Jasper Thöle: Die Sportpsychologie hat noch nicht den Platz im Darts, den sie haben könnte

In Deutschland war es die erste große positive Überraschung im Sportjahr 2023: Der Halbfinaleinzug von Gabriel Clemens bei der Darts-Weltmeisterschaft in London. Der Saarländer hat Millionen von sportbegeisterten Zuschauern am TV und im Stream mitgerissen und vor allem den Fokus auf seine Sportart gelegt. Die Sportart Darts, die seit einigen Jahren als Wettkampfsport boomt und über die wir aus sportpsychologischer Perspektive mehr wissen wollen. Insofern freuen wir uns über einen Insider, Experten und werdenden Sportpsychologen als Gesprächspartner: Jasper Thöle.

   

Jasper Thöle hat sein Bachelorstudium an der Deutschen Sporthochschule Köln absolviert. Der angehende Sportpsychologe ist derzeit in den letzten Zügen seines Masterstudiums an der BSP in Berlin und erforscht die psychologischen Mechanismen, die sich im wettkampforientierten Dartsport abspielen. Im Zuge einer Verletzung am Kreuzband, in der er seinen ursprünglichen Sport Fußball nicht mehr ausüben konnte, entwickelte er eine Faszination für das Spiel und ist seitdem selbst mit Leidenschaft dabei.

Fragen oder Anregungen? Dann schreib eine Mail an Jasper Thöle

Jasper Thöle, in der Sportpsychologie wird oft die Fehlerquote beim Basketball-Freiwurf herangezogen, um die Auswirkungen von Druck zu erklären. Warum funktioniert dieses Bild mindestens genauso gut im Darts? Oder weshalb ist deine Sportart vielleicht sogar noch besser geeignet, die Wirkungskraft von Sportpsychologie zu zeigen?

Zuerst einmal ist jede Sportart anders konstruiert und hat unterschiedliche Gegebenheiten, in die sie eingebettet ist. Dadurch ergibt sich auch eine ganz eigene Wirkung, die das Spiel auf die Athleten hat, dennoch gibt es sicherlich Parallelen, die sich aus Ähnlichkeiten der Sportarten ergeben.

Im Darts geht es um Millimeter, eine minimale Veränderung des Status Quo kann maximale Auswirkungen haben und gegebenenfalls sogar ein Spiel entscheiden. Nur ein Hauch steht zwischen Sieg und Niederlage, zwischen Exzellenz und Versagen. Das lässt sich im großen Bild erkennen, wenn Spieler wie Raymond van Barnefeld oder Glen Durrant, die in der Weltspitze fester Bestandteil waren, plötzlich innerhalb von kürzester Zeit nicht ansatzweise mehr ihre Leistung abrufen können und in das belanglose Mittelmaß abrutschen. Dieser Tanz auf Messers Schneide zwischen Exzellenz und Versagen beginnt aber schon im Kleinen, wenn man die Konzeption des Spiels betrachtet: Die Felder, die die meisten Punkte geben und demnach auch vorrangig von den Spielern anvisiert werden, sprich das 20er- das 19er- und das 18er-Feld, sind umgeben von den Feldern mit den niedrigsten Punktzahlen, sprich die 1-er, 2er-, 3er-, 4er-, 5er- und 7er-Felder.

Dazu kommt, dass die Ergebnisse der Würfe auf dem Dartboard besonders sensibel abbilden, in welcher Verfassung sich ein Spieler gerade auch mental befindet. Leistungsschwankungen werden beim Darts sofort knallhart sichtbar, anders als in vielen anderen Sportarten. Vor allem in Mannschaftssportarten wie Fußball fällt die Leistungsschwankung eines Spielers nicht derart stark auf und fällt auch nicht so ins Gewicht der Gesamtleistung. Spielt ein Fußballer zum Beispiel einen ungenauen Pass, kann das möglicherweise negativ auffallen und schlimmstenfalls zu einem Gegentor führen, es gibt aber immer noch zehn andere Spieler, die die Gesamtleistung des Systems Fußballmannschaft mit beeinflussen.

