Prof. Dr. Oliver Stoll: Leistungsdruck? Entweder ich lerne im Laufe meiner Karriere damit umzugehen oder ich werde über kurz oder lang scheitern

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Zuletzt gesehen haben sie sich in Peking. Im Olympischen Dorf. Aber nur beiläufig, da der Weltklasseturner Fabian Hambüchen sich damals rar machte und auch Sportpsychologen wie Prof. Dr. Oliver Stoll nicht zwingend dazu neigen, inmitten der Athleten auf den Tischen tanzen. Umso intensiver war der Austausch auf und nicht zuletzt hinter der Bühne des Literarischen Salons in Hannover, wo beide am 12. Oktober 2020 neben dem American Footballer Gerrit Brandt als Diskussionsteilnehmer zum Thema “Druck! Leben im Leistungssport” geladen waren. Die Veranstaltung der Leibniz Universität Hannover können wir nur empfehlen und verweisen auf die Aufzeichnung des Abends (Link). Zudem haben wir Prof. Dr. Oliver mit einigen Interviewfragen konfrontiert.

Zum Thema: Umgang mit Leistungsdruck

Prof. Dr. Oliver Stoll, inwiefern entscheidet eigentlich der Umgang mit Druck, ob ein Sportler überdurchschnittlich erfolgreich werden kann?

“Leistungsdruck” ist Teil des Systems Leistungssport. Entweder ich lerne im Laufe meiner Karriere damit umzugehen oder ich werde über kurz oder lang scheitern. Somit erübrigt sich eigentlich schon eine Antwort. Ein Athlet benötigt im Schnitt zehn Jahre und 10.000 Trainingsstunden, bevor ein Expertise-Niveau erreicht, so dass er oder sie eine Chance hat, z.B. bei Olympischen Spielen antreten zu können. Wer diese lange und entbehrungsreiche Zeit nicht übersteht, kommt dort gar nicht an. Sportler, die überdurchschnittlich erfolgreich sind, haben entweder diesbezüglich “die richtigen Gene”, oder haben gelernt damit umzugehen, ohne krank zu werden oder haben im besten Fall genau diese Kombination.  

Prof. Dr. Oliver Stoll

Prof. Dr. Oliver Stoll

Sportarten: Eishockey, Handball, Ultralang- und Langstreckenlauf, Triathlon, Biathlon, Wasserspringen, Boxen, Leichtathletik, Schwimmen, Floorball

+49 (0)173 – 4649267

o.stoll@die-sportpsychologen.de

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Zur Profilseite: https://www.die-sportpsychologen.de/oliver-stoll/

Wie viel Aufwand bedeutet es, ein Mindset aufzubauen?

Das dauert wirklich lang. So etwas passiert nicht von heute auf morgen und einiges davon liegt wahrscheinlich auch in unseren Genen. Aber man kann so etwas natürlich auch in gewissen Grenzen lernen und entwickeln. Es ist im Leistungssport eben wichtig, dass man Leistungshandeln nicht als Bedrohung versteht, sondern als Herausforderung. Wenn wir uns das Beispiel Fabian Hambüchen anschauen, dann wissen wir jetzt, dass er mit vier Jahren mit dem Turnen begonnen hat, elf Jahre gebraucht hat, bis er in die Nationalmannschaft berufen wurde und dann hat es noch vier Olympische Spiele gebraucht, bis er die ersehnte Goldmedaille in den Händen hielt. Im Alter von sechs Jahren hat er das aber seinen Eltern schon angekündigt. Jetzt könnte man sagen: “Ja klar, das machen viele Kinder in diesem Alter”. Stimmt – aber nur sehr, sehr wenige nehmen Blut, Schweiß und Tränen in Kauf, um so lange dran zu bleiben und verkraften die immer wiederkehrenden Rückschläge. Resilienz entwickelt sich dann mehr oder weniger automatisch. Mit Wissensvermittlung und etwas Übung kann man aber diese vielen Jahre auch etwas verkürzen. “Nur” Mentaltraining hilft hier allerdings auch nicht. Man muss auch immer “tun”.

Mit welchen konkreten Methoden und Techniken kann die Sportpsychologie helfen, dass Sportler den Umgang mit Druck lernen?

Es geht erst einmal darum zu verstehen, was “Druck” eigentlich ist. Vieles von dem, was in den Medien immer als “Druck” transportiert wird, ist für den Athleten gar nicht Druck. Wir kennen in der Psychologie eher den begriff “Stress”, der dann eher das ausdrückt, was in der Öffentlichkeit als “Druck” verstanden wird. Kennzeichnend ist hier immer die subjektive Bewertung als eine Bedrohung, die man mit dem Einsatz persönlicher Fähigkeiten nicht eliminieren kann. Das gilt es zunächst zu verstehen. Man kann dann beginnen, die Bewältigungsstrategien zu diagnostizieren, über die der Athlet schon verfügt. Das geht zumeist zumeist über eine Interview-Technik oder auch über ein Video-Selbst-Konfrontationsverfahren. Mit dieser Hilfe kann man auch schauen, inwieweit die vorliegenden Stressbewältigungsstrategien auch funktional sind oder eben nicht. Die nicht-funktionalen Strategien kann man dann im Rahmen eines Stress-Impfungs-Trainings mit Methoden, die wir aus der kognitiven Verhaltensmodifikation kennen, verändern, optimieren und üben, bevor man dann diese neu erlernten Bewältigungsstrategien zunächst über das praktische Training im Sport und dann weiter im Wettkampf ausprobiert. So etwas braucht schon seine Zeit. Ich benötige hier in der Arbeit mit Athleten zwischen zwölf und 15 Wochen, wenn man sich einmal pro Woche persönlich trifft. Ein daran anschließendes persönliches Coaching mit dem Schwerpunkt “Stress” und “Druck” ist dann weiterhin durchaus hilfreich. Da reicht es aber, wenn die Athleten sich nach Bedarf bei mir melden.    

Wenn ein Trainer oder ein Sportler diesbezüglich Nachholbedarf spürt, wie kommen diejenigen an Unterstützung heran?

Tja, entweder sucht er jemanden über unser Netzwerk. Meine Kolleginnen und Kollegen können das alle (zur Übersicht). Oder er sucht jemanden über den Praxisservice der Arbeitsgemeinschaft für Sportpsychologie (www.asp-sportpsychologie.org). Hier wird man diesbezüglich auch beraten. A- und B-Kader können auch eine Datenbank zugreifen, die aktuell beim Bundesinstitut für Sportwissenschaft liegt (www.bisp-sportpsychologie.de).

Ab wann wird Druck gefährlich? Und wie kann das ein Sportler bei sich oder ein Trainer bzw. Eltern bei Athleten beobachten?

Er wird dann gefährlich (für die Gesundheit), wenn er sich chronifiziert. Ab und zu einmal ertragen wir alle diesen Zustand eigentlich ganz gut, wenn er dann auch wieder aufhört. Aber wenn wir ständig unter Druck stehen, dann hat das körperliche Auswirkungen z.B. auch auf den Blutdruck, aber auch auf unser Verhalten und unsere Emotionen. Wir ziehen uns zurück, brauchen deutlich mehr Schlaf als sonst (wenn wir überhaupt einschlafen können) und werden zunehmend zunächst trauriger, bis hin zu einem Zustand der einer Depression nahe kommt. Von daher ist es immer gut, ganz genau hinzuschauen, wenn man im Leistungssport unterwegs ist.     

Aufzeichnung des Literarischen Salons

https://youtu.be/s2RDJhyRGYM

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