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Harold Kreis: “Unser Ziel ist das bestmögliche Ergebnis”

Das Olympische Eishockeyturnier wird eines der Highlights der Spiele 2026 in Italien, so sind sich alle Experten und Expertinnen einig. Der Grund: Beim Turnier in Mailand laufen für alle NHL-Stars der teilnehmenden Nationalteams auf. Bundestrainer Harold Kreis kann also ein Team um Weltstar Leon Draisaitl bauen und sieht sich vor dem Turnier mit großen Erwartungen konfrontiert. Kurz vor der Abreise nach Italien hatte Prof. Dr. Oliver Stoll den Bundestrainer der DEB-Auswahl in seiner heimischen Küche zu Gast. Es ging um Leistungsdruck, Vorfreude, die Zimmerbelegung, olympische Ablenkungen und Floorball, den kleinen Bruder des Eishockeys. Und natürlich um Ziele.

Zum Thema: Ziele, Rollen und Motivation im Eishockey

In einer schwierigen Situation steckt Kreis schon vor dem Beginn des Olympischen Turniers. Denn sobald die acht Nordamerika-Akteure der DEB-Auswahl in Mailand ankommen, muss der Bundestrainer acht Spieler nach Hause schicken. Acht Spieler, die bis dahin die Vorbereitung absolviert haben und für die der Traum vom Olympischen Turnier platzt. Im Interview erklärt Kreis, wie im Team mit dieser Situation umgegangen wird. 

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Weitere Informationen

Prof. Dr. Oliver Stoll und Harold Kreis kennen und schätzen sich seit Jahren. So kam auch das Treffen in der Küche des Leipziger Sportpsychologen zustande. Im Kreis des Nationalteams war Stoll wiederum noch nicht aktiv – für den DEB ist Dr. Tom Kossak im Umfeld des Nationalteams und der Junioren im Einsatz. Insofern gelingt es Stoll, aus einer  Außenperspektive auf die bevorstehenden Herausforderungen zu blicken. Im Interview macht er den Umgang mit der Erwartungshaltung der Öffentlichkeit zum Thema und geht auf den “Zauber der Spiele” ein, der sich im Olympischen Dorf durch die Präsenz diverser Sportstars anderer Disziplinen schon einmal auswirken kann. Dazu stellt Stoll, der als Sportpsychologe die deutsche Floorball-Nationalmannschaft betreut, interessante Parallelen zwischen Eishockey und der artverwandten Sportart Floorball zur Diskussion (zum Interview).

Im Hintergrundgespräch macht Kreis deutlich, dass auch er sich persönlich auf einen besonderen Wettbewerb freut. Kreis: “Es wird ein phantastisches Turnier”. Als DEB-Spieler nahm er selbst an den Olympischen Spielen 1984 in Sarajevo und 1988 in Calgary, also in seiner kanadischen Heimat, teil. Seine Rolle sieht er nun als Trainer vor allem darin, den Rahmen für das richtige Miteinander im Team zu setzen. Wichtig ist ihm der Anspruch, gemeinsam gutes Eishockey zu spielen, etwas miteinander zu erleben und nicht zuletzt auch Spaß zu haben. Die Gefahr, dass es zwischen den NHL- und DEL-Profis nicht passen könnte, sieht er nicht. Kreis: “Wir wissen von unseren NHL-Spielern, dass sie so viel wie möglich DEL-Matches schauen. Sie sind wirklich gut informiert und nicht selten verbindet die Spieler durch eine gemeinsame Vergangenheit, etwa in unseren Jugendnationalteams, auch gute Freundschaften.”    

Kreis gilt als Freund der Sportpsychologie und stellt heraus, dass es ihm gerade das Modell der Selbstbestimmungstheorie angetan habe. Demnach – oder besser nach Edward L. Deci und Richard M. Ryan – werde menschliches Wachstum, Motivation und Wohlbefinden gefördert, wenn Bedürfnisse nach Autonomie, Kompetenz und sozialer Eingebundenheit berücksichtigt werden. Kreis gibt den Rahmen vor und setzt gleichzeitig auf die intrinsische Motivation der Spieler. 

Interessant ist, dass Kreis bei den Olympischen Spielen seine eigene Rolle als Trainer in Teilen neu interpretieren wird. Seitdem er seit März 2023 das Amt innehat, war er an der Bande vor allem ein Beobachter. Die Auswechslungen haben für die Defensive Alexander Sulzer und Serge Aubin für die Offensive übernommen. Hinzu kommt mit Jamie Kompon von den Florida Panthers ein weiterer Assistenztrainer mit umfangreicher NHL-Erfahrung. Was sich für Kreis während Olympia ändert und welche Gründe das hat, verrät der Bundestrainer hier:

Versiert formuliert Kreis das sportliche Ziel für das Olympische Turnier: “Unser Ziel ist das bestmögliche Ergebnis.” Und wir von Die Sportpsychologen hoffen, dass der Weg dahin für das Team, alle Beteiligten und die deutschen Eishockey-Fans ein besonders eindrucksvoller wird.

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Neues Buch von Prof. Dr. Oliver Stoll: Mentaltraining im Eishockey, Ein Handbuch für Praktiker

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Philippe Müller: Wie lassen sich Verletzungen aktiv verhindern?

Verletzungen werfen Sportler und Sportlerinnen oft schmerzhaft zurück. Immer wieder zerstören sie auch ganze Karrieren. Wie wertvoll wäre es, Sportverletzungen zu vermeiden? Klingt utopisch? Nein, es klingt nach einem lohnenswerten Ziel. Philippe Müller macht am Samstag, den 21. Februar 2026, in seinem Workshop die Verletzungsprävention zum Thema. Sein Auftritt ist Teil unseres Events “Muscle & Mind – Sicher begleitet zum Comeback” (jetzt letzte Tickets buchen, direkt zur Anmeldung).

Zum Thema: Verletzungsprävention

Philippe, worum geht es deinem Workshop (Starke Mauern bauen: Verletzungen vorbeugen)?

In meinem Workshop geht es darum, wie Verletzungsprävention ganzheitlich gedacht und umgesetzt werden kann. „Starke Mauern bauen“ steht dabei sinnbildlich für das Entwickeln stabiler körperlicher, psychischer und sozialer Schutzfaktoren. Wir beleuchten, wie Belastungssteuerung, mentale Strategien und Umfeldfaktoren zusammenwirken, um Verletzungsrisiken nachhaltig zu reduzieren. Ziel ist es, Prävention nicht als Einzelmaßnahme, sondern als interdisziplinären und biopsychosozialen Prozess zu verstehen

Von welchen Erfahrungen aus deiner praktischen Arbeit ist dein Workshop beeinflusst?

Der Workshop ist stark von meiner interdisziplinären Arbeit mit Physiotherapeut:innen und Ärzt:innen geprägt, in der deutlich wird, dass wirksame Prävention ein langfristiger Entwicklungsprozess ist. In der Praxis erlebe ich, dass Verletzungen oft dort entstehen, wo physische, psychische oder soziale Fähigkeiten noch nicht ausreichend aufgebaut sind. Prävention bedeutet deshalb, diese Kompetenzen systematisch und frühzeitig zu fördern. Genau dieses prozessorientierte Verständnis von Prävention bildet die Grundlage des Workshops.

