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Frage und Antwort: Ohne Angst über die Hürden

Die Situation: Eine Leichtathletin hat vergangenes Jahr einen Bänderriss erlitten. Zwei Bänder sowie das Syndesmoseband waren gerissen, dazu wurden weitere Strukturen geschädigt. Die Sportlerin hat sich inzwischen gesundheitlich erholt, aber es ist eine Angst geblieben. In der Rubrik Frage und Antwort hat uns die Leichtathletin gebeten, zu helfen. Ihre konkrete Frage lautet: “Wie schaffe ich es, mental so stark zu sein, dass ich es wieder über die Hürden schaffe, ohne die Angst zu haben, umzuknicken?”

Zum Thema: Comeback nach Verletzung

Yvonne Dathe, Die Sportpsychologen
Yvonne Dathe, Die Sportpsychologen

Antwort von: Yvonne Dathe (zum Profil)

Es ist absolut verständlich, dass eine Verletzung wie dein Bänderriss Ängste hervorrufen kann, besonders wenn es um eine Rückkehr zu einer sportlichen Aktivität wie dem Hürdenlaufen geht. Zuerst ist es wichtig, dass die Angst dein Verbündeter ist. Sie möchte dich davor beschützen, dich nochmals so schwer zu verletzen. Dafür kannst du ihr im Bestenfalls dankbar sein. Als nächstes solltest du dich schrittweise wieder an die Hürden heranwagen. Trainiere ganz pragmatisch an der Stärkung deiner Muskulatur und arbeite an deiner Mobilität. Je besser du körperlich vorbereitet bist, desto sicherer wirst du dich fühlen. Ein Visualisierungstraining kann dir hilfreich sein: Stell dir vor, wie du erfolgreich über die Hürden läufst. Visualisiere den gesamten Ablauf, vom Anlauf bis zur Hürde, den Schritt über die Hürde bis zur Landung. Beginne mit niedrigeren Hürden und steigere dich langsam, um dein Selbstvertrauen schrittweise aufzubauen. Du könntest zum Beispiel  zunächst auch an den Hürden vorbeilaufen. Akzeptiere, dass Rückschläge Teil des Prozesses sind und lasse dich davon nicht entmutigen. Auch deine Angst kann immer mal wieder zurückkehren. Akzeptiere, dass sie da ist und entscheide dich dafür, weiterhin Step-by-Step weiter zu trainieren. Mit Geduld wirst du langsam dein Vertrauen im Hürdenlaufen zurückgewinnen. Solltest du langfristig Unterstützung benötigen, wende dich an einen Sportpsychologen, der dich im direkten Austausch unterstützen kann. Im Netzwerk findest du Unterstützung in deiner Nähe (zur Übersicht) oder wende dich auch gern an mich (zum Profil von Yvonne Dathe). 

Deine Frage?

Wir von Die Sportpsychologen sind für dich da. Und weil wir wissen, dass manchmal eine kleine Schwelle im Weg steht, Kontakt zu einem “Psychologen”, einer “Psychologin” oder einer/einem “MentaltrainerIn” zu suchen, machen wir einen Schritt auf dich zu. Wenn du also auch eine Frage an uns loswerden möchtest, dann nutz dafür das folgende Formular.

    Wichtig zu wissen: Manche Fragen und deren Antworten veröffentlichen wir nicht. Wir treten dann mit den jeweiligen FragestellerInnen persönlich in Kontakt. Dies behalten wir uns für Fälle vor, in denen die Anonymität nicht gewährleistet werden kann oder das angestoßene Thema besser im geschützten Raum besprochen wird. Zudem gilt: Unsere Antworten können nicht mehr als Anstösse liefern. Anstösse, von denen du als Leser oder Leserin ableiten kannst, wie wir von Die Sportpsychologen ticken und was wir so machen.

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    Björn Korfmacher: Unter Wettkampfbedingungen abliefern

    Der Klassiker: „Ich kann unter Wettkampfbedingungen nicht voll abliefern.“ Tausendmal gehört. Tausendmal daran gearbeitet. Und immer wieder spannend. Denn hier geht es meiner Meinung nach um viel mehr als um Konzentrationsvermögen oder Selbstvertrauen. Die eigentliche Frage ist: Warum gehen wir im Sport die Herausforderungen häufig so furchtbar ernst an, vielleicht sogar zu ernst?

    Zum Thema: Spielfreude und Lockerheit in der Potenzialentfaltung

    Für viele talentierte und ambitionierte Leistungssportlerinnen und -sportler ist jeder Wettkampf und teilweise auch jedes Training eine sehr ernste Angelegenheit. Das mag erstmal nachvollziehbar und richtig erscheinen. Denn von nichts kommt nichts – heißt: Disziplin, Anstrengung und Einsatz müssen sein. So weit, so gut. 

    Aber: Ernst ist das Gegenteil von Spaß. Und Ernst ist auch das Gegenteil von Lockerheit. Jedoch sind Spaß und Lockerheit äußerst wichtig, wenn es darum geht, sein Potenzial zu entfalten. Ernst und damit häufig verbunden, Angst und Verkrampfung sind Bremsen, die den Athleten in seiner Leistungsentfaltung blockieren. Freude und Lockerheit dagegen verleihen Flügel. Willst du also zeigen, was du kannst, musst du locker sein und Spaß haben. 

    Dem Sport den Schrecken nehmen

    Wenn es darum geht, sich als Sportler vor einem Wettkampf zu regulieren und den richtigen Erregungsgrad zwischen Anspannung und Entspannung zu finden, bieten sich zunächst diverse Atemtechniken an, die praxiserprobt sind und in den meisten Fällen gut funktionieren. Dazu gibt es viele weitere Techniken, die in der unmittelbaren Wettkampfvorbereitung individuell helfen. 

    Ich setze in meiner Praxis zusätzlich auch auf Denktechniken. Denn jene unproduktive Ernsthaftigkeit ist oft auf entsprechende Glaubenssätze zurückzuführen. Hier kann es helfen, den Sport wieder richtig einzuordnen. Viele Athleten sind erstmal überrascht und gucken mich ziemlich irritiert an, wenn ich ihnen sage, Eishockey, Fußball oder Tennis ist nicht wichtig. Aber würde man eine Liste von den Dingen erstellen, die im Leben wirklich wichtig sind, würde der Sport ziemlich weit unten stehen. Wenn man das erstmal begriffen hat, verliert der Sport schnell seinen Schrecken. Auch das Reflektieren darüber, wie und wann sich der fiese Ernst ins Vergnügen geschlichen hat, kann der erste Schritt sein, ihn wieder loszuwerden – denn der Eingang ist oft auch der Ausgang.

    Fazit    

    Das soll nicht heißen, dass man den Sport nicht ernst nehmen darf. Keineswegs. Wenn man an die Spitze will, kommt man an Ehrgeiz, Disziplin und harter Arbeit nicht vorbei. Was aber auch immer dabei sein muss: Gute Laune, Leidenschaft! 

    Also, viel Spaß! Dann kommt auch der Erfolg. 

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    Kyle Varley und Iwo Walter: Über Selbstbewusstsein zu Selbstvertrauen

    Was haben Lara Gut-Behrami, Roger Federer, Kobe Bryant, Lindsey Vonn und Serena Williams gemeinsam? Alle Sportler:innen machen vor, dass es sich lohnt, am Selbstvertrauen zu arbeiten. Wie sie das machen und was wir von den Stars lernen können, habe ich zusammen mit Iwo Walter zusammengefasst. 

    Iwo Walter ist Co-Autor des Beitrags

    Zum Thema: Der bewusste Aufbau von Selbstvertrauen für Spitzenleistungen

    Selbstbewusstsein und Selbstvertrauen sind zwei Schlüsselfaktoren im Leistungssport. Während Selbstbewusstsein die bewusste Wahrnehmung der eigenen Fähigkeiten beschreibt, geht Selbstvertrauen einen Schritt weiter und bedeutet die tiefe innere Überzeugung, diese Fähigkeiten auch unter Druck erfolgreich abrufen zu können (Vealey, 2001). Ein starkes Selbstvertrauen kann den Unterschied zwischen Sieg und Niederlage ausmachen und beeinflusst maßgeblich die mentale Widerstandsfähigkeit (Gould et al., 2002). 

