Janosch Daul: Die Säulen effektiver Teamansprachen

Vielleicht hast du als Trainer folgende Erfahrung schon einmal machen dürfen? Du hältst die Ansprache vor dem Spiel. Die passenden Worte sprudeln geradezu aus deinem Mund. Du bist im Flow. Du nutzt bildhafte Vergleiche, die Emotionen hervorrufen. Deine Ansprache ist knackig und prägnant. Du lässt den Blick immer wieder durch die Reihen schweifen und registrierst: Deine Spieler folgen deinen Ausführungen wie gebannt. Du erreichst deine Spieler perfekt. Emotional und inhaltlich hast du dein Team ideal auf das anstehende Spiel vorbereitet. Ganz egal, ob du solch einen perfekten Coaching-Moment schon erlebt hast oder erleben willst. Dieser Text vermittelt dir die Grundlagen dafür.

Zum Thema: Tipps für die Mannschaftsansprache

Neben der Trainingsgestaltung, der Belastungssteuerung, dem Coaching im Spiel selbst und der Führung deines Teams ist die Ansprache vor dem Spiel eine zentrale Aufgabe für dich als Cheftrainer. In diesem Artikel möchte ich auf die aus meiner Sicht wesentlichen Faktoren eingehen, die bei der Gestaltung und dem Halten einer Ansprache, z.B. einer solchen vor dem Spiel, berücksichtigt werden sollten (Linz, 2014). Diese Faktoren lauten: Beziehungsebene, Zeit, Inhalt, Struktur, Emotionen und Sprache.

Grafik Janosch Daul, Die Sportpsychologen

Beziehungsebene

Hast du schon einmal einen Tempel vor Ort gesehen? In der Regel besteht er u.a. aus einem Unterbau, der das Fundament für die darauf aufbauenden Säulen darstellt. Was stellt nun die Grundlage für effektive Ansprachen dar? Die Beziehungsebene zu deinen Spielern und deinem Team als Ganzes. Warum ist dies nun so entscheidend, um effektive Ansprachen halten zu können? Nur wenn du eine stabile Beziehung zu deinen Spielern aufgebaut hast, wirst du sie optimal erreichen können. Sie ist es schließlich, die u.a. bestimmt, wie Informationen aufgenommen und verarbeitet werden. Ist die Beziehungsqualität zu deinen Spielern hoch, so werden sie dir deutlich aufmerksamer zuhören, dabei aktiv mitdenken und ggfs. Rückfragen stellen, als wenn du deine Spieler im Laufe der Zusammenarbeit auf der Strecke verloren hast und sie dich als Trainer ablehnen. Nur wenn die Beziehungsebene passt, dringst du mit deinen wertvollen und wichtigen Botschaften, die du in der Ansprache transportierst, effektiv in die Köpfe deiner Jungs. Die entscheidende Frage also, die du dir regelmäßig stellen solltest, lautet: Wie schaffe ich es, stabile Beziehungen zu meinen Spielern aufzubauen? Selbstverständlich gibt es hierfür kein Patentrezept; dennoch möchte ich dir einige Tipps mit auf den Weg geben. Zuvor jedoch lade ich dich zu einem kleinen Experiment ein, für das du folgendes brauchst:

  • eine größere Schüssel
  • Wasser, beispielsweise in einer Wasserflasche
  • ein verschlossenes Gefäß

Nun bitte ich dich, das verschlossene Gefäß in die Schüssel zu stellen und zu versuchen, das Wasser in das verschlossene Gefäß zu schütten…Viel Spaß beim Ausprobieren!

Was ist passiert? Ich stelle die wagemutige Hypothese auf, dass das Wasser nun nicht in dem Gefäß, sondern in der Schüssel gelandet ist. Was wollte ich dir mit diesem Experiment zeigen? Bevor du als Trainer Input gibst, musst du deine Spieler erst, wie ein Gefäß, „geöffnet“ bekommen – sonst fließt all die mühsam investierte Energie an deinen Spielern vorbei. Eine effektive Möglichkeit, um einen ersten wirkungsvollen Schritt zu setzen, der dir hilft, deine Spieler zu „öffnen“, stellt ein gut geführtes Einzelgespräch zu Beginn der Saisonvorbereitung mit jedem Spieler dar. In diesem Zusammenhang hab ich dir einige Zitate von sehr bekannten Fußballtrainern mitgebracht:

„Ich setze mich auch mit der Lieblingsmusik meiner Spieler auseinander. Bei Ribery machte es immer ´bumbumbum´. Ist jetzt nicht direkt was für mich, ich hörs mir aber an und interessiere mich dafür. Ich will wissen, wie er tickt. Es ist meine Aufgabe, die unterschiedlichen Charaktere verstehen zu lernen.“

