Frage und Antwort: Wie mit der Schuldfrage bei Verletzungen umgehen?

In diesem Winter tausendfach so oder so ähnlich passiert: Eine Skifahrerin stürzt. Die anderen Leute, mit denen sie unterwegs waren, bekommen es nicht wirklich mit. Die Verletzte organisiert sich Hilfe. Und im Krankenhaus bestätigen sich die meisten Befürchtungen. So nüchtern, wie sich der Fall skizzieren lässt, so emotional erleben Betroffene die gleiche Situation. Nicht selten kommt recht bald Unmut und die Frage, wer eigentlich die Schuld trägt, auf. Keine einfache und vor allem eine nur bedingt zielführende Frage.

Zum Thema: Umgang mit der Schuldfrage bei Sportverletzungen

Wir von Die Sportpsychologen haben folgende konkrete Frage von Klara (Name von der Redaktion geändert) erhalten: “So gut vorbereitet wie heuer zum Skifahren war ich noch nie; ob ich da jemals wieder hinkomme?! Ich bin nicht gestürzt – es war nur eine Drehbewegung und das Kreuzband ist gerissen, und dies am Anfang der Wintersaison; ich bin seit letztem Winter erst richtig fanatisch geworden mit Skifahren und nun ist es passiert; also ob mir der Boden unter den Füßen genommen wurde; wie geht man hier am besten mit um? Beim Unfall, waren wir zu fünft am Weg; keine sah es und keiner kam zu mir – konnte dies leider alles alleine abklären und die Pistenrettung kontaktieren; fühlte mich hier auch im Stich gelassen; ich habe zu den anderen rübergeschaut beim Fahren und da ists schon passiert – Schuld an dem ganzen sind die anderen bin ich der Meinung; wie geht man hier am besten damit um?!”

Anke Precht, Die Sportpsychologen

Antwort von: Anke Precht (zum Profil)

Liebe Klara (Name von der Redaktion geändert), 

traurig, wenn die Saison schon vorbei ist, bevor sie richtig angefangen hat. Was Sie auf der Piste erlebt haben, müssen auch viele Profisportler verpacken. Denn Verletzungen passieren trotz aller Vorsicht immer wieder.

Natürlich ist die Suche nach möglichen Schuldigen naheliegend. Hat jemand einen Fehler gemacht? War die Piste schlecht präpariert? Die Bindung falsch eingestellt?

Grundsätzlich macht es Sinn, sich kurz mit der Frage nach den Ursachen zu beschäftigen – für den Fall, dass es welche gibt, die man selbst künftig ausschließen kann. War zum Beispiel die körperliche Vorbereitung suboptimal, kann man das in der kommenden Saison besser machen.

Alle weiteren Fragen verhindern aber die Verarbeitung des Geschehenen und helfen auch bei der Genesung nicht weiter – im Gegenteil. Wir wissen, dass Stress (und solcher wird auch durch Ärger, Vorwürfe, Konflikte) ausgelöst, den Heilungsprozess erschweren kann.

Heißt: Abbuchen unter “Pech” oder “es ist passiert” oder “dumm gelaufen”. Auf die Reha konzentrieren, um alles zu tun, damit das Knie bestmöglich wieder in Ordnung kommt. Auf den Heilungsprozess fokussieren, zum Beispiel mit Visualisierungen, also Vorstellungen, wie alles wieder gut zusammenwächst, Entzündungen gelindert werden, sich neue gesunde Zellen bilden, und Visualisierungen nutzen, die eine gute Beweglichkeit beinhalten. Dabei dürfen Sie sich auch vorstellen, wie Sie in der nächsten Saison wieder elegant die Pisten hinunter wedeln, carven oder auch rasen – je nachdem, was Ihnen besser gefällt. Das tun auch die Profis, wenn sie in der kommenden Saison wieder stark zurückkommen möchten.

Während  der Zeit der Genesung ist es wichtig, dass Sie sich Gutes tun, ausreichend schlafen, sich entspannen und den Unfall loslassen. Sollte Ihnen das schwer fallen, probieren Sie es, indem Sie alles noch einmal im Detail in ein kleines Heft aufschreiben, um es aus dem Kopf zu bekommen und zu merken: Es ist passiert, und es ist die Vergangenheit. Jetzt konzentriere ich mich auf das Gesundwerden. Das kleine Heft können Sie bei Gelegenheit verbrennen.

