Sebastian Ayernschmalz: Entscheidungen im Sport

Schnelle Entscheidungen auf dem Spielfeld sind enorm wichtig. Oft machen sie auch den Unterschied zwischen Sieg oder Niederlage. Dabei fließen gelernte Muster, Emotionen und auch die Situationen mit ein. Aber wie können Sportler:innen oder Trainer:innen die Komplexität der Situation entschärfen und Sicherheit im Spiel gewinnen? Wie lässt sich das üben und trainieren, was alle Sportler:innen auf dem Feld in ganz unterschiedlicher Art und Weise unter Beweis stellen müssen?

Zum Thema: Grundlagen und Tipps für Übungen für die Praxis

Kennst du eine solche Situation? Du stehst vor einer wichtigen Entscheidung und zögerst? Du denkst nach, wägst ab, überlegst noch einmal und schiebst die Entscheidung immer weiter hinaus. Doch warum eigentlich? 

Oftmals liegt es daran, dass wir uns unsicher fühlen oder Angst vor den möglichen Konsequenzen haben. Doch genau hier ist es wichtig, sich bewusst zu machen, dass Zögern uns nicht weiterbringt. Im Gegenteil: Es kostet uns Zeit, Energie und kann uns sogar Chancen entgehen lassen. Wenn du merkst, dass du zögerst, solltest du dich fragen, was genau dich daran hindert, eine Entscheidung zu treffen. Vielleicht fehlt dir noch eine wichtige Information oder du hast Angst vor der Meinung anderer. Versuche, diese Hindernisse zu identifizieren und gezielt zu überwinden. Denn nur so kannst du schnell und sicher die richtigen Entscheidungen treffen. Teile deine Gedanken mit deinen Trainer:innen, um Klarheit zu schaffen. 

Was ist Entscheidungsfindung? 

Wer im Sport erfolgreich sein will, der sollte sich mit diesem Thema beschäftigen. Denn oft entscheidet ein Bruchteil einer Sekunde darüber, ob man gewinnt oder verliert. Ob man den Gegner überholt oder selbst überholt wird. Ein Wimpernschlag, der einen Unterschied machen kann. Den Gegner auf dem falschen Fuß zu erwischen, kann den Ausschlag geben, um so den Augenblick für sich zu entscheiden.

Situationen, in denen wir uns entscheiden müssen, begegnen uns überall. Im Alltag, aber auch im Sport kann es schwierig sein, den Überblick zu behalten und die „kluge“ oder „beste“ Entscheidung zu treffen. Entscheidungsfindung bedeutet, dass man eine Wahl zwischen mindestens zwei Optionen trifft. Diese basiert auf Fakten, Erfahrungen und Instinkten. Es geht darum, eine Entscheidung zu treffen, die den eigenen Zielen und Werten entspricht und die besten Ergebnisse liefert. Dabei wird oft versucht, eine objektive und nachvollziehbare Entscheidung zu treffen, ohne Einfluss von Emotionen oder Einflüssen von außen. 

Was ist Entscheidungsschnelligkeit im Sport?

Aber was genau bedeutet Entscheidungsschnelligkeit? Es geht darum, schnell und präzise zu reagieren, um die beste Entscheidung in einer bestimmten Situation zu treffen. Im Sport kann das bedeuten, den Ball schnell abzuspielen, den Gegner zu überholen oder den richtigen Schlag auszuführen. Entscheidungsschnelligkeit erfordert nicht nur körperliche Fähigkeiten, sondern auch ein Spielverständnis und Erfahrung. Dabei ist vor allem zu berücksichtigen, dass die Aufmerksamkeit auf den Athleten gerichtet ist. Wie der Scheinwerfer die Schauspieler im Theaterstück verfolgen, richtet sich die Aufmerksamkeit auf den ballführenden Athleten. Mit dem Pass steht dieser/diese sozusagen auf der Bühne vor einem großen Publikum. 