JUPP HEYNCKES, DER ALS EIN MEISTER DER BEZIEHUNGSGESTALTUNG GALT

„In der Vorbereitung führe ich mit jedem Spieler ein Einzelgespräch. Ich möchte genau wissen, wie sie ticken, denken und fühlen.“

NORBERT ELGERT, AKTUELLER U19-TRAINER VON SCHALKE 04 UND AUSBILDER VON SPIELERN WIE ÖZIL, NEUER, HÖWEDES UND SANÉ

„Ich will ihre Familienverhältnisse kennen, wissen, warum sie welchen Weg eingeschlagen haben usw. und ich versuche, sie so kennenzulernen und Rahmenbedingungen so zu setzen, dass es funktioniert, dass ich sie nicht über- und nicht unterfordere. Das ist mein Job.“

JÜRGEN KLOPP, U.A. CL-SIEGER UND MEISTER MIT DEM LIVERPOOL FC

Was haben die drei Beispiele gemeinsam? Sie zeigen auf, welche Bedeutung modern arbeitende Trainer einer regelmäßigen, systematischen Kommunikation und einer gezielten Auseinandersetzung mit ihren Spielern beimessen – auch im Sinne einer gelungenen Beziehungsgestaltung. Ein solches Gespräch hilft u.a.

  • beim Aufbau eines wechselseitigen Vertrauensverhältnisses,
  • dem Spieler ein gutes Gefühl zu geben,
  • Hemmungen und Barrieren abzubauen,
  • eine gewisse Augenhöhe zu symbolisieren,
  • dem Spieler zu zeigen, dass du ihm ein ernsthaftes Interesse als Mensch entgegenbringst.

Zudem solltest du darauf achten, dass du als Trainer deinem Team das Gefühl gibst, grundsätzlich hinter diesem – und somit auch hinter deinen Spielern – zu stehen, gerade auch in schwierigen Momenten und auch dann, wenn deine Spieler mal nicht so wie von dir gewünscht performt haben. Zudem sollte Kritik ebenso wie von dir ausgesprochene Strafen stets auf die Sache bezogen sein. 

Wenn es dir gelungen ist, stabile Beziehungen aufzubauen, so hast du schonmal die zentrale Grundlage für effektive Ansprachen gelegt. Was gilt es dahingehend nun zu beachten?

Zeit

Wie lange dauern in der Regel deine Ansprachen vor dem Spiel? Ich möchte dich ermutigen, für deine kommenden Ansprachen zur Stoppuhr zu greifen und einfach mal die Ansprachendauer zu stoppen oder stoppen zu lassen. Und auch einfach mal mutig mit ausgewählten Spielern in einen Austausch zu treten: Ist die Dauer der Ansprache aus ihrer Sicht so passend? Können dir deine Spieler folgen und die gegebenen Informationen verarbeiten?

Fakt ist, dass deine Ansprache nicht zu lange dauern sollte, insbesondere, da die menschliche Aufnahmekapazität begrenzt ist. Und gerade vor einem Spiel ist der Stresspegel deiner Spieler i.d.R. zusätzlich erhöht, was das Aufnehmen und Verarbeiten von Informationen zusätzlich erschwert. Mag die Aufmerksamkeit deiner Spieler zu Beginn der Ansprache vielleicht noch auf dir und deinen Gedanken liegen, so nimmt diese zumeist mit zunehmender Dauer ab. Ziel deiner Ansprachen sollte es sein, dass die Informationen ins Arbeitsgedächtnis deiner Spieler gelangen, sodass sie im Spiel letztlich erfolgreich abgerufen werden können.  

Ich möchte dir abschließend einige Tipps geben, wie du durch das gezielte Setzen von Reizpunkten die Aufnahmekapazität deiner Spieler wirkungsvoll erhöhen kannst:

  • sie mit Fragen einbeziehen
  • sie ins Handeln bringen  
  • sie z.B. etwas inhaltlich zur Ansprache Passendes an eine Tafel, Flipchart o.Ä. schreiben lassen 
  • sie eine Bewegung durchführen lassen
  • und natürlich auf den Inhalt, die Struktur, das Hervorrufen von Emotionen und einen gezielten Einsatz deiner Sprache zu achten, worauf im weiteren Verlauf des Artikels eingegangen wird

Inhalt

Inhaltlich sollte es in deiner Ansprache primär darum gehen, die im Trainingsprozess erarbeiteten und für das Spiel relevanten Inhalte auf prägnante Art und Weise zu wiederholen und die Spieler somit dabei zu unterstützen, diese erneut ins Arbeitsgedächtnis zu rufen. Entscheidend an dieser Stelle ist die Fähigkeit zu selektieren: Aus all den zahlreichen potenziell zu vermittelnden Informationen, z.B. in Bezug auf das erwartete Gegnerverhalten oder auch hinsichtlich der individual,- gruppen- und mannschaftstaktischen Aspekte, solltest du im Endeffekt nur jene auswählen, die für das Team einen hohen Wiedererkennungsfaktor besitzen. Gerade angesichts der Stresssituation Wettkampf muss die Komplexität der Informationen reduziert und einige wenige, aber prägnante Botschaften an die Spieler vermittelt werden. Dieser Prozess des Verdichtens und Vereinfachens von Informationen hilft den Spielern letztlich dabei, Muster im Spiel schnell zu erkennen und effizient zu handeln.

