich dazu haben Routinen direkten Einfluss auf die Leistung und verleihen Sicherheit und Vertrauen. Wenn zum Beispiel ein Spieler vor dem Match mittels einer Pre-Match Routine bewusst seinen idealen Erregungszustand herstellt, dann wirkt sich das positiv auf seine Leistung aus. Der Spieler steuert durch diese Routine gezielt seine physischen, mentalen und emotionalen Prozesse, ohne sich wie bei Ritualen auf irgendwelche Götter oder übersinnliche Kräfte zu verlassen.
Ein zweites Unterscheidungsmerkmal ist, dass Routinen flexible Anteile beinhalten. Sie sollten so verinnerlicht werden, dass sie auch bei wechselnden Bedingungen vor dem Match angepasst werden können. Folgender Ausspruch beschreibt den Unterschied zwischen Ritualen und Routinen ganz gut:
„Whereas rituals often control athletes, athletes always control their routines“
Einsatzmöglichkeiten von Routinen
Die positive Wirkung von Routinen auf die sportliche Leistung ist unbestritten. Das zeigt eine Reihe wissenschaftlicher Arbeiten in verschiedenen Sportarten. Routinen werden dabei zu unterschiedlichen Zwecken eingesetzt, zum Beispiel zur Vorbereitung auf ein Match, aber auch zur Bewältigung von Misserfolgen.
Im Allgemeinen unterstützen Routinen Spieler und Spielerinnen dabei, ihre Gedanken zu strukturieren, emotionale Stabilität zu erlangen, ihre Aufmerksamkeit auf das Hier und Jetzt zu fokussieren und auf aufgabenrelevante Informationen zu achten. Diese trainierten Verhaltensmuster helfen dabei, die Trainingsleistungen auch unter Wettkampfbedingungen abrufen zu können. So sagt Bill Beswick, der ehemalige Sportpsychologe von Manchester United: “Eine Routine kann definiert werden als eine Reihe von Vor-Leistungs-Verhaltensweisen, die in einem umfangreichen Plan organisiert sind und darauf abzielen, die Leistung zu optimieren.”
Praktisches Beispiel für eine Halbzeitroutine im Fußball
Nach der Belastung der ersten Spielhälfte ist es zunächst notwendig, dass sich die Spieler gedanklich und körperlich von der ersten Halbzeit lösen. Je nach Spieler muss zuerst einmal der Ärger oder die Freude herausgelassen werden. Im nächsten Schritt sollte dann bewusst auf Ruhe und Entspannung geschaltet werden. Mit einem ruhigen Geist können die Sportler den Anweisungen des Trainers leichter folgen und diese danach umsetzen. Dafür gibt es effiziente mentale Methoden, wo sich die Spieler schnell in einen kohärenten Zustand versetzen können.
Im letzten Abschnitt steht dann die körperliche und gedankliche Aktivierung im Vordergrund. Die Spieler müssen sich wieder auf die Anforderungen des Matches einstimmen und ihren Erregungsgrad, bis zum Anpfiff, kontinuierlich steigern.
Tipp der Weltmeisterin
Fußball-Weltmeisterin Nia Künzer schreibt in ihrem Buch „Warum Frauen den besseren Fußball spielen“, dass der Sport von Ritualen und Routinen lebt. Dabei zitiert sie auch einen Absatz eines Artikels von mir in der Ausgabe des Sport Business Magazin über die Wichtigkeit von Routinen im Spitzensport.
Meine Empfehlung an Sportler ist, sich ihre eigenen individuellen Routinen zu erarbeiten, die ihnen Sicherheit und Vertrauen geben. Gern helfen meine Kolleginnen und Kollegen (zur Übersicht) und natürlich auch ich (zum Profil von Wolfgang Seidl) weiter, wenn konkretes Interesse entsteht.
Ein Jahr lang dokumentierte Janosch Daul von Die Sportpsychologen seine Zusammenarbeit mit der U16 des Fußball-Drittligisten Halleschen FC. Entstanden ist ein besonderer Einblick in die Arbeitswelt der Sportpsychologie. In einer fünfteiligen Serie veröffentlichen wir, wie er seinen sportpsychologischen Input in den Trainings- und Wettkampfalltag eingebracht hat.
