Anke Precht: Warum Sportpsychologie beim Präsidium anfangen sollte

Vor einigen Jahren erlebte ich folgende Situation: Ich kam zu einem Verein, der mich vier Tage vor einem saison-entscheidenden Spiel kontaktiert hatte. Alles hing vom letzten Ergebnis ab. Im Team und ringsherum herrschte große Unruhe, denn die letzten beiden Spiele hatte die Mannschaft überraschend verloren, gegen schwächere Gegner. Es musste wohl am Kopf liegen, und ich sollte es nun richten. Einen Tag lang führte ich Gespräche mit den Verantwortlichen: Den Mitgliedern des Präsidiums, dem sportlichen Leiter, dem Cheftrainer, dem Athletiktrainer, dem Physiotherapeuten, der bekanntlich oft mehr weiß als andere im Team um das Team, um herauszufinden, wo womöglich der Hase im Pfeffer lag und kurzfristig eine gezielte Maßnahme ins Team bringen zu können. Viele Hypothesen wurden aufgeworfen, manche sprachen davon, dass das Team verunsichert sei, weil ein Leistungsträger woanders unterschrieben hätte, und dass die Leistung aller seitdem abgenommen habe. Von einem dramatischen Spielverlauf war die Rede beim ersten verlorenen Spiel, weil die Mannschaft da viel Pech gehabt hatte, einschließlich zweier Schiedsrichterentscheidungen, die auch von neutralen Außenstehenden sehr kritisch besprochen worden waren. Kurzum: Es war kompliziert und die Lösung kam für so manchen Beteiligten überraschend. 

Zum Thema: Sportpsychologische Krisenintervention

Als ich am Ende mit den Spielern sprach, tat sich eine ganz andere Realität auf. Die Spieler waren gestresst, weil sie seit Wochen Druck bekamen, vor allem vom Präsidium: Alles stünde auf dem Spiel, sie müssten diese historische Chance nutzen, es läge jetzt an ihnen, sie würden das ganz sicher schaffen und sollten sich jetzt fokussieren. 

Die Spieler dagegen hatten den Fokus ganz woanders und einen riesigen Frust, und zwar aus einem ganz einfachen und praktischen Grund: Versprochene Boni waren seit Wochen nicht ausgezahlt worden und ein Tankgutschein wurde nicht erneuert, obwohl er Teil des Vertrags war. Sie hatten einen Hals auf den Verein und ganz besonders auf das Präsidium. Sie identifizierten sich nicht mehr mit denen, die sie motivieren wollten. Und wenn man von ihnen Leistung verlangte, reagierten einige bockig: Sollen die sich doch erst an die Vereinbarungen halten, bevor sie uns an den Pranger stellen! Mit welchem Recht verlangen sie eigentlich von uns, dass wir 200% bringen? Sollen die doch erst einmal 100% bringen! Man kann sich vorstellen, dass es schwierig ist, mit einer solchen Einstellung auf dem Feld Höchstleistungen zu zeigen und über sich hinauszuwachsen.

Kommunikation als Schlüssel

Was haben wir also gemacht? Der Präsident hat die Mannschaft einberufen, vor seiner Rede die fehlenden Tankgutscheine ausgeteilt und der Mannschaft für ihre Geduld und ihr Engagement gedankt. Dann hat er erläutert, dass die finanzielle Situation des Vereins in der letzten Zeit schwierig gewesen sei, dass sich das in den nächsten Tagen ändern würde, weil Gelder erwartet würden, und dass er dann die Boni auszahlen werde. Er war transparent und offen, entschuldigte sich für den Mangel an Kommunikation, und man konnte fast spüren, wie sich die Spieler entspannten und wieder in Kontakt mit ihm gingen. Kein Druck, kein Mutmachen, er kümmerte sich einfach um die wirtschaftlichen Angelegenheiten, für die er zuständig war. Der Trainer hielt anschließend eine kurze Rede in der Kabine, um die Mannschaft auf die letzten Vorbereitungen zu fokussieren. Und ein Spieler, der von allen gleichermaßen geachtet wurde, hielt direkt vor dem Spiel in der Kabine eine flammende Motivationsrede, über die wir vorab gesprochen hatten. Die Mannschaft lief auf und war wie entfesselt, und sie gewann das entscheidende Match gegen einen starken Gegner.

Warum ich dieses Beispiel teile? Häufig glaubt man, Sportpsychologen würden irgendwelche Schräubchen in den Köpfen der Athleten verstellen, und dann würden diese performen. Dem ist nicht zwingend so. Es gibt unzählige Einflussgrößen im Sport, die dazu führen können, dass eine Leistung erbracht wird oder nicht. Nicht zuletzt sind die Menschen, die den Verein oder ein Team repräsentieren, ganz entscheidend, weil sie Vorbildcharakter haben und diesen auch glaubhaft leben müssen. Passiert das nicht, kann man als Sportpsychologe bei den Spielern lange herumdoktern – nicht immer mit Erfolg. Sportpsychologie fängt deshalb eben auch beim Präsidium an. Sportpsychologische Beratung kann auf allen Ebenen zum Erfolg verhelfen.

Keine Überraschung

Wenn ich (zum Profil von Anke Precht) mit Kollegen aus der Sportpsychologie (zur Übersicht) über diese Erfahrung spreche, höre ich häufig, dass sie etwas Ähnliches auch schon erlebt haben. Öffentlich wird darüber aber in aller Regel nicht gesprochen. Bislang nicht.

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Anke Precht
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