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Wolfgang Seidl:  Wenn der Kopf nicht frei ist, leidet der Körper

Jannik Sinner gilt als einer der Shootingstars des Welttennis, und gleichzeitig als jemand, der gelernt hat, auf seinen Körper und Kopf zu hören. Nach intensiven Turnierwochen entscheidet er immer wieder bewusst, wann und wo er wieder einsteigt. Auch Novak Djokovic zeigt, dass mentale und körperliche Erholung längst Teil seiner Erfolgsstrategie ist. Zwei Beispiele, die erkannt haben: Regeneration ist keine Pause – sie ist Teil des Trainings. Denn obwohl laut Herwig Straka, Turnierdirektor der Erste Bank Open in Wien, die reine körperliche Belastung auf der Tour nicht höher ist als früher, scheinen sich Verletzungen und mentale Krisen zu mehren. „Die Spieler nehmen heute an weniger Turnieren teil als früher. Thomas Muster etwa spielte in seiner Zeit 30 Turniere im Jahr“, sagt Straka. Warum klagen also einige Profis mehr oder minder öffentlich über Überlastung?

Zum Thema: Mentale Belastung im Tennis

Die Anforderungen haben sich verschoben. Nicht mehr allein der Schlägerarm entscheidet über Sieg oder Niederlage, sondern die mentale Belastbarkeit im Alltag eines globalen Markenbotschafters.

Topspieler stehen heute 24 Stunden im Fokus – auf Social Media, bei Sponsorenterminen, in der Öffentlichkeit. Jeder Post, jedes Interview, jede Geste wird bewertet. Hinzu kommen Reisen über Zeitzonen hinweg und ständige Anpassung an neue Bedingungen. Was früher eine körperliche Herausforderung war, ist heute oft eine mentale Daueranspannung. Herwig Straka bringt es auf den Punkt: „Wenn der Kopf nicht frei ist, leidet auch die körperliche Erholung.“

Mentale Erschöpfung – die unsichtbare Verletzung

Viele Verletzungen entstehen nicht nur durch Muskelüberlastung, sondern durch mentale Ermüdung. Wer ständig unter Druck steht, schläft schlechter, regeneriert langsamer und reagiert später. Der Körper folgt dem Geist, und wenn der Geist nicht abschaltet, verliert der Körper seine natürliche Balance.

Im Tennis, wo Reaktionszeit, Präzision und Emotion eine zentrale Rolle spielen, kann dieser mentale Verschleiß schnell in körperliche Probleme münden. Die Statistik zeigt: Immer mehr Spieler müssen Matches aufgeben oder Turniere absagen, nicht wegen fehlender Fitness, sondern wegen Erschöpfung.

Warum alte Vergleiche nicht greifen

Früher galt: mehr spielen, härter trainieren, weiterkämpfen. Doch dieser Vergleich hinkt. Ein Thomas Muster oder Pete Sampras lebten in einer analogen Welt, ohne Social Media, ohne ständige öffentliche Bewertung. Nach einem Match gab es Rückzugsmöglichkeiten. Heute ist der Tennissport Teil eines permanenten Medienzyklus, in dem Stille fast schon Luxus ist.

Der Unterschied: Früher war der Körper am Limit. Heute ist es oft der Kopf.

Bewusster Umgang mit Energie – das neue Erfolgsprinzip

Novak Djokovic lebt vor, dass mentale Erholung gleichbedeutend mit Training ist. Er integriert Meditation, Atemtechniken und Visualisierung in seinen Alltag und betont, dass mentale Klarheit entscheidend für seine Konstanz ist. Das hilft ihm, auch als 39-Jähriger noch Teil der Weltspitze zu sein.

Auch Jannik Sinner zeigt, dass bewusstes Planen ein Erfolgsfaktor ist: Er verzichtet gezielt auf Turniere, achtet auf Ruhephasen und gestaltet seinen Jahresplan so, dass er körperlich und mental im Gleichgewicht bleibt. Diese Haltung zeigt: Mentale Stärke bedeutet heute nicht nur Fokus und Disziplin, sondern auch die Fähigkeit, rechtzeitig Nein zu sagen.

Mentale Lösungen für mehr Erholung

Wer auf höchstem Niveau bestehen will, muss mentale Erholung aktiv gestalten. Einige bewährte Ansätze:

  1. Achtsamkeit trainieren
    Bewusst innehalten – beim Frühstück, im Flugzeug, vor dem Match. Achtsamkeit stärkt Präsenz und Erholungsfähigkeit.
  2. Digitale Grenzen setzen
    Social-Media-Pausen bewusst einplanen. Nicht jede Nachricht verdient Aufmerksamkeit. Mentale Energie ist kostbar.
  3. Bewusstes Reisen
    Kleine Rituale helfen, den Übergang von Turnier zu Turnier zu meistern, Musik, Atemübungen, kurze Meditationen.
  4. Mentale Regenerationsroutinen
    Abendliche Reflexion, Dankbarkeit oder Atempausen fördern emotionale Entspannung und Schlafqualität.
  5. Selbstverantwortung stärken
    Mental Health ist kein Zeichen von Schwäche, sondern Ausdruck professioneller Selbstführung.

Fazit: Der freie Kopf als Erfolgsfaktor

Die körperliche Belastung im Tennis ist beherrschbar, die mentale Belastung ist zur großen Herausforderung geworden. Wer heute an der Spitze bestehen will, braucht mehr als Technik und Athletik. Es braucht Bewusstheit, Selbstführung und die Fähigkeit, loszulassen.

Nur wer den Kopf frei hat, kann auch den Körper wirklich erholen. Wer daran arbeiten will, ist Beim Netzwerk Die Sportpsychologen genau richtig: Sicher findet ihr einen meiner Kollegen oder eine Kollegin in eurer Nähe (zur Übersicht) – oder meldet euch gern bei mir (zum Profil von Wolfgang Seidl).

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Danijela Bradfisch: Die Emotionsblume blüht im Nachwuchssport

Emotionen spielen im Sport eine zentrale Rolle, da sie Motivation, Konzentration, Entscheidungsfähigkeit und Leistung maßgeblich beeinflussen. Besonders im Nachwuchsleistungssport befinden sich Athletinnen und Athleten in einer Phase intensiver persönlicher und sportlicher Entwicklung. Sie müssen lernen, mit Erfolgen, Misserfolgen, Leistungsdruck und Erwartungen umzugehen. Sportpsychologische Betreuung verfolgt daher das Ziel, emotionale Kompetenzen zu fördern und junge Sportler dabei zu unterstützen, ihre Gefühle wahrzunehmen, zu verstehen und konstruktiv zu regulieren.