Teil 2: Coach-the-player
Dieser Bereich bezieht sich auf Coaching- und Beratungsprozesse von Spielern auf der Individual- und Kleingruppenebene. In den ersten sechs Wochen der Zusammenarbeit führte ich zunächst Kennenlerngespräche mit den Spielern in Form eines freiwilligen Angebots meinerseits durch. Mit dem Ziel, sich gegenseitig kennenzulernen, eine Beziehung aufzubauen und inhaltliche Anknüpfungspunkte für eine Zusammenarbeit in dieser Saison zu definieren. Auf dieser Grundlage kamen im Saisonverlauf immer wieder Spieler mit Themen proaktiv auf mich zu. Beispielhaft seien folgende genannt:
Umgang mit Druck
Umgang mit Emotionen
Verbesserung der verbalen und nonverbalen Kommunikation auf dem Feld
mentale Unterstützung in der Rehabilitation
Umgang mit Zwangspausen
Entwicklung von Führungskompetenzen
Auflösung von Konflikten innerhalb des Teams
Videobasierte Reflexion einer Trainingseinheit unter mentalen Gesichtspunkten
Zudem war es den Trainern wichtig, mich in die Aufarbeitung von Fehlverhaltensweisen mancher Spieler einzubeziehen. Im Rahmen einer Sitzung stellte ich den Trainern des HFC ein Konzept vor, das einen pädagogisch wertvollen Umgang mit einer Fehlverhaltensweise vorsieht. Einen Umgang, der vorsieht, den Spieler sein Verhalten reflektieren zu lassen, um Lernprozesse auszulösen, das eigene Verhalten auf Stimmigkeit zu überprüfen, die Folgen seines Verhaltens im Hinblick auf Trainer und Team reflektieren zu lassen sowie eine aktive Wiedergutmachungsleistung und eine transparente Kommunikation dem Team und Trainern gegenüber vorzubereiten. Angelehnt an dieses Konzept führte ich mit Spielern bei aufgetretenen Fehlverhaltensweisen wie z.B. im Falle wiederholter mangelnder Zuverlässigkeit entsprechende Gespräche. Das Trainerteam und meine Person setzten sich zudem gezielt mit verletzten Spielern auseinander, um über eine bestmögliche Unterstützung und Betreuung des Spielers in der Rehabilitationsphase zu diskutieren – in Form von gemeinsamen Gesprächen mit dem Spieler.
Auf Auftrag der Trainer entwickelte ich ein Konzept zur Individualförderung der Toptalente des Teams und unterstützte Trainer und Spieler bei der entsprechenden Umsetzung. Im Wesentlichen bestand das Konzept aus den folgenden Schritten:
Vorstellung des Angebots gegenüber den als Toptalenten identifizierten Spielern gemeinsam mit den Trainern
Durchführung einer beobachtungsbasierten Diagnostik durch die Trainer (u.a. Bereiche Technik & Taktik) bzw. mich (Bereich Psyche)
Diagnostikgespräche mit den Spielern & Ableitung von Maßnahmen gemeinsam mit den Trainern
gemeinsame Erstellung individueller, auf die Bedürfnisse und Lebenswelt der Spieler angepasster Entwicklungspläne
Durchführung
Für die Umsetzung spezieller, von uns aufgrund fehlender Expertise nicht abzudeckender Wünsche, wie z.B. der Entwicklung spezieller Kraftfähigkeiten, holten wir uns für die Diagnostik und Erstellung entsprechender Krafttrainingspläne in Person des Athletiktrainers unserer Profis, Ken Kaiser, zusätzliche Expertise mit ins Boot. Zudem bekam jedes der Toptalente einen Mentor in Form von meiner Person bzw. der des Cheftrainers an die Seite gestellt, um über den gesamten Prozess hinweg den Spieler eng zu begleiten und zielgerichtet mit ihm im Gespräch zu sein.
Im Kleingruppenformat führte ich nach Absprache mit dem Trainerteam regelmäßig Leadershipcoachings mit von den Coaches als Leader identifizierten Spielern durch, im Sinne der Entwicklung mentaler Fertigkeiten und Führungskompetenzen.
Die Fußball-WM 2006, das sogenannte Sommermärchen, war nicht nur ein sporthistorisches Ereignis. Es war vor allem gesamtgesellschaftlich ein großes, buntes und freudvolles Miteinander. Im Sommer 2024 steht nun das nächste fußballerische Großereignis zwischen Hamburg und München an. Aber wie kann es gelingen, dass diese Veranstaltung wieder ein so ein Fest wie 2006 werden kann? Schließlich steckt der DFB sportlich wie strukturell in einer Krise. Vielleicht der größten Krise seiner Geschichte. Hinzu kommen Kriege, Pandemien und gesellschaftliche Prozesse, die wenig Hoffnung machen, dass 2024 wie 2006 werden kann. Oder doch?