Programm

Keynotes:

  • Kathrin Seufert: „Das wankende Haus: Verletzungen und Traumata als Erschütterung der Identität“
  • Prof. Dr. Andreas Schlumberger: „Was tun, wenn einzelne Steine aus der Mauer rausbrechen?“
  • PD. Dr. med. Christophe Lambert: „Wie wichtig ist die mentale Fitness für RTC (Return to competition)?“

Workshops:

  • Klaus-Dieter Lübke Naberhaus: Was verbirgt sich im Keller? Traumata im Sport
  • Kathrin Seufert: Trotz Baustelle, gedanklich schön und effizient wohnen
  • Ben Mansour/Tim Insberg /Yannik Adams (Sportwissenschaft): Return to competition (RTC) und seine Hürden
  • Klaus-Dieter Lübke Naberhaus und Philippe Müller: Fundamente stärken, Mauern sanieren, das Dach neu decken: Reha ganzheitlich gedacht
  • Michael Bröckelmann: Grenzen der Heilungsbegleitung 
  • Prof Dr. Oliver Stoll: In der Küche, im Wohnzimmer, im Flur – Welches Maß an Nähe und Distanz ist dir wichtig, um über Verletzungen zu sprechen
  • Philippe Müller: Starke Mauern bauen: Verletzungen vorbeugen
  • Kathrin Seufert und Prof Dr. Oliver Stoll: Trotz Baustelle, gedanklich schön und effizient wohnen

Podiumsdiskussion:

  • u.a. mit Miriam Butkereit (Silbermedaille Olympia 2024 in Judo)

Warum ist es aus deiner Sicht wichtig, dass die Sportpsychologie auch in der Prävention mitgedacht wird?

Aus meiner Sicht ist Sportpsychologie in der Prävention wichtig, weil Verletzungsrisiken nicht nur durch körperliche Faktoren entstehen, sondern auch durch Aufmerksamkeit, Stress, Motivation, Selbstregulation und den Umgang mit Belastung. Psychische Fähigkeiten tragen dazu bei, Belastungen besser zu steuern, Warnsignale wahrzunehmen und angemessen zu reagieren. Sie ergänzen damit die physischen und sozialen Komponenten der Prävention. Erst durch dieses Zusammenspiel entsteht ein stabiles Fundament für nachhaltige Verletzungsprävention.

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Kathrin Seufert: Weshalb es sich lohnt, in der Reha zu visualisieren

Sportler und Sportlerinnen, die wegen einer Verletzung im normalen Training außen vor sind, sollten dennoch die gewohnten Übungen ausführen. Natürlich nicht körperlich, aber im Kopf. Was dahinter steckt und wie Visualisierungen funktionieren, erklärt Kathrin Seufert am Samstag, den 21. Februar 2026, im Workshop-Teil unseres Events “Muscle & Mind – Sicher begleitet zum Comeback” (jetzt letzte Tickets buchen, direkt zur Anmeldung).

Zum Thema: Visualisierungen

Kathrin, worum geht es in deinem Workshop (“Trotz Baustelle, gedanklich schön und effizient wohnen”)?

Ich möchte mit meinem Workshop einen Einblick in die Visualisierungstechniken geben, die eine große Unterstützung im Verlauf einer Reha sein können. Wir wollen damit unser Gehirn weiter trainieren, übliche sportliche Aktivitäten auszuführen – ohne tatsächlich die praktische Ausführung zu machen.

Von welchen Erfahrungen aus deiner praktischen Arbeit ist dein Workshop beeinflusst?

Visualisierungstechniken sind ein wichtiger Bestandteil der sportpsychologischen Arbeit. Ich stelle immer wieder in meiner Zusammenarbeit mit Eishockeyspielern, Fußballern und Schwimmern fest, dass diese Art der Arbeit vor allem dann Früchte trägt, wenn die praktische Ausführung der Sportart verletzungsbedingt wegfällt. Wenn das Eis oder der Rasen noch weit weg sind, ist es also sehr sinnvoll, andere Wege zu gehen. Überraschend für viele Sportler ist, dass es dem Gehirn egal ist, ob der Körper die Bewegung tatsächlich ausführt oder nicht.  

Programm

Keynotes:

  • Kathrin Seufert: „Das wankende Haus: Verletzungen und Traumata als Erschütterung der Identität“
  • Prof. Dr. Andreas Schlumberger: „Was tun, wenn einzelne Steine aus der Mauer rausbrechen?“
  • PD. Dr. med. Christophe Lambert: „Wie wichtig ist die mentale Fitness für RTC (Return to competition)?“

Workshops:

  • Klaus-Dieter Lübke Naberhaus: Was verbirgt sich im Keller? Traumata im Sport
  • Kathrin Seufert: Trotz Baustelle, gedanklich schön und effizient wohnen
  • Ben Mansour/Tim Insberg /Yannik Adams (Sportwissenschaft): Return to competition (RTC) und seine Hürden
  • Klaus-Dieter Lübke Naberhaus und Philippe Müller: Fundamente stärken, Mauern sanieren, das Dach neu decken: Reha ganzheitlich gedacht
  • Michael Bröckelmann: Grenzen der Heilungsbegleitung 
  • Prof Dr. Oliver Stoll: In der Küche, im Wohnzimmer, im Flur – Welches Maß an Nähe und Distanz ist dir wichtig, um über Verletzungen zu sprechen
  • Philippe Müller: Starke Mauern bauen: Verletzungen vorbeugen
  • Kathrin Seufert und Prof Dr. Oliver Stoll: Trotz Baustelle, gedanklich schön und effizient wohnen

Podiumsdiskussion:

  • u.a. mit Miriam Butkereit (Silbermedaille Olympia 2024 in Judo)

Warum ist es aus deiner Sicht wichtig, dass die Sportpsychologie auch im Rehabilitationsprozess nach Sportverletzungen mitgedacht wird?

Allein wenn man sich die Definition der Weltgesundheitsorganisation zum Thema Gesundheit  anschaut („Zustand des vollständigen körperlichen, geistigen und sozialen Wohlbefindens“) ergibt sich daraus finde ich schon die Notwendigkeit, alle Anteile zusammen anzusehen und gemeinschaftlich für diesen Zustand zu arbeiten. Unsere Veranstaltung in Köln ist auf diesem Weg ein wichtiger Schritt.

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Mehr Infos zur Veranstaltung:

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Johanna Constantini: Ängste werden im Reitsport oft nicht ausgesprochen

Angst im Reitsport ist ein zentrales Thema. Eine Schlüsselfunktion haben dabei Trainer und Trainerinnen. Am Freitag, den 6. Februar, bietet Johanna Constantini die Fortbildung „Mit Angst im Reitunterricht professionell umgehen, Fortbildung Kategorie C“ im Tiroler Pferdesportverband in Innsbruck (T) an. 

Zum Thema: Fortbildung zum Umgang mit Angst im Reitsport

Johanna Constantini, mit welchen Ängsten kommen Reiter und Reiterinnen zu dir, um sich Hilfe zu suchen?

