Start Blog Seite 28

“Fußball ist auch eine Kopf- und Einstellungssache”

Ole Pörschmann ist ein Leistungsträger der U17-Mannschaft des Halleschen FC. Im Nachwuchszentrum des Fußball-Drittligisten arbeitet Janosch Daul von Die Sportpsychologen seit eineinhalb Jahren intensiv mit ihm im mental-sozialen Bereich zusammen. Ole gehört zu denjenigen Spielern, die das Angebot, sich mit meiner Unterstützung gezielt mental weiterzuentwickeln, am meisten nutzen. In diesem Artikel möchten Janosch und Ole aufzeigen, wie eine zielführende sportpsychologische Zusammenarbeit in einem NLZ gestaltet werden kann. Zugleich sollen authentische Einblicke vermittelt werden, welche Herausforderungen sich für den sportpsychologischen Experten durch diese besonders engen Formen der Zusammenarbeit ergeben.

Ob es anderen sportpsychologischen Coaches teilweise ähnlich ergeht? Welche Fragen haben Spieler in Bezug auf eine solche Zusammenarbeit? Nehmt dazu gern direkt Kontakt zu Janosch Daul (zum Profil) auf – aber erst, nachdem ihr seinen Text gelesen habt:

Zum Thema: Einzelspieler-Coaching im Nachwuchsleistungsfußball

Den Ausgangspunkt für unsere Zusammenarbeit bildete ein Kennenlerngespräch im Sommer 2022, als Ole, der nach einem Intermezzo beim VfL Wolfsburg zur U14 des HFC zurückkehrte, gerade in die U16 gekommen war. In diesem Gespräch gab mir Ole, der täglich die circa 35 Kilometer lange Strecke zwischen seiner Heimatstadt Lutherstadt Eisleben und Halle meistert, sofort das Gefühl, an einem engen Austausch interessiert zu sein. Grundsätzlich nehme ich wertvolle Eigenschaften wie Ehrgeiz, Streben nach Weiterentwicklung, Wissbegierde, Zielklarheit und eine enorme Offenheit bei ihm wahr. Alles Punkte, die nicht zuletzt positiv auf unsere Zusammenarbeit einzahlen. Ole selbst nimmt bei sich vor allem Folgendes wahr und berichtet, warum er die Sportpsychologie so wichtig findet:

„Ehrlichkeit, Wille und der Mut, Mentales mit Janosch als sportpsychologischem Coach anzugehen, zeichnen mich besonders aus. Nicht jeder traut sich, den Weg, den ich gehe, zu gehen, weil er auch mit Aufwand einhergeht. Ich finde das Thema aber einfach sehr wichtig. Denn Fußball ist auch eine Kopf- und Einstellungssache. Nur weil man ein guter Fußballer ist, bedeutet das nicht, dass man das, was man kann, auch automatisch abrufen kann. Spiele werden auch im Kopf gewonnen. Wenn man mit dem Mindset ´Ich weiß nicht, ob wir das gewinnen´, in Spiele hinein geht, dann wird das nichts. Man muss immer denken, dass man der Beste ist und das lerne ich auch durch die sportpsychologische Zusammenarbeit. Was mir in dieser Zusammenarbeit besonders gefällt, ist, dass wir uns alles offen und ehrlich sagen können, sodass wir immer weiterkommen und auch gegenseitig viel voneinander lernen. Wir können uns vertrauen und ich bin mir sicher, dass das, was wir besprechen, auch immer unter uns bleibt.“

Dimensionen des Leaderships

Inhaltlich arbeiteten wir in der vergangenen Saison primär an Oles Kompetenzen als Führungsspieler. Grob umrissen ging es dabei um eine Weiterentwicklung in den folgenden vier Dimensionen des Leaderships: 

  • motivierendes Leadership (primär auf dem Spielfeld),
  • aufgabenorientiertes Leadership (primär auf dem Spielfeld),
  • soziales Leadership (primär außerhalb des Spielfeldes),
  • extern orientiertes Leadership (primär außerhalb des Spielfeldes)

Am Erarbeiteten konnten wir in der aktuellen Saison wunderbar anknüpfen.

Die aktuelle Saison 

Als festes Teammitglied der U17 habe ich in dieser Saison die Möglichkeit, Ole noch regelmäßiger und intensiver zu begleiten. In der Sommervorbereitung führten wir eine Auftragsklärung durch, um zu definieren, in welche Richtung die gemeinsame Reise gehen soll und um Einblicke darin zu erhalten, wie ich ihm aus seiner Sicht der bestmögliche Unterstützer sein kann. 

Aus dem Gespräch ergab sich, dass mich Ole primär in folgenden Rollen sieht:

  • der Spiegel, der ihm regelmäßig ein ehrliches Feedback unter mental-sozialen Gesichtspunkten gibt, bezogen auf Aspekte, die auf und neben dem Feld beobachtbar sind,
  • der Coach, der anregende Reflexionsfragen stellt, um Lernprozesse auszulösen und mit dem Ole an mentalen Kompetenzen arbeitet,
  • der Berater, der ihm punktuell Ratschläge mit auf seinen Weg gibt,
  • der Pädagoge, der mit ihm offen und ehrlich ins Gespräch kommt, wenn Verhaltensweisen im sozialen Bereich inadäquat sind – mal durch das Ausdrücken einer eigenen Meinung, primär allerdings durch das Stellen von Reflexionsfragen, die ihn selbst Einsichten und Lösungen entwickeln lassen,
  • der Trauerbegleiter, der ihn bei besonders herausfordernden Themen unterstützt,
  • der Kumpel, mit dem sich Ole über Alltagsthemen unterhalten kann und 
  • der Wettkampfvorbereiter, der ihm hilft, sich mental aufs Spiel vorzubereiten

Für Ole selbst ist zum einen die Rolle des Coaches besonders wichtig: „Durch die Reflexionsfragen komme ich selbst ins Nachdenken. Dies ist für mich am effektivsten. Durch diese Fragen setze ich mich intensiver mit dem Thema auseinander und kann mir darüber am besten klar werden, was ich verkehrt, aber auch gut gemacht habe. Dadurch weiß ich dann auch, was ich beim nächsten Mal besser machen kann. Wenn mir jemand einfach nur sagt, was ich falsch gemacht habe, dann komme ich darüber kaum ins Nachdenken und setze mich viel weniger kritisch mit mir selbst auseinander.“

Kommunikation als Schlüssel

Das Stellen nützlicher (Reflexions)fragen scheint Ole also in seiner persönlich-menschlichen Weiterentwicklung am dienlichsten zu sein. Dies steht im Gegensatz zum Ansatz so mancher Führungskräfte (z.B. Trainer), die dazu neigen, durch das Halten eines Monologs eine Verhaltensänderung beim Geführten (z.B. dem Spieler) erzeugen zu wollen. 

Zum anderen hat vor allem die Rolle des Spiegels, aus der heraus ich Ole nach Trainingseinheiten und Spielen regelmäßig meine Wahrnehmungen, teils per persönlichem Gespräch, in der Regel jedoch per Whats-App-Sprachnachricht, kommuniziere, eine hohe Wichtigkeit für Ole: „Dadurch, dass Janosch mich regelmäßig spiegelt, weiß ich, woran ich arbeiten kann und in welchen Bereichen ich noch zulegen muss. Dadurch kann ich mir fürs nächste Training bewusst Dinge vornehmen, die ich umsetzen will. Und wenn ich auf etwas bewusst achte, dann kann ich mich darin auch verbessern. Hilfreich ist für mich dabei, mir eine Notiz ins Handy zu schreiben, die ich mir vor dem Training nochmal anschaue oder mir das, was ich umsetzen will, auf einen Zettel schreibe, den ich mir vor dem Schlafen und dem Training nochmal angucke.“

Drei Schwerpunkte der Zusammenarbeit

Inzwischen haben sich drei Schwerpunkte in der Zusammenarbeit mit Ole herauskristallisiert – immer verbunden mit der zielgerichteten Einnahme einer adäquaten Rolle: 

  1. Arbeit an Führungsspielerkompetenzen 

Als Teil des Mannschaftsrats und dritter Kapitän hat Ole einen natürlichen Führungsanspruch an sich selbst. Meiner Wahrnehmung nach ist es dem Real Madrid- und VfL Wolfsburg-Fan in den vergangenen eineinhalb Jahren extrem gut gelungen, eine  hohe Leitungsstabilität im Hinblick auf Kompetenzen, die einen wahren Leader auf dem Feld ausmachen, zu entwickeln, z.B.:

  • die Mitspieler auf positive Art und Weise emotional zu coachen, 
  • die Emotionen auf dem Spielfeld in die richtige Richtung zu lenken, 
  • die Mitspieler zu motivieren, bis zum Äußersten zu gehen, 
  • selbst eine vorbildliche Einsatzbereitschaft an den Tag zu legen,
  • Trainingsabläufe durch das Übernehmen organisatorischer Verantwortung positiv zu unterstützen,
  • dem Team zu helfen, sich zu fokussieren und taktische Entscheidungen zu treffen und
  • klare, positiv formulierte Anweisungen zu geben.

Meiner Meinung nach ist Ole in diesen Bereichen als Führungsspieler bereits so gut aufgestellt, dass es an dieser Stelle „nur noch“ um den Erhalt dieser Leistungsstabilität und um ein Feintuning geht. Oles Selbsteinschätzung dazu: „Ich bin in diesen Bereichen gut aufgestellt. Es ist nicht selbstverständlich, im Spiel und Training so viel zu coachen. Ich habe aber manchmal auch Tage, an denen ich nicht so happy bin und dann nicht so viel coache. Wenn wir z.B. ein Spiel verlieren, bin ich auch nicht immer der Lauteste. Trotzdem habe ich mir hier sehr gute Voraussetzungen für meine weitere Entwicklung geschaffen. Besonders gut finde ich meine Lautstärke. Es macht was mit dem eigenen Team, wenn ich laut bin und es schüchtert zugleich die Gegenspieler ein. Zudem ist es einfach richtig geil, sich nach einem Tor oder gewonnenen Zweikampf abzufeiern, also den Emotionen freien Lauf zu lassen. Das pusht mich selbst, wodurch ich noch freier und besser spielen kann.“

Ole beschreibt zudem, wie es ihm gelungen ist, diese Kompetenzen zu entwickeln: „Im Training habe ich mich bewusst darin geübt, Lautstärke reinzubringen, was mit der Zeit immer besser gelang. Dann konnte ich dies auch im Spiel zeigen. Zudem hat mein Vorbild Sergio Ramos dazu beigetragen. Ich habe mir gerade zu Real-Zeiten viele Spiele von ihm angeschaut und ich sehe, wie er permanent coacht, seine Kette zusammenhält, auch pfeift, ja einfach ein lautstarker Leader ist, auf den man sich verlassen kann. Von ihm hab ich mir vieles abgeschaut.“

Ich nehme wahr, dass Ole insbesondere in seinem Sozialverhalten noch Wachstumspotenziale offenbart. Auf meine Frage, wie er seine Sozialkompetenz einschätzt, meinte er zuletzt: „Janosch, ich kann sehr sozialkompetent sein. Ich will es nur nicht immer.“ Aktuell unterstütze ich ihn dabei, sich selbst immer besser kennen- und verstehen zu lernen: Welche (guten) Gründe habe ich, dass ich nicht immer will? Was braucht es, um mehr ins Wollen zu kommen? Wieso reagiere ich in Situationen mit anderen Menschen so, wie ich reagiere? Was sind persönliche Triggerpunkte? Wie kann ich in Gruppenkontexten eine für mich stimmige Rolle finden? Was brauche ich, um Menschen in bestimmten Situationen weniger schnell zu beurteilen? Wie gebe ich gewaltfrei Feedback? Wie führe ich unangenehme Gespräche? Wie löse ich Konflikte auf? Wie gehe ich aktiv auf Mitspieler zu? Wie kann ich Rücksicht auf die Bedürfnisse anderer nehmen, wenn diese meinen eigenen im Wege stehen? Wie kann ich meinen Mitspielern ein guter Zuhörer sein? Wie kann ich Dankbarkeit und Wertschätzung auf eine für mich authentische Art und Weise ausdrücken?