Was hat 2006 dazu geführt, dass sich große Teile der breiten Öffentlichkeit von einer sportlichen Veranstaltung so haben mitreißen lassen?
Die Austragung eines Großereignisses im eigenen Land vereint Mannschaft und Fans im Bestreben, ein gemeinsames Ziel zu erreichen. Denn eine WM oder EM gewinnt nicht nur die Nationalelf, sondern auch das Land/die Nation und das vor der Haustür, also greifbar nah.
Die Vorbereitungen lassen viele ein Stück an diesem Ziel mitarbeiten, sei die Mitwirkung noch so klein, so werden viele Menschen Teil des Weges, was das Interesse und die Vorfreude steigert. Weniger Sport-Interessierte bekommen diese Vorbereitungen und Vorfreude aus der Nähe mit. Medial oder auch durch alltägliche Kleinigkeiten wie Fanartikel, Flaggen, Stammtischgespräche und vor allem durch vorfreudige Mitmenschen, die diese Begeisterung offen zeigen und somit automatisch teilen – all das zieht die Aufmerksamkeit auf das freudvolle Ereignis und lässt infolge viele andere Menschen sich dafür begeistern. Das Gemeinsame, die Nähe, die dadurch gesteigerte Vorfreude und die geteilte Freude spielen bei Sommermärchen eine große Rolle.
Bei allen Wünschen nach Diversität und kultureller Vielfalt, ist doch die Zugehörigkeit ein sehr starkes Grundbedürfnis. Wir erleben gerade zu dieser Zeit einen Rückfall der europäischen Idee hin zur Nationalstaaterei oder in noch kleinteiligere Gebilde. Und der Sport stiftet eine Zugehörigkeit, eine nationale Identität. Auf einmal sind wir nicht nur Pabst, nein, wir alle sind “Weltmeister”. Und nicht nur die traditionellen Fans, sondern eine ganze Nation. Nur wenige gibt es, die sich dieser Attraktion entziehen können.
Zudem haben wir es in allen Bereichen, besonders natürlich medial, mit einer Aufmerksamkeitsfokussierung zu tun. Auch hier können sich nur wenige entziehen, es sei denn, wir meiden Medien.
Ob im wirklichen Sinne eine gemeinsame Zielsetzung zu konstatieren gilt, da bin ich mir unsicher. Doch Freude und Erfolge sind natürlich ansteckend, gerade in einem auch vom Wetter her schönen Sommer. Die Sonne trägt die Erfolgswelle, die vom Biergarten zum Public viewing bis ins Wohnzimmer schwappt.
Und auch das Jahr 2006 war von Auseinandersetzungen geprägt, der Sport lenkt ab, bietet Unterhaltung, zeigt eine andere Form der nationalen Auseinandersetzung, ein wenig der spielerische Teil der römischen Erfindung “Brot und Spiele”.
Inzwischen gibt es in Europa Krieg. Gefühlt jagt eine Krise die nächste. Kurzum: Die Welt ist eine andere. Dennoch sprechen Bundestrainer Hansi Flick, diverse Nationalspieler und verantwortliche Personen beim DFB immer wieder davon, dass die Europameisterschaft 2024 ein erneutes Sommermärchen werden solle. Wie können Sportler durch ihr Verhalten Euphorie erzeugen, wie funktioniert so etwas?
Die (vor)gelebte Leidenschaft von Sportlern für ihren Sport, für den Weg zum Sieg, der oft beschwerlich ist und der leidenschaftliche Wille für den Sieg, erzeugt bei Fans neben Respekt, Mitfiebern, Begeisterung, auch etwas größeres, etwas ganzes, die Euphorie. Zuschauer und Fans sehen und spüren die Bereitschaft von Sportlern, die sich anstrengen, die im entscheidenden Moment alles geben und im Vorfeld, in der Vorbereitung, sich auf sich, auf ihr Ziel und den Sieg konzentrieren. Wenn Sportler also alles auf dieses Ereignis, auf ihr Ziel ausrichten, bedarf es wenig Worte, um andere für den Sport zu begeistern: Jungs tut einfach das, was ihr liebt – aber tut es voller Leidenschaft und voller Einsatz.