Das ist tatsächlich sehr unterschiedlich. Manche körperbezogenen Ängste beziehen sich ganz klar auf den Sport. Wie beispielsweise die Angst vor Stürzen oder davor, in eine andere Gangart zu wechseln. Häufig zeigen sich aber auch soziale Ängste wie jene vor der Bewertung anderer oder davor, im Wettkampf zu versagen und es dem Trainer:innenteam zum Beispiel nicht „Recht zu machen“.

Warum sind es häufig nicht die Trainer und Trainerinnen, die zu diesen Themen angesprochen werden?

Weil es im Training häufig um die Optimierung der Leistung geht und psychologische Themen hier generell nicht immer Platz finden. Das ist natürlich von der Beziehung abhängig und auch davon, wie viele Schüler:innen von Ängsten und anderen Themen preisgeben und welchen Raum Trainer:innen diesen Themen geben. 

In deiner Fortbildung versuchst du, Trainer und Trainerinnen darin zu schulen, dass sie Ängste ihrer Aktiven erkennen. Kannst du mal eine Situation skizzieren, die die Teilnehmenden im Zweifel anders als bisher bewerten werden?

Gerne. Beispielsweise wenn Aktive zunehmend versuchen, Ausreden vorzuschieben, weshalb sie im Training Aufgaben nicht ausführen möchten, die Schwierigkeit nicht steigern wollen oder gar Trainings regelmäßig ausfallen. Häufig werden vielerlei Gründe vorgeschoben und potentielle Ängste nicht angesprochen. Durch die Schulung möchte ich den Blick auf jene Motive schulen, um auch diese zukünftig mitdenken zu können.


Mehr Informationen, inkl. der Anmeldung zur Fortbildung: https://eqwo.net/wenn-angst-mitreitet-wie-ausbilderinnen-richtig-reagieren/

Du willst mehr wissen?

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Dr. Julia Boie: Warum Wettbewerbe für Kinder im Sport wichtig sind

Wettbewerbe sind ein Schlüssel, um Kinder dauerhaft für den Sport zu begeistern. Dabei gibt es aber einige Details zu bedenken. Darauf will ich in diesem Text genauer eingehen. Hinweis: Im ersten Teil dieser kleinen Serie wurde bereits besprochen, welche Rolle Bedürfnisse bei der Aufrechterhaltung der Motivation spielen. Der Link findet sich unter dem Text.

Mehr zum Thema: Was braucht es, damit Kinder nicht die Lust am Sport verlieren? (Teil 2)

Vielen Kindern macht Wettbewerb Spaß. Sich mit anderen zu vergleichen, die Energie zu spüren, wenn man alles gibt, die Freude, wenn man gewinnt – das sind wunderbare Erfahrungen. Lässt der Erfolg aber auf sich warten und man gewinnt häufig nicht, dann sind die Erfahrungen eher negativ und es kommt leicht zu Frustration und Demotivation.

Es sind verschiedene Faktoren nötig, damit Wettbewerbe insgesamt eine motivierende Erfahrung sein können. Zunächst einmal müssen die Sportler*innen in Leistungsvergleichen optimal gefordert sein, also weder über- noch unterfordert werden (Kohake & Richartz, 2020). Ein angemessener Herausforderungsgrad wird im sportlich-motorischen Bereich in vielen Sportarten durch die Einteilung in Altersklassen, die sich in Leistungsklassen aufgliedern, unterstützt. Als Trainer*in kann ich durch die Wahl der Turniere, in denen sich die Sportler*innen vergleichen sollen, zusätzlich Einfluss auf den Herausforderungsgrad nehmen. Auch im Training sollte ich darauf achten, dass bei Leistungsvergleichen gleich starke Paarungen bzw. Gruppen gegeneinander antreten. Die Herausforderungen an die Sportler*innen in Leistungsvergleichen sollten auch im emotionalen, wie auch im sozialen Bereich dem Stand der Sportler*innen entsprechen. Das erfordert viel Einfühlungsvermögen der Trainer*innen. Stimmt das Verhältnis von Erfolgen und Fehlversuchen, können Wettbewerbe positive und motivierende Erfahrungen sein.

Zielsetzungsstrategie

Ein weiterer Faktor, der die Wirkung von Wettbewerben auf die Motivation beeinflusst, ist eine gute Zielsetzungsstrategie. Wenn es mir als Trainer*in um die Entwicklung der Sportler*innen geht, kann ich zufrieden sein, wenn sie ihre Leistung abgerufen haben, obwohl sie nicht gewonnen haben. Mit individuellen und messbaren Fähigkeitszielen, die strukturiert im Training aufgebaut und überprüft werden, kann die langfristige Leistungsentwicklung der Sportler*innen unterstützt werden. Zugleich erleben die Sportler*innen bei der Erreichung der verschiedenen Fähigkeitsziele Stolz und Zufriedenheit, was wiederum die Motivation erhöht. Konstruktives Feedback durch die Trainer*innen ist dabei eine weitere wertvolle Unterstützung.

Einsatzzeit

Schließlich spielt auch eine große Rolle für der Aufrechterhaltung der Motivation der Sportler*innen, wie viel Einsatzzeit sie bekommen. Wenn ich als Trainer*in die Entwicklung der Sportler*innen im Fokus habe, ist klar, dass sie bei Wettbewerben Erfahrung sammeln müssen, dass sie Möglichkeiten brauchen, sich und ihre Leistung in Situationen auszuprobieren, in denen es darauf ankommt. Das erfordert jedes Mal neu eine gute Abwägung durch die Trainer*innen. Wenn immer nur die besten Sportler*innen spielen dürfen, weil es um kurzfristige Gewinne geht, fällt ein Teil der Mannschaft hinten runter und hat keine Möglichkeit, ihre Fähigkeiten zu verbessern. Über kurz oder lang sinkt die Motivation und ein Ausscheiden aus der Mannschaft oder gar dem Sport kann die Folge sein.

Hinweis

Im dritten Teil des Beitrags, der am Dienstag, den 17. Februar 2026, erscheint, wird es darum gehen, was Trainer*innen und Eltern dafür tun können, dass die Motivation erhalten bleibt.

Meine Kolleg*innen (zur Übersicht) und ich (zum Profil von Dr. Julia Boie) stehen gern für Rückfragen bereit. Wir unterstützen Trainer*innen mit individuellen Coach-the-Coach-Programmen, arbeiten exklusiv mit Sportlern und Sportlerinnen, stehen für Vorträge und Workshops zur Verfügung und betreuen Eltern, deren Kinder im Sport aktiv sind.

Mehr zum Thema:

Literatur:

Kohake, K. & Richartz, A. (2020). Das Bedürfnis nach Kompetenzerleben im Kindersport. Forschungsbeitrag Forum Kind Jugend Sport.

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Kathrin Seufert: Warum Erwartungen Leistung machen – nicht nur Motivation

In der Folge des Podcasts Copa TS vom 12. Januar 2026 spricht Christoph Kramer mit Tommi Schmitt über den sogenannten Rosenthal-Effekt. Ein Begriff aus der Psychologie – und gleichzeitig etwas, das im Leistungssport täglich wirkt, oft ohne benannt zu werden. Als Sportpsychologin begegne ich diesem Effekt nicht in Studien allein, sondern vor allem in Gesprächen mit Athlet:innen. Und fast immer geht es dabei um dieselbe Frage: Was passiert, wenn jemand wirklich an mich glaubt – oder eben nicht?