Ole ist sich dessen selbst bewusst, dass er an seinem Sozialverhalten noch arbeiten muss: „Mein größtes Potenzial besteht darin, einen Menschen, wenn ich ihn nicht so mag oder (noch) nicht so gut kenne, nicht so schnell zu beurteilen. Das sollte ich mir abgewöhnen. Und zudem die Meinungen anderer akzeptieren, also erstmal über diese nachdenken, verarbeiten und dann darauf antworten, anstatt direkt loszuschießen. Zudem möchte ich lernen, nicht immer meine Meinung durchzudrücken und auch anzuerkennen, wenn eine andere Person Recht hatte.“

Ich habe selten einen Spieler und gleichzeitig einen so jungen Menschen (!!!) erlebt, der sich so ehrlich und knallhart spiegeln lassen möchte und sich so ehrlich mit sich selbst und auch (eigenen) unangenehmen Themen auseinandersetzt, um persönlich zu wachsen. Ich habe für mich durch die Zusammenarbeit mit Ole gelernt: Auf der Grundlage maximaler menschlicher Wertschätzung kannst du einem Menschen, den eine gewisse Offenheit auszeichnet, in einem passenden Moment fast alles sagen – und wirst dann in der Regel auch wirklich gehört. Oles Streben danach, sich auf diese Weise permanent mit sich selbst auseinandersetzen zu wollen, begeistert mich an ihm und führt mich zu der wenig mutigen Annahme, dass es ihm in den kommenden Jahren gelingen wird, an seinen ihn (noch) herausfordernden Themen zu wachsen. Um die Schritte zu gehen, die Ole gehen will – dafür bekommt er von mir alle Zeit dieser Welt. Alles zu seiner Zeit. 

  1. Arbeit an leistungsbezogenen mentalen Kompetenzen 

Wer als Spieler ganzheitlich wachsen will, der kommt nicht daran vorbei, sich neben taktischen, physischen und technischen Aspekten auch gezielt mit mentalen Aspekten des Fußballspiels auseinanderzusetzen. In Form von Gesprächen, kurzen Coachingprozessen und Feedbacks arbeiten wir konsequent an mentalen Kompetenzen wie z.B. den folgenden:

  • mit unangenehmen Emotionen in Folge herausfordernder Situationen umgehen zu können,
  • die eigene Aufmerksamkeit handlungsbezogen auf spielrelevante Reize auszurichten,
  • funktional und lautstark zu kommunizieren,
  • eine hundertprozentige Einsatzbereitschaft an den Tag zu legen und
  • über den Körper Zuversicht, Stärke und Selbstbewusstsein auszustrahlen

Oles Selbstwahrnehmung dazu: „Besonders gut finde ich meine Lautstärke. Das macht was mit dem Team, wenn es einen Leader hat, der lautstark pusht und coacht. Zudem habe ich eine hohe Einsatzbereitschaft. Ich finde es super wichtig, einen Zweikampf unbedingt gewinnen und einen Ball unbedingt anbringen zu wollen. Ich bin ein Typ, der nicht verlieren kann und immer gewinnen will. Dies zeigt sich in meiner Einsatzbereitschaft.“ 

  1. Unmittelbare Wettkampfvorbereitung 

Wie für so viele Spieler ist auch für Ole das Spiel am Wochenende der Wochenhöhepunkt. Das Motto lautet dann: Performen! Das abrufen, was ich kann und im Trainingsprozess entwickelt habe! Eine Frage, die sich ein Spieler entsprechend stellen darf, lautet: Was brauche ich, um meine maximale Leistungsfähigkeit am Wochenende möglichst stabil und konstant abrufen zu können? In dieser Saison haben Ole und ich für Pflichtspiele feste Routinen mit Raum für Flexibilität entwickelt, die ihm dabei helfen, seine Fähigkeiten auch tatsächlich auf den Platz zu bringen: 

  • Auf der Hinfahrt zum Spiel stelle ich Ole Reflexionsfragen, die ihn dabei unterstützen, seine für das Spiel relevanten Aufgaben sowie seine eigenen Zielstellungen und Erwartungshaltungen bewusst im Gedächtnis zu verankern. Vor manchen Spielen bringe ich ihn zudem je nach Bedürfnis nochmal mit seinen Stärken in Kontakt – z.B. durch Visualisierungsübungen.
  • Während der Platzbesichtigung am Spielort konkretisieren wir das im Bus Besprochene: Was braucht es nun konkret, um in die Umsetzung zu kommen? Zugleich beziehen wir die Platz- und Umgebungsbedingungen, die wir vor Ort vorfinden, in unsere Überlegungen mit ein. Bei Heimspielen verknüpfen wir diese beiden Teile der Wettkampfvorbereitung während der Platzbesichtigung miteinander. 
  • Ca. zwei Minuten vor Spielbeginn suche ich nochmal für einige kurze Augenblicke den Austausch mit Ole. Auf einer kleinen Karte visualisiert erinnere ich ihn an zwei für das Spiel relevante mentale Aspekte und gebe ihm abschließend einen kleinen Mutmacher mit auf den Weg. 
  • In der Halbzeitpause kommt Ole bedürfnisorientiert auf mich zu, um über sein Spiel in der ersten Halbzeit ins Gespräch zu kommen. 

In der aktuellen Vorbereitungsphase nutze ich die Testspiele, um Ole zu einer kompletten Selbstständigkeit zu ermutigen. Er ist der permanente Selbst-Entscheider über das, was er vor dem Spiel im Sinne einer bestmöglichen mentalen Wettkampfvorbereitung gerade benötigt. Wenn er mich braucht, bin ich für ihn da und wenn nicht, zeigt mir dies, dass es ihm immer besser gelingt, sich höchstselbst mental perfekt auf das Spiel vorzubereiten – dies schafft eine wertvolle Unabhängigkeit von anderen Personen. 

Meine größte Challenge in der Zusammenarbeit mit Spielern wie Ole

Als leidenschaftlich-verrückter Vollbut-Sportpsychologischer Coach neige ich dazu, mit Spielern (und Menschen außerhalb des Fußballs) sehr stark mitzuschwingen, mich ihnen auch emotional sehr verbunden zu fühlen. Dies bringt viele Vorteile mit sich, birgt aber auch gewisse Gefahren. Diese Leidenschaft für den Spieler und primär den Menschen dahinter lässt mich auf der einen Seite eine hohe Einsatzbereitschaft an den Tag legen und (fast) alles für den Spieler im Sinne seiner Weiterentwicklung tun, sofern dies mit meiner Rolle als sportpsychologischer Coach kompatibel erscheint, sei es beispielsweise das Vernetzen des Spielers mit Ernährungsspezialisten oder das aufwendige Herstellen individueller Motivationsvideos. Spieler spiegeln mir, dass es mir dadurch gut gelingt, sie im mental-sozialen Bereich kontinuierlich voranzubringen. Doch auf der anderen Seite kostet mich dieses Gefühl der emotionalen Verbundenheit und meine daraus resultierende sehr hohe Einsatzbereitschaft eine Menge Energie, die mir dann für andere Lebensbereiche teilweise fehlt. Dies ist wohl der Preis, den du ein Stück weit zahlen musst, wenn du merkst, dass sich der Beruf, den du ausüben darfst, einfach nicht wie ein Beruf, sondern vielmehr wie eine Leidenschaft anfühlt. Zudem braucht es gerade dann immer wieder ein höchst professionelles und achtsames Innehalten und Reflektieren der eigenen Rolle. Auf Spieler wie Ole bezogen: Durch eine so enge Zusammenarbeit entsteht eine wahre menschliche Beziehung und dadurch wiederum eine freundschaftliche Sympathie. Das ist menschlich. Ole meint mit Blick auf unsere Beziehung: „Manchmal vergesse ich, dass Janosch mein sportpsychologischer Coach ist. Dadurch rede ich sehr locker mit ihm und ohne dabei groß nachzudenken.“ 

Was ist meine Herausforderung? Diese besteht für mich, im Sinne der Wahrung eines professionellen Arbeitsverhältnisses darin, immer wieder klare Grenzen zu setzen – nach innen und außen. Im Sinne der Beziehungsgestaltung situationsbezogen mit Spielern wie Ole zum Beispiel Späße machen zu können und dabei dennoch in der eigenen Rolle professionell zu bleiben. Ich nehme wahr, dass Ole und ich auf einem guten Weg sind, an unseren jeweiligen Herausforderungen zu wachsen. Gerade durch unsere gemeinsame Zusammenarbeit, die sich für mich total stimmig und wertvoll anfühlt. 

Mehr zum Thema:

Veranstaltungstipp

Sie sehen gerade einen Platzhalterinhalt von Standard. Um auf den eigentlichen Inhalt zuzugreifen, klicken Sie auf den Button unten. Bitte beachten Sie, dass dabei Daten an Drittanbieter weitergegeben werden.

Weitere Informationen

Views: 583

Abliefern live in Würzburg

Sportpsychologie zum Anfassen. Wir von Die Sportpsychologen zeigen unsere Lieblingswerkzeuge, mit denen wir mit EinzelathletInnen, TrainerInnen oder Teams arbeiten. Dazu geben wir einen Einblick in unser Online-Coachingprogramm „Abliefern – Wenn es darauf ankommt“. Und dazu kommt ihr zu Wort: Stellt uns die Fragen, die ihr bezüglich der Sportpsychologie habt.

Wann? Am Samstag, den 3. Februar, ab 16:30

Wo? Wolfgang-Adami-Bad, Oberer Bogenweg 1, 97074 Würzburg

Zusatzkosten? keine, ggf. wird Eintritt für das Wasserballspiel vom ausrichtenden Verein verlangt

Wer ist von Die Sportpsychologen dabei?

Prof. Dr. Oliver Stoll, Die Sportpsychologen
Arthur Wachter, Die Sportpsychologen
Danijela Bradfisch, Die Sportpsychologen
Danijela Bradfisch, Die Sportpsychologen
Dr. Hanspeter Gubelmann, Die Sportpsychologen
Hanna Tempelhagen, Die Sportpsychologen
Hanna Tempelhagen, Die Sportpsychologen
Dunja Lang, Die Sportpsychologen

Zu den Profilseiten:

  • Prof. Dr. Oliver Stoll (Link)
  • Arthur Wachter (Link)
  • Danijela Bradfisch (Link)
  • Dr. Hanspeter Gubelmann (Link)
  • Hanna Tempelhagen (Link)
  • Dunja Lang (Link)

Eingeladen sind SportlerInnen, TrainerInnen, Eltern und FunktionärInnen, die mehr zum Thema Sportpsychologie erfahren wollen. Wir starten um 16:30 Uhr mit dem gemeinsamen Besuch des Wasserball-Bundesligaspiel zwischen dem SV Würzburg und Duisburg. Ab 18 Uhr geht es dann um unser und euer Thema: Die Sportpsychologie.