Gerade in Krisenzeiten wünschen sich Menschen, mal ganz von allen Problemen abschalten zu können. Nichts ist leichter, als in einer solchen Zeit Euphorie zu erzeugen – vorausgesetzt, die Leistung stimmt, die Spieler sind mit Leidenschaft dabei und gehen über sich hinaus.
Da mag ich durchaus mal kritisch mit dem Philosophen Friedrich Nietzsche antworten: “Irrsinn ist beim Individuum etwas seltenes, in der Masse kommt er jedoch regelmäßig vor.” Euphorien lenken von alltäglichen Sorgen und Problemen ab. Dass heute alles anders ist, sehe ich nicht. Sport war schon immer dazu geeignet von den Krisen der Politik, zu denen auch Kriege zählen, ablenken zu wollen und nationale Identität zu stiften.
Zugehörigkeit, Identität und Erfolg gehen mitten ins Herz. Emotionen und Bedürfnisse werden unmittelbar bedient und können zu Rauschzuständen führen. Und dann ist auch der Irrsinn nicht mehr weit, den der Sport doch oftmals in friedlichere Bahnen lenken kann.
Von Rauschzuständen ist der deutsche Fußball weit entfernt. Die Fußball-Nationalmannschaft funktioniert seit mehreren Jahren nicht mehr, wie das frühe Turnierausscheiden bei den WM`s 2018 und 2022 sowie der EM 2021 belegen. Nun kommt der Erwartungsdruck eines Heim-Turnieres noch oben drauf. Wo ließe sich ansetzen, um die Wahrscheinlichkeit eines neuen Sommermärchens zu erhöhen?
Dass die Nationalmannschaft in den letzten Jahren nicht gut funktioniert hat, sagt wenig aus über das, was 2024 passieren wird. Auch wenn einige Spieler bleiben werden, so wird es doch eine neue Mannschaft sein, mit neuen Spielern, neuen Impulsen und einer neuen Struktur. Prognosen sind im Fußball weniger verlässlich als die Wettervorhersage, in kaum einem Sport sind schon so viele Favoriten gescheitert, und selten konnte man von einem Jahr auf das nächste schließen. Wir haben hervorragende Spieler, und ein einziger Funke kann dazu führen, dass die gesamte Mannschaft brennt. Gelingt es, aus den Spielern, die Teil der Mannschaft sein werden, ein echtes Team zu formen, in dem sich jeder Einzelne ohne Aber für das Gesamte einsetzt und ein gemeinsamer Flow entsteht, wird ein neues Sommermärchen möglich. Ich gehe davon aus, dass das Spielen im eigenen Land dazu beitragen wird, dass etwas Besonderes passieren kann
Fans freuen sich beim Fußball auf nichts anderes als auf gute Spiele: auf Tore, auf taktisch kluges Spielen und auf eine Mannschaft, die bis zum Abpfiff um den Sieg kämpft. Signalisiert die Nationalelf samt Umfeld im Vorfeld, dass genau das ihr Anliegen und ihr Ziel ist und dass sie sich entsprechend fokussiert auf ein gutes Spielen und auf Siegen vorbereitet, werden die Fans diesen Weg wohl gern bis zum Abpfiff mitgehen.
Um es mit Tennis-Worten zu sagen: „Ich wusste natürlich, dass das Match historisch wird, aber ich habe versucht, meine Aufmerksamkeit und meine Gedanken auf die bestmögliche Vorbereitung und auf den bestmöglichen Weg zu gewinnen, zu fokussieren. In der Vorbereitung hat mein Umfeld eine Blase um mich herum gebaut und wir haben einen guten Job gemacht, um im Hier und Jetzt zu bleiben – just performing as good as we wanted to.“ (Novak Djokovic, Juni 23).
Ich bin da etwas skeptischer als meine Vorrednerinnen. Es ist sicherlich schwer vorhersagbar, was passieren kann. Und natürlich stellt die EM im eigenen Land die Möglichkeit für ein neues Sommermärchen dar. Doch gerade ich selbst und viele in meiner Umgebung haben sich vom Fußball abgewandt. Dies hat viele Gründe, von der Distanzierung zu einem immer unmenschlicher werdenden Geschäft, vom “modernen Menschenhandel”, riesigen Erwartungshaltungen und pschischem Druck, über die wenig begeisternden Leistungen der Nationalmannschaft bis hin zu einer vielleicht alterbedingten Distanzierung vom Leistungssport überhaupt.
