Klaus-Dieter Lübke Naberhaus: 1000 Elfmeter trainiert und nichts passiert

Nur 68 Prozent der Elfmeter, also lediglich zwei von drei Versuchen, wurden bei der Fußball-WM 2022 in Katar verwandelt. Schon vor dem Finalwochenende deutet sich damit an, dass dies der zweitschlechteste Wert seit 1998 werden kann. Die spannende Frage lautet: Woran liegt das? Während viele andere Bereiche, allen voran die Physis und die Taktik durch optimiert scheinen, hapert es bei dieser eigentlich einfachen motorischen Aufgabe, den Ball so zu platzieren, dass er für den Torhüter unhaltbar ist. 

Zum Thema: Tipps für das Elfmetertraining

Elfmeter an sich, gerade aber das Elfmeterschießen in der KO-Phase, lösen ein hohe Faszination aus. Selten wird im Mannschaftssport das Kollektiv der Mannschaft so deutlich aufgehoben und es kommt  auf das Individuum an. Und hier ist der Druck spürbar. Der Druck, ausgelöst durch den finalen Charakter, da mit einem Fehlschuss das Ausscheiden droht. Hier wird das Duell auf Leben und Tod gewissermaßen nachgeahmt, wie es ja in anderen Sportarten der Grundcharakter ist. Damit werden hier alle Stressachsen aktiviert, durch das exponiert sein, zudem durch den riesigen Erwartungsdruck der Zuschauer, einer ganzen Nation, der gesamten Weltöffentlichkeit. Dies sind nur einige Druckelemente, denen der Spieler und der Torhüter unterliegen, wobei dieser in einer etwas komfortableren Situation ist, da die Erwartungshaltung hinsichtlich seiner Torwartleistung geringer ist.  

Weshalb sehen wir aber nun im Duell Eins-gegen-Eins so oft Spieler, die diesem Druck nicht standhalten, während andere anscheinend extrem cool und mutig damit umgehen? Ich kann weit ausholen, über Persönlichkeitsmerkmale reden, die natürlich eine Rolle spielen, über die jeweils an dem Tag  herrschende Verfassung, über Rituale, die funktionieren oder nicht funktionieren und über Resilienz, also die psychische Belastungsfähigkeit in herausfordernden, bedrohlichen Situationen. Und ja, all diese Faktoren spielen eine Rolle.  

Trainingsschwerpunkt Elfmeter

Doch ich möchte meinen Blick auf einen Moment legen, den ich in der Berichterstattung der  Spanien-Spiele wahrgenommen habe. Trainer Luis Enrique hat seinen Spielern verordnet, Elfmeterschießen zu üben. Bis zu 1.000 Elfmeter sollten die Spieler bis zur WM in ihren Trainingseinheiten trainieren. Wenn ich mir das Resultat von Spanien aber bei der WM anschaue – nach drei Fehlschüssen im Elfmeterschießen im Achtelfinale gegen Marokko war Schluss, dann haben die Spieler sich entweder nicht daran gehalten oder diese Methode hat hier nicht gewirkt. Doch worauf will ich hinaus?  

Druck simulieren und Situationen imaginieren

Natürlich kann auch die Fähigkeit „Elfmeterschießen“ trainiert werden. Doch hier geht es nicht allein um die Wiederholung des einfachen Schusses unter entspannten Bedingungen im Training. Auch die Drucksituationen müssen in der Trainingssituation ein Stück weit herrschen, sollten im Training simuliert werden. Durch Wettkampfbedingungen beim Training, dem Einspielen einer  ohrenbetäubenden Kulisse, durch Zusatzaufgaben, durch Konsequenzen des Verschießen. Hier sind  der Simulation von realistischen Bedingungen wie in einem Flugsimulator keine Grenzen gesetzt. Hier geht es um Phantasie. Aber das ist noch nicht alles: Auch die reine mentale Imagination ist eine geeignete Trainingsmethode, um seine Fähigkeiten zu verbessern. 

Ich kann nicht beurteilen, ob Luis Enrique auch dies seinen Spielern auf dem Weg mitgegeben hat. Doch das sind Gedanken, die mir in der Berichterstattung und dem Anschauen des spanischen Elfmeterschießens aus sportpsychologischer Sicht kamen und medial meist wenig diskutiert werden. Meine Kollegen und Kolleginnen (zur Übersicht) und ich (zum Profil) gehen mit euch gern auf dem Platz in die Details.

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Klaus-Dieter Lübke Naberhaus
Klaus-Dieter Lübke Naberhaushttp://www.integral-medizin.de

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Leipzig, Deutschland

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