Zum Thema: Der Rosenthal-Effekt

Der Rosenthal-Effekt beschreibt, dass Erwartungen das Verhalten von Menschen beeinflussen. Wer als leistungsstark eingeschätzt wird, bekommt oft mehr Aufmerksamkeit, mehr Rückmeldung, mehr Verantwortung. Diese Signale werden wahrgenommen – bewusst oder unbewusst – und beeinflussen Selbstvertrauen, Entscheidungsverhalten und letztlich auch die Leistung.

Kurz gesagt: Erwartungen verändern Rahmenbedingungen. Und Rahmenbedingungen verändern Leistung.

Leistung entsteht nicht im luftleeren Raum

Gerade im Leistungssport wird häufig so getan, als entstünde Leistung mehr oder weniger eindimensional: Talent, Training, Wille. Psychologisch betrachtet greift das zu kurz.

Athlet:innen reagieren sensibel auf ihr Umfeld. Auf Körpersprache, Tonfall, Einsatzentscheidungen. Auf das, was Trainer:innen, Betreuer:innen oder Verbandsfunktionär:innen ausstrahlen – auch dann, wenn nichts explizit gesagt wird.

Christoph Kramer beschreibt in dem Podcast sehr treffend, wie Vertrauen von außen sein eigenes Auftreten verändert hat: mehr Klarheit, mehr Mut, weniger Angst vor Fehlern. Damals ging es um seinen Wechsel im Nachwuchs von Leverkusen nach Düsseldorf. Was Kramer beschreibt, ist kein Zufall, sondern ein gut belegter psychologischer Mechanismus.

Ein aktueller Blick auf Großereignisse

Mit Blick auf die anstehenden Olympischen Spiele wird dieser Effekt besonders relevant. Für viele Athlet:innen ist es das erste Mal auf dieser Bühne – verbunden mit enormer öffentlicher Aufmerksamkeit und innerem Druck. In solchen Situationen machen Erwartungen einen Unterschied:

  • Wird jemand wahrgenommen als eine Person, die „dabei ist, um Erfahrung zu sammeln“?
  • Oder als Athlet:in, der oder die konkurrenzfähig ist und Verantwortung tragen darf?

Beides sendet Signale. Und beide Signale wirken – auf Selbstbild, Risikobereitschaft und Leistung.

Die unterschätzte Wirkung kleiner Signale

Erwartungen zeigen sich selten in großen Motivationsreden. Viel häufiger in Details:

  • Wer bekommt Spielzeit nach Fehlern?
  • Wem wird etwas zugetraut, auch wenn es eng wird?
  • Wer wird aktiv begleitet – und wer eher verwaltet?

Aus sportpsychologischer Sicht sind das keine Nebensächlichkeiten. Sie formen Wahrnehmung und Verhalten langfristig.

Was daraus folgt

Der Rosenthal-Effekt erinnert uns daran, dass Leistung immer in Beziehung entsteht. Trainer:innen, Betreuer:innen und auch Athlet:innen selbst tragen Verantwortung für die Erwartungen, die sie senden – und für die, die sie verinnerlichen.

Psychologie bedeutet in diesem Zusammenhang nicht „weicher“ Sport. Sondern ermöglicht einen genaueren Blick darauf, warum Menschen in bestimmten Umfeldern über sich hinauswachsen – und in anderen unter ihren Möglichkeiten bleiben.

Fazit

Der Rosenthal-Effekt ist kein theoretisches Konstrukt für Lehrbücher. Er ist ein praktischer Schlüssel zum Verständnis von Leistung – gerade im Spitzensport.

Wer neugierig wird, genauer hinschaut und Erwartungen bewusst gestaltet, verändert mehr als Motivation. Er verändert die Voraussetzungen für Leistung.

An alle Trainer:innen: Wer mit dem Rosenthal-Effekt gezielt arbeiten will, nehmt gern Kontakt zu uns (Übersicht) oder zu mir (Profil von Kathrin Seufert) auf.

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Markus Gretz: Langeweile im Sport – unterschätzte Ressource für Entwicklung

Langeweile im Sport ist ein Gefühl, das viele kennen – ob beim Joggen, im Gym oder während monotoner Trainingseinheiten. Oft wird sie als störend empfunden, doch aus sportpsychologischer Sicht steckt darin ein wertvolles Potenzial.

Zum Thema: Warum die Langeweile zum guten Training gehört

Sport ist nicht immer spannend. Für manche ist ein Fußballspiel aufregend, für andere monoton. Die einen lieben die Cardio-Einheit, die anderen ganz und gar nicht. Entscheidend ist: Langeweile ist individuell und kein Zeichen von Schwäche. Sie gehört zum Training dazu und kann sogar sinnvoll sein.

Kobe Bryant, einer der bekanntesten Basketballer der Welt, hat die Bedeutung von monotonen Einheiten einmal eindrucksvoll beschrieben:

„I never got bored with the basics.“ („Ich habe mich nie mit den Grundlagen gelangweilt.“)

Für ihn lag Größe nicht im Spektakulären, sondern im geduldigen Wiederholen. Genau diese Haltung zeigt, wie wichtig es ist, langweilige Trainingseinheiten nicht zu vermeiden, sondern als Fundament der Entwicklung zu akzeptieren.

Was die Wissenschaft dazu sagt

Eine vielzitierte Studie von Nederkoorn et al. (2016) zeigt, wie schwer es Menschen fällt, Langeweile auszuhalten. In ihrem Experiment sollten Teilnehmende 15 Minuten allein in einem leeren Raum sitzen – ohne Ablenkung. Sie hatten die Möglichkeit, sich selbst leichte Elektroschocks zu geben.

Das Ergebnis war bemerkenswert:

  • 67 % der Männer und
  • 25 % der Frauen gaben sich mindestens einen Elektroschock – nur um der Langeweile zu entkommen.

Die Studie zeigt eindrucksvoll, wie stark der Impuls ist, unangenehme Leere zu vermeiden. Für den Sport bedeutet das: Wer lernt, Langeweile auszuhalten, trainiert nicht nur körperlich, sondern auch seine Fähigkeit zur Selbstregulation.

Kreativität und Achtsamkeit

Langeweile kann unser Gehirn anregen, neue Ideen zu entwickeln. Wer sie bewusst zulässt – etwa durch Meditation oder achtsames Training – entdeckt oft neue Perspektiven. Statt Ablenkung durch das Smartphone lohnt es sich, die Aufmerksamkeit auf Details zu richten: Welche Muskeln spannen sich an? Wie fühlt sich die Bewegung an? Welche Technikdetails fallen mir auf?

Ob Neujahrsvorsätze oder langfristige Trainingsziele – Sinn und Identität helfen, monotone Einheiten zu bewältigen. Wer sich mit seiner sportlichen Entwicklung identifiziert („Ich bin ein gesunder Mensch“), erlebt auch langweilige Gewohnheiten als wertvoll.

Fazit

Langeweile im Sport ist kein Feind, sondern ein Trainingspartner. Sie fordert uns heraus, Sinn zu finden, Ziele zu setzen und kreativ zu werden. Wer lernt, mit ihr umzugehen, gewinnt nicht nur im Training, sondern auch im Leben.

