Thorsten Loch: Pause ist Training – klingt komisch, ist aber so

Heute schon gefaulenzt? Nein? Warum auch, denn schließlich bekommt man doch überall gesagt, dass nur derjenige erfolgreich sein wird, welcher buckelt und so richtig mit anpacken kann. Der Slogan „höher, weiter, schneller“ prangert überall und man kann sich dem ganzen nicht entziehen. Gefühlsmäßig ist man heutzutage nur en vogue, wenn man gestresst ist. Stress ist aus meinem Empfinden eine Art Modewort geworden, welches die Botschaft inkludiert, dass man wichtig ist. Aber ist das wirklich so? Wie ist diese Haltung überhaupt entstanden und sollten wir als verantwortungsbewussten Menschen nicht lieber dringlich dafür Sorge tragen, dass man sich hin und wieder langweilt? Solltest du jetzt zu denjenigen gehören, welche das Gewissen beißt, dann kann ich dich beruhigen. Es gibt dafür keinen Grund, vielmehr möchte ich mit dem vorliegenden Beitrag eine Lanze für die Muße brechen.

Zum Thema: Wer die Ruhe nicht zu schätzen weiß und Müßiggänger verurteilt, kennt den wahren Wert der Muße nicht.

Unsere vorliegende Leistungsgesellschaft ist geprägt vom Effizienzdenken. Reine Untätigkeit ist eine echte Rarität geworden und daher umso wertvoller. Sie ist der Nährboden großartiger Werke und Ideen und ein Wundermittel gegen Stress. Für unser geschundenes Gehirn ist sie quasi die Ferieninsel und Entspannung pur. 

Also: Nichts wie ausgeruht. Doch weshalb gelingt es dem Großteil unserer Mitmenschen nicht? Wann hast du dich das letzte Mal gelangweilt?

Definition von Muße

Was bedeutet überhaupt Muße? Früher verstand man darunter die Zeit, in der man nicht gearbeitet hat. Heute definiert der Duden Muße als „…freie Zeit und Ruhe, um etwas zu tun, was den eigenen Interessen entspricht“. Muße ist also gleich Freizeit, aber nicht jede Freizeit ist Muße. So viel steht fest. Muße braucht Zeit. Das entscheidende Kriterium ist allerdings nicht, dass es sich hierbei um freie Zeit handelt, sondern, dass man sie frei einteilen darf. Verschiedene Studien konnten zeigen, dass die autonome Zeiteinteilung ein wesentlicher Faktor ist, der bestimmt, wie gestresst oder entspannt sich Menschen fühlen. Wie so oft im Leben gibt es jedoch auch Hindernisse auf dem Weg. In dem vorliegenden Fall der Muße ist es die ständige Erwartungshaltung. Wir müssen dieses und jenes Sinnvolles mit unserer Zeit anfangen. Müßig kann nur derjenige sein, der es schafft, sich ganz auf die Gegenwart zu konzentrieren und sich vorübergehend von seinen Erwartungen zu befreien. Muße ist nämlich die Zeit, die ihren Wert in sich selbst trägt und keinem festgelegten Zweck dient.

Vergiss also den Sinn und Zweck deiner Tätigkeit und denke ausnahmsweise nicht darüber nach, wie wertschöpfend sie ist. Leichter gesagt als getan. Der erste Schritt in die richtige Richtung ist dann getan, wenn es dir gelingt, dich von meist über Jahre etablierten Gedanken zu befreien: Du musst nicht dauernd nach Optimierung streben und Optionen abwägen. So kann beispielsweise das Lesen eines Buches eine wunderbare Form von Müßiggang sein – aber nur, wenn du dabei nicht ständig darüber nachdenkst, ob es nicht vielleicht noch eine bessere Literatur zum Thema gäbe oder wie nützlich die Lektüre für deine Karriere ist. 

Von Wegen Zeitersparnis 

Die Idee, Zeit als ein begrenztes Gut zu betrachten, kam mit dem Übergang vom Mittelalter in die Renaissance auf. Befördert vom technischen Fortschritt und seinen Errungenschaften (z.B. der Turmuhr), verloren die alten Autoritäten an Einfluss. Die Zeit der Menschen begann, eine immer größere Rolle zu spielen und vor allem immer wertvoller zu werden. Die messbare Zeit ließ sich nun auch ein fester Wert zuschreiben, und zwar in Form von Geld. Dadurch wurde Geld zu einer Art Speichermedium für Zeit. 

Daraus folgt in einer Gesellschaft, in der Zeit gleich Geld ist, dass Muße keinen Wert besitzt. Das ist der Grund dafür, dass die Moderne ihr Versprechen von der Zeitersparnis nicht halten konnte. Durch technischen Fortschritt und gesteigerte Effizienz, so hieß es, sollten die Menschen mehr Zeit für die wichtigen Dinge im Leben bekommen. Daraus ist nur leider nichts geworden, denn Fakt ist: Menschen in der westlichen Welt fühlen sich gestresster denn je. Anders als versprochen haben Industrialisierung und Digitalisierung keine Zeitersparnis gebracht, sondern lediglich den Alltag und die Arbeitsabläufe beschleunigt.

Fazit

Beschleunigung, Verdichtung und Stress kennen wir alle. Und weithin gilt die Devise „Zeit ist Geld“ und Muße wird als Verschwendung fehlgedeutet. Doch genau das Gegenteil ist der Fall. Müßiggang ist extrem wichtig für die Regeneration von Körper und Geist. Sie sorgt für Gelassenheit, fördert die Kreativität und erhöht die Konzentrationsfähigkeit. Damit es einem möglich wird, Muße zu erleben, muss man dem Drang zur Optimierung widerstehen, dass Effizienzdenken abstellen, sich beschränken lernen (Stichwort Selbstfürsorge) und selbstbestimmt über seine Zeit entscheiden. 

Die vor uns liegende Weihnachtszeit ist der ideale Zeitpunkt, um Muße zu erleben. Denn schließlich steht jene Zeit für ein „zur Ruhe kommen“ und Besinnlichkeit. Doch Hand aufs Herz: Schauen wir uns jetzt genauer um, so sehen wir vielerorts eher das Gegenteilige. Ich hoffe, ich konnte ein wenig Licht ins Dunkle bringen und der Müßigkeit Gehör verschaffen. 

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Thorsten Loch
Thorsten Lochhttp://www.die-sportpsychologen.de/thorsten-loch/

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Hennef, Deutschland

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