Wichtig: Mit der ganzen Aufmerksamkeit kann zusätzlicher Druck entstehen. Ohnehin bewegen sich die Athleten in einem Umfeld besonderer Aufmerksamkeit und Anspannung. Der Traum der großen Karriere scheint realistisch, der Gewinn eines Pokals ist einen Torschuss entfernt. Spiele ich den Pass oder schieße ich selber? Eine Entscheidung muss getroffen werden. Dabei bedienen wir Menschen uns diversen Möglichkeiten, Optionen zu generieren und von diesen auszuwählen. Das können einfache Heuristiken oder komplexere Theorien sein. Heuristiken in diesem Fall sind sozusagen Trampelpfade im Gehirn. Unter anderem können diese auf vorherigen Entscheidungen in ähnlichen Situationen (Repräsentativitätsheuristik), Abrufbarkeit von Gedächtnisinhalten und Erinnerungen (Verfügbarkeitsheuristik) oder vorstellbaren Lösungen (Simulationsheuristik) basieren. Bei der Take-the-Best-Heuristik werden anhand von wahrgenommenen Cues (Hinweise), diese beleuchtet und die Option gewählt, die am besten entscheidet. Darüber hinaus spielen in der Affektheuristik Emotionen eine wichtige Rolle. In einem entsprechenden emotionalen Umfeld wie dem Sport also relevant. Bei Theorien wie der Langzeit Arbeitsgedächtnis Theorie nach Ericsson & Kintsch wandert die individuelle Expertise und Erfahrung in den Mittelpunkt. Gemäß der Theorie werden mit wachsender Kompetenz schneller die Umwelteinflüsse und Bedingungen zu Situationsmodellen zusammengetragen und im weiteren Verlauf in Schlussfolgerung verarbeitet. All diese möglichen Prozesse, Wahrnehmungen und Abläufe zeigen deutlich, dass es mit der Entscheidungsfindung oftmals gar nicht so einfach ist. 

Schnelligkeit oder Qualität? Abhilfe oder Akzeptanz?

Dabei zeigen sich vor allem folgende Ausprägungen als relevant. Die Optionsgenerierung und die Auswahl in Verbindung mit Geschwindigkeit und Qualität der Auswahl. Dabei ist entscheidend zu verstehen, dass es keine allgemeingültige Lösung gibt, sondern diese nach Sportarten auch abweichen können. So scheinen Heuristiken im Fußball eher zu funktionieren als im Handball. Ebenso ist die Anzahl der Optionen relevant. Mehr Optionen bedeutet nicht automatisch eine bessere Qualität der Entscheidung und auch die erste aufkommende Option muss nicht direkt die beste sein. Auch hier stellten Studien (siehe hierzu auch: Handbuch Sport und Sportwissenschaft) Unterschiede fest. Bei stark sequenziellen Sportarten mit vielen Unterbrechungen im Spiel (z. B. Tennis oder American Football) gewinnen Problemlösestrategien und Anpassungsmechanismen an Bedeutung. 

In komplexen Situationen, in denen Erfahrungen, Taktiken, Optionsgenerierungen und Auswahl wirken, ist das Trainieren von relevanten Situationen und Möglichkeiten eine Herausforderung. Dabei können aber auch verschiedene Tools Anwendung finden. Entscheidungshilfen können eingesetzt werden, tatsächlich muss uns aber bewusst werden, dass eine Vor- oder Nachteile-Liste keine Methode für den aktiven Spielbetrieb ist. Die Zeit vor der Pass- oder Schuss-Entscheidung ist viel zu kurz, um hier ein solches Tool eingesetzten zu können. Die große Kunst ist hier, die Verknüpfung zwischen Theorie und Praxis in einem angemessenen Zeitrahmen und Ablauf herzustellen. Eine Möglichkeit aus der Praxis wird im Folgenden beschrieben. Dabei können theoretische Konstrukte wie ein Entscheidungsbaum helfen, die Übungen für das Training zielgerichtet zu gestalten. 