    Drei praktische Schritte, die dir helfen können, mehr Selbstvertrauen im Sport aufzubauen!

    1. Selbsterkenntnis: Wissen, was man kann

    Die Grundlage für Selbstvertrauen ist eine realistische Selbsteinschätzung. Athlet:innen sollten sich ihrer Stärken und Schwächen bewusst sein. Dies bedeutet, sich die eigenen Fähigkeiten klarzumachen und objektiv zu bewerten:

    • Welche technischen, physischen und mentalen Stärken habe ich?
    • Wo liegen meine Schwachstellen, und wie kann ich sie verbessern?
    • Wann habe ich in der Vergangenheit bereits Erfolge erzielt?

    Ein Beispiel dafür ist die Schweizer Skirennfahrerin Lara Gut-Behrami. Es konnte häufig beobachtet werden, dass sie nach einem Rennen ihre Leistung reflektiert, ihre Stärken erkannt und diese Erkenntnisse genutzt hat, um sich mental und physisch weiterzuentwickeln. Diese Fähigkeit zur Selbsterkenntnis ist ein entscheidender Schritt auf dem Weg zu förderlichen Selbstvertrauen.

    2. Selbstvertrauen: Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten

    Selbstvertrauen entsteht, wenn aus Selbsterkenntnis eine innere Überzeugung wird. Athlet:innen lernen so, sich auf ihre Fähigkeiten zu verlassen und diese auch unter Druck abrufen zu können. Dazu gehört:

    • Vertrauen in Training und Vorbereitung: Erfolg basiert auf harter Arbeit. Wer konsequent trainiert, hat mehr Sicherheit in seinen Fähigkeiten.
    • Mentale Strategien gegen Selbstzweifel: Negative Gedanken können das Selbstvertrauen schwächen. Hier hilft es, diese Gedanken bewusst zu erkennen und zu kontrollieren.
    • Negative Gedanken treten oft in Stresssituationen auf, insbesondere vor Wettkämpfen. Wichtige Schritte zur Kontrolle dieser Gedanken sind:
      • Protokoll führen: Schriftlich festhalten, welche negativen Gedanken in bestimmten Situationen auftreten.
      • Gedanken hinterfragen: Sind diese Ängste realistisch oder übertrieben? Negative Gedanken umformulieren: Bewusst eine positive Perspektive entwickeln.
      • Beispiel: Negativer Gedanke: „Ich werde Fehler im Wettkampf machen.“
      • Umformulierung: „Ich vertraue in meine Fähigkeiten, und selbst wenn ich Fehler mache, hält mich das nicht auf!“

    Roger Federer sprach bei seiner Rede am Dartmouth College im Jahr 2024 darüber, Fehler sofort abzuhaken und sich auf den nächsten Punkt zu konzentrieren – «It`s only a point.» Dieses Mindset half ihm, auch in Drucksituationen konstant auf dem höchsten Level zu spielen.

    3. Praktische Methoden zur Steigerung von Selbstvertrauen

    Positive Selbstgespräche: Bewusste Selbstbestätigung hilft, Zweifel zu minimieren und das Vertrauen in die eigene Leistungsfähigkeit zu erhöhen (Hardy et al., 2001).

    • Visualisierungstechniken: Athlet:innen können sich ihre Erfolge detailliert vorstellen, um das Vertrauen in ihre eigenen Fähigkeiten zu stärken (Morris et al., 2005). Lindsey Vonn nutzte Visualisierungen, um sich jede Abfahrt vorab perfekt vorzustellen und dadurch Unsicherheiten zu minimieren.
    • Zielsetzung: Klare und realistische Ziele helfen dabei, das Selbstvertrauen schrittweise aufzubauen. Serena Williams setzte sich vor Turnieren häufig kleine und erreichbare Meilensteine, die ihr helfen, sich auf das Wesentliche zu konzentrieren und ihren Fokus zu behalten.
    • Erfolgsjournale: Das Festhalten von Erfolgen, Fortschritten und positiven Erfahrungen kann helfen, ein stabiles Selbstvertrauen zu etablieren (Pennebaker, 1997). Kobe Bryant war bekannt dafür, nach jedem Spiel seine Leistung zu analysieren und positive Erkenntnisse festzuhalten. 

    Fazit

    Der Weg vom Selbstbewusstsein zum echten Selbstvertrauen erfordert bewusste Reflexion, gezieltes Training und den Umgang mit Erfolg und Misserfolg. Athlet:innen wie Ronaldo, Williams oder Jordan zeigen, dass mentales Training genauso wichtig ist wie die physische Vorbereitung.

    Durch Selbsterkenntnis und mentale Techniken wie das bewusste Umformulieren negativer Gedanken können Sportler:innen ihre mentale Stärke gezielt aufbauen. Lara Gut-Behrami ist ein hervorragendes Beispiel dafür, wie Selbstvertrauen durch konsequente Analyse und mentale Vorbereitung gestärkt werden kann. Ein starker mentaler Glaube an die eigene Leistungsfähigkeit ermöglicht nicht nur bessere sportliche Ergebnisse, sondern auch langfristige mentale Resilienz. Die bewusste Anwendung sportpsychologischer Methoden hilft Athlet:innen, das eigene Selbstvertrauen zu festigen und so die Performance nachhaltig zu steigern.

    Hinweis: Entstanden in Zusammenarbeit mit Iwo Walter.

    Mehr zum Thema:

    Literatur:

    Gould, D., Dieffenbach, K., & Moffett, A. (2002). Psychological characteristics and their development in Olympic champions. Journal of Applied Sport Psychology, 14(3), 172–204. https://doi.org/10.1080/10413200290103482

    Hardy, J., Hall, C. R., & Hardy, L. (2001). A note on athletes’ use of self-talk. Journal of Applied Sport Psychology, 13(2), 206–213. https://doi.org/10.1080/104132001753149865

    Morris, T., Spittle, M., & Watt, A. P. (2005). Imagery in sport. Human Kinetics.

    Pennebaker, J. W. (1997). Writing about emotional experiences as a therapeutic process. Psychological Science, 8(3), 162–166. https://doi.org/10.1111/j.1467-9280.1997.tb00403.x

    Vealey, R. S. (2001). Understanding and enhancing self-confidence in athletes. In R. N. Singer, H. A. Hausenblas, & C. M. Janelle (Eds.), Handbook of sport psychology (2nd ed., pp. 550–565). Wiley.

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    Mythen der Sportpsychologie

    Die Sportpsychologie erfreut sich zunehmend an Beliebtheit. Im Profi- wie im Leistungs- und auch im Freizeitsport. Die Hemmschwelle, zum Beispiel zu uns (siehe Übersicht) Kontakt aufzunehmen, sinkt zunehmend. Aber es halten sich auch diverse Mythen zur Sportpsychologie. 

    Eine hat kürzlich Alexander Zverev zum Besten gegeben. Von der FAZ wurde er in Bezug auf seine Zusammenarbeit mit einem Mentaltrainer zitiert, dass diese “mehr Probleme machen, als es wirklich gibt.” Wie lässt sich mit dem Mythos aufräumen? 

    Prof. Dr. Oliver Stoll, Die Sportpsychologen

    Antwort von: Prof. Dr. Oliver Oliver Stoll (zum Profil)

    Ja, dieses Statement überrascht mich tatsächlich nicht unbedingt, denn wir Menschen, die in der Sportpsychologie arbeiten, haben zwar kein Qualitätssicherungsproblem mehr. Denn es gibt mittlerweile gute akademische sowie auch praxisorientierte Aus- und Fortbildungen im Bereich der praktischen und Angewandten Sportpsychologie – hier gebührt insbesondere der Arbeitsgemeinschaft für Sportpsychologie in Deutschland, unserem Berufsverband großen Dank. Aber tatsächlich finden sich da draußen jede Menge “schwarze Schafe”, die sich zwar gut verkaufen können, aber eben nicht die Qualität haben. Möglicherweise ist Herr Zverev genau auf so jemanden „reingefallen“ – Was braucht es also nach wie vor: Wissenstransfer, Transparenz, Vernetzung!

