Thorsten Loch: Wie der gezielte Zweifel hilft, bessere Entscheidungen zu treffen

„Warum kann ich den Pass nicht mehr spielen?“ „Hör endlich auf zu grübeln.“ „Was mache ich da bloß schon wieder?“ Wer kennt diese Sprüche denn nicht? Wahrscheinlich wir alle, doch offen sprechen darüber nur wenige. Dies zeigt, dass Unsicherheit und Skepsis in der heutigen Gesellschaft nicht zwingend zu den Schlüsselqualifikationen gezählt werden. Auch erfolgreiche Menschen sprechen eher selten über dieses Thema. Anstelle des Unsicheren oder des Verzweifelten präsentiert man sich lieber als standfest und selbstbewusst. Keine Frage; man braucht auch Mut und Selbstbewusstsein, um seine Ziele zu erreichen. Durch Zögern und Zaudern allein kommt man nicht weiter – aber eben auch nicht ohne. Im Grunde sind Zweifel nämlich etwas sehr Nützliches, sofern man sie richtig einzusetzen weiß. Sie helfen uns dabei, klügere Entscheidungen zu treffen, Hindernisse vorauszusehen und vielversprechende Chancen rechtzeitig zu erkennen. Aber wie genau funktioniert das? Wie kann man positiv zweifeln?

Zum Thema: Zweifel haben ihre Berechtigung. Wann können ausgerechnet Zweifel und Unsicherheit uns weiterbringen und wann sollte der innere Zweifler beiseite geschoben werden?

Beispiel: Die Partie im FUT-Modus bei FIFA 20 läuft; du bestimmst das Spiel, jedoch konntest du aus deiner (vermeintlichen) Überlegenheit noch keinen Profit herausschlagen. Plötzlich und unverhofft, eine kleine Unaufmerksamkeit und der Gegner schlägt mit seiner ersten Chance eiskalt zu. Rückstand. Diesen möchtest du schnellstmöglich wieder egalisieren, doch die Verteidigung deines Gegners steht tief und du findest nicht die richtigen Mittel, um die Lücke zu reißen. Die Zeit läuft ohne Gnade ab und je näher das Ende rückt, desto eher machen sie sich bei dir bemerkbar, deine Selbstzweifel. 

Zugegebenermaßen, Zweifel sind eine äußerst unangenehme Geschichte. Schließlich widersprechen sie dem fundamentalen Bedürfnis der Menschheit nach Sicherheit. Wer zweifelt, fühlt sich häufig instabil, verwirrt und überfordert, was allzu oft in Untätigkeit endet. Man agiert nur noch passiv, was in der Regel in einem Wettkampf nicht handlungsdienlich ist und dem Gegner in die Karten spielt. 

Zweifeln, aber richtig!

Solche und andere Erfahrungen sind mit der Grund dafür, dass Unsicherheit im sozialen Umfeld einen schlechten Ruf genießt. Auf Zweifler schaut man herab, während hingegen entschlusskräftige, mutige und spontane Menschen bewundert und beneidet werden. Dabei können Zweifel extrem nützlich sein. Dies ist jedoch vielen nicht bewusst. Der entscheidende Punkt in diesem Zusammenhang ist, dass sie sich auf das richtige Objekt richten. Zweifel sind durchaus zielführend, sofern sie zum richtigen Zeitpunkt und am richtigen Ort auf das richtige Objekt gerichtet sind. Bleiben wir bei dem weiter oben genannten Beispiel. Anstatt sein eigenes Können in Frage zu stellen, sollte man sich an das „erinnern“, was man kann. Wo liegen meine Stärken? Was kann ich beeinflussen? Nur dann wird es einem möglich sein, sein bestes Spielen abzurufen und das Ruder noch rumzureißen. Im Anschluss an die Partie kann man seinen inneren Zweifler zur Analyse zu Rate ziehen, um für kommende Partien und ähnliche Spielsituationen einen Lösung zu haben.