Damit will ich sagen, dass diese Nationalmannschaft 2024, egal wie sie aussehen wird, es im Vergleich zu 2006 deutlich schwerer haben wird, den Funken zu entzünden. Und doch kann es über gute Leistungen und Erfolg die Möglichkeit geben. Denn der Wunsch nach Zugehörigkeit, Identität und Ablenkung ist nach der Pandemie und während des Ukraine-Konfliktes sicherlich mindestens genauso groß wie 2006.
Doch dazu braucht es eine Mannschaft, die ein gemeinsames Ziel hat, nämlich das Feuer in sich zu entfachen, Leidenschaft zu leben und nach außen zu tragen, damit der Funke überspringen kann. Dieses Feuer, diese Leidenschaft konnte ich in den letzten Jahren selten im deutschen Nationalteam entdecken.
Uns erreichen in der Rubrik “Frage und Antwort” auffällig viele Fragen aus dem Kunstturnen. Erst kürzlich meldete sich eine junge Sportlerin, die immer wieder Bewegungsausführungen abbricht, die sie eigentlich beherrscht. “Irgendwann hat es einfach angefangen, dass ich mich nicht mehr über den Sprungtisch getraut habe und immer davor die Ausführung abbreche. Genau dasselbe Spiel ist es beim Rad am Balken. Es ist so weit gekommen, dass ich mich nicht mehr traue, es zu machen.”
Mehr zum Thema: Ängste überwinden
Im Netzwerk Die Sportpsychologen haben wir zahlreiche Experten und Expertinnen, die einiges an Erfahrungen im Umgang mit vergleichbaren Themen haben. Thorsten Loch (zum Profil), Anke Precht (zum Profil) und Klaus-Dieter Lübke Naberhaus (zum Profil) haben sich der konkreten Frage angenommen: Wie kann ich es hinkriegen, ohne Angst neue Dinge auszuprobieren und alte Bewegungen wieder ohne Zweifel umzusetzen?
vielen lieben Dank für deine Anfrage. Aus der Ferne ist es natürlich schwer, eine für dich perfekte Antwort zu finden. Jedoch würde ich dir gern ein paar Dinge mit auf den Weg geben wollen, um mit deiner Situation besser umgehen zu können.
Zuerst möchte ich dich ein wenig beruhigen, denn solche “Blockaden” kommen immer wieder vor. Sicherlich kennst du auch jemanden aus deinem Bekanntenkreis, bei dem plötzlich eine Blockade aufgetreten ist und das zuvor sichere Element klappt nicht mehr bzw. es wird immer wieder abgebrochen. Wichtig ist jedoch herauszufinden, weshalb dieses Phänomen bei dir aufgetreten ist? Hierzu gibt es verschiedene Möglichkeiten, aber ein “typische” Ursache für deinen Altersbereich hat etwas mit der Pubertät zu tun. In dieser Altersspanne findet eine körperliche Veränderung statt. Während Mädchen und Jungen sich vor der Pubertät körperlich etwa gleich entwickeln, ändert dies sich in jener Phase gravierend. Hier ist vor allem ein deutlicher Wachstumsschub zu beobachten. Das Wachstum der einzelnen Körperteile verläuft dabei asynchron. Das bedeutet, dass viele Jugendliche, insbesondere Jungen, oft einen unproportionalen, schlaksigen Eindruck machen, da zuerst die Gliedmaßen, Hände, Füße und anschließend Arme, Beine und zuletzt der Rumpf wachsen. Das hat zur Folge, dass der Jugendliche in räumlicher und zeitlicher Hinsicht seine Bewegungen neu anpassen muss. Durch die neuen Hebelarme (u.a.) passen die gewohnten Abläufe nicht mehr zu deinen Elementen und klappen somit nicht mehr. Hierdurch ergibt sich möglicherweise eine Verhaltensunsicherheit, denn du konntest es ja sonst…
Jedoch ist diese Unsicherheit auf die motorischen Ungeschicklichkeiten zurückzuführen. Hier kann dir das sogenannte mentale Training helfen. Dadurch wird es dir möglich, dein bisheriges Bewegungsmuster neu zu lernen bzw. zu adaptieren. Hier kann dir auch dein Trainer/deine Trainerin helfen, indem sie technische Tipps geben. Auf unserer Seite findest du noch weitere Artikel, die sich im Detail mit dem mentalen Techniktraining beschäftigen. Ich hoffe ich konnte dir ein wenig weiterhelfen, andernfalls melde dich gerne bei meinen Kollegen oder direkt bei mir.