Deswegen hat Darts etwas von einem durchgehenden Elfmeterschießen, denn nach jedem Wurf entsteht ein Outcome, der in der Bewertung tendenziell sehr weit auseinander gehen kann. Entweder sehr erfolgreich oder eben sehr enttäuschend. Und das Ergebnis, das nach jedem Wurf zwangsläufig vorliegt, wird dann natürlich auch durch die Fans, den Gegenspieler oder durch einen selbst bewertet. Zudem ist das Dartspiel so strukturiert, dass man immer nur in einer begrenzten Zeit Macht darüber hat, was im Spielverlauf passiert (wenn man nämlich selber am Zug ist), ansonsten muss man zuschauen und akzeptieren, was der Gegner mit seinem Wurf macht. Man hat also nur begrenzte Kontrolle über den Spielverlauf, kann nur auf das eigene Spiel einwirken und muss immer wieder die Kontrolle abgeben. Und diese Tatsache hat natürlich auch eine enorme Wirkung auf die Dartspieler während des Spiels. 

Der eben genannte Raymond van Barnefeld, wohlgemerkt fünfmaliger Weltmeister, drückte seine Faszination und das Unerklärliche am Dartsport so aus: “I could probably write a book about this game – I’ve had 23 years in darts and still don’t understand it!” (Ich könnte wahrscheinlich ein Buch über dieses Spiel schreiben – ich spiele seit 23 Jahren Dart und verstehe es immer noch nicht).

Eine der Besonderheiten im Darts ist natürlich, dass man, um ein Leg zu gewinnen, eins der acht mm-großen Doppelfelder am Rand des Boards treffen muss. Aus dieser Besonderheit ergibt sich zum Ende eines jeden Legs und auch gesehen über das gesamte Match eine Art Zuspitzung mit erhöhtem Druck auf den Spieler. In diesen Situationen ist die mentale Anspannung höher und kann sich in einer vermehrten körperlichen Anspannung manifestieren. In einem zu hohen Maße ist diese dann eher kontraproduktiv für den eigentlichen Dartwurf, weil ein flüssiger, lockerer Wurf das Ziel ist. In diesen Situationen ist der wahrnehmbare Druck tendenziell höher und die Spieler neigen dazu, auch eine höhere Fehlerquote zu haben. In solchen Situationen seine Fähigkeiten abzurufen, genauso wie in jeder anderen Situation im Match, ist folglich auch ein Qualitätsmerkmal von Top-Spielern.

Denn es ist ja so: Die Spieler haben grundsätzlich die körperlichen Fähigkeiten, diese Bewegungsaufgabe auszuführen. Dieses Set an Fähigkeiten ändert sich nicht, es gibt bloß einige Komponenten, die darüber entscheiden, ob man die eigenen Fähigkeiten abrufen kann. Die Kunst ist es also, diese Fähigkeiten genauso in entscheidenden Spielsituationen im Rampenlicht einer großen Bühne abzurufen. Ein ambitionierter Nachwuchsspieler hat mal zu mir gesagt: „Die Kunst für mich ist beim Dartspielen: Du musst dir eigentlich jederzeit dein bestes Spiel zutrauen, du darfst es halt nicht von dir erwarten, dass du es jetzt genau spielst“. Zwei wichtige Komponenten im Darts, die es also mental zu balancieren gilt, sind das (Selbst-)Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten und die Erwartung meiner kommenden Leistung. Denn Enttäuschung ist die Schwester von Erwartung, sie richtet sich danach, wie meine vorherige Erwartung war und kann wieder die folgenden Würfe beeinflussen. Bei dem überraschenden Sieg von Clemens gegen die weltweite Nummer 1 Gerwyn Price beispielsweise gab es für Clemens zumindest von außen keine Erwartung, dass er gewinnen müsse, er hatte aber nach sehr erfolgreichen Spielen davor das Selbstvertrauen in sich, es schaffen zu können. 

Wie weit ist die Sportpsychologie im professionellen Darts verbreitet? Wie ist es um die Offenheit zum Thema mentale Stärke und Gesundheit bestellt?