Yvonne Dathe, Die Sportpsychologen

Antwort von: Yvonne Dathe (zum Profil)

Liebe Klara (Name von der Redaktion geändert),

es tut mir leid, dass dir so etwas passiert ist. Ich kann mich Anke Precht mit Blick auf die Schuldzuweisungen anschließen. Die Frage ist, ist es hilfreich, dass du dich damit beschäftigst oder ist es vielleicht nicht eher hilfreich, sich damit zu beschäftigen, was JETZT zu tun ist, damit es dir bald wieder besser geht. Eine Analyse darüber, was schiefgelaufen ist, ist immer hilfreich, um zukünftig nicht den gleichen Fehler zu machen. 

Ich empfehle immer – egal ob etwas gut oder schlecht gelaufen ist – eine 5-Finger-Reflexion:

  • Daumen: Was war gut? – Sicherlich, in deinem Fall ist es zu einer Verletzung gekommen, aber war vielleicht doch noch etwas gut oder du hast dich richtig verhalten? – Gut war vielleicht, dass du es geschafft hast, alleine Hilfe zu holen. Das spricht für eine hohe Selbstwirksamkeit deinerseits. 
  • Zeigefinger: Beim Zeigefinger können wir an unsere Eltern aus der Kindheit denken, die uns immer wieder vor Gefahren gewarnt haben. Worauf musst du beim nächsten Mal aufpassen? (z. B. Konzentration auf dein eigenes Skifahren anstatt sich auf die anderen zu fokussieren?) 
  • Mittelfinger: Wenn wir jemandem den Mittelfinger zeigen, dann sagen wir ihm, dass wir gerne auf ihn verzichten können. Worauf möchtest du das nächste Mal verzichten? 
  • Ringfinger: Am Ringfinger tragen wir z. B. den Ehering, als Erinnerung an einen Menschen, den wir lieben und an dem wir festhalten möchten. Woran möchtest du festhalten? Was war gut und möchtest du beibehalten?
  • Kleiner Finger: Der kleine Finger ist kürzer als die anderen und könnte sich eventuell noch entwickeln. Er dient als Erinnerungshilfe für das, was wir aus Situationen gelernt haben. Also: Was hast du aus der Situation gelernt? 

Nach der Reflexion ist es wichtig, sich darauf zu konzentrieren, was für dich hilfreich ist. Was kannst du dir Gutes tun und was bringt dich deinem Ziel, wieder Skifahren zu können, näher? Wenn du für dich weißt, was du tun musst, dann tu es! – Verpflichte dich dazu, das zu tun, was notwendig ist. Wenn du die Schuld bei den anderen suchst, ist das hilfreich? Oder: Gibst du dadurch die Verantwortung für dein Handeln ab? – Bringt dich das deinem Ziel näher? – Wenn die Antwort “Nein” ist, dann konzentriere dich auf das, was JETZT wichtig ist: Physio, mentale Heilungsbilder (z.B. stell dir vor, dass du kleine Helferchen in dir hast, die dich bei der Genesung unterstützen), Visualisiere dein Ziel, deinen Weg dahin und auch deine Hindernisse. Es gibt fast immer auch Rückschläge in einem Rehaprozess, mach dir das bewusst und überlege dir auch gleich einen Plan, was du tun kannst, wenn Hindernisse auftauchen. 

Ich wünsche dir einen guten Genesungsverlauf und dass du in der nächsten Saison wieder fit auf den Skiern stehen kannst!

Antwort von: Andreas Meyer (zum Profil)

Hallo Klara (Name von der Redaktion geändert),

jede stärkere Verletzung ist zunächst einmal eine schlimme Erfahrung, sowohl für die verletzte Person, als auch in der Regel für die Beteiligten an der Situation. Im sportmedizinischen Sinne redet man nicht zu Unrecht von einem Trauma. Das bedeutet, du darfst mit dieser Situation unzufrieden sein, du darfst wütend, enttäuscht und traurig sein. Soviel zur Situation an sich!

In deiner Frage finde ich viele Hinweise darauf, dass die oben genannten Gefühlszustände auch auftreten und nicht alle können über einen Kamm geschoren werden.