Liebe Lisa (Name von der Redaktion geändert), Thorsten hat schon darauf hingewiesen, dass mentales Training helfen kann. Dafür stellst du dir die Bewegungsabläufe so vor, wie sie optimal laufen sollen. Das tust in leichter Entspannung, zum Beispiel abends direkt vor dem Einschlafen, wenn du eh schon ein bisschen müde bist. Aber: Tu es, als wärst du eine Zuschauerin, die Lisa dabei beobachtet, wie sie die Elemente perfekt turnt.
Beobachte ihre Bewegungen, aber auch Kleinigkeiten wie ihren Gesichtsausdruck, wenn sie sich fokussiert oder sich über das super geturnte Element freut, wirklich jede klitzekleine Kleinigkeit. Tu das jeden Abend, so lange, bis der “Film” ganz einfach und selbstverständlich abläuft. Nun kommt die zweite Phase des mentalen Trainings: Du stellst dir vor, wie du selbst diese Elemente turnst, und zwar genauso, wie du es dir vorher als Beobachterin vorgestellt hast. Jetzt bist du die Turnerin, die das perfekt macht und der es gut gelingt. Du stellst dir vor, wie dein Gesicht aussieht, wenn du dich fokussierst. Du achtest auf alle Kleinigkeiten, die vorher schon Teil deines “Films” waren. Und auch das machst du jeden Tag, so lange, bis du es fühlen kannst, und vor allem: bis es sich gut und natürlich und selbstverständlich anfühlt. Das hilft dabei, die Bewegungsabläufe im Körper gut vorzubereiten und gibt dir ein neues Gefühl der Sicherheit.
Zweitens: Vermeide, solange das Problem noch nicht vollständig gelöst ist, mit vielen Leuten darüber zu reden. Denn das gibt ihm Raum und macht es wichtiger als es ist – nämlich eine Phase, die dir ermöglicht, mental stärker zu werden und auch schwierige Elemente gut zu turnen, selbst wenn die alte Unbefangenheit nicht mehr da ist. Das ist in Ordnung, und es ist jetzt wichtig, dass du dich auf die Lösung konzentrierst, anstatt dich mit dem Problem im Kreis zu drehen.
Drittens: Atemübungen, die das vegetative Nervensystem beruhigen, können vor der praktischen Durchführung helfen – denn in einem gelassenen entspannten Körper gibt es keine Angst. Das ist wirklich so: Schaffst du es, den Stress aus dem Körper zu holen, ist auch die Angst weg – automatisch! Versprochen! Wie du das machen kannst? Zum Beispiel:
komplett ausatmen, bis die Lunge ganz leer ist. Atme durch den Mund aus und mach dabei ein Geräusch
Nachdem dir Thorsten und Anke schon viele Seiten deiner Herausforderung aufgezeigt haben und wie du damit umgehen kannst, möchte ich dich noch in einem weiteren Punkt begleiten.
Du schreibst, dass es irgendwann einfach angefangen hat. Das passiert jedoch meist durch ein auslösendes Ereignis, dass oft auch gar nichts mit dem Sport zu tun haben muss und dir vielleicht auch gar nicht bewusst ist.
Wenn du dich zurück zum Anfang begibst, zum ersten Mal, als diese “Angst” auftrat, kann in diesem Zeitpunkt der Ansatz für eine Lösung liegen. Doch dabei ist es hilfreich Begleitung zu haben, die dich auf diese Reise zurück in die Vergangenheit führt.
Denn das Auftreten von Angst ist oftmals sinnvoll und hilfreich, sie will uns zeigen, dass da etwas Bedrohliches ist. Auf der anderen Seite beginnt sie in unserem Kopf, so dass wir manchmal Dinge, Situationen und Menschen mit Bedrohung verknüpfen, obwohl wir keinen Grund zur Furcht haben.
Wenn du das für dich herausgefunden hast, dann kann es sein, dass dieses Thema schon erledigt ist. Ansonsten sind die Hinweise von Anke und Thorsten sehr hilfreich. Vor allem die Aktivierung des Teiles des Nervensystems, das der Angst entgegenwirkt, ist dabei besonders effektiv. Dies kannst du durch die Atmung aktivieren, wie dir Anke gezeigt hat, oder durch eine Phantasiereise zu einem ruhigen, sicheren Ort, an dem du dich wohl fühlst. Dabei schließt du die Augen und reist auf deine ganz eigene Art und Weise dorthin.