Zum Thema: Umgang mit Emotionen im Nachwuchssport

Die Emotionsblume stellt ein visuelles Modell dar, das verschiedene Emotionen und deren Intensitätsstufen in einer blütenförmigen Struktur zeigt. Im Zentrum befinden sich grundlegende emotionale Zustände wie Begeisterung, Bewunderung, Erschrecken oder Betrübtheit. In den äußeren Bereichen erscheinen intensivere oder differenziertere Gefühle wie Optimismus, Enttäuschung oder Hass. Durch diese Darstellung wird deutlich, dass Emotionen unterschiedliche Abstufungen und Übergänge besitzen und nicht isoliert auftreten.

Emotionen beeinflussen sportliche Leistungen erheblich. Positive Emotionen wie Freude, Begeisterung oder Vertrauen können Motivation, Selbstvertrauen und Konzentration fördern. Negative Emotionen wie Angst, Ärger oder Enttäuschung können hingegen leistungshemmend wirken, gleichzeitig aber auch Energie mobilisieren, wenn sie konstruktiv genutzt werden. Nach der kognitiven Emotionstheorie entstehen Emotionen durch die Bewertung einer Situation (Lazarus, 1991). Im sportlichen Kontext bedeutet dies, dass Athleten beispielsweise denselben Wettkampf entweder als Herausforderung oder als Bedrohung wahrnehmen können, was unterschiedliche emotionale Reaktionen hervorruft.

Förderung emotionaler Kompetenzen

Ein zentrales Ziel sportpsychologischer Betreuung ist die Entwicklung emotionaler Kompetenzen. Dazu gehört zunächst die Fähigkeit zur emotionalen Wahrnehmung, also das Erkennen eigener Gefühle in Trainings- und Wettkampfsituationen. Darauf aufbauend lernen Athleten, Emotionen differenziert zu benennen und ihre Intensität einzuschätzen. Schließlich entwickeln sie Strategien zur Emotionsregulation, beispielsweise durch Atemtechniken, Selbstgespräche, Visualisierung oder Routinen vor Wettkämpfen. Diese Fähigkeiten stehen in engem Zusammenhang mit dem Konzept der emotionalen Intelligenz (Salovey & Mayer, 1990; Goleman, 1995).

Die Emotionsblume kann in der sportpsychologischen Praxis auf verschiedene Weise eingesetzt werden. Nach Training oder Wettkampf können Athleten aus der Emotionsblume die Emotion auswählen, die ihre aktuelle Gefühlslage am besten beschreibt. Dies unterstützt die Reflexion eigener Erfahrungen. Vor Wettkämpfen kann die Emotionsblume genutzt werden, um die aktuelle emotionale Ausgangslage zu erkennen. Darüber hinaus kann sie als Gesprächsgrundlage zwischen Athleten, Trainern und Sportpsychologen dienen und die Kommunikation über Gefühle erleichtern.

Übung für die Praxis

Für die Begleitung von Kindern/Jugendlichen empfehle ich folgende Übung – mit Fokus auf Gefühlsausdruck, Zutrauen und inneren Raum. Nehmt gern Kontakt auf, wenn dazu Fragen entstehen.

1. Der Raum-Atem

So geht’s:

Eine Hand auf den Bauch, eine auf das Herz legen. Langsam durch die Nase einatmen. Beim Ausatmen vorstellen, dass im Bauch mehr Platz entsteht.

Begleitende Worte:

„Mit jedem Atemzug wird es in dir weiter. Deine Gefühle haben Platz.“

2. Das Gefühle schütteln

So geht’s:

Aufstehen und Arme, Beine, Schultern locker ausschütteln – erst langsam, dann schneller, dann wieder langsam. Zum Schluss kurz stillstehen.

Begleitende Worte:

„Alles darf sich bewegen. Nichts muss festgehalten werden.“

3. Der Gefühls-Check-in

So geht’s:

Ruhig sitzen oder liegen. Sanft fragen: „Wo spürst du gerade etwas in deinem Körper?“ „Ist es eher groß oder klein?“ 

Optional darf das Gefühl eine Farbe oder Form bekommen.

4. Der sichere Rückzug

So geht’s:

Das Kind rollt sich klein zusammen wie eine Schildkröte. Tief einatmen. Beim Ausatmen die Arme langsam öffnen.

Begleitende Worte:

„Du darfst dich schützen. Und du darfst dich wieder öffnen – in deinem Tempo.“

5. Die Herz-Verbindung (ACHTUNG – Erst VORHER um Erlaubnis des Kindes fragen und die Eltern über diese Übung aufklären !!)

So geht’s:

Wenn es sich gut anfühlt: eine Hand des Kindes und eine der Bezugsperson auf das Herz des Kindes legen. 3–5 Atemzüge gemeinsam atmen.

Begleitende Worte:

„Du bist nicht allein mit deinen Gefühlen. Ich bin da.“

Hinweis: Diese Übungen laden ein, nichts zu erzwingen. Gefühle dürfen kommen und gehen. Manchmal reicht es, gemeinsam zu atmen.

Pädagogische Bedeutung

Der Nachwuchssport verfolgt nicht nur leistungsorientierte Ziele, sondern auch pädagogische. Die bewusste Arbeit mit Emotionen unterstützt die Persönlichkeitsentwicklung junger Athleten. Sie lernen, mit Druck, Niederlagen und Erwartungen umzugehen, entwickeln Selbstvertrauen und stärken ihre sozialen Kompetenzen. In diesem Sinne trägt sportpsychologische Betreuung sowohl zur Leistungsentwicklung als auch zur ganzheitlichen Entwicklung von Nachwuchsathleten bei.

Fazit

Die Emotionsblume stellt ein anschauliches und praxisnahes Instrument dar, um emotionale Prozesse im Nachwuchsleistungssport sichtbar zu machen. Sie unterstützt Athleten dabei, ihre Gefühle besser wahrzunehmen, zu benennen und zu reflektieren. In Kombination mit sportpsychologischen Methoden kann sie einen wichtigen Beitrag zur Entwicklung emotionaler Kompetenzen leisten und somit sowohl die sportliche Leistung als auch die persönliche Entwicklung junger Sportlerinnen und Sportler fördern.

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Literatur

Weinberg, R. S., & Gould, D. (2019). Foundations of Sport and Exercise Psychology. Champaign: Human Kinetics.

Lazarus, R. S. (1991). Emotion and Adaptation. Oxford: Oxford University Press.

Salovey, P., & Mayer, J. D. (1990). Emotional intelligence. Imagination, Cognition and Personality, 9(3), 185–211.

Goleman, D. (1995). Emotional Intelligence. New York: Bantam Books.

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Die beste Zeit für Sportpsychologie: Kurz nach Saisonende

Wir bei Die Sportpsychologen werden häufig gefragt, ob denn jetzt eigentlich ein guter Zeitpunkt sei, mit der Sportpsychologie zu beginnen? Schauen wir uns das genauer an. Warum ist vielleicht gerade das Saisonende, also die Phase kurz nach den letzten Spieltagen oder Wettkämpfen, der perfekte Zeitpunkt?