Du hast dich gut vorbereitet gefühlt und dennoch ist doch dieser Unfall passiert. Da kann man schon einmal zynisch werden und sich fragen, warum so etwas überhaupt passiert ist? Auch eine gewisse Hilflosigkeit kann sich einstellen, da man sich die Frage stellen kann, warum trotz optimaler Vorbereitung denn sowas passieren konnte und wie man sich sicher sein kann, dass es nicht wieder passiert? Es gibt Unfälle die müssen unter „Pech“ abgebucht werden, ob das bei dir der Fall ist kann man schlecht beantworten, ohne wirklich zu wissen, wie deine Vorbereitung aussah und ob irgendwelche Defizite oder Vorschädigungen in der Stabilisation deines Kniegelenks vorlagen.

Ein weiteres wichtiges Merkmal deiner Schilderung ist die Schuldzuweisung an deine Gruppe auf der Piste. Die Schuldfrage ist bei Verletzungen eine sehr wichtige Frage, die sehr häufig auftaucht. Diese Frage solltest du klären und verarbeiten, denn sie kann dich hemmen, sowohl in der Reha als auch wenn du irgendwann wieder einsteigen willst ins Skifahren. Wen trifft welche Schuld? Wer hat welche Anteile? Diese Fragen sollten nicht im Raum stehen bleiben, denn sie lassen dich unter Umständen hilflos und verbittert zurück. Hierbei kann eine genauere Betrachtung der Situation und auch Gespräche mit anderen aus der Gruppe sowie Selbstreflektion helfen.

Wichtig ist sicherlich auch der Umgang mit der Reha. Hier kann eine gute Zielsetzung und Visualisierung helfen, die Rehabilitation zu beschleunigen und die entstandenen Emotionen zu verarbeiten und gegebenenfalls neu zu schärfen, damit du motiviert und mit einem Lächeln auf den Lippen zurück in den Sport kommen kannst.

Ich wünsche dir auf diesem Weg alles Gute und hoffe, dass du jemanden findest, der dich auf deinem Weg unterstützen kann. Du kannst dich sicherlich auch jederzeit bei mir oder meinen Kollegen melden. 

Antwort von: Dunja Lang (zum Profil)

Liebe Klara (Name von der Redaktion geändert),

zunächst einmal gute Besserung und viel Energie und Kraft auf dem Weg zurück!

Ich betreue viele ProfisportlerInnen im Alpinsport, und die Gefühle von Ohnmacht, Wut, Schmerz, Enttäuschung nach einer Verletzung sind sehr nachvollziehbar. Hier ist es aber nicht nur die Verletzung an sich, sondern die emotionale und soziale Komponente, das Gefühl, von anderen im Stich gelassen worden zu sein.

Meine KollegInnen haben dir ja schon viele Hinweise gegeben, wie wertvoll eine systematische Analyse und Reflexion ist. Auch dass es sinnvoll ist, das Geschehen zu verarbeiten und nach vorne zu schauen.

Das passiert aber meiner Erfahrung nach nicht allein durch die Erkenntnis, dass es notwendig und sinnvoll ist. Verarbeitung ist nicht nur eine “Kopfsache”.

Es gibt Mentaltechniken und Verarbeitungsmethoden aus dem Mentalcoaching, Sporthypnose und Traumatherapie, um das Geschehene zu verarbeiten, inkl. der Schuldvorwürfe. Da kann man auch die Emotionen und das Körpergefühl gut einbeziehen und auch den Körper “entstressen”. Erfahrungsgemäß kann das nötig und befreiend sein, sich da gute Unterstützung zu holen, damit man den Blick wieder nach vorne richten kann. 

Der Dialog mit den anderen Beteiligten des Unfalls kann hilfreich sein, aber auch das Gegenteil bewirken, je nach Qualität der Verarbeitung und des Dialogs. 

Schuldvorwürfe, auf denen man gefühlt “sitzen” bleibt, können die Genesung massiv behindern. Also mein Hinweis: du hast emotional ein “Recht” auf deine Gefühle, suche dir professionelle Unterstützung beim Verarbeiten des Geschehenen!

Und dann kannst du mit befreitem Kopf dein Comeback starten, da gibt es viele Möglichkeiten, z.B. mit Visualisierungstechniken und speziellen Techniken aus der Sporthypnose, die Genesung zu beschleunigen!

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    Mathias Liebing
    Mathias Liebinghttps://www.torial.com/mathias.liebing
    Redaktionsleiter bei Die Sportpsychologen und freier Journalist Leipzig Deutschland +49 (0)170 9615287 E-Mail-Anfrage an m.liebing@die-sportpsychologen.de