Anne Lenz: Auf dem Weg zur Leitwölfin – Was eine Führungsspielerin im Frauenfußball ausmacht

Sie dominieren die entscheidenden Spielszenen, werden von Trainer*innen gesucht und in den Medien meist gefeiert. Doch was macht eine „Führungsspielerin“ im Frauenfußball eigentlich aus?

Zum Thema: Anforderungen für Führungsspielerinnen im Frauenfußball

Eine Führungsspielerin übernimmt Verantwortung – auf und neben dem Fußballfeld. In spielbestimmenden Situationen scheut „sie“ sich nicht, (taktische) Entscheidungen zu treffen, Verantwortung für sich und das gesamte Team zu übernehmen. Auch in spielentscheidenden Situationen beeinflusst sie die Mannschaftsleistung – oft durch den schmalen Grat von Risikobereitschaft und bodenständigen, quasi verantwortungsvollen Spielzügen. Auch neben dem Platz im Mannschaftsalltag übernimmt die Führungsspielerin verantwortungsvolle Aufgaben wie z.B. Teile des Warm-ups. Sie agiert nicht zuletzt als „Wächterin“ der Trainingsdisziplin…

Führungsspielerinnen sollten für die Mannschaft eine Vorbildfunktion einnehmen können. Dieses vorbildliche Verhalten erstreckt sich vom Auftreten auf dem Spielfeld, über die Trainingseinstellung, die Motivation bis hin zum respektvollen Umgang mit Spielerinnen und Trainer*innen. Durch ein starkes Vorbild innerhalb der Mannschaft kann sie neuen und jüngeren Spielerinnen im Kader Orientierung geben.

Mehr Infos zu Anne Lenz: https://www.die-sportpsychologen.de/anne-lenz/

Vertrauen

Vertrauen als Basis – in dreierlei Hinsicht! Eine Spielerin, die die Führung übernimmt, sollte sich selbst vertrauen. Bedeutet: Sie kennt ihre eigenen Stärken und Fähigkeiten und weiß diese adäquat und situativ einzusetzen. Sie strahlt Selbstvertrauen aus, was sich im Regelfall auf das Team positiv auswirkt. Zudem sollte eine Führungsspielerin auch Vertrauen in ihre Mitspielerinnen mitbringen, denn Führung heißt auch Kontrolle abgeben und andere leiten.

Fehlt dieses Vertrauen wird eine Führungsspielerin schnell zu einer Einzelkämpferin. Das Vertrauen der Mitspielerinnen und Trainer*innen bilden die Grundpfeiler der führenden Position. Ohne Vertrauen würde der/die Trainer*in keine Kontrolle und Verantwortung an die Spielerin abgeben. Ebenso würden die Mitspielerinnen sich auf die Führung nicht einlassen, diese schlimmstenfalls boykottieren. Vertrauensfördernd ist in diesem Zusammenhang eine offene Kommunikation, Gründe für Entscheidungen transparent zu machen und in Handlungen berechenbar für die Teammitglieder zu sein. Vor allem in Frauenteams scheint eine ausgeprägte Vertrauensbasis außerhalb des Spielfeldes auch das nötige Vertrauen und effizientes Interagieren auf dem Platz positiv zu beeinflussen.

Funktionale Kommunikation

Anspornen, pushen, kritisieren, motivieren und ehrliche Feedbackgespräche können ebenso Herausforderungen der Führungsspielerin sein. Funktionale Kommunikation ist hier das Zauberwort!

Beim Training und im Spiel die nötige Disziplin einfordern, motivierend an gemeinsame Ziele erinnern und exakte (taktische) Anweisungen geben, sind nur eine Seite der Medaille. Hierbei spielt auch die non-verbale Kommunikation (Körpersprache, Mimik, Gestik) – vor allem in kritischen Spielsituationen – eine große Rolle und kann die Stimmung im Team stark beeinflussen.