In meiner Wahrnehmung entwickelt sich in Deutschland immer mehr Offenheit für das Thema, in England oder Holland sind sie allerdings in dieser Hinsicht schon etwas weiter. Van Barnefeld erklärte bei der diesjährigen Darts-WM 2023 auf die Nachfrage eines Reporters, er brauche keine Hilfe von Sportpsychologen, sondern er müsse das alleine schaffen. Möglicherweise spiegelt sich hier auch das Mindset von absoluten Einzelsportlern (und in dem Fall Männern) wider, alles alleine und ohne Hilfe von außen schaffen zu müssen, wodurch die Hürde, sich sportpsychologisch begleiten zu lassen, größer wird. Andere Sportler wie Lewis Williams sprachen während der WM im Interview ganz offen über ihre Arbeit mit einem Sportpsychologen und inwiefern sie diese auf ihrem Weg weiterbringt. 

Eines der populärsten Beispiele für das Thema mentale Stärke im Darts ist wohl Michael van Gerwen, einer der besten Dartspieler unserer Zeit. Er hat mit einem Mentalcoach zusammen für sich einen mentalen Anker entwickelt, um quasi auf Knopfdruck in den für ihn optimalen Wettkampfmodus zu kommen. Immer wieder ist zu beobachten, dass van Gerwen sich in wichtigen Spielsituationen, bevor er ans Oche geht, seine Socken hochzieht. Was von außen erstmal belanglos und profan wirkt, hat für ihn eine ganz eigene Wirkung: Er hat Zugriff auf genau den mentalen Zustand, den er aus seinen eigenen Erfahrungen und Ressourcen abrufen kann und den er für seine Top-Leistung braucht. 

In Bezug zur aktuellen Weltmeisterschaft hat vor allem Gabriel Clemens für Aufsehen gesorgt, der seinen überraschenden Einzug ins WM-Halbfinale feiern konnte. Laut eigener Aussage hat er in seiner Heimat im Saarland in vergangener Zeit vermehrt mit einem Mentaltrainer gearbeitet und nur „an kleinen Stellschrauben gedreht und manche Dinge minimal verändert“, was maßgeblich zu seinem Erfolg beigetragen habe. Die deutsche Nummer 1 im Darts nimmt also mentale Begleitung in Anspruch, was eventuell auch den weiteren Weg ebnen könnte für Offenheit und Anerkennung der Sportpsychologie im Darts. Mit seinem Achtungserfolg hat Clemens für den Dartsport in Deutschland ein breites Tor von Möglichkeiten der Weiterentwicklung aufgestoßen. Die Aufmerksamkeit für Darts in Deutschland ist derzeit so groß wie noch nie durch den überraschenden Run von Gabriel Clemens bis ins Halbfinale. Seit Jahren sucht Darts in Deutschland eine Art Boris Becker, einen nationalen Sporthelden, der durch einen großen Erfolg den Sport für die breite Masse in Deutschland attraktiv und interessant macht. Zudem ist der Boden, auf dem diese Begeisterung momentan wächst, aufgrund des frühen und enttäuschenden Ausscheidens der deutschen Nationalmannschaft bei der Fußball-WM möglicherweise besonders fruchtbar.

Sportpsychologie hat aber definitiv noch nicht den Platz im Darts, den es haben könnte. Vor allem in Deutschland gibt es durchaus Mentaltrainer, die sich mit der Thematik beschäftigen, allerdings fehlt da teilweise die wissenschaftliche und fundierte Perspektive auf die Thematik. In jedem Fall ist das, was da zwischen Oche und Dartboard passiert, aus sportpsychologischer Perspektive hochinteressant und wird in Zukunft aus meiner Sicht sowohl in der Forschung als auch in der Praxis noch viel relevanter werden!

Was macht aus sportpsychologischer Sicht das WM-Turnier mit seiner besonderes Location, dem Modus und dem Drumherum so besonders?