Stellst dir vor, wie es dort aussieht, vielleicht ein Platz in der Natur, eine Insel oder auch ein ganz anderer Phantasieort. Du hörst, was es dort zu hören gibt, das Rauschen von Wasser, das Summen von Insekten oder etwas ganz anderes und fühlst vielleicht den Wind, die Sonne auf der Haut oder andere Einwirkungen. Und immer, wenn deine Gedanken woanders hinwollen, kannst du deine Aufmerksamkeit auf deinen Atem richten und zum sicheren Ort zurückkehren.
Gerne helfen meine Kollegen und ich dir, wenn du Begleitung auf diesem Weg benötigst.
Ich wünsche dir ein gutes Gelingen und viel Spaß in der Bewegung.
Deine Frage?
Wir von Die Sportpsychologen sind für dich da. Und weil wir wissen, dass manchmal eine kleine Schwelle im Weg steht, Kontakt zu einem “Psychologen”, einer “Psychologin” oder einer/einem “MentaltrainerIn” zu suchen, machen wir einen Schritt auf dich zu. Wenn du also auch eine Frage an uns loswerden möchtest, dann nutz dafür das folgende Formular.
Wichtig zu wissen: Manche Fragen und deren Antworten veröffentlichen wir nicht. Wir treten dann mit den jeweiligen FragestellerInnen persönlich in Kontakt. Dies behalten wir uns für Fälle vor, in denen die Anonymität nicht gewährleistet werden kann oder das angestoßene Thema besser im geschützten Raum besprochen wird. Zudem gilt: Unsere Antworten können nicht mehr als Anstösse liefern. Anstösse, von denen du als Leser oder Leserin ableiten kannst, wie wir von Die Sportpsychologen ticken und was wir so machen.
Ein Jahr lang dokumentierte Janosch Daul von Die Sportpsychologen seine Zusammenarbeit mit der U16 des Fußball-Drittligisten Halleschen FC. Entstanden ist ein besonderer Einblick in die Arbeitswelt der Sportpsychologie. In einer fünfteiligen Serie veröffentlichen wir, wie er seinen sportpsychologischen Input in den Trainings- und Wettkampfalltag eingebracht hat.
Teil 1: Coach-the-team
Dieser Bereich lässt sich unterteilen in die Durchführung von Workshops zur Förderung der mentalen Stärke, Durchführung von Workshops auf Trainerauftrag sowie die Umsetzung von Life Kinetik-Einheiten. Zu dieser Saison habe ich ein Workshop-Konzept entwickelt, das vorsieht, systematisch und zielgerichtet die mentale Stärke der Spieler zu entwickeln. So werden ab der U14 aufwärts in jeder Altersstufe jeweils vier bzw. zwei (U19) Workshops zu in mentaler Hinsicht bedeutenden Themen durchgeführt, sodass sich ein HFC-Spieler, der idealerweise alle Jahrgänge bis zur U19 durchläuft, Input zu insgesamt zwanzig Themen erhält. So gelingt es, die Kinder bzw. Jugendlichen frühzeitig für die Sportpsychologie zu sensibilisieren, sie noch proaktiver mit mentalem Handwerkszeug „auszustatten“, um Situationen auf und neben dem Feld gewachsen zu sein sowie die Sportpsychologie (schrittweise) als normalen Ausbildungsbestandteil in die alltägliche Trainingsarbeit zu integrieren. Zur Erhöhung der Nachhaltigkeit erhalten alle Spieler, so auch die der U16, zu Saisonbeginn ein Workbook, das als Arbeitsgrundlage dient, als Nachschlagewerk fungiert und weitere Impulse wie z.B. Übungen zur tiefergehenden Beschäftigung mit dem Thema über den Workshop hinaus beinhaltet. Des Weiteren führe ich mit jedem Trainerteam vor der Durchführung des Workshops ein kurzes Gespräch durch, um Wege aufzuzeigen, wie das jeweilige Thema durch den Einfluss der Trainer auch über den Workshop hinaus möglichst nachhaltig mit Leben gefüllt werden kann. Mit der U16 haben wir uns mit folgenden Themen auseinandergesetzt (Workshops zur Förderung der mentalen Stärke):
Der Nicht-Starter: ein wichtiges Puzzleteil für den Erfolg
Trainieren? Ich mach´s bewusst!
Mein Wettkampfcocktail
Dein innerer Geschichtenerzähler – mach ihn zu deinem Freund!