Empathie

Die Führungsspielerin dient oft auch als Bindeglied zwischen Trainer und der Mannschaft. So kann es vorkommen, dass sie in Feedbackgesprächen die Bedürfnisse der gesamten Mannschaft oder der Einzelspielerinnen dem Trainer nahe bringt.

Viel bedeutender scheint im Vergleich zu den Herren in einem Frauenteam jedoch die empathische Kommunikation zu sein. Zum einen den richtigen Ton von Apell und Wertschätzung auf dem Platz zu treffen – denn erfahrungsgemäß interpretieren Frauen eine Aussage schneller auf der Beziehungsebene als Männer, wodurch die offene Kommunikation und das Vertrauen nochmal an Bedeutung gewinnen. Zum anderen geht es auch darum, einfühlend die Rolle der Zuhörerin und Ansprechpartnerin zu übernehmen und den Austausch neben dem Platz zu fördern, so dass Anliegen der Mannschaftskameradinnen Gehör finden.

„Die Spielerin muss vorangehen und versucht ihre Mitspielerinnen mitzuziehen. Sie dient als Vorbild für die Mannschaft und stellt sich in den Dienst der Mannschaft, hat immer ein offenes Ohr für die Anliegen der Mitspielerinnen und kann vertrauensvoll damit umgehen.“

Markus Wuckel, Trainer der 1. Damen DSC Arminia Bielefeld e.V.

Die Macht des Einflusses!

Wichtig ist: Der direkte und indirekte Einfluss einer Führungsspielerin auf die Mannschaft und den Trainer sollte ihr bewusst sein. Studien zeigen nicht nur den möglichen Einfluss auf den Mannschaftszusammenhalt, sondern ebenso die Wirkung auf die Einstellung der Mitspielerinnen zum/ zur Trainer/in. Auch die Mannschaftsaustellung kann durch Gespräche mit dem Trainer mitbeeinflusst werden. Über Statements in den Medien kann darüber hinaus die Stimmung in der Mannschaft von der Führungsspielerin geprägt werden.

Aufgrund dieser zum Teil starken Einflussrolle sollte sich eine Führungsspielerin stets selbst hinterfragen, offen für kritische Anmerkungen und für die eigene Weiterentwicklung sein. Diese bewusste Auseinandersetzung mit ihrer Rolle gewährt den adäquaten Umgang mit ihrer „Macht“ und dem Erfüllen von Erwartungen.

Auf den Punkt gebracht

Der Weg zur Führungsspielerin wird durch sportliche Leistungen, ebenso wie soziale Fähigkeiten bestimmt. Die Führungsspielerin wird nicht geboren, sie entwickelt sich stetig – auch durch eigenes Hinterfragen. Wie viel Einfluss eine Führungsspielerin bekommt, bestimmt zu einem Großteil auch der Trainer, der Verantwortung abgibt und Rollenerwartungen kommuniziert. Die Erwartungen und der Druck von außen können groß sein. Umso wichtiger ist die Selbstreflektion der Führungsspielerin über ihr eigenes Wohlbefinden und die direkte Kommunikation mit dem Trainer und dem Team. Eine sehr gute Führungsspielerin vereint zwei Rollen: Zum einen ist sie eine selbstbewusste, spielstarke, dominierende Fußballerin und gleichzeitig eine vertrauensvolle, verantwortungsbewusste, empathische Ansprechpartnerin. Meine Kollegen (zu den Profilen) und ich (zum Profil von Anne Lenz) unterstützen gern, wenn es um die Begleitung von Führungsspielerinnen oder Trainer*innen sowie die Herausbildung von Führungsqualitäten geht.

Mehr zum Thema: 

Literatur

Peters, B., Hermann, H.-D. & Müller-Wirth, M. (2012). Führungsspiel – Menschen begeistern, Teams formen, Siegen lernen. München: Ariston Vertrag.

Tippenhauer, H.-D. (2010). Der wahrgenommene Einfluss von Führungsspielern in der Fußball-Bundesliga (Dissertation). Abgerufen von https://d-nb.info/1011479842/34

Print Friendly, PDF & Email

Aufrufe: 526