 „Ein Übermaß an Zweifeln führt zum Stillstand, ein Mangel macht hingegen blind.“ Emanuel Koch

Kleines Zwischenfazit: Zweifel sind grundsätzlich weder gut noch schlecht. Wie so oft gilt also auch hier der Leitspruch: Die Dosis macht das Gift.

Wie Bremse und Gaspedal

Wer beispielsweise sein Können in Wettkämpfen immer wieder infrage stellt, dem wird es auf Dauer nicht gelingen, während einer Partie – wenn es drauf ankommt – an sein Leistungspotential zu gelangen. Zu viel Unsicherheit wirkt also lähmend auf uns. Auf der anderen Seite könnte man glauben, dass keinerlei Zweifel das Mittel der Wahl sei. Dem ist natürlich nicht so. Wer sich für den Größten hält und nur so vor Selbstsicherheit strotzt, verliert mit der Zeit den Blick über das große Ganze. Ein allzu großes Ego verengt die eigene Wahrnehmung und macht „blind“ vor drohenden Rückschlägen. Wie wir sehen, ist das zielgerichtete Zweifeln also eine Gratwanderung. Positives Zweifeln heißt, der Unsicherheit Raum zu geben – zur passenden Zeit, am rechten Ort. 

Koch zeichnet in seinem Buch ein treffendes Bild: Zweifel und Überzeugung sind wie die Bremse und das Gaspedal beim Auto. Wer dauernd mit Vollgas rast, wird irgendwann womöglich in einen Unfall verwickelt werden. Und wer vor lauter Angst ständig auf der Bremse steht, kommt wahrscheinlich nie an. Genauso verhält es sich auch mit dem Zweifeln. Um seine Ziele zu erreichen, muss man seine Bedenken gezielt, am richtigen Ort und zur richtigen Zeit Raum geben. Wenn sich beispielsweise Hindernisse am Horizont auftun oder man in Ruhe überlegen möchte, welche Richtung die richtige ist, sollte rechtzeitig abgebremst, rechts rangefahren und eine Pause eingelegt werden. Hat man jedoch genügend gezweifelt, gilt es, die Phase des Zögerns zu beenden, den Gang einzulegen und ordentlich Gas zu geben, denn nur so kannst du Strecke machen.

Praxistipp

Überlege dir am besten im Voraus, wo genau deine Zweifel angebracht sind. Während des Wettkampfes (Turnier) oder beispielsweise der Weekend League ist es nicht angebracht, an dir und deinen Fähigkeiten zu zweifeln. Ein Tag unter der Woche als Beispiel ist hierfür durchaus geeigneter. Abgesehen vom Timing ist es wichtig, dem Zweifel zwar ausreichend Raum zu geben, aber auch nicht zu viel. Diesen Raum nennt Emanuel Koch den „Korridor der positiven Zweifel“.  Damit ist der schmale Grat gemeint zwischen zu viel und zu wenig – jener Ort, an dem Kreativität und Innovationen entstehen.

Thorsten Loch

Sportarten: Fußball, Badminton, Leichtathletik, Sportschießen, Karate, Skateboarding, eSport

Kontakt

+49 (0)177 716 676 7

t.loch@die-sportpsychologen.de

Zur Profilseite: https://www.die-sportpsychologen.de/thorsten-loch/

Fazit

Das Zweifeln und Zaudern erfreut sich in unserer Gesellschaft keiner besonderen Beliebtheit. Tatsächlich kann ein Übermaß an Zweifel und an Unsicherheit lähmend wirken. Wer jedoch zu wenig zweifelt, riskiert wiederum, wichtige Hindernisse und Chancen zu übersehen. Koch`s Korridor des positiven Zweifelns liegt genau dazwischen. Hier an dieser Stelle wird zielgerichtet gezweifelt, damit innovative Ideen entstehen können. Wann zweifelst du? Wie oft gehst du den Korridor entlang oder hast du ihn für dich noch nicht entdeckt? Gerne unterstützen meinen Kollegen (zur Übersicht) und ich (zum Profil von Thorsten Loch) dich dabei, den richtigen Ort, Raum und Zeitpunkt zu finden.

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