Anmeldung

    Mehr zum Thema:

    Views: 102

    Thorsten Loch: Die Macht der Fragen

    Hier eine alltägliche Konversation, welche sich allerorten in den Fußgängerzonen beobachten lässt: „Hallo, wie geht es dir?“ Und der Gegenüber antwortet mit einem „Joa, hab Rücken.“ Soweit so gut. Es hat sich eingebürgert, auf das zuvor beschriebene Szenario recht kurz und knapp zu antworten. Natürlich kommt es auf den Kontext an, denn nicht jeder möchte im beiläufigen Small Talk alle Details der letzten Vorsorgeuntersuchung oder jeden einzelnen Entwicklungsschritt des Sprösslings mitgeteilt bekommen. Aber wir alle kennen den Unterschied zwischen einer Frage, die mit einem ehrlichen Interesse gestellt ist, und einer Frage, die „man eben so stellt“. Die Art und Weise der Kommunikation ist ein Spiegelbild unserer Gesellschaft und findet sich selbstredend im Sport wieder. Doch warum wird im Verhältnis weniger tiefgründig gefragt? Ist jeder nur noch mit sich selbst beschäftigt? Oder haben wir möglicherweise verlernt, Fragen zu stellen? Fragen stellen ist eben nicht gleich Fragen stellen. Das sollte jeder schon einmal bemerkt haben, der mit Menschen zusammenarbeitet. Ich bin der festen Überzeugung, dass zielgerichtete Fragen stellen zu können, genauso zu den Schlüsselkompetenzen eines Trainers oder einer Sportpsychologin gehören, wie Trainingsplanung und Techniken zur Selbstgesprächsregulation. 

    Zum Thema: Die Kunst, gekonnte Fragen zu stellen

    Wie wir wissen, kann Kommunikation Fluch und Segen sein. Aber sie ist wichtig für uns, denn letztendlich möchten wir als Trainer oder auch Pädagoge unser Gegenüber bei ihrer Entwicklung unterstützen und Rahmenbedingungen schaffen, damit die Potentialentfaltung unter spezifischen Bedingungen möglich wird. Schaut man sich die Ausbildungsinhalte in den Trainerlizenzen an, gewinnt jener Bereich immer mehr an Bedeutung, jedoch noch nicht in dem Maße, wie es nötig wäre. Doch sind es letztendlich Fragen, die uns in der Kommunikation mit anderen Menschen näher zusammenbringen. Aber: Richtiges Fragen will gelernt sein. Schon auf den großen deutschen Dichter Johann Wolfgang von Goethe soll folgende Ausführung zurückgehen: 

    „Wenn du eine weise Antwort verlangst, musst du vernünftig fragen.“

    Johann Wolfgang von Goethe

    Nur wenn sie die richtigen Fragen stellen, erfahren sie das, was sie von ihren Mitmenschen hören wollen. Dabei gilt: Klare Frage, klare Antwort. Und um diese Antworten zu erreichen, gibt es eine Menge Fragetechniken. Von großer Bedeutung ist, dass sich eine solche Kommunikation nicht in Richtung eines Verkaufsgesprächs entwickelt, welches häufig als unangenehm empfunden wird. Aus diesem Grund würde ich ihnen im Folgenden gerne einen kleinen Ausblick auf die Möglichkeiten geben, die uns systemische Fragestellungen geben. 

    Systemische Theorie, Systemisches Weltbild – ein Überblick

    Aber vorab: Damit es möglich wird, was systemische Fragetechniken bedeuten, sollte es im ersten Schritt darum gehen, die systemische Theorie und das systemische Weltbild zu verstehen. In den folgenden Ausführungen wird ein kurzer Abriss in die Systemische Theorie gegeben, um im Anschluss die Möglichkeiten von systemischen Fragetechniken zu erkennen. Abschließend wird exemplarisch eine systemische Fragetechnik vorgestellt und erläutert. 

    Systemische Theorie

    Die allgemeine Systemtheorie wurde von dem Biologen Ludwig von Bertalanff begründet. Dabei ist anzumerken, dass diese Theorie in ihrem Ursprung wenig mit dem heutigen Verständnis zu tun hat. Sie fand sich nicht in den Disziplinen Psychologie oder Soziologie wieder, sondern eher in den Feldern Naturwissenschaften und der Kybernetik. Denn der Grundsatz der Systemtheorie beruht auf Regel- und Steuerungsmechanismen. Und als Systeme können ganz verschiedene Zustände bezeichnet werden: Unser Sonnensystem, der menschliche Körper oder eine Gruppe von Menschen. Es dauerte nicht lange und die Systemtheorie fand ebenfalls in der Soziologie großen Anklang. Soziologen wie Parson oder Luhmann entwickelten die Theorie immer weiter und ergänzten sie (vgl. Friedl, 2022).

    Im Grundsatz geht das systemische Weltbild davon aus, dass eine Gruppe von Menschen ein komplexes System bilden. Die Komplexität entsteht durch die vielen Interaktions- und Kommunikationsmöglichkeiten in diesem System. So kann es passieren, dass eine kleine Aktion in einem Teil des Systems große Auswirkungen in einem ganz anderen Teil des Systems verursacht. Das liegt daran, dass alles miteinander verbunden ist und sich gegenseitige Wechselwirkungen bedingen.

    Ursache-Wirkungs-Prinzip

    Das Knifflige an der Sache ist allerdings, dass das Ursache-Wirkungs-Prinzip in komplexen Systemen oft nicht mehr klar zu durchschauen ist. Und da sich Systeme zudem ständig im Wandel befinden, kann die Vielzahl der Interaktionen in die Höhe schnellen und sogar so ansteigen, dass es den „Topf überlaufen lässt“. Um diesem Verständnis Rechnung zu tragen, können Systeme drei verschiedene Systemzustände zugeordnet werden. Sie können stabil, labil oder metastasierend sein (vgl. Ziegler, 2023). 

    An dieser Stelle muss auch erwähnt werden, dass ein System nie ein für sich abgeschottetes System ist. Natürlich kann man eine Mannschaft als System sehen. Doch die Teilnehmer (z.B. Spieler der Mannschaft) dieses Systems sind in ständigen Wechselwirkungen mit anderen Akteuren ausgesetzt. Die Mannschaft agiert mit Trainer, Vorstand, Fans, Medienvertreter usw.. Und jeder Spieler einer Mannschaft für sich ist im Privatleben Teil von vielen anderen Systemen. Systeme lassen sich durch Interventionen beeinflussen. Dabei ist zu beachten, dass Interventionen in einem System immer mit einem Restrisiko verbunden sind, da es schwer vorherzusehen ist, wie ein bestimmtes System reagieren wird. Zu diesen Interventionen zählen auch die systemischen Fragen. Denn diese Fragen können Veränderungen nach sich ziehen, und nicht jede Person kommt gut mit Veränderungen zurecht. Manche ziehen sich zurück, wieder andere reagieren aggressiv oder versuchen die Veränderung verdeckt zu boykottieren. 

    Das systemische Weltbild 

    Wie zuvor bereits erläutert, geht man in der systemischen Arbeit davon aus, dass alle Individuen innerhalb von Systemen agieren (vgl. Ziegler, 2023). Die grundsätzliche Haltung ist nicht, dass Probleme entstehen, weil die Individuen Defizite haben. Vielmehr wird die Überzeugung vertreten, dass es durch die ständigen Wechselwirkungen und Abhängigkeiten in einem System immer wieder zu Problemen und Ungleichgewichten kommt. Hieraus leitet sich ab, dass es in der systemischen Beratung nicht darum geht, Probleme von außen zu lösen, sondern welche innerhalb des Systems. Der „Berater“ ist vielmehr als ein Impulsgeber für das System zu verstehen. Aus diesem Grund sieht sich der jeweilige „Berater“ als Impulsgeber für das System. Diese Impulse können dabei helfen, dass das System bzw. dessen Akteure in Bewegung kommen und sich anschließend wieder ein Gleichgewicht im System einstellt. Die Akteure sind Experten in eigener Sache. Es geht nicht darum, von außen zu belehren, sondern nur einzelne Impulse zu geben, um zur Lösung einer Sache zu kommen. Dabei kann eine einzelne systemische Frage bereits ausreichen, um eine Situation wieder ins Lot zu bringen oder zu einer konstruktiven Lösung zu kommen.

    In diesem Zusammenhang ist es wichtig, den Unterschied zwischen systematischen und nicht-systematischen Fragen zu kennen. Das Ziel hinter einer systemischen Frage ist nicht, einfach eine Antwort zu bekommen, wie es bei einer banalen Alltagsfrage das Ziel ist. Vielmehr geht es darum, zum Nachdenken anzuregen, das Gegenüber zu einem Perspektivwechsel zu motivieren oder eine eingefahrene Denkweise des Gesprächspartners zu verändern (vgl. Friedl, 2022). Dabei soll der Gegenüber – je nach Situation – aus der Reserve „gelockt“ werden und andererseits auch eine eigene Lösung für ein Problem finden. Damit dies gelingen kann, muss das systemische Fragen geübt und trainiert werden. 

    Die verschiedenen systemische Fragetypen

    In der systemischen Theorie ist ein bunter Strauß an Fragen bekannt. Dabei dienen die Fragen unterschiedlichen Zwecken und Zielen. Trainer können Fragen nutzen, um Emotionen des Gegenübers anzuregen oder um der Sportlerin wieder zu helfen, zurück in die Selbstwirksamkeit zu kommen. In einem anderen Fall können gezielte Fragen, einem Gespräch eine neue Richtung geben und einen Ausweg aufzeigen, an den der Betroffene vorher selbst gar nicht gedacht hat. Mit systemischen Fragen können sie die wahre Ursache hinter einem vordergründigen Problem erkennen und mehr über die wahren Beweggründe, das Denken, die Motive und auch die Gefühle von ihrem Gegenüber erkunden – und das gilt für den beruflichen wie den privaten Kontext. 

    Im nächsten Abschnitt würde ich ihnen gerne einen Fragetypus näher vorstellen, nämlich die sogenannte Wunderfrage nach de Shazer (vgl. 2022). 

    Die Wunderfrage – Was wäre, wenn heute Nacht ein Wunder geschieht?

    Eine besondere Unterart der hypothetischen Frage ist die sogenannte Wunderfrage. Sie geht auf den amerikanischen Psychotherapeuten Steve de Shazer und Kollegin Insoo Kim Berg zurück. Der Ursprung liegt bereits in den 1980er Jahren und kommt aus dem Bereich der Lösungsorientierten Kurzzeittherapie. Sie wird zu den ressourcenorientierten Fragen gezählt, da sie, wie es vermuten lässt, dabei hilft, Ressourcen zu aktivieren. Der Befragte lernt mit dieser Frage nicht mehr im Bereich des Problems zu denken, sondern fokussiert sich auf eine Lösung – auch wenn sie noch so abwegig sein mag. Als Trainer können sie die Wunderfrage folgendermaßen stellen:

    „Angenommen du gehst nun schlafen, und während du schläfst, geschieht ein Wunder, dass genau das Problem löst.

    • Wenn du aufwachst, woran merkst du, dass das Wunder geschehen ist?
    • Was wird anders sein?
    • Und woran würde auch dein Umfeld merken, dass sich das Problem gelöst hat?“

    Bedenken sie: Die Wunderfrage setzt ein gutes Vertrauensverhältnis voraus. Man sollte sich im Klaren sein, dass das Thema „Wunder“ kein alltägliches ist. Sie ist sicherlich auch keine Frage, die für jede Konstellation geeignet ist. Jedoch kann sich in bestimmten Situationen mehr als hilfreich erweisen. Zum Beispiel dann:

    • Wenn Unklarheiten über ein Ziel herrscht —> Klarheit schaffen
    • Wenn sich ein Gefühl der Ausweglosigkeit bereit gemacht hat —> Selbstwirksamkeit wieder aktivieren
    • Wenn sich jemand handlungsunfähig fühlt —> Handlungsfähigkeit wieder herstellen

    Fazit

    Kommunikation ist essenziell für uns Menschen als bio-psycho-soziale Wesen. Das diese jedoch einem nicht immer leicht von der Hand geht, wird jedem bereits mehrfach im Alltag bewusst geworden sein. Beobachtet man die derzeitige Entwicklung in der Gesellschaft, so wird einem die Bedeutung/Wichtigkeit „Fragen stellen zu können“ deutlich. Dies schließt selbstredend den sportlichen Kontext mit ein. Überall, wo wir es mit Menschen zu tun haben, sollten wir dazu in der Lage sein, Fragen stellen zu können. Wie wir gesehen haben, bedeutet Fragen stellen nicht gleich Fragen stellen. Mit dem Verständnis aus dem systemischen Coaching bzw. der damit verbundenen Grundhaltung, dass jedes Individuum die Lösung bereits in sich trägt, und der Einsatz von systemischen Fragestellungen, öffnen sich dem Fragenden und dem Zuhörenden ganz neue Horizonte. 