    Klaus-Dieter Lübke Naberhaus, Die Sportpsychologen

    Antwort von: Klaus-Dieter Lübke Naberhaus (zum Profil)

    Eine gängige selbstbestätigende Äußerung, um auch in seinem Weltbild und Selbstkonzept zu bleiben, ist die Externalisierung von Problemen. Natürlich kommen in der Arbeit mit sich selbst, und das ist auch die Arbeit mit einem Sportpsychologen, Themen auf, die ich sonst nicht hätte. Dies dann auf den Psychologen zu übertragen, diese Art von Mechanismus hat schon Freud gut beschrieben.

    Wir können, wie Oli schon sagte, nur spekulieren, welche Erfahrung Alexander Zverev bisher gemacht hat. Doch eines ist neben aller Seriosität und Wissenschaftlichkeit entscheidend. Die Grundlage jedes erfolgreichen Arbeiten ist das, was wir als Rapport, therapeutische Allianz nennen, oder auch umgangssprachlich ganz einfach, die Chemie zwischen Beiden muss stimmen. Vielleicht liegt auch hier ein Faktor in der bisherigen Erfahrung von Alexander Zverev.

    Zudem könnte für diese Aussage auch seine Erziehung eine Rolle spielen, mit der Entstehung von Glaubenssätzen wie z.B. “ein richtiger Mann schafft alles alleine” oder “Sportpsychologen sind etwas für Menschen, die psychische Probleme haben!”

    Letztendlich bleibt dies jedoch Spekulation.

    Norbert Lewinski, Die Sportpsychologen
    Norbert Lewinski, Die Sportpsychologen

    Antwort von: Norbert Lewinski (zum Profil)

    Die Aussage von Alexander Zverev spiegelt ein weit verbreitetes Missverständnis über die Sportpsychologie wider, das tief verwurzelt ist und eine bewusste, tiefgehende Aufklärungsarbeit erfordert. Es reicht nicht aus, nur Mythen zu entlarven – vielmehr muss die Sportpsychologie organisch in die frühesten Entwicklungsphasen von Sportlerinnen und Sportlern integriert werden. Ein langfristiges Ziel sollte sein, eine natürliche Vertrautheit mit psychologischen Prozessen zu schaffen, sodass sie als essenzieller Bestandteil der sportlichen Ausbildung wahrgenommen werden. Dazu gehört auch die solide und differenzierte Ausbildung von Sportpsychologen selbst. Es ist entscheidend, dass sie nicht nur Techniken zur Leistungssteigerung vermitteln, sondern auch tiefere psychodynamische Zusammenhänge erkennen und bearbeiten können. Denn solche Aussagen wie die von Zverev sagen nicht nur etwas über die Sportpsychologie aus, sondern auch über die Persönlichkeitsstruktur desjenigen, der sie trifft. Aus einer psychodynamischen Perspektive kann eine solche Haltung auf Abwehrmechanismen hindeuten – möglicherweise eine Projektion oder eine unbewusste Angst vor der Konfrontation mit innerpsychischen Prozessen.

    Daher gilt es, nicht nur auf solche Mythen zu reagieren, sondern den gesamten Diskurs über Sportpsychologie nachhaltig zu verändern: durch frühzeitige Sensibilisierung, durch Entdämonisierung psychologischer Arbeit im Sport und durch eine fundierte, reflektierte Ausbildung der Fachkräfte.

    Danijela Bradfisch, Die Sportpsychologen
    Danijela Bradfisch, Die Sportpsychologen

    Antwort von: Danijela Bradfisch (zum Profil)

    Es ist verständlich, dass Aussagen wie die von Alexander Zverev oft geteilt werden und leider auch immer noch die Diskussionen über die Rolle von Mentaltrainern/ Sportpsychologen negativ befeuern… auch, weil es leider aus meiner Sicht immer noch kein QS-Management hierfür gibt. Mentaltraining kann aber für viele Athleten (unabhängig des Niveaus), eine wertvolle Unterstützung sein, um mit Druck, Stress und den psychologischen Herausforderungen des Wettkampfs umzugehen. Um mit dem Mythos aufzuräumen, dass Mentaltraining mehr Probleme schafft, als es löst, könnte man folgende Punkte anführen:

    1. Individuelle Erfahrungen: Jeder Athlet hat unterschiedliche Bedürfnisse und Erfahrungen. Während es für Zverev vielleicht nicht die gewünschte Wirkung hatte, berichten viele andere Sportler von positiven Effekten durch Mentaltraining.

    2. Wissenschaftliche Grundlagen: Es gibt zahlreiche Studien, die die Vorteile von mentalem Training belegen, wie z.B. die Verbesserung der Konzentration, der Stressbewältigung und der emotionalen Stabilität, unabhängig der Sportart.

    3. Offene Kommunikation: Es ist wichtig, dass Athleten offen über ihre Erfahrungen sprechen, was leider immer noch zu wenig passiert. Wenn Mentaltraining nicht funktioniert, sollte das nicht als allgemeingültige Aussage über dessen Wirksamkeit interpretiert werden.

    4. Integration in die Trainingsroutine: Mentaltraining sollte als Teil eines ganzheitlichen Ansatzes betrachtet werden, der auch physische und technische Aspekte des Trainings umfasst.

    Letztlich ist es wichtig, die Vielfalt der Ansätze im Sport zu akzeptieren und zu erkennen, dass nicht jeder Weg für jeden Athleten funktioniert. Der Dialog über solche Themen kann helfen, Missverständnisse auszuräumen und die Bedeutung der mentalen Stärke im Sport zu fördern.

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    Nathalie Klingebiel: Boxen als Schlüssel zur mentalen Stärke

    Wenn es um Boxen geht, denken viele zunächst an harten Körpereinsatz, schnelle Fäuste und physische Dominanz. Doch wer den Sport selbst ausübt, merkt schnell: Boxen ist weit mehr als ein körperlicher Wettkampf. Es ist eine mentale Herausforderung, die Fokussierung, emotionale Kontrolle und innere Stärke erfordert. Rocky Balboa ist der Inbegriff davon. Wir alle können von ihm sportartübergreifend eine Menge lernen. Denn im Gegensatz zur allgemein verbreiteten Sichtweise ist Boxen absolut kein stumpfer „Hau-Drauf“-Sport, sondern eine sehr kognitive Sportart, die von taktischem Verständnis, Reaktionsschnelligkeit und Entscheidungsfindung geprägt ist.

    Zum Thema: Wie der Sport Körper und Geist formt

    Boxen bietet eine super Möglichkeit, Emotionen zu regulieren, anstatt sie unkontrolliert zu verstärken. Für viele Sportler ist es ein Weg, mit Stress, Frust oder Unsicherheiten umzugehen. Manche können beim Boxen besonders gut abschalten und empfinden es als Ausgleich zum stressigen Alltag, andere nutzen das Boxen, um sich so richtig auszupowern und negative Emotionen bewusst rauszulassen. So oder so können dadurch ein mentaler Fokus und ein Zustand der Selbstkontrolle erreicht werden.

    Der Schlüssel liegt dabei in der Disziplin: Wer effektiv boxen will, kann sich nicht von Emotionen übermannen lassen. Im Gegenteil – emotionale Ausbrüche in diesem Sport führen oft zu Fehlern. Ein Frustschlag ohne Bedacht, eine unüberlegte Reaktion nach einem Gegentreffer – all das kann schnell die eigene Strategie ruinieren. Deshalb lernen Boxer von Beginn an, ihre Emotionen zu erkennen, zu kontrollieren und gezielt für sich zu nutzen.