Das Dartspielen auf weltbestem Niveau birgt an sich sowieso schon die hoch anspruchsvolle Aufgabe, aus 2,37m nur mithilfe seines Arms ein 8mm großes Feld regelmäßig und verlässlich zu treffen. Und im Rahmen dieser Weltmeisterschaft werden die Spieler in eine Extremsituation gebracht: Diesen Präzisionssport weiterhin auf solch hohem Niveau auszuführen, während sie auf der größten Darts-Bühne der Welt im Rampenlicht stehen und tausende von Fans in ihrem Rücken auf jeden ihrer Würfe reagieren. Es herrscht eine ekstatische Stimmung mit unglaublich hohem Lautstärkepegel, mit der die Spieler natürlich auch adäquat umgehen müssen. Es geht zudem um die Ausschüttung von insgesamt 2,9 Mio. Euro, um die gespielt wird. Mit 96 Teilnehmern aus der ganzen Welt ist die Darts-WM ein Turnier mit einem besonders breiten Feld und einer großen Range des Spieler-Niveaus. Dadurch entsteht möglicherweise auch ein erhöhter Druck für die gesetzten Top-Spieler, nicht schon früh gegen einen vermeintlichen Underdog auszuscheiden. Und ganz offensichtlich ist es das prestigeträchtigste Darts-Turnier der Welt, bei dem nicht nur vor Ort, sondern auch vor dem TV am meisten Zuschauer mitfiebern. Millionen von Menschen aus der ganzen Welt schauen also dabei zu, wie ein Spieler versucht, auf dem 34cm-großen Spielfeld des Dartboards die von ihm anvisierten Felder zu treffen.

Die Gegebenheiten, in die das Dartsspiel bei einer Weltmeisterschaft eingebettet ist, sind also auch für die Spieler extrem. Und auch die Aufmachung des vermarkteten Events gibt dem Ganzen nochmal einen gänzlich anderen Rahmen: Jedes Spiel wird eingeläutet durch eine epische Ansage des Spieler-Namens inklusive seiner bisherigen Titel und einem sogenannten Walk-On mit selbst ausgewählter Hymne zur Einstimmung auf das Spiel. Das Ganze wirkt von der Inszenierung fast so wie ein Boxer auf seinem Weg in den Ring, in Vorfreude auf den Kampf um die Gunst des Stärkeren.

Eine weitere Besonderheit, die auf diesem hohen Niveau bei der Weltmeisterschaft vermehrt zu beobachten ist, ist das perfekte Spiel: der 9-Darter. Ein 9-Darter bedeutet, dass man ein Leg von 501 Punkten mit 9 Darts genau auf null bringt. Es ist ausgeschlossen, diese Aufgabe mit weniger Darts zu meistern, was bedeutet, dass es Spielern im Dartsport möglich ist, für einen Moment Perfektion zu schaffen und das als Sportler maximal Mögliche zu leisten. Davon geht sowohl für die Fans als auch die Spieler dementsprechend eine enorme Faszination aus.

Warum würdest du jungen Darts-Spielern und -Spielerinnen raten, auf sportpsychologischen Input zu setzen?

Die bessere Frage ist – warum nicht? Das mentale innere Spiel findet sowieso statt, das wird nicht durch die Sportpsychologie künstlich konstruiert. Nur es bewusst zu seinem eigenen Spiel zu machen, einen Umgang mit dem enormen Einfluss zu finden und die Kontrolle über das eigene Dartspiel zu behalten, das ist in meinen Augen wichtig. Im Darts sind zum Beispiel psychologische Tricks unter den Spielern sowieso schon üblich und in der breiten Masse als „Mind Games“ kultiviert. Auch wenn dieser Begriff sehr schwammig ist, kann man sagen, dass darunter alles gefasst wird, was außerhalb des eigentlichen Werfens stattfindet, was aber trotzdem einen Einfluss auf die mentale Ebene und das Spiel an sich hat. Denn alles, was ich als Spieler tue, hat eine gewisse Wirkung auf meinen Gegenspieler. Wenn ich mir dieser Wirkung bewusst bin, kann ich, insofern er es zulässt, auch Einfluss auf das Spiel des Gegners nehmen. 

Aber klar, Darts ist ja eigentlich ein Spiel, bei dem es auf das Ergebnis des physischen Vorgangs des Werfens geht. Warum sollten also kommende Darts-Spieler auf sportpsychologische Begleitung setzen? 