Yvonne Dathe, Die Sportpsychologen
Yvonne Dathe, Die Sportpsychologen

Antwort von: Yvonne Dathe (zum Profil)

Das Saisonende ist aus mehreren Gründen ein idealer Zeitpunkt, um mit sportpsychologischer Arbeit zu starten:

  1. Reflexion und Analyse
    Nach Abschluss der Saison sind Sportler oft motiviert, ihre Leistung zu reflektieren. Sie können offen über Erfolge, Misserfolge und Herausforderungen sprechen, was eine ehrliche und tiefgehende Analyse ermöglicht.
  2. Geringer Leistungsdruck
    Da keine unmittelbaren Wettkämpfe anstehen, besteht weniger Leistungsdruck. Das schafft eine entspanntere Atmosphäre, in der Sportler sich besser auf psychologische Themen konzentrieren können, ohne Angst vor Ablenkung oder zusätzlicher Belastung.
  3. Zielsetzung für die nächste Saison
    Der Zeitraum eignet sich ideal, um klare und realistische Ziele für die kommende Saison zu formulieren. Sportpsychologische Methoden können dabei helfen, Motivation zu steigern und Strategien zur Zielerreichung zu entwickeln.
  4. Bearbeitung von Belastungen und Stress
    Während der Saison sammeln sich oft mentale Belastungen an. Jetzt können diese Themen aufgearbeitet werden, bevor sie in der nächsten Saison zu Problemen führen.
  5. Aufbau von mentalen Fähigkeiten
    In der Saisonpause ist Zeit, um mentale Techniken wie Konzentrationsübungen, Stressmanagement oder Visualisierung zu trainieren, die dann im kommenden Wettkampfzyklus angewendet werden können.
  6. Integration in Trainingsplanung
    Sportpsychologische Arbeit kann gut mit dem Trainingsplan für die Vorbereitung auf die nächste Saison abgestimmt werden, da noch keine Wettkämpfe anstehen und Anpassungen leichter möglich sind.

Zusammengefasst: Das Saisonende ist ein günstiger Moment, weil Sportler Zeit zur Reflexion haben, weniger unter Druck stehen und sich mental auf die nächste Phase vorbereiten können. So wird die sportpsychologische Arbeit wirksamer und nachhaltiger.

Danijela Bradfisch, Die Sportpsychologen
Danijela Bradfisch, Die Sportpsychologen

Antwort von: Danijela Bradfisch (zum Profil)

Erfahrungen sind noch frisch – mentale Stärken und Probleme der Saison lassen sich direkt analysieren. Da keine Wettkämpfe mehr anstehen, haben alle Beteiligten mehr Zeit. Es entsteht Raum für Reflexion und gezielte mentale Entwicklung und wiederkehrende Muster (Leistungsschwankungen, Nervosität oder Umgang mit Drucksituationen, ggf. durch Videoanalysen) können sichtbar gemacht werden. Das bietet die Chance, neue mentale Routinen aufbauen zu können. Konzentration, Selbstvertrauen und Umgang mit Druck lassen sich stressfreier trainieren und mit Konsequenzen in Testspiele angewendet werden. Die Motivation zur Veränderung ist hoch, denn nach der Saison ist der Wunsch nach Weiterentwicklung oft besonders groß. Dies gilt auch für die Volition, den Willen der Handlungsabsicht. Es ist eine optimale Zeit für den Start mit der Sportpsychologie: Mentale und körperliche Stärke können frühzeitig aufgebaut und ausgebaut werden, statt erst in Krisen darauf reagieren zu müssen.

Prof. Dr. René Paasch, Die Sportpsychologen
Prof. Dr. René Paasch, Die Sportpsychologen

Antwort von Prof. Dr. René Paasch (zum Profil):

In dieser Phase sind Erfahrungen und Emotionen noch sehr präsent. Erfolg, Druck, Enttäuschung oder Konflikte können deutlich ehrlicher reflektiert werden als mitten im Wettkampfbetrieb. Viele Athletinnen und Athleten sind nach der Saison erstmals bereit, nicht nur über Leistung, sondern auch über Belastung, Motivation oder persönliche Entwicklung zu sprechen. Genau hier kann Sportpsychologie helfen, Erfahrungen sinnvoll einzuordnen und daraus nachhaltige Entwicklungsprozesse entstehen zu lassen. 

Ich erinnere mich an einen Fußballspieler, der während der Saison nach außen immer stabil wirkte und jede Woche „funktionierte“. Erst wenige Tage nach dem letzten Spiel sagte er im Gespräch plötzlich: „Eigentlich habe ich seit Monaten nur noch Druck gespürt und kaum noch Freude am Fußball gehabt.“ Genau solche Momente entstehen häufig erst nach Saisonende. Der Wettkampfdruck fällt etwas ab und dadurch wird echte Reflexion überhaupt erst möglich.

 

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Anke Precht: Psychologische Selbsthilfe nach Trainingssturz

Streckentraining vor dem Cross Country Weltcup, dabei ein Sturz. Glück gehabt, könnte man sagen. Lieber im Training als im Rennen. Stimmt. Ist aber nicht nur im Mountainbike-Sport zu kurz gedacht. Gerade bei Stürzen auf der Rennstrecke unmittelbar vor einem Rennen bleibt für das Rennen Unsicherheit: Bin ich für diesen Streckenabschnitt wirklich gut vorbereitet? Könnte sich der Sturz im Rennen wiederholen? 

Zum Thema: Umgang mit Stürzen am Beispiel von XCO im Mountainbike 

Gerade, wenn nicht klar ist, was zu dem Sturz geführt hat, neigen Athleten dazu, im Rennen genau da vorsichtig zu fahren, wo sie im Training gestürzt sind. Vorsicht ist an sich nichts Schlechtes, aber für das nötige Tempo auf der Strecke für die Bestleistung schädlich. Und auch für die Konzentration. Denn wer vorsichtig fährt, im Bewusstsein eines möglichen Sturzes, muss aus dem Tunnel, also aus dem Flow. Das langsame Gedächtnis löst das schnelle ab, Information wird nun seriell verarbeitet und nicht mehr komplex und automatisiert, die endlos trainierten Reflexe greifen nicht mehr so gut. Dadurch kann sich das Verletzungsrisiko sogar erhöhen, anstatt abzunehmen.

Was tun nach einem Trainingssturz, wenn der Sportpsychologe nicht vor Ort ist?

