Prof. Dr. Oliver Stoll: “Mit der medialen Defensivstrategie fahren Sportpsychologen sicherer”

Mit dem Netzwerk Die Sportpsychologen haben wir uns seit gut neun Jahren zur Aufgabe gemacht, die Disziplin im Sport besser zu erklären. Denn immer noch wissen viele Sportler, Sportlerinnen, TrainerInnen sowie EntscheiderInnen in Vorstands- oder Managementetagen bis hin zu den Eltern viel zu wenig darüber, was Sportpsychologie macht, soll und kann. Fakt! Alles andere ist, trotz großer Verdienste und Bemühungen in der Branche, selbstgefällige Schönrednerei. Stellt sich aber folgende Frage, über die wir hier im ersten Teil einer kleinen Serie im Netzwerk diskutieren:   

Die Sportpsychologie findet außerhalb der eigenen Netzwerke kaum medial statt. Gerade etablierte Kollegen und Kolleginnen agieren medial meist sehr vorsichtig und zurückhaltend. Worin siehst du das Für und Wider der medialen Defensivstrategie?

Janosch Daul (zum Profil)

In einer medialen Offensivstrategie sehe ich zugleich eine Chance und Gefahr. Durch eine gute, tiefgründige, greifbare Berichterstattung rückt unsere so wichtige Disziplin und ihre Wichtigkeit in den Fokus der Öffentlichkeit und mit Mythen und Halbwahrheiten kann aufgeräumt werden. Bisweilen sehe ich aber die Gefahr, dass eine Berichterstattung, die gerade auch das eigene Handeln und die sportpsychologische Zusammenarbeit mit SportlerInnen, TrainerInnen etc. zum Thema hat, zu einer Art Selbstvermarktung und Eigen-PR verkommt. Ich selbst nehme mich dahingehend auch in einem Spannungsfeld wahr und bin oft hin-und-hergerissen zwischen dem Bedürfnis, mit seiner Expertise und seiner Tätigkeit auch nach außen Sichtbarkeit zu generieren – v.a., da die Arbeitsplätze begrenzt sind – und dem Bedürfnis, als demütig und vertrauenswürdig wahrgenommen zu werden.

Prof. Dr. Oliver Stoll (zum Profil)

Ich vermute, dass diese “Defensivstrategie” stark von den berufsethischen Richtlinien der asp, dem bdp sowie der dvs und der DGPs geprägt ist. Wenn man sich in der Öffentlichkeit sehr konkret äußert (und Ross und Reiter nennt) kommt man sofort in einen Konflikt mit einem Grundsatz unserer berufsethischen Richtlinien, z.B: “asp Mitglieder achten und schätzen die Würde, Integrität, Selbstbestimmung und die fundamentalen Rechte anderer”. Und hin und wieder kommt dann auch schnell in das Dilemma einen anderen Grundsatz zu verletzen, nämlich den der Loyalität gegenüber dem Berufsstand sowie dem kollegialen Verhalten gegenüber Kolleg*innen, Angehöriger anderer Berufe sowie Mitarbeiter*innen. Davon unberührt bleibt natürlich die moralische Verpflichtung zur begründeten und berechtigten, konstruktiven Kritik. Mit der sogenannten “Defensivstrategie” fährt man eben “relativ sicher” in diesem sehr komplexen, medial angeheizten “Wildwasser”. 

Yvonne Dathe, Die Sportpsychologen

Yvonne Dathe (zum Profil)

Das defensive Auftreten in den Medien ist, denke ich, den berufsethischen Grundlagen geschuldet, wie von Oliver Stoll bereits beschrieben. Viele möchten vielleicht auch nicht als “Marktschreier” wirken, da halten sie sich eher bedeckt. Leider erfahren dadurch Sportler:innen und Trainer:innen nicht, was wir für Arbeit leisten können. Ich selbst versuche meine Themen zu präsentieren, wo es nur möglich ist, ohne gegen moralische oder ethische Richtlinien zu verstoßen. Mein Ziel ist es, Sportler:innen zu erreichen, die Unterstützung brauchen. Ohne dass wir öffentlich sichtbar sind, können sich psychische Probleme entwickeln oder verstärken. 

Kyle Varley, Die Sportpsychologen
Kyle Varley, Die Sportpsychologen

Kyle Varley (zum Profil)

Generell erkläre ich mir die Defensivstrategie dadurch, dass das Thema Psyche und vor allem die mentale Schwäche bis mindestens vor zehn Jahren noch als absolutes Tabuthema galt. Weil man erst in den letzten Jahren psychologische Themen öffentlich bespricht, hat sich ein allgemeingültiger Umgang mit den Medien dazu noch nicht eingespielt, was zur Folge hat, dass es noch unterschiedliche Arten der öffentlichen Kommunikation zum Thema Psychologie gibt. Die Einen pflegen einen eher vorsichtigen Approach, die Anderen sind da offener. Weil es noch mehr Vertreter der zurückhaltenden Art gibt, fährt man sicherer, wenn man eher eine defensiver Einstellung innehat. Spricht man in der Öffentlichkeit freizügiger, macht man sich angreifbarer von denen, die sich damit (noch) nicht ganz wohl fühlen. 

Teil 2 folgt bereits am Donnerstag, den 23. November 2023. 

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Mathias Liebing
Mathias Liebinghttps://www.torial.com/mathias.liebing
Redaktionsleiter bei Die Sportpsychologen und freier Journalist Leipzig Deutschland +49 (0)170 9615287 E-Mail-Anfrage an m.liebing@die-sportpsychologen.de