    Wenn wir sie hiermit getroffen haben und mehr darüber wissen möchten, dann zögern sie nicht, uns zu kontaktieren. Meine Kollegen (zur Übersicht) und ich (zum Profil von Thorsten Loch) bieten hierzu Schulungen und Workshops an, in denen sie eine detaillierten Einblick in die Anwendung bekommen. 

    Hinweis: Systemisches Coaching und systemische Therapie

    Zum Abschluss möchte ich kurz auf die Abgrenzung von systemischem Coaching und systemischer Therapie eingehen. Es ist von enormer Wichtigkeit diese beiden Begriffe „Systemsiches Coaching“ und „Systemische Therapie“ klar voneinander zu trennen. Die Systemische Therapie ist ein psychotherapeutisches Verfahren zur Behandlung psychischer Krankheiten und Störungen. Solche Therapien sollten ausschließlich von ausgebildeten Psychotherapeuten angewandt werden. Ein Coach erfüllt für seinen Klienten eine ganz andere Rolle als ein Therapeut. Zudem sollte es jedem, der als Coach arbeitet, klar sein, wann ein Klient eine ernsthafte psychologische Störung hat und daher professionelle Hilfe in Anspruch nehmen sollte. 

    Mehr zum Thema:

    Literatur:

    De Shazer, S./Dolan, Y. (2023): Mehr als ein Wunder. Lösungsfokussierte Kurztherapie heute. Carl-Auer Verlag.

    Friedl, M.A. (2022): Systemisches Coaching. Systemische Theorieentwicklung im Überblick, Charakteristika des systemischen Coachings. Junfermann Verlag. 

    Ziegler, O. (2023): Die Macht der systemischen Fragetechniken. DeS Verlag.

    Views: 115

    Frage und Antwort: In der Pubertät zum Sport motivieren

    Uns hat eine Frage von Heidi erreicht. Sie treibt der optimale Umgang mit ihrer Tochter um, die sich in der Pubertät befindet. Aktuell haben sich Wachstumsschübe negativ auf den sportlichen Alltag ausgewirkt. Zudem zeigt ihre Tochter eine weitere Verhaltensauffälligkeit. Wir von Die Sportpsychologen haben uns dem komplexen Thema angenommen und versucht Lösungswege aufzuzeigen.

    Zum Thema: Motivation zum Sport

    Heidi beschrieb Ihre Situation wie folgt: Meine Tochter ist sehr früh recht groß gewachsen. Sie ist 15 Jahre und weist beidseitig Überpronation und eine Überdehnbarkeit der Extremitäten auf. Sie neigt zu schnellem Aufgeben und Fehler schreibt sie immer gern anderen zu. Aktuell will sie nicht alleine eine Sportart ausführen, stattdessen soll ich immer mitmachen. Das geht aber durch mein Alter (ca. 60) nur bedingt und ich hab auch nicht immer Lust mit ihr den Sport zu machen, den sie gern machen würde (Reiten). Darüber hinaus fehlen hier auch einfach die Möglichkeiten und Angebote.

    Die Frage: Wie kann ich meine Tochter motivieren, regelmäßig einer Sportart ihrer Wahl nachzugehen? Darüber hinaus: Welche Sportarten sind überhaupt geeignet? Und wie kann ich sie auf eine regelmäßige Bewegung einstellen bzw. hinführen?

    Anke Precht, Die Sportpsychologen
    Anke Precht, Die Sportpsychologen

    Antwort von: Anke Precht (zum Profil)

    Liebe Heidi (Namen von de Redaktion geändert), 

    es ist gut, dass Sie offenbar ein waches Auge auf die Gesundheit Ihrer Tochter haben, auch im Hinblick auf Sport, der bekanntlich gesund ist und ein schönes Hobby darstellt. Nun ist 15 ein Alter, in dem junge Menschen sich oft mit Regelmäßigkeit und Disziplin etwas schwer tun, besonders im Hinblick auf Aktivitäten, die nicht unmittelbar Spaß machen – entweder, weil es nicht so läuft wie man sich das wünscht, oder weil man sich aus dem ein oder anderen Grund dabei unsicher fühlt. Mit 15 ist einem viel peinlich, der eigene Körper, die eigene Familie, die eigene Stimme, und die Frustrationstoleranz kann dabei sinken. Manche junge Menschen hören deshalb auch mit etwas auf, was sie früher gerne gemacht haben.

    Worauf ich hinaus möchte: Dass es so ist, ist erst einmal nicht schlimm. Es ist Teil des Ruckelns, das in der Pubertät phasenweise immer wieder passiert. Und man MUSS nicht unbedingt mit einem Sport weitermachen – außer, es ist das eigene Pferd, für das man Verantwortung trägt. Dann ist elterliches Anschieben nötig und richtig, selbst wenn das, altersgemäß, dann wahrscheinlich zu Konflikten führt. Diese Auseinandersetzungen zu führen und auch auszuhalten, ist Teil der elterlichen Aufgabe.

    Ist Ihre Tochter Reitschülerin ohne eigenes Pferd, könnte auch ein Wechsel der Sportart eine Idee sein, vielleicht so, dass ihr die hohe Körpergröße weniger Schwierigkeiten bereitet, sondern daraus eher ein Vorteil wird. Für Volleyball zum Beispiel ist das super, auch im Faustball oder Basketball. Als Mitglied in einem Team ist auch die Motivation für das Training eine andere: Man kann die Teamkolleginnen ja nicht einfach hängen lassen. Vielleicht gibt es in Ihrer Gegend einen Verein, in den sie mal hineinschnuppern möchte? Falls sie nicht aus dem Schulsport eine Sportart kennt, die sie sowieso besonders gerne macht. 

    Darüber hinaus können Sie als Mutter einer jugendlichen Tochter nicht viel machen, um sie auf Bewegung einzustellen. Dazu sind Sie in der falschen Rolle, ist es schlicht nicht möglich. Besser können das die gleichaltrigen Freundinnen oder eben der Trainer oder die Trainerin aus einem Verein, vielleicht die Leute vom Reitstall oder ein anderer vertrauter Mensch in Ihrer Umgebung. Als Mutter gilt es auszuhalten lernen, dass ein Kind sich in seiner Entwicklung manchmal schwer tut, Krisen erlebt, nicht immer Entscheidungen trifft, die man selbst richtig findet.

    Ich wünsche Ihnen beiden von Herzen eine gute Lösung!

    Andreas Meyer, Die Sportpsychologen

    Antwort von: Andreas Meyer (zum Profil)

    Hallo Heidi (Namen von de Redaktion geändert),

    zunächst einmal fällt mir auf, dass deine Tochter dich gerne dabei haben möchte beim Sport treiben. Das ist schon etwas auffällig, muss aber auch nicht komisch sein. Dennoch ist es wohl so, dass die meisten jungen Mädchen und Jungen eher versuchen, sich in dieser Zeit von den Eltern abzuspalten.

    Bezüglich der Überpronation und der Überdehnbarkeit würde ich mir überhaupt keine großen Gedanken machen, gerade in einer Phase, wo sich auch hormonell viel verändert, ist das mehr als häufig und kein Grund zur Panik.

    Mir stellt sich eher die Frage, warum deine Tochter nur mit dir zusammen Sport treiben möchte und nicht mit anderen Gleichaltrigen? Fühlt sie sich nicht wohl mit „Fremden“ oder anderen Gruppen oder hat sie womöglich schlechte Erfahrungen gemacht? Oder ist es was ganz anderes? So etwas bekommt man sicherlich nur in einem guten und vorsichtigen Gespräch heraus.

    Zum Thema Motivation: Jemand anderen zu motivieren ist eher schwierig. Vielmehr geht es darum, Angebote zu schaffen und diese müssen dann selbst wahrgenommen werden. Wir sprechen von intrinsischer Motivation, wenn aus einem eigenen Bedürfnis heraus eine Tätigkeit erfolgt. Es geht eher darum, dieses Bedürfnis deiner Tochter herauszufinden, denke ich.

    Ich wünsche euch, dass ihr eine gute Lösung findet!

    Danijela Bradfisch, Die Sportpsychologen
    Danijela Bradfisch, Die Sportpsychologen

    Antwort von: Danijela Bradfisch (zum Profil)

    Hallo Heidi (Namen von de Redaktion geändert),

    ich schließe mich meiner beiden Kollegen an, es ist nicht einfach mit einer 15-jährigen Tochter, die sich und die Welt gerade für sich neu entdeckt. Seit über 25 Jahren arbeite ich mit Mädchen in dieser Altersklasse zusammen und ich finde es immer wieder schön zu hören und zu lesen, dass das Mädchen “immer noch” was mit Ihrer Mutter unternehmen möchte. Soviel erstmal dazu 🙂

    Grundsätzlich bin ich aber auch dafür zu ergründen, mit welchem Hintergrund Deine Tochter mit Dir lieber Sport macht als mit Gleichaltrigen? Mein Ansatz in diesem Fall zielt eher auf das erfahren, warum Sie das mit Dir gerne mehr machen möchte? Hast Du sie dazu mal befragt? Warst Du mal im Sport aktiv? Wenn ja, wie war es bei Dir damals? Ggf. möchte Sie Dir etwas “Gutes tun”? Die körperlichen Veränderungen und das Bewusstsein dafür, weil Sie sich mit Dir vergleicht, Dir ähnelt oder Dich (nicht) nachahmen möchte? Gab es in der Familie darüber in der letzten Zeit Gespräche? Such am besten das Gespräch mit ihr in einer Umgebung, wo ihr beide Euch wohl fühlt. Ggf. sucht Euch beide eine Sportart aus – die Ihr beide ausüben könnt, aber in unterschiedlicher Intensität.

    Ich wünsche Euch beiden viel Spaß zusammen, Dir auch gute Nerven und alles Liebe mit Deiner Tochter. 

    Deine Frage?

    Wir von Die Sportpsychologen sind für dich da. Und weil wir wissen, dass manchmal eine kleine Schwelle im Weg steht, Kontakt zu einem “Psychologen”, einer “Psychologin” oder einer/einem “MentaltrainerIn” zu suchen, machen wir einen Schritt auf dich zu. Wenn du also auch eine Frage an uns loswerden möchtest, dann nutz dafür das folgende Formular.

      Wichtig zu wissen: Manche Fragen und deren Antworten veröffentlichen wir nicht. Wir treten dann mit den jeweiligen FragestellerInnen persönlich in Kontakt. Dies behalten wir uns für Fälle vor, in denen die Anonymität nicht gewährleistet werden kann oder das angestoßene Thema besser im geschützten Raum besprochen wird. Zudem gilt: Unsere Antworten können nicht mehr als Anstösse liefern. Anstösse, von denen du als Leser oder Leserin ableiten kannst, wie wir von Die Sportpsychologen ticken und was wir so machen.

      Mehr zum Thema:

      Views: 2062

      Frage und Antwort: Wie mit der Schuldfrage bei Verletzungen umgehen?