Ich empfehle, gerade in Situationen, in denen weder ich noch ein Kollege oder eine Kollegin vor Ort ist, folgende Handlungsoptionen:

  • Spannung herausnehmen: An den Sturz denken, gleichzeitig tief und langsam atmen, mit der Betonung auf dem Ausatmen. Das beruhigt das Nervensystem und nimmt die Spannung aus dem kürzlich Erlebten.
  • Mentale Timeline-Arbeit: Noch einmal zurückschauen zum Training. Dann umdrehen und nach vorne schauen. Das Rennen vorstellen, das stattfinden wird, sich dabei auf der Strecke sehen, wie man sie fahren möchte. Darin sollten Informationen aus dem Training enthalten sein, zum Beispiel: Welche Linie werde ich fahren, damit ich sicher durch den Rock Garden komme?
  • An Ressourcen anknüpfen: Vielleicht ist der Athlet diese Strecke im Wettkampf ja schon einmal erfolgreich gefahren, zum Beispiel im Vorjahr? Dann daran erinnern, möglichst mit allen Sinnen. Auch das hilft dabei, die negative Erfahrung zu „überschreiben“ und an die bereits trainierten Fähigkeiten anzuknüpfen.
  • Wenn möglich: Strecke nochmal abfahren, vor allem den Abschnitt mehrmals, wo es zum Sturz gekommen ist, dieses Mal erfolgreich und sauber – das hilft dabei, die negative Erfahrung zu „überschreiben“ und gibt Sicherheit für das Rennen.

Wer persönliche Unterstützung benötigt, dem stehe ich (zum Profil von Anke Precht) oder die Experten und Expertinnen von Die Sportpsychologen (zur Übersicht) gern zur Verfügung. 

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Klaus-Dieter Lübke Naberhaus: Julian Nagelsmanns Teambuilding-Aufgabe

„Neuer“ oder „Koan Neuer“? Das war eine der Fragen, mit der sich Bundestrainer Julian Nagelsmann ganz offensichtlich in den vergangenen Wochen schwer tat. In jedem Fall lässt sich die Kommunikation- und Pressearbeit aus der Kommandozentrale des DFB-Nationalteams durchaus kritisieren. Entsprechend elektrisiert reagieren die deutschen Medien auf die Kaderzusammenstellung vor der Fußball-WM im Sommer 2026 in den USA, Kanada und Mexiko. Auch wir bei Die Sportpsychologen wurden mehrfach gebeten, mögliche Zusammenhänge zu erklären.

Zum Thema: Teambuilding

Klaus-Dieter Lübke Naberhaus nutzte ein Interview mit dem Radiosender WDR 5, um die Phasen des Teambuildings zu skizzieren. Die nominelle Kaderzusammenstellung ordnet er dabei eher dem Design zu und betont, dass die wesentliche Arbeit jetzt beginnt. Bis zum Start der Weltmeisterschaft Mitte Juni gehe es darum, aus den Einzelspielern eine funktionale Einheit zu Bilder. Mehr dazu im Radio-Interview:

https://www1.wdr.de/mediathek/audio/wdr5/wdr5-morgenecho-interview/audio-fussball-wm-was-macht-ein-erfolgreiches-team-aus-100.html

Angebot

Du bist selbst Trainer oder Trainerin einer Auswahlmannschaft oder eines Club-Teams und stehst ebenso vor der Herausforderung, aus Individuen eine optimale Gruppe zu formen? Wir von Die Sportpsychologen helfen dabei gern – im Hintergrund oder Seite an Seite. Nimm gern zu Klaus (zum Profil von Klaus-Dieter Lübke Naberhaus) oder unseren Experten und Expertinnen in deiner Nähe (zur Übersicht) Kontakt auf.

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Thorsten Loch: Weg vom Einheitsdenken in der Fußballausbildung

Ein Jugendfußballturnier am Wochenende: Viele Spiele, viele Teams – und doch wirkt es, als sähe man immer wieder das Gleiche. Strukturiertes Aufbauspiel, abgesicherte Formationen, kaum Dribblings oder riskante Aktionen. Was zählt, ist das Funktionieren des Systems. Wer auffällt, stört. Schnell wird dann der Ruf nach den sogenannten „Persönlichkeiten“ laut. SpielerInnen, die mutig sind, die anders denken, die mit Kreativität und Instinkt Spiele entscheiden können. Doch wo sind sie geblieben – die Ansgar Brinkmanns, die Straßenfußballer, die unverwechselbaren Typen, die sich nicht in ein Schema pressen lassen?

Zum Thema: Wie können junge AthletInnen so gefördert werden, dass ihre individuelle Stärke Raum bekommt – statt sie früh in taktische Systeme einzupassen?

„Wir müssen im Nachwuchs weg vom taktisch orientierten Denken und hin zur Entwicklung von Spezialisten.“ Mit diesem klaren Statement im kicker hat Eintracht-Sportvorstand Markus Krösche vor Monaten genau diesen Eindruck auf den Punkt gebracht – und damit eine Diskussion angestoßen, die weit über den Fußball hinausreicht.

Denn eines ist klar: Die jungen FußballerInnen von heute sind technisch nicht schlechter ausgebildet – im Gegenteil, die Trainingsmöglichkeiten sind moderner und vielfältiger denn je. Aber warum zeigen sie es nicht? Was hindert sie daran, ihre Kreativität, ihre Instinkte, ihre Stärken wirklich auszuspielen?

Makro-Ebene: Strukturen und Systeme

Ein Blick auf die Nachwuchsausbildung in Deutschland zeigt: Vieles dreht sich um Ordnung, Taktik und mannschaftliche Geschlossenheit. Schon in jungen Jahrgängen zählt, ob eine U15 „funktioniert“. Spielsysteme werden einstudiert, kollektive Abläufe perfektioniert. Der individuelle Ausdruck einzelner SpielerInnen – ein riskantes Dribbling, ein mutiger Abschluss, ein kreativer Pass – gerät dabei oft in den Hintergrund.

Die sportwissenschaftliche Forschung unterstreicht, warum das problematisch ist. Das Modell des Long-Term Athlete Development (Balyi & Hamilton, 2004) betont, dass Talente alters- und entwicklungsgerecht gefördert werden müssen. Gerade die Balance zwischen allgemeinen Grundlagen und individueller Spezialisierung entscheidet darüber, ob sich langfristig Spitzenleistungen entwickeln.

Côté et al. haben im Developmental Model of Sport Participation (Côté, 1999; Côté, Baker & Abernethy, 2007) gezeigt, dass vor allem die Phase des freien Spiels („deliberate play“) entscheidend für Kreativität und Spielintelligenz ist. Wer zu früh in starre Systeme gezwungen wird, verliert jene Freiräume, die für die Ausbildung unverwechselbarer Spielertypen nötig sind.

Auch das Konzept des bewussten, zielgerichteten Übens („deliberate practice“) von Ericsson et al. (1993) ist hier zentral. Die Grundidee – dass intensives, fokussiertes Üben Voraussetzung für Expertise ist – gilt weiterhin als anerkannt. Neuere Arbeiten (Macnamara et al., 2014; Hambrick et al., 2016) machen jedoch deutlich: deliberate practice allein reicht nicht. Entscheidend sind zusätzlich Faktoren wie Talent, Motivation und die Qualität des Umfelds. Für die Talententwicklung bedeutet das: Strukturiertes Training ist wichtig – aber ohne Spielräume für Kreativität bleibt es unvollständig.

Gerade im Fußball gibt es dazu empirische Evidenz. Hornig, Aust & Güllich (2016) konnten nachweisen, dass deutsche Top-SpielerInnen im Jugendalter vor allem durch variable Spiel- und Praxiserfahrungen geprägt waren. Wer vielfältiger gefordert und ausprobierend spielen durfte, hatte langfristig bessere Chancen, im Profibereich Fuß zu fassen.