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Der Radiosender 1Live vom WDR hat mit Markus Gretz zum Thema Langeweile im Sport gesprochen, entstanden ist folgender Beitrag, Hört mal rein:

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Nathalie Klingebiel: Weniger denken, mehr machen – Wie du selbstbewusst ins Gym gehst

Neues Jahr, neues Glück… im Fitnessstudio. Wer kennt ihn nicht, den Vorsatz, endlich fitter zu werden und dieses Jahr wirklich sportlich durchzuziehen? In Summe führt das meist zu überfüllten Gyms am Jahresanfang, in denen man sich entweder um Geräte fast schon prügeln muss oder länger dafür anstehen muss, als die Übung an sich dauern würde. Nicht nur das führt bei vielen dazu, dass die anfängliche Motivation dann doch schnell wieder schwindet. Gerade für Neulinge oder Wiedereinsteiger birgt der Besuch im Fitnessstudio einige Hürden, die einen daran hindern, so richtig selbstbewusst ins Gym zu gehen und anzufangen. Gleiches gilt natürlich auch für Sporttreibende, die vielleicht mit ihrem Gewicht strugglen oder aber auch solche, die schon jahrelang Gewichte stemmen. Also woher kommt eigentlich diese Angst oder Unsicherheit, erhobenen Hauptes durchs Gym zu gehen und seine Übungen durchzuziehen?

Zum Thema: Hürden auf dem Weg zum regelmäßigen Sporttreiben im Fitnessstudio

Aus psychologischer Sicht spielen da (wie immer) viele unterschiedliche Faktoren zusammen. Was viele nicht wissen: Hinter dieser Unsicherheit im Gym stecken gut erforschte psychologische Mechanismen.

Kennst du den sogenannten Spotlight-Effekt? Dazu folgende Situation als Beispiel: Du gehst durchs Gym und fühlst dich eigentlich gerade im Moment wohl. Dein Training war gut und du machst dich auf den Weg zur Umkleide. Plötzlich fällt dir deine Trinkflasche aus der Hand und springt natürlich so ungünstig auf, dass sich der gesamte Inhalt auf dem Boden ausbreitet. Sofort schießt dir in den Kopf „Wie peinlich, hoffentlich hat das niemand gesehen. Bestimmt gucken gerade alle und lachen mich aus.“ Und da ist sie auch schon wieder: die Angst vor Bewertung durch andere. Und das anfänglich gute Gefühl in Bezug auf das eigene Training auf einmal überschattet durch eine negative Gedankenspirale. Dieser besagte Spotlight-Effekt ist ein Wahrnehmungsfehler, durch den man denkt, dass die Aufmerksamkeit aller in sozialen Situationen ausschließlich auf einen selbst gerichtet ist, vor allem wenn einem ein Fehler passiert – man steht also bildlich gesprochen im Scheinwerferlicht. Tatsächlich sind die meisten Menschen im Gym aber in Gedanken bei ihrem eigenen Training – oder bei ihrer eigenen Unsicherheit.

Selbst- und Fremdwahrnehmung

Ein weiterer Faktor, der die Hemmschwelle häufig ansteigen lässt, ist der Unterschied zwischen Selbst- und Fremdwahrnehmung. Wir selbst nehmen uns eigentlich immer anders wahr als es Außenstehende tun. Und diese eigene Wahrnehmung ist meist deutlich (selbst)kritischer und negativer geprägt, wodurch man sich dann letztendlich nur selbst das Leben schwer macht. 

Zusätzlich verstärkt wird dieser kritische Blick auf sich selbst in vielen Fällen durch permanente Vergleiche, die man bewusst oder unbewusst von sich selbst mit anderen Personen anstellt. Dabei spielt auch Social Media eine große Rolle, besonders in der Fitness- und Gym-Bubble. Man wird täglich mit scheinbar perfekt gestählten Körpern konfrontiert, die gefühlt 24/7 im Fitnessstudio verbringen, sich ausschließlich ausgewogen ernähren und einen vermeintlich perfekten gesunden Lebensstil führen. Wenn man dann selbst ins Gym geht und vielleicht nicht direkt aussieht wie ein Fitness-Influencer oder Bodybuilder, fragt man sich schnell, wieso man überhaupt trainiert. Auch dann kann man sich schnell in negativen Gedankenkreisen verlieren. Der Gym Besuch wird dann vom eigentlichen Motivations- und Selbstbewusstseins-Boost zum Katalysator für Frust und Selbstzweifel. 

Tipps und Tricks

Die gute Nachricht: mit ein paar kleinen Tipps und Tricks kann das Fitnessstudio auch zu einem safe space werden und der Neujahrsvorsatz bleibt kein one hit wonder, sondern wird zur regelmäßigen Routine der Selbstfürsorge. 

Tipp Nr. 1: Schnapp dir einen Workout Buddy – so kann man sich gegenseitig pushen und fühlt sich automatisch sicherer in einer neuen Umgebung voller unbekannter Gesichter.

Tipp Nr. 2: Such dir etwas, was dir Spaß macht – egal, ob Kurse, Hanteltraining oder Cardio; wenn man etwas mit Freude tut, fällt es einem leichter dranzubleiben und man fühlt sich auch wohler dabei.

Tipp Nr. 3: Noch kein Meister ist vom Himmel gefallen – auch diejenigen, die vielleicht schon top in Form sind, haben mal klein angefangen.

Tipp Nr. 4: Miste auf Social Media aus – am besten jedem Account entfolgen, der einem nicht gut tut und nur noch die Inhalte konsumieren, die ein gutes Gefühl vermitteln und motivieren. 

Tipp Nr. 5: Raus aus dem (selbstkreierten) Spotlight – jeder ist so sehr mit sich selbst beschäftigt, dass man von anderen viel weniger wahrnimmt als man denkt. 

Und zu guter letzt: Just Do It. Weniger denken, mehr machen. Denn Selbstvertrauen entsteht nicht durchs Nachdenken – sondern durchs Tun. 

Viel Spaß und gutes Gelingen dabei!

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Last Minute Sportpsychologie. Auch kurz vor Olympia?

Im Februar stehen im Wintersport die Olympischen Spiele bevor. Nicht nur der absolute Saisonhöhepunkt, sondern für Sportler und Sportlerinnen werden die Wettkämpfe von Mailand, Cortina d’Ampezzo, Antholz oder Val di Fiemme sogar das Karriere-Highlight. Was aber tun, wenn es aktuell nicht läuft, wenn der Wurm im System steckt oder große Sorgen und Unsicherheit im Weg stehen?

Zum Thema: Kurzfristige sportpsychologische Interventionen im Spitzensport

Rund um die Olympischen Spiele wird es zahlreiche sportpsychologische Last Minute-Einsätze geben. Was steckt hinter dem Phänomen?

Antwort von Prof. Dr. René Paasch (zum Profil):

Wenn im Februar die Olympischen Spiele anstehen, verdichtet sich im Wintersport alles auf wenige Wettkampftage. Für viele Athletinnen und Athleten ist es der Höhepunkt jahrelanger Vorbereitung. Kurzfristige sportpsychologische Einsätze entstehen in dieser Phase selten aus grundsätzlichen Problemen, sondern meist aus situativen Veränderungen.