      In diesem Winter tausendfach so oder so ähnlich passiert: Eine Skifahrerin stürzt. Die anderen Leute, mit denen sie unterwegs waren, bekommen es nicht wirklich mit. Die Verletzte organisiert sich Hilfe. Und im Krankenhaus bestätigen sich die meisten Befürchtungen. So nüchtern, wie sich der Fall skizzieren lässt, so emotional erleben Betroffene die gleiche Situation. Nicht selten kommt recht bald Unmut und die Frage, wer eigentlich die Schuld trägt, auf. Keine einfache und vor allem eine nur bedingt zielführende Frage.

      Zum Thema: Umgang mit der Schuldfrage bei Sportverletzungen

      Wir von Die Sportpsychologen haben folgende konkrete Frage von Klara (Name von der Redaktion geändert) erhalten: “So gut vorbereitet wie heuer zum Skifahren war ich noch nie; ob ich da jemals wieder hinkomme?! Ich bin nicht gestürzt – es war nur eine Drehbewegung und das Kreuzband ist gerissen, und dies am Anfang der Wintersaison; ich bin seit letztem Winter erst richtig fanatisch geworden mit Skifahren und nun ist es passiert; also ob mir der Boden unter den Füßen genommen wurde; wie geht man hier am besten mit um? Beim Unfall, waren wir zu fünft am Weg; keine sah es und keiner kam zu mir – konnte dies leider alles alleine abklären und die Pistenrettung kontaktieren; fühlte mich hier auch im Stich gelassen; ich habe zu den anderen rübergeschaut beim Fahren und da ists schon passiert – Schuld an dem ganzen sind die anderen bin ich der Meinung; wie geht man hier am besten damit um?!”

      Anke Precht, Die Sportpsychologen

      Antwort von: Anke Precht (zum Profil)

      Liebe Klara (Name von der Redaktion geändert), 

      traurig, wenn die Saison schon vorbei ist, bevor sie richtig angefangen hat. Was Sie auf der Piste erlebt haben, müssen auch viele Profisportler verpacken. Denn Verletzungen passieren trotz aller Vorsicht immer wieder.

      Natürlich ist die Suche nach möglichen Schuldigen naheliegend. Hat jemand einen Fehler gemacht? War die Piste schlecht präpariert? Die Bindung falsch eingestellt?

      Grundsätzlich macht es Sinn, sich kurz mit der Frage nach den Ursachen zu beschäftigen – für den Fall, dass es welche gibt, die man selbst künftig ausschließen kann. War zum Beispiel die körperliche Vorbereitung suboptimal, kann man das in der kommenden Saison besser machen.

      Alle weiteren Fragen verhindern aber die Verarbeitung des Geschehenen und helfen auch bei der Genesung nicht weiter – im Gegenteil. Wir wissen, dass Stress (und solcher wird auch durch Ärger, Vorwürfe, Konflikte) ausgelöst, den Heilungsprozess erschweren kann.

      Heißt: Abbuchen unter “Pech” oder “es ist passiert” oder “dumm gelaufen”. Auf die Reha konzentrieren, um alles zu tun, damit das Knie bestmöglich wieder in Ordnung kommt. Auf den Heilungsprozess fokussieren, zum Beispiel mit Visualisierungen, also Vorstellungen, wie alles wieder gut zusammenwächst, Entzündungen gelindert werden, sich neue gesunde Zellen bilden, und Visualisierungen nutzen, die eine gute Beweglichkeit beinhalten. Dabei dürfen Sie sich auch vorstellen, wie Sie in der nächsten Saison wieder elegant die Pisten hinunter wedeln, carven oder auch rasen – je nachdem, was Ihnen besser gefällt. Das tun auch die Profis, wenn sie in der kommenden Saison wieder stark zurückkommen möchten.

      Während  der Zeit der Genesung ist es wichtig, dass Sie sich Gutes tun, ausreichend schlafen, sich entspannen und den Unfall loslassen. Sollte Ihnen das schwer fallen, probieren Sie es, indem Sie alles noch einmal im Detail in ein kleines Heft aufschreiben, um es aus dem Kopf zu bekommen und zu merken: Es ist passiert, und es ist die Vergangenheit. Jetzt konzentriere ich mich auf das Gesundwerden. Das kleine Heft können Sie bei Gelegenheit verbrennen.

      Yvonne Dathe, Die Sportpsychologen

      Antwort von: Yvonne Dathe (zum Profil)

      Liebe Klara (Name von der Redaktion geändert),

      es tut mir leid, dass dir so etwas passiert ist. Ich kann mich Anke Precht mit Blick auf die Schuldzuweisungen anschließen. Die Frage ist, ist es hilfreich, dass du dich damit beschäftigst oder ist es vielleicht nicht eher hilfreich, sich damit zu beschäftigen, was JETZT zu tun ist, damit es dir bald wieder besser geht. Eine Analyse darüber, was schiefgelaufen ist, ist immer hilfreich, um zukünftig nicht den gleichen Fehler zu machen. 

      Ich empfehle immer – egal ob etwas gut oder schlecht gelaufen ist – eine 5-Finger-Reflexion:

      • Daumen: Was war gut? – Sicherlich, in deinem Fall ist es zu einer Verletzung gekommen, aber war vielleicht doch noch etwas gut oder du hast dich richtig verhalten? – Gut war vielleicht, dass du es geschafft hast, alleine Hilfe zu holen. Das spricht für eine hohe Selbstwirksamkeit deinerseits. 
      • Zeigefinger: Beim Zeigefinger können wir an unsere Eltern aus der Kindheit denken, die uns immer wieder vor Gefahren gewarnt haben. Worauf musst du beim nächsten Mal aufpassen? (z. B. Konzentration auf dein eigenes Skifahren anstatt sich auf die anderen zu fokussieren?) 
      • Mittelfinger: Wenn wir jemandem den Mittelfinger zeigen, dann sagen wir ihm, dass wir gerne auf ihn verzichten können. Worauf möchtest du das nächste Mal verzichten? 
      • Ringfinger: Am Ringfinger tragen wir z. B. den Ehering, als Erinnerung an einen Menschen, den wir lieben und an dem wir festhalten möchten. Woran möchtest du festhalten? Was war gut und möchtest du beibehalten?
      • Kleiner Finger: Der kleine Finger ist kürzer als die anderen und könnte sich eventuell noch entwickeln. Er dient als Erinnerungshilfe für das, was wir aus Situationen gelernt haben. Also: Was hast du aus der Situation gelernt? 

      Nach der Reflexion ist es wichtig, sich darauf zu konzentrieren, was für dich hilfreich ist. Was kannst du dir Gutes tun und was bringt dich deinem Ziel, wieder Skifahren zu können, näher? Wenn du für dich weißt, was du tun musst, dann tu es! – Verpflichte dich dazu, das zu tun, was notwendig ist. Wenn du die Schuld bei den anderen suchst, ist das hilfreich? Oder: Gibst du dadurch die Verantwortung für dein Handeln ab? – Bringt dich das deinem Ziel näher? – Wenn die Antwort “Nein” ist, dann konzentriere dich auf das, was JETZT wichtig ist: Physio, mentale Heilungsbilder (z.B. stell dir vor, dass du kleine Helferchen in dir hast, die dich bei der Genesung unterstützen), Visualisiere dein Ziel, deinen Weg dahin und auch deine Hindernisse. Es gibt fast immer auch Rückschläge in einem Rehaprozess, mach dir das bewusst und überlege dir auch gleich einen Plan, was du tun kannst, wenn Hindernisse auftauchen. 

      Ich wünsche dir einen guten Genesungsverlauf und dass du in der nächsten Saison wieder fit auf den Skiern stehen kannst!

      Antwort von: Andreas Meyer (zum Profil)

      Hallo Klara (Name von der Redaktion geändert),

      jede stärkere Verletzung ist zunächst einmal eine schlimme Erfahrung, sowohl für die verletzte Person, als auch in der Regel für die Beteiligten an der Situation. Im sportmedizinischen Sinne redet man nicht zu Unrecht von einem Trauma. Das bedeutet, du darfst mit dieser Situation unzufrieden sein, du darfst wütend, enttäuscht und traurig sein. Soviel zur Situation an sich!

      In deiner Frage finde ich viele Hinweise darauf, dass die oben genannten Gefühlszustände auch auftreten und nicht alle können über einen Kamm geschoren werden.

      Du hast dich gut vorbereitet gefühlt und dennoch ist doch dieser Unfall passiert. Da kann man schon einmal zynisch werden und sich fragen, warum so etwas überhaupt passiert ist? Auch eine gewisse Hilflosigkeit kann sich einstellen, da man sich die Frage stellen kann, warum trotz optimaler Vorbereitung denn sowas passieren konnte und wie man sich sicher sein kann, dass es nicht wieder passiert? Es gibt Unfälle die müssen unter „Pech“ abgebucht werden, ob das bei dir der Fall ist kann man schlecht beantworten, ohne wirklich zu wissen, wie deine Vorbereitung aussah und ob irgendwelche Defizite oder Vorschädigungen in der Stabilisation deines Kniegelenks vorlagen.

      Ein weiteres wichtiges Merkmal deiner Schilderung ist die Schuldzuweisung an deine Gruppe auf der Piste. Die Schuldfrage ist bei Verletzungen eine sehr wichtige Frage, die sehr häufig auftaucht. Diese Frage solltest du klären und verarbeiten, denn sie kann dich hemmen, sowohl in der Reha als auch wenn du irgendwann wieder einsteigen willst ins Skifahren. Wen trifft welche Schuld? Wer hat welche Anteile? Diese Fragen sollten nicht im Raum stehen bleiben, denn sie lassen dich unter Umständen hilflos und verbittert zurück. Hierbei kann eine genauere Betrachtung der Situation und auch Gespräche mit anderen aus der Gruppe sowie Selbstreflektion helfen.

      Wichtig ist sicherlich auch der Umgang mit der Reha. Hier kann eine gute Zielsetzung und Visualisierung helfen, die Rehabilitation zu beschleunigen und die entstandenen Emotionen zu verarbeiten und gegebenenfalls neu zu schärfen, damit du motiviert und mit einem Lächeln auf den Lippen zurück in den Sport kommen kannst.

      Ich wünsche dir auf diesem Weg alles Gute und hoffe, dass du jemanden findest, der dich auf deinem Weg unterstützen kann. Du kannst dich sicherlich auch jederzeit bei mir oder meinen Kollegen melden. 

      Antwort von: Dunja Lang (zum Profil)

      Liebe Klara (Name von der Redaktion geändert),

      zunächst einmal gute Besserung und viel Energie und Kraft auf dem Weg zurück!

      Ich betreue viele ProfisportlerInnen im Alpinsport, und die Gefühle von Ohnmacht, Wut, Schmerz, Enttäuschung nach einer Verletzung sind sehr nachvollziehbar. Hier ist es aber nicht nur die Verletzung an sich, sondern die emotionale und soziale Komponente, das Gefühl, von anderen im Stich gelassen worden zu sein.

      Meine KollegInnen haben dir ja schon viele Hinweise gegeben, wie wertvoll eine systematische Analyse und Reflexion ist. Auch dass es sinnvoll ist, das Geschehen zu verarbeiten und nach vorne zu schauen.

      Das passiert aber meiner Erfahrung nach nicht allein durch die Erkenntnis, dass es notwendig und sinnvoll ist. Verarbeitung ist nicht nur eine “Kopfsache”.

      Es gibt Mentaltechniken und Verarbeitungsmethoden aus dem Mentalcoaching, Sporthypnose und Traumatherapie, um das Geschehene zu verarbeiten, inkl. der Schuldvorwürfe. Da kann man auch die Emotionen und das Körpergefühl gut einbeziehen und auch den Körper “entstressen”. Erfahrungsgemäß kann das nötig und befreiend sein, sich da gute Unterstützung zu holen, damit man den Blick wieder nach vorne richten kann. 