Eine aktuelle Studie im deutschen Talentpfad bestätigt diese Sicht: Hauser et al. (2024) zeigen, dass die Qualität des sozialen Klimas im Nachwuchsleistungszentrum entscheidend mit der Entwicklung von Talenten zusammenhängt. Systeme, die zu stark auf kurzfristige Ergebnisse ausgerichtet sind, hemmen dagegen das langfristige Entwicklungspotenzial.

„To play with freedom was the motto at the time.“

Ein Beispiel liefert Jamal Musiala, der über seine Jugendzeit in England berichtet:„To play with freedom was the motto at the time.“ In England lernte er, individuelle Technik zu nutzen, Eins-gegen-Eins-Situationen zu suchen, kreativ zu sein – auch mit dem Risiko, Fehler zu machen. Diese Erfahrungen sagen viel darüber aus, wie wichtig Freiräume sind, gerade in frühen Jahren. (Musiala taking inspiration from England’s youth teams for Germany | World Cup 2022 | The Guardian– Musiala selbst betont auch, dass dies sein persönlicher Weg war; nicht alle Jugendakademien funktionieren so.) 

Foto: Canva IA

Mikro-Ebene: Psychologische Perspektive

Während die strukturelle Ebene zeigt, wie stark Systeme die Entwicklung prägen, rückt die psychologische Ebene das Individuum in den Mittelpunkt. Besonders die Selbstbestimmungstheorie (Deci & Ryan, 1985; Ryan & Deci, 2000; Ryan & Deci, 2017) bietet hier ein klares Erklärungsmodell: Menschen sind dann motiviert und entwickeln ihr Potenzial, wenn drei Grundbedürfnisse erfüllt sind – Autonomie, Kompetenz und soziale Eingebundenheit.

  • Autonomie: Wer eigene Entscheidungen treffen und Stärken einbringen darf, erlebt Selbstbestimmung. Werden SpielerInnen nur taktisch eingeengt, sinkt ihre intrinsische Motivation (Ryan & Deci, 2017).
  • Kompetenz: Wer in seiner Rolle Fortschritte erlebt – etwa als Stürmer, Spielmacher oder Verteidiger – steigert das Gefühl, etwas Besonderes beizutragen (Deci & Ryan, 2000).
  • Soziale Eingebundenheit: Wenn TrainerInnen und MitspielerInnen diese Stärken wertschätzen, steigt die Bindung an Team und Sport (Ryan & Deci, 2017).

Wissenschaftliche Befunde bestätigen die Praxisrelevanz: Vallerand (2007) zeigt, dass erfüllte psychologische Grundbedürfnisse die intrinsische Motivation und die Bereitschaft zu Verantwortung im Sport verstärken. Aktuelle Studien belegen zudem, dass Motivation nicht stabil bleibt, sondern dynamisch mit der erlebten Trainingsumgebung zusammenhängt. So konnten Rodrigues et al. (2024) in einer Längsschnittstudie im Jugendfußball nachweisen, dass die anfängliche Freude am Spiel und ein unterstützendes Klima maßgeblich bestimmen, ob SpielerInnen über eine Saison hinweg motiviert bleiben.

Auch soziale Unterstützung ist ein Schlüsselfaktor: Wachsmuth et al. (2025) zeigen, dass Jugendliche Motivation und Bindung besonders dann entwickeln, wenn sie Rückhalt von TrainerInnen, Eltern und Team spüren. Diese Ergebnisse unterstreichen: Individuelle Förderung bedeutet nicht nur technische Ausbildung, sondern vor allem psychologische Rahmung.

Fazit

Markus Krösches Kritik verweist auf mehr als nur eine taktische Frage: Es geht um die Grundhaltung in der Talentförderung. Wer individuelle Stärken erkennt und gezielt entwickelt, schafft nicht nur Spezialisten für bestimmte Positionen – sondern auch motivierte, selbstwirksame Persönlichkeiten.

Individuelle Förderung ist kein Widerspruch zum Teamgedanken – sie ist sein Fundament. Denn nur wenn SpielerInnen erleben, dass ihre besonderen Fähigkeiten gesehen und geschätzt werden, sind sie bereit, in entscheidenden Momenten Verantwortung zu übernehmen.

Praktischer Hinweis: 

Für TrainerInnen im Alltag bedeutet das: Neben den taktischen Vorgaben lohnt es sich, Trainingseinheiten bewusst mit Freiräumen zu gestalten. Kleine 1-gegen-1-Formate, kreative oder offene Spielformen fördern nicht nur Technik, sondern auch Autonomie und Mut. Oft reicht schon ein kurzer Teil der Einheit, um SpielerInnen das Gefühl zu geben: Hier darf ich mich oder eine Idee ausprobieren.

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Mehr zum Thema:

Literaturverzeichnis

Balyi, I., & Hamilton, A. (2004). Long-Term Athlete Development: Trainability in childhood and adolescence.

Côté, J., Baker, J., & Abernethy, B. (2007). Practice and play in the development of sport expertise. In S. J. Singer, H. A. Hausenblas & C. M. Janelle (Eds.), Handbook of Sport Psychology (3. Aufl.), 184-202.

Deci, E. L., & Ryan, R. M. (1985). Intrinsic Motivation and Self-Determination in Human Behavior.

Ericsson, K. A., Krampe, R. T., & Tesch-Römer, C. (1993). The role of deliberate practice in the acquisition of expert performance. Psychological Review, 100(3), 363-406.

Hauser, L.-L., Höner, O., & Wachsmuth, S. (2024). Links between environmental features and developmental outcomes of elite youth athletes: A cross-sectional study within the German talent pathway. Psychology of Sport & Exercise, 71, 102569.

Hornig, M., Aust, F., & Güllich, A. (2016). Practice and play in the development of German top-level professional football players. European Journal of Sport Science, 16(1), 96-105.

Rodrigues, F., Monteiro, D., Matos, R., Jacinto, M., Antunes, R., & Amaro, N. (2023). Motivation among teenage football players: A longitudinal investigation throughout a competitive season. European Journal of Investigation in Health, Psychology and Education, 13(9), 1717-1727.

Rodrigues, F., Monteiro, D., Matos, R., Jacinto, M., Antunes, R., & Amaro, N. (2024). Exploring the dynamics of athletes’ enjoyment and self-determined motivation, and of the motivational climate in youth football: A longitudinal perspective. Perceptual & Motor Skills, 131(2), 551-567.

Ryan, R. M., & Deci, E. L. (2000). Self-determination theory and the facilitation of intrinsic motivation, social development, and well-being. American Psychologist, 55(1), 68-78.

Vallerand, R. J. (2007). Intrinsic and extrinsic motivation in sport and physical activity. In G. Tenenbaum & R. C. Eklund (Eds.), Handbook of Sport Psychology (3. Aufl.), 59-83.