In der Praxis zeigen sich häufig Konstellationen, in denen die sportliche Vorbereitung abgeschlossen ist und die Leistungsfähigkeit grundsätzlich vorhanden bleibt, der Zugang zur eigenen Stabilität jedoch eingeschränkt ist. Einzelne Wettkämpfe verlaufen nicht wie erwartet, bewährte Abläufe werden hinterfragt, der Fokus verschiebt sich weg von der eigentlichen Aufgabe. In anderen Fällen verändern sich Rollen im Team, Erwartungshaltungen oder das unmittelbare Umfeld. Auch mentale Ermüdung nach einer langen Saison kann dazu beitragen, dass sich der Wettkampf zunehmend anstrengend anfühlt.

Stephan Brauner, Die Sportpsychologen

Antwort von: Stephan Brauner (zum Profil):

Last Minute Einsätze sind Realität im Spitzensport. Und sie sind auch eine Chance für uns Sportpsychologen. Sie schaffen – wenn sie erfolgreich sind  – die Gelegenheit zur wesentlich sinnvolleren langfristigen Zusammenarbeit.

Oft ist es der Klassiker: Der Körper ist in Wettkampf-Form, aber der Kopf zieht plötzlich die Handbremse. Es melden sich Athleten, die vor lauter ‚Ich muss jetzt liefern‘ den Zugang zu ihren Automatismen verloren haben. Das ist wie bei einem Tausendfüßler, der plötzlich darüber nachdenkt, in welcher Reihenfolge er seine Beine bewegen muss – und dann auch mal stolpert. Kurz vor entscheidenden Wettkämpfen geht es fast nie um fehlendes Können, sondern um ‚Over-Coaching‘ durch sich selbst: Man will es zu perfekt machen und verkrampft genau deshalb. 

Groucho Marx hat das Dilemma auf den Punkt gebracht: ‚Der Einzige, auf den ich mich verlassen kann, bin ich selbst. Aber wo bin ich, wenn ich mich mal brauche?‘ Genau da helfen wir kurzfristig beim Suchen. Und am liebsten bauen wir dann darauf eine langfristige und nachhaltige Arbeit auf.

Was müssen Sportler, Sportlerinnen und TrainerInnen wissen, die wenige Wochen oder Tage vor einem wichtigen Wettkampf Hilfe in der Sportpsychologie suchen?

Antwort von Prof. Dr. René Paasch (zum Profil):

Kurzfristige sportpsychologische Arbeit verfolgt ein klar umrissenes Ziel. Es geht nicht um tiefgreifende Veränderungen, sondern um Stabilisierung und Orientierung. Im Mittelpunkt steht die Wiederherstellung von Handlungsfähigkeit, mentaler Klarheit und einer verlässlichen Wettkampfroutine.


Wichtig ist ein realistisches Erwartungsverständnis. In kurzer Zeit lassen sich keine grundlegenden Muster verändern. Sehr wohl lassen sich jedoch Aufmerksamkeit, Selbststeuerung und der Umgang mit innerer Anspannung so justieren, dass Leistung wieder abrufbar wird. Für Trainerinnen und Trainer bedeutet dies, sportpsychologische Unterstützung als Teil professioneller Wettkampfvorbereitung zu verstehen, insbesondere in Phasen hoher Belastung und Verdichtung.

Antwort von: Stephan Brauner (zum Profil):

Antwort: In der Kürze der Zeit kann es nur noch darum gehen, dem Athleten dabei zu helfen, das abzurufen, was schon vorhanden ist. Für den Aufbau von neuen Kompetenzen ist keine Zeit mehr. Impulse zur Spannungs- und Emotionsregulation können natürlich auch auf kurze Perspektive hilfreich sein. Wir polieren das Besteck, denn um Neues zu schmieden, ist es zu spät. Keine Experimente – für völlig neue Ideen und Ansätze ist es zu spät.

Trainer und Athleten neigen manchmal in Panik dazu, noch schnell drei neue Entspannungstechniken oder Visualisierungen lernen zu wollen. Gerade, wenn sie Ziele in Gefahr sehen, wollen sie alles neu und alles anders machen. Mein Rat ist das Gegenteil: Subtraktion. Wir streichen alles weg, was verwirrt. Last-Minute-Psychologie ist Aufräumarbeit. Ich habe auch schon mal gesagt: ‚Du musst nicht mental stärker werden, du musst nur aufhören, dir selbst im Weg zu stehen.‘ Das ist oft erleichternd simpel, aber dadurch auch effektiv. 

Müssen Kontakte zur Sportpsychologie in solchen speziellen Phasen immer über die Verbandssportpsychologen laufen? Wann ist Letzteres sinnvoll und was können Athleten und Athletinnen von den Welfare Officers bei Olympischen Spielen erwarten?

Prof. Dr. René Paasch, Die Sportpsychologen
Prof. Dr. René Paasch, Die Sportpsychologen

Antwort von Prof. Dr. René Paasch (zum Profil):

Verbandsinterne sportpsychologische Strukturen bieten in vielen Fällen klare Vorteile. Sie ermöglichen eine enge Abstimmung mit Trainerteam, medizinischem Umfeld und weiteren Betreuungspersonen und schaffen Kontinuität über längere Zeiträume. Wenn diese Strukturen gut etabliert sind, stellen sie häufig den sinnvollsten Zugang dar.

Gleichzeitig gibt es Konstellationen, in denen Athletinnen und Athleten bewusst externe Unterstützung suchen, etwa aus dem Wunsch nach Unabhängigkeit oder persönlicher Abgrenzung. Welfare Officers übernehmen bei Olympischen Spielen ergänzend eine wichtige Rolle. Sie sind niedrigschwellig ansprechbar, bieten Orientierung und vermitteln Unterstützung in einem hoch verdichteten und emotional anspruchsvollen Umfeld.

Antwort von: Stephan Brauner (zum Profil):

Verbandspsychologen machen einen sehr guten Job. Und sie sind Teil des Systems. Manchmal braucht ein Athlet aber genau das Gegenteil: Einen ‚Safe Space‘ ohne Wappen auf der Brust. Jemanden, dem man sagen kann, dass einem der Bundestrainer gerade tierisch auf die Nerven geht, ohne Angst zu haben, dass das bei der nächsten Sitzung auf dem Tisch landet. Die Verbandspsychologen sind natürlich auch der Verschwiegenheit verpflichtet. Aber der leiseste subjektive Zweifel kann hier stärker wirken, als es die zugesagte Vertraulichkeit kann. 

Und – wenn ein Athlet schon eine längere und vertrauensvolle Zusammenarbeit mit einem externen Sportpsychologen hat, dann muss er abwägen. Nutzt er die Unterstützung des Kollegen vor Ort? Live und unmittelbar? Oder nutzt er die bekannte und vertraute Zusammenarbeit, die ihm aber nicht vor Ort zur Verfügung steht. 

Zu den Welfare Officers: Sie sind die Feuerwehr für das menschliche Wohlergehen im Olympischen Dorf – absolut essentiell, wenn der Druck überkocht, aber sie ersetzen kein Performance-Coaching.