Zuerst einmal ist das Gehirn die Schaltzentrale allen Handelns und der Filter, durch den unsere Realität interpretiert wird. Es nimmt alle relevanten Reize zur Wahrnehmung der Umwelt auf und ist der Initiator für unsere Handlungen und physischen Bewegungen. Es ist quasi wie ein Supercomputer, der zwischengeschaltet ist und einen hohen Einfluss auf die sportliche Leistung im Darts hat. Die äußeren Gegebenheiten, die ich als Sportler erfahre, kann ich nicht ändern, aber die entscheidende Frage ist, welche Software ich auf diesem Supercomputer laufen lasse. 

Zudem ist durch die Geschichte des Darts deutlich geworden, dass weniger als in anderen Sportarten die physische Konstitution und athletische Fähigkeiten und eine Rolle spielen. Zumindest äußerlich unathletisch wirkende Dartsportler waren früher sehr üblich und es hat sie nicht daran gehindert, teilweise äußerst erfolgreich zu sein. Der begrenzende Faktor scheinen also weniger die physischen Fähigkeiten zu sein, sondern eher die mentalen. 

Ein weiterer Grund ist, dass starke innere Bilder die Kraft haben, die Realität zu verändern. Das Gehirn funktioniert bekanntermaßen so, dass es tendenziell das manifestiert, was in Gedanken aufgerufen wird. Das kann nur durch Worte, zum Beispiel durch einen Satz sein, oder aber auch durch innere Bilder wie Visualisierungen. Dabei ist wichtig zu wissen, dass das Gehirn eine Verneinung schlecht verarbeiten kann. Glaubenssätze oder Überzeugungen, die Misserfolg vermeidende Aussagen in sich tragen wie „auf jeden Fall nicht verlieren“ haben also nicht den gewünschten Effekt, sondern eher den gegenteiligen. 

Die Bedeutung psychologischer Mechanismen im Darts ist also enorm und sollte auch dementsprechend ernst genommen werden. Eine Veränderung kann man dabei aber natürlich nur bewirken, wenn man als Athlet wirklich offen für diese Arbeit an sich selbst ist.

Wie können wir uns sportpsychologisches Training im Darts vorstellen? 

Das kann man so nicht verallgemeinern und ist für jeden Spieler natürlich individuell. Ich bin da selbst trotz erster Erfahrungen in Coachings mit Dartspielern noch in der Entwicklung und in einer Phase des Ausprobierens. Momentan führe ich tiefenpsychologische Interviews mit Dartspielern zu der Frage „Wie wirkt das Dartspielen auf Spieler während des Wettkampfs?“, aus denen eine Masterarbeit beziehungsweise eine Veröffentlichung entstehen soll. 

Mögliche Ansatzpunkte für das sportpsychologische Coaching im Darts gibt es zahlreich, deren Wirksamkeit muss allerdings weiterhin tiefergehend erfahren und erforscht werden. Einerseits gibt es da den ganz wichtigen kognitiven Aspekt. Eine gute Hand-Auge-Koordination und ausgezeichnete kognitive Prozesse sind Fähigkeiten, die wichtig für einen Dartsportler sind. Demnach würde es Sinn machen, regelmäßiges Training der dartspezifischen kognitiven Fähigkeiten durchzuführen. Mithilfe von Kognitionstraining und Neuro-Athletik können die kognitiven Prozesse, die im Darts entscheidend sind, gezielt und mit erhöhten Anforderungen trainiert werden, um in Wettkampfsituation einen reibungslosen Ablauf zu gewähren und dem Sportler das Spiel auf hohem Leistungsniveau zu erleichtern.

Ein weiterer Aspekt sind Techniken, die ein Sportler erlernen kann, um sich selbst in Extremsituationen wie zum Beispiel unter hohem Stress oder Anspannung zu regulieren. Dabei sehe ich zum jetzigen Zeitpunkt vor allem Atemtechniken oder Wege der Entspannung als Mittel, um die eigene Erregung auf das für einen selbst optimale Level zu regulieren.