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Björn Korfmacher: Wenn Erfolg aufs Glatteis führt

Das enttäuschende Abschneiden der deutschen Eishockey-Nationalmannschaft bei Olympia 2026 ist noch gar nicht lang her, da droht jetzt bei der Eishockey-WM in der Schweiz schon das nächste Fiasko. Mit null Punkten nach den ersten drei Spielen ist der Einzug in die K.o.-Runde mindestens gefährdet. Es ist bereits die Rede von unserer größten WM-Pleite seit 89 Jahren. Und das – Vorsicht, Ironie! – nachdem wir auf dem besten Weg zur Eishockey-Übermacht waren. Wie konnte es nur so weit kommen? 

Zum Thema: Der Zusammenhang von Teamidentität und Leistungspotential

Mit Olympia-Silber 2018, WM-Silber 2023 und Namen wie Draisaitl, Stützle oder Seider, die der NHL, der besten Eishockeyliga der Welt, ihren Stempel aufdrücken, schien das deutsche Eishockey im internationalen Vergleich endgültig ganz oben angekommen zu sein. Für die WM-Endrunde, auch wenn die allergrößten Stars diesmal fehlen, hieß das Minimalziel Viertelfinale. Weltmeister? Durchaus möglich! Die deutsche Eishockey-Nationalmannschaft kann jeden schlagen. So hörte man in der letzten Zeit immer wieder. Und prompt blieben die großen Erfolge aus. Ein Zufall? 

Ich denke nicht. Am stärksten spielte die deutsche Eishockey-Nationalmannschaft immer dann, wenn man ihr nicht so viel zugetraut hatte. In der Rolle des Underdogs. Mit bescheidenen, aber realistischen Zielen. Da ist ein Muster zu erkennen: Die Mannschaft entfaltet ihr Potenzial vor allem aus der Außenseiterrolle heraus, während hoher Erwartungsdruck ihre Leistungsfähigkeit sichtbar hemmt. Ist es im Sinne der Leistungsbereitschaft und des Kampfgeistes also besser, eine Haltung aus Bodenständigkeit, Arbeitsmoral und Wachsamkeit einzunehmen als aus einem Gefühl vermeintlicher Überlegenheit zu agieren?

Gut möglich, aber da ist in meinen Augen noch etwas …

Aufgesetzte Identität

Vielleicht ist es eine Unterstellung – aber dennoch stelle ich hier mal eine kühne Behauptung zur Diskussion: Die deutsche Nationalmannschaft bekommt neuerdings etwas eingeredet, was sie nicht ist. Was ich damit meine: Die meisten deutschen Nationalspieler sind im internationalen Vergleich mit den Top-Nationen weder brillante Techniker noch herausragende Skater. Die deutsche Nationalmannschaft steht nicht für spielerische Eleganz, Finesse und ausgeprägte Skill-Sets. Und dennoch haben wir, angefangen bei den Fans, den Fachleuten bis mindestens zu den Medien, nach den jüngeren Erfolgen womöglich versucht, genau das der Mannschaft und ihren Spielern zu verkaufen – vollends am eigentlichen und wahrhaftigen Potenzial vorbei. Aber einer aufgesetzten Identität gerecht zu werden, ist immer schwer bis unmöglich. Echte Potenzialentfaltung kann nur da passieren, wo Authentizität herrscht und man sich seiner ureigenen Stärken bewusst ist. Für die deutsche Eishockey-Nationalmannschaft heißt das aus meiner Sicht: Disziplin, Kampfgeist, mannschaftliche Geschlossenheit, Effizienz statt Spektakel.  

Vielleicht schafft die deutsche Eishockey-Nationalmannschaft es ja in diesem Turnier noch, sich auf ihre guten alten Tugenden zu besinnen und allen zu zeigen, wozu sie fähig ist. In der Sportpsychologie raten wir diesbezüglich gern zur Ehrlichkeit, ungeschminkten Wahrheiten und dem Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten.

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    • du profitierst von der begleitenden Beratung durch den Redaktionsleiter Mathias Liebing
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    • Veröffentlichungen: mindestens 3 Beiträge pro Jahr
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    Mindestens ein Kriterium muss für die Aufnahme im Netzwerk Die Sportpsychologen erfüllt sein. 

    • du hast erfolgreich ein Studium der Sportpsychologie, Psychologie, Sportwissenschaft mit Schwerpunkt Sportpsychologie absolviert
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    Hinweis: Interessenten mit Wohnsitz in der Schweiz müssen den Nachweis erbringen, Fachtitelträger Sportpsychologie (FSP) oder ordentliches Mitglied der SASP zu sein. Für Fragen hinsichtlich des Experten-Netzwerkes steht Philippe Müller als Ansprechpartner zur Verfügung.

    Philippe Müller

    mobil: +41 79 910 39 40
    mail: p.mueller@die-sportpsychologen.ch

    Interessenten aus Deutschland oder Österreich können sich gern persönlich an folgende Ansprechpartner werden:

    Redaktionsleiter:

    Mathias Liebing ist Gründer und Redaktionsleiter der Plattform Die Sportpsychologen. Als freier Journalist mit dem Themenschwerpunkt Sportpsychologie arbeitet er für die ARD, DAZN, ZDF, SRF, MDR, Deutsche Welle und diversen Print- und Online-Medien. Sein Magister-Studium der Sportwissenschaften, der Medien- und Kommunikationswissenschaften und der Zeitgeschichte absolvierte er an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg.

    Mathias Liebing
    mobil: +49 170 9615287
    mail: m.liebing@die-sportpsychologen.de

    Fachredakteur:

    Prof. Dr. Oliver Stoll (* 5. Februar 1963) studierte an der Justus-Liebig-Universität Gießen Sportwissenschaft, Psychologie und Pädagogik sowie am College of Charlestin (S.C., USA). Er promovierte 1993 zum Dr. phil. im Fach Sportwissenschaft an der Universität Gießen und wechselte 1995 an die Universität Leipzig. Hier absolvierte er eine wissenschaftliche Assistentenzeit und habilitierte hier im Jahr 2000. Im Jahr 2002 folgte er einen Ruf auf eine Professur für Sportwissenschaft mit dem Schwerpunkt Sportpsychologie und Sportpädagogik an die Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg.