Grundsätzlich solltest du bei der inhaltlichen Gestaltung deiner Ansprachen darauf achten, dass…

  • der Inhalt für deine Spieler interessant und bedeutsam ist: Ob dies der Fall ist, lässt sich i.d.R. an der Körpersprache und an den Reaktionen der Spieler erkennen: Nehmen sie Blickkontakt zu dir auf? Haben sie eine offene Körperhaltung? Reagieren sie nonverbal z.B. durch Nicken?
  • du handlungsorientierte Anweisungen gibst: Also den Spielern möglichst konkrete und praxisnahe Anleitungen zu geben, sodass sie genau wissen, was zu tun ist (z.B.: „Eröffne flach über die Außenverteidiger.“).
  • du dich wirklich auf das Wesentliche beschränkst: Je geringer die aufzunehmende Informationsfülle für deine Spieler ist, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit, dass die Informationen auch tatsächlich aufgenommen, verarbeitet und im Spiel letztlich abgerufen werden können.

Struktur

Wichtig ist, dass du das, was du in der Ansprache kommunizieren möchtest, in Vorbereitung auf diese gut vorstrukturierst. Wenn deine Spieler eine klare Struktur erkennen, können sie die von dir platzierten Informationen und Botschaften anhand dieser Struktur leichter im Gedächtnis abspeichern. Dies wiederum erhöht die Wahrscheinlichkeit auf eine entsprechende Umsetzung im Spiel.

Was solltest du konkret beachten, um eine passende Struktur in deine Ansprachen zu bekommen?

  • Verdeutliche, worüber du gerade sprichst

Dies hilft den Spielern, nachzuvollziehen, worum es gerade geht und sorgt für eine gedankliche Vorprägung. Ein Beispiel könnte lauten: „Ich komme jetzt zum Spiel mit Ball.“

  • Arbeite bewusst mit Hervorhebungen

Betone das Wesentliche („Das, was ich jetzt sage, ist für heute besonders wichtig!“, „Seid jetzt besonders aufmerksam!“) und fasse es ggfs. am Ende deiner Ansprache nochmal in Form von Kernbotschaften zusammen. Dies erhöht die Wahrscheinlichkeit, dass etwas, was dir wirklich besonders wichtig ist, auch tatsächlich bei deinen Spielern ankommt. 

  • Bereite deine Ansprachen im Vorfeld akribisch vor

Eine schriftliche Vorbereitung auf deine Ansprache ist empfehlenswert. Durch die geleistete Vorarbeit entwickelst du eine Klarheit, die dir dann auch in der Ansprache selbst hilft, deine Botschaften in der von dir ausgearbeiteten Struktur zu platzieren.

Emotionen

Emotionen im Sport sind allgegenwärtig. Im Vorfeld und Nachgang eines Spiels ist unser emotionales Erleben oftmals besonders intensiv: Wir empfinden Stolz und Freude über einen Sieg und erleben Trauer – vielleicht auch Wut – nach Niederlagen. Jedoch können uns Emotionen auch anspornen und uns, z.B. vor Spielen, in unserer Leistungserbringung unterstützen. Großen Trainern gelingt es durch ihre Ansprache, ihre Spieler in einen passenden emotionalen Zustand zu versetzen, sie zu motivieren und heiß zu machen. Dies gelingt vor allem über die emotionale Ebene und weniger über die Sachebene. Daher sollten die notwendigen Sachinformationen in der Ansprache unbedingt auch mit emotionalen Anteilen gepaart werden. 

An dieser Stelle möchte ich dich ermutigen, dich bewusst mit folgender Frage zu beschäftigen: Welche Mittel in der Ansprache nutze ich als Coach, um meine Spieler emotional auf das anstehende Spiel einzustimmen?

Wenn du diese Frage für dich beantwortet hast, möchte ich dir einige mögliche Wege aufzeigen:

  • Zeige selbst Emotionen

Sei du selbst und verstelle dich nicht. Zeige deinen Spielern authentisch auf und kommuniziere, wie du dich z.B. vor dem entscheidenden Spiel fühlst („Auch ich bin aufgeregt!“). Damit unterstützt du deine Spieler, dass auch sie selbst entsprechende Gefühle erkennen und zulassen. 