Die Macht der Visualisierung

Wer blitzschnell die richtigen Entscheidungen treffen möchte, sollte sich mit dem Thema Visualisierung auseinandersetzen. Denn durch das Vorstellen von verschiedenen Szenarien und Optionen kannst du deinen Geist auf die bevorstehende Entscheidung vorbereiten und somit schneller und sicherer entscheiden. Visualisierung kann helfen, Gedanken zu ordnen und Klarheit zu schaffen. Damit dies nicht nur in der Vorstellung bleibt, kann ein Entscheidungsbaum helfen. Dieser kann auf Basis von Situationen erstellt werden. Wann spiele ich den Ball ab? Wann schieße ich selbst? Wann verteidige ich in die Tiefe? Und was passiert im nächsten Schritt?

Stichwort Entscheidungsbaum: Ein Entscheidungsbaum ist eine grafische Darstellung von Entscheidungsprozessen. Er besteht aus verschiedenen Knotenpunkten, die Entscheidungen repräsentieren, und Verzweigungen, die verschiedene mögliche Ergebnisse aufzeigen. Wenn Sportler:innen häufig vor einer Entscheidung stehen oder diese auch oft zum eigenen Nachteil treffen, kann dieses Tool helfen, um alle möglichen Optionen und Konsequenzen zu visualisieren. Aus Verständnisgründen bleiben wir einen Moment in der Fragestellung: Soll ich den Pass abspielen oder selbst schießen?

Denke an die Chancen statt Risiken

Wenn es um Entscheidungen geht, neigen wir oft dazu, uns auf die Risiken und möglichen negativen Konsequenzen oder Verlusten zu konzentrieren (Verlustaversion). Die Angst, das zu verlieren, was wir glauben zu haben, beschäftigt uns. Bevor wir uns entscheiden, haben wir noch alle Optionen. Danach nicht mehr. Doch was wäre, wenn wir uns stattdessen auf die Chancen und positiven Ergebnisse fokussieren würden? Indem wir uns auf das positive Ergebnis konzentrieren, können wir uns motivieren und unsere Entscheidungen schneller treffen. Natürlich sollten wir auch die möglichen Risiken und Herausforderungen berücksichtigen, aber lassen wir uns nicht von ihnen einschüchtern. Wenn wir uns auf die Chancen konzentrieren, können wir schneller und selbstbewusster Entscheidungen treffen und uns auf den Weg zu unseren Zielen machen. Eine Entscheidung kann in entsprechenden Analysen vorbereitet werden. Verstehe ich, dass aus meiner aktuellen Position heraus der Schuss mit einer höheren Wahrscheinlichkeit einen Erfolg verspricht, entscheide ich mich entsprechend.

Wie kann ich Entscheidungsschnelligkeit trainieren?

Aber wie trainiert man Entscheidungsschnelligkeit? Dabei gilt es mehrere Ebenen zu beleuchten. Dies ist nicht nur ein kognitives Verstehen von Möglichkeiten, sondern ein Abruf und Umsetzung in kürzester Zeit. Ein Teil davon ist, sich mit der Thematik Reaktion zu beschäftigen. Dies kann dadurch passieren, dass man sich immer wieder in Situationen bringt, in denen man blitzschnell reagieren muss. Zum Beispiel durch gezieltes Reaktionstraining oder durch Simulation von Wettkampfsituationen im Training. Auch mentales oder kognitives Training kann helfen, schneller und effektiver zu entscheiden. Wichtig ist es, sich spielähnlichen Situationen anzunähern oder dies auch mit den taktischen Vorgaben des Spielsystems umzusetzen.

Drilling im American Football. 