Darüber hinaus habe ich auf Auftrag der Trainer zu einem aus ihrer Sicht stimmigen Zeitpunkt weitere Workshops zu folgenden Themen mit dem Team durchgeführt:
Mit unterstützend-emotionalem Coaching zum Erfolg
Planung, Zeitmanagement und Zuverlässigkeit – die Entwicklung von Selbstmanagement-Kompetenzen
Sowie drei Reflexionsworkshops:
Reflexion der Umsetzung des erarbeiteten Wertekanons
Reflexion der bisherigen Zusammenarbeit im Team
Fremdfeedback durch Mitspieler und Trainer im Duo-Format
Als ausgebildeter Life Kinetik-Trainer führte ich zudem ab und zu entsprechende Einheiten auf dem Feld mit den Jungs durch, um in erster Linie einen alternativen Trainingsreiz zu setzen. Life Kinetik ist ein Bewegungsprogramm, das motorische Aufgaben mit kognitiven Herausforderungen und Wahrnehmungsaufgaben kombiniert, um z.B. die Koordination sowie die kognitiven Fähigkeiten zu schulen.
Feedback Valentin Liebegott zu den Life Kinetik-Einheiten:
Ein Tag hat 24 Stunden. Das gilt auch für SportlerInnen, genauer gesagt für PferdesportlerInnen. Im Gegensatz zu anderen Sportarten gilt es in Disziplinen wie Spring-, oder Dressurreiten, Voltigieren oder Reining stets den Sportpartner Pferd in diesen 24 Stunden einzuplanen. Oft sind es gar mehrere Vierbeiner, die es zu versorgen gilt! Es kann nicht wie in anderen Sportarten womöglich einfach pausiert werden, die Pferde brauchen schließlich ihren täglichen Auslauf. Auch, wenn es an manchen Tagen lediglich darum geht, sie auf eine Koppel zu führen. Was in jenen oft so knapp bemessenen Stunden allerdings ebenso Platz haben sollte sind oftmals anderweitige berufliche oder private Verpflichtungen. Das richtige Zeitmanagement zu finden, kann zur Herausforderung werden. Vor allem dann, wenn der Kopf für sportliche Erfolge frei bleiben sollte…
Zum Thema: Zeitmanagement im Pferdesport
In der aktuellen Ausgabe 70 (02/23) von Dressurstudien durfte ich mich dem Thema Zeitmanagement widmen. Gemeinsam mit der Olympiasiegerin, sowie Welt- und Europameisterin Jessica von Bredow-Werndl und Coach Antje Liebe durfte ich im Interview Rede und Antwort stehen. So viel sei verraten: Soziale Medien spielen im Umgang mit der Zeit eine entscheidende Rolle, da sie wahre Zeitfresser sein können.
Entstanden sind einige praxisnahe Tipps für weniger Surf- und mehr Reitzeit, die ich hier zusammenfasse:
Online-Zeiten wie Reitzeiten…
.. einplanen und einhalten. Zeit, um sich mit den eigenen Postings oder auch lehrreichen Inhalten in Social Media zu befassen, sollte in den Trainingsalltag eingeplant werden.
Selbstbeobachtung wie im Sattel…
.. auch in Hinblick auf das eigene Surfverhalten praktizieren. Bei welchen Apps schweift man womöglich schnell ab? Welche Kanäle fressen am meisten Zeit und wann ist die Online-Zeit noch sinnvoll?
Fokus auf das Pferd…
.. und weg vom Smartphone. Wenn das Smartphone tendenziell im Sattelschrank oder der Kabine bleiben kann, läuft man weniger Gefahr, ständig die eigenen Kanäle zu durchforsten. Aus den Augen, aus dem Sinn, sozusagen.
Wissen ist Macht…
…auch was Social Media angeht. Daher gilt es, sich über die Funktionsweise der Kanäle zu informieren, die kostbare Pferdezeit rauben. Fakt ist nämlich, dass Smartphone und Social Media-Kanäle halten viele Inspirationen bereit, können aber auch sinnloses Surfverhalten zu Lasten der Pferdezeit verstärken!
Mediale Empfehlungen und Hinweis
Zwei Dokumentationen, die für mehr Verständnis von Social Media sorgen, kann ich empfehlen. Darüber hinaus freue ich mich (zum Profil) sowie meine Kollegen und Kolleginnen im Netzwerk (zur Übersicht), wenn du das Thema Zeitmanagement mit professioneller Unterstützung angehen willst. Nimm gern Kontakt auf.