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Prof. Dr. René Paasch: Zwischen Spielfeld und Konferenztisch – Warum Sportpsychologie mehr ist als Wissenschaft

Dieser Text will keine Kritik üben, sondern einladen zu mehr Offenheit für das große Ganze. Auch im Sinne Sigmund Freuds, der früh auf unbewusste Vorgänge hinwies, die sich den klassischen Kausalitäten entziehen. Mit seiner Psychoanalyse eröffnete Freud eine neue Dimension menschlicher Erfahrung: Er zeigte, dass unser Verhalten, unsere Gedanken und selbst unsere Überzeugungen nicht immer aus bewussten Entscheidungen hervorgehen, sondern oft aus tieferliegenden seelischen Dynamiken. Diese sind nicht immer linear oder logisch, sie entspringen inneren Konflikten, verdrängten Emotionen und unbewussten Wünschen. In einer Zeit, in der wir alles erklären, messen und kontrollieren wollen, wirkt Freuds Erkenntnis wie ein notwendiger Gegenpol. Sie erinnert uns daran, auch das Nicht-Offensichtliche zu achten, das, was wirkt, obwohl wir es nicht sofort benennen können. Offenheit für das „große Ganze“ bedeutet daher auch, Raum zu lassen für das Unausgesprochene, das Unbewusste, sowohl in uns selbst als auch in anderen. Es heißt, anzuerkennen, dass menschliche Beweggründe oft vielschichtiger sind, als es auf den ersten Blick scheint. Wer diesen Blick wagt, begegnet dem Menschsein mit mehr Verständnis, Tiefe und Demut. So verstehe ich Freuds Vermächtnis nicht nur als klinisch-psychologische Theorie, sondern als Einladung, den Menschen in seiner Komplexität ernst zu nehmen – jenseits vorschneller Urteile und oberflächlicher Zuschreibungen. Nicht zuletzt im Sport.

Zum Thema: Ein Plädoyer für mehr Offenheit und eine integrative Haltung

Seit vielen Jahren beobachte ich, wie Mentaltrainer*innen, Life-Coach:innen, Athlet:innen, Kolleg:innen, die nicht aus dem klassischen akademischen Feld kommen oder ein anderes Label tragen – sei es Coaching, Beratung, Live-Coaching oder Praxisnähe immer wieder diskreditiert werden. Sei es in Gesprächen, durch subtile Kommentare oder ganz direkt in sozialen Medien. Ihnen wird ihre Kompetenz abgesprochen, ihre Arbeit infrage gestellt, ihre Beiträge ignoriert oder abgewertet. Dabei leisten viele von ihnen – nachweislich – Großartiges. Sie begleiten Menschen mit Empathie, Erfahrung und Wirksamkeit und häufig dort, wo andere längst den Kontakt verloren haben. Dieser Text ist auch ein Zeichen der Solidarität mit Mentaltrainer*innen, Life-Coach:innen, Athlet:innen, Kolleg:innen.

Ein Versuch, Räume zu öffnen, statt Grenzen zu ziehen. Ein Aufruf, wieder mehr auf das Gemeinsame zu blicken als auf das Trennende. Denn: Es geht um den Menschen. Und darum, wie wir ihn bestmöglich begleiten können.

Ein persönlicher Impuls

Es war nur eine Nachricht. Ein paar Zeilen. Aber sie stand sinnbildlich für etwas, das mir in den vergangenen Jahren immer wieder begegnet ist. Da war kein „Glückwunsch zum Artikel“, kein offener Diskurs, kein echtes Interesse. Stattdessen die direkte Frage: „Ist das überhaupt wissenschaftlich?“ Die Antwort darauf ist eigentlich einfach – und gleichzeitig komplex. Denn ja: Was wir tun, basiert auf fundiertem Wissen. Aber was wir erleben, begleiten und bewirken, geht oft weit über das hinaus, was sich in Studien operationalisieren lässt. Und genau das scheint manche zu irritieren: Dass Wirkung und Wissenschaft sich nicht immer decken müssen – aber trotzdem Hand in Hand gehen können. 

Seit über einem Jahrzehnt arbeite ich im Feld der Sportpsychologie mit Fußballern, Leichtathleten*innen, Teams aus unterschiedlichsten Disziplinen. Ich begleite Menschen in Momenten, in denen es zählt. Und ich habe erlebt, wie viele Parallelen es zwischen dem Leistungssport und der Wirtschaft gibt. In unserem jüngsten Artikel – gemeinsam verfasst mit einer Kollegin aus dem Bereich Live-Coaching haben wir genau diese Verbindungen aufgezeigt. Es ging um Selbstwirksamkeit, um Superkompensation, um Kompetenzerwartung und Leistungsdruck und vieles mehr. Kurz: Um alles, was im Sport wie im Business über Erfolg und Scheitern entscheidet. Und doch ist es oft nicht der Inhalt, der hinterfragt wird, sondern die Form. Der Abschluss. Die Zugehörigkeit. Der wissenschaftliche Stempel. Warum eigentlich?

Leistung unter Druck – Wie sich Sport und Business näher sind, als viele denken

Im Leistungssport zählt der Moment. Der Elfmeter in der 90. Minute. Die letzte Hürde. Der alles entscheidende Angriff. In solchen Augenblicken zeigt sich, wie stark mentale Prozesse über das Ergebnis mitentscheiden, nicht nur physische Vorbereitung. Im Business ist es nicht anders. Auch dort gibt es Drucksituationen, in denen man liefern muss. Entscheidungen, die nicht aufgeschoben werden können. Verantwortung, die plötzlich auf den Schultern lastet. Ob es ein wichtiges Kundengespräch ist, eine Vorstandspräsentation oder ein Team, das in der Krise Orientierung sucht – auch hier entscheidet die mentale Stärke. Die Parallelen gehen noch weiter:

  • Zielsetzung: Im Sport arbeiten wir mit klaren Zielstrukturen – genau wie im Business, etwa im OKR-Framework oder in Zielvereinbarungsgesprächen.
  • Fokus & Konzentration: Die Fähigkeit, im entscheidenden Moment präsent zu sein, ist sowohl bei einem Freiwurf als auch in einer Krisenverhandlung zentral.
  • Umgang mit Rückschlägen: Athleten*innen lernen, mit Niederlagen umzugehen,  Führungskräfte müssen nach Misserfolgen neu ausrichten.
  • Routinen & Rituale: Im Sport sind sie Teil der Vorbereitung. Auch im Business stärken sie Struktur, Effizienz und Sicherheit.
  • Visualisierungstechniken: Mentales Training zur Vorbereitung auf Wettkämpfe findet sein Pendant in Präsentationsvorbereitungen und Entscheidungsprozessen.
  • Motivationstypen: Intrinsisch vs. Extrinsisch, auch im Business entscheidend für langfristige Leistungsbereitschaft.
  • Körpersprache & Wirkung: Die nonverbale Kommunikation wird im Sport trainiert, in Verhandlungen oder Führungssituationen ist sie oft entscheidend.
  • Regeneration & Psychohygiene: Während im Sport auf Pausen geachtet wird, fehlt im Business oft das Bewusstsein für mentale Erholung – mit Folgen u.v.m.

Diese Konzepte sind keine losen Analogien. Sie sind übertragbare Prinzipien, die in beiden Feldern – Sport und Wirtschaft – tragfähig sind. Und sie alle stammen aus dem Fundus der angewandten Sportpsychologie und angrenzenden Feldern.

Wissenschaftlichkeit vs. Wirksamkeit – ein ungesunder Dualismus?