Wie kann ich Entscheidungen in einem Trainingsumfeld trainieren? Das Training bietet einen strukturierten Rahmen, um mit reduziertem Druck die Möglichkeiten zu trainieren. Der Entscheidungsbaum kann genutzt werden, um dies in eine Übung einzubauen. In der folgenden Darstellung ist eine Übung aufgebaut, mit dem Ziel, grundlegende Handlungsoptionen als Basis für das Spiel zu trainieren. Wichtig ist dabei vorneweg die Entscheidungen klar kommuniziert zu haben und dass die Handlungsalternativen bereits aufgezeichnet sind. Ebenso bietet sich an, ein Bewertungssystem einzusetzen. Dabei durchlaufen die Spieler:innen zwei Entscheidungszeitpunkte (1 und 2). Am ersten Punkt folgt der Ballträger den blockenden Spieler:innen. Sollte sich im zu diesem Zeitpunkt eine Lücke ergeben (die vorher den Blockern angezeigt wird), läuft der Ballträger durch diese Lücke. Am zweiten Entscheidungsfindungspunkt befindet sich eine Spieler:in, die zum Tackle ansetzen kann. Je nach individuellen Fähigkeiten kann die Entscheidung getroffen werden, ob der Kontakt gesucht wird (und man das Tackle durch körperliche Überlegenheit bricht) oder man ausweicht und so versucht, mehr Raumgewinn zu erzielen. Dabei bietet der Aufbau eine Möglichkeit, dies auch nur auf eine Entscheidung zu reduzieren und so auch die Techniken am Punkt zwei vorzugeben, was der Ausbildung der Fähigkeiten dienen soll. 

Entscheidungsschnelligkeit, auch ohne großen Übungsaufbau

Weitere Möglichkeiten des Trainings für die Entwicklung der Entscheidungsschnelligkeit findet sich auch im Alltag. Jede Ampel ist ein visuelles Signal, an der die Reaktionsschnelligkeit trainiert werden kann. Indem man das nächste Grün-Zeichen der Ampel oder das akustische Signal verwendet, um zu reagieren, bieten sich auch Möglichkeiten, im Alltag diese Fähigkeiten zu verbessern. 

Take Home Message

Entscheidungen sind ein wichtiger Bestandteil des Spiels. Entscheidungen schnell und effektiv zu treffen, kann den Unterschied zwischen Sieg oder Niederlage bedeuten. Aber was ist das Fazit? Nun, es ist einfach: Übung macht den Meister! Je mehr du dich mit Entscheidungen auseinandersetzt und je öfter man sich in entsprechende Situationen begibt, desto einfacher wird es mit der Entscheidungsfindung auf dem Spielfeld. Ein Zusammenspiel zwischen Taktik, Techniken und Training sind essenziell, um dies erfolgreich in den Trainingsalltag einbauen zu können. Kognitive Ressourcen, das Kennen von Handlungsalternativen und die körperliche Umsetzung sind untrennbar und mit entsprechenden Maßnahmen auch zu entwickeln. Dabei ist die Frage an die Trainerschaft, wie viele Möglichkeiten und Handlungsalternativen möchten sie ihren Athlet:innen mitgeben und wie sehr möchten sie freie Gestaltungsräume schaffen? So oder so kann wie in dem oben genannten Beispiel ein stabiles Fundament gelegt werden, das als Basis für weitere (individuelle) Fähigkeitsentwicklung dient.

Meine Kolleg:innen im Netzwerk (zur Übersicht) und ich (zum Profil von Sebastian Ayernschmalz) helfen gern bei der Erarbeitung von Trainingsübungen. Egal in welcher Sportart. Wir freuen uns. 

Mehr zum Thema:

Literatur 

Pfister, H., Jungermann, H., & Fischer, K. (2016). Die Psychologie der Entscheidung: Eine  Einführung. Springer.

Pioch, S. (2021). Quick Guide Wissensbasiert entscheiden: Wie Sie strukturierte Entscheidungen treffen können. Springer Gabler.

Musculus, Lisa & Werner, Karsten & Lobinger, Babett & Raab, Markus. (2019). Entscheiden und Problemlösen: Handbuch Sport und Sportwissenschaft. 10.1007/978-3-662-53385-7_30-1.

Walasek, L., & Stewart, N. (2015). How to make loss aversion disappear and reverse: tests of the decision by sampling origin of loss aversion. Psychology: General, 144(1), 7-11.
http://dx.doi.org/10.1037/xge0000039

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