    Die Mechanismen der mentalen Stärke

    Boxen fordert nicht nur körperliche Fitness, sondern auch geistige Disziplin. Im Ring ist die richtige Balance zwischen Anspannung und Ruhe entscheidend. Ein erfahrener Boxer weiß, dass Panik oder Frustration dazu führen, unüberlegt zu handeln. Mentale Techniken wie Atemkontrolle, Visualisierung und taktisches Denken sind essentiell, um unter Druck die richtige Entscheidung zu treffen.

    Diese Fähigkeiten sind nicht nur für den Sport relevant. Wer sich im Boxen mentale Stärke antrainiert, kann sie auch in den Alltag übertragen – sei es im Beruf, in Stresssituationen oder in zwischenmenschlichen Konflikten.

    Gelernt ist gelernt: Mentale Stabilität auch über den Sport hinaus

    Vielleicht fragen sich nun einige: Bleibt die mentale Stärke denn auch bestehen, wenn man aufhört zu boxen? Die Antwort ist ja – wenn man sie bewusst weiter nutzt. Das Stichwort ist hier „Resilienz“, d.h. flexibel, stressresistent und anpassungsfähig zu sein. Gemeint ist damit eine psychologische Widerstandsfähigkeit gegenüber äußeren Belastungen beziehungsweise eine psychische Belastbarkeit unter Druck, die im Sport abschwächend auf Wettkampfangst wirken kann. Resiliente Sportler können ihre Leistung unter Druck sogar steigern. 

    Resilienz oder mentale Stabilität ist nichts, was man von Grund auf zu 100% beherrschen kann, sondern ein Ergebnis kontinuierlicher Arbeit – an sich selbst, an der eigenen Veränderungsbereitschaft, Reflexionsfähigkeit sowie mentaler Haltung. Wer durch das Boxen gelernt hat, fokussiert zu bleiben, sich nicht von Rückschlägen entmutigen zu lassen und unter Druck klar zu denken, kann diese Fähigkeiten in vielen Lebensbereichen einsetzen. Sei es in stressigen Phasen im Beruf, in herausfordernden privaten Situationen oder in anderen Sportarten – mentale Stärke ist eine langfristige Investition.

    Fazit

    Boxen ist nicht nur eine physische, sondern auch eine psychologische, kognitive sowie emotionale Herausforderung. Der Sport lehrt Disziplin, Kontrolle und Resilienz – Eigenschaften, die über das Training hinaus Bestand haben. Wer Boxen nicht nur als Körpertraining, sondern auch als mentale Schulung begreift, kann davon in vielen Lebensbereichen profitieren und ein klein wenig Rocky in seinen Alltag bringen. Genau das ist es, was den Sport so wertvoll macht.

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    Frage und Antwort: Panikattacken im Nachwuchsfußball

    Bei Die Sportpsychologen hat sich eine Mutter gemeldet, bei der seit einigen Monaten die Sorge um Ihren Sohn wächst. Der 12-Jährige spielt bereits seit acht Jahren Fußball. Zuletzt war er im Nachwuchs eines Bundesliga-Clubs aktiv. Allerdings erlebte der Sohn wiederholt Panikattacken, sowohl im Training als auch bei Spielen. Inzwischen wurde bei dem Kind eine ADHS-Diagnose gestellt. Vor kurzem ist er zurück in den Amateurbereich gewechselt. 

    Zum Thema: Umgang mit Angst- und Panikattacken im Nachwuchssport

    Die Mutter berichtet, dass ihr Sohn einerseits immer wieder mit der Situation hadere. Dass er Angst habe, dass ihn diese Blockaden wieder einholen. Andererseits flüchtet er sehr in die digitale Welt und vermeidet so regelrecht den Fußball. Die folgende Frage stellt er an uns: Wie kann mein Sohn aus der Angstspirale entkommen und wieder zu seiner Leichtigkeit zurückfinden?

    Nathalie Klingebiel, Die Sportpsychologen
    Nathalie Klingebiel, Die Sportpsychologen

    Antwort von: Nathalie Klingebiel (zur Profilseite)

    Erstmal ist es natürlich wichtig, zu erörtern, was es genau mit diesen „Panikattacken“ auf sich hat: Wann treten sie jeweils auf? Hat er sie auch in anderen Situationen als beim Fußball? Gibt es bestimmte Auslöser? Inwiefern beeinflussen sie sein Fußballspiel? Wenn man einen Grund ausmachen kann, dann fällt es auch leichter zu wissen, wo und mit welchen Strategien man ansetzen kann. 

    Außerdem könnte man versuchen herauszufinden, was genau es mit der Angst für ihn auf sich hat. Sind es die „Panikattacken“ an sich, die ihm Angst machen oder ist es vielleicht eher die „Angst vor der Angst“? Ratsam könnte an dieser Stelle dann auch eine Psychoedukation über Angst sein, also z.B. was Angst überhaupt ist, wieso sie sogar hilfreich sein kann und dass Angst kein Dauerzustand ist, sondern irgendwann immer von alleine wieder verschwindet.

    Eine mögliche Strategie, die er für mehr Leichtigkeit anwenden könnte, wäre eine (angeleitete) Visualisierung, mithilfe der er sich bewusst und sehr detailliert vorstellt, wie er Fußball spielt, ohne eine „Panikattacke“ zu haben. Durch eine regelmäßige Anwendung kann er sich quasi selbst positiv verstärken und Erfolgserlebnisse schaffen. Auch Atemtechniken wären eine Option, die er für sich nutzen kann, regulierend einzugreifen, wenn er merkt, dass sich eine „Panikattacke“ anbahnt.

    Danijela Bradfisch, Die Sportpsychologen
    Danijela Bradfisch, Die Sportpsychologen

    Antwort von: Danijela Bradfisch (zur Profilseite)

    Hallo Frau Walter (Name von der Redaktion geändert), 

    gerne antworte ich Ihnen aus drei verschiedenen Perspektiven, da ich alle drei Seiten Ihres Anliegens sehr gut kenne: 

    Als ehemalige Nachwuchsleistungstrainerin war ich immer bestrebt, einen regelmäßigen, persönlichen und offenen Austausch zum Athleten und den Eltern zu haben. Begründung: Unabhängig vom Sport gibt es noch andere Themen im Leben, die ins Training mitgenommen werden. Eigener Erwartungsdruck, schulischer oder sozialer Stress. Hier pflegte ich eine Kommunikation unter den Fragestellungen: “Was möchtest Du als Athlet?“ und “Was für ein Ziel hast Du bzw. möchtest Du erreichen und wie kann ich Dich als Trainerin unterstützen?” Das aktive Einbinden des Athleten ins Training fördert die Beziehungsarbeit und vermindert somit das subjektive Empfinden, den Druck/Stress oder gar Angst im Training.

    Frage aber an Sie: Wie sieht die Kommunikation bei Ihnen aus? Sind Ihre Trainern geschult oder informiert bzw. wie gehen diese mit Ihrem Kind und Ihnen ins Gespräch?  

    Als Mutter einer 10-jährigen Tochter mit ADHS weiß ich, dass es wahrhaftig nicht leicht ist, die Situation täglich zu meistern! Respekt an Sie und Ihre Familie. Als Mutter mache ich mir täglich Gedanken bezüglich der Medikation. Aber nicht nur ich: Nach Gesprächen zwischen unserem Kinderarzt und uns und unserer Tochter hat sie sich für die Medikamente entschieden, da die Vorteile überwiegen. Sie nimmt Tabletten in der Schule, um nicht in “Stress” zu geraten, was ihr hilft, Routinen und Leistungen bei sich selbst anzuerkennen und positiver abzuspeichern. Dasselbe gilt für das Training. Die Routinen im Umgang mit den anderen, das Einordnen von Gefühlen und Reflektieren wird unterstützt durch ein Gespräch mit einer neutralen Person (Verhaltenstherapeutin), um mich als Mutter zu entlasten, die Zeit mit meiner Tochter neu zu gestalten und die Tabletten (irgendwann evtl.) nicht mehr benötigen zu müssen.