    Prof. Dr. Oliver Stoll
    phone: +49 345 5524440
    mail: oliver.stoll@sport.uni-halle.de

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    Prof. Dr. René Paasch: Unter Druck richtige Entscheidungen treffen

    Es sind oft nicht die lauten Momente, die über den weiteren Verlauf entscheiden, sondern die stillen Sekunden dazwischen. Ein Herzschlag trennt Handeln von Zögern, Klarheit von Überforderung, Präsenz von Kontrollverlust. Im Operationssaal, wenn das Team auf die Entscheidung der Chirurgin wartet. Am Elfmeterpunkt, wenn tausende Blicke auf den Spieler gerichtet sind. Im Cockpit, wenn eine plötzliche Störung höchste Konzentration verlangt. In der Notaufnahme, wenn wenige Sekunden über Leben und Tod entscheiden. Doch nicht nur dort stehen Menschen unter Druck. Auch Führungskräfte in Krisensituationen, Manager*innen in schwierigen Verhandlungen oder Einsatzkräfte in Extremsituationen erleben Momente, in denen Fachwissen allein nicht mehr ausreicht. Was dann zählt, ist die Fähigkeit, trotz innerer Anspannung klar, ruhig und handlungsfähig zu bleiben. Genau diese Fähigkeit lässt sich trainieren. Und genau hier kann die Sportpsychologie heute weit über den Leistungssport hinaus einen wichtigen Beitrag leisten.

    Zum Thema: Verhalten in Drucksituationen

    Viele Menschen berichten, dass ihnen in entscheidenden Situationen der Zugriff auf ihr Wissen entgleitet. Obwohl Erfahrung, Kompetenz und Vorbereitung vorhanden sind, entsteht plötzlich ein Gefühl innerer Leere – der bekannte „Blackout“. Daniel Kahnemans Modell der zwei Denksysteme hilft zu verstehen, was dabei geschieht.

    • System 1 arbeitet schnell, intuitiv und automatisch. Es ermöglicht rasche Reaktionen, ist jedoch anfällig für impulsive Entscheidungen und Verzerrungen.
    • System 2 hingegen analysiert, reflektiert und wägt ab. Doch genau dieses bewusste Denken benötigt Zeit und mentale Energie, die unter starkem Stress oft nur eingeschränkt verfügbar sind.

    In Hochdrucksituationen übernimmt deshalb häufig der Autopilot. Das kann hilfreich sein, wenn Abläufe routiniert sind. Es kann aber auch problematisch werden, wenn Menschen nur noch reagieren, statt bewusst zu handeln. Mentale Stärke bedeutet deshalb nicht, keinen Stress zu empfinden. Sie bedeutet, auch unter Druck Zugang zur eigenen Handlungsfähigkeit zu behalten.

    Sportpsychologie als Werkzeug für Hochleistung

    Was ursprünglich im Spitzensport entwickelt wurde, findet heute längst Anwendung in anderen Hochleistungsbereichen. Eine junge Oberärztin erzählte mir einmal, dass sie sich mental auf schwierige Operationen vorbereitet wie ein Profifußballer auf ein Finale. Eine Führungskraft beschrieb, wie sie vor wichtigen Gesprächen bewusst Körperhaltung und innere Haltung synchronisiert, um ruhig und präsent zu bleiben. Die Prinzipien dahinter ähneln sich erstaunlich stark. Es geht um Selbstregulation, Aufmerksamkeitssteuerung, Emotionsmanagement und das Vertrauen, auch in schwierigen Situationen wirksam bleiben zu können. Sportpsychologie liefert dafür keine starren Rezepte. Sie bietet praktische Werkzeuge, die Menschen helfen, in belastenden Situationen wieder Zugang zu Klarheit und Stabilität zu finden.

    Kleine Techniken mit großer Wirkung

    In akuten Stressmomenten bleibt oft keine Zeit für lange Analysen. Umso wichtiger sind kompakte Methoden, die schnell wirken. Eine bewährte Technik ist der bewusste Atemfokus. Durch langsames und kontrolliertes Atmen, beispielsweise im 4-4-4-Rhythmus, beruhigt sich das Nervensystem. Ein Notfallsanitäter berichtete mir, dass er diese Technik regelmäßig nutzt, bevor er aus dem Einsatzfahrzeug steigt. Sie hilft ihm, innerlich präsent zu werden, unabhängig davon, was ihn erwartet. Ebenso hilfreich ist das sogenannte Mini-Reframing. Statt sich innerlich zu sagen: „Ich darf keinen Fehler machen“, wird der Fokus bewusst verändert: „Ich bin vorbereitet. Ich kann das.“ Auch die Körperhaltung beeinflusst das innere Erleben stärker, als viele vermuten. Wer sich aufrichtet, bewusst geerdet steht und ruhig atmet, sendet nicht nur nach außen, sondern auch an sich selbst ein wichtiges Signal: „Ich bin bereit.“

    Mentale Stärke braucht Vorbereitung

    Akute Techniken helfen im Moment. Langfristige Stabilität entsteht jedoch durch gezieltes Training. Besonders wirkungsvoll ist dabei das sogenannte Prognosetraining. Menschen schätzen zunächst ein, wie gut sie eine bevorstehende Aufgabe bewältigen werden. Anschließend folgt der Vergleich zwischen Erwartung und tatsächlicher Erfahrung sowie eine bewusste Reflexion. Eine Führungskraft schilderte mir, dass sie sich auf schwierige Mitarbeitergespräche genau auf diese Weise vorbereitet. Die bewusste Selbstprognose half ihr, Unsicherheit nicht als Bedrohung zu erleben, sondern als etwas, das aktiv gestaltet werden kann. Solche Prozesse stärken die Kompetenzerwartung, also das Vertrauen in die eigene Fähigkeit, auch unter Druck wirksam zu bleiben.

    Die innere Haltung entscheidet

    Mentale Stärke zeigt sich nicht nur im souveränen Auftreten nach außen. Sie beginnt im Inneren. Menschen bleiben besonders dann stabil, wenn drei Dinge zusammenkommen:

    • das Gefühl von Sinnhaftigkeit,
    • ein Verständnis für die Situation,
    • und das Vertrauen, Einfluss nehmen zu können.

    Diese Haltung entsteht nicht zufällig. Sie entwickelt sich durch Erfahrung, Reflexion und ehrliches Feedback.

    In meiner Arbeit mit Leistungssportler*innen, Führungskräften und Menschen in Hochleistungsberufen zeigt sich immer wieder: Nicht Perfektion macht langfristig resilient, sondern die Fähigkeit, auch unter Druck in Verbindung mit sich selbst zu bleiben.

    Gedanken steuern statt Gedankenkarussell

    Oft entsteht Stress weniger durch die Situation selbst als durch die innere Bewertung.

    Wenn Zweifel, Selbstkritik und Katastrophengedanken dominieren, helfen Techniken der Selbstregulation. Dazu gehören bewusste Selbstgespräche und sogenannte Gedankenstopps.

    Kurze innere Sätze wie:

    • „Jetzt Fokus.“
    • „Ruhig bleiben.“
    • „Ein Schritt nach dem anderen.“

    können helfen, Aufmerksamkeit neu auszurichten und automatische Stressreaktionen zu unterbrechen.

    Eine Notärztin erzählte mir, dass sie sich vor kritischen Einsätzen bewusst ein mentales Skript zurechtlegt. Sie geht innerlich durch, was sie denken, sagen und tun möchte, wenn es hektisch wird. Dieses Ritual verschafft ihr Orientierung und Stabilität, selbst in chaotischen Situationen.