  • Spiele bewusst mit deiner Stimme

Nutze die Macht deiner Stimme, um bewusst extra laut oder leise zu sprechen. Dies erzeugt, in den passenden Momenten deiner Ansprache eingesetzt, eine besondere Spannung, die dein Team sich im Spiel zu Nutze machen kann. 

  • Rufe deinen Spielern Erfolgsmomente ins Gedächtnis

Die Erinnerung an errungene Erfolge stärkt einerseits das Selbstvertrauen deiner Spieler, andererseits werden positive Emotionen hervorgerufen, die mit dem Erfolg verknüpft werden.

  • Nutze Symbole, Metaphern und Bilder

Diese haben oftmals einen stärkeren emotionalen Wert im Vergleich zum gesprochenen Wort. So kannst du beispielsweise Metaphern („Unsere größte Waffe ist unsere Einsatzbereitschaft!“) nutzen, um deinen Spielern zu verdeutlichen, wie das Team auftreten soll oder mit Bildern arbeiten (z.B. das eines Vogelschwarms oder des Deutschland-Achters), die beispielsweise daran erinnern, wie wichtig eine funktionierende Zusammenarbeit für ein Team ist

Sprache 

Zum Abschluss dieser Reise durch die Welt der Ansprachen gehe ich darauf ein, wie Informationen in einer Ansprache vermittelt werden sollten. 

  • Wähle eine einfache, zu deiner Zielgruppe passende Sprache

Es ist deine Aufgabe als Trainer, eine Sprache zu wählen, die für deine Spieler verständlich ist, sodass die Informationen auch tatsächlich bei ihnen ankommen können. Oftmals sind Spieler eher an eine einfache Sprache gewöhnt und können zudem mit Fremdwörtern (teilweise) nichts anfangen. Hinzu kommt, dass, wie bereits angedeutet, die Aufnahme von Informationen bedingt durch die Stresssituation Wettkampf erschwert ist, was das Nutzen einer einfachen Sprache umso notwendiger macht.

  • Nutze positive Formulierungen

Kommuniziere deinen Spielern, was sie tun sollen und nicht, was sie nicht tun sollen. Schließlich ignoriert unser Unterbewusstsein das Wörtchen nicht liebend gerne. Oder hast du jemals bei der allweit bekannten Aufgabe, nicht an den rosa Elefanten zu denken, tatsächlich nicht an diesen gedacht? Leider werden auch Verneinungen als Bild im Unterbewusstsein repräsentiert, sodass es Sinn ergibt, deinen Spielern bewusst zu kommunizieren, was du von ihnen erwartest (z.B. „den Spieler von innen nach außen lenken“ statt „den Spieler nicht von außen nach innen lenken“). 

  • Sprich betont und abwechslungsreich

Eine eindimensionale Sprache ermüdet. Versuche daher, betont und abwechslungsreich zu sprechen, was den Spielern hilft, deiner Ansprache aufmerksam zu folgen, und die verschiedensten Sinne anzusprechen. Nutze für dich passende Formulierungen wie z.B. „Schmeckt ihr auch schon…?“ oder „Ich spüre, dass…!“

  • Suche den Blickkontakt zu seinen Spielern und sprich sie namentlich an

Durch die Umsetzung dessen wirst du merken, wie du erfolgreich die Aufmerksamkeit deiner Spieler binden kannst. Versuche zudem, deinen Blick immer wieder durch die Reihen schweifen zu lassen, sodass sich auch wirklich jeder Spieler angesprochen fühlt.

Hinweis

Wenn du deine Ansprachen verbessern willst, habe ich ein kostenloses Angebot für dich. Füll dazu einfach den hier verlinkten und weitestgehend anonymisierten (um antworten zu können, brauchen wir nur eine Mailadresse) Fragebogen aus. Ich gebe dir daraufhin ein kurzes und gezieltes Feedback:

Nimm darüber hinaus gern Kontakt (zum Profil von Janosch Daul) auf, um deine Meinung zu äußern und vielleicht auch gezielte Nachfragen zu stellen. Ebenso gern stehen meine Kollegen und Kolleginnen aus dem Netzwerk (zur Übersicht) und ich (zum Profil von Janosch Daul) für Workshops oder Coachings zur Verfügung.  

Mehr zum Thema:

Literatur

Quelle: Linz. L. (2014). Erfolgreiches Teamcoaching. Aachen: Meyer & Meyer.

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Janosch Daul
Janosch Daul

Sportarten: Fußball, Handball, Basketball, Volleyball, Leichtathletik, Schwimmen, Tennis, Tischtennis, Badminton

Halle/Saale, Deutschland

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