    Fazit bei uns: Nach einem Jahr, haben wir eine entspanntere Beziehung innerhalb der Familie, unsere Tochter ist glücklicher und hat weniger Stress und Angst im Alltag vor “Fehlern”. Sie genießt die Zeit bei ihrer Verhaltenstherapeutin, um ihre Themen “loszuwerden”, ohne Mama und Papa zu belasten (Thema Selbstständigkeit)  😉

    Aus der Perspektive der Sportpsychologie auf das Themenfeld Angst/Panikattacken geblickt, gehe ich mit meiner Kollegin konform. Ich bin mir sicher, dass Sie als System Familie bereits eine Strategie für sich entwickelt haben, wenn eine solche Situation auftreten sollte. Dennoch möchte ich Ihnen auch einige Maßnahmen andeuten, die helfen können, mit Panikattacken umzugehen oder sie zu lindern (was ich auch als Mutter bei meiner Tochter anwende):

    1. Beruhigung der Atmung: Tief durch die Nase einatmen, den Atem für einige Sekunden halten und dann langsam durch den Mund auszuatmen.
    2. Ablenkung: Sich mit etwas zu beschäftigen, das die weiteren Sinne anspricht – zum Beispiel eine beruhigende Musik, Kuscheltier oder gar eine kleine Aufgabe erledigen (z.B. gemeinsam kochen).
    3. Positive Gedanken
    4. Den Körper beruhigen
    5. Regelmäßige Entspannungstechniken

    Wenn Panikattacken häufig auftreten oder das tägliche Leben beeinträchtigen, ist es ratsam, professionelle Hilfe in Anspruch zu nehmen. Ihr erster Ansprechpartner sollte dazu ihr Kinderarzt sein. Eine mögliche Intervention kann grundsätzöich sehr unterschiedlich sein, möglich ist unter anderem eine kognitive Verhaltenstherapie, die Festigung von Entspannungstechniken oder die medikamentöse Behandlung.

    Ich hoffe, ich konnte Ihnen einen Impuls geben und möchte Ihnen nochmals schreiben, dass ich es sehr schätze, was Sie als Mutter und als Familie schon jetzt für ihren Sohn alles leisten. Das ist toll!

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    Wir von Die Sportpsychologen sind für dich da. Und weil wir wissen, dass manchmal eine kleine Schwelle im Weg steht, Kontakt zu einem “Psychologen”, einer “Psychologin” oder einer/einem “MentaltrainerIn” zu suchen, machen wir einen Schritt auf dich zu. Wenn du also auch eine Frage an uns loswerden möchtest, dann nutz dafür das folgende Formular.

      Wichtig zu wissen: Manche Fragen und deren Antworten veröffentlichen wir nicht. Wir treten dann mit den jeweiligen FragestellerInnen persönlich in Kontakt. Dies behalten wir uns für Fälle vor, in denen die Anonymität nicht gewährleistet werden kann oder das angestoßene Thema besser im geschützten Raum besprochen wird. Zudem gilt: Unsere Antworten können nicht mehr als Anstösse liefern. Anstösse, von denen du als Leser oder Leserin ableiten kannst, wie wir von Die Sportpsychologen ticken und was wir so machen.

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      Janosch Daul: Puzzle-Teil Elterncoaching

      Als sportpsychologischer Coach gehört es auch zu meinen Aufgaben, mit dem Umfeld meiner Sportler zu arbeiten. Die Eltern spielen für viele Nachwuchssportler eine herausragende Rolle, dies gilt auch für die U16-Spieler des Halleschen FC, die ich in dieser Saison sehr umfangreich betreue. Über diese Zusammenarbeit berichte ich in einer Artikelserie, in der ich mich bislang mit der Saisonvorbereitung, der Teamentwicklung und den Coaching-Schwerpunkten Spieler, Trainer und Team beschäftigt habe. 

      Puzzle-Teil Elterncoaching

      Für denjenigen Trainer, der modern und systemisch stimmig führen möchte, gilt es, ein möglichst funktionierendes Unterstützungssystem für jeden einzelnen Spieler mitzuentwickeln. Das System besteht aus dem Spieler selbst, der im Mittelpunkt steht, seinen Trainern, seiner Familie, seinem Freundeskreis und weiteren für ihn relevanten Personen. Doch es braucht Arbeit, damit es sich wirklich zu einem Unterstützungssystem entwickelt. Dies ist dann der Fall, wenn alle Systembeteiligten in einem Boot sitzen, in eine Richtung rudern und der Spieler dabei maßgeblich Selbstverantwortung für seine Weiterentwicklung übernimmt. 

      Besonders wichtige Helfer für die Spieler sind zweifelsfrei ihre Eltern, denn sie sind es, zu denen die Spieler oftmals die größte emotionale Bindung besitzen und einen enormen Einfluss ausüben. Zugleich sind sie für ein Trainerteam der wichtigste Partner für die ganzheitliche Entwicklung der Spieler. Es ist von zentraler Bedeutung, sie von der eigenen Arbeit zu überzeugen, sie auf dem gemeinsamen Weg mitzunehmen und mit einzubinden, aber auch stimmige Grenzen zu setzen, gemeinsam in Austausch darüber zu treten, welches Elternverhalten für die Entwicklung des jeweiligen Spielers funktional ist und wie die Kooperation zwischen Trainern und Eltern aussehen sollte, um dem Spieler zu dienen. Trainer sollten darauf hinarbeiten, dass sich die Eltern gebraucht und wertgeschätzt sowie als Teil des Ganzen fühlen. Gelingt es einem Trainer, diese Aspekte umzusetzen, so stellt – dann in hohem Maße funktionales – Elternverhalten eine enorme (und noch vielerorts enorm unterschätzte und stiefmütterlich behandelte) Leistungsressource dar, die wir ausschöpfen wollen. 

      Kommunikation

      Als Trainerteam luden wir die Eltern daher zu Saisonbeginn zu einem „Come Together“, das unter dem Motto „Der beste Unterstützer des Spielers sein“ stand, ein. Bevor wir zu dem geselligen Teil, dem Grillen, übergingen, legten wir zunächst die Grundlagen für eine stimmige Zusammenarbeit, indem wir u.a. unser Ausbildungskonzept vorstellten, Verhaltensrichtlinien definierten, die Eltern Wünsche an uns formulieren ließen, spezifische Elternrollen vergaben und damit verbundene Aufgabenstellungen kommunizierten. Im Alltag umfasst Elternabend Folgendes: Mit regelmäßigen Mails halten wir sie auf dem Laufenden, gestalten punktuell Events zusammen, wie einen Bowlingabend, an dem die Eltern die Möglichkeit erhalten, uns als Trainerteam Feedback zu geben. Direkt  kommuniziert wird unsererseits mit den Eltern, wenn Verstöße gegen die festgelegten Verhaltensrichtlinien auftreten.  

      Ein Teil meines Aufgabenprofils besteht auch im Unterstützen der Eltern in ihrer Rolle. Daher lud ich die Eltern zu einem sportpsychologischen Einstiegsworkshop ein. Dabei stellte ich mein sportpsychologisches Wirken vor und schuf Angebote für eine Zusammenarbeit zwischen ihnen und mir. Seitdem melden sich immer wieder Eltern mit spezifischen Fragestellungen. Durch entsprechende Coachings und Beratungen stütze ich gezielt das Unterstützungssystem des Spielers, das wiederum ein unverzichtbares Puzzleteil auf dem persönlichen Weg darstellt.

      Puzzleteil für Puzzleteil

      Zusammengefasst lässt sich festhalten, dass wir als Trainerteam – auch durch die zielgerichtete Förderung mentaler und sozialer Aspekte, täglich, – Rahmenbedingungen so setzen, dass unsere Spieler durch das Ausschöpfen von Entwicklungspotenzialen ihr persönliches Puzzle Teil für Teil vervollständigen können. Und vielleicht schafft es ja tatsächlich der ein oder andere 2028 im Leuna-Chemie-Stadion auf dem Rasen zu stehen. Ich werde, zusammen mit meinen Trainerteamkollegen auf der Tribüne sitzend, der stolzeste Zuschauer sein. Bis dahin werden wir gemeinsam weiter fleißig puzzeln. Versprochen. 

