In der Folge des Podcasts Copa TS vom 12. Januar 2026 spricht Christoph Kramer mit Tommi Schmitt über den sogenannten Rosenthal-Effekt. Ein Begriff aus der Psychologie – und gleichzeitig etwas, das im Leistungssport täglich wirkt, oft ohne benannt zu werden. Als Sportpsychologin begegne ich diesem Effekt nicht in Studien allein, sondern vor allem in Gesprächen mit Athlet:innen. Und fast immer geht es dabei um dieselbe Frage: Was passiert, wenn jemand wirklich an mich glaubt – oder eben nicht?
Zum Thema: Der Rosenthal-Effekt
Der Rosenthal-Effekt beschreibt, dass Erwartungen das Verhalten von Menschen beeinflussen. Wer als leistungsstark eingeschätzt wird, bekommt oft mehr Aufmerksamkeit, mehr Rückmeldung, mehr Verantwortung. Diese Signale werden wahrgenommen – bewusst oder unbewusst – und beeinflussen Selbstvertrauen, Entscheidungsverhalten und letztlich auch die Leistung.
Kurz gesagt: Erwartungen verändern Rahmenbedingungen. Und Rahmenbedingungen verändern Leistung.
Leistung entsteht nicht im luftleeren Raum
Gerade im Leistungssport wird häufig so getan, als entstünde Leistung mehr oder weniger eindimensional: Talent, Training, Wille. Psychologisch betrachtet greift das zu kurz.
Athlet:innen reagieren sensibel auf ihr Umfeld. Auf Körpersprache, Tonfall, Einsatzentscheidungen. Auf das, was Trainer:innen, Betreuer:innen oder Verbandsfunktionär:innen ausstrahlen – auch dann, wenn nichts explizit gesagt wird.
Christoph Kramer beschreibt in dem Podcast sehr treffend, wie Vertrauen von außen sein eigenes Auftreten verändert hat: mehr Klarheit, mehr Mut, weniger Angst vor Fehlern. Damals ging es um seinen Wechsel im Nachwuchs von Leverkusen nach Düsseldorf. Was Kramer beschreibt, ist kein Zufall, sondern ein gut belegter psychologischer Mechanismus.
Ein aktueller Blick auf Großereignisse
Mit Blick auf die anstehenden Olympischen Spiele wird dieser Effekt besonders relevant. Für viele Athlet:innen ist es das erste Mal auf dieser Bühne – verbunden mit enormer öffentlicher Aufmerksamkeit und innerem Druck. In solchen Situationen machen Erwartungen einen Unterschied:
- Wird jemand wahrgenommen als eine Person, die „dabei ist, um Erfahrung zu sammeln“?
- Oder als Athlet:in, der oder die konkurrenzfähig ist und Verantwortung tragen darf?
Beides sendet Signale. Und beide Signale wirken – auf Selbstbild, Risikobereitschaft und Leistung.
Die unterschätzte Wirkung kleiner Signale
Erwartungen zeigen sich selten in großen Motivationsreden. Viel häufiger in Details:
- Wer bekommt Spielzeit nach Fehlern?
- Wem wird etwas zugetraut, auch wenn es eng wird?
- Wer wird aktiv begleitet – und wer eher verwaltet?
Aus sportpsychologischer Sicht sind das keine Nebensächlichkeiten. Sie formen Wahrnehmung und Verhalten langfristig.
Was daraus folgt
Der Rosenthal-Effekt erinnert uns daran, dass Leistung immer in Beziehung entsteht. Trainer:innen, Betreuer:innen und auch Athlet:innen selbst tragen Verantwortung für die Erwartungen, die sie senden – und für die, die sie verinnerlichen.
Psychologie bedeutet in diesem Zusammenhang nicht „weicher“ Sport. Sondern ermöglicht einen genaueren Blick darauf, warum Menschen in bestimmten Umfeldern über sich hinauswachsen – und in anderen unter ihren Möglichkeiten bleiben.
Fazit
Der Rosenthal-Effekt ist kein theoretisches Konstrukt für Lehrbücher. Er ist ein praktischer Schlüssel zum Verständnis von Leistung – gerade im Spitzensport.
Wer neugierig wird, genauer hinschaut und Erwartungen bewusst gestaltet, verändert mehr als Motivation. Er verändert die Voraussetzungen für Leistung.
An alle Trainer:innen: Wer mit dem Rosenthal-Effekt gezielt arbeiten will, nehmt gern Kontakt zu uns (Übersicht) oder zu mir (Profil von Kathrin Seufert) auf.

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