In der Psychologie – besonders in der Sportpsychologie – wird viel über Evidenz gesprochen. Über Studien, über valide Messungen, über Effektstärken. Und das ist gut so. Wissenschaftliche Fundierung schützt uns vor Willkür, sie sorgt für Qualität, und sie ist eine wichtige Grundlage unserer Arbeit. Aber sie ist nicht die einzige. Denn zwischen der kontrollierten Laborbedingung und der rauen Realität auf dem Spielfeld oder im Unternehmen liegen oft Welten. Kein Mensch funktioniert wie eine Versuchsperson im Fragebogen. Kein Teamprozess lässt sich vollständig in ein Experimentaldesign pressen. Und keine Krise folgt dem Lehrbuch. Was machen wir also mit all dem, was funktioniert, aber (noch) nicht messbar ist? Ignorieren wir es? Reden wir es klein? Oder gestehen wir uns ein, dass unsere Methoden manchmal an ihre Grenzen kommen und dass genau da die Erfahrung, die Intuition, die Beziehung ins Spiel kommt? Wir kennen den Satz: „Wer heilt, hat recht.“ Er klingt provokant, gerade in wissenschaftlichen Kreisen. Aber vielleicht steckt darin auch eine Erinnerung daran, worum es im Kern geht: um Menschen. Um Wirkung. Um Entwicklung. Und manchmal auch darum, neue Wege zuzulassen, die sich nicht sofort in eine Tabelle einordnen lassen.

Die Wahrheit ist: Wir brauchen beides. Wir brauchen gute Studien und gute Gespräche. Wir brauchen Theorien und die Fähigkeit, im Moment präsent zu sein. Wir brauchen wissenschaftliches Denken und menschliche Haltung. Wenn wir uns nur an die reine Wissenschaftlichkeit klammern, laufen wir Gefahr, das Eigentliche aus den Augen zu verlieren: dass unsere Arbeit mitten im Leben stattfindet. Dort, wo Menschen fühlen, zweifeln, kämpfen, wachsen. Und genau dort braucht es mehr als nur Daten, Zahlen und Fakten.

Kollegiales Miteinander oder akademisches Hauen und Stechen?

Es ist ein Phänomen, das vielen in der Praxis bekannt ist und doch wird kaum offen darüber gesprochen: Statt Austausch erleben wir Abgrenzung. Statt ehrlicher Diskussion gibt es oft Spott oder vorschnelles Urteil. Besonders dann, wenn jemand neue Wege geht. Oder aus einer anderen Richtung kommt. Oder sich traut, Dinge zu verbinden, die auf den ersten Blick nicht „zusammengehören“. Mentaltrainer*innen, Life-Coach:innen, Athlet:innen, Kolleg:innen, Führungskräfte, Coaches, Praktiker*innen aus dem Sport, sie alle erleben immer wieder dieselbe Reaktion: Misstrauen. Zweifel. Und nicht selten: offene Ablehnung. Und zwar nicht von außenstehenden Laien, sondern aus den eigenen Reihen, die eigentlich dasselbe Ziel verfolgen: Menschen besser begleiten zu können. Warum ist das so?

Vielleicht, weil unsere Disziplin noch immer um ihren Platz ringt. Die Psychologie war lange auf der Suche nach Anerkennung, nach wissenschaftlicher Seriosität. Und jetzt, wo sie diesen Platz gefunden hat, verteidigen ihn manche wie eine Festung, mit Mauern statt mit Brücken. Alles, was nicht in das gewohnte Raster passt, wird schnell zum Risiko erklärt. Zum Störfaktor. Oder schlimmer noch: zur „Gefahr für die Profession“. Doch in Wirklichkeit ist es oft ganz anders. Die Menschen, die außerhalb des klassischen Weges denken, handeln nicht gegen die Wissenschaft – sie handeln für die Wirksamkeit. Sie suchen nach Zugängen, wo andere längst aufgegeben haben. Sie begegnen dem Menschen nicht nur dem Symptom. Und manchmal, so ehrlich muss man sein, sind es schlicht Eitelkeit, Statusdenken oder Angst vor Kontrollverlust, die hinter der Abwertung stehen. Denn wer urteilt, muss sich nicht auseinandersetzen. Wer lästert, schützt sich vor der eigenen Unsicherheit. Und wer spaltet, muss sich nicht verbinden. Aber wohin führt uns das? Was wäre möglich, wenn wir aufhören würden, uns gegenseitig zu messen – und anfangen würden, voneinander zu lernen?

Ein Plädoyer für eine offene Sportpsychologie

Die Sportpsychologie hat sich in den vergangenen Jahren enorm entwickelt. Sie ist sichtbarer geworden, relevanter, greifbarer. Und doch steht sie heute an einem Scheideweg: Will sie sich weiter über Abgrenzung und wissenschaftliche Reinheit definieren oder beginnt sie, sich mutig zu öffnen für das, was außerhalb ihrer eigenen Lehrbuchgrenzen längst wirkt?

Ich glaube: Es ist Zeit für eine neue Haltung. Eine Haltung, die nicht entweder- oder denkt, sondern sowohl-als-auch. Eine Haltung, die anerkennt, dass echte Entwicklung nicht nur in Theorien stattfindet, sondern im direkten Kontakt mit Menschen. Und eine Haltung, die es zulässt, dass auch andere Perspektiven – Coaching, Live-Coaching, Erfahrungswissen, intuitive Zugänge – ihren Platz haben dürfen, wenn sie verantwortungsvoll und mit Haltung ausgeübt werden. Wir brauchen mehr Dialog. Mehr Neugier. Mehr Mut, auch das Unvollständige, das Nicht-Messbare, das Zwischenmenschliche als Teil von Professionalität zu verstehen. Denn das Ziel bleibt dasselbe, egal ob auf dem Rasen oder im Konferenzraum: Menschen in ihrer Kraft zu begleiten. Sie darin zu unterstützen, über sich hinauszuwachsen. Stabil zu bleiben, wenn es zählt. Und zu lernen, mit Druck, Fehlern, Krisen und Erfolgen umzugehen. 

Wenn wir das ernst nehmen, dann können wir es uns nicht leisten, in Disziplin-Grabenkämpfen zu verharren. Dann braucht es Menschen, die Brücken bauen. Die Perspektiven verbinden. Die nicht fragen: „Wer darf das?“, sondern: „Was hilft dem Menschen wirklich?“ Vielleicht beginnt genau hier eine neue Form der Sportpsychologie. Nicht als Gegensatz zur Wissenschaft, sondern als Erweiterung. Als gelebte Verbindung von Verstand und Herz, von Methode und Menschlichkeit, von Theorie und Erfahrung. Und vielleicht wird aus dem Ringen um Deutung irgendwann ein Raum für Resonanz, in dem nicht das Rechthaben zählt, sondern das gemeinsame Verstehen.

Wir sind für dich da!

Die Sportpsychologen ist die größte Plattform für die Sportpsychologie im deutschsprachigen Raum. Lies in unseren über 1.500 Beiträgen oder nimm direkt Kontakt zu uns auf. Wir coachen, beraten, trainieren, bilden fort und helfen – denn über Erfolg im Sport wird nicht zuletzt im Kopf entschieden.

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