      Artikelserie Puzzle-Teil Sportpsychologie

      Janosch Daul (zur Profilseite)

      In dieser, hiermit nun abgeschlossenen, Artikelserie wollte ich dir, lieber Leser, Einblicke in unsere Philosophie geben und den Übertrag in die Alltagspraxis darstellen. Alles aus meiner Perspektive, der eines sportpsychologischen Coaches. Dabei ging es mir darum, durch das Aufzeigen meiner Wirkungsbereiche und die Verknüpfung dieser mit unserer Trainingspraxis, die systematische Integration der Sportpsychologie als unverzichtbaren Ausbildungsbestandteil und Leistungsressource hervorzuheben. Alle Teile der Serie gibt es hier, Puzzleteil für Puzzleteil:

      Puzzle-Teil Saisonvorbereitung erscheint am: Do., 9. Januar 2025 (Link)
      Puzzle-Teil Teamentwicklung erscheint am: Do., 23. Januar 2025 (Link)
      Puzzle-Teil Spielercoaching erscheint am: Do., 6. Februar 2025 (Link)
      Puzzle-Teil Trainercoaching erscheint am: Do., 20. Februar 2025 (Link)
      Puzzle-Teil Teamcoaching erscheint am: Do., 6. März 2025 (Link)
      Puzzle-Teil Elterncoaching erscheint am: Do., 20. März 2025 (Link)

      Mehr zum Thema:

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      Danijela Bradfisch: Trainer:in oder Sportpsycholog:in?

      Kürzlich war ich Gast des DBBL-TOP4 Pokalfinales. Die Topteams des Pokalwettbewerbs haben in Berlin um den Titel gespielt. Als langjährige Trainerin habe ich mir vorgenommen, das Event „als Trainerin“ anzuschauen. Wieder einmal Hallenduft schnuppern, Leute aus der Sportart wieder treffen und über das Trainer:innen sein, mit Kollegen fachsimpeln. So weit der Plan, wenn da nicht die Sportpsychologin in mir sich immer wieder gemeldet hätte. Was sollte denn das? Kann ich nicht mal in Ruhe etwas anschauen, ohne sie auf meiner Schulter zu haben? Wie ein Papagei bei einem Piraten auf der Schulter, der ständig was zu sagen hat?

      Zum Thema: Sportpsychologische Arbeit und ihre Rollen

      Über 20 Jahre habe ich vorrangig junge Sportler:innen ausgebildet und an die oberen Leistungsklassen herangeführt. Rückblickend betrachtet, ist mir das sehr gut gelungen, obwohl ich da noch keine sportpsychologische Ausbildung hatte. „Nur“ Einfühlungsvermögen, Wissensdurst, aktive Kommunikation und den Antrieb, um mich als Trainerin parallel mit meinen Sportler:innen auch weiterzuentwickeln. Gemeinsam wachsen als Team, war damals mein Motto. 

      Dann kam ich aber an die Grenzen der Lizenzsystems, welches ich als sehr statisch erlebte. Außerhalb von Technik und Taktik entdeckte ich kaum Neues. Daher das Studieren von Sportwissenschaft und Sportpsychologie, nebenbei, um das Bedürfnis zu stillen. Was mich überrascht hat, ist die Erkenntnis dahinter, dass es mich als Mensch selber verändert. Früher war ich an der Seitenlinie ein kleiner Tasmanischer Teufel – heute bin ich zwar immer noch umtriebig, laut und voller Emotion dabei. Aber: Ich kann mich besser regulieren, steuern und positiver auftreten lassen. Auch im Sinne meines Teams. Während meiner letzten beiden Saisons war ich als Assistenztrainerin tätig und durfte so auch auf den Head Coach Einfluss nehmen, da er von meiner langjährigen Erfahrung ebenso profitieren wollte, wie das Team. Was ich als sehr schön und erfrischend fand, da er ebenso wie ich lange im Basketball Zirkus mitgemacht hat und was Neues machen wollte. 

      Gegenseitiges Wertschätzen und Fördern

      Zurück zum DBBL-TOP4 Pokalfinale in Berlin: Da ich als Basketballtrainerin eine Pause eingelegt habe und etwas zeitlichen Abstand hatte, dachte ich, das Event entspannter betrachten zu können. Eben als Trainerin. Aber das war ein Irrtum.

      Ganz ehrlich, zuerst dachte ich mir: „Was soll das?“ (Thema Selbstgespräche ☺) Alle Spiele an diesem Wochenende waren sehr schön anzuschauen und spannend. Ebenso war es echt toll, wieder mal andere Trainer:innen bei der Arbeit zu erleben, wie sie auf Aktionen agieren bzw. reagieren. Und „zack“ da war schon der erste Papageienaufschrei! „Wer hat eigentlich welchen Einfluss auf das Spiel? Coach auf Team oder Team auf Coach?“ Früher als Coachine war mir bewusst, dass ich kaum Einfluss auf den Spielablauf nehmen kann. Im Raum standen immer die Fragen: Welche Rolle spielen die Emotionen und deren Zurschaustellung? Sind diese in (wichtigen) Momenten funktional oder dysfunktional für das Team? 

      Im Laufe meiner Zeit als Trainerin und Coachine habe ich oft mit Kollegen in der Trainer Aus- und Fortbildung über den Unterschied dieser Rollen diskutiert. Für mich gibt es definitiv einen. Selbst der Trainer muss an seinen Fähigkeiten (z.B. Emotionsregulierung, nonverbale und verbale Kommunikation) im Training arbeiten, um es im Spiel anwenden zu können. Auch hier ist die gegenseitige Unterstützung im und mit Team sehr wichtig, da man als Coach eine andere Rolle einnimmt und sich dessen auch bewusst sein sollte. Hier kommen die Soft Skills zum Tragen, z.B. Auftreten in der Halle, Führungsverhalten, Emotionsregulierung und sehr viel (nonverbale) Kommunikation. … Der Papagei auf meiner Schulter wurde immer lauter…

      Blick als Trainer:in

      Während des Wochenendes gelang es mir dennoch oft, nur das Spiel als Trainerin oder Coachine anzusehen. Viele schöne tolle neue Ideen für mich, die spielerischen Komponenten mit in mein Training und Spiel zu übernehmen – wenn ich zur Zeit nur ein Team hätte! Solche „Übernahme“-Gedanken hatte ich früher oft, aber nun, „zack“, der nächste Papageien-Aufschrei: „Schon mal an deine Sporlter:innen gedacht, was sie wollen? Was  brauchen sie, damit es auf dem Feld besser geht?“

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      Weitere Informationen

      Ganz ehrlich: Anfangs meiner Karriere als Basketballtrainerin (jung, wild, voller Tatendrang, aber mit sehr wenig Lebenserfahrung) habe ich das Bedürfnis gespürt, mehr sein zu wollen. Ich hatte eine Abzweigung erreicht, die einer Entscheidung bedurfte. Wollte ich so weitermachen und dasselbe immer wieder machen oder wollte ich über den Tellerrand hinaus blicken und mich neu definieren und mehr Möglichkeiten für alle um mich herum entdecken? Ich wählte damals den zweiten Weg.

      Aus der sportpsychologischen Perspektive

      Aktuell als sportpsychologische Referentin für Trainer:innen Aus- und Fortbildung stelle ich wiederholt fest, dass es wichtig ist, über diese Soft Skills zu sprechen/diskutieren/sich auzutauschen. Für die Trainer:innen, um ihren „persönlichen Akku aufzuladen” und Leistung zu entwickeln und für die Athlet:en, um deren Persönlichkeitsentwicklung optimaler voranzutreiben. Daher freut es mich immer wieder, wenn meine gesammelten Erfahrungen diesbezüglich z.B. beim Motorsportverband Baden Württemberg und Badminton Verband Baden Württemberg in die Grundausbildung einfließen. Beide Verbände haben sich freiwillig zum Thema der Sportpsychologie in der Grundlagenausbildung bekannt und diese Inhalte integriert.