      Der Dialog mit den anderen Beteiligten des Unfalls kann hilfreich sein, aber auch das Gegenteil bewirken, je nach Qualität der Verarbeitung und des Dialogs. 

      Schuldvorwürfe, auf denen man gefühlt “sitzen” bleibt, können die Genesung massiv behindern. Also mein Hinweis: du hast emotional ein “Recht” auf deine Gefühle, suche dir professionelle Unterstützung beim Verarbeiten des Geschehenen!

      Und dann kannst du mit befreitem Kopf dein Comeback starten, da gibt es viele Möglichkeiten, z.B. mit Visualisierungstechniken und speziellen Techniken aus der Sporthypnose, die Genesung zu beschleunigen!

      Deine Frage?

      Wir von Die Sportpsychologen sind für dich da. Und weil wir wissen, dass manchmal eine kleine Schwelle im Weg steht, Kontakt zu einem “Psychologen”, einer “Psychologin” oder einer/einem “MentaltrainerIn” zu suchen, machen wir einen Schritt auf dich zu. Wenn du also auch eine Frage an uns loswerden möchtest, dann nutz dafür das folgende Formular.

        Wichtig zu wissen: Manche Fragen und deren Antworten veröffentlichen wir nicht. Wir treten dann mit den jeweiligen FragestellerInnen persönlich in Kontakt. Dies behalten wir uns für Fälle vor, in denen die Anonymität nicht gewährleistet werden kann oder das angestoßene Thema besser im geschützten Raum besprochen wird. Zudem gilt: Unsere Antworten können nicht mehr als Anstösse liefern. Anstösse, von denen du als Leser oder Leserin ableiten kannst, wie wir von Die Sportpsychologen ticken und was wir so machen.

        Mehr zum Thema:

        Views: 229

        Elisa Lierhaus: „Die Sportpsychologie in Deutschland ist auf dem Vormarsch“

        Wir bei Die Sportpsychologen mögen Humor. Wir können sogar über uns selbst lachen. Nicht ohne Grund haben wir auch unser eigenes Veranstaltungsformat „Die rote Couch – Das Sportpsychologie-Barcamp“ nach einem Klischee benannt. Beim Kennenlernen unserer neuen Profilinhaber*innen klopfen wir also auch die Humorebene ab. Mehr dazu im Verlauf unseres Interviews mit Elisa Lierhaus, eines unserer neuen Gesichter im Netzwerk (Mehr Infos: Netzwerk beitreten).

        Elisa, wenn sich bei dir ein Coaching anbahnt und du dich mit deinem Klienten oder Klientin sozusagen beschnupperst, wie stellst du dich vor? Schließlich bist du ja auch als systemische Beraterin aktiv und Antidiskriminierungs- & Diversity-Trainerin aktiv?

        Ohne zu viel von mir zu sprechen und die Person, mit der ich arbeite, schnell in den Fokus zu rücken stelle ich mich trotzdem gerne mit all meinen Tätigkeitsbereichen vor. Das gibt den Klient*innen einen guten Überblick über meine Arbeitsweise und gerade der Bereich der Antidiskriminierung findet eigentlich immer Anerkennung und Interesse. Mir eröffnet es die Möglichkeit, die Sportler*innen ganzheitlich zu betreuen und sie in ihrer Vielfältigkeit anzuerkennen und zu schätzen. Und gleichzeitig kann ich bereits in sportpsychologischen Coachings für eine vielfältige und inklusive Sportwelt sensibilisieren.

        Was war die humorvollste oder überraschendste Frage, die du in einem Coaching mal gestellt bekommen hast?

        Bestimmt keine Seltenheit und insgesamt auch weniger geworden aber die klassischen Fragen wie:“ Muss ich mich auf die Coach legen?“ oder „ich muss bestimmt nicht mehr so viel erzählen, du hast mich als Psychologin doch eh schon gelesen“, gibt es ab und zu mal noch. 

        Das finde ich aber immer recht lustig und nutze das gerne als humorvolle Eisbrecher.

        Warum wird die Sportpsychologie in den kommenden Jahren noch mehr an Bedeutung gewinnen? Und in welchen Bereichen, eher im Leistungs-, Freizeit- oder Gesundheitssport, siehst du entsprechende Veränderungen kommen?

        Ich bin zwar viel im Leistungssportbereich unterwegs und spüre auch hier, wie sehr die Sportpsychologie in Deutschland auf dem Vormarsch ist. Das finde ich weiterhin eine schöne und wichtige Entwicklung. Ich habe im vergangenen Jahr aber auch immer wieder Anfragen und Aufträge von Breitensport- und Freizeitteams erhalten, bei denen ich dann Vorträge oder Workshop-Formate gegeben habe. Hier spüre ich oft ein manchmal noch größeres Interesse als in Leistungssportteams, die grundsätzlich, was ein Funktionsteam angeht, meist schon recht gut ausgestattet sind. Da ist dann der sportpsychologische Bereich ein weiteres Add-on in einem Optimierungsprozess und wird auch gut angenommen.

        Aus dem Breiten- und Freizeitsport wird explizit anfragt, obwohl es für diese Vereine und Teams finanziell gar nicht immer so leicht ist, die Ressourcen aufzubringen. Sie wollen es aber unbedingt und versuchen dann, einen Weg zu finden. Das empfinde ich als sehr wertschätzend gegenüber unserer Arbeit.

        Mehr zum Thema:

        Views: 220

        Björn Korfmacher: Schauspielunterricht für Eishockeyspieler

        Eishockey ist bekannterweise ein sehr körperbetonter Sport. Bodychecks, Schüsse blocken, manchmal fliegen auch die Fäuste. Neben technischen Fähigkeiten und taktischem Verständnis ist nicht zuletzt ein voller Körpereinsatz gefragt. Unterschätzt wird häufig: Auch neben dem Eis sollten Eishockeyspieler ihren Körper sprechen lassen – im Sinne von Gestik, Mimik und Artikulation.     

        Zum Thema: Persönliche Ausstrahlung und Außenwirkung als Trainingsziel im Mental-Coaching

        „Wie besiege ich meine Angst?“ „Wie bleibe ich cool?“ „Wie werde ich tough?“ Diese und ähnliche Fragen sind häufig das Thema in meiner sportpsychologischen Betreuung von talentierten Eishockeyspielern mit Profi-Ambitionen. 

        Was aber so gut wie immer vergessen wird: Stärke, Souveränität und Selbstsicherheit sind nicht nur auf dem Eis, sondern auch in der Kabine von großem Vorteil. Wie sich ein Eishockeyspieler seinen Teamkollegen gegenüber verhält oder seinem Coach gegenüber auftritt, kann den Unterschied machen und maßgeblich darüber mitentscheiden, welche Rolle er in der Mannschaft spielt. Es bedarf nicht viel Vorstellungskraft, dass den stillen und schüchternen Vertretern auch auf dem Eis weniger Mut, Kraft und Entschlossenheit zugetraut wird. Was aber keineswegs heißen soll, dass man sich in der Kabine als A****loch oder Großmaul aufführen soll, wenn man weiterkommen will. Vielmehr geht es darum, auf sympathische, authentische Art Selbstvertrauen auszustrahlen und seine Teamkollegen mitreißen zu können. Denn nicht zuletzt bestimmen auch diese Eigenschaften, wer es in die vorderen Reihen schafft beziehungsweise in wichtigen Momenten wie Overtime, Powerplay oder Unterzahl Vertrauen geschenkt bekommt und aufs Eis geschickt wird. 

        Starke Charaktere machen Karriere 

        Um im Eishockey Karriere zu machen, muss man nicht nur gut sein. Man muss auch ein Typ sein und im besten Fall eine starke, mächtige Aura haben. Es geht also darum, mit seiner Außenwirkung eine psychologische Botschaft zu senden und so Mitspieler und Trainer für sich zu gewinnen. Ganz nebenbei bemerkt: Im Profisport wird allein schon unter rein wirtschaftlichen Aspekten nach starken Charakteren und echten Typen gescoutet, mit deren Namen sich die meisten Trikots verkaufen lassen. Neben sportlichem Können entscheidet in gewisser Weise also auch Charisma über den Marktwert. 

        Wenn man als Mentalcoach junge Eishockeyspieler auf eine Profikarriere vorbereiten möchte, gehört demnach in meinen Augen das Thema Persönlichkeitsentwicklung zwingend dazu. Als glühender Anhänger der Schauspielkunst und des Improtheaters arbeite ich dazu gerne mit entsprechenden Methoden (von Sprechtraining bis Rollenspiel), um Sportlern zu einem selbstsicheren und überzeugenden Auftreten zu verhelfen. Eine starke Außenwirkung führt wiederum zu einem souveränen Selbstbild und spiegelt sich schließlich auch in erhöhtem Selbstvertrauen auf dem Eis wider – Stichwort „Embodiment“. 

        Fragen und Anmerkungen

        Habt ihr Fragen zum Thema an meine Kollegen und Kolleginnen (zur Übersicht) oder an mich (zum Profil von Björn Korfmacher)? Dann nehmt gern Kontakt auf. Wir von Die Sportpsychologen haben im Eishockey, wie in anderen Sportarten auch, viel Erfahrung und wollen dies in persönlichen Coachings, Trainerfortbildungen oder Workshops mit Teams an euch weitergeben.   

        Mehr zum Thema:

        Views: 121

        Groß Denken! Oder doch kleiner? Wie sich Ziele optimal formulieren lassen

        Bei der Handball-Europameisterschaft ist die deutsche Nationalmannschaft keiner der Favoriten. Oder doch? Schließlich ist das Team von Bundestrainer Alfred Gislason Gastgeber und weiß seine Fans im Rücken. Eindrucksvoll gezeigt hat sich dies schon beim 27:14-Eröffnungsspielerfolg gegen die Schweiz vor 53.586 Zuschauern – Weltrekord für ein Handballspiel. Gislasons Spieler übten sich nach der Partie aber in Sachlichkeit. Mit Blick auf das Ziel im Turnier wurden große Worte von allen Beteiligten vermieden. Clever, um den eigenen Rucksack nicht unnötig zu füllen, oder zu vorsichtig, was die gerade entstehende Euphoriewelle bremsen könnte?

        Zum Thema: Ziele bewusst wählen

        Jeder Verein, jedes Team, jeder Trainer und Trainerin sowie viele reflektierte SpielerInnen kennen das Dilemma: Wie formuliere ich vor einem Turnier oder einer Meisterschaft das Ziel? 

        Fragen wir unsere ExpertInnen mit Blick auf die Handball EM und im Rückgriff auf ihre eigene Erfahrungen: Aus welchen Gründen ist es sinnvoll, Ziele möglichst groß zu formulieren? Aus welchen nicht?

        Anke Precht, Die Sportpsychologen
        Anke Precht, Die Sportpsychologen

        Antwort von Anke Precht (zum Profil)

        Hohe Ziele sind gut und wichtig. Sie zu visualisieren und im Hinterkopf zu haben, ebenfalls. Sie dann wieder loszulassen, um sich auf das jeweils nächste Spiel zu fokussieren, genauso. 

        Die andere Frage ist: Sollte man die wirklichen Ziele auch kommunizieren? Und da steht für mich ein ganz großes Fragezeichen. Erzähle ich, dass ich ins Finale kommen möchte und wackle dann bei einem Vorbereitungsspiel, kommen sofort zweifelnde und kritische Fragen auf. Bin ich nach außen hin dagegen sachlich, im Moment und lasse offen, wo ich hin möchte, muss ich mich nicht permanent rechtfertigen, wenn nicht alles rund läuft, ein wichtiger Spieler kurzfristig ausfällt oder ein Ballwechsel schief geht.

