Dr. Christian Reinhardt: “MMA-Trainer müssen Flow zulassen”

Dass Kampfsportler, allen voran MMA-Athleten, inzwischen einiges zum Thema Sportpsychologie wissen, hat nicht zuletzt mit Dr. Christian Reinhardt zu tun. Im deutschsprachigen Raum ist er einer der Experten für die Kampfsportart Mixed Martial Arts. Als Kampfsportlerversteher wird er immer wieder als Gast in Podcasts eingeladen. Zuletzt war er in der 49. Auflage von “Hackmans MMA Show” auf Sendung und hat sich mit Sebastian Hackl, UFC-Kommentator und Ex-Wrestler, intensiv zu den Themen Körpersprache, Kommunikation, Flow und Visualisierungen ausgetauscht. Diese spannenden 82 Minuten Inhalt empfehlen wir euch hier: Link zu Meinsportpodcast. Dazu haben wir den Faden in Sachen Flow aufgenommen und bei Dr. Christian Reinhardt nachgefragt.

Zum Thema: Flow im Kampfsport

Dr. Christian Reinhardt, woran kann man von außen, also vor allem Trainer und Betreuer aber auch Fans und Kommentatoren erkennen, dass sich ein Kämpfer im Flow befindet?

Grundsätzlich kann man von außen immer nur vermuten, dass ein Kämpfer im Flow ist. Trainer erkennen es oft daran, wie glatt und schnell Bewegungen sind und das Übersprungshandlungen, die wahrscheinlich nur Trainer erkennen, die schon intensiv mit dem Sportler gearbeitet haben, gar nicht mehr oder kaum vorkommen. Die Kämpfer performen stark und nehmen wenig Kontakt mit der Ecke auf. Dustin Poirier hat in Interviews schon mehrfach über den Flow-Zustand gesprochen, den er im Kampf zu erreichen versucht. Bei seinem letzten Kampf gegen Dan Hooker hat ihn sein Coach Dyah Davis in der Pause zwischen den Runden gefragt, ob er Spaß hat? Poirier antwortete: “I’m having a blast“, und lächelte seinen Coach an. Davis hat meiner Meinung nach auch gemerkt, dass sein Schützling im Flow ist und richtigerweise seine Anweisungen auf ein Minimum reduziert. 

Für Fans und Kommentatoren ist es schwieriger, einen Flow-Zustand zu erkennen. Kämpfer im Flow nehmen sich deutlich weniger Auszeiten, reagieren weniger auf den Referee, die Ecke oder das Publikum und scheinen auf jegliche Aktion ihres Gegners eine Antwort zu haben.

Dr. Christian Reinhardt

Dr. Christian Reinhardt

Sportarten: Fußball, Mixed Martial Arts, Boxen, Ringen, Kickboxen, Eishockey

+49 (0)152 531 687 42

c.reinhardt@die-sportpsychologen.de

Zur Profilseite: https://www.die-sportpsychologen.de/christian-reinhardt/

Gibt es konkrete Übungen, in den MMA-Kämpfer im Gym den Flow-Zustand trainieren oder zumindest vorbereiten können?

Wichtig ist vor allem, dass Flow-Zustände im Training zugelassen werden. Das geht nur, wenn die Aufgabenschwierigkeit einer Übung so gewählt wird, dass sie gerade noch zu bewältigen ist, der Handlungsablauf nicht dauernd unterbrochen oder Anweisungen an den Kämpfer gegeben werden. Flow-Zustände werden oft nicht erreicht, weil Sportler zu emotional sind bzw. sich zu viele Gedanken (meist Sorgen und Ängste) machen. Die Normalität dieser Gedanken, aber auch ihre Unproduktivität sollte thematisiert werden. Jeder Sportler braucht eine kleine Routine, um diese Gedanken abzuschütteln und sich wieder auf den Kampf konzentrieren zu können. Viele Kampfsportler machen kurz zwei, drei Schritte aus der Reichweite des Gegners und lockern sich. Bei dieser Gelegenheit geben sich eine kurze Instruktion wie bspw. “Reset!” und gehen dann wieder in den Kampf. In diesem Zusammenhang wird häufig auf T. J. Dillashaw verwiesen, der häufiger eine solche Routine mit leicht tänzelnden Bewegungen macht. Eine entsprechende Routine sollte im Training geübt werden, damit sie im Wettbewerb funktioniert.


Inwiefern kann ein Flow-Zustand im Kampf gefährlich sein?

Im Flow denkt man an nichts anderes als das hier und jetzt und erlebt sich losgelöst von äußeren Einflüssen. Das ist erst einmal sehr angenehm und zudem aufgrund der hohen Konzentration auch leistungsförderlich. Dieser Fokus auf die aktuelle Handlung und die Abschottung nach außen können aber auch problematisch sein. Ein Kampf erfordert nicht nur sehr gute Aktionen im Moment, sondern auch eine Gesamtstrategie (Gameplan), die u.a. auch die eigenen Ressourcen berücksichtigt. Athleten im Flow verlassen oft ihren Gameplan und laufen so Gefahr, zu viel Energie zu einem frühen Zeitpunkt zu lassen oder Anpassungen ihres Gegners nicht zu realisieren. Da sie aber auch ihre Ecke kaum mehr wahrnehmen, bekommen sie entsprechende Informationen von dort auch nicht mehr mit.

Der Podcast “Hackmans MMA Show” mit Dr. Christian Reinhardt zum Anhören:

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