      Gleichzeitig macht es mich aber traurig, mitzuerleben, da die Sportpsychologie immer noch nicht in allen Sportarten angekommen ist. Obwohl die Rahmenrichtlinien für Trainerqualifizierung des DOSB seit 2005! beinhalten, dass persönliche und sozial-kommunikative Kompetenzen noch vor der Fachkompetenz und der Methoden- und Vermittlungskompetenz (also der Technik-Taktik-Didaktik) umgesetzt werden sollten. Und hier schreit mein Papagei erneut auf…

      „Wieso setzt man nicht wenigstens kleine Impulse der persönlichen und sozial-kommunikativen Kompetenzen in der Grundausbildung ein, wenn es doch überhaupt immer an erster Stelle in der DOSB-Richtlinien erwähnt wird? Warum nur im Leistungssportbereich, z.B. der A-Lizenz oder des Diplomtrainers?“

      Am liebsten wieder auch ein Team betreuen

      Das tolle Basketball Wochenende ist längst vorbei. Nach dem Besuch in Berlin habe ich wieder Lust, ein Team zu betreuen. Wieso? Weil der Papagei auf meiner Schulter ein Teil von mir ist und auch ein Wörtchen mitzusprechen hat. Durch meine diversen Ausbildungen bin ich als Trainerin und Coachine gewachsen und kann guten Gewissens beide Stimmen gebrauchen. Sowohl als Sportpsychologin und als Coachine kann ich beide Seiten sehr gut verstehen, kann aber auch (heute besser) die Ruhe und den Überblick behalten, was beiden Seiten gut tun würde. Derzeit betreue ich nur Individualsportler:innen, was sehr schön ist, aber auf das Ganze habe ich kaum Einfluss und somit kann ich nicht optimal darauf wirken, was aber oft als Auftrag an mich formuliert wird.

      Über das Wochenende habe ich mit meiner Kollegen Elisa Lierhaus gesprochen, sie betreute ein Team, welches am DBBL-TOP4 Pokalfinale teilgenommen hat. Wir sind beide der Meinung, dass der Einfluss von Team auf Coach und andersherum gleich verteilt ist! Und ich stehe vielleicht wieder am Anfang einer Reise. 

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      Links

      https://cdn.dosb.de/alter_Datenbestand/fm-dosb/arbeitsfelder/Ausbildung/Rahmenrichtlinien_2006/Rahmenrichtlinien_fuer_Qualifizierung_von_2005.pdf

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      Norbert Lewinski: Wem gehört der sportliche Erfolg?

      Es war für mich einer der bemerkenswertesten Momente der Wintersportsaison: Ich ziele auf das abschließende Slalom-Rennen der alpinen Ski-WM im österreichischen Saalbach ab. Genauer gesagt auf ein Statement nach dem Rennen. Linus Straßer hatte gerade die Bronzemedaille geholt und sagte im ZDF-Interview mit Amelie Stiefvater, dass er trotz aller Dankbarkeit für die grundlegende Unterstützung die Medaille für sich gewonnen habe, nicht für den Verband oder das Land. 

      Zum Thema: Identitätsbildung im Spitzensport

      Linus Straßer wirft mit seiner Aussage eine besondere Frage auf: Wem gehört der sportliche Erfolg? Ist er das Produkt einer Gemeinschaft, einer Nation, eines Verbandes oder letztlich doch eine zutiefst individuelle Leistung? Meiner Meinung nach berührt diese Frage zentrale Konzepte der psychodynamischen Theorien sowie der humanistischen Psychologie und lädt uns dazu ein, die Bedeutung der individuellen Erfahrung, der Motivation und der Identitätsbildung im Spitzensport zu reflektieren.

      Aus psychodynamischer Perspektive betrachtet, sehe ich Straßers Aussage als Ausdruck eines tief verwurzelten Bedürfnisses nach Autonomie und individueller Selbstbestimmung. Freud betonte in seiner psychoanalytischen Theorie die zentrale Rolle unbewusster Konflikte und die Dynamik zwischen dem Es, Ich und Über-Ich. Ich denke, dass Spitzensportler oft in einem Spannungsfeld zwischen äußeren Erwartungen und inneren Impulsen agieren. Einerseits existiert der Druck von Verband, Sponsoren und Fans, die den Erfolg als kollektive Errungenschaft betrachten. Andererseits gibt es das individuelle Bedürfnis nach Selbstwirksamkeit, persönlichem Wachstum und den Wunsch, sich unabhängig von externen Strukturen zu definieren. Dies entspricht auch dem humanistischen Ansatz von Carl Rogers, der den Menschen als selbstbestimmtes Wesen betrachtet, das nach Selbstverwirklichung strebt. In meinen Augen spiegeln Straßers Worte diesen inneren Kampf wider, der für viele Athleten ein ständiger Begleiter ist.

      Identität im Leistungssport

      Ich bin der Meinung, dass ein zentraler Punkt in der psychologischen Entwicklung eines Sportlers die Identitätsbildung ist. In der modernen Psychologie wird zunehmend die Rolle der sogenannten „Subjekt-Revolution“ betont. Ich sehe das als eine wichtige Entwicklung, da sie den Athleten nicht nur als ausführendes Organ einer übergeordneten Struktur betrachtet, sondern als eigenständiges Subjekt mit individuellen Bedürfnissen, Emotionen und einer einzigartigen Lebensgeschichte. Die Zeiten, in denen der Sportler ausschließlich als Repräsentant einer Nation oder eines Verbandes gesehen wurde, weichen zunehmend einem Verständnis, das die persönliche Erfahrung und das Erleben des Athleten in den Mittelpunkt stellt. Für mich bedeutet das jedoch nicht, dass Teamgeist oder patriotische Gefühle keine Rolle spielen, sondern vielmehr, dass sie in ein größeres Ganzes eingebettet sind, das die individuelle Autonomie nicht negiert, sondern respektiert.

      Ich denke, dass Straßers Haltung auch als gesunde psychologische Abgrenzung interpretiert werden kann. In der Leistungsgesellschaft des Hochleistungssports wird oft von einem „Wir-Gefühl“ gesprochen, das Athleten in ein kollektives Narrativ einbindet. Das kann einerseits motivierend sein, andererseits aber auch zu Identitätskonflikten führen, wenn sich ein Sportler nicht vollständig mit diesen externen Zuschreibungen identifizieren kann oder will. Meiner Meinung nach ist es für eine gesunde psychologische Entwicklung entscheidend, persönliche Grenzen zu setzen und eigene Erfolge als solche zu erleben, ohne dass diese notwendigerweise von außen definiert werden. Dies steht im Einklang mit Erik Eriksons Theorie der psychosozialen Entwicklung, in der die Phase der Identitätsfindung eine zentrale Rolle spielt. Sportler, insbesondere im Spitzensport, durchlaufen oft eine Identitätskrise, wenn sie versuchen, ihren Platz zwischen individueller Leistung und kollektiver Erwartung zu definieren.

      Neue Art des sportlichen Selbstverständnisses

      Aus meiner Sicht zeigt die psychologische Forschung, dass intrinsische Motivation – also die Motivation, die aus dem inneren Antrieb einer Person entsteht – nachhaltiger und leistungsfördernder ist als extrinsische Motivation, die auf Belohnungen oder soziale Anerkennung ausgerichtet ist. Ich verstehe Straßers Aussage daher als Ausdruck intrinsischer Motivation. Indem er betont, dass er die Medaille für sich selbst gewonnen hat, unterstreicht er die Bedeutung der persönlichen Sinnhaftigkeit im Sport. Dies entspricht den Erkenntnissen der Selbstbestimmungstheorie von Deci und Ryan, die Autonomie, Kompetenz und soziale Eingebundenheit als zentrale psychologische Grundbedürfnisse identifizieren. Meiner Meinung nach wird ein Athlet, der seine Erfolge aus einem tiefen inneren Antrieb heraus erlebt, langfristig stabilere Leistungen zeigen und eine gesündere psychologische Entwicklung durchlaufen als jemand, der ausschließlich nach äußerer Anerkennung strebt.