        Ich empfinde Zurückhaltung im Hinblick auf Ziele deshalb für sehr wichtig, gerade in einer Sportart, die medial aufgeheizt sein wird und zu der jeder seine Meinung kundtun wird, egal ob gefragt oder nicht. 

        Ich hoffe deshalb, dass die gesteckten Ziele hoch sind, dass gleichzeitig der Fokus auf der aktuellen Aufgabe liegt und sich die Verantwortlichen im Dialog mit den Medien auf das beschränken, was sie wirklich zum Nutzen der Spieler und der Mannschaft kommunizieren möchten. Das ist Teil der Taktik, weil auch das Umfeld mitspielt – die Fans, die Medien, ausgesprochene und unausgesprochene Erwartungen.

        Janosch Daul, Die Sportpsychologen

        Antwort von Janosch Daul (zum Profil)

        Viel entscheidender für mich als die Frage nach der “Größe” des Ziels ist die nach der Stimmigkeit dessen. Ziele sind dann gut formuliert, wenn sie motivieren und antreiben, greifbar und realistisch sind, Energien freisetzen und das Team zu einer wahren Gemeinschaft vereinen. Zentral ist letztlich die Identifikation aller Teammitglieder mit dem Ziel und dessen Verknüpfung mit einem emotionalen Anker. Damit ein Teamziel seine zauberhafte Wirkung entfalten kann, ist in einem weiteren Schritt die Auseinandersetzung damit vonnöten, welche Erfolgsfaktoren und daraus resultierende Handlungsschritte es braucht, um das Ziel erreichen zu können. Der dritte Schritt, die Umsetzung der Handlungsschritte, die i.d.R. immer wieder angepasst werden müssen, ist der wichtigste, aber zugleich auch schwierigste. Denn hierfür müssen alle Beteiligten ins aktive Handeln kommen und dabei widerstandsfähig, diszipliniert, ausdauernd und manchmal auch flexibel sein. Erst aus der Kombination aller drei Schritte ergibt sich die Sogkraft, die ein Team weit tragen kann.

        Maria Senz, Die Sportpsychologen

        Antwort von Maria Senz (zum Profil)

        Denken Sie groß!“ ist ein großartiger Song von Deichkind, eine Hamburger Hip-Hop- und Electropunk-Formation. Die Lyrics bieten einen wunderbaren Impuls zum Thema. Groß denken bedeutet, dass ich meine gedanklichen Grenzen sprenge. Ich erweitere mutig und unbeschwert meinen Horizont. Und plötzlich wird das Unmögliche möglich.

        Für die Zielformulierung kann dieser Ansatz Gold wert sein. Es wird ein imaginärer Raum eröffnet, der alles erlaubt und ermöglicht. Wenn ich es als Team schaffe, diesen Raum zu begehen, um dort zusammen und vollumfänglich an der Zielvorstellung zu arbeiten, wird eine faszinierende Energie freigesetzt. Diese Energie wirkt wie ein Sog, der das Team nahezu magisch zur Zielerreichung führt.

        Die Kür ist anschließend, das Ganze realistisch zu fundieren, um mögliche Ausreißer von „zu groß Denkern“ zu minimieren: Für das gemeinsame Ziele-Agreement ist ein freiwilliges JA, ich mach mit! von jeder vertretenen Stimme aus dem imaginären Raum laut auszusprechen. Die psychische Ausrichtung setzt die physische Ausrichtung in Bewegung. Das System orientiert sich am Ziel und hangelt sich entlang der entrollten Schritte gen Erreichung. Wenn sich jeder einzeln damit verbunden fühlt, es vor dem inneren Auge sieht, die Jubelschreie hört und den tosenden Applaus spürt, dann fließt die Energie und der Sog zeigt Wirkung. 

        Robin Köhler
        Robin Köhler, Die Sportpsychologen

        Antwort von Robin Köhler (zum Profil)

        Gerne schließe ich mich meinen Vorrednern an. Sich anspruchsvolle Ziele zu setzen für eine Europameisterschaft, die man als Gastgeber austrägt, hilft Kräfte zu bündeln und sich fokussiert mit einer spezifischen „Turnierhaltung“ von Spiel zu Spiel arbeiten zu können. 

        Außerdem helfen große Ziele dabei, sich als Team zusammenzuschweißen und sich einer größeren Vision – z.B. dem Erreichen des Halbfinales – vor jedem Spiel bewusst zu sein und so die Motivation aufrechtzuerhalten. Neben dem großen allgemeinen Ziel als Mannschaft, halte ich jedoch auch individuell gehaltene Ziele für jeden einzelnen Spieler wichtig. 

        Gerade mit Blick auf die vielen jungen Spieler der aktuellen deutschen Mannschaft ist es sinnvoll, ambitioniert nach vorne zu schauen. In Interviews lässt sich erkennen, dass viele dieser jungen Spieler dafür brennen, Deutschland International vertreten zu dürfen. Sie bringen so eine hohe intrinsische Motivation mit. Diese Motivation sollte durch hohe, aber trotzdem realistische Ziele zusätzlich befeuert werden. Im besten Fall entsteht so zwischen den kleinen individuellen Zielen und dem großen Ziel für das bestmögliche Abschneiden bei dieser EM eine natürliche Symbiose.

        Im Hinblick auf die Kommunikation der Ziele bin ich ganz bei Anke. Der letzte Weltmeistertitel ist zwar schon eine ganze Weile her, jedoch werden viele Handballfans die „Generation Gold“ 2007 bei der WM im eigenen Land nicht vergessen haben. Die unbewusste Erwartungshaltung vieler Fans und Medien wird dadurch sowieso, auch ohne öffentliche Kommunikation, hoch sein. Aus diesem Grund halte ich die Zurückhaltung der eigenen Ziele gegenüber den Medien für eine kluge Lösung. Intern sind die Ziele der Mannschaft sowie die Ziele eines jeden Einzelnen hoffentlich klar kommuniziert worden, sodass jeder weiß, was zu tun ist, um einen maximalen Erfolg und eine individuelle Weiterentwicklung eines jeden Einzelnen bei dieser Europameisterschaft feiern zu können. 

        Klaus-Dieter Lübke Naberhaus, Die Sportpsychologen

        Antwort von Klaus-Dieter Lübke Naberhaus (zum Profil)

        Nun, als involvierter im Rahmen des Deutschen Handballbundes (DHB) schaue ich vielleicht weniger von außen und mit Distanz auf diese Europameisterschaft, zumal ich im November Teil des Teams der Frauen A-Nationalmannschaft bei der Weltmeisterschaft in Dänemark sein durfte. Hier wurden Minimalziele erreicht, jedoch das “große” Ziel, das Erreichen einer Medaille, verfehlt. So schreibe ich einmal aus dieser Perspektive heraus.

        Einer der größten Denker dieser Welt, Albert Einstein, werden zwei folgende Zitate zugeschrieben: „Nur diejenigen, die das Absurde versuchen, werden das Unmögliche erreichen!“ und „Die Definition von Wahnsinn ist, immer wieder das Gleiche zu tun und andere Ergebnisse zu erwarten.“

        Und somit möchte ich auf die Problematik von SMART eingehen, die gängige Formel für die Zielsetzung. Spezifisch sollen sie sein, messbar, attraktiv, realistisch und terminierbar.

        Lassen wir uns diese Formel auf das Ziel, Europameister im eigenen Land zu werden, anwenden. Es ist definitiv sehr spezifisch und attraktiv, ebenso am Ende, nämlich spätestens im Finale messbar und damit auch klar terminiert. Kommen wir also am Ende zum eigentlichen Knackpunkt, wie realistisch es ist.

        Und hier scheint es mir sinnvoll, vom Anfang der Mission an, sich Teilziele zu setzen, deren Erreichen Selbstwirksamkeit zeigt und damit Selbstvertrauen entwickelt. So wächst das Team zusammen und das Vertrauen in sich selbst und der Glaube an das anvisierte Ziel.

        Ein zweiter Aspekt ist extrem wichtig, das Abgleichen individueller Ziele der einzelnen Spieler und Teammitglieder und das Ziel der Mannschaft, auf das sie sich festgelegt haben.

        Das Problem mit Minimalzielen ist aus meiner Sicht, dass nach Erreichen dieser, ein, wenn auch unbewusster Spannungsabfall wahrscheinlich ist, und diese Prozente nachher für das Maximalziel fehlen.

        Somit kann aus meiner Sicht es nur heißen, wir wollen Europameister werden, denn das ist, um bei Einstein zu bleiben, das mögliche Unmögliche, denn wir haben eine starke Truppe, auch wenn wir aktuell sicherlich nicht zu den Top-Favoriten zählen. Und dazu kann eine Euphorie der EM im eigenen Land kommen, die bekanntermaßen auch eher zu einem Flow als einem zu hohen Erwartungsdruck beitragen kann. Und da gebe ich Anke sehr recht, was ich nach außen kommuniziere und was ich intern verabrede, das sind zwei Paar Schuhe. Nach außen ist eine bescheidene und demütige Haltung und Zielsetzung durchaus angebracht, doch nach innen darf und sollte sehr klar, voller Feuer und Überzeugung gesprochen werden.

        Und auch wenn Rituale wichtig sind, gilt es auch immer wieder, Anpassungen vorzunehmen, um Ziele letztendlich zu erreichen. Ganz im Sinne Einsteins, wenn ich ein anderes Ergebnis haben will, ist es ratsam, Veränderungen vorzunehmen, jedoch genauso wichtig, stabil funktionierende Systeme zu erhalten.

        In diesem Sinne freue ich mich auf den Wahnsinn im Verlauf dieser Heim-Europameisterschaft und sehe dem vielfach zitierten “Wintermärchen” freudvoll entgegen.

        Antwort von Dr. Jan Rauch (zum Profil)

        Es ist weniger wichtig, ob gesetzte Ziele per se «hoch» sind oder nicht. Sondern es kommt darauf an, wie realistisch und erreichbar diese Ziele sind und wie gut sie auf die individuellen Fähigkeiten und Ressourcen zugeschnitten sind (dies gilt auch in Teams). Es gibt jedoch einige Gründe, warum es problematisch sein kann, sich zu grosse Ziele zu setzen:

        Wenn Ziele zu gross oder unrealistisch sind, kann dies zu Überforderung führen. Dies kann zu Stress, Angst und Frustration führen. Ausserdem haben zu hohe Ziele häufig negative Auswirkungen auf die Motivation: Menschen neigen dazu, sich mehr zu engagieren und motiviert zu sein, wenn sie klare, erreichbare Ziele vor Augen haben. Wenn Ziele zu groß sind, könnten sie möglicherweise nie erreicht werden, was zu einem Gefühl des Scheiterns führen kann. Dies könnte langfristig das Selbstwertgefühl beeinträchtigen. Zu viele große Ziele nebeneinander zu verfolgen, kann außerdem zu einer Zersplitterung der Aufmerksamkeit führen. Es könnte schwierig sein, sich auf die Umsetzung eines einzelnen Ziels zu konzentrieren, wenn zu viele gleichzeitig verfolgt werden.

        Das bedeutet jedoch nicht, dass man sich keine anspruchsvollen Ziele setzen sollte. Es ist wichtig, realistische, herausfordernde, aber erreichbare Ziele zu wählen und sie in kleinere Schritte zu unterteilen. So kann man Fortschritte besser messen und sich stetig motivieren, während man gleichzeitig Überforderung vermeidet. Es ist auch wichtig, flexibel zu sein und die Ziele bei Bedarf anzupassen.