Grundsätzlich sind vor allem Techniken des Mentaltrainings ein wichtiger Punkt im sportpsychologischen Coaching von Dartspielern. Mittel wie Visualisierungen oder das Setzen eines hypnotischen Ankers (wie bei Michael van Gerwen) können dem Spieler helfen, in entscheidenden Momenten gezielt in den optimalen Wettkampfmodus zu kommen, den er für seine gewünschte Leistung braucht.

Ein anderer Ansatzpunkt ist der Umgang des Athleten mit Fehlern, schlechten Würfen oder Rückschlägen, sprich: mit der Unzufriedenheit über die eigene Leistung. Es ist ganz wichtig, hier den Blick des Spielers darauf zu lenken, was er in der jetzigen Situation verändern kann, was überhaupt in der Macht seines Handlungsspielraums liegt. Vergangene Würfe sind geschehen und können nicht rückgängig gemacht werden. Die Frage muss hier sein: Was bringt mir dieser Misserfolg für meinen nächsten Wurf? Jeder Dart ist auch immer ein Feedback, das mir dabei helfen kann, in Zukunft noch besser zu spielen. Bestenfalls sollte der Athlet also alles, was da in Zukunft kommen könnte, und alles, was war, loslassen. Ziel muss es sein, voll im Hier und Jetzt mit dem Moment zu verschmelzen und sich immer nur auf den nächsten Dart und die nächste Aufnahme zu fokussieren.

Ein weiterer wichtiger Punkt ist die bewusste Lenkung des Aufmerksamkeitsfokus. Eine aktuelle Studie hat herausgefunden, dass ein Wurf tendenziell erfolgreicher ist, wenn man sich nicht auf den internalen Aufmerksamkeitsfokus (Aufmerksamkeit auf die Bewegung des Körpers), sondern auf den externalen Aufmerksamkeitsfokus (Aufmerksamkeit auf das Bewegungsziel) konzentriert. Übertragen in die Praxis bedeutet das für Spieler, daran zu arbeiten, den eigenen Fokus auf das Ziel (das Triple- oder Doppel-Feld) und nicht auf die Bewegung an sich zu setzen.

Ein zentraler Punkt ist auch das Selbstvertrauen eines Spielers, also das feste und unerschütterliche Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten, egal in welcher Situation oder unter welchen Umständen er sich wiederfindet. Je unabhängiger das Vertrauen in sich selbst von den Geschehnissen außerhalb des Sportlers ist, desto mehr hilft es ihm dabei, sein A-Game abrufen zu können.

Und zu guter Letzt könnte ein weiterer Punkt sein, den Sportler dabei zu begleiten, eigene Routinen für das Training und den Wettkampf zu entwickeln, die ihm in gewisser Weise einen festen Ablauf und damit einen Rahmen mit Sicherheit geben, innerhalb dessen sich sein Spiel abspielt. 

Abschließend möchte ich noch einmal zusammenfassen: Darts ist aus den oben genannten Argumenten definitiv ein hoch mentaler Sport. In der Trainingsgestaltung wird der Schwerpunkt derzeit allerdings noch sehr stark auf die Ausbildung rein physischer Fähigkeiten gelegt. Hier zeigt sich aus meiner Sicht eine Inkongruenz zwischen der Anforderung an Körper und Psyche beim Darts und dem tatsächlichen Training eben dieser Bereiche. Ich gehe davon aus, dass die Akzeptanz und Offenheit für Sportpsychologie im Darts in den nächsten Jahren weiter steigen wird. Früher oder später wird die mentale Begleitung aus meiner Sicht fester Bestandteil des Trainings von Top-Spielern sein. In jedem Fall gibt es meiner Auffassung nach einen Bedarf für professionelle sportpsychologische Begleitung im Darts und ich bin sehr gespannt, was da in den nächsten Jahren aus dem bereits Bestehenden erwachsen wird.

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Mathias Liebing
Mathias Liebinghttps://www.torial.com/mathias.liebing
Redaktionsleiter bei Die Sportpsychologen und freier Journalist Leipzig Deutschland +49 (0)170 9615287 E-Mail-Anfrage an m.liebing@die-sportpsychologen.de