      Ich glaube jedoch nicht, dass Straßers Worte als völlige Abkehr von Gemeinschaft oder Teamgeist verstanden werden sollten. Vielmehr sehe ich darin eine neue Art des sportlichen Selbstverständnisses, das sich von überholten Kollektiv-Narrativen emanzipiert und den Athleten als zentrales Subjekt anerkennt. Das bedeutet nicht, dass nationale Zugehörigkeit oder Verbandsstrukturen überflüssig sind, sondern dass sie in ein neues Verhältnis zur individuellen Perspektive des Sportlers gesetzt werden müssen. In einer Zeit, in der die psychische Gesundheit von Athleten zunehmend in den Fokus rückt, halte ich es für entscheidend, ein Gleichgewicht zwischen individueller Selbstbestimmung und gemeinschaftlicher Zugehörigkeit zu finden. Die Aussage von Linus Straßer bietet somit nicht nur einen Einblick in die Gedankenwelt eines Spitzensportlers, sondern auch eine wertvolle Reflexion über die tiefgreifenden psychologischen Dynamiken, die im Leistungssport eine Rolle spielen. Sie erinnert mich daran, dass Erfolg nicht nur eine Frage von Medaillen und Rekorden ist, sondern auch von persönlicher Identität, Selbstbestimmung und dem Mut, seine eigene Wahrheit auszusprechen.

      Förderung von Autonomie

      Um in Zukunft besser auf den „Geist der Zeit“ zu reagieren und die psychologischen Bedürfnisse von Athleten stärker in den Mittelpunkt zu stellen, halte ich es für essenziell, dass sich Sportverbände, Trainer und Betreuer noch bewusster mit der individuellen Identitätsbildung der Sportler auseinandersetzen. Ein erster wichtiger Schritt wäre eine noch stärkere Förderung der Autonomie von Athleten in ihrer Karriereplanung, Entscheidungsfindung und öffentlichen Kommunikation. Sportler sollten ermutigt werden, ihre eigene Motivation und Werte aktiv zu reflektieren und sich nicht ausschließlich über externe Zuschreibungen zu definieren. Dazu braucht es ein Sportumfeld, das eine Balance zwischen individueller Selbstbestimmung und kollektiver Zugehörigkeit ermöglicht. Dies könnte durch eine Reform der Kommunikationskultur in Verbänden geschehen, die den Athleten nicht nur als Repräsentanten, sondern als eigenständige Subjekte mit persönlichen Bedürfnissen sieht. Mentale Unterstützung, etwa durch psychologische Betreuung mit einem humanistischen Ansatz, könnte Sportlern helfen, sich in diesem Spannungsfeld zwischen individueller Identität und Gruppenzugehörigkeit besser zurechtzufinden.

      Ein weiterer wesentlicher Aspekt ist die Förderung einer gesunden Leistungsmotivation. Statt übermäßiger Betonung extrinsischer Anreize wie Medaillen, nationale Erfolge oder öffentliche Anerkennung sollte stärker auf intrinsische Motivation gesetzt werden. Trainer und Funktionäre sollten Athleten dabei unterstützen, eine persönliche Sinnhaftigkeit in ihrem Sport zu finden, die über äußere Bestätigung hinausgeht. Dies kann beispielsweise durch individualisierte Karriere- und Lebensplanung, flexible Trainingsmodelle und eine stärkere Integration der psychischen Gesundheit in die Trainingsphilosophie geschehen. Letztlich glaube ich, dass der moderne Hochleistungssport einen Wandel braucht – hin zu einem System, das Sportler nicht als Mittel zum Zweck betrachtet, sondern als eigenständige Persönlichkeiten mit einem komplexen psychischen Erleben. Die Revolution des Subjekts bedeutet, Athleten nicht nur als Teil eines Systems zu sehen, sondern als Menschen mit individuellen Ambitionen, Ängsten und Hoffnungen. Wenn sich diese Haltung weiter durchsetzt, wird der Spitzensport langfristig nicht nur leistungsfähiger, sondern auch menschlicher.

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      Anke Precht: Fußballer in Abstiegsnot

      Im Frühjahr 2024 bekommt Anke Precht einen Anruf vom SV Linx. Genauer: Von Vorstandsmitglied Sven Bilz, dessen Herrenteam in der Verbandsliga in höchster Abstiegsnot ist. Sie müsse helfen – am besten sofort. Ein Klassiker. Ein Feuerwehreinsatz, auf den sich Anke Precht nach kurzer Überlegung einlässt, aber an eine bestimmte und recht außergewöhnliche Bedingung knüpft.

      Zum Thema: Sportpsychologie im ambitionierten Amateursport

      Vorab: Der Anruf ist der Startpunkt einer sportpsychologischen Zusammenarbeit, die bis heute fortgeführt wird. Durch die Offenheit aller Beteiligten, angefangen vom Vorstandsmitglied Sven Bilz, über Spielertrainer Sinan Gülsoy bis hin zur Sportpsychologin Anke Precht können wir zeigen, wie die Sportpsychologie im ambitionierten Amateursport funktioniert. Wie tauchen ein in die Zusammenarbeit, die zwischen Anke Precht und Sinan Gülsoy stattfindet. Der Spielertrainer erinnert sich an das erste Treffen:

      Heiße Kennenlernphase

      Anke startet mit einer besonderen Übung in die Zusammenarbeit mit dem Team. Eine praktische Übung, über die sie ein erstes Bild zum Zusammenhalt in der Mannschaft bekommt. Damit geht sie ins Risiko, denn für viele Spieler ist es der erste Kontakt mit der Sportpsychologie. Und oft sind die ersten Momente prägend – insbesondere im negativen Sinne. Wenn beispielsweise ein Team mit einem Fragebogen konfrontiert wird, schafft dies im Ergebnis oft kein Interesse, sondern Distanz. Anke erinnert sich, wie sie den Start in die Zusammenarbeit mit dem SV Linx erlebt hat:

      Sportlich läuft in der Saison 2023/2024 gar nicht gut. Spielertrainer Sinan Gülsoy berichtet von den letzten sieben Saisonspielen und den erlebten Veränderungen:

      Zusammenhalt testen

      Noch einmal zurück zur Übung, mit der Anke startet. Sie beschreibt die Funktionsweise und den Hintergrund der Technik. Es ist der Start in die konkrete sportpsychologische Arbeit:

      Aber wie hat eigentlich das Team auf die Sportpsychologin reagiert? Dies verrät Sinan Gülsoy, der um seine wichtige Rolle als Trainer und Führungsspieler weiß:

      Keine Freiwilligkeit

      In der Zusammenarbeit mit dem SV Linx hat Anke Precht eine Bedingung gesetzt: Ihre sportpsychologische Arbeit ist für die Spieler nicht freiwillig. Sie kümmert sich nicht nur um die Spieler, die den Kontakt zu ihr suchen. Sondern um alle, die mit der Sportpsychologie ein neues und zusätzliches Werkzeug an die Hand bekommen:

      Am Ende der Saison schafft der SV Linx den Klassenerhalt in der Verbandsliga Südbaden. Und die Zusammenarbeit zwischen Anke Precht, Sinan Gülsoy und dem Team wird fortgesetzt. Was die Beteiligten konkret unternehmen, verraten wir in der kommenden Folge der kleinen Mini-Serie zum Thema Sportpsychologie im ambitionierten Amateursport.

      Wenn ihr mit Anke Precht (zur Profilseite) oder den anderen Experten und Expertinnen aus dem Netzwerk Die Sportpsychologen, die ihr in eurer Nähe findet (zur Übersicht), zusammenarbeiten wollt, nehmt gern Kontakt auf.

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