    Mentale Vorbereitung schafft Sicherheit

    Ein besonders spannender Ansatz aus der Sportpsychologie ist das PETTLEP-Modell. Dahinter steckt die Idee, mentale Vorbereitung möglichst realitätsnah zu gestalten. Menschen stellen sich dabei Situationen nicht nur gedanklich vor, sondern beziehen Bewegungen, Emotionen, Umgebung, zeitliche Abläufe und Perspektiven bewusst mit ein. Ein erfahrener Anästhesist beschrieb mir einmal, wie er sich auf kritische Notfalleingriffe vorbereitet: Er geht den Ablauf innerlich durch, stellt sich den Raum plastisch vor, erinnert sich an frühere Erfahrungen und versetzt sich bewusst in die Dynamik des Teams. Solche mentalen Simulationen schaffen Vertrautheit mit dem Ausnahmezustand. Das Gehirn erkennt die Situation wieder. Handlungssicherheit entsteht.

    Take Home Message

    Mentale Stärke zeigt sich nicht darin, keinen Druck zu spüren. Sie zeigt sich darin, auch in unsicheren und belastenden Momenten Zugang zu Klarheit, Selbststeuerung und Handlungssicherheit zu behalten. Genau das lässt sich trainieren. Die Sportpsychologie bietet dafür keine Patentrezepte, aber wirksame Werkzeuge, um unter Druck präsent zu bleiben, Verantwortung bewusst zu tragen und sich selbst in entscheidenden Augenblicken nicht zu verlieren. Denn wer für andere Orientierung geben will, muss zuerst lernen, innerlich bei sich selbst anzukommen.

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    Prof. Dr. Oliver Stoll: “Trotz toller Leistung ist Arda Saatçi in der internationalen Ultralauf-Szene bisher nur Mittelmaß”

    Medialer Coup oder sportliches Top-Ereignis? Wahrscheinlich liegt die Wahrheit zum Rekordlauf des Berliners Arda Saatçi durch das Death Valley in den USA irgendwo in der Mitte. Prof. Dr. Oliver Stoll von Die Sportpsychologen wurde von diversen Medien, darunter dem RND und der ARD, zu Saatçi befragt. Bei uns ordnet der Ausdauersportler und sportpsychologische Experte für die langen Strecken die Leistung ein.  

    Zum Thema: Ausdauersport

    Oliver, Arda Saatçi stellt die Laufwelt auf den Kopf. Zumindest medial. Vor allem junge Menschen scheinen sich von der Story, die der Berliner rund um seine langen Läufe erzählt, zu interessieren. Siehst du den Hype eher positiv oder eher negativ? Und warum?

    Na ja, also dass die Laufwelt gerade Kopf steht, habe ich zunächst gar nicht mitbekommen. Erst als mich das Redaktionsnetzwerk Deutschland (RND) anfragte, ein Interview zu dem Läufer zu geben, der gerade durch das Tal des Todes läuft und weiter bis San Francisco, hörte ich von ihm. Da war er aber schon drei Tage lang unterwegs. Das ist völlig an mir vorbei gegangen. Ich halte mich da eben wohl nicht „in der richtigen Bubble“ auf. Wie ich das finde? Eigentlich super, denn der Ultralangstreckenlauf fristet, wie so viele andere Sportarten in Deutschland, ein Schattendasein. Da ist es dann schon mal toll, wenn auf dem langen Laufen, was ja auch mal meine Leidenschaft war und auch immer noch ist, auch wenn ich das gerade aktiv nicht mehr mache, etwas Aufmerksamkeit gelenkt wird.  

    Sein selbst gestecktes Ziel hat Saatçi verfehlt. Ein Erlebnis, das du auch als Langstreckenläufer kennst, etwa beim Rennsteiglauf im Jahr 2014. Aus sportpsychologischer Perspektive: Er zeigt, dass Scheitern bei ambitionierten Zielen dazu gehört. Hat Saatçi das Zeug zu einem wichtigen Role-Model für die neue Generation, der ja oft unterstellt wird, sich nicht mehr so anstrengen zu wollen.

    Er empfindet das vielleicht als Scheitern, aber aus meiner Sicht ist das schon eine tolle Leistung, die er da gezeigt hat. Darauf kann er auf alle Fälle stolz sein. Aus Sicht der internationalen Ultralangläufer*innen Szene hat er wahrscheinlich nicht das Zeug für ein Role-Model (vielleicht für die deutsche Szene, aber auch hier würde er wahrscheinlich nicht Deutscher Meister über die 100 Kilometer Distanz werden), denn wenn man seine Leistung mal in das Ultralauf-Wettkampf System einordnet, hat er eine gute bis mittelmäßige Leistung gezeigt. Der Weltrekord über 24 Stunden liegt aktuell bei 316 Kilometern. Der Halter dieses Weltrekords aus dem Jahr 2022, Aleksandr Sorokin aus Litauen, hätte hochgerechnet die gesamte Distanz, die Arda gelaufen ist, drei Tage schneller laufen können. Die Zeiten, die bei den 2-, 3- und 6-Tage Läufen gelaufen werden, sind auch schneller. Megan Eckert ist in 6 Tagen 970 Kilometer gelaufen, also 370 Kilometer mehr als Arda und selbst wenn man ja berechtigt kritisch anmerken kann, dass dies ja alles nicht im Tal des Todes gelaufen wurde, dann schaut man sich mal die Ergebnisse des Badwater Ultramarathon an, eben von Badwater, von wo Arda gestartet ist durch das Tal des Todes 234 Kilometer raus auf den Mount Whitney. Die werden von Siegern so zwischen 25 und 27 Stunden absolviert. 

    Also – eine tolle Leistung von Arda, Respekt! Aber eben nicht außergewöhnlich. Die junge Generation – und die will sich nicht anstrengen? Wer sagt das? Aber ich habe gehört, die haben wie gebannt vor dem Stream gesessen…   

    Prof. Dr. Oliver Stoll bei ARD Brisant (Quelle: Foto, Screenshot)

    Link zum TV-Beitrag: https://www.ardmediathek.de/video/brisant/brisant-vom-11-mai/mdr/Y3JpZDovL21kci5kZS9iZWl0cmFnL2Ntcy83OTBhNjU3ZS03N2M4LTQ0YTEtYjQyOC03MDQzYWRlNWVhMGY?

    An dich als Ausdauersportler und als einer der Laufexperten von Die Sportpsychologen: Welche Frage würdest du Arda Saatçi am liebsten selbst stellen? 

    Mich würde interessieren, warum er immer wieder solche Projekte umsetzt? Das war ja nicht sein erstes, solches Projekt. Als Sportpsychologe kann ich mir natürlich die eine oder andere Antwort vorstellen. Ein Gespräch wäre sicher spannend. Und noch einmal betont: Ich finde diese Leistung wirklich sehr beeindruckend. Darauf kann er wirklich stolz sein, auch wenn er sein ursprüngliches Ziel nicht erreicht hat. 

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