        Das Setzen hoher Ziele kann jedoch auch sehr positive Effekte haben, sofern die oben beschriebenen Bedingungen erfüllt sind:Hohe Ziele erfordern oft innovative Lösungen und kreative Herangehensweisen, um sie zu erreichen. Dies fördert die Entwicklung von neuen Ideen, Entwicklung neuer Standards usw. Das Streben nach hohen Zielen kann Individuen, aber auch ganze Teams dazu «zwingen», über die eigenen Grenzen hinauszugehen und neue Fähigkeiten zu entwickeln. Es kann dazu beitragen, den Antrieb aufrechtzuerhalten, selbst wenn Hindernisse auftreten. Mit anderen Worten: Es kann die Wettbewerbsfähigkeit in dem Sinne steigern, dass der Ehrgeiz erhöht wird, sich von anderen abzuheben und Spitzenleistungen zu erbringen.

        Mehr zum Thema:

        Views: 487

        Kyle Varley: „Ich versuche, Sportler in ihrer Sprache abzuholen“

        Bei Die Sportpsychologen ist es unser Ziel, dass wir das fachliche Wissen für den Sport übersetzen. So, dass es verstanden wird und angewandt werden kann. Kyle Varley ist voll auf dieser Wellenlänge unterwegs. Und so freuen wir uns, den jungen Schweizer, der insbesondere in Zürich und Winterthur aktiv ist (zur Profilseite), neu in unserem Netzwerk zu begrüßen. Um ihn bestmöglich vorzustellen, haben wir ihn mit drei Fragen konfrontiert:

        Kyle, du arbeitest mit unterschiedlichen Sportlern und Sportlerinnen zusammen. Aus dem Fußball, aus dem Floorball, auch aus Individualsportarten. Wie unterscheidet sich denn deren Herangehensweise an die Sportpsychologie und wie versuchst du, dem gerecht zu werden?

        Generell würde ich sagen, dass sich meine Arbeitsweise eher aufgrund der Persönlichkeit der Athleten, als wegen ihrer Sportart ändert. Unterschiedliche Charakter haben unterschiedliche Bedürfnisse. Genau deshalb ist die Auftragsklärung am Anfang so wichtig, weil der Eine eher Tipps, Tools und Tricks braucht, während sich die Andere eher gedankenanregende Fragen wünscht. Was aber durch die Sportart diktiert wird ist die Sprache des Athleten. Unterschiedliche Sportarten bringen unterschiedliche Begriffe und Redewendungen mit. Deshalb versuche ich, den Sportler mit seiner Sprache abzuholen. 

        Für dich ist Sportpsychologie Leidenschaft, was du mit den Kollegen und Kolleginnen im Netzwerk teilst. Was treibt dich aber ganz persönlich an?

        Die Sportpsychologie vereint den Sport, eine lebenslange Passion von, mit der Zusammenarbeit mit Menschen, was ich schon immer bereichernd gefunden habe. Es kommt immer wieder vor, dass ich nach einem langen Arbeitstag fast mehr Energie habe als zu Beginn. Dies zeigt mir, dass ich den richtigen Beruf gewählt habe. Weil das Berufsfeld auch noch sehr jung ist, gibt es mir die Freiheit, mir den Job so zu gestalten, wie es mir am besten passt. Etwas in diesem Bereich zu entwickeln treibt mich noch weiter an.

        Was war das schönste Kompliment und die spannendste Kritik, die du bislang entgegengenommen hast?

        Die schönsten Komplimente sind für mich oft die von Junioren, die durch unsere Zusammenarbeit gelernt haben, mit ihrer Angst oder Nervosität umzugehen. Jedes Mal wenn ich eine solches Kompliment bekomme, sehe ich ihnen an, wie sie ihre Freude für den Sport wieder neu entdecken. Dann habe ich das Gefühl, nachhaltig etwas geleistet zu haben.

        Die spannendste Kritik, die mir je jemand mitgeteilt hat, war, dass ich in den Beratungen zu schnell gesprochen habe. Das Feedback war, dass ich damit den Athleten anstecke und er so sich nicht genügend Zeit nehmen konnte, seine Gedanken völlig auszuformulieren. Diese Kritik hat mir sehr im Umgang mit Sportler*innen geholfen um ihnen genügend Zeit und Raum zu lassen, sich richtig auszudrücken.

        Zur Profilseite:

        Mehr zum Thema:

        Views: 112

        Dr. Julia Boie: Mentale Wettkampfvorbereitung

        Manche Sportler*innen berichten, dass sie sich beim Wettkampf wie in einem Tunnel fühlen und wenig bis gar nichts von der Umgebung mitbekommen. Sie sind ganz im Hier und Jetzt, haben ihre Konzentration nur auf das Wesentliche gerichtet und können ihre Gedanken und Gefühle sowie ihre körperliche Anspannung gut regulieren. Diese mentale Einstimmung auf den Wettkampf trägt viel dazu bei, dass die Sportler*innen ihre Leistung in vollem Umfang beim Wettkampf abrufen können. Die Fähigkeit, solch einen Wettkampfmodus zu erreichen, ist aber nicht angeboren. Gute Vorbereitung und strukturiertes mentales Training sind notwendig, um sich perfekt einzustellen. Gerade in den Bereichen Organisation, Visualisierung und Selbstgesprächsregulation liegt viel Potential.

        Zum Thema: Organisation, Visualisierungen und Selbstgespräche

        Ein Faktor, der eine Rolle spielt, ist die Organisation vor und während des Wettbewerbs. Bereits das rechtzeitige und strukturierte Packen des benötigten Equipments am Abend vor dem Wettkampf kann viel Ruhe erzeugen. Zugleich verhindert es, dass mich diesbezügliche Gedanken am Wettkampftag ablenken. Auch wenn bei jüngeren Athlet*innen das Packen noch nicht ganz selbständig durchgeführt wird und die Eltern unterstützen, sollte das Kind sich auch selbst vergewissern, dass alles Wichtige eingepackt ist, um ein sicheres Gefühl zu bekommen. Auch die zeitliche Organisation spielt eine Rolle. Stress durch knappes oder gar verspätetes Ankommen beim Wettkampf kann vermieden werden, indem man rechtzeitig losfährt und auch Zeit für Staus einplant etc. Allerdings unterscheiden sich Sportler*innen darin, wie zeitig sie am Wettkampfort ankommen möchten. Einige benötigen eine sehr rechtzeitige Ankunft mit ganz viel Ruhe und dem „Erschnuppern“ der Wettkampfluft, um ihre volle Motivation zu entfalten. Für andere wiederum steigert eine lange Vorlaufphase die Nervosität und bringt sie über den perfekten Vorstartzustand hinaus. 

        Sich selbst zu beobachten und für sich herauszufinden, welcher Typ man ist, ist hier das A und O. Gerade bei größeren Events sind aber längere Vorlaufphasen und längere Pausenzeiten unvermeidbar, so dass die Sportler*innen ab einem bestimmten Leistungslevel grundsätzlich in der Lage sein sollten, sich selbst körperlich und mental so zu regulieren, dass sie zum definierten Zeitpunkt ihren perfekten Vorstartzustand erreichen. Das erfordert viel Übung in den Bereichen Spannungsregulation, Emotionsregulation sowie Gedankenregulation. Für ein möglichst schnelles und verlässliches Erreichen des perfekten Vorstartzustandes ist auch eine Start-Routine sowie eine Pausen-Routine hilfreich. Körper und Geist lernen bei der Einhaltung eines immer gleichen Ablaufs vor dem Start bzw. nach einer Pause, sich schnell zu regulieren und zu fokussieren.

        Visualisierung nutzen

        Der Zusammenhang von sportlicher Leistungssteigerung und qualitativ gutem und strukturiertem Training ist jedem Sportler und jeder Sportlerin intuitiv klar. Manches, das uns hilft, unsere Leistung verlässlich im Wettkampf abrufen zu können, ist aber nicht in der Realität trainierbar. Für diese Bereiche können wir unsere Vorstellungskraft nutzen, um bestmöglich auf den Wettkampf vorbereitet zu sein. Sich vor einem wichtigen Event regelmäßig mit allen Sinnen ganz lebendig vorzustellen, wie wir locker und voller Zuversicht die Halle betreten, wie wir uns ruhig und konzentriert vorbereiten, uns aufwärmen und schließlich fokussiert und dynamisch starten, nimmt das Turniererlebnis vorweg und stellt uns auf den Tag X ein. Hilfreich ist es, wenn ich die Wettkampfstätte bereits kenne, in der ich mich in der Vorstellung bewege. Dann kann ich mir viele Details und die Stimmung in der Halle vergegenwärtigen. Aber auch bei unbekannten Örtlichkeiten ist es möglich. Hier können häufig Fotos der entsprechenden Wettkampfstätte aus dem Internet helfen. Besonders wirkungsvoll ist solch eine Vorstellung, wenn ich sie mit einem positiven Gefühl aus erlebten guten Wettkämpfen oder Trainings verknüpfen kann.

        Da bei Wettkämpfen nicht immer alles glatt läuft – sei es, was die Organisation des Events angeht oder sei es, dass mir mein Outfit oder mein Material Probleme bereitet – ist es zudem sinnvoll, Abweichungen von der Routine im Vorhinein mental durchzugehen und nach Lösungen zu suchen. Die Sportler*innen sollten dabei ganz konkrete Handlungspläne erstellen, wie sie mit schwierigen Situationen umgehen. So sind sie besser auf Unwägbarkeiten vorbereitet und werden durch sie nicht so schnell aus der Bahn geworfen.

        Sich durch positive Selbstgespräche unterstützen

        Die unterstützende Wirkung positiver Selbstgespräche ist im Sport inzwischen gut bekannt. Ich kann sie mir auch bei der Wettkampfvorbereitung zunutze machen, indem ich im Vorhinein trainiere, meine Gedanken so zu regulieren, dass sie mich stärken. Gedanken wie „Was ist, wenn ich beim Wettkampf meine Leistung nicht zeigen kann? Was denken dann die anderen?“ sind verständlich und schleichen sich sehr leicht in unser Denken ein. Gleichzeitig ziehen sie mich runter und erhöhen die Wahrscheinlichkeit, dass ich nicht meine volle Leistung abrufen kann. Es ist hilfreich sich zu überlegen, welche realistischen Gedanken mir stattdessen helfen würden, meine Sicherheit, meine Konzentration, meinen Kampfgeist etc. zu stärken und diese in mein Training einzubauen, so dass sie zur Routine werden können. Es bietet sich auch an, für verschiedene Phasen des Trainings bzw. des Wettkampfes spezifische Gedanken vorzusehen, die in der Situation besonders wichtig sind. Bspw. brauche ich am Anfang eines Langstreckenlaufs eine andere mentale Unterstützung durch Selbstgespräche als gegen Ende.

        Generell kann ich die förderlichen Gedanken auch in meine Visualisierung des anstehenden Wettkampfs (siehe oben) einbauen und mich dadurch optimal vorbereiten.

        Tipps und Tricks

        Die verschiedenen Bereiche einer optimalen Vorbereitung lassen sich miteinander kombinieren und andere mentale Techniken, wie beispielsweise die tiefe Bauchatmung, Emotionsregulation oder eine Konzentrations-Routine, lassen sich in die Bereiche integrieren. So kann die Wettkampfvorbereitung immer umfassender werden und die Selbstregulation immer perfekter gelingen.

        Wie bei allen mentalen Techniken ist auch hier strukturiertes und regelmäßiges Training wichtig, um die gewünschte Wirkung zu erzielen. Meine Kollegen von Die Sportpsychologen (zur Übersicht) und ich (zum Profil von Dr. Julia Boie) sind gerne für Sie da, falls Sie Beratung wünschen.

        Mehr zum Thema:

        Views: 1060